Part 5
«Diesem Blatt hier,» sagte der Maler, indem er auf ein noch umgeschlagenes Gemälde in seiner Mappe hindeutete, «muß ich zuerst die Erzählung eines Ereignißes voranschicken, welches eigentlich der Darstellung noch mehr Werth giebt; ich kam vor einigen Wochen auf meiner Fußwanderung durch das Gebirg, schon als die Sonne im Sinken war, an das Ende eines schwarzen Tannen-Waldes. Die feurige Kugel blitzte mit dunkelm Roth durch die Stämme der lichter stehenden Bäume und auf einmal strahlte mir seitwärts ihr goldner Wiederschein aus hochgewölbten Fenstern einer alten verfallenen Burg entgegen, die jetzt erst sichtbar von einem hohen Felsen stolz hernieder schaute. Dieser Felsen war auf der vordern Seite nackt und kahl, neben aber schlängelte sich ein Fußsteig mit bequemen Stufen herunter bis zu einer Quelle welche sanft murmelnd das Auge auf einem etwas freiern Platz hinleitete, der mit grünen Moos bedeckt und mit einigen Birken verschönert, gar freundlich gegen das düstre Dunkel der übrigen Umgebung abstach. Auf einer, unter den Bäumen angebrachten Rasenbank saß ein ältlicher magerer Mann mit finstern halb erloschnem Auge und mit den Spuren ehemaliger Schönheit in dem bleichen Gesicht. Er stützte sich auf einen Officiers-Degen und betrachtete aufmerksam eine getrocknete Rose, die er in der einen Hand hielt. Ein tiegerartig gefleckter Jagdhund lag zu seinen Füssen und schien seinen Herrn zu beobachten. Es hatte für mich das Ganze so viel Anziehendes, daß ich in einer kleinen Entfernung mich auf einen Baumsturz setzte und es mit einigen Strichen skizirte. Eben hatte ich vollendet, als der Mann in die Höhe fuhr, dann den Degen entblößte und eine Bewegung machte sich damit zu töden. Der Hund sprang auf und bellte und ich rief mit lauter Stimme: «Halt» Jener sah sich um und als er mich erblickte entfloh er ins Gehölz; ich konnte nichts mehr von ihm gewahr werden und gieng in das nicht ganz weit von dieser Stelle gelegene Dorf um hier ein Nachtquartier zu nehmen. Bei meinem Wirth erkundigte ich mich nach den nähern Umständen der beschriebenen seltsamen Erscheinung und erfuhr: daß schon seit längerer Zeit das Felsenschloß von dem Unbekannten bewohnt werde, welcher jede menschliche Begegnung vermeidend, sich nur gespensterartig jeden Abend um eine gewisse Stunde in dem Hain sehen ließe, wo ich ihn traf. Wöchentlich einmal käme ein stummer Knappe in fast abentheuerlicher Kleidung in das Dorf, der durch Zeichen die nothwendigsten Bedürfnisse für seinen Herrn und sich verlange; jedoch alles redlich bezahle. Am andern Morgen erschien wirklich der sonderbare Diener. Einen Hut mit Federn, den er tief ins Auge drückte, einen kurzen Mantel, welchen er um sich herum schlug, und darinnen sein Gesicht zu verbergen suchte, schwarze kurze Beinkleider, nach alter Ritterart aufgeschlizt, Strümpfe von gleicher Farbe, nebst hohen geschnürten Schuhen mit Franzen und Maschen geziert -- so trat er in die Wirthsstube, zog sich aber sogleich zurück, als er mich, einen Fremden erblickte; doch erfuhr ich nachher von der Wirthin, daß sein Herr am Leben sey, was mir wirklich am Herzen lag und weswegen ich entschloßen war, trotz meinem Wunsch, schnell weiter zu reisen, demselben Abend mich wieder in den Wald zu begeben, um mich zu überzeugen, ob jener Unglückliche, den Vorsatz, von dem ich ihn abgehalten hatte, vielleicht doch ausgeführt habe, nun war es aber nicht nöthig und ich verfolgte meinen weitern Reiseplan.»
