Part 17
«Ottmars reiner Sinn bürgt mir für Alles!» erwiederte ich tief gerührt. «Dank für dies beseeligende Vertrauen!» sagte er und drückte meine Hand an sein Herz. «Ich will es verdienen. Ich will dir alle meine, in deiner Nähe gesammelten Beobachtungen und ihre Resultate mittheilen. Sie gründen sich auf eine vieljährige Erfahrung und Menschenkenntniß; auf eine unaussprechliche aber reine Liebe zu dir und auf den heißen Wunsch, dich, durch dich selbst recht glücklich zu machen.» Auf seine Bitte rückte ich näher zu ihm, da ihm das laute Sprechen schwer wurde und gab ihm das vom Arzt verordnete _Gelée_ zur Erfrischung. Während einer kleinen Ruhe, die er sich gestattete, wo er mit zurückgebogenem Haupt auf dem Sopha-Kißen ein wenig zu schlummern schien, bemerkte ich mit tiefem Schmerz in dem blaßen, aber männlich schönen Antlitz, die Spuren einer baldigen Verklärung und ließ ungehindert meinen Thränen freien Lauf. Endlich richtete er sich mühsam wieder auf und sagte: «Ich fühle mich wieder etwas stärker und nun laß mich aber von der mir noch geschenkten kostbaren Zeit nichts mehr verliehren.» Seine lezte wichtige Rede, welche er, oft von heftigen Husten unterbrochen und mit zuletzt immer mehr heisser werdenden Stimme sprach, habe ich bald nach seinem Hinscheiden aus meinem Gedächtniße hervorgerufen und niedergeschrieben, um sie dem möglichen Vergessen zu entziehen. Es sind festliche Stunden in denen ich sie zur Hand nehme und mir jene heiligen Augenblicke vergegenwärtige. Diese Worte bewähren dann jedesmal ihren segensreichen Einfluß auf meine Denk- und Handlungsweise und neue Kraft zur Tugend, zur treuen Erfüllung meiner Gelübde gewähren sie mir.» Eine steinerne Bank unter einem dicht belaubten Kastanienbaum lud die Freundinnen auf dem Wege ein, hier auszuruhen; sie setzten sich Arm in Arm und beobachteten lange ein tiefes Stillschweigen. Ein sanftes Säuseln in den grünen Wipfel, däuchte ihnen wie Geisterwehen; in der ländlichen Stille unterbrach nichts den hohen Flug ihrer Gedanken, welche sich ungestört mit überirdischen Gegenständen beschäftigten. Endlich zog Eugenia aus einem Brieftäschchen ein Blatt Papier hervor und sagte: «Hier ist das theure Vermächtnis meines vollendeten Freundes -- Ganz ist dieser feierliche Augenblick dazu geeignet dir meine Albina es mitzutheilen. Mir ist, als wäre Ottmars Geist uns recht nahe! o wohl mir, wohl mir, daß ich mit einer himmlischen Ruhe mich darüber freuen und seiner gedenken kann! hier» (sie deutete auf die Brust) «hier ist es so stille, wie es jezt in der Natur um uns her ist. Ja Albina! deine reine Seele wird in dem, was ich dir noch eröffnen will, gewiß nichts finden was sie verdammen müßte. Vernimm also die lezten Worte meines Freundes: Er begann: «Meine Eugenia ist in einem ihr selbst unbekannten reichen Besitz der herrlichsten Gefühle, vereinigt mit einer Stärke des Geistes, welche mich in dem Entschluß befestigt ~alles~, was in Beziehung auf sie und mich, schon lange mich beschäftiget, ihr anzuvertrauen. Bei einer andern deines Geschlechts würde ich es nicht wagen. Du aber verstehst mich, das bin ich gewiß, du vermagst allen meinen Aeußerungen die rechte Deutung und Anwendung zu geben; so laß mir denn gestehen, daß ich meine Freundin, wie mich selbst kenne, daß ich durch stille Beobachtung deines ehelichen und häuslichen Verhältnißes und aus den Producten deines Geistes, welche mir Ferdinand mittheilte, und welche nicht den Kreiß, in dem sich das Weib alleine bewegen soll, sondern einen Außergewöhnlichen durchschreiten, mit Schmerz gewahr wurde: daß meine Eugenia den Weg verfehlte, den ihr Geschlecht wandeln soll. Die steile Bahn, welche uns Männern vorgezeichnet ist, lockte sie, durch den von fern her winkenden Loorbeer und auf diesem Pfad blühten ihr nicht die Blumen, welche durch ihren Duft, den weiblichen Sinn für eigenthümliches Wirken, und für die ihm verliehenen Genüsse und Freuden empfänglich machen.
