Part 4
Es wurde also wie bisher mit der Sonne aufgestanden, ein Glas frisches Quell-Wasser und etwas später Milch getrunken, dann erhielten die Kinder abwechselnd von Mutter und Tochter Unterricht in wissenschaftlichen Gegenständen, aber auch bei häuslichen Geschäften durften sie, wo sie konnten kleine Dienste leisten. Nach Tisch wurde wie auch Abends ein Stündchen der Blumenpflege gewiedmet, nachher mußten die Mädchen eine weibliche Handarbeit vornehmen und der übrige Theil des Abends gehörte ihren Erholungen, wobei Albina ihre Spiele leitete und überhaupt immerwährend durch Beispiel und Unterhaltung, ohne daß sie es oft selbst wußte, lehrreich für sie wurde, das Mittagessen und die Abendsuppe blieben so einfach wie bisher und bald nachdem die letzte eingenommen war, ruheten auf dem Lager von Roßhaarküssen die durch beständige Thätigkeit ermüdeten Glieder der holdseligen Mädchen sanft aus. Diese ganz einfache und doch herrlich gedeihende Erziehung wirkte so vortheilhaft auf Aurelia und Sidonie, daß nicht nur ihr Geist und ihr Herz eine treffliche Richtung und einen Reichthum von Kenntnißen und zarten edlen Gefühlen erhielt, sondern, daß auch ihr Aeußeres die Spuren der festesten Gesundheit und der Reinheit ihrer Seele trug.
Jeder Blick ruhte mit Wohlgefallen auf ihnen und die Folge war: daß mehrere Eltern ihre Lieblinge Albinen und ihrer Mutter zuführten und sich auf diese Art ein Institut bildete, das, zwar nicht seiner Ausdehnung nach (denn die Zahl der Zöglinge durfte nur bis auf 12 steigen) aber in Hinsicht seiner aufgestellten und befolgten Grundsätze, zu den Vorzüglichsten gehörte. Die befriedigten Eltern entwarfen selbst für Cornelien die vortheilhaftesten Bedingnisse, unter welchen ihre Kinder angenommen werden sollten und so hatte sich auf einmal der Lebensplan von Jener und von Albinen ohne ihren Willen geändert. Sie suchten vorher beinah ängstlich durch den Erwerb ihrer Handarbeit, ihre Verpflichtung gegen Langenheims zu erfüllen und ihre Existenz zu erleichtern, sie wollten dabei nur ihr Gärtchen anbauen und in der Stille leben, jedoch ganz anders gestaltete sich auf einmal ihre Lage. Ein großer segensreicher Wirkungskreis war auf einmal vor ihren Blicken geöffnet. Hier sollten sie pflanzen und pflegen, säen und erndten. Die Sorge für das eigene Fortkommen wurde von der weit edlern Sorge für die geistigen und physischen Bedürfnisse Anderer verdrängt und mit dem Gewinn, den sie reichlich durch die Freigebigkeit der Eltern und Verwandten in klingender Münze erhielten, verband sich der noch weit höhere Lohn, der in dem Gelingen ihres gewissenhaften Strebens: fromme, durch sich selbst glückliche Menschen zu erziehen, bestand.
