Albina, das Blumenmädchen

Part 7

Chapter 73,653 wordsPublic domain

«Beste Mutter!» erwiederte dieser, «ist denn die mögliche Rettung eines Menschen nicht eines, wenn auch gewagten Versuches, werth? Was wäre aus Albinen, was aus mir geworden, hätten unsere Wohlthäter an unserer Würdigkeit zweifelnd, ängstlichen Besorgnissen Gehör gegeben, welche ihnen vielleicht auch wiederrathen haben würden, sich unsrer anzunehmen! --» Albina tief durchdrungen von der Wahrheit dieser Worte, ließ mit Bitten nicht eher nach, bis Cornelia ihre Einwilligung zur Aufnahme Antoniens in ihrem Hause gab. Mit dem freudigsten Dankgefühl kehrte Theodor in die Stadt zurück, theilte Theresen den Erfolg seiner Bemühung für Antoniens Zukunft mit und bat: sie am folgenden Tag zu einer bestimmten Stunde rufen zu lassen, wo er wußte, daß er gewiß zu Hause sey; denn er wollte Zeuge von dem Entzücken des Mädchens seyn, wenn sie die frohe Kunde hören würde. «Antonie!» sprach sie Theodor freundlich an, als sie bei ihnen am andern Morgen erschien. «Antonie! könntest du dich mir wohl vertrauen? ich möchte dein Glück gründen und dich deiner unwürdigen Lebensweise entziehen!» -- Das Mädchen schaute ihn mit großen Augen an: «Kannst du dich entschließen,» fuhr Jener fort, «hier zu bleiben und die Bemühungen dich auszubilden mit Gehorsam und Fleiß zu belohnen: so will ich dich zu einer geliebten Mutter und Schwester führen, welche geneigt sind dich aufzunehmen. --» Noch immer schien Antonie ihr Glück nicht begreiffen zu können. Nun sezte ihr Therese Theodors Plan deutlicher auseinander, und -- ein freudiges «Ach!» war alles was sie hervor bringen konnte. Aber sie zitterte, daß sie sich an einem nahestehenden Tisch fest halten mußte und eine glühende Röthe wechselte mit Todtenblässe in ihrem Gesicht ab. «Fasse dich doch mein Kind!» sagte Therese -- und -- «prüfe dich,» fiel Theodor ein, welcher anfieng an ihrem Willen in seinen Plan einzugehen, zu zweifeln, «prüfe dich, ich will dich durchaus nicht zwingen, meinen Vorschlag anzunehmen.»

«Ach Gott! ich bin zu glücklich! ich vermag es kaum zu fassen,» sagte das Mädchen und schlug die schönen dunkeln Augen gen Himmel. «Die arme verlassene Antonie soll einen Zufluchtsort finden, eine Mutter, eine Schwester, einen Bruder! -- o es ist zu viel es ist zu viel!» Sie ergriff bei diesen Worten Theodors beide Hände und preßte sie an ihr Herz. Noch an demselben Abend führte sie Therese mit Theodor in ihre neuen lieblichen Umgebungen.

Sie wurde von der Mutter gütig, von Albinen mit schwesterlicher Freundlichkeit empfangen und Antonie fühlte sich über allen Ausdruck glücklich.

Sie zeigte sich bald als eine höchst gelehrige, fleißige und gehorsame Schülerin, wurde Albinens emsigste Gefährdin, treueste Freundin und dieser unbeschreiblich werth und theuer; auch die Mutter fand nicht Ursache, ihren Entschluß zu bereuen; sie wurde bald im ganzen Hause allgemein geliebt. Albina machte sich sehr verdient um sie, sie lehrte ihr alles, was ihr nöthig war und wozu sie Lust hatte und streute in das empfängliche weiche Mädchen-Herz den Saamen aller schönen Gefühle.