Jetzt zeigte Hugo das Gemälde. Cornelia, welche der Erzählung sehr aufmerksam zugehört hatte, warf einen Blick auf dasselbe und sank ohnmächtig auf das Sopha zurück. Alles war in der größten Bestürzung. Man brachte sie ins Nebenzimmer und durch Theresens Bemühungen kam sie bald wieder ins Leben zurück.
Sie blickte scheu um sich und als sie die Freundin neben sich sitzen sah, fuhr sie heftig empor, schlang beide Arme fest um sie und rief: «Er ist es, mein Romberg ists! wo ist die Burg? wo find ich ihn?» Therese bot ihre ganze Beredsamkeit auf, um sie zu beruhigen. Das wirksamste Mittel hiezu war der Entschluß Langenheims: nachdem Hugo auf sein Verlangen die Lage des Felsenschloßes und den Weg dahin genau bezeichnet hatte, selbst hinzureisen um für Cornelien und Albinen etwas Entscheidendes zu bewirken: und wirklich trat er gleich am folgenden Morgen seine Reise dahin an. Erst am 2ten Tag erreichte er das Felsenschloß, wo ihm der Einlaß schlechterdings versagt wurde. Er ritt nun in das Dorf und erwartete hier die Abendstunde in welcher der Menschenfeind an der Quelle erschien; begab sich hier auf einen Posten, wo ihn dieser nicht eher sehen konnte, bis er vor ihm stand. Beide erkannten sich sogleich und Romberg drang mit gezogenem Degen wüthend auf seinen ehemaligen Nebenbuhler ein. Der Ueberraschte hatte jedoch so viel Fassung jenem die Waffe aus der Hand zu winden; aber Romberg blind vor Zorn verwundete sich durch eine ungeschickte heftige Bewegung selbst so tief damit, daß er zu Boden stürzte. Langenheim eilte in das Schloß, trug mit Hülfe des stummen Knappens den, durch den starken Blutverlust ohnmächtig Gewordnen in seine Wohnung und sprengte nach dem Dorf, um den dortigen Chirurg zu holen. Mit brüderlicher Sorgfalt pflegte Langenheim den Verwundeten, der während der ersten Tage zu schwach für jeden Widerstand, oder auch für die Erwiederung großmüthiger Gesinnung war. Als er wieder zur Besinnung kam, beobachtete er ernst und schweigend Langenheims Handlungsweise und das wohlthätige der herzlichen Bemühungen desselben. Um ihn, schien nach und nach die Eisrinde, die sich um sein Herz gezogen hatte zu sprengen. An einem Abend saß Jener an seinem Bette. Eine Lampe erhellte matt das große düstre Zimmer. Nach einem kurzen Schlummer verlangte Romberg Thee. Als Langenheim ihm denselben reichte, das Kissen zurecht machte und theilnehmend nach seinem Befinden fragte, ergrif jener seine Hand, drückte sie und sagte mit noch schwacher Stimme: «Sie sind ein edler Mann! -- tief stehe ich unter Ihnen -- lassen Sie mir Zeit zur Erholung -- und Sie sollen meine herzliche Reue sehen.» Langenheim, glücklich den Sieg über ein hartes Menschenherz gewonnen zu haben, verwies ihn zur Ruhe, um durch heftige Gemüthsbewegungen seine Genesung nicht zu erschweren. Nach 8 Tagen erhielt Romberg von dem Wundarzt die Erlaubniß zu einer Unterhaltung mit Langenheim, und mit herzlichem Vertrauen wurde ein Freundschaftsbündniß geschloßen, das, durch die Einwirkung ein und derselben Personen auf ihre beiderseitigen Schicksale desto mehr Interesse und Festigkeit erhielt. Langenheim erfuhr zu seinem Erstaunen, daß Hainau der wahre Name seines unglücklichen Freundes und der Direktor zu E* sein Vater sey, daß der nemliche bösartige Kammerdiener, welcher ihn ins Unglück zu stürzen suchte, auch den Sohn durch Verläumdungen um die Liebe seines Vaters ja diesen so weit gebracht habe, daß er ihn förmlich aus dem Haus und aus dem Herzen verbannte. «Unter dem Namen Romberg» fuhr Hainau fort, «suchte ich Militair-Dienste. Von Natur leidenschaftlich, ohne Grundsätze, ohne Leitung lebte ich eigentlich zügellos. Ich hatte viele Abentheuer, Streite, Liebesgeschichten u. s. w. und auf meine Monats-Gage warteten schon immer die Schuldner, allein sie reichte nicht hin diese zu bezahlen.»