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So lebhaft es nach und nach in dem freundlichen Landhaus wurde, so stille war es um Theresen, seit sich Albina von ihr getrennt hatte; sie fühlte sich verwaißt: denn die süße Gewohnheit, alle Arbeiten mit dem Beistand des lieben Mädchens vorzunehmen, alle Vergnügungen mit ihr zu genießen, sich an ihren Vorzügen im Stillen zu weiden, dies Alles -- hatte aufgehört. -- Daher kam es ihr sehr erwünscht, als Langenheim mit einem Brief in der Hand in ihr Zimmer trat, und ihr eröffnete: daß Präsident Volkmar, wegen Kränklichkeit um seine Dienstentlassung nachgesucht habe, daß er künftig in der Residenz mit seiner Familie zu leben gedenkt und den lebhaften Wunsch hege: in Langenheims Wohnung ein Quartier zu beziehen. «Kann ich wohl anders liebes Weib! als ihm den 2ten Stock unsers Hauses zusagen? setzte Langenheim am Schluß hinzu, ihm haben wir ja so viel zu danken! und es sind gute edle Menschen!» Therese stimmte ihm bei und traf gleich an den folgenden Tagen alle hiezu nöthigen Vorkehrungen im Haus. Nach Verfluß eines Monats erschien nicht nur Volkmar, mit Gattin und Tochter, sondern auch Guido sein Sohn und Theodor ein Freund desselben kamen mit ihnen nach D**. Die beiden letztern waren eben von der hohen Schule zurückgekehrt und sollten sich in der Residenz um eine Anstellung bewerben. Nun war auf einmal wieder Leben in Langenheims Haus. Es wurden die öffentlichen Vergnügungen mehr genoßen und viele Gesellschaften so wohl gegeben, als auch besucht.
Volkmar wurde, als vertrauter Freund gleich während den ersten Tagen in die Verhältniße Corneliens und Albinens eingeweiht, welche sich bald nach seinem letzten kurzen Aufenthalt zu D** entwickelt hatten und er und seine Familie zeigte eine große Sehnsucht bei Jenen eingeführt zu werden.
An einem schönen Nachmittag überraschte die ganze Gesellschaft die würdigen Vorsteherinnen des kleinen Instituts, als sie eben bei einer Lesestunde in dem Saal unter ihren Zöglingen saßen und sich nebst den andern mit Handarbeit beschäftigten, indeß Aurelia, welche die Reihe traf mit Richtigkeit und Ausdruck in Lossius Gumal und Lina vorlaß. Albina flog von ihrem Sitz auf, als sie Theresen erblickte und wollte in ihre Arme eilen: jedoch sie trat wieder einige Schritte hocherröthend zurück: denn eine schöne männliche Gestalt ging auf sie zu und verbeugte sich mit edlem Anstand. Therese nannte Guido, Volkmars Sohn. Unterdessen waren sie alle in den Saal getretten und die Bewillkommnungsscene erregte sehr gemischte Empfindungen in den Gemüthern der Anwesenden; besonders bei Cornelien. So bald sie konnte flüsterte sie Theresen ins Ohr: «wer ist der junge Mann?» indem sie auf Theodor zeigte. «Theodor Hainau,» antwortete Jene und sah erstaunt die Freundin an, welche ihr wieder in einem leidenschaftlichen Zustand zu seyn schien. Es war keine Zeit zu Erörterungen zu finden und nachdem Garten und Haus mit Allem was dazu gehörte, eingesehen und eine kleine Erfrischung gereicht und genossen war, endete sich der Antrittsbesuch. Man schied zwar sehr befriedigt von Allem, was man gesehen und gehört hatte, indessen freuten sich mehrere der Theilnehmer derselben im Stillen, allein oder in geringerer Anzahl bei den interessanten Freundinnen zuweilen zuzusprechen, wovon man sich einen größeren Genuß versprach.