Theodor, entzückt, über sein gelungenes gutes Werk, kam nicht einmal, wo er nicht neue Vorzüge an Antonien entdeckte und Albinen innig für ihre schwesterlichen Bemühungen um Jene dankte. In der Musik gab er ihr Unterricht und seine Schülerin machte riesenmäsige Fortschritte warum? -- die Liebe trat als Lehrerin auf. Theodor ihr Wohlthäter war ihr Abgott ihres Herzens. Mit geheimer aber glühender Leidenschaft war sie ihm ergeben, ohne daß sie es anfangs selbst wußte. Sehnsüchtig sah sie jedem Abend entgegen, wo nun Theodor öfter auf dem Landhaus erschien, als sonst. Die Unterrichtsstunden mußten zum Vorwand dienen, denn er wollte es nicht gestehen, was doch wirklich war, daß ihm das Mädchen, welches er vom leiblichen, ja vielleicht auch vom ewigen Verderben errettet hatte, ihm immer theurer wurde. Sah Antonie (welche sich nun die Zeit, in welcher er gewöhnlich kam, immer am Fenster etwas zu schaffen machte) ihn die Strasse herauf eilen: so suchte sie zuerst ein paar einsame Augenblicke zu erhaschen um sich zu sammeln, und dennoch begrüßte sie ihn immer mit niedergeschlagenen Blicken und pochendem Herzen. Albina durfte sich auf Antoniens dringende Bitten, nie während der Unterrichtsstunde entfernen: «denn,» sagte sie zu dieser, in kindlicher Unschuld und Vertraulichkeit: «ich kann dir nicht sagen, wie bange mir an Theodors Seite ist und dennoch freue ich mich so sehr auf jede Lehrstunde.» Albina lächelte, ihr war der Grund jener süßen Unruhe wohl erklärbar. Die Mutter schien auch auf einige Vermuthungen zu gerathen, sah aber sehr finster dabei aus.

* * * * *

Noch war kein Jahr nach der glücklichen Wiedervereinigung verfloßen: als Hainau bedenklich krank wurde. Die geschickteste ärztliche Hülfe, die ängstlichste Pflege treuer Liebe konnte seine Genesung nicht bewirken. Die Natur unterlag den Folgen früherer harter Erfahrungen und leichtsinniger Handlungsweise. Er entschlummerte zu jenem Leben in den Armen Albinens, welche ihm sanft die Augen zudrückte. Cornelie blieb sich auch hier gleich, ihr leidenschaftlicher Schmerz brach in so heftige Aeusserungen aus: daß man sie vom Krankenbett entfernen mußte! auch Theodor war nicht vermögend den Vater sterben zu sehen. Mit verhülltem Gesicht schritt er im Zimmer auf und ab und Antonie kniete in einer Ecke desselben und sandte fromme Gebete für des Sterbenden Heil zum Himmel. Er hatte vollendet! -- Albina küßte die kalte väterliche Hand und trug nun treue Sorge für die Lebenden, da sie in allen Fällen so viele Besonnenheit und Einsicht zeigte, mußte sie auch Langenheim bei dem Geschäft der Beerdigung unterstützen. Antonien übergab sie den trauernden Bruder und diese ließ ihr liebendes Herz ganz gewähren, sie war unerschöpflich in den Bemühungen Theodor zu trösten und aufzuheitern. -- Auch dem Todten weihte sie ihre fromme kindliche Ehrfurcht. Am Abend zuvor, ehe er in die kühle Gruft gesenkt wurde, verfertigte sie aus sinnig gewählten Blumen ein langes Gewinde, womit sie inwendig den Sarg bekränzte, daß es schien als läge die Leiche auf Blumen gebettet. So geschmückt, und einfach, aber würdig bekleidet, wurde dieselbe einige Stunden im Garten-Zimmer ausgestellt, indeßen die trauernde Familie nebst den Freunden aus der Stadt oben versammelt waren und auf mannigfache Weise ihren Schmerz äusserten. Auf einmal vermißte man Theodor. Erschrocken eilte Antonie weg, ihn aufzusuchen. Sie fand ihn bei der Hülle des geliebten Vaters. Bei ihrem Eintritt las er wieder in ihrer Miene die besorgte Liebe, und rief, indem er beide Arme ausbreitete: «Treue Seele!» -- Sie sank an das Herz des Heisgeliebten, mit ihm dann am Sarge nieder und fest schloß sich an des erblichenen Vaters Seite das Bündnis ihrer Herzen. Albina, den Vorgang ahnend, entfernte sich schweigend, um die Abwesenheit der Liebenden weniger auffallend zu machen, traf sie noch in obiger Stellung an der theuern Leiche und jenen war es wohlthätig an dem treuen schwesterlichen Herzen den süßen Schmerz ausweinen zu dürfen.

