Part 11
Wieder ganz einig mit ihrem Herzen nahm sie noch einmal Guido's Brief zur Hand. Ihrem nun klaren Auge wollte hie und da manche Stelle in einer Spannung des Gemüths geschrieben dünken, ja sie fand Ausdrücke, welche ihr jezt eine ganz andere Auslegung zu fordern schienen, als vorhin. «Wie -- sagte sie, sollte er Gefühle mir verbergen wollen, welche die höchste Seeligkeit meines Lebens hienieden ausmachen würden und sollte dieses Streben jene Kälte erzeugt haben? nicht doch Albina! täusche dich nicht wieder selbst! o der Zwiespalt im Innern ist etwas fürchterliches! Gott bewahre dich dafür!» Sie versank in tiefes Nachdenken; endlich -- wie daraus erwacht -- stand sie rasch auf, hob Hand und Auge gen Himmel und sagte: «es sey, wie es wolle! ich gehöre schon lange mir nicht mehr selbst an, ich bin sein und will es bleiben, bis dies Herz nicht mehr schlägt!» mit diesen Worten verließ sie die Laube und kehrte in das Haus zurück. William hüpfte ihr entgegen und seine freundlichen Liebkosungen hießen vollends jeden Nachklang schmerzlicher Gefühle schweigen. -- War sie vorher schon eine treue mütterliche Pflegerin der Kleinen, so wurde sie es jezt mit einer beispiellosen Aufopferung. Sie konnte sich in dieser Pflicht immer gar nicht genügen und wer den Kleinen Beweise von Liebe und Wohlgefallen gab, der erhöhte Albinens Glück, das in diesem wunderschönen Kinderpaar aufblühte. Es waren aber auch holde liebliche Wesen, in deren großen klaren Augen ein Himmel von Unschuld und Liebe lag, auf deren Wangen die Rosen der Gesundheit glühten und in all deren Bewegungen Freude und Leben war.
Man konnte nicht anders, als liebend sich ihnen nähern und dann schmiegten sie sich mit unendlicher Freundlichkeit an die Menschen an, welche sich oft um ihre Gunst stritten. Schon in dem zarten Alter, worinnen sie noch waren, suchte Albina die schöne Grundlage der weichen Herzen für den Saamen herrlicher Tugenden zu benützen, und Wohlthätigkeit, Eintracht, Dankbarkeit, alle diese und ähnliche Eigenschaften trieben frühzeitig süße Früchte. William trug, kam während der Tischzeit ein Armer, vorsichtig seinen Teller Suppe hinaus und brachte ihn denselben mit Engelsfreude. Fany schob freundlich das vielgeliebte Spielzeug dem Bruder hin, wenn dieser darum bat und Hand und Lippe boten sie freiwillig und ohne Erinnerung Jedem der ihnen mit irgend Etwas einen Genuß verschaffte. Auch Cornelien wurden die Kleinen lieb und theuer und verwandelten oft ihre ernste Stimmung in eine heitere Laune. William nannte sie Grosmutter und Albina mußte sich, den Mutter Namen von ihm geben lassen, so wollte es die Baronin. Der kleine Mädchen Kreiß, der ebenfalls Albinens Leitung anvertraut war und dem sie mit viel umfaßender Einsicht und Liebe, trotz ihrer Pflichten gegen Guido's Kinder nichts entzog, was sie ihnen schuldig zu seyn glaubte: theilte nach Kräften, mit Albinen die Sorge für die Kleinen mit einer Anhänglichkeit an dieselben, welcher oft Albina Einhalt zu thun genöthigt war; doch diente dies ganze Verhältnis zur gegenseitigen Ausbildung mancher Tugenden und Fertigkeiten und die kluge liebevolle Vorsteherin verstand es ~so~ zu leiten, daß jedem Familien-Glied Vortheil daraus entstand. In heiligen Augenblicken, wo sich Albina mit William und Fany allein befand, sprach sie in schöner Begeisterung zu ihnen von dem Vater und in einer für sie faßlichen Weise legte sie ein herrliches Bild von ihm in die zarten Kinder-Seelen, damit es mit ihnen heranwachse und unvergänglich in ihnen wohne und herrsche! -- Bei einem Besuch, den Albina mit den Kleinen in Volkmars Hause machte, gewahrte William das Portrait des Vaters und mit kindischer Heftigkeit verlangte er es mitzunehmen. Albina