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Langenheims waren mit ihren lieben Miethsbewohnern höchst zufrieden. Der Baron war ein Mann von seltenen trefflichen Eigenschaften. In seiner Gattin, welche das Bild einer unermüdet thätigen treuen Hausmutter vorstellte, erhielt Therese eine liebende, ihrer Liebe werthe Freundin. Aber in Eugenien fand sie Albinen -- nicht. Sie besaß mehr einen männlichen als weiblichen Charakter, war mehr gelehrt, als gebildet, anmaßend im höchsten Grad und stolz auf ihr Wissen. -- So unzufrieden die Eltern mit ihrer Tochter waren, so sehr beglückte sie der Besitz ihres Guido's. Mit einem Schatz gesammelter Kenntniße, mit einem reinen, unverdorbenen Herzen, den Sitz eines unaussprechlich tiefen Gefühls, mit einem festen Sinn und feinen Sitten -- so kehrte er von der Universität in die Arme der Eltern, dabei war er schön wie Apoll und kühnen Muthes wie Mars. Ihm flogen alle weiblichen Herzen in der Residenz entgegen: doch das Seinige schlug seit dem ersten Anblick nur für -- Albinen. Theodor Hainau wurde überall als Freund Guido's und Verwandter des Hauses vorgestellt, stand aber neben Ersterm im Schatten. Er hatte nichts ausgezeichnetes, als einen höchst schwermüthigen Zug im Gesicht. Auch war er immer ernst und stille, dabei aber nicht ohne Kenntniße und unbeschreiblich sanften weichen Gemüthes. Seine größte Neigung war die Musik; er spielte den Flügel und bließ die Flöte trefflich. Auch ihm schien Albina das vollkommenste weibliche Wesen, das er je gesehen, und er konnte nichts denken als sie. Sie war der Inhalt seiner klagenden Töne am Clavier, denen seine Leidenschaft Worte gab, sie erschien ihm im Traume und oft gieng er vor die Stadt, um nur von ferne die Wohnung zu sehen, wo sie liebend und emsig waltete.
In dem Landhaus hatte jener Besuch auch verschiedenartige Folgen zurückgelassen. Albinens ruhiger Gleichmuth war gestört. Sie mochte es sich noch so sehr selbst abläugnen wollen, die beiden Jünglinge beschäftigten ihre Phantasie mehr als alle männliche Erscheinungen, welche ihr schon auf ihrem Lebensweg begegnet waren. Guido'n mußte sie den Vorzug geben: jedoch wunderseltsam zog sie Theodor an; sie konnte sich durchaus keine Rechenschaft von dem Gefühl geben, das er in ihr erregt hatte. Niemand konnte indessen etwas davon ahnen, was in ihrem Herzen vorgieng; nur in stiller Nacht, oder wenn sie alleine den Garten durchwandelte, hing sie ähnlichen Betrachtungen nach, dann stand sie freilich oft lange gedankenvoll vor ihren duftenden Pfleglingen, ohne sich um sie zu bekümmern, bis ein leiser Lufthauch ihre Zweiglein und Blüthenkronen gegen sie führte, gleich als wollten sie dieselbe an ihr Daseyn erinnern. War Albina aber im Kreise der Kinder oder sonst bei einem Geschäfte, so wieß sie strenge Alles in die Tiefe des Herzens zurück, was sie stören konnte und gegen die Mutter -- ja die Mutter -- war nicht Therese! So sehr sie Jene ehrte und liebte, so schreckte sie ihre Leidenschaftlichkeit zurück und sie fühlte es oft mit Schmerz, daß sie sich ihr weniger zu vertrauen vermögte als Theresen. Auch war Corneliens Betragen seit jenem Besuch so ungleich, daß Albina Mühe hatte, seinen Einfluß auf die Kinder zu verhindern. Oft, ja größtentheils war jene ernst, trübe, heftig. Zuweilen aber blitzte ein Strahl, wie von einer schnell auflodernden freudigen Empfindung des Herzens aus ihrem Auge und Albina sah sehnsüchtig einem Besuch Theresens entgegen, deren Seelenfrieden, wie sie hoffte, auch in ihrer beider Herzen ihn wieder herstellen würde. Nur wünschte sie, daß sie alleine kommen möchte. Dieß geschah nicht; die Baronin begleitete sie und jene wußte es zu veranstalten, daß Albina der letztern den Weinberg zeigen und also sich lange mit ihr entfernt halten mußte. Diese Zeit benützte Therese, um sich von Cornelien Aufschluß über ihre letzthin an sie gerichtete Frage: «wer Theodor sey?» geben zu lassen. «O meine Freundin!» rief diese, und warf sich weinend in Theresens Arme: «Alles was ich mühsam in Schlummer gewiegt hatte, das hat Theodors Anblick wieder mächtig erweckt. Ich fand eine Aehnlichkeit in seinem Gesicht, welche mir das Bild meines Gattens ganz vergegenwärtigte. Vorzüglich in den letzten Tagen unserer Vereinigung, wo Schwermuth, die vorherrschend in Theodors Zügen liegt, auch meines Rombergs Miene aussprach. Doch -- jener heißt Hainau?» «Ja,» erwiederte Therese, «so heißt er, und ist ein Verwandter Volkmars, Theodors Vater war, seiner Aussage nach nicht Officier sondern der Besitzer eines Guts und ist seiner Gattin, welche nach der Geburt des Sohnes starb, bald nachgefolgt.