Als nach der Beerdigung wieder mehr Ruhe und die gewohnte Lebensweise nach und nach eintrat, wurde Cornelia in dem Benehmen Theodors und Antoniens ihre gegenseitige Neigung gewahr, welches sie tief betrübte. Sie liebte beide herzlich und sah keine Möglichkeit zur Erreichung ihrer Wünsche. Theodors Amt war nicht einträglich und die Familie nicht reich. Der Ertrag ihres Instituts reichte gerade zu ihrem anständigen Unterhalt zu. Sie konnte also nicht anders, sie mußte mit gänzlicher Mißbilligung ihre offnen Mittheilungen erwiedern. Jedoch es blieb nicht alleine dabei: zu Theodors heftiger Leidenschaft für Antonien, gesellte sich ein Trotz gegen die Mutter, (die er ausserdem kindlich verehrte) den weder Albinens sanfte Bitten, noch Antoniens Thränen mildern konnten; er reitzte dadurch Corneliens Unwillen immer mehr und es gab manche unangenehme Auftritte, welche ehedem in dem friedlichen Landhaus nie vorgefallen waren. Albinens Herz litte unendlich mit den Bekümmerten. Sie suchte es aber vorzüglich Antonien, als der am schwersten Verlezten zu verbergen, allein in dieser Schwester Seele hallte jeder, noch so leise Miston wieder; sie fühlte es schmerzlich, wenn sie im Stillen Vergleiche zwischen Sonst und Jezt anstellte, daß ~sie~ die Ursache der traurigen Veränderung sey und dies war ihr unerträglich. Unter heissen Kämpfen reifte nach und nach in ihrem Innern ein Entschluß, der ihr ganzes Glück zerstören, doch das, ihrer Geliebten wieder herstellen sollte! Bei einem der jezt seltenen Abendbesuche Theodors, führte ihn Antonie, was sie sonst nie that, in die Laube, zu einer ungestörten und wichtigen Unterhaltung, (wie sie sagte). In ihrem ganzen Wesen lag so viel Feierliches, daß, Theodor unwillkührlich davon ergriffen, lange ernst und schweigend an ihrer Seite saß. Sie schien schmerzliche Empfindungen in ihrem Innern zu verarbeiten und sich mühsam Fassung zu erringen. Endlich sagte sie mit unaussprechlicher Zärtlichkeit: «mein Theodor! in dem mir ewig theuern Augenblick, wo du mir das Glück verkündet, daß ich in deine Familie aufgenommen werden sollte, war deine erste Frage an mich: ob ich dir vertrauen könne? -- Laß mich nun dieselbe Frage an dich richten: würdest du, auch in zweifelhaften Fällen, immer mir vertrauen, nie den Glauben an mich verlieren?» Theodor sah sie befremdend an. «~Nie~!» erwiederte er dann und umschlang feurig die Geliebte. «Jedoch ich glaube, daß Antonie immer ~so~ handeln wird, daß ich sie begreiffen kann.» «Das wirst du können,» versezte sie, «wenn du stets meine unaussprechliche Liebe zu dir ermißest, welche nur dein Glück zum Ziel ihrer Bestrebungen hat. O welch ein Trost liegt in dem Einverständnis unsrer Seelen!» fuhr sie fort, schlang ihren Arm um Theodors Nacken und blickte ihn liebend ins Auge, «Sollten uns auch die Menschen trennen, was hierinnen (sie deutete auf das Herz) für dich lebt, dauert ewig und mir bleibt der Trost deines freundlichen, durch keinen Zweifel entweihten Angedenkens» --