«Als ich eben von einer Anzahl Gläubiger gequält wurde, erhielt ich einen Brief von jenem Bösewicht, in welchem er mir den Tod meines Vaters mit vielen heuchlerischen Klagen meldete und die Anweisung auf ein dortiges Handelshaus beilegte, welches mir eine kleine Summe auszahlen sollte, die er, nach seiner Versicherung meinem Vater für mich abgebettelt hätte. Nur meine damals bedrängte Lage zwang mich dies schimpfliche Erbgut anzunehmen, aber den Brief zerknitterte ich mit Zähnknirschen in den Händen und warf ihn dann fluchend ins Feuer. Mit dem Geld bezahlte ich meine Schulden und den kleinen Rest verjubelte ich mit lachender Wuth in den ersten Tagen. Bald darauf wurde meine Garnison in den Ort verlegt, wo Cornelia als Schauspielerin mit lautem Beifall auftrat. Sie zu sehen, und die heftigste Leidenschaft für sie zu fühlen, war das Werk eines Abends; ich suchte ihre Bekanntschaft und es gelang mir bald, mich auf Ihre Kosten armer Freund! in ihre Gunst zu setzen. Aber Cornelia verstand es, meinen flatterhaften Sinn ganz zu fesseln. Durch sie wurde ich erst mit der Gestalt und dem Wesen der wahren Liebe bekannt. Anfangs beschäfftigte ihre ausgezeichnete Schönheit nur meine Sinnlichkeit, allein ihre Tugendliebe und ihr innerer Werth erregten nach und nach meine achtungsvolle Bewunderung, welche sich bald in die zärtlichste Liebe verwandelte. Ich hatte nun keinen heissern Wunsch, als ihren Besitz und dieses Verlangen wirkte sogar auf meine Lebensweise. Bekannt mit meiner und Corneliens vermögungsloser Lage wurde ich auf einmal sparsam und haushälterisch und entwarf mit ihr die zweckmäßigsten Plane zu unserm einstigen Fortkommen. Cornelia wollte Unterricht in fremden Sprachen ertheilen, ich im Zeichnen und Mathematik, worinn ich so ziemlich bewandert war und den sonst so bedürfnißreichen Hainau schuf die Liebe zum genügsamsten und doch glücklichsten Sterblichen um.
Der Feldzug gegen Frankreich begann; ich mußte marschieren und beschwor bei unserer Trennung meine weinende Geliebte mir zu folgen, sobald ich ihr ein Standquartier würde melden können. Sie versprach es und hielt Wort. Ein dortiger Geistlicher, in welchem ich einen Jugendfreund fand, gab meinen dringenden Bitten nach und traute mich mit meiner Cornelia. Der Reichthum ihrer Vorzüge lieh unserm häuslichen, wenn gleich stillen Leben so viel Reitz, daß durchaus keine Sehnsucht nach andern Freuden in meiner Brust entstand und ich sann nur immer darauf, auch ihr durch Erweisungen meiner Liebe dies Verhältniß so angenehm als möglich zu machen. Aber ach! dies Glück war von kurzer Dauer! Meine Verheirathung wurde bekannt, so wie der ehemalige Stand meiner Gattin und meine Cameraden beeiferten sich, mir jenen Schritt als ein Vergehen gegen die Ehre in immer wiederholten höhnischen Aeusserungen vorzuspiegeln.