Volkmars nahmen sich seiner an, und in dieser Familie fühlte sich Theodor so glücklich, daß er sich um seine übrigen Familien-Verhältnisse nichts bekümmerte und ihm dieselben ganz unbekannt blieben. Auch meinen Albert und mich interessirte sein Name und meines Gatten erste Frage war: «ob er mit dem Direktor zu E* welcher auch Hainau hieß, verwandt sey?» jedoch Theodor konnte uns keine Aufklärung darüber geben. Gewiß hat die feurige Einbildungskraft meiner Freundin sie irre geführt und bei öfterem Wiedersehen wenn es ihr gelingen wird, der Phantasie die Zügel anzulegen, wird jene Aehnlichkeit weniger auffallend erscheinen.» Cornelia versprach ihre Unruhe zu beherrschen: allein so oft sie mit Theodor zusammen kam, hatte es immer nachtheilige Folgen auf ihre Stimmung und Theodor begleitete Theresen ~oft~ in das Landhaus; denn ihm war nur wohl in Albinens Nähe: Ihr zu lieb studierte er emsig die Blumenpflege, bereicherte ihren Garten, ihr Treibhaus mit neuen Schätzen, half ihr dann bei allen ihren Beschäftigungen mit demselben und diese Stunden, wo Albina in schwesterlicher Vertraulichkeit mit ihm lebte, waren für ihn die seeligsten. Wenn er noch so tief im Herzen betrübt zu ihr kam, so theilte sie ihm bald ihre sanfte Heiterkeit mit und sein Trübsinn verwandelte sich in die munterste Laune. Albina bemerkte seinen Hang zur Schwermuth und das innigste Mitleid erfüllte ihre schöne Seele. Mit herzlicher Freude wurde sie ihres Einflußes auf seine Stimmung gewahr und es schien ihr Pflicht, ihn immer zu seiner Aufheiterung zu benützen.
Einst wurde Volkmars zu Ehren in der Stadt eine Gesellschaft gegeben, auch Cornelia und Albina waren dazu gebeten. Allein da beide, der Zöglinge wegen, nicht zugleich sich vom Haus entfernen konnten, so schlug letztere die Einladung aus.
Theodors Blick suchte in den gesellschaftlichen Cirkeln immer zuerst Albina. Heute fand er sie nicht, und erfuhr von Theresen die Ursache ihres Nichterscheinens. Nun brannte unter ihm der Boden, nun war nur sein Körper gegenwärtig, er selbst war in dem freundlichen Garten, im Kreise der Kinder, an Albinens Seite. Ein Bedienter kam und rief ihn ab. Welch ein glücklicher Zufall! Im Gasthof zur Rose war ein Universitäts-Freund von ihm abgestiegen und verlangte ihn zu sprechen. In dem Augenblick war Theodors Entschluß gefaßt. Er entschuldigte sich bei der Hausfrau, suchte schnell den Bekannten auf und nach einer kurzen Unterredung, eilte er von ihm weg, zur Stadt hinaus und dem Landhaus zu. Albina trat eben aus der, im Erdgeschoß befindlichen Küche, mit einem Teller Suppe auf den Vorplatz, wo ein armer Greis saß, den die Kinder mitleidig umringten und sich von ihm sein Elend vorerzählen ließen. Theodor blieb in der Entfernung stehen und weidete sich an dem himmlischen Anblick; wie die Kinder, tröstenden Engeln gleich, sich beeiferten, den Armen zu bedienen, jedes ihm eine kleine Hülfe zu leisten sich bemühte, Albina selbst mit milder Theilnahme seine Klagen willig anhörte und ihm Speise und Trank, Geld und freundliche Worte spendete. Theodor blieb noch immer verborgen, um die rührende Scene nicht störend zu unterbrechen. Erst als der Greiß mit heißen Segenswünschen von seiner Wohlthäterin geschieden war, von den Kindern unterstützt und in ihrem Geleite den Berg hinter dem Landhaus mühsam hinauf stieg, trat er hervor und begrüßte Albinen, die, jenen nachschauend unter der Thür stehen geblieben war. Sie schien betroffen und auch ihm entsank beinahe der Muth bei ihrer ganz eigen betonten Frage: «Theodor! was führt Sie ~alleine~ zu mir?» Er blickte ihr bittend ins Auge und antwortete: «der Schmerz, sie bei Regierungsrath W* nicht getroffen zu haben und die schon lang gehegte Sehnsucht: mein von so manchem Kummer belastetes Herz gegen Sie durch vertrauliche Mittheilung zu erleichtern. Darf ich bleiben, oder schicken Sie mich trostlos fort?» Albina vermogte dies nicht; doch erwiederte sie ernst: «Sie bleiben mein Freund! aber Sie erwarten meine Mutter, nur ~dadurch~ wird sich das Unschickliche, das in diesem Schritte lag, vermindern.»
Die Kinder kamen zurück und tummelten sich im Garten. Albina und Theodor nahmen Platz in der Laube und Erstere glaubte, jene von ihrem Freund gewünschten Mittheilungen verhüten zu müssen, da es ihr gefährlich dünkte, seine Vertraute zu werden; sie suchte mit möglichster Unbefangenheit die Unterhaltung auf gewöhnliche Gegenstände zu lenken. Allein Theodor ging wenig darauf ein, war einsilbig und traurig. Endlich sagte er mit einem tiefgeholten Athem-Zug: «Die wohlthätige gütige Albina, welche einem alten Bettler ein williges Gehör für seine Klagen leiht, will durchaus ihrem armen Freund den Trost versagen, den er in der Schilderung seiner betrübenden Schicksale finden würde.» Albina ließ das Strickzeug in den Schoos sinken und in ihrem feuchten Auge laß Theodor die Bewilligung seiner Bitte, dankbar drückte er ihre Hand an seine Lippen und fuhr fort: «Erklären Sie mir, theure Albina! den unwiderstehlichen Drang meines Herzens Ihnen, und nur Ihnen allein Ereigniße anzuvertrauen, welche ausserdem tief in meinem Innern begraben liegen. Auch der edlen Familie, die sich des Verlaßnen annahm, sogar meinem Guido ist manches in meiner Lebensgeschichte unbekannt geblieben. Ja über den wichtigsten Gegenstand in derselben, der so schwer mir auf der Seele liegt, daß ich ihn nicht mehr alleine zu tragen vermag, sind sie im Irrthum. Sie glauben nemlich: mein Vater ist tod -- aber -- er ist nur tod für mich! er lebt Albina! er lebt! doch Gott weiß es, wo jetzt sein Aufenthalt ist!» Auf Albina machten diese Worte einen eigenen tiefen Eindruck und in gespannter Erwartung bat sie nun Theodor selbst, seine traurigen Erfahrungen ihr mitzutheilen. «Das Unglück hat mich von Kind auf verfolgt,» begann er, «schon mein Eintritt in die Welt hatte die schreckliche Folge, daß er meiner Mutter das Leben kostete; einer Mutter, welche nach der Aussage Anderer, unbeschreiblich sanft und gut, der rauhen Behandlung meines Vaters unterlag. Auch ich wurde von ihm mißhandelt und lebte eine harte Jugend. Endlich erlauschte ich einen günstigen Zeitpunct und entfloh. Die kleine Baarschaft, die ich bei mir trug, war bald aufgezehrt; aber als Kind hatte ich auf unserm Gut, das mitten im Wald lag, von den Knaben im Dorf kleine Hirtenflöten aus Lindenholz zu machen gelernt; welche ich, so ziemlich geschickt zu blasen verstand. Mit dieser Kunst, die Instrumente zu verfertigen und durch meinen Vortrag zu empfehlen, erwarb ich mir Freunde und durch sie Brod und Obdach. So kam ich in die Stadt, wo Volkmars lebten. Guido, den ich auf der Strasse begegnete und welcher Gefallen an mir fand, führte mich zu seinen Eltern, und diese rührte mein Unglück. Guido's Bitten bestärkten sie in ihrem großmüthigen Entschluß, mich bei sich zu behalten und ich genoß von diesem Augenblicken an bei ihnen die Rechte eines eigenen Kindes. Mit dem Sohn theilte ich jeden Unterricht und nach geendigten Schulstudien bezogen wir zusammen die Universität. Eine unüberwindliche Scham hatte mich bisher abgehalten, die Wahrheit: daß ich vor meines Vaters Mißhandlungen entflohen sey, zu bekennen; ich hatte vorgegeben: er wäre gestorben, und ich, nach seinem Tod ganz arm und verlassen, hätte mein Glück in der weiten Welt suchen wollen. Oft aber bereute ich diese Unwahrheit: denn in meinem Herzen lebte, trotz der Behandlung, die ich von meinem Vater erfahren hatte, Liebe zu ihm und Sehnsucht etwas von ihm zu hören und doch verschloß mir immer eine gewisse Schüchternheit den Mund, wenn ich meine erste Aeußerung wiederrufen wollte. Als ich zu H* studirte und fähiger war, einen festen Entschluß männlich auszuführen, schrieb ich an meinen Vater alles, was mir ein reuiges kindliches Herz eingab, allein der Brief kam unerbrochen in einem Couvert zurück, worin Jener mit kurzen Worten erklärte: daß jede meiner Bemühungen ihn mit mir zu versöhnen vergeblich seyn würde, indem er seinen Aufenthalt verändern und einen, vor der Welt ganz verborgenen wählen würde. -- Dies ist es nun theure Freundin, was unaussprechlich quälend jede Erdenfreude mir vergiftet, was bisher als lastendes Geheimniß mein Leben trübte und mich zu keiner Ruhe kommen läßt» -- bei diesen Worten löste sich Theodors Schmerz in Thränen auf und Albina weinte mit ihm.
«Armer, armer Theodor!» sagte sie sanft, «wie bedauernswürdig sind Sie! doch, wäre es nicht besser gewesen, wenn Sie schon längst Ihren edlen Pflegeltern sich anvertraut und ihre Vermittelung erbetten hätten?» Theodor machte eine verneinende Bewegung. «Mein Vater ist unerbittlich» versetzte er, «ich habe auf Alles verzichtet, nur nicht darauf, daß ich in Ihrem edlen Herzen Albina eine Freistätte für meinen verborgenen Kummer finden würde!»
Unfähig sich anders zu geben als sie war, und voll des innigsten Mitgefühls, erwiederte sie mit einem herzlichen Druck der Hand: «Könnte ich Ihnen doch mehr geben als Theilnahme! könnte ich helfen!» Theodors lang unterdrückte Leidenschaft brach hier mit Heftigkeit aus. Er stürzte zu Albinens Füßen und betheuerte ihr: «daß es nur in ihrer Macht stehe, ihm sein Unglück ganz vergessen zu machen, und daß er sie unendlich liebe!» Welche Seeligkeit gab Theodor Albinens Gegenliebe, die der Glückliche unverkennbar in ihrem Auge laß, als er seinen Blick zu ihr erhob! jedoch, indem er von ihren Lippen die theure Versicherung wegküssen wollte, hörte Albina die Haus-Klingel schellen. «Laß uns der Mutter entgegen gehen!» sagte sie, «ihr dürfen und wollen wir uns nicht verbergen.»