erröthete und suchte ihn davon abzubringen; doch den Groseltern war es unmöglich einen Wunsch ihres geliebten Enkels unerfüllt zu lassen, sie äusserten: daß sie sich mit einem kleinern Gemälde begnügen wollten und sagten jenes William zu. Dieser klopfte voll Freude in die Händchen und Albina mußte das Portrait über sein Bettchen hängen; wo sie dann oft, den Einfall des Knaben im Stillen segnend, mit thränenvollen Augen und mit unendlicher Liebe darauf verweilte, wenn sie William schlafen legte, oder wenn sonst sie ein Geschäft in dieses Zimmer allein führte. Erwähnte Guido in seinen seltenen, beinah unbedeutenden Briefen doch jedesmal seiner Lieblinge und ihrer treuen Erzieherin freundlich: dann eilte sie besonders zu des Geliebten Bild und weihte ihm des Herzens heissen Dank für das tröstende Angedenken. Die verstärkten körperlichen Kräfte der Kleinen, ihre immermehr zunehmende Fertigkeit im Gehen, machte, daß Albina nun öfters den Wunsch der Groseltern erfüllen und mit ihren Enkeln zur Stadt kommen konnte. Sie unterließ dann nicht, ihre theuern Pflegeltern auch jedesmal zu besuchen. An einem schönen Herbst Nachmittag wurde wieder in die Stadt gewallfahrtet und Aurelia begleitete Albinen. Dieses sanfte Geschöpf war aus der Pflegetochter Albinens, ihre Freundin geworden. Frei von allem jugendlichen Leichtsinn, hatte sie sich frühzeitig jeden Vorzug einer treflich gebildeten Jungfrau erworben und hätte ihren Kenntnissen und Fertigkeiten nach, schon länger die Schule, worinnen sie erzogen wurde verlassen können; auch erschien einst ihr Vater (welcher schon mehreremale seine Töchter besucht hatte und immer höchst befriedigt hinweggereißt war) mit dem Wunsch, daß sie nun ihren bisherigen Auffenthaltsort verlassen und zu ihm zurückkehren möchten. Sie mußten sein Verlangen billig finden und hegten eine zu kindliche Liebe für den Vater, eine zu hohe Meinung von dem ihm schuldigen Gehorsam, als daß sie sich hätten wiederspenstig zeigen sollen; indeßen fühlten sie tief das Schmerzliche der verlangten Trennung. Sidi sah, wie es besonders der von ihr herzlich geliebten Schwester einen schweren Kampf kostete, sich von Albinen loszureißen und beschloß, ins Mittel zu tretten, indem sie den Vater bat: sie einstweilen mitzunehmen und Aurelien noch eine Zeitlang zurückzulassen. Er willigte in den Vorschlag ein und mit welcher Innigkeit dankte Aurelia der edelmüthigen Schwester! wie fühlte sie sich so glücklich mit Albinen noch länger vereinigt leben zu können!
Aurelia verband mit vieler Geistesbildung auch tiefes und richtiges Gefühl, Albina fühlte sich sehr zu ihr hingezogen und führte sie mit einem, jene hoch ehrenden, Vertrauen öfters in die Tiefe ihres schönen Gemüthes ein. Doch über Guido's Bild war in Albinens Herzen ein dichter Schleier gezogen, den nur sie zuweilen wegzuziehen wagte; allein Aureliens spähendes Auge für alles was der Freundin wichtig war erblickte durch den verhüllenden Flor dennoch die wohlbekannten Züge. Auch hatte sie Jene einst bei einer der geheimen Ergießungen ihrer Seele vor Guidos Bild ohne ihren Willen überrascht, sich aber augenblicklich und stille zurückgezogen; und suchte nun bescheiden, auf unmerkliche Weise alle diese Entdeckungen zu wohlthätigen Erheiterungen der geliebten mütterlichen Freundin zu benützen. Das heißt: sie gab öfters ganz unbefangen scheinend Albinen Gelegenheit, sich über den Heißgeliebten aussprechen zu müssen, wobei diese immer so glücklich schien. Aurelia wußte dann so geschickt durch Fragen Albinen immer mehr in solche Unterhaltungen zu verwickeln, daß dieselbe oft am Ende im Stillen staunend zu sich selbst sagen mußte «wie kam es, wie war es dir möglich so viel von Guido zu sprechen?» -- Auch