«Wer will, wer kann uns trennen?» rief Theodor, sprang wild in die Höhe und wollte -- Böses ahnend, fort stürmen. Antonie hielt ihn zurück und betheuerte: all' das Gesagte hätte seinen Grund nicht in der Handlungsweise Anderer, sondern in ihrer eigenen leidenden Phantasie. Durch manche liebende Rede, besänftigte sie Theodors aufgeregtes Gemüth und ehe sie sich trennten, bat Antonie den Geliebten: «um ein Zeichen der Erinnerung an diese schöne Stunde» Sie zog bei diesen Worten ein Scher'chen aus dem Arbeitskörbchen das neben ihr stand und schnitt Theodor eine Locke ab, wickelte sie sorgfältig in ein Papier, drückte sie an ihre Lippen und verbarg sie ins Busentuch. Theodor sah ihr lächelnd zu. «Gieb mir auch von deinem glänzenden Rabenhaar» sprach er und griff nach der Scheere. Als er welches abgeschnitten hatte, ordnete sie es zierlich in Ringeln und indem sie ein Papier zuschneiden wollte, um es einzuwickeln, verwundete sie sich so tief in die kleine Hand, daß große Blutstropfen auf das Papier fielen. Theodor jammerte und sog das Blut aus der Wunde. Antonie schien erschüttert; nach einer Pause sprach sie bewegt: «o sey ruhig mein Lieber! der Schmerz ist unbedeutend und warst ja du die Ursache davon! dieser Gedanke würde mich auch bei einer tiefern Herzenswunde zum ruhigen Ertragen derselben stärken; doch behalte dies Papier, diese Spuren von meinem Blut sollen dich immer lebhaft an die von mir so tief empfundene Wahrheit erinnern, daß ich Ruhe, Blut und Leben willig deinem Glück opfern würde.» Ein langer Kuß dankte Antonien für die Aeußerung der treusten zärtlichsten Liebe und diese fühlte von Neuem das unaussprechliche Weh der nächsten Stunden.

Blaß erhob sie sich aus Theodors Armen, die Pulse schlugen fieberisch, die Augen brannten und es überfiel sie ein so heftiges Zittern, daß Theodor in der größten Herzensangst nach Hülfe eilen wollte. Antonie verhinderte es «laß gut seyn!» sagte sie leise, «es wird bald wieder vorübergehen.»

Albina kam, um den Liebenden so schonend als möglich die Unzufriedenheit der Mutter über ihr langes Zusammenseyn mitzutheilen. Theodor durch alles Vorhergehende gereizt, tobte fürchterlich, Antonie weinte; endlich flehte sie: «um meinetwillen Theodor sey gelassen! vergieb der Mutter und -- laß uns scheiden!» sezte sie mit besonderm Nachdruck hinzu; «Scheiden!» rief Theodor und drückte sie stürmisch an die Brust; «wer kann uns scheiden, wer? --» «für ~jezt~ meint Antonie,» sagte Albina beschwichtigend, «lieber Bruder! -- erfülle Antoniens Bitte, durch ihre Nichtgewährung bereitest du deiner Geliebten eine neue Unannehmlichkeit; verlaß uns für heute, ein baldiges Wiedersehen soll dich schadlos halten.»

«Ja, das Wiedersehen!» flüsterte Antonie; und nach einer Umarmung, in welcher es schien, als vermögte sich keines von dem Andern loszureissen, gehorchte endlich Theodor Albinens ängstlich wiederholter Bitte und -- gieng.

Antonie lag ohnmächtig in Albinens Armen. Diese suchte im Arbeitskörbchen der Lezten nach dem stärkenden Mittel welches jene immer bei sich trug um sich vor ähnlichen Unfällen, denen sie öfters ausgesezt war zu sichern und nach einigen Minuten gelang es ihr, sie wieder ins Leben zu bringen. Antonie wankte, von Albinen unterstützt sogleich in ihr Schlafzimmer, da sie der Ruhe höchst bedürftig war. Finster hörte die Mutter die Nachricht von ihrem Uebelbefinden und verwundete Albinens liebendes Herz durch manche harte Rede, welche die leidende Freundin traf. Indeß ließ sich nicht das Geschäft der Pflege Antoniens nehmen: allein Letztere schien immer zu schlummern.