Indeßen konnten diese Bemerkungen, den Eindruck nicht schwächen, den dein Anblick bei mir bewürkte und den deine zarte Sorge für mich, deine traulichen Mittheilungen, deine geäußerten Grundsäze und dein würdevolles Betragen verstärkten. Die tiefste Achtung gesellte sich zur feurigsten Liebe. Als ich durch dies alles bei dir das innigste Mitleid, als ich -- o laß mich, laß mich mein Glück aussprechen, als ich hie und da einen Strahl der Liebe durchbrechen sah: da gewann meine Leidenschaft die höchste Stufe. Doch Gottlob! Ottmar würdigte sich nicht selbst durch ein Vergehen herab, das in seinen Augen unverzeihlich schien. Die Gastfreundschaft, das Vertrauen deines würdigen Gatten wollte ich nicht mißbrauchen, dir meine Eugenia den sichtbaren Kampf mit der Pflicht nicht geflissentlich erschweren. Ach, nur in ganz glücklichen Augenblicken, wo mich deine Nähe so unaussprechlich beseeligte, drohte die verhaltene Flamme hervor zu brechen. Gewiß! dieser Kampf hat auch meine Lebenstage verkürzt, aber dennoch ist mir die Erinnerung daran ewig theuer. O mit welcher hohen Freude bemerkte ich, daß meine Eugenia durch den Schwesterlichen Umgang mit ihrem Freunde immer und immermehr sich der schönen Eigenthümlichkeit ihres Geschlechts näherte! Wie gerne sah ich, während mancher, Rührung erregenden Unterhaltung, Thränen in diesem Auge glänzen, welche sie vorher streng in ihren Schriften, als eine leicht zu mißbrauchende Weichheit verurtheilte. Ich empfand es tief: so, nur so kann meine Freundin glücklich werden und glücklich machen. Den zerstörenden Feind in meinem Körper fühlend, wollte ich noch die wenigen Tage, den süßen Duft der mir heimlich blühenden Blume, eines stillen verborgenen Glücks, ~alleine~ genießen und durch eine voreilige Berührung den zarten Kelch mir nicht selbst verschließen; faßte aber den Entschluß: bei der Annährung meines Todes jene Blume auch für Andere, vorzüglich für deinen Ferdinand zu erhalten zu suchen.
Der Augenblick ist gekommen!» fuhr er fort, ergrif meine Hand und sah mir mit einem seelenvollen Blick ins Auge.
«Der Sterbende -- ich betrachte mich als einen solchen -- muß jede Hülle abwerfen und so will ich denn auch frei und offen dir bekennen! daß ich dich Eugenia liebte, wie noch kein weibliches Wesen auf Erden! daß ich diese Liebe mit hinüber nehme in die beßre Welt und dort sehnsüchtig des Augenblicks harren werde, wo ich dir entgegen eilen und die Freuden der Ewigkeit mit dir theilen werde können. Gieb mir den Trost mit in die bange Sterbestunde, daß auch du mich geliebt hast!» Er hielt inne und Thränen füllten seine Augen.
Meiner nicht mehr mächtig, sank ich weinend ihm an das Herz. Er drückte mich sanft an sich und sagte: «O der seeligen Minute! wie versüßt sie mir den Tod! aber Eugenia, daß sie nie reuevoll uns erscheine, so sey dies Bündnis unserer Seelen geheiliget durch fromme Vorsätze.
