Albina, das Blumenmädchen

Part 16

Chapter 163,413 wordsPublic domain

Eugenia hatte nicht ununterbrochen fortlesen können. Theils versagte ihr zuweilen selbst die durch Rührung gehemmte Stimme den Dienst, theils konnten Therese und Albina die Aeußerungen inniger Theilname und schmerzlichen Mitgefühls nicht zurückhalten. Eugenia fügte noch der schriftlichen Mittheilung die fehlende Ergänzung bei, in dem sie erzählte: daß ihr Gatte die Bekanntschaft jenes Barons in den erwähnten Gasthof gesucht und angeknüpft und in ihm einen achtungswürdigen jungen Mann gefunden habe. Er verheelte aber in einer der vertraulichen Unterhaltungen dem Professor nicht: daß er erst durch Antoniens Beispiel rein moralich denken, fühlen und handeln gelernt habe. Er gestand offenherzig ein paar Universitäts-Jahre durchaus verschleudert und ohne irgend einen Nutzen für seine Geistes- und Herzens-Bildung durchlebt zu haben, versicherte aber, fest entschloßen zu seyn: das Versäumte einzuholen; deswegen sey er in diese Stadt gekommen und wollte hier noch ein Jahr den Vorlesungen einiger berühmter accademischer Lehrer beiwohnen. Antoniens Schicksal, das er durch den Professor erfuhr, erschütterte ihn heftig und die früher bekämpfte Neigung drohte wieder mit Gewalt hervor zu brechen. Eugenia hatte ihren Gatten schon früher von Antoniens Verhältnis zu Theodor erzählt und ihn auch späterhin ihren Plan mitgetheilt die Getrennten wieder zu vereinigen. Dies benützte der kluge Mann bei dem Baron auf zweckmäsige Weise und verhinderte dadurch eine abermalige, für ihn gefährliche Annäherung an Antonien. Unendlich glücklich machte diese der ihr eröffnete Entschluß Eugeniens: sie ihren lang und schmerzlich entbehrten Freunden wieder zuzuführen. Zu verdoppeltem Dank fühlte sie sich verpflichtet, als sie von Richards längerer Anwesenheit auf der Universität hörte und sie trug mit der größten Sorge selbst alles zu ihrer gänzlichen Wiederherstellung bei, um recht bald abreisen zu können, «Ach! wie muß jezt dem armen, vom Schicksal so verfolgtem Geschöpf zu Muthe seyn, da sie sich jezt in dem Haven der Ruhe befindet!» rief Therese; «Wenn sie nur einer dauerhaften Gesundheit genöße!» sezte Eugenia hinzu. «Von Natur fein und zart, haben die vielen erduldeten Leiden ihren Körper furchtbar geschwächt.» «Freundschaft und Liebe werden alles aufbiethen ihn zu stärken, ihr Leben zu verlängern!» -- sagte Albina.

Es dämmerte schon der Morgen, als sich die Freundinnen auch noch ein wenig zur Ruhe niederlegten.

Am folgenden Tag war Antoniens erste Frage: nach Theodor und man erzählte ihr vorsichtig seinen gehabten Unfall. «O laßt mich, laßt mich zur Stadt gehen, ich fühle mich gesund und kräftig, es ist mir unmöglich ihn länger zu missen!» so bat Antonia und Albina, Eugenia und Therese begleiteten sie dahin.

Theodor hatte sich nicht nur am Arm beschädigt, es hatte auch der Fuß etwas gelitten und er konnte sich nicht gut von der Stelle bewegen. Langenheim und Volkmars hatten es daher für beßer gehalten, ihn Antoniens Anwesenheit zu verschweigen, um nicht seine Ungedult noch heftiger und schmerzlicher zu machen. Wie war ihm, als sie nun in sein Zimmer trat! -- Ein Schrei des Entzückens und -- sie lag an seinem Herzen! Fest, fest umschlang er sie mit dem gesunden Arm und wollte sie nicht loslassen: doch ihr bleichgewordenes Antlitz ließ die Freundinnen eine zurückkehrende Schwäche befürchten, und die Bitten derselben brachten Theodor zur Besinnung, welche ihm beinahe die Freude geraubt hatte. Durch zweckmäßige Mittel fühlte sich Antonie bald wieder ganz gestärkt und sie wich nun nicht mehr von Theodors Seite. Auf das zärtlichste sorgte sie für ihn, suchte seine Schmerzen und das Unangenehme seiner Lage ihm so viel als möglichen zu versüßen und segnete oft laut den wackern Unbekannten, welcher nach Langenheims Erzählung ein noch größeres Unglück verhütet hatte. Am Mittag trat dieser mit einem jungen Mann in das Zimmer und sagte: «da hat mir ein glücklicher Zufall deinen Retter in den Weg geführt, lieber Theodor! Eben wollte er mit seinem Wanderbündel wieder zum Thor hinaus; ich erkannte ihn und bat: er möchte mit mir kommen, du sehntest dich, ihn kennen zu lernen und ihm zu danken. Es hat mir aber viel gekostet, bis ich ihn dazu bewegen konnte.»

