Part 8
Indeßen, da ich unter ganz veränderten Umständen bei ihnen eintreten werde und die mündliche Erzählung meiner Erfahrungen höchst angreiffend für Sie und mich seyn würde: so erlaube ich mir dieselbe in diesem Schreiben voraus zu schicken, und in der Ueberzeugung, daß es ihnen angenehm seyn wird, wenn ich damit die Fortsetzung meiner Reisebeschreibung liefere (da durch ein, in mein Schicksal genau verflochtenes Ereignis, dessen ich später erwähnen werde, ein Brief von mir nicht in ihre Hände kommen konnte, welchen ich in einer wichtigen Periode meiner Abwesenheit an sie schrieb): will ich den abgerissenen Faden derselben wieder anknüpfen.[*] Meinen lezten Brief erhielten Sie von Valenciennes, von wo ich über Lille nach Callais gieng, um mich hier nach England einzuschiffen. Wir hatten günstigen Wind und landeten, nach einer 8 stündigen Fahrt glücklich in den Haven zu Dover an. Eine ganz eigene unangenehme Empfindung ergrif mich, als ich den Brittischen Boden betrat. Es war mir unmöglich über sie Herr zu werden und schon überlegte ich bei mir selbst: ob ich nicht lieber umkehren und durch Holland in mein Vaterland zurück reisen sollte. Jedoch der Wunsch, das berühmte London und die rege Betriebsamkeit der Engländer, so recht im Innern des Landes kennen zu lernen, trug leider den Sieg über jene richtig bange Ahnung davon, und ich sezte meine Reise weiter fort.
Sobald ich das Land erreicht hatte, empfand ich das Wohlthätige der in England treflichen Einrichtungen und Anstalten für Reisende. Wege, Posten und Gasthäuser befriedigen jede, auch noch so strenge Forderung; und die milde Seeluft, die fruchtbaren frischen Triften, mit ihrem unbeschreiblichen schönen Grün, herrliche Getraidfelder, dies alles vermehrte die Annehmlichkeiten meiner Reise durch die Landschaft Kent welche ich zuerst passirte. Auch weiterhin fand ich das englische Klima mild und angenehm, die Gegenden gesegnet und fruchtbar; einige Wenige ausgenommen; nur in den Fabrickstädten so wie in London selbst, macht der Steinkohlen-Dampf der unendlich vielen Rauchstätten, die Luft schwer und trüb. Wir näherten uns der Themse. Ich nahm meinen Weg ganz an ihrem südlichen Ufer, besah die Stadt ~Wolwich~, wo man die, zur englischen Seemacht nothwendigen Schmieden, Magaziene und Fabricken findet und erreichte bald das berühmte und wohlthätige Institut für invalide Soldaten zu ~Greenwich~. Ich verweilte mit vielem Intresse darinnen: denn nirgends sah ich eine ähnliche zweckmäsige und für die Bedürfniße sowohl als für die Zufriedenheit der abgelebten Helden so gut berechnete Anstalt. Nicht unerkannt, nicht unbelohnt darf in England der Krieger zu Wasser und zu Land seine Kräfte und seine gesunden Glieder dem Vaterlande opfern; er weiß, daß am Ende seiner Laufbahn ihm Ruhe, Pflege, ja selbst noch Vergnügen winkt. In ~Greenwich~ für die Seeleute, so wie in ~Chelsea~ (wohin mich später mein Weg führte) für die Landsoldaten, wird auf das treflichste für die ausgedienten Krieger gesorgt.
In ~Greenwich~ bestieg ich ein Bot, fuhr auf dem mit Fahrzeugen aller Art bedeckten mächtigen Themse Strom ~London~ zu und befand mich als ich das Bot verließ, in dem arbeitsamsten Theil der Stadt, in der ~City~. Von dem in derselben herrschenden Geräusch läßt sich keine Beschreibung liefern. Hier ist der Handwerker, und Händler in ununterbrochenem Fleiß beschäftigt, sein ärmliches Leben fortzufristen, indem Theurung aller Bedürfniße und große Abgaben seine Existenz erschweren.