Ich habe deinem Gatten nichts geraubt: denn du hast ihn nicht geliebt! Mir Glücklichem war dies Gefühl in deinem Herzen aufbewahrt. Aber Ferdinand ist gut und edel, ist dein Gatte und verdient, daß du ihn mit inniger, und zärtlicher Achtung zugethan bleibst -- auch deine Zufriedenheit wird dabei gewinnen und ich werde mich dort freuen, etwas dazu beigetragen zu haben. Ich scheide -- die Liebe zu mir wird in deiner Brust einen heiligen Charakter annehmen. Liebe ist kein Verbrechen, nur die Leidenschaft ist es und verklärte Geister kennen keine Leidenschaft, und erwiedern sie auch nicht. Liebe ist der Grundton im Universum. Liebe verbindet die Menschen mit Gott, die Engel mit den Menschen, die Sterblichen untereinander. Dieses Band Eugenia, das du ehedem zu verschmähen schienst sollst du ehren und dich damit schmücken; es ist die schönste Zierde des Weibes. So liebend, darfst du auch meiner gedenken, als deines treuesten Freundes, als deines Schutzgeistes. O ich will -- ist es mir vergönnt, immer dich umschweben und es wird meine Seeligkeit erhöhen, wenn meine Freundin auf den nun betrettenen Pfad, immer weiter zur Vollendung schreitet; wenn sie die Pflichten der Gattin in ihrem ganzen weiten Umfange erfüllt, wenn sie für Anderer Wohl und Weh ein immer gleich offenes Herz darbietet, und nicht mehr durch kalte Sophisterei die beßern Empfindungen verdrängt, sondern was die Edlen ihres Geschlechts seyn sollen, als sanft tröstender, mitfühlender, rettender Genius, unter den Menschen wandelt.» «O Ottmar!» rief ich tief erschüttert aus, «ich will es! nimm das feierliche Versprechen, daß ich stets dieser Stunde gedenken werde. Ja, ich gestehe es dir -- die Liebe zu dir hat mich veredelt und auch in Zukunft wird sie als stärkender Engel mich begleiten durchs Leben.» «Heiliger Gott!» sagte er, mich an sich drückend, den schon matten Blick, in welchem noch einmal Feuer zurückkehrte, gen Himmel hebend -- «heiliger Gott! wie weise und gütig sind deine Wege! du hast mich durch mein Leiden veranlaßt, Trost bei guten Menschen zu suchen; ich habe noch mehr gefunden, Liebe, beglückende Liebe wurde mir zu Theil! und vergönnt war es mir, einer theuern Seele Wohl und Heil zu befördern und das der meinigen damit zu begründen. Nun sind wir Eins hier und dort in der Liebe zu dir und deinen Geboten! und die lezte Zeit meines Erdenaufenthalts hast du mir guter Gott da angewiesen, wo sie mir so genußreich verstrich und wo ich schon den Vorschmack deiner himmlischen Freuden empfand. Wie huldreich und gnädig ist Gott!» -- Mit diesem frommen Gebet beschloß mein edler Freund seine schöne irdische Laufbahn.» -- Eugenia faltete hier das Papier zusammen und feierte stille und mit Thränen, das Andenken dieser schmerzlich süßen Stunde. Auch Albina war höchst gerührt, wollte aber die Freundin durch keine Aeußerung in ihren heiligen Empfindungen stören. Nach einer Weile fügte Eugenia mit zurückgekehrter Fassung noch folgendes jener schriftlichen Mittheilung bei. «Erschöpft sank Ottmar nach jener Ergießung seines Herzens auf das Sopha-Kißen zurück, schloß die Augen und preßte krampfhaft meine Hand. Meine Angst war auf das Höchste gestiegen; ich suchte die Klingel zu erreichen und sandte die Magd schnell nach dem Arzt. Er kam und zuckte die Achsel. «Lassen Sie ihren Gatten ruffen,» sagte er; «unser Leidender wird bald vollendet haben.» Und so war es. In meinem Arm hauchte er nach einigen starken Athemzügen die schöne große Seele aus. Diese Hand trocknete ihn den Todesschweis von der Stirne, diese Hand drückte ihn die Augen zu und ich legte sie auf das edle Herz, das nun ausgeschlagen hatte und wiederholte im Stillen meine heiligen Gelübde.