auf jenem Weg nach der Stadt war unversehens der entfernte Freund ihr unsichtbarer Begleiter geworden. Aurelia sprach von seinen Reisen und wünschte so herzlich mehr davon zu hören, daß Albina nicht ausweichen konnte, sie mußte ihr manches was ihr davon bekannt war, mittheilen. Das Feuer der Liebe röthete dabei immer höher ihre Wangen, strahlte immer lebhafter aus ihrem Auge und auf William und Fany übertrug sie in vielen heissen Küßen die Aeußerung ihrer schuldlosen Leidenschaft. Aurelia gieng, befriedigt durch die Erreichung ihrer reinen Absicht: Albinen wieder einen Genuß bereitet zu haben, stille, neben ihr, wagte aber keinen freien Aufblick, um ihre Freundin im Erguß ihrer Empfindungen nicht zu stören. Indeßen dadurch aufgeregt und voll seeliger Erinnerung an Guido kam diese zu Langenheims. Sie fand ausser Volkmars einen Fremden, deßen Gesicht ihr bekannte Züge zu haben schien. Auch er betrachtete sie mit einer Aufmerksamkeit, welche sie beinahe verlegen machte; doch bald stellte Langenheim beide einander als alte Bekannte vor. Edmund, so hieß der junge Mann war der Sohn des reichen Besitzers jenes Gartens, in welchem Albina ihre Kinderjahre verlebt hatte.
Ach, sein Anblick und diese Erläuterung führte die Vergangenheit ganz vor ihre dankbare Seele und mit einer herzlichen Lebhaftigkeit fragte sie augenblicklich bei Edmund nach ihren ersten Wohlthätern so nannte sie mit inniger Rührung die braven Gärtnersleute. In Edmunds Auge glänzte bei dieser Unterhaltung eine Thräne; Er drückte Albinens Hand und sagte. «Haben Sie Dank für diese Frage; edle Albina! sie läßt mich in ein schönes Menschenherz blicken. --» Albina schlug den Blick bescheiden zur Erde und Edmund fuhr fort, ihre Hand immer nicht loslassend; «Gärtner Paul ist mit all' den Seinigen gesund und heiter und sie würden sich unaussprechlich freuen, wenn sie Zeugen des freundlichen Angedenkens ihrer Albina seyn könnten, die sie warlich nicht vergeßen haben!» Freudig wollte Albina zu Edmund aufsehen, doch sie begegnete abermals seinem Feuerblick und konnte ihn nicht ertragen. Theresen entgieng nicht die Befangenheit ihres geliebten Töchterchens, eben so wenig der Eindruck, welche der Anblick desselben bei Edmund bewürkt hatte und sie suchte dem Gespräch eine muntere Wendung und ein allgemeines Intresse zu geben. Albina erfuhr, daß Edmunds Eltern nicht mehr am Leben seyen und jener sein großes Vermögen -- ganz unähnlich den kargen Eltern -- zu schönen Zwecken verwende, auch einen Theil desselben zu einer bedeutenden Reise bestimmt habe. Es war sein Plan, auf derselben D* zu passiren, wo er Langenheim und Albinen zu finden hoffte. Ersterer war ihm nur durch die beredten und vortheilhaften Schilderungen des Gärtner Paul's bekannt; doch des hübschen Gärtnermädchens -- wie er sich ausdrückte und dadurch eine Rosengluth auf Albinens Wangen jagte -- hatte er sich noch sehr gut erinnern können, allein immer so erwartet, wie er es gefunden habe. Bei diesen Worten trat er ihr näher und küßte ehrerbietig die weiche runde Hand. Albina hatte sich wieder ganz zurecht gefunden, und suchte mit möglichster Unbefangenheit in den gewöhnlichen Unterhaltungston einzustimmen und in demselben sich nach allen, ihr durch die Vergangenheit lieben und wichtigen Personen, Gegenständen, Pläzchen und Ergebnißen zu erkundigen. Edmund befriedigte sie ganz, jedoch es überraschte ihn öfters dabei eine Art Leidenschaftlichkeit, welcher dann Albina desto mehr Ruhe und Kälte, entgegenzusetzen strebte. Sie konnte es nicht läugnen an Edmund viele große Charakterzüge bemerkt zu haben: doch die Glorie welche in ihrem Herzen Guidos Bild umgab, fehlte jeder andern Erscheinung und sie verlohr sich dann im Schatten.
