Alfried Krupp: Ein Lebensbild

Part 12

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Aus dem Wortlaut dieser Ermahnung ist ebenso wie aus der sie veranlassenden Entlassung evangelischer Arbeiter in einzelnen Betriebsabtheilungen zu entnehmen, daß nicht nur in den unteren Gebieten der Angestellten, sondern ziemlich weit in die Kreise der Vorgesetzten hinauf die konfessionelle Zwietracht ihre zersetzenden Einflüsse geltend machte. Die Strenge, mit welcher Krupp vorging, ist deshalb wohl motivirt, da er unter allen Umständen Frieden und Eintracht in seiner Fabrik erhalten wollte und diese mit vollem Recht allein bei der Duldsamkeit in religiöser Beziehung für erreichbar hielt. Es war ein nothwendiger Akt der Nothwehr, zu welchem er schritt, um für seinen Theil das Seinige beizutragen zur Sicherung des Gemeinwohls, indem er diejenigen unnachsichtlich entfernte, welche an Stelle der bisher geübten Toleranz die Verfolgung Andersgläubiger glaubten üben zu dürfen. Frieden und Vertrauen wurden dadurch untergraben, Unzufriedenheit erregt und den zersetzenden Agitationen Thor und Thür geöffnet. Bald genug sollten Zeiten kommen, welche mit den wirthschaftlichen Schwierigkeiten, die den Fabrikbesitzern erwuchsen, auch den Arbeitern die Gefahr vor Augen führten, die die Geschäftsstockung ihnen brachte, und welche die ernste Mahnung an Alle richteten, in Eintracht zusammenzustehen, und nicht in Mißgunst sich zu übervortheilen. Die Jahre des Aufschwungs der Industrie, wie sie dem französischen Kriege gefolgt waren, hatten zu einer Entwickelung der Etablissements und zu einer Ueberproduktion geführt, welche einen empfindlichen Rückschlag nach sich ziehen mußten. Gleichzeitig waren mit der vermehrten Nachfrage die Löhne der Arbeiter stark in die Höhe gegangen und die Preise der Rohmaterialien, Eisen und Kohlen, in noch stärkerem Maaße gestiegen, so daß sie zu den Preisen der Fertig-Fabrikate gar nicht mehr im Verhältniß standen. Als nun der Absatz der Waaren ins Stocken gerieth, als die meisten Werke ihren Betrieb einschränken und dadurch vertheuern mußten, da konnte die Gußstahlfabrik sich der gleichen Einwirkung in geschäftlicher Beziehung nicht entziehen und nur die gerade in diesen Jahren recht bedeutenden Geschützlieferungen hielten den starken Ausfällen auf den Gebieten der Friedensartikel jetzt die Waage. So erntete Krupp jetzt für die Opfer, die er früher der Entwickelung der Waffenfabrikation in seiner Fabrik gebracht hatte, den wohlverdienten Lohn. Sie gestattete ihm im Jahre 1874 die Arbeiterzahl von 11690 und selbst im folgenden Jahre noch 10200 Köpfe. Aber durch die großartigen Neuerwerbungen und Neuanlagen der letzten Jahre, welche, wie früher erwähnt, nicht nur der Selbständigkeit und Leistungsfähigkeit des Etablissements, sondern in hervorragendem Grade auch seinen Angestellten zu Gute kamen, waren sehr bedeutende Kapitalien festgelegt worden. Krupp hatte, seinem alten Grundsatz getreu, wiederum nichts kapitalisirt, sondern seine enormen Einnahmen im Interesse der Fabrik wieder verwendet. In den Jahren der fortschreitenden Entwickelung war mittelst der zunehmenden Produktion auch der Gewinn gewachsen und die Amortisation der für Neuanlagen verwendeten Kapitalien rasch vor sich gegangen. Nun aber stockte das Geschäft, die neuangelegten Betriebserweiterungen konnten nicht benutzt und ausgenutzt werden. Die Kapitalien lagen todt, ohne Zins zu bringen, und zum ersten Male seit langen Jahren sah sich Alfried Krupp wieder ein Mal einer wirthschaftlichen Krisis gegenüber. Allerdings war sie leicht zu überwinden, denn dem Verlangen der Firma, eine Anleihe von 30 Millionen gegen Verpfändung ihrer sämmtlichen industriellen Anlagen und Bergwerke aufzunehmen, ward mit größter Bereitwilligkeit begegnet. Im April 1874 ward sie perfekt unter der Bedingung einer Rückzahlung innerhalb 10 Jahren zum Kurse von 110 und bis dahin zum Zinsfuß von 5%. Man erinnere sich, daß zu gleicher Zeit 4 Dampfer fertig wurden, der Schießplatz zu Visbeck erworben und die Arbeiter-Kolonien erbaut worden waren, um den Bedarf so großer Geldmittel zu verstehen. Denn es überrascht zunächst, daß Krupp zu einer so großen Anleihe sich entschließen mußte, wenn man die Zahlen betrachtet, welche bis zu dieser Zeit immer im Steigen begriffen waren und einen bisher noch nicht erreichten Höhepunkt der Entwickelung zu bezeichnen scheinen. Das Areal der Gußstahlfabrik bei Essen erreichte, abgesehen von allen nicht in unmittelbarem Zusammenhang damit stehenden auswärtigen Besitzungen, die Ausdehnung von rund 307 ~ha~ gegen 230 ~ha~ im Jahre 1872, die Arbeiterzahl blieb 1874 nur wenig hinter dem Maximum von 1873 zurück. Aber in der Produktion zeigte sich eine Abnahme, sie betrug 1874 nur 110000 ~t~ gegen 125000 ~t~ im Vorjahre, und Krupp's weitschauendem Blick entging es nicht, daß ein weiterer Rückgang mit Bestimmtheit zu erwarten war; als ein kluger Wirthschafter benutzte er die noch günstigen Verhältnisse, um Kapitalien flüssig zu machen, welche er wahrscheinlich in den nächsten Jahren nur mit noch größeren Opfern bekommen hätte.