Ferdinand traf ihn nicht mehr bei Leben an und in aufrichtiger Trauer um unsern Verlust, vereinigten sich an seinem Sarge inniger unsere Herzen. Ottmars Beerdigung hatte ich angeordnet, da er mir deswegen seine Wünsche schon mitgetheilt hatte. Würdevoll, aber einfach und stille wurde sie vollzogen. Seine Uniform und alle theuer erworbenen Ehrenzeichen schmückten ihn im Sarge; einen blühenden Orangenzweig legte ich in seine kalte Hand und unter sanften Harmonieen blasender Instrumente wurde er dem kühlen Schoos der Erde übergeben. An seine Grabstätte pflanzte ich weise Rosen und oft weilte ich daselbst und holte mir neue Kraft zur Ausführung frommer Entschlüße. Ferdinand schien meinen Schmerz, um den mir von ihm selbst Anvertrauten sehr natürlich zu finden, ohne mehr zu ahnen, vielmehr dankbar dieser Erscheinung in unserm sonst ziemlich alttäglichen Leben, die Umänderung meiner Denk- und Handlungsweise zuzuschreiben: da er einen sehr ruhigen, durchaus nicht zur Eifersucht geneigten Charakter besitzt und durch meine Umwandlung keinen Nachtheil, sondern für sich und das Hauswesen die größten Vortheile gewahr wurde; ja immer herzlicher, immer zufriedener wurde unser Verhältnis: denn ich bemühte mich durch vermehrte Beweise meiner achtungsvollen Anhänglichkeit an Ferdinand, die Grundpfeiler unsers ehelichen Glückes zu befestigen und betrachtete von jezt an, meinen Standpunct als Gattin und Hausfrau als den Höchsten und Wichtigsten; den Beschäftigungen am Schreibtisch wiedmete ich nur meine Musestunden. Meine Feder bearbeitete nun ganz andere Gegenstände als vormals und ich darf nach dem Ausspruch meines Gattens, mich der süßen Hoffnung überlassen: durch meine kleinen Schriften jezt mehr Segen und Genuß zu verschaffen und zu verbreiten als ehedem.» Eugenia endigte hier mit der wiederholten Versicherung: daß ein reines dankbares Andenken an Ottmar, den Schöpfer ihres wahren innern Glückes, unvertilgbar in ihrem Herzen wohne, daß sie ihn nicht liebe, sondern gleich einen Heiligen verehre und sein Bild und seine Wünsche ihr als Maasstab durchs ganze Leben dienen würde.
«In dieser Gestalt ist die Liebe ein wahrer Schutzengel der Sterblichen,» sagte Albina, «rein von allen irdischen Mängeln gehört sie auf solche Weise, wie sie sich dir theure Eugenia genähert hat, zu den himmlischen Genien, und ohne Vorwurf darfst du dich ihres beseeligenden Einflußes auf dein Leben freuen, ja ihr noch jezt huldigen. Wir gewinnen alle dabei! o Dank und Seegen dem Edlen! der dich für ein segenreiches Wirken in der Welt und für unsere Herzen gewonnen hat!» «ja Dank und Segen ihm!» versezte Eugenia, und blickte mit leuchtenden Augen nach der Höhe. «Er hat sich unaussprechlich verdient um mich gemacht und mit hoher Ruhe folgt ihm mein Geist in jene Gefilde. -- Die Trennung von ihm war zwar schmerzlich, aber sein Leben würde für ihn und mich qualvoll seyn, indeß sein sanfter Tod uns beiden Frieden gab. Aus voller Ueberzeugung ruffe ich mit ihm aus: Wie huldreich und gnädig ist Gott!» Unter diesen Gespräch hatten sie das Landhaus erreicht, und Eugenia schickte sich zur Abreise an. Mit heißem Dankgefühl für das was sie Antonien erzeigt hatte, trennten sich die Freunde, so wie diese selbst von ihr und wann sich das liebende Paar in seiner Wiedervereinigung höchst beglückt fühlte: so wurde Eugeniens Name mit Dank und Rührung genannt.