Edmund war anfangs Willens nur ein paar Tage in D* zu verweilen: allein schon war eine Woche vorüber und er fand noch immer so viel Sehenswerthes, oder so viele Hinderniße diese und jene Merkwürdigkeit zu beschauen: daß er seine Abreise von Tag zu Tag verzögerte. Er kam sehr oft in Langenheims gastfreundliches Haus. Sein Blick suchte aber bei jedem Eintritt immer zuerst Albinen, er versäumte auch nicht nach ihr zu fragen; aber sein sehnsüchtiges Verlangen wurde nie befriedigt. Albinen konnte ihrer unverstellten Anspruchslosigkeit ohngeachtet der Eindruck nicht entgangen seyn, welchen sie auf Edmund gemacht hatte; jedoch, wie hätte ein so edles Mädchen-Herz wie das ihrige gewißenlos mit der Ruhe eines braven Mannes spielen können! Sollte sie seinen Gefühlen noch mehr Leben und Bestimmtheit geben, da es nicht in ihrer Macht stand dieselben zu erwiedern! dagegen empörte sich ihr reines Gemüth. Sie beschloß also ihn zu vermeiden.
Aber an Aurelien bemerkte sie seit jenem Nachmittag eine sichtbare Veränderung. Das sonst harmlose, Geschöpf schlich jezt traurig umher, seufzte tief auf und war ungemein zerstreut.
Edmund hatte, ganz ohne es zu wollen und zu wissen von dem unbewachten Herzen, dieses kindlichen Wesens Besitz genommen und Albina gieng mit sich zu Rath, welche Maaßregeln sie wegen ihrer gelibten Aurelia ergreiffen sollte. War sie ihrer Gefühle deutlich bewußt: so ließ sich keine vorübergehende Neigung in diesem tiefen Gemüth vermuthen, doch im Fall einer Unbekanntschaft mit ihren Empfindungen schien es vortheilhafter, sie nicht bemerken zu wollen und nur ein öfteres Wiedersehen zu verhüten; dann, hoffte Albina, würde Aurelia bald ihre sonstige Stimmung erlangen. Sie war entschloßen die mütterliche Freundin Therese zu ihrer Vertrauten zu machen und der klugen und milden Leitung derselben das Schicksal Aureliens, Edmunds und auch das ihrige zu empfehlen: jedoch in den ersten Tagen beobachtete Edmund die gewöhnliche feine Sitte und stattete bei den Bekannten des Langenheimischen Hauses Besuch ab. Daß der Gang zum Landhaus der Wichtigste für ihn war, läßt sich denken.
Albina saß eben im Kreise ihrer Pflegetöchter und gab ihnen in weiblichen Arbeiten Unterricht. Die Größern saßen an Stickrahmen, die Kleinen nähten und strickten. Albina lehrte mit dem süßen Wohllaut ihrer Stimme, sanft und liebevoll. Aurelia war ihre treue Gehülfin und stand bald dieser, bald jener Schülerin bei. William und Fany saßen zu den Füßen Albinens. Ersterer baute Häuserchen von Karten, Fany reichte ihm dieselben zu und machte frohlockend Mütterchen aufmerksam, wenn es dem Bruder gelang einige Stockwerke aufeinander zu thürmen.
Von diesem allen war Edmund unbemerkt Zeuge. Es wurde ihm von der Magd, welche gerade unten beschäftigt war, bei der Frage nach Albinen der Saal bezeichnet, wo er sie finden würde und er hielt sich vor der Thüre, welche Glasfenster hatte unbeweglich und stille, um sich recht lange an Albinens Anblick so wie an der ganzen anziehenden Gruppe zu weiden.