* * * * *

So schließt diese Periode des Aufschwunges der Fabrik mit einem Schritt der weisen Fürsorge. Der geniale Geschäftsmann verhehlte sich nicht, daß die nächste Zeit schwere Gefahren -- sowie für die ganze deutsche Industrie -- so auch für ihn und sein Werk im Schooße trug: die wirthschaftlichen Schwierigkeiten würden sich zunächst noch steigern, der Absatz der Erzeugnisse noch weiter zurückgehen, die Thätigkeit der Fabrik und damit die Arbeiterzahl beschränkt werden müssen; anderseits waren in den sozialdemokratischen und ultramontanen Bestrebungen ihm Feinde erstanden, welche voraussichtlich nicht durch den einmal abgeschlagenen Angriff sich würden einschüchtern lassen, sondern ihre heimliche Wühlarbeit immer auf's Neue beginnen, um sein Verhältniß zu seinen Untergebenen zu untergraben. So fest und unverzagt er, im Bewußtsein seiner stets im vollsten Maaße erfüllten Pflicht gegen seine Untergebenen, den weiteren Unternehmungen dieser Gegner entgegensah, so wenig durfte er die Bedeutung ihrer unheimlichen im Verborgenen rastlos betriebenen Arbeit unterschätzen. Dieser Feind war, weil in seinen Mitteln rücksichtslos und gewissenlos, in seinen Erfolgen unberechenbar, viel schlimmer als die geschäftlichen Krisen, welche auch zu bestehen sein würden. Denn im gegenseitigen Vertrauen mit seinen Arbeitern glaubte er letztere bei der stetig gleichbleibenden Güte seiner Erzeugnisse wohl überwinden zu können. Wenn aber das Werkzeug, wenn seine Angestellten, ihn im Stiche ließen, dann stand alles auf dem Spiele. Deshalb richtete er in den nächsten Jahren sein Augenmerk unablässig auf Mittel, welche ihm zur Belehrung seiner Untergebenen, zur Kräftigung ihrer Gesinnung, zur Erhaltung ihrer Treue dienen könnten und versäumte so auch im Interesse des Staates, des Gemeinwohls nichts, um den kommenden Gefahren vorzubeugen.

~IX.~

Schwere Jahre.

Mit der ersten, dem Geschäftsrückgang entsprechenden Maßregel ging Krupp sofort vor. Es war die für seine Arbeiter empfindlichste und doch im allseitigen Interesse voraussichtlich nicht zu umgehende; deshalb entschied er sich für ihre sofortige Ergreifung, um eine klare Situation zu schaffen. Er setzte sämmtliche, in den letzten Jahren unmäßig gestiegenen Löhne herab und kündigte diese Maßregel mit folgender offenen und ehrlichen Begründung seinen Angestellten an:

»Vergangene Jahre, welche allen Fabriken und Bergwerken so außergewöhnliche Arbeit brachten, haben den Arbeitern außergewöhnliche Löhne zugeführt. Diese scheinbar glückliche Zeit hat in das Gegentheil sich umgewandelt: _Arbeit ist jetzt wenig geboten_ und _Entlassungen_ werden auf allen Werken vorgenommen. Auch die Gußstahlfabrik war zum ersten Male in dem Falle, eine größere Anzahl von Leuten entlassen zu müssen. Da die Löhne nicht im Verhältniß stehen zu den erreichbaren Verkaufspreisen, so wird für alle Zweige der Fabrik eine _Ermäßigung der Löhne_ nothwendig eintreten müssen, solange, bis ein richtiges Verhältniß zwischen Selbstkosten und Verkaufspreisen wieder hergestellt sein wird. Diese Ankündigung geschieht hiermit im Voraus, damit Niemand plötzlich überrascht werde. Ueber das Maaß und die Dauer dieser Lohnermäßigung läßt sich heute nichts sagen; sie hängt von den Zeitverhältnissen ab. Bei Durchführung dieser Ermäßigung hofft die Firma indessen es zu ermöglichen, daß alle ihre Werke in voller Kraft fortarbeiten können. Es wird ihr dabei zur größten Befriedigung gereichen, wenn alle treuen Arbeiter -- trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse ruhig und ohne Sorgen für ihre Zukunft -- fortdauernd beschäftigt bleiben können, und sie wird nach wie vor bestrebt sein, denselben die Vortheile der Beschaffung aller Lebensbedürfnisse in möglichst erweitertem Maße zuzuführen. Ich bedaure diese Nothwendigkeit der Lohnherabsetzung, verbinde damit aber die bestimmte Erklärung, daß jeder Ausdruck von Unzufriedenheit als Kündigung anzusehen ist.

Essen, Gußstahl-Fabrik, den 28. Dezember 1874

(gez.) Fried. Krupp.«

Die große Bedeutung der Wohlfahrtseinrichtungen mußte in den nun folgenden knapperen Jahren den Arbeitern recht fühlbar werden. Sie sind nicht ohne Berechtigung in der Bekanntmachung hervorgehoben, denn soeben war die große Central-Verkaufsstelle eröffnet worden, welche außer den Ladenräumen für Kolonial-, Manufaktur-, Schuh-, Eisenwaaren und Hausgeräthen ein Reservelager für Manufakturwaaren, eine Schneider-Werkstatt, eine Speise-Anstalt und Wohnungen für das Personal, ferner Lagerkeller für Wein, Bier, Leder-, Woll- und andere Waaren, ein Lager von Möbeln und Nähmaschinen enthält; und die Bäckerei war durch einen Neubau mit 12 Backöfen und 3 Knetmaschinen erweitert worden. So war Krupp angesichts der kommenden wirthschaftlich ungünstigeren Jahre bei Zeiten darauf bedacht, seinen Arbeitern deren Ueberwindung nach Möglichkeit zu erleichtern. Anderseits zeigte die stetig zunehmende Beanspruchung der Konsumanstalten, daß die Arbeiter auch die ihnen hieraus erwachsende Erleichterung und Wohlthat wohl auszunutzen wußten. Die Gesammt-Einnahme der Konsumanstalten, welche 1871/72 sich auf 1445500 Mk. belief, stieg von Jahr zu Jahr und bezifferte sich 1874/75 auf 3230000 Mk., beinahe ½ Million mehr als im Vorjahr, wo doch die Arbeiterzahl wesentlich höher gewesen war.

Ob die Fürsorge Krupps auch von seinen Arbeitern durchweg gewürdigt und anerkannt wurde, ist fraglich. Es entging ihm nicht, daß mit den zunehmenden wirthschaftlichen Schwierigkeiten die sozialdemokratische und sozialistisch-ultramontane Agitation immer mehr Boden in der Gußstahlfabrik fand, um ihre giftige Saat auszustreuen. Gespart hatten die Arbeiter in den verflossenen fetten Jahren nichts, die Unzufriedenheit nahm mit den knappen Löhnen und der beschränkteren Lebensführung zu. Als er sich umsah nach Hilfsmitteln, um dem heranschleichenden Gegner des Mißtrauens, des Treubruchs zu begegnen, da fiel Krupp eine kleine Schrift in die Hand, welche ein anderer erfahrener Fabrikbesitzer, Friedrich Harkort in Wetter an der Ruhr, soeben unter dem Titel »Arbeiter-Spiegel« herausgegeben hatte. Sie war ihm aus der Seele geschrieben, er ließ sie sofort in mehreren tausend Exemplaren abdrucken, und mit folgendem, selbst verfaßtem Vorwort im Februar 1875 an seine Arbeiter vertheilen:

»Ein Rückblick auf das verflossene halbe Jahrhundert erweist einen so großen Wechsel in der Lage des Arbeiterstandes zwischen damals und jetzt, daß Betrachtungen über die nächste und fernere Zukunft und über die Mittel, zum Nutzen derselben Beistand zu leisten, wohl eine Pflicht geworden sind für jeden Betheiligten und Berufenen. Der Umschwung der letzten zehn Jahre zeigt abwechselnd Noth und Wohlstand, niedrigen Lohn und nie dagewesene Höhe desselben. Außerdem trat aber die auffallende Erscheinung zu Tage, daß _mit dem Steigen der Löhne die Unzufriedenheit zunahm_ und daß zur Zeit, als Jedermann Fortdauer der bestehenden günstigen Verhältnisse hätte wünschen sollen zum Besten aller Betheiligten -- Arbeiter und Arbeitgeber, -- sogar Einstellung der Arbeit auf manchen Werken erfolgte, um durch Druck auf den Arbeitgeber noch höheren Lohn zu erpressen. Man trachtete sogar dahin, durch Entziehung des Bedarfs an Kohlen auch den Stillstand der Gußstahlfabrik zu erzwingen, als solche für lange Zeit im Voraus dringende Arbeit, vorzugsweise für den Staat übernommen hatte. Durch große Opfer ist damals dieses Unglück, welches doch am härtesten die Arbeiter der Fabrik betroffen haben würde, abgewendet worden. Nicht Freunde der Arbeiter haben dies veranlaßt. Es waren ihre eigenen Feinde, die von der Unterstützung des zum Theil verleiteten Arbeiterstandes leben und an die Spitze desselben sich zu schwingen hoffen. Unter dem Schein der Fürsorge wollen sie die Arbeiter ruiniren, um zu ihren selbstsüchtigen, räuberischen Zwecken aus der Kraft solcher Hilfsloser sich willige Werkzeuge zu schaffen, wenn der Zeitpunkt zum Umsturz der Ordnung ihnen günstig erscheint.

Erfüllt von solchen Sorgen für das Wohl des Arbeiterstandes entdecke ich eine Schrift: »Arbeiter-Spiegel von Friedrich Harkort«, welche ich der Beherzigung empfehle, weil sie die Lage der Arbeiter, die Ursachen der Beschwerden, ihr Recht und ihr Unrecht klar schildert und den richtigen Weg zeigt, der allein zum dauernden Wohlergehen und zur Zufriedenheit führt. Der Name des Verfassers bürgt dafür, daß er nur diese uneigennützige Absicht befolgt. Schon vor fünfzig Jahren hat derselbe Mann und jetzt hochbetagte Greis viele Arbeiter beschäftigt; er war derjenige, der vor ca. 45 Jahren zuerst den Puddlingsprozeß in Deutschland und zwar in Wetter a. d. Ruhr einführte trotz Kosten, Mühe und Gefahr. Hunderttausende von Menschen haben jetzt in Deutschland ihr Brod von dieser so wichtig gewordenen Industrie. Damals, als ich noch wenige Arbeiter beschäftigte, habe ich seinen Unternehmungsgeist bewundert und verdanke ihm und anderen großen Beispielen die Anregung zu eigenem Streben. Wenn ein Mann, der seit dem Rücktritte aus der gewerblichen Thätigkeit sein Leben durch Sinnen, Wort und Schrift so reichlich dem Wohle der arbeitenden Klassen und namentlich der Volksbildung gewidmet hat, eine Schrift wie diese veröffentlicht, so darf dieselbe wohl als ein Gruß an seine Schützlinge, als ein am Lebensabend geschriebenes Vermächtniß angesehen und geehrt werden, und deshalb empfehle ich mit gleicher Wärme für das Wohl des Arbeiterstandes die erwähnte Schrift zur allgemeinen Kenntniß und Beherzigung. Der Kern der Schrift ist ein Beweis, daß Fleiß, Treue, Mäßigkeit, Sittlichkeit und Ordnung im Hauswesen und in der Familie die sicheren Grundlagen des Wohlergehens und der Zufriedenheit sind, und daß diese Tugenden selbst Schutz bieten in schlechten Zeiten, daß dagegen trotz aller Fähigkeit, trotz aller List und feindseliger mächtiger Vereinbarungen am Ende Unbotmäßigkeit, Unordnung, Unsittlichkeit selbst bei zeitweise erpreßtem hohem Lohn ins Verderben stürzen. Das Schicksal der Arbeitseinstellungen in England hat Unglück gebracht über Hunderttausende, die jetzt ohne Arbeit sind und zum Theil bleiben werden. Die treu bewährten guten Leute wird man selbst in schlechten Zeiten mit Vorzug und Opfern schützen -- die schlechten, welche auf kein Mitgefühl rechnen können, wird man bei der nächsten Gelegenheit entfernen. Und so wird es auch auf der Gußstahlfabrik gehalten sein und bleiben.

Aber Fleiß, Treue und Geschicklichkeit bei der Arbeit verbürgen allein noch nicht den dauernden Werth des Mannes. Er muß auch durch seine _Führung außerhalb der Fabrik_, durch sein _Hauswesen_ und durch die _Erziehung seiner Kinder_ sich Achtung erwerben und das Vertrauen zu seiner Beständigkeit. Man wird zum Nutzen des großen Ganzen auch hierauf mit Sorgfalt die Beobachtung richten.

Ich begleite diese Zeilen noch mit einer Bemerkung, welche durch die Zeitumstände hervorgerufen wird. Ich wünsche nämlich, daß auf allen Werken der Gußstahlfabrik bis in die fernsten Zeiten _Friede_ und _Eintracht_ herrsche _zwischen den Konfessionen_, wie dies bisher stattgefunden. Nach einer 48jährigen Thätigkeit als Arbeitgeber bekenne ich mit Freuden, daß ich, obgleich protestantisch, von Anfang an immer in der Mehrzahl katholische Arbeiter und Meister hatte, und daß ich niemals einen Unterschied bemerkte in der Treue; vielmehr habe ich der treuen Hingebung einer namhaften Zahl von ihnen aus allen Konfessionen zum großen Theile das Gelingen meiner Unternehmungen zu verdanken. Am Abend meines eigenen Lebens äußere ich die Hoffnung, daß es ferner so bleiben möge. Ich wünsche auch, daß die Kinder aller Konfessionen in den Schulen und auf den Spielplätzen, welche ich ihnen errichtete, sich befreunden, damit sie später als Männer, jeder nach seiner Kraft und Befähigung, auf den Werken der Fabrik in Gemeinschaft und in gutem Einvernehmen ihren Beruf erfüllen und ihr Brod erwerben. Denn Einigkeit ist die Bedingung der allseitigen Zufriedenheit und des Segens der Arbeit. Wer dieselbe zu stören wagen möchte, sei er jung oder alt, stehe er hoch oder niedrig, der soll entfernt werden. Ich hoffe aber, daß solcher Fall niemals bei uns eintreten wird, daß vielmehr Jedermann auch in dieser Beziehung sich bestreben wird, die Wohlfahrt Aller zu befestigen.

Mit diesem warmen Wunsche schließe ich.

Februar 1875. Alfred Krupp.«

Auch in diesem Schriftstück betont Krupp wieder den konfessionellen Frieden. Es sind seine schlimmeren Feinde, die Hetzkapläne, welche die durch den Kulturkampf irre gewordenen Arbeiter gegen ihren protestantischen Fabrikherrn zu erregen suchen. Es ist der große Kampf des paritätischen preußischen Staates, der sich hier in den kleineren Verhältnissen des auf paritätischer Grundlage aufgebauten Etablissements widerspiegelt. Mittelst der Phrasen von Arbeiterausbeutung und Bereicherung der Besitzer konnten die staatsfeindlichen Elemente an Krupps Arbeiter nicht heran. Diese hatten in guten und bösen Zeiten doch zu gut ihres Herrn Fürsorge kennen gelernt, als daß sie dagegen die Vorspiegelungen der Agitatoren in gutem Glauben gern vertauscht hätten. Sie konnten bei der gegenwärtigen traurigen Lage aller wirthschaftlichen Verhältnisse es nirgend besser haben, als in der Gußstahlfabrik. Die sozialdemokratischen Wühler, deren Hetzereien am meisten Anknüpfungspunkte in den verflossenen Jahren des industriellen Aufschwunges gefunden hatten, schoben aber jetzt ihre sozial-ultramontanen Genossen ins Vordertreffen, die Agitation ward vom Geldbeutel auf das Gewissen übertragen, um das Vertrauen zu dem Ungläubigen zu untergraben und konfessionelle Streitigkeiten zu erregen. Auf diese Weise ward der Grund und Boden vorbereitet, auf welchem später die Saat der politischen Unzufriedenheit desto besser Wurzel schlagen konnte. Wenn auch zur Zeit Krupps Ermahnungen mit bestem Erfolg gekrönt zu sein schienen, so sollten doch die späteren Ereignisse ihn von dem tiefbetrübenden Erfolge überzeugen, welchen die stetige und unermüdliche Wühlarbeit seiner unheimlichen Feinde errungen hatte; er fand nicht mehr bei Allen den alten Glauben an sein Wort, das alte Vertrauen zu seiner Führerschaft; sie gingen andere Wege als ihr Herr und Meister.

Als in dem folgenden Jahre die Aufträge weiter zurückgingen, als die Arbeiterzahl der Gußstahlfabrik von 9741 im Januar 1876 auf 8322 im Dezember vermindert werden mußte und auch die Zahl der Grubenarbeiter von 6839 auf 6111 Mann herabsank, glaubte Krupp eine Maßregel einführen zu müssen, welche lediglich auf eine Lohnverbesserung seiner Arbeiter hinzielte, jedenfalls aber von seinen Gegnern in anderem Sinne ausgebeutet wurde. Bislang war eine größere Zahl von Feiertagen -- meist Festtage der katholischen Kirche -- in der Fabrik gebräuchlich gewesen, wodurch die evangelischen mit den katholischen Arbeitern zur Unthätigkeit und hierdurch zum Verlust des Arbeitslohnes an diesen Tagen gezwungen worden waren. Krupp legte die Sache dem Generalvikar von Münster zur Begutachtung vor und erst, als er von dieser Seite die Antwort erhielt, daß keine Bedenken gegen sein Vorhaben zu erheben seien, sofern den katholischen Angestellten nur der Besuch der Messe ermöglicht werde, verfügte er am 3. Januar 1876 Folgendes:

»Die ungünstigen Zeitverhältnisse, welche eben so nothwendig für den Arbeitgeber große Verluste, wie für den Arbeiter Schmälerung der Einnahmen herbeiführen, veranlassen die Firma, um diesen Uebelständen im beiderseitigen Interesse entgegen zu arbeiten, folgende Regel aufzustellen:

1. Es soll die Arbeit in Zukunft außer an den Sonntagen nur an den gesetzlichen Feiertagen ruhen, nämlich: Neujahrstag, Charfreitag, Ostermontag, Bettag, Christi Himmelfahrtstag, Allerheiligentag, Pfingstmontag, Weihnachtsfest.