Antonie, welche Theodor liebkosend, an seinem Armseßel stand, hatte sich bei ihrem Eintritt weg, und an ein Fenster begeben: denn sie erkannte in dem jungen Reisenden, Georg Werner. Theodor nöthigte ihn freundlich sich niederzusetzen und rief: «Antonie! willst du wohl diesem lieben Freund hier Brod und Wein bringen!» Georg blickte bei diesem Namen um sich, erkannte Antonien und stammelte verlegen und ganz roth im Gesicht die wiederholte Versicherung: daß er sich unmöglich lang aufhalten könnte. «Das soll auch nicht geschehen,» versicherte Theodor, «sie wird gleich wieder da seyn.» Sie kam wirklich und reichte ihm mit freundlicher Unbefangenheit ein Glas Wein und ein Stück Kuchen, wandte sich dann gegen Theodor und sagte: «Wunderbar sind die Wege des Schicksals! dieser junge Mann und ich sind alte Bekannte. In seiner Eltern Haus wurde ich aufgenommen, als ich einst keinen Zufluchtsort hatte. Georg verstand es, mir mit zarter Aufmerksamkeit das Drückende meiner damaligen Lage weniger fühlbar zu machen und nun muß er mir sogar mein Theuerstes auf der Welt, dich meinen Theodor, vor einem großen Unglück schützen! Innigen Dank dafür lieber Freund! Ach, noch ist mir der Augenblick gegenwärtig, wo Sie mir mit freundlicher Sorge in mein einsames Kämmerchen ein Glas Wein und ein Stück Kuchen brachten! Wäre es mir doch vergönnt, so, wie ich Ihnen hier eine ähnliche Erfrischung reichen konnte, ihnen auch den lezten wichtigen Dienst vergelten zu können!

Doch wie ist es Ihnen bisher gegangen? gewiß, ich nehme den herzlichsten Antheil! und mein Theodor,» fuhr sie fort, indem sie ihren Arm um ihn schlang, «wird aufrichtig mit ihnen fühlen, wenn ich ihm später von Ihrem Schicksal erzählen werde.» Georg hatte sich gesammelt. Er konnte dem offenen und herzlichen Benehmen Antoniens unmöglich Verschloßenheit entgegen setzen und mußte sich, wenn auch mit einiger Verlezung seines Gefühls, ihres Glücks und des Zufalls freuen, welcher ihn in den Stand gesezt hatte, eine große Störung desselben abzuwenden. Er wurde zutraulich und erzählte: daß er nach Antoniens Entfernung noch viele harte Kämpfe mit seinen Eltern zu bestehen hatte; jedoch Rosinchen führte endlich selbst die Trennung herbei, indem sie sich mit einem Unterofficier, eines im Städtchen einquatierten Truppen _Detachement_, in ein Liebesverständniß eingelassen hatte. Nun mußten ihn seine Eltern selbst frei sprechen und um die Leiden der Vergangenheit ein wenig zu vergeßen, auch um anderer Vortheile willen, habe er sich vor wenig Wochen auf die Wanderschaft begeben, wo ihn sein Weg zur glücklichen Stunde in diese Stadt geführt hatte. Von dem Dank und den herzlichsten Wünschen der Liebenden begleitet, sezte er bald darauf seine Reise weiter fort.

* * * * *

Eugenia hatte nun ihr schönes Werk vollendet und glaubte der glücklichen Antonie entbehrlich zu seyn. Sie verbarg auch nicht, daß sie sich herzlich nach ihrem Gatten sehne, in deßen zärtlichen Briefen sie ihre Belohnung für die Opfer fand, welche sie, als liebende Gattin der Freundschaft gebracht hatte. Albina riefen nothwendige Geschäfte auf das Landhaus zurück und Eugenia entschloß sich, sie dahin zu begleiten, um daselbst Abschied zu nehmen und ihre dort befindlichen Effecten einzupacken.