Aurelia stand gerade bei Albinen, ihr die Arbeit von einer der Schülerinen vorzeigend, als er die Thüre öffnete und eintrat. Sie erschrack so sehr, daß sie das Strickzeug fallen ließ und sich geschwind zu den Kindern hinunter bückte, um Edmund die glühende Röthe ihres Gesichts zu verbergen. Besonnen und anmuthig strebte Albina seine Anwesenheit so unschädlich als möglich zu machen; sie führte ihn sogleich weg und zu Cornelien dann in Begleitung einiger Kinder im Garten und Haus herum und zeigte ihm unbefangen und heiter alles, was einiges Intereße für ihn haben konnte: doch konnte sie nicht verhindern, daß Edmund überall die Spuren ~ihrer~ Einrichtung, ihres Waltens gewahr wurde und daß er in der sich fröhlich und unaufhörlich äussernden innigen Zärtlichkeit aller Zöglinge eine neue Bestättigung ihres Werthes fand. Aurelia hatte Albinens geheimen Wunsch erfüllt und war in dem Saal zurükgeblieben. Denn ihre Bewegung war zu heftig als daß sie es hätte wagen können, Edmund sich zu nähern. Sie wollte sich sammeln, um beim Abschied gefaßt zu erscheinen. Ach! sie däuchte sich so unglücklich! die ersten Gefühle der Liebe erregte in ihr ein Mann, welcher sie ganz zu übersehen schien und Albina, ihre geliebte Albina mit glühender Leidenschaft verehrte! Sie konnte nicht mit sich fertig werden, wohin sie ihren Blick wandte sah sie nur Schreckbilder und der, Andern freundlich blühende Garten der Liebe, der sich zum erstenmal ihr öffnete, bot ihr nur Dornen, welche ihren Fuß bei ~jedem~ Schritt zu verletzen drohten. Im tiefen Nachsinnen stand sie am Fenster und zerblätterte gedankenvoll eine blühende Aster als Albina -- ~ohne~ Edmund eintrat. Ein neuer Schmerz! Er zuckte so gewaltig durch ihr ganzes Wesen, daß sie, nicht mehr ihrer mächtig an den Busen Albinens sank und laut weinte. Innig drückte sie diese an ihre Brust, bedeutete ihr leise: daß sie nicht alleine wären und versprach, gleich nach geendigter Unterrichtsstunde, deren vorige Störung sie jetzt ersetzen müsse, ihr nach in den Garten zu kommen.
In der Unterredung mit ihr fand Albina, daß die Liebe schon tiefe Wurzeln in Aureliens Herz gefaßt hatte, fand sie aber auch fest entschloßen, schweigend zu dulden und Albinens Glück ihre Gefühle zu opfern. Daß dies nicht der Fall seyn könnte, belehrte sie die Versicherung der letztern: «daß sie durchaus keine Neigung für Edmund fühle und seine fernern Bewerbungen um sie schonend abweisen müße» doch in dem ersten Entschluß: «ihre Empfindung vor Jedermann und vorzüglich vor ihm zu verbergen» bestärkte sie Albinens Beifall, welcher hohe Begriffe von der weiblichen Würde hegte, und streng bei sich und ihren Zöglingen jede Miene, jedes Wort, jede Bewegung bewachte. Sanfte religiöse Tröstungen und die innigste Theilnahme verfehlten bei der dafür empfänglichen Seele Aureliens, nicht ihre Wirkung und sie fügte sich mit wehmüthiger Ergebung in Albinens Rath: durch den Einfluß Theresens ein abermaliges Wiedersehen Edmunds für sie beide zu verhüten.
Vergeblich sahen sie einen Besuch dieser Freundin mehrere Tage entgegen; und Albina hielten auch die bekannten Gründe von der Stadt zurück. Endlich erhielt sie eine schriftliche Einladung von Jener, wo von einem ungestörten alleinigen Zusammenseyn die Rede war und dem zu Folge wagte Albina es zuzusagen.
Nicht unerwartet, aber dennoch ergreiffend waren ihr die Mittheilungen der theuern Pflegemutter. Edmund hatte dieser seine Leidenschaft für Albinen gestanden und um ihre Verwendung bei ihr gebetten. So wohl sein innerer Werth, als auch seine begüterte Lage gaben seinem ausgesprochenen Wunsch in Theresens Augen eine unaussprechlich erfreuende Gestalt. Sie sah für ihre geliebte Albina nur Glück, reines Glück darinnen und trug ihr also denselben auch mit so viel freudiger Theilnahme vor, daß diese, innig gerührt in Thränen ausbrach. Sie ergrif Theresens Hand drückte sie an ihr Herz und sagte: «theure Mutter! wie traurig ist es mir, deine gütige Sorge für mich und die reine Liebe eines edlen Mannes unerwiedert, unbelohnt lassen zu müssen! Du kennst deine Albina! du wirst gewiß voraussehen: daß mich ~wichtige~ Gründe bestimmen müssen, die Wünsche so guter Menschen nicht zu erfüllen. So ist es auch und ich halte es für unerläßliche Pflicht, dir diese Gründe mitzutheilen; aber nur du geliebte Mutter, sonst Niemand auf der Welt soll erfahren, was mich bestimmt, Edmunds mich ehrenden Antrag auszuschlagen!
