Alice's Abenteuer im Wunderland
Chapter 6
»Als wir klein waren,« sprach die falsche Schildkröte endlich weiter, und zwar ruhiger, obgleich sie noch hin und wieder schluchzte, »gingen wir zur Schule in der See. Die Lehrerin war eine alte Schildkröte -- wir nannten sie Mamsell Schalthier --«
»Warum nanntet ihr sie Mamsell Schalthier?« fragte Alice.
»Sie _schalt hier_ oder sie schalt da alle Tage, darum,« sagte die falsche Schildkröte ärgerlich; »du bist wirklich sehr dumm.«
»Du solltest dich schämen, eine so dumme Frage zu thun,« setzte der Greif hinzu, und dann saßen beide und sahen schweigend die arme Alice an, die in die Erde hätte sinken mögen. Endlich sagte der Greif zu der falschen Schildkröte: »Fahr' zu, alte Kutsche! Laß uns nicht den ganzen Tag warten!« Und sie fuhr in folgenden Worten fort:
»Ja, wir gingen zur Schule, in der See, ob ihr es glaubt oder nicht --«
»Ich habe nicht gesagt, daß ich es nicht glaubte,« unterbrach sie Alice.
»Ja, das hast du,« sagte die falsche Schildkröte.
»Halt' den Mund!« fügte der Greif hinzu, ehe Alice antworten konnte. Die falsche Schildkröte fuhr fort.
»Wir gingen in die allerbeste Schule; wir hatten vier und zwanzig Stunden regelmäßig jeden Tag.«
»Das haben wir auf dem Lande auch,« sagte Alice, »darauf brauchst du dir nicht so viel einzubilden.«
»Habt ihr auch Privatstunden außerdem?« fragte die falsche Schildkröte etwas kleinlaut.
»Ja,« sagte Alice, »Französisch und Klavier.«
»Und Wäsche?« sagte die falsche Schildkröte.
»Ich dächte gar!« sagte Alice entrüstet.
»Ah! dann gehst du in keine wirklich gute Schule,« sagte die falsche Schildkröte sehr beruhigt. »In unserer Schule stand immer am Ende der Rechnung, »Französisch, Klavierspielen, Wäsche -- extra.«
»Das könnt ihr nicht sehr nöthig gehabt haben,« sagte Alice, »wenn ihr auf dem Grunde des Meeres wohntet.«
»Ich konnte keine Privatstunden bezahlen,« sagte die falsche Schildkröte mit einem Seufzer. »Ich nahm nur den regelmäßigen Unterricht.«
»Und was war das?« fragte Alice.
»Legen und Treiben, natürlich, zu allererst,« erwiederte die falsche Schildkröte; »und dann die vier Abtheilungen vom Rechnen: Zusehen, Abziehen, Vervielfraßen und Stehlen.«
»Ich habe nie von Vervielfraßen gehört,« warf Alice ein. »Was ist das?«
Der Greif erhob beide Klauen voller Verwunderung. »Nie von Vervielfraßen gehört!« rief er aus. »Du weißt, was Verhungern ist? vermuthe ich.«
»Ja,« sagte Alice unsicher, »es heißt -- nichts -- essen -- und davon -- sterben.«
»Nun,« fuhr der Greif fort, »wenn du nicht verstehst, was Vervielfraßen ist, dann bist du ein Pinsel.«
Alice hatte allen Muth verloren, sich weiter danach zu erkundigen, und wandte sich daher an die falsche Schildkröte mit der Frage: »Was hattet ihr sonst noch zu lernen?«
»Nun, erstens Gewichte,« erwiederte die falsche Schildkröte, indem sie die Gegenstände an den Pfoten aufzählte, »Gewichte, alte und neue, mit Seeographie; dann Springen -- der Springelehrer war ein alter Stockfisch, der ein Mal wöchentlich zu kommen pflegte, er lehrte uns Pfoten Reiben und Unarten, meerschwimmig Springen, Schillern und Imponiren.«
»Wie war denn das?« fragte Alice.