Stolz war stets eine meiner heftigsten Leidenschaften; er erlitte unendliche Beleidigungen und endlich gewann er die Herrschaft über die Liebe. Ein unglückliches Duell ließ mich die schrecklichsten Folgen befürchten, ich rieß mich mit blutendem Herzen von meinem Weibe los, und ergrif die Flucht.»
Die Erinnerung an diese Epoche seines Lebens, erschütterte Hainau von Neuem so sehr, daß Langenheim ihn bat, seine Erzählung ein andermal fortzusetzen. Dagegen ließ er ihn mit möglichster Schonung von weitem ahnen, daß er im Stande sey, ihm von Cornelien einige Nachrichten zu geben. Ein Strahl von Freude glänzte in Hainau's Auge; und indem er Jenen versicherte: er fühle sich stark genug alles zu hören; verlangte er dringend weitere Aufschlüße. Der Freund mußte nachgeben und Hainau erfuhr nun Corneliens Schicksale, Albinens Daseyn und die Gewißheit: durch treue Gatten- und Kindesliebe noch glücklich zu werden. Dies war zu viel für sein Herz, für seinen geschwächten Körper. Er war unbeschreiblich angegriffen und mußte zu Bette gebracht werden. Als er am andern Morgen, gestärkt durch einen sanften Schlummer erwachte, beschwor er seinen Arzt, Langenheim und seinen treuen Joseph (der nun beredt und unermüdet in seiner Pflicht sich zeigte) alles zu seiner schleunigen Genesung beizutragen, um recht bald in die Arme der Seinigen eilen zu können. Er selbst befolgte pünctlich alle Vorschriften und die Wonne des Wiedersehens nahm im Vorgefühl so sehr sein ganzes Wesen in Anspruch, daß Langenheim es nicht über sich vermogte ihn an die Ergänzung seiner Lebensgeschichte zu erinnern, so sehr ihn die Ungewißheit beunruhigte: ob darinnen vielleicht Theodor Hainau, da er des Freundes Nahme führte, auch eine wichtige Rolle noch spielen würde. In einer der gewöhnlichen Unterhaltungen zwischen ihm und Hainau über die fernen Lieben, brach Letzterer in die Aeusserung aus: «Eine Gattin, eine Tochter werde ich bald an mein Herz drücken, wer aber, wer giebt mir meinen verlornen Sohn Theodor?» Langenheim, dadurch aufmerksam gemacht, sprach nun den Wunsch: noch etwas von Hainaus Geschichte zu hören gegen ihn aus und erhielt von diesem folgende Fortsetzung der Erzählung:
Als er sich nemlich von Cornelien getrennt hatte, stürzte er sich wieder in den Strudel der Zerstreuungen und da es ihm an Geld mangelte, buhlte er um die Gunst der Göttin Fortuna im Spiel. Er war an jedem grünen Tisch zu finden, wußte aber seinen Vortheil sehr gut zu benützen, spielte vorsichtig und gewann manche hübsche Summe. Doch die Leere in seinem Herzen konnte keine Lustbarkeit, keine gesellige Freude, kein Sinnen-Genuß ausfüllen, er fühlte sich verlassen und suchte ein Wesen, das ihm Cornelien ersetzen sollte. Auch war er überzeugt, daß seine ausschweiffend durchlebte Jugend, ihm ein frühes und kränkliches Alter herbeiführen würde und sehnte sich: mit dem im Spiel erworbenen Gewinn, sich wieder ein stilles häusliches Glück zu erkaufen.