Antonie kehrte nach Theodors Herstellung auf das Landhaus zurück und half Albinen eifrig zu ihrer Ausfertigung. Guido's Sehnsucht sprach sich in jedem seiner feurigen Briefe aus und gerne hätte er dieselbe durch einen Besuch befriedigt: allein die Entfernung war zu bedeutend und seine Berufspflichten, welche er mit Eifer und Treue erfüllte, gestatteten keine lange Abwesenheit. Er hatte sich einen sehr großen und segensreichen Wirkungskreis selbst gebildet, in welchem er unermüdet, unendlich viel Gutes stiftete und manche große Tugend übte. Endlich winkte ihm der Lohn für alle ausgestandenen Leiden sowohl, als für alle edlen und gemeinnützigen Handlungen, welche seine Tage und Stunden bezeichneten; und es ergieng der beglückende Ruf an ihn; daß er kommen und die Heißgeliebte zu sich holen dürfe. Langenheim lud ihn in einem freundschaftlichen Schreiben ein, mit dem Bedeuten: daß er in seinem Haus und aus seiner Hand die theure Pflegetochter erhalten würde. Er kam, und noch nie hat ein glücklicheres Paar seine Vermählung gefeiert. Die heißeste Liebe, auf die tiefste Achtung gegründet, von dem Segen der Eltern und dem innigen Antheil treuer Freunde begleitet, schüttete das Füllhorn ihrer reinsten Freuden auf das Haupt der Verlobten. William und Fany waren unendlich fröhlich über diese Begebenheit und unzertrennlich von den Eltern. Die andern Zöglinge Albinens aber und Aurelia trauerten herzlich über die Trennung von der geliebten und liebevollen Erzieherin. Cornelia war tief erschüttert als Albina mit dem überglücklichen Guido, mit den Kindern und Therese in den Reise-Wagen stieg; und es verstrichen Wochen und Monate, bis sie das Versprechen ganz erfüllen konnte, welches Albina den Abend vor der Abreise im Ton der kindlichsten Ehrerbiethung ihr abgenommen hatte: nemlich Aurelia für ihre Tochter anzusehen und mit dieser vereint das Wohl der anvertrauten Pfleglinge zu besorgen: denn obgleich durch Albinens Entfernung, Aureliens Auffenthalt bei Cornelien allen Reitz verlohren hatte, so hielt es doch diese zartfühlende Seele für ein großes Unrecht, die ohnehin jezt betrübte Mutter zu verlassen und hatte Albinen zugesichert: jene noch eine Zeitlang zu unterstützen; denn auf Antonien konnten sie nicht rechnen. Diese lebte ihrem zärtlichen Freund und der Sorge für ihre Zukunft, in Verfertigung ihrer von Cornelien großmüthig bestimten reichlichen Mitgabe von Kleidung und Wäsche. Nach Jahresfrist wurde auch sie mit Theodor verbunden, bei welchem fröhlichen Fest Albina mit ihrem Gatten innig theilnehmende Gäste waren.