Der Weg dahin wurde den Freundinnen durch trauliche Gespräche verkürzt. In gebildeten und tieffühlenden Gemüthern giebt es der Berührungspuncte so viele, welche dann ein weites Feld gegenseitiger Mittheilungen eröffnen.

Auch Albina und Eugenia fanden in ihren Ansichten und Urtheilen über die Erscheinungen im Leben, reichen Stof zu gehaltvoller Unterhaltung; und so waren sie denn auch auf das interessante Thema: über den großen Einfluß, welchen der Umgang mit geliebten Personen auf den Charakter des Menschen behauptet, gekommen. Eugenia schien ergriffen und gieng eine Zeitlang schweigend neben Albinen. Endlich sagte sie: «Zu der Behauptung dieses Satzes, gebe ich selbst den unwiedersprechensten Beleg. Ja theure schwesterliche Freundin! ich kann unmöglich dem Drang widerstehen: dir einen Beweiß meines unbegränzten Vertrauens zu geben und zugleich mir den Genuß einer Mittheilung zu verschaffen, den ich mir noch bei keiner Seele gestattet habe. In deine verschwiegene Brust weiß ich, darf ich Alles niederlegen, was ausserdem mit mir begraben werden würde. Du, du bist das Wesen, dem sich alle Herzen öffnen, das mit einer sanften Gewalt, alle an sich zieht und -- ohne es zu wollen, sich dieselben zu eigen machen weiß. Ich würde unzufrieden abreisen, hätte ich dich nicht ganz in das verborgene Gebieth meines Innern blicken lassen: denn ich kenne nichts heiligeres und süßeres in der Freundschaft, als die gegenseitige Enthüllung der Herzen. Nur dann, wenn du alles von mir weißt, nur dann sind wir ganz vereinigt und bleiben es in jeder Entfernung für dieseits und jenseits.» Albina umarmte tief bewegt die begeisterte Freundin und versicherte innig: sie würde ihr freudig dies volle Vertrauen erwiedern und ihr auch alles mittheilen, was ihr vielleicht noch in ihrem Schicksal unbekannt wäre: doch jezt möchte Eugenia ihre Begierde: etwas der Freundin Wichtiges zu erfahren, befriedigen.

Eugenia begann mit niedergeschlagenen Augen das Bekenntniß: daß sie in ihren Mädchen-Jahren, ja noch im Anfang ihrer Ehe so viele irrige Meinungen und Ansichten, so viele tadelnswürdige Neigungen und Eigenschaften beseßen habe, daß sie jezt mit tiefer Beschämung sich derselben erinnere. «Und die gänzliche Umwandlung meiner selbst,» sagte sie gerührt, «hat -- die Liebe bewirkt! eine reine Liebe, deren Andenken eine stille Ruhe in meiner Seele verbreitet, mich zu jeder Tugend anfeuert und mir den Standpunct, auf welchem ich unter den Menschen stehe, erst recht theuer und wichtig macht.