Auf einem glänzenden Maskenball zog ein Frauenzimmer das als Catinka (im Mädchen von Marienburg) erschien, seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Es war dies die Rolle, in welcher er Cornelien das Erstemal auf der Bühne sah. Jene Erscheinung brachte deshalb sein Inneres in heftige Bewegung und in einer wehmüthigen Stimmung, welcher er nicht Meister werden konnte, nahte er sich jener Maske, lernte in ihr ein liebenswürdiges bescheidenes Mädchen kennen und verfolgte den günstigen Eindruck, den auch er in seinem sanft melankolischen Benehmen auf sie gemacht hatte, mit dem gewöhnlichen Ungestüm. Sie war die Nichte eines Lehrers an dem Liceum der Stadt. Hainau suchte in Bekanntschaft mit ihm zu tretten, und fand in ihm einen Mann, welcher sich mehr für seine Griechen und Römer, als für seine nächsten Umgebungen interessierte. Ohne viele Umstände gab er nach einigen Wochen seine Einwilligung zu Hainaus Werbung um Herminien. Sie wurde seine Gattin und bezog mit ihm ein Landgut, das er von seinem erspielten Vermögen gekauft hatte. Allein bald zeigte sich der Misgriff der Ehegatten in ihrer Wahl. Sie paßten durchaus nicht für einander. Herminie war bis zur Erniedrigung demüthig und furchtsam, zitterte bei jeder Forderung Hainau's und handelte dennoch in immerwährender ängstlicher Besorgniß vor seinem Unwillen verkehrt. Dies machte sie Hainau wiederlich. Er verkannte dadurch ihre übrigen guten Eigenschaften, misbrauchte ihre Sanftmuth und der Schmerz über ein unfreundliches rauhes Betragen, verkürzte Herminiens zartes Leben. Nachdem sie Hainau einen Sohn gebohren, starb sie bald darauf an einer unheilbaren Schwäche. «Mein Theodor hatte das sanfte, zur Schwermuth sich hinneigende Temperament der Mutter geerbt,» fuhr Hainau seufzend fort «und ich mochte den weichen, so ganz unmännlichen Knaben durchaus nicht leiden. Bis in sein 12tes Jahr war er unter der Aufsicht mehrerer Hauslehrer; jedoch ich forderte von diesen; sie sollten die Gemüthsart meines Sohnes umändern, und da sie dies nicht vermogten, schickte ich sie nach kurzer Zeit unzufrieden wieder fort. Theodor war der unglückliche Gegenstand meines Unwillens. Er mußte meine trübe Stimmung, welche immer finsterer wurde, auf alle Weise fühlen und nach einer besondern, heftigen Scene, wo ich den armen Jungen sehr hart behandelte, floh er vor dem unnatürlichen Vater und ließ mich in einem furchtbaren Zustand zurück. Die Erinnerung an alle Leiden der eigenen unglücklichen Jugend, an die traurigen Erfahrungen der spätern Zeit, alle Vergehungen, deren ich mich schuldig gemacht hatte, vor allem aber Corneliens Bild und die unendliche Sehnsucht nach ihr, machte mir mein Leben qualvoll; ich fieng an die Menschen zu hassen und diese feindliche Gesinnung brachte mich endlich so weit, daß ich mein Gut verkaufte, meine Dienerschaft entließ, bis auf den einzigen Treuen, der mich nicht verlassen wollte und mir in diese schauerliche abgelegene Burg folgte, wo ich meine Wohnung aufschlug. Joseph mußte mir geloben mit Niemand ausser mir ein Wort zu sprechen und mein Herz verhärtete sich nach und nach so sehr, daß ich fähig war, einen Brief meines Sohnes unerbrochen zurück zu schicken.
Nur das Andenken an Cornelien war vermögend mich aus der gänzlichen Erstarrung meiner Gefühle zu wecken. Laß dir die Stelle zeigen mein Freund,» sagte Hainau, «wo ich die einzigen hellen Augenblicke in der dunkeln Nacht meines Daseyns, in der heiligen Erinnerung an Cornelien gelebt habe.»
Arm in Arm wandelten die Freunde zu dem Hain; in deßen tiefsten Hintergrund eine Laube, welche Hainau aus einigen Birken gezogen hatte, sie aufnahm. In ihr war ein kleiner Altar von Rasen aufgebaut und auf der Oberfläche desselben aus Vergißmeinnichtpflänzchen ein O gebildet.
«In diesem Tempel,» fuhr Hainau fort, «brachte ich täglich die Stunde zu, worinnen ich mich in einem thörigt falschen Wahn von Cornelien trennte. Ich nahm ihr damals die Rose welche sie am Busentuch hatte mit hinweg und hob sie getrocknet wie ein Heiligthum auf. Kürzlich hatte ich sie wieder bei mir, als ich wieder zur gewöhnlichen Zeit hieher wankte; ich saß dort am Saum des Waldes auf jener Rosenbank und betrachtete lange in tiefes Nachdenken versunken die dürre Blume. Auf einmal schien es mir, als rief eine leise, süße Stimme meinen Namen -- Sie ist Tod! in diesem Augenblick ist sie von der Erde geschieden und mitleidig ruft sie mich! dieß waren meine Gedanken und mein Entschluß sogleich gefaßt: ihr zu folgen. Doch daran verhinderte mich ein Fremder und nachher kehrte mein gewöhnliches Stumpfsein wieder zurück. Ach ich war sehr sehr unglücklich! und das bittre Gefühl der Reue, wird mich ~nie ganz~ glücklich werden lassen! denn: habe ich nicht als Vater unverantwortlich gehandelt? -- auch der Augenblick, wo ich im letzten Anfall wilden Menschenhaßes bald meinen Retter gemordet hätte, auch dieser wird noch oft ein strenges Gericht über mich halten.» -- so klagte Hainau und warf sich Langenheim an die Brust. «Laß die Erinnerung an die Vergangenheit in deinen dunklen Mauern zurück» sagte Langenheim «und gehe mit getrostem Muth der Zukunft entgegen. Laß uns aber auch jetzt aus diesem Dunklen Labyrinth dort zu der freundlichern Rosenbank hinwandeln, hier ist es zu düster» setzte er hinzu und führte Hainau dahin. Von hieraus hatte das Aug eine etwas freiere Aussicht, besonders auf einen Teich welcher Zufluß von jener Quelle erhielt, auf seiner klaren Fläche spiegelte sich der blaue Himmel und die Strahlen der Sonne versilberten die kleinen Wellen, über ihn hinweg sah man durch eine perspectivisch gepflanzter Reihen hoher Pappeln das öfters schon erwähnte freundliche Dörfchen.
«Vertraue mir!» sagte hier tröstend Langenheim zu Hainau, der noch immer den Kopf in die hohle Hand gesenkt, trübe neben ihm saß. «Vertraue mir Freund! so wie ich dich eben jetzt aus der Nacht deiner Tannen hieher ans heitere Tageslicht führte, wo dem Blick, der dort nur auf den nächsten Umgebungen beschränkt ruht sich heitere Gegenstände zeigen, so hoffe ich dir in der Nacht den Kummer, der noch als Vater deine Seele belastet Trost, und leicht geben zu können. Es müßte mich alles täuschen, wenn ich dir nicht einige Auskunft über deinen Theodor ertheilen könnte.» Hainau blickte ihn zweifelnd an. Langenheim beschrieb nun Theodors Aeußeres so lebhaft und treu, als kein Pinsel es vermögte. «Ja er ist es» rief Hainau entzückt, sank auf seine Kniee und sprach ein lautes inniges Dankgebet aus. Dann fiel er stürmisch Langenheim um den Hals und «du mein süßer Wohlthäter hienieden der du mir alles zuführen willst was mir theuer ist sprich! wo lebt mein Sohn?» «In unsrer Mitte, geliebt von uns allen und auch deiner Vaterliebe werth,» erwiederte Langenheim; er mußte nun von Theodor erzählen, was er wußte dann aber versicherte Hainau: «nun kann ich nicht mehr länger hier verweilen. Morgen, Langenheim morgen reisen wir.» Dieser erbat sich noch einen Tag Aufschub, um einen Brief als Vorläufer absenden zu können, ob er gleich schon mehrere abgeschickt und Theresen darin alles mitgetheilt hatte: was sie beruhigen und worin sie Cornelien und Albinen vorsichtig benachrichtigen sollte.