»Ich kann es dir nicht selbst zeigen,« sagte die falsche Schildkröte, »ich bin zu steif. Und der Greif hat es nicht gelernt.«
»Hatte keine Zeit,« sagte der Greif; »ich hatte aber Stunden bei dem Lehrer der alten Sprachen. Das war ein alter _Barsch_, ja, das war er.«
»Bei dem bin ich nicht gewesen,« sagte die falsche Schildkröte mit einem Seufzer, »er lehrte Zebräisch und Greifisch, sagten sie immer.«
»Das that er auch, das that er auch, und besonders Laßsein,« sagte der Greif, indem er ebenfalls seufzte, worauf beide Thiere sich das Gesicht mit den Pfoten bedeckten.
»Und wie viel Schüler wart ihr denn in einer Klasse?« sagte Alice, die schnell auf einen andern Gegenstand kommen wollte.
»Zehn den ersten Tag,« sagte die falsche Schildkröte, »neun den nächsten, und so fort.«
»Was für eine merkwürdige Einrichtung!« rief Alice aus.
»Das ist der Grund, warum man Lehrer hält, weil sie die Klasse von Tag zu Tag leeren.«
Dies war ein ganz neuer Gedanke für Alice, welchen sie gründlich überlegte, ehe sie wieder eine Bemerkung machte. »Den elften Tag müssen dann Alle frei gehabt haben?«
»Natürlich!« sagte die falsche Schildkröte.
»Und wie wurde es den zwölften Tag gemacht?« fuhr Alice eifrig fort.
»Das ist genug von Stunden,« unterbrach der Greif sehr bestimmt: »erzähle ihr jetzt etwas von den Spielen.«
Zehntes Kapitel.
Das Hummerballet.
Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und wischte sich mit dem Rücken ihrer Pfote die Augen. Sie sah Alice an und versuchte zu sprechen, aber ein bis zwei Minuten lang erstickte lautes Schluchzen ihre Stimme. »Sieht aus, als ob sie einen Knochen in der Kehle hätt',« sagte der Greif und machte sich daran, sie zu schütteln und auf den Rücken zu klopfen. Endlich erhielt die falsche Schildkröte den Gebrauch ihrer Stimme wieder, und während Thränen ihre Wangen herabflossen, erzählte sie weiter.
»Vielleicht hast du nicht viel unter dem Wasser gelebt --« (»Nein,« sagte Alice) -- »und vielleicht hast du nie die Bekanntschaft eines Hummers gemacht --« (Alice wollte eben sagen: »ich kostete einmal,« aber sie hielt schnell ein und sagte: »Nein, niemals«) -- »du kannst dir also nicht vorstellen, wie reizend ein Hummerballet ist.«
»Nein, in der That nicht,« sagte Alice, »was für eine Art Tanz ist es?«
»Nun,« sagte der Greif, »erst stellt man sich in einer Reihe am Strand auf --«
»In zwei Reihen!« rief die falsche Schildkröte. »Seehunde, Schildkröten, Lachse, und so weiter; dann, wenn alle Seesterne aus dem Wege geräumt sind --«
»Was gewöhnlich einige Zeit dauert,« unterbrach der Greif.
»-- geht man zwei Mal vorwärts --«
»Jeder einen Hummer zum Tanze führend!« rief der Greif.
»Natürlich,« sagte die falsche Schildkröte: »zwei Mal vorwärts, wieder paarweis gestellt --«
»-- wechselt die Hummer, und geht in derselben Ordnung zurück,« fuhr der Greif fort.
»Dann, mußt du wissen,« fiel die falsche Schildkröte ein, »wirft man die --«
»Die Hummer!« schrie der Greif mit einem Luftsprunge.
»-- so weit in's Meer, als man kann --«
»Schwimmt ihnen nach!« kreischte der Greif.
»Schlägt einen Purzelbaum im Wasser!« rief die falsche Schildkröte, indem sie unbändig umhersprang.
»Wechselt die Hummer wieder!« heulte der Greif mit erhobener Stimme.
»Zurück an's Land, und -- das ist die ganze erste Figur,« sagte die falsche Schildkröte, indem ihre Stimme plötzlich sank; und beide Thiere, die bis dahin wie toll umhergesprungen waren, setzten sich sehr betrübt und still nieder und sahen Alice an.