Corneliens Scharfblick entgieng die Bewegung nicht, in welcher sie die jungen Leute antraf und als sie beide schweigend und forschend betrachtete, schlang Albina die Arme um ihren Nacken, Theodor ergrif ihre Hand und ohne viele Worte war sie in ihr süßes Verständniß eingeweiht. Allein die schöne Morgenröthe des Glücks an dem Himmel des liebenden Paars verdunkelte bald die trübe Wolke auf der Stirne der Mutter. Sie schien nach besonnener Gelassenheit zu ringen. Endlich zog sie beide an ihr Herz und bat sie ernst und dringend: sich durch kein übereiltes Versprechen unglücklich zu machen. «Ich will den Pfad Eurer Liebe nicht mit Dornen bestreuen,» sagte sie, «aber ich kann meiner Ueberzeugung nach, Eure Neigung für jetzt nicht begünstigen, o Ihr müßt Euch noch näher kennen lernen, wenn Ihr sagen wollt: wir sind für einander gebohren, und um jeder unangenehmen Folge der Oeffentlichkeit Eures Verhältnißes vorzubeugen, verlange ich von Euch, daß Ihr dasselbe vor den Augen der Welt verberget. Nach Jahresfrist könnt Ihr eher auf meine Einwilligung hoffen.»
Die Liebenden gehorchten, begnügten sich mit den zwar spärlich zugemeßenen aber dann desto kostbareren Augenblicken schuldloser Genüße und Albina machte nur Mütterchen Therese zu ihrer Vertrauten.
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Guido hatte seine glühende Liebe zu Albinen tief in seine Brust verschloßen; sobald er gewahr wurde, daß Theodor in ihrem Besitz seine höchste Glückseeligkeit setzte. Kein Blick, keine Miene verrieth den Zustand seines Innern. Aber Albinens Zauber feßelte ihn dennoch an den Ort, wo sich ihm öfters die Gelegenheit darbot, sie in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit zu beobachten. Er schlürfte mit Wohlbehagen das Gift, welches sie ihm ohne Wissen und Willen in ihrer holden Freundlichkeit darreichte und jede Stunde, die er mit ihr in den bunten Reihen der Gesellschaft oder am traulichen Theetisch bei Langenheims, wie auch bei seinen Eltern zusammen lebte, umfaßte eine Fülle der schmerzlichsten und seeligsten Empfindungen für ihn.
An jenem Abend, als der glückliche Theodor wonnetrunken nach Haue kam und die Freunde in ihr gemeinschaftliches Zimmer traten, legte jener in das Heiligthum der Freundschaft, in Guido's Herz, das Geheimniß seines stillen Glücks, seiner Liebe. Auch hier blieb jener edle Jüngling Herr über seine Gefühle; aber am andern Morgen, trug er den Eltern, den (wie er sagte) schon lang gehegten Wunsch vor: eine Reise ins Ausland machen zu dürfen, um sich noch mehr Kenntniße und Erfahrungen zu sammeln. Er erhielt ihre Einwilligung und in einem kurzen Abschied, rieß er sich mit männlich verhaltenem aber unendlichem Schmerz von Albinen los.
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Die eingeführte Gewohnheit, nach welcher jeder Künstler in Langenheims Haus willkommen war, wurde immerwährend beobachtet und war schon oft für sie die Quelle manches reinen hohen Genußes geworden. An einem Abend führte sie einen geschickten Maler, Namens Hugo zur Theezeit in den kleinen Kreis, welcher nebst den Hauswirthen und Volkmars auch Cornelien gerade damals umfaßte. -- Hugo erzählte viel Interessantes von seinen Reisen und zeigte manche trefflichen Producte seiner Kunst, besonders in Landschafts-Gemälden.
Bald war es eine freundliche Ansicht, bald eine, die schauerliche Größe der Natur beurkundente Gegend, bald ein stilles Dörfchen in üppiger Flur an einem klaren See, bald eine einsame Kapelle unter alten Eichen was Hugo im Flug aufgenommen und dann mit Muse meisterhaft ausgeführt hatte.