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Unruhig über Corneliens ungewöhnlich langes Aussenbleiben, und mit einem seltsam bangen Vorgefühl kämpfend, schaute Albina an jenem Abend, wo die folgereiche Scene in Langenheims Haus vorgefallen war sinnend zum Fenster hinaus und lauschte auf jeden vermeintlichen fernen Fußtritt. Ihre Zöglinge umgaben den runden Tisch in der Mitte des Zimmers, auf welchem schon die freundliche Kerze brannte und lispelten leise mit einander: denn Albinens befangenes Wesen, das für sie eine auffallende Erscheinung war, hatte ihre kindliche Munterkeit gestört und die Abendsuppe wurde ungenoßen wieder weggetragen. Die ~nun~ 12 jährige Aurelia schlich zu Albinen, umfaßte sie innig und der volle Mond der silbern am Himmel stand spiegelte sich in ihren Thränen. «Gutes theures Kind!» sagte Albina gerührt und drückte sie an die Brust. -- «Du verstehst meine Sorge und ich danke dir für deine Theilnahme, sie ist wohlthuend für mein Herz. Doch beunruhige dich nicht auch. Der große Geist, der diesen schön leuchtenden Weltkörper schuf und in seiner Bahn erhält, sieht eben so mildsorgend auf das funkelnde Johanniswürmchen dort unten im Grase, und der Menschen Schicksale, lenkt er nach ewig weisen und huldreichen Gesetzen. Ich sagte mir dies vorhin recht nachdrücklich vor und bin nun gefaßt, das, was die nächsten Stunden, meiner geheimen Ahnung noch Wichtiges mir bringen werden ruhig anzunehmen.» Bald darauf hörten sie in der Stille der Nacht von ferne einen Wagen rollen. «Das wird die Mutter seyn!» sagte Aurelia fröhlich. «Ist sie es,» erwiederte Albina mit pochendem Herzen leise, «so beauftrage ich dich als die Verständigste, deine Schwestern gut zu unterhalten, damit meine Abwesenheit nicht nachtheilig für sie wird, denn ich muß mit der Mutter alleine sprechen.» -- Sie eilte hinunter -- und aus dem Wagen stieg -- Cornelia und Therese -- Leztere hatte sich entschlossen, da sie alles von der Leidenschaftlichkeit ihrer Freundin befürchtete, sie zu begleiten und die Nacht auf dem Landhaus zuzubringen. Aengstlich spähend blickte Albina beide an. Die Mutter äusserte mit schlecht verheelter Unruhe, sie möchte die Kinder so schnell als möglich zu Bett bringen und dann im Gaststübchen sie aufsuchen. Es geschah und als Albina wieder kam, fand sie Cornelien, mit rückwärts gebogenem, ins Sacktuch verhüllten Gesicht, auf dem Sessel sitzend; sie eilte auf Theresen zu, die neben Jener stand und bat im flehenden Ton, um Aufschluß über alle diese Erscheinungen. Therese, die Seelenstärke der geliebten Tochter kennend, entdeckte ihr Alles; und Albina; in deren Herzen diese Mittheilungen verschiedenartige Empfindungen erregt hatten, beeiferte sich mit Theresen für die Hoffnungsreichsten derselben auch Corneliens Gemüth empfänglich zu machen und schon hatte die Mitternachtsstunde geschlagen, als Mutter und Tochter erst von der trefflichen Freundin schieden und zwar mit den Aeusserungen der innigsten Dankbarkeit für die abermalige Beschäftigung einer treuen Freundschaft und Fürsorge, welche in Theresens schöner Seele immerdar segnend für ihre Lieben waltete.
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