Doch ich kehre zu diesen und zu der Zeit zurück, wo sie sich in E* häuslich niederließen. Albina und Therese begegneten sich in dem Wunsch: daß diese, jene dahin begleiten möchte. An dem Ort, wo durch die edelmüthige Freundin, Albinens Lebensglück gegründet wurde, in so ganz veränderter Lage mit ihr einige Wochen wieder zusammen zu seyn, mit ihr die Vergangenheit in der Erinnerung daselbst durchleben zu können: welche erfreuende Aussicht! Auch Therese hofte viel Genuß in der lezten Beziehung von der Reise nach E* und was sich beide von der Erfüllung ihres Verlangens im Geist versprochen hatten, gieng alles in Wirklichkeit über. Mit Hülfe Theresens war Albinens häusliche Einrichtung bald geordnet und dann ersuchten beide Frauen Guido, daß er sie in die ehemalige Wohnung Langenheims führen möchte. Nach eingezogener Erkundigung erfuhr er zu Theresens großer Freude, daß der gegenwärtige Besitzer der edelmüthige Asseßor Freiberg war, der sich so verdient um Langenheims gemacht hatte. Durch einen frühern Briefwechsel, wurde Langenheim benachrichtigt, daß sich der Rath nach jenem unangenehmen Auftritt in der Session abgefordert hatte und daß er Willens war, irgend wo Anders eine Anstellung zu suchen. Er versprach Langenheim, ihn von seinem neuen Auffenthaltsort, wenn er bestimmt seyn würde in Kenntniß zu sezen: allein es erschien kein Schreiben mehr und dieser glaubte sich vergeßen. Als nun Therese und ihre Freunde Freiberg besuchten, erfuhren sie, daß der Tod seiner Gattin ihn die Lust benommen habe, den ersten Plan auszuführen. Er hatte vorgezogen, in dem Ort zu bleiben, in deßen Nähe die Hülle seiner Lebensgefährtin ruhte und hatte es auch Langenheim geschrieben. Da der Brief also verlohren gegangen seyn mußte und er keine Antwort erhalten hatte, gestund er: dem Argwohn Raum gegeben zu haben, daß die Glücklichen nicht mehr des Freundes gedächten, der im Unglück ihnen so viel war. Höchst erfreut über diesen angenehmen Irrthum, gab er Theresens dringenden Bitten nach und entschloß sich, mit ihr zurück nach D* zu reisen um den Rest seiner Tage in ihrer Nähe zu zuzubringen. Hier machten Guido's Eltern, Langenheims und der Asseßor in der großen Welt eine kleine, innig mit sich zufriedene Welt aus; und auch Cornelia gehörte in diesen Cirkel. Freiberg seegnete oft seinen Entschluß: denn ihm waren jezt theilnehmende Freunde so nothwendig, als Andere sonst seiner in dieser Hinsicht bedurften. Er war im höchsten Grad trübsinnig geworden und führte in M* ein einsames, freudenloses Leben. Wie süß war Theresens edlen Herzen die Hoffnung: dem Redlichen seinen thätigen, segensreichen Antheil, den er einst an ihrem Schicksal genommen hatte, vergelten zu können. Ach, für den guten Menschen ist dies eine hohe, eine himmlische Wonne! Auch Albina und Guido strebten nach diesem reinen Genuß.
Sie suchten nemlich die wackern Gärtnersleute auf, deren menschenfreundliche Denkungsart Albinen nicht nur das Leben erhielt, sondern auch demselben durch eine treue und fromme Erziehung die Kinderjahre hindurch, Werth gab.
Ihre Freude war unaussprechlich, Albinen wieder zu sehen, und zwar in einer so glücklichen Lage und mit so unverändert dankbaren und liebevollen Gesinnungen gegen sie. Die Eltern weinten vor herzlicher Rührung, als sich Albina wie ehedem traulich zu ihnen auf die Bank sezte, nach allem fragte, sich alles erzählen ließ und die Hauptabschnitte ihrer nachherigen Lebensgeschichte ihnen mittheilte. Die Kinder, deren mehrere in Dienste gegangen und nur noch die drei jüngsten derselben bei den Eltern sich aufhielten, schienen sie nicht mehr zu erkennen; doch wurden sie bald recht herzlich und gesprächig: denn Albina hatte sich einen großen Korb nachbringen lassen, welchen sie geschäftig auspackte und dann jedes reichlich und passend beschenkte. Auch Vater und Mutter giengen nicht leer aus; allerlei Bedürfniße der Nahrung wurden befriedigt und die Familie konnte nicht aufhören zu danken und sich zu freuen. «Ach Vater Paul!» sagte Guido und umfaßte innig seine Gattin -- «was ist all das gegen dies Kleinod welches ich euch zu verdanken habe! so lange ich lebe sollt ihr gewiß an Nichts Mangel leiden und dennoch werde ich meinem Verlangen, euch zu vergelten, immer nicht Genüge leisten können!» Er hielt Wort, besuchte häufig mit seiner Albina den Ort ihrer Kindheit und erzeigte ihren Pflegeltern viel Gutes.