Nur einmal preßte sie Albinens Hand an ihre Lippen und sagte innig: «Dank, heissen Dank für Alles!» --

Sie schlief noch mit 4 Töchtern der Anstalt in einem Zimmer; unter diesen war auch Aurelie. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlummers erwachte Antonie; als sie sich aufrichtete, bemerkte sie, daß die Kinder während der Zeit ins Bett gegangen waren und schon schliefen. «Was soll ich thun?» sprach sie nun halb laut für sich -- «ich fühle mich zwar noch schwach, jedoch viel ist mit dem gestrigen Abend überstanden, soll ich es noch einmal durchkämpfen? -- nein o nein! fort, sogleich fort!» Sie sprang mit diesen Worten aus dem Bett, kleidete sich an, warf sich auf ihre Knie und schien heiß zu beten. Dann nahm sie aus ihrer Comode einige Wäsche, eine Chatoulle worin ihr kleiner Reichthum war unter dem Arm, hüllte sich in Mantel und Schleier und -- wollte zur Thüre hinaus. «Antonie was beginnst du!» rief Aurelia mit dem Ausdruck des Entsetzens. Sie war noch wach, als Erstere ihr Selbstgespräch hielt, hatte sie bisher beobachtet und mußte nun ihrer Angst Worte geben. Gleich einer Bildsäule erstarrte Antonie. Endlich trat sie an Aureliens Bette und sagte: «wenn dir meine Seeligkeit lieb ist, so laß mich fort und schweige.» «Ach warum willst du uns denn verlassen?» jammerte diese. «O meine Aurelia,» erwiederte Antonie bewegt und umfaßte innig die Weinende, «du warst mir unter deinen Schwestern immer die Theuerste, nimm als einen Beweis davon das Vertrauen, mit dem ich mich dir in den lezten Augenblicken unsers Beisammenseyns nähere. Ich ~muß~ euch verlassen; unser aller Ruhe fordert diesen Schritt. Wohin ich gehe, weis ich selbst noch nicht, also ist auch jede Nachforschung von eurer Seite vergeblich. Dir geliebtes Mädchen übergebe ich die Sorge für meinen Theodor, für meine Albina. Verdopple die Aeusserungen deiner Liebe gegen sie, das wird sie über meinen Verlust trösten; sage ihnen, daß, wenn ich hier geblieben wäre, ich endlich gewaltsamen Tod gewählt haben, nun aber entfernt, vielleicht meinen Seelenfrieden wieder finden würde, sage ihnen aber auch, daß meine treue Liebe zu ihnen nur mit meinem Leben enden wird; und auch deiner du theures Kind werde ich immer gedenken.» Aurelia verhüllte ins Küssen ihr Gesicht und schluchzte laut, indem sie Antoniens Hand fest in der ihrigen hielt. «Laß mich, laß mich,» sagte diese «und weine nicht so sehr! du machst mich weich und ich habe viel Stärke nöthig! Beruhige dich, Gott wird stets mit dir, mit allen meinen Geliebten seyn! auch mich wird er nicht verlassen, leb wohl, leb wohl!» sie küßte sie noch einmal mit dem heftigsten Ausdruck der Liebe und des Schmerzens und eilte fort.