In den breitern Straßen der City trift man in einer Menge Läden, die, auf das vortheilhafteste ausgestellten Producte jenes Fleißes und hier ist so wohl der Anblick der vielen hundert Equipagen und Fiackers im Fahrweg, als auch das Wogen und Drängen der Fußgänger auf den, an den Häusern hinlaufenden Trotoirs höchst unterhaltend. Das Leztere würde noch ärger seyn und zu vielen Unannehmlichkeiten Veranlaßung geben, wäre nicht die Regel festgesetzt: zur rechten Hand den Entgegenkommenden auszuweichen. Den Damen läßt man die Seite nach den Häusern zu.
Unbekannt mit dieser Gewohnheit, führte ein von mir begangener Fehler gegen dieselbe, ein Ereignis herbei, welches -- unbedeutend scheinend -- von äusserst wichtigen Folgen für mich war.
Ich begegnete nemlich einem Frauenzimmer in Trauer gekleidet. Ich, dem Stromme zur rechten Hand folgend, sie, von ihrem Recht Gebrauch machen wollend, kamen wir einander so nahe, daß ich ein niedliches Arbeits-Körbchen welches sie nachläßig hielt ihr aus der Hand stieß. Ich erschrack; doch da wir uns gerade an einem reich geschmückten Galanterie-Laden befanden: so bot ich der Dame meinen Arm, führte sie hinein und suchte einen kostbaren Ersatz, ihres durch meine Schuld etwas beschädigten Eigenthums heraus. Ihr Benehmen bei dem ganzen Vorgang war äusserst anständig und der schwarze Anzug erhöhte ihre blendende Schönheit. Ein Bedienter kam und meldete ihr, daß am Ende der Strasse ihr Wagen hielt, aus dem sie, wie sie sagte gestiegen war, um verschiedene Läden näher betrachten zu können. Ich führte sie hin, erbat mir ihren Namen, ihren Auffenthalt, und die Erlaubnis, ihr aufwarten zu dürfen.
So sehr ich mich schon von der Vortreflichkeit der englischen Gasthöfe überzeugt hatte, zog ich dennoch vor, in einem Privathaus zu logiren, welches mir durch meine guten Adreßen, die ich bei mir hatte, nicht schwer wurde. Ich war einem reichen Banquier empfohlen und hatte alle Ursache, mit meinem Loose zufrieden zu seyn. Die Gastfreundschaft ist in London, wo nur Wenige sich eines großen Raums in ihrer Wohnung zu erfreuen haben und wegen der eingeführten häuslichen Lebensweise, welche pedantisch beobachtet wird, nicht allgemein zu Hause. Ich aber erfuhr eine von den erfreuenden Ausnahmen dieser Bemerkung, wurde freundlich aufgenommen und man bestrebte sich, mir meinen Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Im Hause herrschte die größte Reinlichkeit und Ordnung. In meinem Zimmer waren die Wände mit Kupferstichen, die Fenster mit schönen Vorhängen geziert. Ein mit Marmor künstlich eingelegter Kamin befand sich darinnen, in dessen Vertiefung der stählerne Rost, die Zange und Schaufel hellpolirt entgegen blinkten und in einer ~großen~ Bettstelle, welche in England üblich sind, mit grün seidenen Gardinen umhängt, fand ich zu Nachts auf den schwellenden Matratzen, auf den blendend weis bezogenen Küssen sanfte Ruhe. Am Morgen (welcher in London erst um 9 Uhr die Schläfer weckt, da man dagegen die Nacht zum Tag macht und die meisten Vergnügungen bis zu seiner Annäherung dauern) versammelt man sich anständig gekleidet am Theetisch mit der Familie in dem zum Frühstück bestimmten Zimmer. Ein trefflich zubereiteter Thee, Brod, weis und wollig wie Pflaum, frische Butter, hartgekochte Eyer, Honig und noch mancherlei Delikatessen verschaffen hier einen angenehmen Sinnengenuß.