Nach ein paar Jahren kam Edmund von seinen Reisen zurück, erfuhr durch Paul die Verheirathung Albinens, und ihren Auffenthalt zu M* und fühlte sich stark genug, mit ruhiger Herzlichkeit sie selbst seines Antheils versichern zu können. In ihrem Haus und durch die Freundschaft des edlen Guido wurde ihm manche genußreiche Stunde zu Theil und hier war es auch, wo sein ehliches und häusliches Glück gegründet wurde. Ein schneller Tod Corneliens zog nemlich die Auflösung des ohnehin klein gewordenen Instituts nach sich und Aurelia wurde von ihrem Vater abgeholt. Doch dieser sollte die geliebte Tochter nicht lange besitzen. Er befriedigte ihr sehnsüchtiges Verlangen: ihre theure Albina wieder zu sehen und wollte mit ihr über E* zurückreisen.
Guido und seine Gattin freuten sich innig der lieben Gäste und wußten ihnen ihren Auffenthalt so angenehm zu machen, daß die dazu bestimmten Tage zu Wochen wurden. In dieser Zeit lernte Edmund, nun mit freiem Herzen, Aureliens Vorzüge kennen und eine zärtliche Achtung und Liebe war die Folge davon. Ach Aurelia hatte auch ihn noch nicht vergeßen! sie gestand es Albinen mit heißem Erröthen, und des Vaters Gefallen an dem jungen Mann, erleichterte diesem die Bewerbung um die liebenswürdige Tochter. Jener gab seine Einwilligung und Aureliens reines Glück erhielt die Vollendung durch die reizende Aussicht in Albinens Nähe leben zu können.
Corneliens Tod hatte Albinens kindliches Gemüth tiefbetrübt. Auch Theodor betrauerte sie herzlich. Ihn hatte die Verstorbene zum Besitzer des Landhauses ernannt. Bald darauf folgte der damalige Pächter seiner Herrin in die Ewigkeit nach. Die Stelle mußte ersezt werden und Antonie wurde dadurch in den Stand gesezt, sich gegen Jacob und seine Familie dankbar zu beweisen. Mit gänzlicher Beistimmung ihres Gattens wurde er berufen, das Gut zu pachten und erschien mit Freuden. Sie wurden unter den für sie vortheilhaftesten Bedingungen angenommen, erfüllten treu ihre Verpflichtungen und fühlten sich unbeschreiblich glücklich.
Nach zurückgelegten Wanderjahren besuchte Georg Werner seine Verwandte und holte sich bald darauf sein Bäschen Maria zum Weibe. Sie erhielt von Antonien eine reichliche Ausstattung. Dies war aber die lezte Freude, welche sie hienieden genoß. Nach dem zweiten unglücklichen Wochen-Bette, in welchen sie beidemale von einem todten Knaben entbunden wurde, führte sie der Tod aus den Armen ihres trostlosen Gattens, in das Land, wo keine Trennung ist.
Theodor flüchtete sich mit seinen wunden Herzen zu Albinen, gab seine Stelle am Hof auf und wiedmete sich der Tonkunst. Bei dieser sanften Muse fand er den kräftigsten Trost. Tragisch, dramatische Werke verdanken ihm ihre musikalische Bearbeitung. Eugenia hörte von Theodors traurigem Schicksale und von den Früchten, seiner im Dienst der Wehmuth stehenden Phantasie. Sie schrieb an ihn theilnehmende Briefe. Wie liebliche Töne aus der Jugendwelt klangen ihm ihre Versicherungen im Herzen wieder, und er fand in dem fleißig unterhaltenen Briefwechsel wahre Beruhigung.
Einem dieser Briefe war ein Schreiben Richards von Steinfels beigeschloßen, welcher durch den Profeßor von Antoniens Vollendung in Kenntniß gesezt worden war. Der Brief war folgenden Inhalts: