Part 15
Richard ließ wieder einige Wochen verstreichen, ohne einen Versuch zu machen, sich mir zu nähern: allein diese von ihm ergriffene Maaßregel, konnte dennoch meine Wachsamkeit nicht einschläfern und bald bemerkte ich, wie nach und nach seine erkünstelte Kälte sich in zunehmende Freundlichkeit verwandelte, hielt mich desto entfernter von ihm und da ich ihm jede Möglichkeit mit mir alleine zu sprechen benahm: so suchte er den schriftlichen Weg der Erklärung; jedoch seinen Brief, den er mir in Gegenwart der Eltern, als ein Schreiben, das ich auf die Post bestellen sollte zu geben wußte, legte ich in seiner Abwesenheit uneröffnet auf sein Zimmer und ein Zettelchen dabei, worauf ich ihm bedeutete: daß ich ein zweites Schreiben unverzüglich seinen würdigen Eltern übergeben würde. Wirklich verdienten diesen Beinahmen der Baron Steinfels und seine Gattin und es schmerzte mich tief, wenn ich bemerkte, mit welcher innigen Zärtlichkeit sie den Sohn liebten, behandelten, und für ihn Sorge trugen der durch seinen Leichtsinn dieser Gesinnung sich unwerth machte. Ein gutes Herz blickte indeßen aus allen seinen Handlungen hervor, auch scheute er sich, die Eltern zu beleidigen und bemühte sich daher in ihren Augen viel solider zu erscheinen, als er war. In dieser Bemerkung lag viel Beruhigendes für mich und ich kannte keine größere Sorge, als mir die Gunst meiner gütigen Herrschaft zu erhalten, durch welche mich die Baronin dann immer gerne und viel um sich sah. Richard war nach jener Begebenheit mit dem Brief sehr ungehalten auf mich: allein je weniger ich mich um ihn bekümmerte, desto mehr schien eine unglückliche Leidenschaft für mich ihn aufzuregen. Er bewieß mir, nachdem sich sein Zorn gelegt hatte, wieder mit der zartesten Aufmerksamkeit allerlei Artigkeiten und bei einer großen Gesellschaft, welche seine Eltern gaben, gieng er zu mir an den Theetisch, wo ich beschäftigt war und sagte zu mir: «Antonie; Jacob und seine Familie ist sehr unglücklich geworden, wollen sie mehr von ihnen hören, so gestatten Sie mir eine kurze Unterredung.» Ich war einen Augenblick unentschloßen. Dankbarkeit und Sorge um meine Ehre stritten miteinander. Doch bald trug die Lezte den Sieg davon. Ich erwiederte: «In Gegenwart eines Dritten, soll jene Unterredung nicht statt finden, das begreife ich wohl und ohne Zeugen ziemt sie sich zwischen uns nicht. Gott helfe den armen Leuten! ich -- ~kann~ es nicht! --» Ein kleines Packetchen glitt aus Richards Hand auf den Theetisch und er entfernte sich schnell. Es war überschrieben: «der edlen Antonie zu wohlthätigen Zwecken.» Wieder ein neuer Kampf! Mit diesem Gold es waren 2 Ducaten -- konnte ich meiner Sehnsucht: mich gegen Jacob und seine Familie dankbar zu beweisen, ein Genüge leisten und doch schien es mir gefährlich, mich Richard zu verpflichten. Nach reiflicher Ueberlegung entschied ich -- und er fand auch dies Geld am Abend wieder auf seinem Schreibtisch. Nun aber, war er fürchterlich gereizt und kaum fähig, sich in Gegenwart seiner Eltern, wo er mich nur sahe zurückzuhalten. Aengstlich schlug mir das Herz wenn ich seine wild rollenden Augen, seine finstere Stirne, seinen verbißenen Grimm bemerkte. Aber konnte ich anders handeln? -- ich vertraute also fest auf den Schutz Gottes und hatte auch den Muth stille zu stehen, als er mir auf einem Gang vor die Stadt, wozu mich die Baronin in seiner Gegenwart beauftragt hatte, nacheilte. «Antonie!» rief er stark und heftig. Ich wandte mich um und sagte: «Herr Baron! es ist sehr unedel ein Mädchen zu verfolgen, das keinen andern Reichthum hat, als seine Ehre.» Er fieng nun an, mir Vorwürfe über mein Betragen zu machen, seine leidenschaftlichen Empfindungen für mich zu schildern und mir zu versichern: daß ich durch Wiederstand meine Lage verschlimmern würde. Zugleich wollte er die Grenzen der Achtung und Bescheidenheit übertretten und seiner Leidenschaft den Zügel lassen. Wir waren indessen an einen Teich gekommen und entschloßen schwor ich bei allem was heilig ist: augenblicklich meinem Leben ein Ende zu machen, wenn er nicht wieder die gehörige Herrschaft über sich gewinnen und mich ruhig anhören wolle. Bei dieser Versicherung trat ich an das äusserste Ende des Ufers. Er zog mich ängstlich zurück und versprach mir schuldige Mäßigung.
Ich bot nun meine ganze Beredsamkeit auf, ihm das Verwerfliche seines Benehmens mit den grellsten Farben darzustellen; ich ließ die verlezten Pflichten gegen Gott und die Tugend, gegen seine Eltern und gegen ein armes verlaßenes Geschöpf in Begleitung aller Qualen der zu späten Reue gegen ihn auftretten und entwarf ihm das Bild eines Jünglings, der, Herr seiner selbst rein und schuldlos aus dem Kampf mit Verführung und Leidenschaft herrlich wie der Phönix aus der Asche hervorgeht. Ich gestehe es, ich war in Begeisterung, die sich zulezt in unbeschreibliche Rührung auflößte. Richard gieng lange still, und mit niedergeschlagenen Augen neben mir. Als ich aber immer lebhafter sprach, blieb er einigemal stehen und blickte mich staunend an; und als ich weich wurde und Thränen über meine Wangen träufelten: da nahm er sein Taschentuch, trocknete sie sanft und dann auch sich damit die feuchten Augen; umfaßte mich endlich und küßte mich ehrerbiethig auf die Stirne. --
«Antonie!» sprach er feierlich, als ich geendigt hatte: «du hast mein Herz zerrißen: denn ich liebe dich! warlich! ich muß dich lieben und -- kann dich nicht besitzen, das sehe ich ein. Doch du hast mich für die Tugend auf ewig gewonnen. Wehe den Verführern auf jener Burg! deren Beispiel mich verleiten konnte, ein solches Wesen zu ängstigen! Vergieb mir! und nimm den Lohn mit dir: in dem Bewußtseyn: eine Seele gerettet zu haben! --» Er drückte meine Hand an sein Herz, hob das Auge gen Himmel und ein paar große Thränen perlten ihm über das Gesicht. Auch ich mußte weinen, doch durchdrang mich ein unaussprechlich beseeligendes Gefühl. Gerührt dankte ich Richard für seine tröstlichen Versicherungen und bat ihn nun, um nähere Nachrichten von Jacobs Schicksal, das mich tief bekümmerte. Ich erfuhr, daß dieser in jenem Prozeß, durch einen ränkevollen Advocaten, der sich von der Gegenparthey bestechen ließ, den größten Theil seines Vermögens verlohren hatte und genöthigt wurde sein Gütchen zu verpfänden, daß dieß endlich ganz seinen Schuldnern anheim gefallen sey, er das Dorf verlassen habe, wo er einst glücklich war und an einem andern Ort sich mit seiner Familie durch Taglohn den ärmlichen Unterhalt verdiene. Innig beklagte und beweinte ich das Schicksal dieser Redlichen. Richard versprach mir, die Armen nach Kräften zu unterstützen, da er beschämt sich gestehen mußte: daß auch er einen kleinen Antheil an dem Unglück derselben habe.
Nach diesem Ereignis betrug sich Richard mit Resignation und Würde, aber auch unverkennbar war die Anstrengung, mit welcher er seine Neigung zu bekämpfen suchte. Dieß schmerzte mich und ich faßte den Entschluß, durch meine freiwillige Entfernung es ihm zu erleichtern. Doch wohin? das war die große Frage. Einen andern Dienst zu suchen, dünkte mir eine unverdiente Kränkung für meine jezige Herrschaft zu seyn, da sie mir durchaus keine Veranlassung zu einer Veränderung meiner Lage gab, und ausserdem war ich ohne alle Freunde und Bekannte. Zu einer Reise ins Vaterland aber, war meine Baarschaft, welche sich wohl im Hause des Barons ziemlich vermehrt hatte, noch zu gering, denn ich wußte aus Erfahrung, wie viel bei der sparsamsten Einrichtung doch unterwegs aufgezehrt werden konnte. Mir fiel wohl die in Waldsee verheirathete Schwester der wackern Gertrud bei, welche mich damals, nach dem Plan der Leztern hatte aufnehmen sollen: allein wie konnte ich mich den Verwandten der Familie nähern, welche durch mich unglücklich geworden war! In der Zeit, als ich so mit mir zu Rathe gieng, erschien auf einmal Gertrud und äusserte: daß sie und Jacob nicht länger hätten den Wunsch unterdrücken können, wieder einmal etwas näheres von mir zu hören und mir für die reichlichen Geschenke, die sie zuweilen erhielten, zu danken. Erstaunt und gerührt erkannte ich den edlen Geber und nannte ihn auch Gertruden; eröffnete ihr aber zugleich mein Verlangen, irgend eine andere Unterkunft zu finden, da mich gewiße Verhältnisse dazu nöthigten. Gertrud verwies mich abermals an ihre Schwester und da ich ihr meine Bedenklichkeit entgegensezte, versicherte sie mich herzlich: daß Niemand den geringsten Groll gegen mich empfinde, daß sie bei ihrer Armuth zufrieden und also auch ihre Verwandten darüber ganz ruhig seyen. Sie versprach mir, bei ihrer Schwester Anfrage zu halten und mich von dem Erfolg zu benachrichtigen. Statt der Antwort kündigte sich nach Verlauf von einigen Wochen ein junger Mann, als den Sohn jener Leute bei mir an, mit der Zusage seiner Eltern auf meine Bitte, und mit dem Vorschlag mich sogleich dahin zu begleiten. Ich ersuchte ihn ein paar Tage im Gasthof zu verweilen, schrieb einen Brief an Richard, worin ich ihm meinen Vorsaz, und die Gründe, welche ihm das Entstehen gaben, mittheilte; und bat die Eltern um meine Entlassung, mit dem Vorgeben: jene Leute wären nahe Verwandte von mir und wünschten mich unverzüglich bei sich zu haben. Ungern wurde mein Verlangen bewilligt; auch verweilte ich noch so lange im Haus, bis sich eine Stellvertretterin fand, die ich einzuweisen mich verpflichtet hielt. Dann schied ich mit Rührung von den Edlen, die mich so liebreich so menschenfreundlich behandelt hatten. Richard sah ich nicht mehr; er hatte sich auf einige Wochen vom Hause entfernt.
Mit Georg, so hieß jener junge Mann, trat ich nun meine Wanderschaft nach Waldsee in Schwaben an und wurde von seinen Eltern so ziemlich herzlich empfangen: doch gewahrte ich in den ersten Augenblicken einen überaus großen Unterschied zwischen den beiden Schwestern und fühlte mich in der neuen, ganz eigenen Sphäre in der ich mich befand, lange, ja beinahe gar nicht, heimisch. Bei treuherzigen Landleuten, bei der gebildeten Menschen-Classe und vor diesen allen, in dem Kreiß liebender und geliebter Freunde, öffnete sich mein Herz und Sinn allen den eigenthümlichen Vorzügen jener Umgebungen; sie zogen mich an; sie harmonirten mit meinem ganzen Wesen; sie befriedigten mich. Nicht so der wohlhabende bürgerliche Mittelstand, dessen tadelnswürdige Seite in dem Haus zu finden war, in welches ich jezt als Genoßin trat. Ich wurde wohl anfangs freundlich behandelt und ein, doch weit geringerer Grad Gutmüthigkeit machte Frau Brigitta ihrer Schwester etwas ähnlich. Uebrigens stieß ich immer auf Spuren von Beschränktheit des Geistes, auf kleinliche Ansichten und Neigungen und überall war die Uebermacht eingebildeter Vorzüge sichtbar. Unter solchen Verhältnißen war mir meine Existenz drückend und ich sehnte mich von ganzer Seele hinweg: jedoch, bis sich eine andere Gelegenheit darbot, beeiferte ich mich doppelt durch alle möglichen Dienstleistungen, die Bereitwilligkeit, mit welcher ich aufgenommen wurde, zu vergüten: denn ich begrief sehr gut, daß ich hier bald lästig werden könnte.
Von den ebengenannten Fehlern schien indeßen Georg ganz frei zu seyn. Er hatte für seinen Stand so viele richtige Bildung, so tiefes Gefühl und überhaupt einen so rechtlichen Charackter: daß ich ihm die verdiente Werthschätzung im Stillen nicht versagen konnte. Auch er betrug sich achtungsvoll gegen mich und suchte mir durch allerlei kleine Gefälligkeiten den Auffenthalt in seinem Hause recht angenehm zu machen. Ich konnte es deutlich merken, daß er es schmerzlich fühlte, wenn irgend eine unzarte Erwähnung meiner gemachten Erfahrungen von Seite seiner Eltern mir wehe that und überhaupt rügte er, zwar bescheiden, doch ernst, jedes Benehmen der Seinigen, das Eigensinn, Hochmuth und Rohheit verrieth.
In eine peinliche Verlegenheit gerieth er an einem der ersten Sonntage, den ich bei ihnen verlebte:
Brigitta erzählte bei Tisch, daß Georg versprochen sey; ich äusserte meine Theilnahme, er aber wurde blutroth im Gesicht und machte Miene sich zu entfernen. «Du bleibst!» sagte der Vater heftig. «Was soll das heißen? schämst du dich deiner Braut?» «Das hat er nicht Ursache,» fiel Brigitta ein. «Rosinchen ist ein braves, sparsames, fleißiges, Mädchen, ist recht hübsch und hat überdies viel blanke Thaler.»
Georg rückte auf seinem Stuhl hin und her und wischte sich den Schweis vom Gesicht. «Du bist ein recht läppischer Junge!» sagte der Alte zürnend, «meinte man denn nicht, es wäre ein Verbrechen, daß du dein Liebes hast!» «Sie wird sie heute kennen lernen Jungfer, sagte die Mutter zu mir und gewiß ~unsere~ Wahl billigen.» «Armer Schelm! dachte ich im Stillen, Du hast also nicht gewählt; --»
Nachmittag wurde der Kaffeetisch zierlich gedeckt; die Kannen, die Tassen von blauem Porzelan herbeigeholt; der bestellte, ungeheuer große Kuchen kam vom Nachbar Beckermeister und wurde auf den Tisch gestellt und die Anzahl der Stühle, welche man einstweilen herumsezte, so wie die der Kaffeetassen, ließen auf eine starke Gesellschaft, welche kommen würde schließen. Bald erschienen auch einige Vettern und Baasen, nebst den Eltern Rosinchens und sie selbst. Georg hatte vorher seine Mutter in die anstoßende Kammer geführt und ich hörte sie stark sprechen. Als sie wieder hereintraten vernahm ich von Brigitten noch die Worte: «Ich werde thun, was mir gut däucht;» wahrscheinlich war von meiner Herkunft die Rede und unter welchem Namen ich bei der Gesellschaft erscheinen sollte: denn da mich Brigitta derselben als eine arme weitläuftige Verwandte vorstellte, welche bei ihnen Aufnahme gesucht und gefunden habe -- drehte sich Georg unwillig auf dem Absatz herum, biß sich in die Lippen und wurde feuerroth. Ich erbot mich: den Kaffe zu kochen und Georg schlich mir in die Küche nach, ergrif meine Hand und sagte leise mit niedergeschlagenen Augen: «Antonie, wollten Sie nicht den schönen Herbsttag benützen und die Umgebungen des Städtchens auf einem Spaziergang kennen lernen?» Ich verstund ihn, doch sagte ich: «warum? Ihre Eltern könnten es nicht gerne sehen.» «Ach!» sezte er ängstlich hinzu: «Unser Besuch und das, was er mit sich bringt, paßt durchaus nicht für Sie.» «Guter Georg!» erwiederte ich «seyn Sie unbesorgt; ich habe mich in manches finden gelernt.» Wir hörten die Stubenthüre knarren und er entfernte sich schnell. Wohl fühlte ich bald, daß er recht voraus gesagt hatte. Lächerliche Höflichkeit, plumper Scherz stolze Anmaßung charackterisirte den versammelten Zirkel und Rosinchen -- ach wie beklagte ich den armen Georg! Rosinchen erschien mir als ein eitles, hochmüthiges, herrschsüchtiges Mädchen, ohne allen innern Gehalt. Sie erwiederte meine, ihr um Georgs willen bewiesene freundliche Annäherung, mit verächtlicher, hämischer Zurücksetzung und der Bräutigam wurde von der Verlobten und von den beiden Aelternpaar wahrhaft tyrannisirt. Sobald ich konnte, flüchtete ich mich in mein Kämmerchen. Es war im Erdgeschoß und sein Fenster gieng in den kleinen Hofraum des Hauses. Auf einmal wurde leise daran gepocht. Ich blickte auf, Georg stand vor mir und reichte mir mit nassen Blicken ein Glas Wein und ein Stück Kuchen hinein. «Was soll das:» fragte ich. «Nehmen Sie doch!» bat er «und ein freundliches Wort von Ihnen soll mich stärken, mein trauriges Schicksal, das ich heute mehr als jemals fühle, gedultig zu ertragen.» «Getrost Freund!» sagte ich ermuthigend zu ihm: «der Vater im Himmel verläßt seine Kinder nicht und sie sind fromm und gut!» Er drückte mir seufzend die Hand und gieng.
Die folgende Zeit war Georg unbeschreiblich traurig. Er sprach den ganzen Tag bei seiner Arbeit kein Wort und trocknete sich oft im Geheim die Augen. Die Eltern schmälten mit ihm und ich bemerkte, wie ihre Freundlichkeit gegen mich zusehends abnahm. Der Mutter Blick ruhte oft lange auf mir und dann auf ihrem Sohn finster und forschend. Ich hütete mich wohl, eine Veranlaßung zu irgend einem Argwohn zu geben, hielt mich beständig um Frau Brigitta herum und suchte ihr so gefällig als möglich zu seyn. Demohngeachtet, als ich an einem Morgen aus meinem Kämmerchen in die Stube gehen wollte, hörte ich einen gewaltigen Lärm darin: der Vater polterte: die Mutter schrie, Georg sprach heftig und laut. Ich hörte ihn sagen, als ich zitternd stehen blieb: «Ich kann Rosinen nicht heirathen, und ihr könnt mich durchaus nicht zwingen, eher gehe ich in die weite Welt.» Die Mutter kreischte. «Seht den Trotzkopf! die fremde Jungfer hat dich berückt, darum ist jezt das brave Rosinchen in deinen Augen nichts mehr, aber warte -- jene sollst du mir nicht kriegen oder ich lege mein Haupt nicht sanft; ich enterbe dich, ganz enterb' ich dich und sie muß mir heute noch aus dem Haus.» «Das ist das beste Mittel» fiel der Alte ein. Georg erwiederte nun sanfter und bittend: «Laßt es doch dem armen Mädchen nicht entgelten! sie ist ja ganz unschuldig und ich verlange sie auch nicht; aber was kann sie und ich dafür, daß Rosina durch Vergleiche mit ihr ganz verlohren hat, ich konnte sie gleich Anfangs nicht lieb gewinnen und nun ist sie mir vollends zuwieder. Kurz ich heirathe diese und jene nicht und damit hat es ein Ende.» Ich hörte ihn der Thüre sich nähern und eilte in meine Kammer zurück. Bald darauf kam die Mutter und kündigte mir mit trockenen Worten an: daß ich eine andere Unterkunft suchen möchte, da sie mich nicht länger behalten könnte. Damit gieng sie fort und schlug die Thüre hinter sich zu, daß alles zitterte. «Großer Gott!» sagte ich zu mir selbst. Bin ich denn nicht ein wahrer Unglücksvogel der wo er sich zeigt, das Glück anderer stört! Indeßen so wenig ich wußte, wohin ich mich jezt wenden und was aus mir werden sollte, war es mir dennoch unmöglich, einen Augenblick länger als es seyn mußte, in diesem Haus zu verweilen. Ich packte mein Wanderbündelchen, nahm kurz Abschied und gieng fort. Georg war ausgegangen. Als ich um die Straßen-Ecke herumbog, kam er mir entgegen. «Wie Antonie?» frug er erstaunt -- «was soll das heißen?» -- «Der Mutter Wille ist es, erwiederte ich, daß ich Ihr Haus verlaße.» Georg glühte vor Zorn und wollte mich durchaus bewegen, wieder mit ihm zurückzugehen. Ich aber bat ihn, mich ruhig meinem Schicksal zu überlassen und lieber darauf zu denken, das Seinige durch ein kindliches Betragen gegen die Eltern zu verbeßern. «Antonie kann nicht wollen, daß ein freier Mensch sich selbst zum Galeerensclaven machen soll, versetzte er.» «Das nicht, antwortete ich, aber sanfter Ernst richtet mehr aus, als heftige Wiederspenstigkeit und der Himmel belohnt den ~guten~ Sohn.» Seine Augen füllten Thränen. Er sagte: «wahrhaftig die Trennung von Ihnen wird mir sehr schwer. Erleichtern sie mir dieselbe liebe Antonie und gewähren Sie mir in der Annahme eines kleinen Angedenkens meine ~lezte~ Bitte.» Mit diesen Worten zog er einen Beutel aus der Tasche, drückte mir denselben in die Hand und eilte mit einem Lebewohl um die Ecke herum.
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Der Winter nahte: doch durch jenes Geschenk und durch meine eigene kleine Cassa hoffte ich in irgend einem Landstädtchen oder auf einem Dorf mir die Erlaubniß, mich daselbst aufzuhalten erkaufen und mit Handarbeit meinen Unterhalt die rauhe Jahrszeit hindurch sichern zu können. Mich zog die Sehnsucht wieder rückwärts dem Lande zu, wo die Geliebten meines Herzens weilen; allein mehrere Versuche jener Art mislangen, unfreundlich wurde ich hie und da abgewiesen und meine Hoffnung schwand nach und nach gänzlich.
Der rauhe Nordwind wehte die lezten welken Blätter von den Bäumen, weiser Reif lag am Morgen auf den Fluren und befeuchtete meinen Fuß oder strömender Regen durchnäßte mich schauernd; und immer hatte ich noch keine bleibende Stätte. Lüstern blickte ich nach den rauchenden Schlöten eines freundlich vor mir liegenden Dorfs oder wandelte durch die Straßen einer Stadt, und sog die mannigfachen Gerüche bereiteter Speißen begierig ein, wenn ich an Garküchen und Gasthöfen vorbei schlich, ohne mich zu sättigen: denn ich wagte es nicht, meinen Hunger und Durst ganz zu befriedigen, um mein kleines Vermögen nicht zu sehr zu schmählern. Auch meine Kleidung war der Jahrszeit nicht angemessen: denn mit jedem Tag wurde es kälter und meine Noth größer.
Höchst niedergeschlagen und mich durch so viel erlittenes Ungemach recht unwohl fühlend, kam ich in diese Stadt. Der Jahrmarkt hatte in der Herberge, welche ich aufsuchte, herumziehende Krämer, Taschenspieler, Seiltänzer u. s. w. versammelt: schüchtern, bat ich die Wirthin um ein einsames Winkelchen zum Schlafen, da die Nacht hereinbrach. Sie schlug es mir ab und ich war genöthiget, meinen Platz auf einer Ofenbank zu nehmen. Hier verzehrte ich, still weinend ein Näpfchen schwarze Brod-Suppe und wollte mit aller Gewalt den Schlaf, deßen Anwandlung ich fühlte, widerstehen. Es schien mir gerathener: unter diesen Leuten zu wachen, als zu schlafen. Allein die Natur errang die Oberherrschaft über die Klugheit, ich entschlief. Als ich wieder erwachte -- Gott wer schildert meinen Schrecken! -- war das Zimmer leer und mein ganzes Bündelchen mit Geld und Wäsche -- war weg.
«So ~muß~ ich denn den Bettelstab ergreifen!» rief ich laut jammernd und lief händeringend umher. Die Wirthsleute -- harte Menschen, wollten weder von einer polizeilichen Anzeige, noch weniger von einer Vergütung etwas hören und verweigerten mir sogar ein kleines Frühstück, da ich es nicht bezahlen konnte. Verzweiflungsvoll rannte ich zum Haus hinaus und durch die Strassen der Stadt. Ich kam an einer Kirche vorüber, welche offen stand. Mit aller Gewalt zog es mich hinein. Ich sank weinend an dem Altar nieder und himmlischer Trost träufelte in mein leidendes Herz. Eine fromme Beterin kniete neben mir; als sie sich entfernt hatte, fand ich auf ihrem Platz ein feines Bildchen, das wahrscheinlich ihrem Gebetbuch entfallen war. Es stellte ein in Gefahr schwebendes Schiff auf brausenden Wellen vor. In der Entfernung war die glänzende Halbkugel der Sonne, mit ihren Strahlen dem Meer entsteigend, sichtbar. Unten las man die Worte: «nach der langen stürmischen Nacht scheint wieder freundlich die Sonne;» und den Biblischen Spruch: «des Herrn Hülfe ist nahe denen, die ihn fürchten.» Psalm 84. v. 10.
Wie wichtig war mir in dem Augenblick dieser Fund! wie stärkte er mein Vertrauen auf Gott! wie hob er meinen sinkenden Muth! ich verließ voll Hoffnung die Kirche. -- Der Mittag nahte, der Hunger quälte mich fürchterlich: da entschloß ich mich, wie wohl mit schweren Herzen das Erwerbsmittel zu ergreiffen, wovon Theodor (Gott, mit welchen schmerzlichen Empfindungen schrieb ich diesen Namen nieder!) mich einst befreit hatte. Ich suchte einen der größten Gasthöfe auf, und nahte mich schüchtern dem Speisesaale. Ich traf eine stark besezte Tafel und begann einen Gesang; doch indem ich das niedergeschlagene Auge einmal in die Höhe hob: erblickte ich unter den Gästen, ganz am End des Tisches Richard von Steinfels. Hunger und Frost, Kummer und Sorge hatten meinen Körper mehrere Wochen sehr mitgenommen: nun kam noch diese Ueberraschung hinzu und warf mich ganz darnieder. -- Ich wurde in die Krankenanstalt gebracht und was nun weiter mit mir vorgieng, welche Hülfe und Rettung mir durch die Grosmuth Eugeniens wiederfuhr, ist der edlen Seele bekannt und bleibt mit unauslöschlichen Zügen in mein Inneres gegraben.
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