Höre, wie es zugieng. Ein naher Verwandter meines Mannes, Ottmar von Wildenfels, der als Major im heiligen Krieg seine Gesundheit und seinen geraden Körperbau eingebüßt hatte, kam unerwartet zu uns und bat mit sanfter Stimme um freundliche Aufnahme, da sein trauriges Schicksal ihm unter fremden Menschen noch schwerer zu ertragen fiele. Mein guter Mann gewährte ihm mit Freuden seine Bitte und er zog bei uns ein. Sein Anblick hatte einen ganz eigenen Eindruck auf mich gemacht. So viel männliche Liebenswürdigkeit und so viel Unglück hatte ich noch nicht vereinigt gesehen. Er war innerlich verletzt und sein lahmer rechter Arm verkümmerte ihn jede Erleichterung seines harten Geschicks. Wissenschaftlich gebildet, edlen Sinnes, zart und tieffühlend, ein geschickter Mahler und Dichter, hatte er manche Quelle des Trostes in sich, doch von seinen vielen Fertigkeiten und Kenntnißen konnte er, vermöge seiner Unbehülflichkeit keinen Gebrauch machen. «Dir lieber Vetter,» sagte mein Gatte bei dem ersten Mittagessen, «muß eine sanfte weibliche Hand zu Hülfe kommen, uns Männern fehlt hiezu der richtige Tact und die geschickte Weise; auch kann ich meiner übrigen Verhältniße und Geschäfte wegen meinen Wunsch, dir gefällig zu werden, kein völliges Genüge leisten; Eugenia! dir übergebe ich also unsern leidenden Freund! trage alles dazu bei, ihm bei uns sein Unglück vergeßen zu machen.» Ich wagte nicht aufzublicken und stammelte verlegen eine kurze Zusicherung meiner Bereitwilligkeit. Nun mußte ich sogleich mein Amt übernehmen und alles dem armen Invaliden vorschneiden und zureichen. Er ergrif mit der linken Hand die Meinige, führte sie dankbar und ehrerbiethig zu den Lippen und eine Thräne glänzte in seinem schönen dunklen Auge. Ich mußte mich entfernen, so sonderbar war mir zu Muth. Gefühle, mir ehedem ganz unbekannt, erwachten in meiner Brust mit aller Lebhaftigkeit und drohten, die sonst darinn herrschende kalte Ruhe ganz daraus zu verdrängen. Doch fand ich in der Einsamkeit wieder so viel Stärke, meine Bewegung zu verbergen und gefaßter kehrte ich in das Zimmer zurück. Mit der größten Sorge richtete ich darauf die für unsern Gast bestimmten Gemächer zurecht! und es schien, als wäre ich in der kurzen Zeit unsers Beisammenseyns, schon völlig in den Geist seines Wesens eingedrungen, als wären mir alle seine Neigungen und Wünsche bekannt. Ich decorirte die Wände seines Zimmers mit den vorzüglichsten Kupferstichen, die ich mit Bewilligung meines Mannes aus allen Theilen unsers Hauses zusammentrug; ich versah ein Bücherschränkchen mit den besten und unterhaltensten Schriften die wir besaßen; ich schmückte die Fenster mit Blumentöpfchen, die Tische mit Blumenvasen und Einfachheit suchte ich mit der höchsten Reinlichkeit und Ordnung zu verbinden. Dabei war meine Stimmung so ganz verschieden von der ehemaligen; ich gefiel mir so wohl in den Hausmütterlichen Beschäftigungen, die mir sonst eine Last waren, daß ich mir selbst räthselhaft erschien. Mein Gatte, welcher in meinen Anordnungen nur die Gewährung seiner Wünsche fand, dankte mir mit einer herzlichen Umarmung und führte, als ich alles vollendet hatte, Ottmar in sein kleines Besitzthum. Als mich dieser wieder sah, sagte er mit Innigkeit: «Wie kann ich der Schöpferin meines höchst angenehmen Daseyns in diesem theuern gastfreundlichen Hause genug danken! Ihr Gatte hat mich versichert: die liebliche Einrichtung meines Zimmers wäre ganz ihr Werk. Kennt denn Eugenia so genau meine Lieblings-Gegenstände, daß sie auch nichts vergaß, was mir Freude und Genuß gewähren kann?» -- Ich erröthete und suchte nach Worten, welche ihm meinen Antheil an seiner traurigen Lage, ruhig doch herzlich versichern sollten. Er drückte mir die Hand und sagte: «ich bin nun völlig mit meinem Schicksal ausgesöhnt und erwarte in diesen lieben Umgebungen gefaßt den Freund, der mich aus der Erde Prüfungsschule in das Land der Vollendung führen wird.» Ich blickte ihn ängstlich an. «Ja meine Freundin!» fuhr er fort. «Ich habe dem Vaterland die Aussicht auf ein langes Leben geopfert. Eine feindliche Kugel fuhr mir durch die Rippen, auf der Seite wieder heraus und verlezte mir die innern Theile so stark, daß ich täglich bedeutender die tödlichen Folgen davon empfinde.» Ich fühlte Thränen über meine Wangen träufeln und die Bewegung, in der ich mich befand, benahm mir das Vermögen auch nur ein Wort hervorzubringen; aber er sah, was in mir vorgieng und sagte: «Dank, tausend Dank für Ihr Mitleid, das aus Ihrem Auge spricht! aber lassen Sie die Ueberzeugung: daß eine höhere Hand unser Geschick zu unserm wahren Besten leitet, den Sieg über jede zu weiche Regung in unserm Innern davon tragen. Auch ist es ja ein schöner Tod, der Tod fürs Vaterland! Ich bin stolz darauf und darf es seyn, denn dieser Arm hat, ehe er zerschmettert wurde, die Schmach der Unterdrückten grimmig gerächt.» Er wurde bei dieser Aeußerung so heftig, daß mich die Angst entsezlich ergriff: es möchte ihm Schaden bringen. Herzlich froh war ich daher, als mein Gatte herein trat und Ottmar anbot: mit ihm in eine Abendgesellschaft zu gehen. Ich war nun allein und forderte mich selbst zu einer strengen Rechenschaft über den in so kurzer Zeit gewaltig veränderten Zustand meines Innern auf. Sie gab mir Aufschluß darüber, den ich nun auch dir theure Albina nicht vorenthalten will. ~Ich hatte nemlich noch nie geliebt!~ zur geistigen Eitelkeit geneigt fand ich genug Befriedigung im eigenen Wissenschaftlichen Forschen und in der Anerkennung meines Wissens von Andern. Diese Neigung verdrängte jedes andere zartere und tiefere Gefühl und gab meinem Geist eine ganz falsche Richtung. Ich hatte für nichts Sinn, als für das, was Bezug auf die Vollendung meiner Verstandesbildung hatte. Das Herz gieng völlig leer aus und wollte es hie und da unter Menschen sein Recht geltend machen; so überstimmte es augenblicklich der kalte hochmüthige Geist; der mich beherrschte. Mit dieser Gesinnung lernte ich meinen Gatten kennen. Seine gründliche Gelehrsamkeit und sein Gefallen an meinem Wissen, hieß mich seinen Wunsch nach meinem Besitz Gehör geben, und aus diesem Gesichtspunkt betrachtete ich auch mein ehliches Verhältniß zu ihm. Ich sah in ihm den einsichtsvollen Lehrer, welcher in meinen Augen nun doppelte Verpflichtung hatte, mich bei meinem wissenschaftlichen Streben zu unterstützen; hingegen seine übrigen treflichen Eigenschaften glitten an meinem verblendeten Blick leicht und ohne Werth vorüber. Mein Hauswesen war und blieb klein, die wenigen, doch mir immer lästigen Geschäfte, welche ich nicht den Dienstboten übertragen konnte, waren schnell besorgt und ich hatte viel Zeit für meine Lieblings-Beschäftigung. Ich wurde nun Schriftstellerin; tummelte mich aber immer auf dem Felde, mystischer Gegenstände und wollte unserm Geschlecht durchaus gelehrte Speise auftischen, indem ich philosophische und wissenschaftliche Gegenstände in ein gefälliges Gewand kleidete. Der Beifall meines Gatten und der Recensenten, den sie meiner Schreibart schenkten, ließ mich den Tadel verschmerzen, den ich oft über den Gehalt der Werke selbst erfahren mußte. Da uns die Vorsicht die Eltern-Freuden versagte, so konnte mein Herz auch von der Seite der mütterlichen Gefühle auf keinen Zeitpunct hoffen, wo deßen tieferes Empfindungs-Vermögen sein Daseyn beurkunden würde: allein dieser Zeitpunct erschien dennoch, wenn auch etwas später und unter andern Umständen.