Aurelia war betäubt; -- sie wußte nicht, was sie thun sollte. Als sie noch mit sich selbst zu Rathe gieng, trat Albina leise in das Zimmer. Der gestrige Abend in der Laube, Antoniens höchst gespanntes Wesen, machte sie unruhig: schlaflos verstrich ihr die Nacht bis dahin und nun schien es ihr als höre sie eine Bewegung im Hauß; endlich sogar an der Thür. Ihr erster Gedanke war -- Antonie; und -- siehe da -- sie fand sich in ihrer schrecklichen Vermuthung nicht getäuscht -- sie war entflohen. Alles was Aurelia ihr, immer von Thränen unterbrochen mittheilte, war nur vermögend ihren tiefen Schmerz zu vermehren; sie sah daraus das Vergebliche jedes angestellten Versuchs, Antonien wieder zu finden. Sie kannte die Festigkeit und Besonnenheit derselben und vermuthete mit Recht, daß sie ihre Flucht sehr überlegt unternommen haben würde. So war es. Albina machte zwar gleich Anstalten und sandte die Pächtersleute nach Antonien aus, jedoch sie kamen am Morgen ohne sie gefunden zu haben, zurück. Als Cornelia die Sache erfuhr, befand sie sich in der Lage, in welche leidenschaftliche Gemüther gerathen, die durch ihre Heftigkeit etwas herbeiführen, was dann ausser ihrer Macht steht zu ändern, so lebhaft sie es auch wünschen. Sie peinigte sich Tag und Nacht mit Vorwürfen, die gerecht waren, jedoch ihre Stimmung immer mehr verdarben; sie wurde beinahe tiefsinnig und Albina mit so manchem eignen stillen Kummer in der Brust, hatte die schwere Aufgabe, den schlimmen Einfluß der lezten Ereignisse auf ihre anvertrauen Zöglinge zu verhindern, die Mutter von dem Erziehungsgeschäft ihr und Andern unbemerkbar ganz zu entfernen, ihre kindlichen Pflichten gegen dieselbe zu erfüllen und den trostlosen Bruder vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren! -- Welche Seelengröße, welche Selbstverläugnung war hiezu erforderlich! -- oft sank sie auch weinend an Theresens Brust und sagte: o Mütterchen, bete zu Gott für dein Kind um Stärke! Sie suchte dieselbe häufig selbst im eigenen andächtigen Gebet und stand davon aufs Neue ermuthiget stets auf. Therese war wie immer, auch in diesem traurigen Zeitpunct der Trost ihrer Freunde und erleichterte Albinen manche schwere Last, versüßte manchen trüben Tag; auch theilte sie sich mit dieser in die Sorge um den schmerzlich leidenden Theodor. Der Unglückliche fiel ganz in seine alte Schwermuth zurück, hielt sich entfernt von allen gesellschaftlichen Freuden und fand die einzige Linderung seines Kummers in dem Umgang mit Albinen und Theresen; ihre sanfte Theilnahme, ihr inniges Mitgefühl löste seinen stummen düstern Gram in Klagen und Thränen auf, welche das gepreßte Herz erleichterten. Cornelia vermied er; ihr eigener Schmerz gestattete es ihm nicht, ihr Vorwürfe zu machen und doch vermochte er es nicht, sich gegen die Urheberin seiner Leiden, freundlich zu benehmen.

Langenheim hatte einen würdigen vielvermögenden Gönner, der einen Gesandtschaftsposten am *** Hof bekleidete. Er erfuhr, daß deßen Secretair von ihm verabschiedet worden sey und schlug Theodor zu dieser Stelle vor. Zur gegenseitigen Zufriedenheit fiel der Erfolg dieser Empfehlung aus und öftere Reisen, zerstreuendere Geschäfte wirkten vortheilhaft auf Theodors Stimmung. Auch überhob ihn diese Anstellung der unangenehmen Nothwendigkeit bei einem Ereignis gegenwärtig zu seyn, das sich in Volkmars Familie zutrug und Veranlaßung zu Festen und Gesellschaften gab, welche durchaus zu seiner Stimmung nicht paßten, ihn auch öfters mit Cornelien zusammen geführt hätten.

Jene Begebenheit war die Vermählung Eugeniens mit einem berühmten auswärtigen Gelehrten. Diesen lernte sie bei seinem Auffenthalt in D* kennen. Uebereinstimmend in ihren Neigungen fanden sie Geschmack an einander. Der sich rechtlich äussernde Charakter des Mannes, so wie seine vortheilhafte finanzielle Lage bestimmten die Eltern zur Einwilligung und Eugenie folgte ihm als Gattin auf eine entfernte hohe Schule, wo er als Profeßor angestellt war. --

Nachdem die geräuschvollen Wochen vor und nach der Hochzeit vorüber waren, trat desto größere Stille bei Volkmars ein. Sie waren nun ganz Kinderlos und fühlten sich oft sehr einsam. Es gereichte ihnen daher zu einer wahren Aufheiterung, wenn Albina, welche die Achtung und Liebe des würdigen Paars in einem sehr hohen Grad besaß, sie besuchte. Aurelia, die gewissenhaft Antoniens lezte Wünsche zu erfüllen und dieselbe durch Thätigkeit und treue Anhänglichkeit Albinen zu ersetzen strebte, hatte für ihr Alter ungemein viel Ernst und Verstand; ihr konnte Albina ruhig mehrere Stunden die Führung des ganzen Hauswesens überlassen und daher war es ihr auch möglich dem Verlangen Volkmars von Zeit zu Zeit ein Genüge zu leisten. Sie erfüllte freudig diese süße Pflicht: denn sie verehrte jene kindlich, auch lag noch eine geheime Ursache zum Grund, weswegen sie gerne bei ihnen weilte.

Ach seit sie wußte, daß es die nah verwandschaftlichen Bande waren, welche sie einst zu Theodor hingezogen hatten, besaß Guido die ganze stille Liebe ihres Herzens und sie pflegte treu die Gefühle für ihn, welche gleich anfangs seine Vorzüge in ihr erregt hatten und die nur durch die Neigung zu Theodor verdrängt worden waren. Sie traten nun wieder mit süßer Allgewalt hervor und beherrschten Albinens reine Phantasie. Daher war ihr Alles, was näher oder entfernt auf ihn Bezug hatte theuer und von unendlicher Wichtigkeit; daher vertraute sie der verschwiegenen Nacht so manches leise «Ach»! so manche geheime Thräne: denn Guido hatte seine Reise verlängert und endlich blieben die Nachrichten von ihm aus welches die Seinigen in die tiefste Betrübnis versetzte.

Bei einem wiederholten Besuch welchen Albina Volkmars machen wollte traf sie die Eltern in großer Bewegung: der Vater schritt nachdenkend mit, auf dem Rücken übereinander geschlagenen Händen im Zimmer auf und ab. Die Mutter saß auf dem Sopha einen Brief von mehreren Bögen in der einen, das Sacktuch in der andern Hand haltend, womit sie sich die Augen trocknete. «Ach, unsre Albina!» rief sie, als diese ins Zimmer trat. «Komm liebes Kind! theile unsern Schmerz und unsrer Freude! Guido -- (Albina erschrack) unser geliebter lang entbehrter Guido wird in den nächsten Wochen bey uns seyn; doch, lies diesen Brief,» fuhr sie fort, «ach! wie unglücklich war der Arme und -- ist es noch!» Albina nahm das Schreiben und trat damit an das Fenster, um zu verbergen, was in ihrem Innern vorgieng. Aber sie zitterte, daß sie kaum die Blätter zu halten vermogte, und mehr als einmal verdunkelten Thränen ihren Blick, die sie unbemerkt zu trocknen sich bemühte.

Guido's Brief lautete also:

Endlich haben sich die Umstände auf solche Weise gestaltet, daß ich nicht mehr ein finstres Schweigen gegen meine theuern Eltern zu beobachten gezwungen, sondern in die Nothwendigkeit versetzt bin, mich Ihnen mit einer kindlichen Bitte zu nähern, die Sie einem unglücklichen Sohn nicht verweigern werden. Ich höre im Geist den sanften Vorwurf: «warum theiltest du uns nicht früher deine Schicksale mit?» Ach ich kannte ja Ihre Liebe zu mir theure Eltern! und es war mir unmöglich Sie durch die Schilderung meiner Leiden so sehr zu betrüben. Ich war zu unglücklich! doch jezt ist es vorüber und ich vermag es sogar zuweilen wieder frohere Tage mir zu träumen. Ja in ihrer Nähe werde ich Ruhe und Frieden finden. Daher bitte ich, vergönnen Sie mir die Rückkehr ins Vater-Haus. Mich dünkt, ich sehe meinen geliebten Vater, meine zärtliche Mutter die Arme ausbreiten nach dem vielleicht Todtgeglaubten; ich vernehme den Gruß der Liebe und danke Gott für diese tröstende Aussicht in die Zukunft.