2. An allen anderen Tagen, an denen bisher nicht gearbeitet worden, u. a. am: h. Dreikönigstag, Fastnachtsmontag, Lichtmeßtag, Mariaverkündigungstag, Maikirmeßmontag, Frohnleichnamstag, Peter- und Paulstag, Mariaempfängnißtag, Herbstkirmeßmontag, soll in Zukunft gearbeitet werden.

3. Um den katholischen Arbeitern die Anhörung der Messe an den unter 2 genannten Feiertagen zu erleichtern, hat sich die Firma an die Ortsgeistlichkeit gewandt. Insoweit es zeitweilig nicht möglich sein möchte, daß früh genug Messe gelesen wird, soll denjenigen Arbeitern, welche am Morgen des vorhergehenden Tages darum bitten, Urlaub zur Anhörung der 6 Uhr-Messe gegeben werden, Fortbleiben ohne Urlaub wird indeß, wie in jedem anderen Falle, zur Aufrechterhaltung eines geordneten Betriebes nach Maßgabe des Arbeiterreglements bestraft werden.

Gußstahlfabrik, den 3. Januar 1876.

Fried. Krupp.«

Einige fest angestellte Meister und Beamte erblickten in dieser Maßregel eine Ungerechtigkeit und baten in einer Petition um Aufhebung der Verfügung. Krupp antwortete hierauf, daß er glaube, dem religiösen Bedürfniß der Katholiken genügt zu haben, indem er die Anhörung der heiligen Messe ermöglicht und Schritte gethan habe, um dies noch zu erleichtern. Befragte würdige katholische Geistliche hätten wegen Beengung des Gewissens und der religiösen Ueberzeugung keinerlei Bedenken gehabt. Die Firma habe nur eine mißbräuchliche Gewohnheit beseitigt. Welchem bösen Schein setzten sich bei Denkenden diejenigen aus, die im festen Lohn und Gehalt stehen, wenn sie an diesen Tagen feiern wollten! Sie verlören dadurch nichts, erwirkten aber für die Arbeiter, denen dadurch ihr Verdienst entginge, großen Verlust. Dabei dürfe auch nicht vergessen werden, daß auf der Fabrik viele Evangelische in Arbeit ständen, die mitfeiern müßten, wenn die Katholiken feierten. Jeder von denen, die die Petition mit unterschrieben hätten, wisse, daß ein in die Woche fallender Feiertag der Fabrik viele Tausende von Thalern koste durch Verlust an Hitze, Dampf und Generalunkosten. Es sei besser, diese Verluste auszugleichen durch Arbeit, als durch Lohnreduktion, besonders in jetziger Zeit, wo der Lohn leider ohnehin schon vermindert werden müsse, wenn die Fabrik überhaupt in Arbeit bleiben solle. Die Anordnung der Firma werde daher nicht aufgehoben werden. »Vor 50 Jahren,« so fährt Herr Krupp fort, »trat ich die Fabrik an und so wie ich seither gedacht und gehandelt habe, wird es auch fernerhin geschehen. Die alten Mitarbeiter wissen noch, wie ich 1848 mein letztes Silber einschmelzen ließ, um nur keine Arbeiter entlassen zu müssen. Rechnend auf die Einsicht und Treue besonders meiner älteren Mitarbeiter, habe ich dies selbst und ausführlich geschrieben, weil ich als Freund zum Guten rathen wollte. Möge Jeder in seinem Kreise so dasselbe thun. Wer in unserem Verbande bleiben will, darf sich dieser Einsicht nicht verschließen.«