Jedoch mir wurde dabei das höhere Vergnügen einer interessanten Unterhaltung mit dem jüngern Bruder meines Hauswirths zu Theil, welcher sich mit einer, sonst den Engländern nicht eigenen Gewohnheit, bald mit vieler Wärme an mich anschloß. Ich erhielt an ihm einen treuen Freund im wahren Sinn des Worts; auch trug er Sorge, mich mit allen Merkwürdigkeiten Londons bekannt zu machen. Mit ihm besuchte ich die großen und geringern Theaters, Conzerte, Gemählde-Ausstellungen, die Parks, das brittische Museum, den Tower u. s. w. welches Alles uns zu mündlichen Unterhaltungen Stoff geben wird.
William zeichnete sich vor Vielen seiner Nation durch ~ächten~ Kunstsinn und warmes tiefes Gefühl aus womit er Brittische Festigkeit und Besonnenheit verband. Mein Temperament schien dem Seinigen zu ähneln und mir seine Freundschaft, sein Vertrauen gewonnen zu haben. Wir waren unzertrennlich, und als ich den Wunsch äusserte: «Auch die prächtigen Landsitze der Reichen nach einander durchstreifen und in der Badezeit die vornehmsten Bäder besuchen zu können» war William sogleich bereit, mich zu begleiten; denn seine Anwesenheit im Haus des Bruders war nicht sehr nothwendig, und er lebte ohnehin mehr der Natur und Kunst, als dem Kaufmännischen Beruf. Schon nahte sich der Monath Julius; von welchem an kein vornehmer Londoner in der Stadt anzutreffen ist; Alles eilt aufs Land, wo man bis gegen Weihnachten verweilt, und dann geht es in die berühmten Bade-Orte, von denen man erst im Frühling wieder zurückkehrt. Auch wir hatten den Tag zu unsrer Abreise schon bestimmt, als mich eine bedeutende Unpäßlichkeit überfiel.
In England zieht man in der Regel mehr die Apotheker als die eigentlichen Aerzte zu Rath. Jene sind ziemlich geschickt und diese sind all' zu kostbar. Jeder Besuch von ihnen wird mit einer Guinée bezahlt. Jedoch mein Hauswirth hätte es für schimpflich gehalten das Wohlfeilere vorzuziehen er ließ einen der berühmtesten Aerzte ruffen und dieser behandelte mich mit vieler Sorgfalt und Geschicklichkeit.
William war mein treuer Pfleger und ich war fast nie allein, doch schrieb mir die Krankheit eine einförmigere Lebensweise vor und gab mir Zeit manchen durch Zerstreuung aller Art verdrängten Phantasieen wieder nachzuhängen. Ach wie oft verweilten da meine Gedanken und Wünsche in der Heimath! -- In einer stillen Abendstunde schwebte aber auf einmal auch das Bild jener Dame vor meiner Seele, welche mir in den ersten Stunden meines hiesigen Aufenthalts erschienen und deren Andenken in dem Strudel zahlloser neuer und merkwürdiger Erscheinungen untergegangen war. Ich nahm mir vor, gleich nach erfolgter Genesung sie aufzusuchen. Am andern Morgen erstaunte ich, als mein Arzt einer kranken Lady Sydney erwähnte; Ich horchte auf, sie war die Nemliche welche mir in der City begegnete. Der Tod ihres Vaters hatte sie, nach der Erzählung des Arztes so sehr betrübt, daß ihr Körper darunter litte! Doctor Richard wußte recht viel Vortheilhaftes von ihr zu rühmen so, daß ich in seinen Wunsch: «die trefliche Lady möge doch bald wieder gesund werden!» im Stillen einstimmte. Bei seinem nächsten Besuch strebte der Doctor absichtlich mit mir allein zu seyn, und eröffnete mir mit geheimnisvoller Miene, daß er Lady Sidney von mir erzählt, daß sie durch seine Schilderung den Fremden in mir erkannt habe, der vor kurzen in der City einen kleinen Fehler der Unachtsamkeit gegen sie so artig verbeßert hätte, daß sie vielen Antheil an meiner Krankheit nähme und herzlich meine Beßerung wünsche. Dieser Mittheilung folgte nun eine Auseinandersetzung des Reichthums der Lady, so wie ihrer andern Vorzüge. Ich war nicht recht einig mit mir, ob ich über Richards Aeußerungen mich freuen sollte oder nicht. Es stritt mit meinen Forderungen an das weibliche Zartgefühl, daß Lady Sidney eines Unbekannten, so lebhaft wie es schien, gegen einen Dritten erwähnte und doch war mir ihre Theilnahme nicht gleichgültig. Dies verbarg ich aber dem Doctor und nach einer flüchtigen, ja kalten Erwiederung leitete ich das Gespräch auf andere Gegenstände. Indeßen konnte ich dadurch nicht verhindern, daß Richard bei jeder Gelegenheit der Lady gedachte, und so erfuhr ich denn auch nach einigen Wochen, daß sie wieder hergestellt, auf ihr Landgut gezogen sey, welches in der reitzenden Gegend von Richmonds Park an der Themse liegt, und daß sie von da aus bald eine Badereise antretten würde.
Auch ich befand mich wieder wohl und erinnerte meinen Freund an sein mir gegebenes Versprechen, das um so mehr Reitz für mich hatte, als William mir gleich anfangs zusagte: mich nicht nur mit den Landhäusern der Großen des Reichs sondern auch mit allen, denselben nahe gelegenen Fabricken und anderen bedeutenden Orten bekannt zu machen.
Noch in der schönsten Jahreszeit traten wir unsere Reise an und mein Brief würde die Stärke eines Buchs erhalten, wollte ich alle Kunstschätze, alle Naturschönheiten, so wie die Industrie der Engländer, in den von mir bereisten Gegenden ausführlich schildern. Ich begnüge mich, das Merkwürdigste herauszuheben. Z. B. ~Oxford~ die bekannte Universität, wo so viele große Geister Englands gebildet wurden; ferner das Städtchen ~Woodstock~, berühmt durch seine Stahlfabricken, so wie durch seine Umgebungen: Nahe daran liegt das prächtige Schloß ~Blenheim~, womit Königin ~Anna~ dem Herzog Marlboraugh, dem sie sehr gewogen war, seine erkämpften Siege belohnte. Auf einer Wiese des dazu gehörigen Parks stand ein Landhaus, in welchem die Königin Elisabeth ihre Jugend in beinah gefänglicher Eingezogenheit verlebte, aber auch die Bildung erhielt, durch welche sie fähig wurde nachher zu regieren. Doch konnte sie leider! der Rückblick auf diese traurige Periode, in welcher auch ihr die Ansprüche auf den Thron streitig gemacht wurden, nicht milde und schonend gegen ihre unglückliche Schwester machen; daher richtet sie noch jezt die Nachwelt. Ihre Nation versagt ihr nicht die Bewunderung, welche sie als Regentin verdient, jedoch als Weib wird sie verabscheut, indeßen die unglückliche ~Maria Stuart~ noch immer ihre Vertheidiger hat, welche ihr Liebe und Mitleid weihen.
In jenem erwähnten Landhaus lebte auch einst die schöne ~Rosamunda~, welche im Geheim mit ~Heinrich II~ getraut war. Hier schwanden ihr, innig von dem König geliebt in glücklicher Verborgenheit die Tage, bis sie von dessen rechtmäßiger Gemahlin ~Elinor~ entdeckt wurde, und durch Gift getödet, ihren vorher ermordeten drei unschuldigen Kindern folgen mußte.
Wir reißten weiter nach ~Birmingham~, einer berühmten Fabrickstadt. Sie erhällt durch die jezt überall gebräuchlichen Dampf-Maschinen ebenfalls eine unendliche Erleichterung in ihren Werken. Man findet vorzüglich auch trefliche Stahlfabricken darinnen. In ~Burton~, einem freundlichen Städtchen, kostete ich das daselbst gebräute ~Ale~, wovon nach ganz Europa, ja selbst nach Amerika versendet wird. Die Seidenspinnereien und Porzelanfabricken zogen uns nach ~Derby~, einer ziemlich großen, doch nicht schönen Stadt. Siebzehn englische Meilen davon liegt der erste bedeutende Bade-Ort ~Matlock~ an der Dervent den wir erreichten, deren es aber in England viele giebt. Mehr die Schönheit der Lage des Orts, als die Heilkräfte der Quelle tragen wahrscheinlich hier zur Gesundheit des Körpers und zur Heiterkeit der Seele bei. Auch wir verweilten mit Vergnügen in diesem lieblichen Thal, durchstreiften seine nächsten Umgebungen, und besahen manche, nachgelegene schöne Landhäuser, so wie auch eine große Baumwollenfabrick. Unser Weg führte uns von hier aus zu einem von aussen prächtigen und durch sein Alter ehrwürdigen Gebäude: zu dem Schloße ~Chatsworth~.
Die unglückliche ~Maria Stuart~ wurde von ihrer grausamen Feindin zuerst hieher in enge Gefangenschaft und dann nach sechzehn traurig verlebten Jahren nach ~Fotheringhay~ im ~Nordhumberland~ gebracht, wo sie hingerichtet wurde. In jenem Schloß findet man ein Zimmer noch ganz so eingerichtet und meublirt, wie Maria es bewohnte.
Die nächste bedeutende Stadt, welche wir besahen, war ~Manchester~, welche jedoch von dem Kohlendampf ihrer vielen Fabricken eingeräuchert, ein finsteres Ansehen, und auch durch die Erwerbsgierde der Einwohner, so wie durch den Mangel an hübschen äussern Umgebungen, wenig Angenehmes hat. ~Leverpool~ die größte und bedeutenste Stadt in England nach London, war der Grenzpunct unsrer Reise. Handel und Betriebsamkeit, Reichthum und Luxus zeigt sich hier auf alle Weise. Ein schönes Theater, ein Conzertsaal, ein großer Gasthof und viele mildthätigen Anstalten entstanden durch das Zusammenwirken der reichen Bewohner, das prächtigste Werk aber sind ihre ~Docks~ oder künstliche mitten in der Stadt (ähnlich denen, welche bei London errichtet wurden.) wo für die Sicherheit und Herstellung der Schiffe und für die Bequemlichkeit der Ein- und Ausladung derselben aufs Zweckmäsigste gesorgt ist. Das in Leverpool befindliche ~Institut~ für ~Blinde~ erregte indeßen mehr als alles andere meine Theilnahme, da es ein Beweis höchster Menschenfreundlichkeit ist, die Blinden erhalten hier Unterricht in der Musik und in leichten passenden Arbeiten, als Spinnen, Korbflechten u. s. w. welche zum Vortheil der Anstalt in einem am Haus angebrachten Laden verkauft werden. Wie herzlich freute ich mich, als ich sahe, daß diesen Bedauernswürdigen, durch jene wohlthätige Einrichtung in gesellschaftlicher Unterhaltung, unter Arbeit und Musik ihr dunkles Leben heitrer und angenehmer verstreicht und sie nicht so schmerzlich, wie andere ihrer Unglücksgenoßen das Licht vermissen, das ihren Pfad erhellen sollte.
Viele reitzende Gegenden, viele stattliche Schlößer und prächtige Landhäuser durchstreiften wir auf dem Rückweg nach Derby durch ~Warwick~, einem am Ufer der Avon freundlich gelegenen Städtchen, mit dem alten Schloß ~Warwickcastle~ und seinem herrlichen Park; von wo aus wir nach ~Stratford~ giengen. Dieser kleine, an sich arme Ort hat das große Intereße für die Verehrer Schackspeare's, daß es sein Geburts-Ort ist und daß dieser, auch am Ende seiner rühmlichen Laufbahn wieder dahin kehrte und sie daselbst beschloß.
Ich betrat wirklich mit Ehrfurcht die Hütte, wo Schakespeares Vater, ein armer Wollkrämer einst wohnte und wo der große Mann, bis in sein 16tes Jahr lebte. In der Westmünster Abtey, wo die Könige begraben liegen, hat auch ihm die Nation welche mit Recht stolz auf ihn ist, ein Denkmal errichtet.
Rasch gieng es nun auf ~Bristol~ und auf das nah gelegene bedeutende Bad zu; nur flüchtig passirten wir unterwegs einen kleinen freundlichen Bade-Ort ~Cheltenham~ und betrachteten auch ~Glocester~ nur als ein Nachtquatier. Von Glocester nach ~Bristol~ sind die Gegenden unbeschreiblich reizend und reicher an Erzeugnißen wärmerer Zonen; viele große Pflanzungen köstlicher Obstbäume findet man hier und der schöne Strom Avon belebt, mit seinen auf silberner Fläche hinschwebenden kleinen Schiffen die herrliche Landschaft. Die Nähe des Meers, der schiffbare Strom, der fruchtbare Boden; alles vereinigt sich hier, um Fleiß und Mühe in Fülle zu belohnen. Die Stadt ist groß, mit breiten Straßen, schönen Privat- und öffentlichen Gebäuden versehen und voll regen Lebens. Wie Rom ruht diese Stadt auf 7 Hügeln. Von einigen derselben genießt man eine köstliche Aussicht. Der Hafen ist prächtig, aber mir schauderte bei dem Gedanken: daß er der Ort war, von wo einst mit unmenschlicher Grausamkeit Schiffe zum Sclavenhandel ausgerüstet wurden, wodurch Bristols Einwohner sich bereicherten. Es war mir unmöglich hier lange zu verweilen. Wir stiegen den steilen Berg hinab nach ~Hotwels~, wo die Heilquelle fließt und viele schöne Wohnungen für Bade-Gäste erbaut sind. Jene Quelle wird besonders Kranken empfohlen, welche an der Schwindsucht leiden und da meinem Begleiter und mir dem Himmel sey Dank! dieses Uebel nicht drohte so verließen wir ~Hotwels~, nachdem wir daselbst von allen Seiten die reizenden Aussichten und jede Naturschönheit genoßen hatten und fuhren zu dem berühmtesten Badeort Englands nach ~Bath~. Der Weg dahin gleicht einem reitzenden Garten; doch bemerkten wir den Einfluß der winterlichen Jahrs-Zeit, welche sich näherte. Bis zu ihrem gänzlichen Eintritt, da mit ihr erst das eigentliche Leben in ~Bath~ beginnt, besuchten wir die bedeutendsten Landsitze in der Umgegend, und machten uns dann mit allen Merkwürdigkeiten des Orts selbst bekannt.
Es liegt in einem schönen Thal, umgeben von beträchtlichen Anhöhen, welche dem Strom Avon nur den Durchzug zu vergönnen scheinen. Dieser erhöht die Reitze der Gegend und bewirkt eine vortheilhafte Verbindung der Stadt mit dem Seehafen ~Bristol~. ~Bath~ gewährt einen ganz eigenen Anblick. Völlig vom Thal Besitz nehmend, erhebt es sich auf den nächsten Anhöhen. Die Häuser sind alle von Quadern erbaut, haben ein neues freundliches Ansehen und bilden geräumige Plätze und Straßen, in denen große Reinlichkeit herrscht, und die auch gut gepflastert, so wie bei Nacht wunderschön erleuchtet sind. Wegen der bergigen Bauart ist das Fahren darinnen unmöglich, doch die Wagen werden durch Portechaises ersezt. Die ganze Stadt ist zur Aufnahme der Fremden geeignet und in ein paar Stunden können sie bequem und angenehm eingerichtet wohnen. Das Wasser ist sehr heiß und erst nach 3 Stunden brauchbar. Die Entdeckung dieser Quelle verliert sich in das finstere Alterthum und es wurde uns davon manches Mährchenhaftes erzählt. In jedem Bade-Ort ist ein ~Ceremonien-Meister~, der über die Ordnung und Etiquette, welche auch hier herrschen sorgfältig wachen muß. In ~Bath~ findet man deren zwei und ihre Gesetze, welche in den Assembleesälen angeschlagen sind, werden strenge befolgt.
Meines Freundes Wunsch zu erfüllen, da er sich zu meinem großen Leidwesen nicht wohl fühlte, beschloß ich, mich mit ihm in ~Bath~ auf einige Monate häuslich niederzulassen. Wir bezogen ein nettes Quartier, speißten im Gasthof, sandten unsere Visitenkarten zu den schon anwesenden Badegästen und abonirten uns in den Gesellschaftssälen, zu den Conzerten, Leihbibliotheken, u. s. w. um überall Eintritt zu haben.