Part 17
Ich habe bekanntlich zwar niemals mit den öffentlichen Fragen der Gemeinde-, Staats- und Reichsverfassung, Gesetzgebung und dergleichen mich befassen dürfen, weil meine Werke meine geringe ganze Kraft bedurften; heute darf ich aber der Mitwirkung zur Lösung einer Lebensfrage für das deutsche Reich mich nicht entziehen, ebenso hat auch mein Sohn _Fried. Alfred Krupp_ die ihm angetragene Kandidatur für den Kreis Essen nur zu dem Zweck angenommen, im Falle seiner Wahl die gedachte Regierungs-Militärvorlage zu unterstützen.
Schließlich empfehle ich zugleich hiermit ebenso dringend auch allen auf meinen entfernten Berg- und Hüttenwerken in Westfalen, Rheinland und Nassau thätigen Wahlmännern diesen Rath zu beherzigen und in gleichem Sinne zu wirken.
Essen, im Februar 1887.
Alfred Krupp.«
_Begleitende Erklärung der Ansprache._
»In der Befürwortung der Militär-Vorlage unterlasse ich jede Berührung von politischem Zwiespalt, weil ja in diesem Falle alle Staatsbürger dasselbe Interesse haben und zwar die Verhütung des Krieges, vor Allem des Krieges im Lande.
Der Krieg von 1870 gegen Frankreich war ein Triumphzug der deutschen Armee, auf gleichen Erfolg wäre jetzt nicht zu rechnen.
Ein kurzer Krieg im Lande selbst kann mehr Opfer verlangen, als die theuerste Rüstung während zehn Jahren. Die Kosten für diese aber würden unvergleichlich gering sein gegen den Verlust durch Verwüstungen bei einem Kriege im Lande. Der Aufwand für solche Rüstung würde den Erwerb sämmtlicher Staatsbürger von 3 Tagen im Jahre _nicht_ überschreiten, dagegen würde im Frieden der Segen auf dem ganzen Lande ruhen.
Es wäre daher Leichtsinn, wegen eines verhältnißmäßig geringen Opfers die Gefahr eines Krieges heraufzubeschwören.
Die Zahl meiner Werke und der auf denselben beschäftigten Arbeiter ist zwar zur Hälfte thätig für Kriegsmaterial und der Unterhalt der Letzteren und ihrer Familien hängt ab von dieser Thätigkeit, indessen brauchen wir dazu keinen Krieg im deutschen Lande, sondern wie Jedermann im ganzen Reiche, den Frieden. Mögen unsere Wahlmänner dies beachten.
Alfred Krupp.«
So sehr sich Krupp in dieser Ansprache bemühte, seine Arbeiter zu belehren über die großen nationalen Interessen, die allein bei der diesmaligen Wahl in Frage kamen, so wenig konnte er damit aufkommen gegen die ultramontanen Agitatoren, welche unbedenklich Unterstellungen und Erfindungen aller Art gegen die Regierung in's Treffen führten, indem sie von einem drohenden Branntweinmonopol, Abschaffung des allgemeinen Stimmrechtes u. dgl., redeten und gegen die Kandidatur des jungen Krupp mit allen Mitteln der konfessionellen Hetzerei Propaganda machten. Noch ein Mal ergriff der greise Krupp das Wort, indem er zwei Tage vor der Wahl seine Arbeiter ermahnte:
»In letzter Stunde.
