Part 18
Er war eben ein ganzer Mann, bei dem nichts aus der großen Idee, die ihn beherrschte, herausfiel, und der Alles, selbst das Besterscheinende, zu thun unterlassen haben würde, wenn es ihm mit seiner großen Lebensaufgabe nicht vereinbar dünkte. Es ist hieraus zu erklären, daß er sich der Politik stets völlig fern gehalten hat, so fern, daß er selbst die Gefahren der politischen Agitation unter seinen Arbeitern fast zu spät erkannte. Mit der Politik hatte sein Lebenswerk nichts zu thun, und während einerseits er keine Zeit hatte, sich damit zu beschäftigen, hätte sie anderseits seiner internationalen Industrie nur Hemmnisse bereiten können. Er bedurfte aber der Freiheit, auf der ganzen Erde, um dort seinem Gußstahl zur Anerkennung zu verhelfen, wo es ihm gerade am ehesten gelang. Vergebens hatte er, seinem ihm angeborenen Patriotismus folgend, lange Jahre nach Verständniß in seinem engeren Vaterlande gestrebt; er mußte anderwärts festen Fuß zu fassen suchen, wo man ihm mit weniger Zweifeln und Schwierigkeiten begegnete, da er die alte Erfahrung auch an sich machen mußte, so gut wie Dreyse und Maximilian Schumann, daß der Prophet am wenigsten gilt in seinem Vaterlande. Deshalb trug er nicht das geringste Bedenken, seine in Preußen schnöde abgewiesenen Gewehrläufe nach Frankreich zu schicken und auch seine Feldgeschütze Napoleon ~I.~ zu empfehlen. Daß ihm die alte Feindschaft nicht weniger im Blute gelegen haben sollte, als jedem anderen ehrlichen Deutschen, ist nicht anzunehmen; aber der Patriotismus hätte ihm hier nur im Wege gestanden; es galt, für seine Waffen zunächst eine Anerkennung zu finden. Wie hätte er denn weiter schaffen, dem Vaterlande seine Geschützausrüstung in so vollendetem Maße schmieden können, wenn er für immer in der Ecke stehen blieb, wohin die entscheidenden Behörden ihn zu drängen schienen? Einen Boden mußte er zunächst suchen, der als Nährboden für die weitere Entwickelung sich eignete, wenn er seiner Lebensaufgabe gerecht werden wollte. Und fand er ihn im Vaterlande nicht, dann mußte eben der Patriotismus vor der Hand beiseite gestellt werden, denn er war hinderlich. Wir sehen ihn dann sofort wieder in seine Rechte eingesetzt, als durch Frankreichs Neuerungen die einheimische Regierung sich bewogen sah, mit Krupps Stahlgeschützen endlich Ernst zu machen. Von da ab existirte Frankreich für Krupp nicht mehr. Das Vaterland bot ihm nun, was er brauchte.
Grundsätzlich hielt er sich aber auch allen handelspolitischen Fragen fern, suchte wohl mit weiser Voraussicht sich und seine Unternehmungen unabhängig zu machen von ungünstigen Konjunkturen, wie sie aus politischen Verhältnissen folgen mochten, vermied aber sorgfältig, sich in diese einzumischen oder gar sie zu beeinflussen. Als er im Juni 1877 beim Kaiser eine Audienz in Ems gehabt hatte, verbreitete sich das Gerücht, er habe bei dem Monarchen die Einführung von Schutzmaßregeln im Interesse der sehr bedrängten Stahl- und Eisen-Industrie befürworten wollen. Wie wenig dieses seiner Abneigung gegen politische Thätigkeit entsprach, ergiebt sich aus dem Dementi, mit dem er diesem Gerücht entgegentrat. »Herr Krupp,« so hieß es darin, »hat überhaupt seit Jahr und Tag mit Sr. Maj. dem Kaiser kein Wort über die allgemeine Lage der Industrie gesprochen.«
So vermied er auch in Fragen, bei denen seine Ansichten von denen der maßgebenden Personen im Staate abwichen, grundsätzlich jede Agitation. Als im Anfang der achtziger Jahre das Projekt des Kanals zwischen Dortmund und Ems debattirt wurde, fand es eigenthümlicher Weise in einigen Groß-Industriellen lebhafte Gegner. Der Geh. Kommerzienrath Stumm und W. Funcke-Hagen traten mit Wort und Schrift gegen den Kanal auf und gingen hierin mit Schorlemer-Alst Hand in Hand. Auch Krupp glaubte aus eigener Anschauung und dem Studium englischer Schriften von der Fehlerhaftigkeit der Kanäle gegenüber den Eisenbahnen überzeugt zu sein und unterhielt auf dieser Grundlage gleicher Gesinnung auch mit dem Führer der Zentrumspartei trotz aller Abweichung der politischen und kirchlichen Anschauungen ein freundschaftliches Verhältniß; aber er äußerte sich in einem Schreiben an Dietrich Baedeker: »Ich lasse mich auf einen Kampf nicht ein, halte aber die Augen auf und habe seit Ursprung der Idee Erkundigungen eingezogen aus England und Amerika, habe auch davon Bericht erstattet an betreffende Spitzen und an solche, die nicht ein Nebeninteresse verfolgen.« Hierauf beschränkte er sich, und als im Jahre 1885 die Kanalvorlage zum zweiten Male an den Landtag gelangte, that er auch keinen Schritt, welcher irgendwie ihrem Durchdringen hätte hinderlich sein können, so fest er auch noch immer an der Ueberzeugung von der Schädlichkeit der Kanäle festhielt.
Als knorrige Auswüchse an dem einheitlichen Stamm der idealen Lebensanschauung Krupps erscheinen solche Eigenthümlichkeiten, wie die Verkennung des Werthes des Dortmund-Ems-Kanals, und wie sein Verhältniß zu Maximilian Schumann. Dagegen ist die beinahe feindliche Stellungnahme gegen den Hartguß-Fabrikanten Gruson durchaus aus seiner Begeisterung für seine Lebensaufgabe, aus seiner Ueberzeugung von der Ueberlegenheit des Gußstahls und der Minderwerthigkeit des Hartgusses, und endlich aus der Empörung zu verstehen, daß die Granaten aus solchem Material eine Zeit lang eine so hervorragende Stellung einnehmen konnten.
Mit den edlen starken Eigenschaften, die den genialen Mann zur Durchführung seiner großen Lebensaufgabe befähigten und die sich auf seinem erfolgreichen Lebenswege immer thatkräftiger und bewußter entwickeln, sind andere schroffere Charaktereigenschaften unvermeidlich verwachsen, wie den glatten Flächen des geschliffenen Edelsteins die harten Kanten, welche, demselben Stoff entspringend, doch nicht durch leuchtendes Farbenspiel erfreuen, sondern sich der berührenden Hand empfindlich fühlbar machen.
Als sei er aus demselben Material geschmiedet, das ihm des Vaters Erbe überlieferte, aus festem Gußstahl, so steht seine Gestalt, einheitlich und sich treu vom ersten bis zum letzten Tage seines Lebens, vor uns, nicht von einem Stoff, der einer verschönernden Zuthat bedarf oder durch eine Verzierung gewonnen hätte -- und in dem stolzen Bewußtsein dieses seines Wortes durfte ein Mann wie Alfried Krupp das Adelsprädikat, welches des Königs Huld bereits 1864 ihm verleihen wollte, dankend ablehnen, ohne mißverstanden zu werden. Für den Namen Krupp hat eben der Adel keine Bedeutung mehr, nachdem ihm sein Träger einen fürstlichen Glanz auf dem ganzen Erdenrund erworben hat. Und hoch hielt dieser Mann aus Stahl Zeit seines Lebens in unentwegter Treue, in nie verzagendem Glauben das Banner, auf das er seine Lebensaufgabe in leuchtenden Buchstaben geschrieben hatte. Unbefleckt hat er seinen Glanz bewahrt in guten und bösen Zeiten, mit Selbstverleugnung und Anspannung seiner letzten Kraftäußerung hat er es in den Kampf getragen und wie ein Heiligthum es zu halten gewußt in den Tagen des Triumphes und des Sieges. Schritt er mit Kühnheit und gewaltigem Wagen der vaterländischen Industrie voraus im friedlichen Kampf um den Weltpreis, gab ihm sein edles Streben die rechten Mittel und Wege an die Hand, um den Schlüssel zur Lösung der sozialen Frage zu finden, schuf seine Erfindungsgabe und Thatkraft der deutschen Armee die starken Waffen, welche ihr zum Siege helfen sollten, so können wir mit Stolz es sagen: einem echt deutschen Mann von festestem Gefüge verdanken wir diese unvergeßlichen Geschenke und dieser selbst als echter Deutscher seine Erfolge dem unerschütterlichen Glauben an sein ideales Ziel.
Druck von H. _Klöppel_, Gernrode (Harz).
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