»Es muß ein sehr hübscher Tanz sein,« sagte Alice ängstlich.
»Möchtest du eine kleine Probe sehen?« fragte die falsche Schildkröte.
»Sehr gern,« sagte Alice.
»Komm, laß uns die erste Figur versuchen!« sagte die falsche Schildkröte zum Greifen. »Wir können es ohne Hummer, glaube ich. Wer soll singen?«
»Oh, singe du!« sagte der Greif. »Ich habe die Worte vergessen.«
So fingen sie denn an, feierlich im Kreise um Alice zu tanzen; zuweilen traten sie ihr auf die Füße, wenn sie ihr zu nahe kamen; die falsche Schildkröte sang dazu, sehr langsam und traurig, Folgendes: --
Zu der Schnecke sprach ein Weißfisch: »Kannst du denn nicht schneller gehn? Siehst du denn nicht die Schildkröten und die Hummer alle stehn? Hinter uns da kommt ein Meerschwein, und es tritt mir auf den Schwanz; Und sie warten an dem Strande, daß wir kommen zu dem Tanz. Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz? Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz?«
»Nein, du kannst es nicht ermessen, wie so herrlich es wird sein, Nehmen sie uns mit den Hummern, werfen uns in's Meer hinein!« Doch die Schnecke thät nicht trauen. »Das gefällt mir doch nicht ganz! Viel zu weit, zu weit! ich danke -- gehe nicht mit euch zum Tanz! Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, kann nicht kommen zu dem Tanz! Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag nicht kommen zu dem Tanz!«
Und der Weißfisch sprach dagegen: »'s kommt ja nicht drauf an, wie weit! Ist doch wohl ein andres Ufer, drüben auf der andern Seit'! Und noch viele schöne Küsten giebt es außer Engelland's; Nur nicht blöde, liebe Schnecke, komm' geschwind mit mir zum Tanz! Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem Tanz? Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst nicht kommen zu dem Tanz?«
»Danke sehr, es ist sehr, sehr interessant, diesem Tanze zuzusehen,« sagte Alice, obgleich sie sich freute, daß er endlich vorüber war; »und das komische Lied von dem Weißfisch gefällt mir so!«
»Oh, was die Weißfische anbelangt,« sagte die falsche Schildkröte, »die -- du hast sie doch gesehen?«
»Ja,« sagte Alice, »ich habe sie oft gesehen, bei'm Mitt --« sie hielt schnell inne.
»Ich weiß nicht, wer Mitt sein mag,« sagte die falsche Schildkröte, »aber da du sie so oft gesehen hast, so weißt du natürlich, wie sie aussehen?«
»Ja, ich glaube,« sagte Alice nachdenklich, »sie haben den Schwanz im Maule, -- und sind ganz mit geriebener Semmel bestreut.«
»Die geriebene Semmel ist ein Irrthum,« sagte die falsche Schildkröte; »sie würde in der See bald abgespült werden. Aber den Schwanz haben sie im Maule, und der Grund ist« -- hier gähnte die falsche Schildkröte und machte die Augen zu. -- »Sage ihr Alles das von dem Grunde,« sprach sie zum Greifen.
»Der Grund ist,« sagte der Greif, »daß sie durchaus im Hummerballet mittanzen wollten. So wurden sie denn in die See hinein geworfen. So mußten sie denn sehr weit fallen. So kamen ihnen denn die Schwänze in die Mäuler. So konnten sie sie denn nicht wieder heraus bekommen. So ist es.«
»Danke dir,« sagte Alice, »es ist sehr interessant. Ich habe nie so viel vom Weißfisch zu hören bekommen.«
»Ich kann dir noch mehr über ihn sagen, wenn du willst,« sagte der Greif, »weißt du, warum er Weißfisch heißt?«
»Ich habe darüber noch nicht nachgedacht,« sagte Alice. »Warum?«
»Darum eben,« sagte der Greif mit tiefer, feierlicher Stimme, »weil man so wenig von ihm _weiß_. Nun aber mußt du uns auch etwas von deinen Abenteuern erzählen.«
»Ich könnte euch meine Erlebnisse von heute früh an erzählen,« sagte Alice verschämt, »aber bis gestern zurück zu gehen, wäre ganz unnütz, weil ich da jemand Anderes war.«
»Erkläre das deutlich,« sagte die falsche Schildkröte.
»Nein, die Erlebnisse erst,« sagte der Greif in ungeduldigem Tone, »Erklärungen nehmen so schrecklich viel Zeit fort.«
Alice fing also an, ihnen ihre Abenteuer von da an zu erzählen, wo sie das weiße Kaninchen zuerst gesehen hatte. Im Anfange war sie etwas ängstlich, die beiden Thiere kamen ihr so nah, eins auf jeder Seite, und sperrten Augen und Mund so _weit_ auf; aber nach und nach wurde sie dreister. Ihre Zuhörer waren ganz ruhig, bis sie an die Stelle kam, wo sie der Raupe 'Ihr seid alt, Vater Martin' hergesagt hatte, und wo lauter andere Worte gekommen waren, da holte die falsche Schildkröte tief Athem und sagte: »das ist sehr merkwürdig.«
»Es ist Alles so merkwürdig, wie nur möglich,« sagte der Greif.
»Es kam ganz verschieden!« wiederholte die falsche Schildkröte gedankenvoll. »Ich möchte sie wohl etwas hersagen hören. Sage ihr, daß sie anfangen soll.« Sie sah den Greifen an, als ob sie dächte, daß er einigen Einfluß auf Alice habe.
»Steh' auf und sage her: 'Preisend mit viel schönen Reden',« sagte der Greif.
»Wie die Geschöpfe alle Einen kommandiren und Gedichte aufsagen lassen!« dachte Alice, »dafür könnte ich auch lieber gleich in der Schule sein.« Sie stand jedoch auf und fing an, das Gedicht herzusagen; aber ihr Kopf war so voll von dem Hummerballet, daß sie kaum wußte, was sie sagte, und die Worte kamen sehr sonderbar: --
»Preisend mit viel schönen Kniffen seiner Scheeren Werth und Zahl, Stand der Hummer vor dem Spiegel in der schönen rothen Schal'! »Herrlich,« sprach der Fürst der Krebse, »steht mir dieser lange Bart!« Rückt die Füße mit der Nase auswärts, als er dieses sagt.«
»Das ist anders, als ich's als Kind gesagt habe,« sagte der Greif.
»Ich habe es zwar noch niemals gehört,« sagte die falsche Schildkröte; »aber es klingt wie blühender Unsinn.«
Alice erwiederte nichts; sie setzte sich, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und überlegte, ob wohl _je_ wieder irgend etwas natürlich sein würde.
»Ich möchte es gern erklärt haben,« sagte die falsche Schildkröte.
»Sie kann's nicht erklären,« warf der Greif schnell ein. »Sage den nächsten Vers.«
»Aber das von den Füßen?« fragte die falsche Schildkröte wieder. »Wie kann er sie mit der Nase auswärts rücken?«
»Es ist die erste Position bei'm Tanzen,« sagte Alice; aber sie war über Alles dies entsetzlich verwirrt und hätte am liebsten aufgehört.
»Sage den nächsten Vers!« wiederholte der Greif ungeduldig, »er fängt an: 'Seht mein Land!'«
Alice wagte nicht, es abzuschlagen, obgleich sie überzeugt war, es würde Alles falsch kommen, sie fuhr also mit zitternder Stimme fort: --
»Seht mein Land und grüne Fluten,« sprach ein fetter Lachs vom Rhein; Goldne Schuppen meine Rüstung, und mit Austern trink' ich Wein.«
»Wozu sollen wir das dumme Zeug mit anhören,« unterbrach sie die falsche Schildkröte, »wenn sie es nicht auch erklären kann? Es ist das verworrenste Zeug, das ich je gehört habe!«
»Ja, ich glaube auch, es ist besser du hörst auf,« sagte der Greif, und Alice gehorchte nur zu gern.
»Sollen wir noch eine Figur von dem Hummerballet versuchen?« fuhr der Greif fort. »Oder möchtest du lieber, daß die falsche Schildkröte dir ein Lied vorsingt?«
»Oh, ein Lied! bitte, wenn die falsche Schildkröte so gut sein will,« antwortete Alice mit solchem Eifer, daß der Greif etwas beleidigt sagte: »Hm! der Geschmack ist verschieden! Singe ihr vor 'Schildkrötensuppe', hörst du, alte Tante?«
Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und fing an, mit halb von Schluchzen erstickter Stimme, so zu singen: --
»Schöne Suppe, so schwer und so grün, Dampfend in der heißen Terrin'! Wem nach einem so schönen Gericht Wässerte denn der Mund wohl nicht? Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'! Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'! Wu -- underschöne Su -- uppe! Wu -- underschöne Su -- uppe! Kö -- önigin der Su -- uppen, Wunder-wunderschöne Supp'!
Schöne Suppe, wer fragt noch nach Fisch, Wildpret oder was sonst auf dem Tisch? Alles lassen wir stehen zu p Reisen allein die wunderschöne Supp', Preisen allein die wunderschöne Supp'! Wu -- underschöne Su -- uppe! Wu -- underschöne Su -- uppe! Kö -- önigin der Su -- uppen, Wunder-wunderschöne Supp'!
»Den Chor noch einmal!« rief der Greif, und die falsche Schildkröte hatte ihn eben wieder angefangen, als ein Ruf: »Das Verhör fängt an!« in der Ferne erscholl.
»Komm schnell!« rief der Greif, und Alice bei der Hand nehmend lief er fort, ohne auf das Ende des Gesanges zu warten.
»Was für ein Verhör?« keuchte Alice bei'm Rennen; aber der Greif antwortete nichts als: »Komm schnell!« und rannte weiter, während schwächer und schwächer, vom Winde getragen, die Worte ihnen folgten: --
»Kö -- önigin der Su -- uppen, Wunder-wunderschöne Supp'!«
Elftes Kapitel.
Wer hat die Kuchen gestohlen?
Der König und die Königin der Herzen saßen auf ihrem Throne, als sie ankamen, und eine große Menge war um sie versammelt -- allerlei kleine Vögel und Thiere, außerdem das ganze Pack Karten: der Bube stand vor ihnen, in Ketten, einen Soldaten an jeder Seite, um ihn zu bewachen; dicht bei dem Könige befand sich das weiße Kaninchen, eine Trompete in einer Hand, in der andern eine Pergamentrolle. Im Mittelpunkte des Gerichtshofes stand ein Tisch mit einer Schüssel voll Torten: sie sahen so appetitlich aus, daß der bloße Anblick Alice ganz hungrig darauf machte. -- »Ich wünschte, sie machten schnell mit dem Verhör und reichten die Erfrischungen herum.« Aber dazu schien wenig Aussicht zu sein, so daß sie anfing, Alles genau in Augenschein zu nehmen, um sich die Zeit zu vertreiben.
Alice war noch nie in einem Gerichtshofe gewesen, aber sie hatte in ihren Büchern davon gelesen und bildete sich etwas Rechtes darauf ein, daß sie Alles, was sie dort sah, bei Namen zu nennen wußte. »Das ist der Richter,« sagte sie für sich, »wegen seiner großen Perrücke.«
Der Richter war übrigens der König, und er trug die Krone über der Perücke (seht euch das Titelbild an, wenn ihr wissen wollt, wie), es sah nicht aus, als sei es ihm bequem, und sicherlich stand es ihm nicht gut.
»Und jene zwölf kleinen Thiere da sind vermuthlich die Geschwornen,« dachte Alice. Sie wiederholte sich selbst dies Wort zwei bis drei Mal, weil sie so stolz darauf war; denn sie glaubte, und das mit Recht, daß wenig kleine Mädchen ihres Alters überhaupt etwas von diesen Sachen wissen würden.
Die zwölf Geschwornen schrieben alle sehr eifrig auf Schiefertafeln. »Was thun sie?« fragte Alice den Greifen in's Ohr. »Sie können ja noch nichts aufzuschreiben haben, ehe das Verhör beginnt.«
»Sie schreiben ihre Namen auf,« sagte ihr der Greif in's Ohr, »weil sie bange sind, sie zu vergessen, ehe das Verhör zu Ende ist.«
»Dumme Dinger!« fing Alice entrüstet ganz laut an; aber sie hielt augenblicklich inne, denn das weiße Kaninchen rief aus: »Ruhe im Saal!« und der König setzte seine Brille auf und blickte spähend umher, um zu sehen, wer da gesprochen habe.
Alice konnte ganz deutlich sehen, daß alle Geschworne »dumme Dinger!« auf ihre Tafeln schrieben, und sie merkte auch, daß Einer von ihnen nicht wußte, wie es geschrieben wird, und seinen Nachbar fragen mußte. »_Die_ Tafeln werden in einem schönen Zustande sein, wenn das Verhör vorüber ist!« dachte Alice.
Einer der Geschwornen hatte einen Tafelstein, der quiekste. Das konnte Alice natürlich nicht aushalten, sie ging auf die andere Seite des Saales, gelangte dicht hinter ihn und fand sehr bald eine Gelegenheit, den Tafelstein fortzunehmen. Sie hatte es so schnell gethan, daß der arme kleine Geschworne (es war Wabbel), durchaus nicht begreifen konnte, wo sein Griffel hingekommen war; nachdem er ihn also überall gesucht hatte, mußte er sich endlich entschließen, mit einem Finger zu schreiben, und das war von sehr geringem Nutzen, da es keine Spuren auf der Tafel zurückließ.
»Herold, verlies die Anklage!« sagte der König.
Da blies das weiße Kaninchen drei Mal in die Trompete, entfaltete darauf die Pergamentrolle und las wie folgt: --
»Coeur-Königin, sie buk Kuchen, Juchheisasah, juchhe! Coeur-Bube kam, die Kuchen nahm. Wo sind sie nun? O weh!«
»Gebt euer Urtheil ab!« sprach der König zu den Geschwornen.
»Noch nicht, noch nicht!« unterbrach ihn das Kaninchen schnell. »Da kommt noch Vielerlei erst.«
»Laßt den ersten Zeugen eintreten!« sagte der König, worauf das Kaninchen drei Mal in die Trompete blies und ausrief: »Erster Zeuge!«
Der erste Zeuge war der Hutmacher. Er kam herein, eine Tasse in einer Hand und in der andern ein Stück Butterbrot haltend. »Ich bitte um Verzeihung, Eure Majestät, daß ich das mitbringe; aber ich war nicht ganz fertig mit meinem Thee, als nach mir geschickt wurde.«
»Du hättest aber damit fertig sein sollen,« sagte der König. »Wann hast du damit angefangen?«
Der Hutmacher sah den Faselhasen an, der ihm in den Gerichtssaal gefolgt war, Arm in Arm mit dem Murmelthier. »Vierzehnten März, glaube ich war es,« sagte er.
»Funfzehnten,« sagte der Faselhase.
»Sechzehnten,« fügte das Murmelthier hinzu.
»Nehmt das zu Protokoll,« sagte der König zu den Geschwornen, und die Geschwornen schrieben eifrig die drei Daten auf ihre Tafeln, addirten sie dann und machten die Summe zu Groschen und Pfennigen.
»Nimm deinen Hut ab,« sagte der König zum Hutmacher.
»Es ist nicht meiner,« sagte der Hutmacher.
»Gestohlen!« rief der König zu den Geschwornen gewendet aus, welche sogleich die Thatsache notirten.
»Ich halte sie zum Verkauf,« fügte der Hutmacher als Erklärung hinzu, »ich habe keinen eigenen. Ich bin ein Hutmacher.«
Da setzte sich die Königin die Brille auf und fing an, den Hutmacher scharf zu beobachten, was ihn sehr blaß und unruhig machte.
»Gieb du deine Aussage,« sprach der König, »und sei nicht ängstlich, oder ich lasse dich auf der Stelle hängen.«
Dies beruhigte den Zeugen augenscheinlich nicht; er stand abwechselnd auf dem linken und rechten Fuße, sah die Königin mit großem Unbehagen an, und in seiner Befangenheit biß er ein großes Stück aus seiner Theetasse statt aus seinem Butterbrot.
Gerade in diesem Augenblick spürte Alice eine seltsame Empfindung, die sie sich durchaus nicht erklären konnte, bis sie endlich merkte, was es war: sie fing wieder an zu wachsen, und sie wollte sogleich aufstehen und den Gerichtshof verlassen; aber nach weiterer Ueberlegung beschloß sie zu bleiben, wo sie war, so lange sie Platz genug hatte.
»Du brauchtest mich wirklich nicht so zu drängen,« sagte das Murmelthier, welches neben ihr saß. »Ich kann kaum athmen.«
»Ich kann nicht dafür,« sagte Alice bescheiden, »ich wachse.«
»Du hast kein Recht dazu, hier zu wachsen,« sagte das Murmelthier.
»Rede nicht solchen Unsinn,« sagte Alice dreister; »du weißt recht gut, daß du auch wächst.«
»Ja, aber ich wachse in vernünftigem Maßstabe,« sagte das Murmelthier, »nicht auf so lächerliche Art.« Dabei stand es verdrießlich auf und ging an die andere Seite des Saales.
Die ganze Zeit über hatte die Königin unablässig den Hutmacher angestarrt, und gerade als das Murmelthier durch den Saal ging, sprach sie zu einem der Gerichtsbeamten: »Bringe mir die Liste der Sänger im letzten Concerte!« worauf der unglückliche Hutmacher so zitterte, daß ihm beide Schuhe abflogen.
»Gieb deine Aussage,« wiederholte der König ärgerlich, »oder ich werde dich hinrichten lassen, ob du dich ängstigst oder nicht.«
»Ich bin ein armer Mann, Eure Majestät,« begann der Hutmacher mit zitternder Stimme, »und ich hatte eben erst meinen Thee angefangen -- nicht länger als eine Woche ungefähr -- und da die Butterbrote so dünn wurden -- und es Teller und Töpfe in den Thee schneite.«
»Teller und Töpfe -- was?« fragte der König.
»Es fing mit dem Thee an,« erwiederte der Hutmacher.
»Natürlich fangen Teller und Töpfe mit einem T an. Hältst du mich für einen Esel? Rede weiter!«
»Ich bin ein armer Mann,« fuhr der Hutmacher fort, »und seitdem schneite Alles -- der Faselhase sagte nur --«
»Nein, ich hab's nicht gesagt!« unterbrach ihn der Faselhase schnell.
»Du hast's wohl gesagt!« rief der Hutmacher.
»Ich läugne es!« sagte der Faselhase.
»Er läugnet es!« sagte der König: »laßt den Theil der Aussage fort.«
»Gut, auf jeden Fall hat's das Murmelthier gesagt --« fuhr der Hutmacher fort, indem er sich ängstlich umsah, ob es auch läugnen würde; aber das Murmelthier läugnete nichts, denn es war fest eingeschlafen. »Dann,« sprach der Hutmacher weiter, »schnitt ich noch etwas Butterbrot --«
»Aber _was_ hat das Murmelthier gesagt?« fragte einer der Geschwornen.
»Das ist mir ganz entfallen,« sagte der Hutmacher.
»Aber es _muß_ dir wieder einfallen,« sagte der König, »sonst lasse ich dich köpfen.«
Der unglückliche Hutmacher ließ Tasse und Butterbrot fallen und ließ sich auf ein Knie nieder. »Ich bin ein armseliger Mann, Eure Majestät,« fing er an.
»Du bist ein _sehr_ armseliger Redner,« sagte der König.
Hier klatschte eins der Meerschweinchen Beifall, was sofort von den Gerichtsdienern unterdrückt wurde. (Da dies ein etwas schweres Wort ist, so will ich beschreiben, wie es gemacht wurde. Es war ein großer Leinwandsack bei der Hand, mit Schnüren zum Zusammenziehen: da hinein wurde das Meerschweinchen gesteckt, den Kopf nach unten, und dann saßen sie darauf.)