Zu meinen ehrlichen und treuen Arbeitern habe ich die Hoffnung, daß meine an sie erlassene Ansprache nicht mißverstanden worden ist. Sie ist aber von anderer Seite mißdeutet worden. Man scheint eine Kluft zwischen meinen katholischen und meinen evangelischen Arbeitern schaffen zu wollen. Dies ist ein schamloser Versuch. Mir war der katholische Arbeiter stets ebenso lieb als der evangelische. Ich war nie unduldsam in Religion wie andere Arbeitgeber, welche nur Arbeitern einer bestimmten Konfession Lohn und Brod geben. Ich verlange stets nur, daß jeder Arbeiter seine Schuldigkeit thue. Ich wünsche nicht, daß man mich zwingt, diesen Grundsatz zu verlassen. Die Frage, welche dem neu zu wählenden Reichstag vorzulegen ist, nämlich die der Annahme der Militär-Vorlage, ist keine religiöse und hat mit der Konfession nichts zu thun. Wer sie vom Standpunkte der Religion aus beurtheilt und danach auf Euch einzuwirken sucht, mißbraucht und schändet die Religion. Ich habe immer geglaubt, daß meine Arbeiter getreue Unterthanen seiner Majestät des Kaisers und Königs sind. Ich verliere diesen Glauben, wenn meine Arbeiter einem den Absichten der Kaiserlichen Regierung feindseligen Reichtagskandidaten ihre Stimme geben sollten. Habe ich aber ein Mal diesen Glauben verloren, so fehlt mir das Vertrauen in die Zukunft. Jeder erinnere sich vor der Wahl dessen, was er Kaiser und Reich schuldet. Die Pflichten gegen das Vaterland sind dieselben, mag Einer katholisch oder evangelisch sein. Ich aber vertraue, daß jeder meiner Arbeiter seiner Pflichten gegen das Vaterland, gegen Kaiser und Reich eingedenk sein wird.
Essen, 19. Februar 1887.
Alfred Krupp.«
Ist es nicht, als wenn er in diesen Ansprachen, namentlich in der letzten, einen wärmeren Ton anschlägt, als bei seinen früheren, immer belehrenden und väterlichen, aber stets strengen und Strafe drohenden Veröffentlichungen für seine Arbeiter? Es ist ihm bange in seinem tiefen patriotischen Gefühl, daß sie ihrem Führer untreu werden könnten hier, wo es sich um die wichtigsten nationalen Interessen handelt. Er fühlt die ernste Pflicht, seinem königlichen Herren, der in schweren Jahren ihm seine Unterstützung gewährte, seine Treue, seine Hingabe und Dankbarkeit zu beweisen, indem er seine ganze Autorität in die Wagschale wirft für den Sieg der Regierung. Es ist eine höhere wichtigere Aufgabe, die dieses Mal ihm obliegt, als bei den früheren, nur die inneren Verhältnisse der Fabrik berührenden Angelegenheiten, und dementsprechend diese wiederholten dringlichen Mahnungen; es ist als ob er diese schmerzliche Erfahrung herannahen sehe, daß seine Arbeiter zum ersten Male seinem Rathe sich verschließen, und als wenn er Alles aufbieten wolle, um sie an seine Leitung zu fesseln. Aber das Wort des Mannes, der seinen Arbeitern stets ein fürsorgliches Herz bewahrt, der für ihre Sorgen und ihre Zukunft stets eine hilfreiche Hand gehabt hatte, die Ermahnung dieses Mannes, dem der Essener Kreis eine Wohlhabenheit und sein Wachsthum verdankte, es galt der bethörten Menge weniger, als die Lügen und Verleumdungen der konfessionellen Hetzer, sie gab lieber einem Manne wie Stötzel ihre Stimme, als dem Sohne ihres Wohlthäters. Als Kandidat der ultramontanen Partei siegte jener mit 18993 gegen die 17411 Stimmen, welche Friedrich Alfred Krupp erhielt.
Wie tief schmerzlich mußte die bittere Erfahrung für den greisen Mann sein, daß seine Kraft nicht genügt hatte, um diese Entscheidung zu wenden, wenngleich von den Angestellten der Fabrik selbst keine große Anzahl sich dem feindlichen Lager angeschlossen hatte. Aber es erwuchs ihm nun auch noch die traurige Pflicht, diejenigen, welche sich an der Agitation im Interesse der regierungsfeindlichen Parteien thätig betheiligt hatten, um des Friedens seines Gemeinwesens willen zu entfernen und die von jenen beeinflußten Essener Zeitungen aus dessen Bereiche zu verweisen. Allzulange, das sah er jetzt, hatte er deren gehässigem Treiben freie Bahn gelassen, ohne zu merken, wie selbst seine zuweitgehende Duldung in der schändlichsten Weise gegen ihn ausgebeutet wurde.