Die Liebe hatte sichs vorbehalten, ihre Allgewalt an mir zu beweisen. In der Person des Majors drang sie mächtig in mein Herz; ich konnte es mir nicht abläugnen und diese Entdeckung machte auf mein Pflichtgefühl einen betrübenden Eindruck. Es entstand ein heftiger Zwiespalt in meinem Innern; die Gattin und die Freundin eines Leidenden, standen gegeneinander auf und jede forderte ihre Rechte. Ich gelobte mir endlich: mit der größten Vorsicht meine übernommenen Verbindlichkeiten bei unserm Gaste zu erfüllen, doch streng das eigene Herz zu hüten, damit es nicht nachgiebig der erwachten Neigung zu viel Raum gestatte.

Die Abendstunden abgerechnet, wo sich Ferdinand Ottmarn wiedmen konnte, war dieser den ganzen Tag allein auf ~meinen~ Umgang beschränkt und angewiesen. Ausser unserm Hause wollte er keine Bekanntschaft anknüpfen und schien nichts zu wünschen, als immer in meiner Nähe seyn zu können. So redlich mein Wille und Vorsatz war wenn ich mich allein befand: die gehörige Herrschaft über mich und meine Gefühle zu behalten; so schwer wurde es mir, ihm treu zu bleiben, wenn der Major Hülfe bedürfend mit weicher bittender Stimme sich an mich wandte, wenn er neben mir saß und von seinen frühern Erfahrungen offen und herzlich zu mir sprach, oder wenn ein lang verhaltener körperlicher Schmerz ihm eine sanfte Klage entlockte; inniges Mitleid riß mich dann zu den theilnehmensten Aeußerungen, zu der aufmerksamsten Sorge für ihn hin: oder wenn ich ihm vorlas und seine gehaltreichen, richtigen Urtheile hörte, wenn er absichtslos scheinend, über meine sonstigen Ansichten und Grundsätze, gleich als über die, einer dritten Person sprach und durch seine ausgesprochenen Meinungen, die Meinigen sanft und schonend zu berichtigen strebte: dann regte sich das sehnsüchtige Verlangen in mir: ihm meine Achtung doch recht beweisen zu können; oder wenn er endlich gar mit dem ihm eigenthümlichen Feuer mir versicherte: was ihm meine Freundschaft, meine Pflege, meine Unterhaltung gewähre, wenn er mir für jede kleine Dienstleistung mit einem Blick, mit einem Händedruck dankte, in welchem stille verborgene Liebe brannte: dann begann der Kampf in mir aufs Neue und in solchen Fällen konnte ich nur durch die Flucht der Gefahr entgehen, mich nicht zu verrathen; ich entfernte mich dann unter irgend einem scheinbaren Vorwand und kehrte gefaßter zu ihm zurück. Doch der Zeitpunct nahte, wo jede meiner Vorsichts-Maßregeln durch die Macht des Augenblickes niedergeworfen wurde, wo sich mir -- ach nur für einmal! ein großes edles Menschen-Herz ganz enthüllte und ich die heiligste Stunde meines Lebens feierte.

An einem Abend, an welchem mein Gatte durch eine Einladung zu einem Collegen abwesend seyn mußte: saß Ottmar auf unserm, nach Landessitte, gleich einem Zimmer garnirten Vorplatz, welchen noch einige, in voller Blüthe prangende Orangen-Bäume zierten, an meiner Seite. Wir hatten Thee zusammen getrunken, wobei ich ihm den gewöhnlichen Beistand leistete. Er schien mir kränker und in einer besonders weichen Stimmung, die auch mir sich mittheilte, so, daß ich mir immer Etwas zu schaffen machte, um meine Rührung zu verbergen. Unter andern brach ich von einem der Orangen-Bäume einen blühenden Zweig und legte ihn vor Ottmar hin. «Ein frischer Schmuck für Ihre Vase lieber Freund!» sagte ich, «doch entfernen Sie ja diese Blüthen bei Nacht aus Ihrem Zimmer, ihr Duft ist zu stark, er könnte Ihnen schaden.» Er sah mich wehmüthig lächelnd an -- «Schaden?» -- wiederholte er; «bald kan mir nichts Irdisches mehr schädlich seyn. Theure Eugenia! wie diese Blüthen nur als Treibhaus Pflanze ~hier~ gedeihen können und in ihrem eigentlichen Vaterland kräftig und in Fülle empor streben: so wird meine Seele, deren Gefühle ~hier~ auf Erden nicht alle hervorbrechen konnten und durften, sich bald ~jenseits~ in ihrer Heimath entfalten. Dort,» er drückte mir heftig die Hand, «ist das Feuer, das ich in mir trage, eine heilige Gluth, hier ist es eine versengende Flamme. Eugenia ich sterbe bald! -- Ein starker Bluthusten, der mich kurz vorhin überfiel, giebt mir diese Ueberzeugung. Traure nicht geliebtes Wesen!» fuhr er fort, als ich das Tuch vor die weinenden Augen hielt. «Es ist gut daß ich sterbe -- o der schrecklichen Möglichkeit: daß ich dein Leben vergiften könnte! und das Meinige wäre mir künftig eine Qual; so aber scheide ich schuldlos und ruhig: denn ich habe mit meiner Leidenschaft redlich gekämpft und wenn dies Herz stille steht, wird meine Freundin des armen Pilgers, der ihr auf dem Lebensweg begegnete, freundlich und vorwurfsfrei gedenken können. Nicht wahr?» -- Ich reichte ihm still weinend die Hand. «Mach mich nicht zu weich liebe Eugenia!» fuhr er fort. «Ich habe dir noch viel zu sagen, ehe der Tod mir den Mund verschließt und -- ich weis es -- es sind mir nur noch wenige Stunden dazu vergönnt. Sie sind mir deswegen um so feierlicher und ich will sie benützen, um einen ewigen Bund von höchster Wichtigkeit zwischen uns zu schließen. Bist du es zufrieden? und darf ich ohne Rückhalt mein Herz dir eröffnen? --»