Zu spät! Der mächtige Fabrikherr, der seine Agenten in alle Länder der Erde sandte, dessen Erzeugnisse den Stolz fast aller Armeen ausmachten und im Schienen-Netz den ganzen Erdball umspannten, der Herrscher dieses kleinen Reiches, welchen aufzusuchen die mächtigsten Fürsten ebenso wie die gediegensten Männer der Wissenschaft als wünschenswerth betrachteten, er hatte nicht soviel Einfluß im engen Gebiete der Heimath, daß er den Streitern für des Vaterlandes Wohl zum Siege verhelfen konnte. Es war ein großer Kontrast gegen die ungeheuren Erfolge auf dem Gebiete der Industrie und der Wissenschaft, der ihm die letzten Monate seines Lebens verbitterte; denn am 14. Juli nachmittags ereilte ihn der Tod.
~XII.~
Das Ende des Siegers.
Als Alfried Krupp im Jahre 1864 seine Wohnung auf dem »Hügel« bei Bredeney nahm, war er um eine Wegstrecke von anderthalb Stunden dem Fabriklärm entrückt. Aber es verging kaum ein Tag, wo man ihn nicht in früher Morgenstunde diesen Weg zurücklegen sah, hoch zu Roß, in jugendlich elastischer Haltung, unter der dunkelgrauen Klappmütze hervor mit lebhaft scharfem Blick frei hinausschauend in die Welt, in dem eng anschließenden Jaquet und den hohen Reitstiefeln eher als ländlicher Grundbesitzer denn als Herr der großen Gußstahlfabrik zu erachten. Die weiße Farbe des Vollbartes und des welligen Haupthaars schien nur den Eindruck der Lebenskraft und leistungsfähigen Männlichkeit zu erhöhen, den diese hohe stattliche Gestalt hervorrief. Dann stieg er ab vor dem kleinen Elternhause, wo er sein Büreau hatte, ebenso wie vom Jahre 1882 ab sein Sohn Friedrich Alfred, seitdem dieser am 29. April in die Prokura eingetreten war. Er durchschritt die Werkstätten, um sich persönlich von dem Fortgang der Arbeiten, von der Ausführung dieses und jenes neuen Auftrages zu überzeugen, und dort kannte er alle schon längere Zeit beschäftigten Arbeiter persönlich von Angesicht, weigerte er ihnen nicht Rath und Hilfe, wenn sie ihn mit einem Anliegen angingen; dort war aber anderseits Alles in heiligem Respekt vor dem scharfen Auge, dem keine Unordnung und Nachlässigkeit entging. Denn, so treu er dem zu helfen suchte, der seiner Pflicht nachkam, so unnachsichtlich traf den andern Strafe, der den Satzungen und Geboten der Fabrik nicht unbedingt sich fügen wollte. Und mit vollstem Rechte, da die Leitung dieses großartigen Organismus ohne peinlichste Aufrechterhaltung der Ordnung eine Unmöglichkeit war, und nur mit ihrer strengen Durchführung dies regelmäßige Zusammenarbeiten aller Theile erreicht werden konnte, das jeden Beschauer der Kruppschen Fabrik zur staunenden Bewunderung veranlaßt. Man denke nur an den einzigen Akt eines Gusses mittelst Tiegeln, wobei das Gelingen lediglich davon abhängt, daß der Strahl des flüssigen Stahls, welcher in die Gußrinne fließt, auch nicht auf einen Augenblick unterbrochen wird, sondern in stetem Zusammenhang bleibt. Und doch wird er durch den Inhalt von lauter einzelnen Tiegeln, je durch 2 Mann herangetragen, gebildet, deren Zahl sich bei großen Güssen bis zu mehreren Tausenden steigert. Welche peinliche Einübung und Innehaltung der Ordnung gehört dazu, daß jeder der Hunderte von Arbeitern, die bei diesem Akt thätig sind, sich stets am richtigen Platz befindet, um kein Drängen, kein Ueberhasten und auch kein Zuspätkommen eines Tiegels auch nur um ein Zehntel Sekunde zu veranlassen. Hängt doch das Gelingen -- und welchen Werth repräsentirt solch ein Guß! -- lediglich hiervon ab. Und das ist es, was kein anderes Werk nachmachen kann, wozu gewissermaßen die Entwickelung des Kruppschen Werkes aus den kleinsten Anfängen, die Ausbildung und allmähliche Vermehrung eines alten Arbeiterstammes nothwendig war. Mag man andernorts auch in der wissenschaftlichen Grundlage der Fabrikation, in der Untersuchung und Zusammensetzung der Rohstoffe Krupp nachahmen und erreichen; dieser mit ihm und seinem Werk herangebildete und seitdem immer nur neu zu ergänzende Kern tüchtiger Meister und Arbeiter in allen Betrieben ist nicht ohne Weiteres zu gewinnen. Diese Organisation und Heranbildung aller Kräfte ist lediglich Alfried Krupps eigenstes Werk, und wenn wir ihn zu jeder Zeit alles aufbieten sehen, um mit diesen seinen alten Arbeitern in Eintracht zusammenzustehen, so ist es im Grunde genommen nur ein Ausfluß der Lebensaufgabe, welche er sich gestellt hatte. Er wußte und erkannte immer mehr, daß er, um sie zu erfüllen, nicht einen jeden Arbeiter brauchen konnte, daß im Gegentheil das Höchste mit dem Tiegelgußstahl nur dann zu erreichen war, wenn ihm ein durch und durch gefügiges und selbst in den schwierigsten Fällen nicht versagendes Instrument zur Hand sei, und das waren seine Angestellten, seine Arbeiter. Deshalb sind auch seine Wohlfahrtseinrichtungen nicht lediglich als ein Werk seines guten Herzens und seiner Menschenliebe zu betrachten. Daß ihm beides in hohem Maaße zu eigen war, hat er in hundert Fällen bewiesen, wo er namentlich den Nöthen seiner Vaterstadt zu Hilfe kam. Die Einrichtungen seiner Fabrik gehen aber aus höheren Gesichtspunkten hervor; sie erschienen ihm eine Nothwendigkeit, um seine Lebensaufgabe durchzuführen. Es galt, hierfür nicht irgendwelche Arbeiter, sondern die von ihm herangebildeten und organisirten Arbeiter stets zur Hand zu haben. Je größer aber die Fabrik und je schwieriger die Lebensverhältnisse in Essen wurden, desto mehr war zu fürchten, daß an Stelle eines bleibenden, ein immer wechselnder Arbeiterbestand treten würde, wie ja überall zu beobachten ist, daß auf kleinen Betrieben die Arbeiter besser ausdauern, als bei größeren. Es galt, sie zu fesseln, ihnen so günstige Lebensbedingungen zu bieten, daß sie sich wohl fühlten und ihre Zukunft besser in Krupps Fabrik, als sonst wo gesichert sahen. Um sich sein nothwendiges Werkzeug zu erhalten und immer vervollkommnen zu können, schuf Alfried Krupp seine Wohlfahrtseinrichtungen. Daß er aber sie in richtiger Weise schuf, daß er die Punkte stets herausfand, wo er eingreifen mußte, um die Lage der Arbeiter zu bessern und zu sichern, das ist das Verdienst seines mitfühlenden und durch die eigenen Erfahrungen belehrten Herzens.
Wenn wir ihn also auf diesem Gebiete der Lösung der sozialen Frage als Wegführer vorangehen sehen, so ist es nicht der Beschäftigung mit humanen oder sozialen Aufgaben zuzuschreiben; es hat ihm keine Absicht ferner gelegen, als die, ein Wohlthäter der Menschheit oder des Arbeiterstandes als solcher zu werden. Es ist nicht Grübeln und nicht Empfindsamkeit, was ihn leitete, sondern eine große Idee, die ideale Aufgabe seines Lebens, das Erbe seines Vaters zur Anerkennung, zur weitreichendsten Verwerthung zu bringen. Wie Alles, was er that, hierauf zurückzuführen ist, so zeitigte auch die Lösung der sozialen Aufgabe als eine schöne, aber nebensächliche Frucht auf diesem Baume, ein glänzender Beweis des hohen Werthes der idealen Güter.
Als Alfried Krupp das 70. Lebensjahr überschritten hatte, begann sich doch allgemach das Alter fühlbar zu machen. Mit regem Eifer verfolgte er zwar noch die Weiterentwickelung seines Werkes; mit gewohntem Arbeitsdrang brachte er noch in schlaflosen Stunden der Nacht seine Gedanken und Pläne in Worten und Zeichnungen zu Papier, so daß auch jetzt weder dieses noch seine großen Bleistifte neben seinem Bette fehlen durften; und diese Zettel wanderten noch immer früh Morgens zur Fabrik, um in kurzen Worten und Skizzen des Meisters Verfügungen bekannt zu geben; aber er selbst bestieg immer seltener sein Pferd, um nach Essen zu reiten, und selbst seine Besuche im Wagen wurden in den letzten Jahren zu einer Seltenheit; er entbot sich die Beamten zur Villa »Hügel«, wenn es etwas zu besprechen gab. Es mußte ihm schon recht schwer werden, wenn dieser Mann der unermüdlichen Thätigkeit sich an seine Wohnung fesseln ließ. Als es ~Dr.~ Schweninger gelang, seinen Sohn Friedrich Alfred von einem langjährigen asthmatischen Leiden zu befreien, wandte er sich 1885 an ihn auch mit der Bitte, seine zunehmenden Gebrechen zu behandeln. Obgleich er nun einer grundsätzlichen Veränderung der bisherigen Lebensweise sich unterwerfen mußte, folgte er den Rathschlägen Schweningers mit Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit in der ausgesprochenen Hoffnung, »daß er ihn noch zwanzig Jahre halten werde.« Er hing am Leben und war mit seinen Plänen noch lange nicht zu Ende; faßte er doch noch im letzten Lebensjahre den Plan zum Bau einer mächtigen hydraulischen Presse, welche, nach seiner Idee ausgeführt, noch den Riesenhammer Fritz an Leistungen übertreffen sollte. Auch schien die neue Lebensweise einige Zeit sich vorzüglich zu bewähren; er fühlte sich erfrischt und gekräftigt. Aber im Frühjahr 1887 machte sich ein schnellerer Verfall der Kräfte bemerklich, seit Juni fesselte ihn die zunehmende Schwäche ans Bett und am Nachmittag des 14. Juli schlummerte er sanft zu einem anderen Leben hinüber.
Ein Mann von der Weltbedeutung Krupps konnte nicht aus dem Leben gehen, ohne daß die wissenschaftlichen und militärischen Kreise aller Kulturstaaten ihm Gedächtnißkränze in Nekrologen und anerkennenden Abhandlungen widmeten; ohne daß die Fürsten und großen Staatsmänner ihm Palmzweige und Kränze aufs Grab legten und dem hinterbliebenen Sohne ein gnädiges, theilnehmendes Wort sandten; ohne daß die Stadt Essen ihrer sehr berechtigten Trauer um ihren »größten Bürger« einen gebührenden Ausdruck gab; ohne daß endlich die Angestellten der Fabrik eine großartige Trauerfeier veranstalteten. Unter den zahlreichen Telegrammen seien nur zwei, als besonders werthvoll, hervorgehoben, weil sie eine Anerkennung durch die beiden Persönlichkeiten enthalten, welche um unser deutsches Vaterland die höchsten Verdienste sich erworben haben, welche für ewige Zeiten als Gründer des deutschen Reiches im Herzen jedes echten Deutschen leben werden. Es ist ein Telegramm des Kaisers Wilhelm ~I.~:
»_Mainau_, 14. Juli 1887.
Dem Herrn Friedrich Alfred Krupp in Essen, Ruhr.
Für Ihre Mittheilung aufrichtig dankend, spreche Ich Ihnen Meine aufrichtige Theilnahme aus bei dem Hintritt Ihres Vaters, denn Sie wissen, wie hoch Ich denselben geschätzt habe, da er sich mit Kunst einen europäischen Namen erworben hat und für unser eigenes Vaterland von unendlicher Wichtigkeit gewesen ist.
Wilhelm, ~Imperator Rex.~«
und eins des Fürsten Bismarck:
»_Varzin_, den 15. Juli 1887. Herrn Friedrich Alfred Krupp, Essen.
Bei meiner Ankunft hier finde ich Ihr Telegramm von gestern, aus dem ich mit herzlicher Theilnahme ersehe, welchen schweren Verlust Sie und mit Ihnen die Industrie erlitten, die Ihr Herr Vater in seinem Leben zur ersten in der Welt erhoben hat.
v. Bismarck.«
Am 17. Juli fand eine Trauerfeier im engeren Kreise auf Villa »Hügel« statt; um Mitternacht nahm aber die Feuerwehr des Werkes die entseelte Hülle ihres Herrn und Meisters in Empfang, um sie bei düsterem Fackelschein zur Fabrik zu geleiten. Im kleinen Elternhause ward sie nach dem Willen des Verstorbenen aufgebahrt. Schauerlich still war es in den mächtigen, weithin sich erstreckenden Gebäuden der Fabrik um diese Stunde geworden; die Feuer waren gelöscht und rauchlos starrten die schwarzen Schlote zum Himmel; still standen die Dampfmaschinen, keins der tausende von Rädern drehte sich, kein Ambos ertönte unter dem Schlag des Hammers; die Fabrik trauerte um ihren Herrn, sie stand still und lauschte dem, was sich nun in dem kleinen Hause begeben würde. In langen Reihen aber stellten sich am Vormittag die Tausende der Arbeiter im Festkleide längs der Trauerstraße auf, lang wallten von den Kaminen und Giebeln die schwarzen Trauerflaggen herab, trübe schimmerten die Gasflammen durch die mit Flor umhüllten Laternen. Hundert der ältesten Arbeiter trugen dem Sarge die Palmen und Kränze voraus, welche auf dem Wagen nicht Platz fanden, und so bewegte sich nach 10 Uhr der Zug unter feierlichen Klängen langsam durch das Spalier der nach ihren 26 Betrieben geordneten Arbeiter hinaus aus dem Bereich der Räume, die wie ausgestorben erschienen, seitdem der Odem des großen Mannes entflohen war, welcher ihnen Leben eingeathmet hatte. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß neben dem Prinzen Heinrich ~XIII.~ von Reuß-Köstritz, welcher als Vertreter des Kaisers erschienen war, Abgesandte zahlreicher hoher Behörden, der industriellen Körperschaften und Vereine sowie die sämmtlichen Honoratioren der Stadt Essen dem Sarge folgten; auch der Bischof ~Dr.~ Kopp von Fulda, welcher zufällig in Essen weilte, sowie der katholische Pfarrer Beising betheiligten sich. Die Rede des Superintendenten Gräber gab den Gefühlen Ausdruck, welche die Einwohner der Stadt Essen erfüllte, indem er sagte: »Für uns war er nicht nur der außerordentliche Mann, nicht nur für uns der Fürst der Industrie, der Ruhm unserer Stadt, der Gründer des Welt berühmten Werkes, das er mit tiefer Einsicht, mit rastloser Thätigkeit, mit kühnster Energie aus den geringsten Anfängen zu größtem Erfolge geführt, uns war er mehr: ein Wohlthäter den unzähligen Vielen, welche ihr ganzes Lebensglück ihm verdanken, ein Vater seiner Arbeiter, für deren Wohl er sorgte.« Und nicht anders sprach der Vorsitzende der Prokura Geh. Finanzrath Jencke im Namen der Beamten und Arbeiter: »-- -- Den wir hier begraben, er war uns ein Vorbild in jeder Beziehung, ein Mann von unermüdlicher, fleißiger, unerschütterlicher Thätigkeit und Beharrlichkeit, von außerordentlicher Energie, Gewissenspflicht und großer Strenge gegen sich selbst; der Mann, den wir hier begraben, war bahnbrechend für die Industrie, er hat Erfolge errungen, die anerkannt werden auch über die Grenzen des engeren Vaterlandes hinaus, er war das Beispiel eines glühenden Patrioten, dem kein Opfer zu groß war für sein Vaterland. Das aber ist es nicht, was ich an dieser Stelle auszusprechen beabsichtige: das Leben des Verstorbenen gehört der Geschichte an. So lange die deutsche Nation besteht, so lange wird auch sein Name unvergessen bleiben. Seltene Männer, die das Jahrhundert nur einmal hervorbringt, das sind und bleiben Marksteine in der Geschichte des Volkes. Was ich an dieser Stelle sagen möchte, ist das Bekenntniß des Dankes, den Tausende und Abertausende empfinden, welchen er nicht nur Arbeit und Brot gegeben, sondern denen er ein Vater gewesen ist; es war nicht Eigennutz, noch weniger vermeintliche Wahrnehmung eigener Interessen, was den Entschlafenen bestimmte, schon vor Jahrzehnten mit seinem weiten Blick der Strömung der Zeit weit vorauseilend, in umfassendem Maaße dafür zu sorgen, daß der Arbeiter ein Heim habe, daß er in Krankheit und Unglück nicht in Noth gerathe und im Alter nicht verlassen, hilflos und elend dastehe, sein Herz war es, welches ihn trieb, der Noth und dem Elend zuvorzukommen, sein Herz war es, welches ihn trieb, das Leben derer, welche für ihn, mit ihm und unter ihm arbeiteten, freundlich zu gestalten, sein Herz veranlaßte ihn, die Thränen der Wittwen und Waisen zu trocknen....«
Die Fürsorge des Entschlafenen für seine Arbeiter, welche Herr Jencke mit so beredten Worten hervorhob, gab sich auch in seinem fürstlichen Vermächtniß kund; am 3. August verkündete ein Maueranschlag, daß der jetzige Besitzer »in Uebereinstimmung mit einem von seinem entschlafenen Vater gehegten Wunsche« ein Kapital von einer Million Mark für eine Stiftung ausgesetzt habe, deren Erträge ausschließlich den Arbeitern der Fabrik und der dazu gehörenden Werke und den Angehörigen dieser Arbeiter zu Gute kommen sollten. Der Stadt Essen aber ward eine halbe Million für wohlthätige und gemeinnützige Zwecke ausgesetzt. Der Beweis ist hierdurch sicherlich dafür erbracht, daß Krupp ein mitfühlendes Herz für die Noth und volles Verständniß für die Bedürfnisse seiner Mitbürger und Arbeiter hatte, da er auch über das Grab hinaus noch dazu beitragen wollte, für zukünftige Unglücksfälle und Nothlagen Fürsorge zu treffen; aber trotzdem glaube ich das Motiv der Herzensgüte dem der idealen Auffassung seiner Lebensaufgabe unterordnen zu müssen. Letztere war gewissermaßen der starke Stamm, welcher in der weit ausladenden Krone seines Lebenswerkes sich entfaltete, welcher den verschiedenen Zweigen, ob sie ins Gebiet der Friedens- oder Kriegstechnik oder in das der sozialen Fragen hineinragten, die Nahrungssäfte zuführte, sie mit Blüthen und Früchten sich schmücken ließ. Seine reichen Naturanlagen, seine Schaffenskraft und seine Erfindungsgabe, seine Unermüdlichkeit und seine Beharrlichkeit, seine Vaterlandsliebe und sein warmes Mitgefühl für seine Nächsten, das waren die starken Wurzeln, die dem Baum den festen Halt gewährten in den brausenden Stürmen, wenn diese seine Zweige zu brechen und ihr Wachsthum zu schädigen drohten, die dem Stamm dienstbar waren zur Gewinnung und Aufspeicherung der Lebenssäfte, deren die Krone bedurfte.