Die innige Vereinigung zweier Menschen durch den Ehebund ist für mich ein so ehrwürdiger und heiliger Gegenstand, daß ich ihm öfters mein stilles Nachdenken wiedmete; und das Resultat meiner Betrachtungen war die Ueberzeugung: daß ein Mädchen mit ihrer Hand auch ein ganz ungetheiltes Herz voll reiner Liebe dem Erwählten hingeben müße. Das Gelübde am Altar ist ein Inhaltsschwerer Eid! die leiseste und geheimste Verletzung derselben dünkt mir eine große Sünde! auch führt der Ehestand zu viel Ernst, zu viel unvermeidliche Unannehmlichkeiten, selbst in den glücklichsten Verhältnißen mit sich: als daß nicht die höchste Liebe dazu erforderlich wäre, um alles so zu ertragen wie es seyn soll; und kann ein glückliches Ehebündniß ohne eine der festesten Grundsäulen, ohne alles Vertrauen statt finden? ist dies aber denkbar wenn irgend ein Geheimnis vorwaltet? und liegt nicht das nachtheiligste Geheimnis in einer, wenn auch unterdrückten ältern Neigung? Selten, ach selten sind die Fälle, wo achtungsvolle Freundschaft an der Stelle der Liebe genügend für das Glück beider Gatten seyn könnte und häufig geht das gegenseitig reine und beglückende Verhältnis da verlohren, wo man leichtsinnig über jene Puncte fühlt und denkt!» --
Albina hielt inne. «Mit wahrem Vergnügen höre ich meiner für Tugend und Pflicht so beredten Albina zu,» sagte Therese, indem sie dieselbe zärtlich umfaßte: «und preiße den Mann unendlich glücklich, welcher die ganze Fülle der Liebe dieses reichen schönen Herzens besitzt! daß es Edmund nicht ist, das begreiffe ich und nach allen deinen Aeusserungen kann und darf ich kein Wort mehr für ihn sprechen. Meine Sorge muß nun seyn, ihn mit seinem traurigen Schicksal so schonend als möglich bekannt zu machen.» «Wie wirst du mich dadurch verpflichten liebe Mutter!» erwiederte Albina, «denn gewiß, ich achte ihn sehr! aber ~lieben~? -- nein theure mütterliche Freundin! ~lieben~ kann ich nur ~Einen~ und dies ist -- Guido!» Sie verbarg bei diesen Worten ihr glühendes Gesicht an Theresens Busen. -- Erstaunt und zögernd antwortete diese: «Guido -- Guido?» -- «Du hast wohl diesen Namen nicht erwartet?» versezte Albina, indem sie sich empor richtete, «Niemand -- hoffentlich auch er nicht, wird den Zustand meines Herzens ahnen, nicht wahr?» Therese bejahte dies und sah schweigend und ernst zur Erde nieder. «Du bist ungehalten Mütterchen,» klagte Albina, «du nennst meine Liebe vielleicht ein Phantom, du willst, ich soll es dem Glück Anderer opfern -- ists nicht so?» «Ich kann es nicht läugnen,» versezte Therese, «es schmerzt mich, daß meine Albine ein Gebild ihrer Phantasie der Wirklichkeit vorzieht. Guido scheint mir deine Gefühle nicht zu theilen, Edmund verehrt dich bis zur Anbetung; diesem schlägt deine Weigerung eine tiefe Herzenswunde, jener kennt dein Opfer gar nicht; Edmund würde alles aufbiethen, um deine Lebenstage zu verschönern, indeß du, in einer immer noch beschränkten Lage mit dem Leiden einer hoffnungslosen Liebe kämpfest. Mädchen, Mädchen! was hat deinen sonst so klaren Sinn geblendet?» «Die großen Eigenschaften Guido's, antwortete Albina mit Begeisterung, die ich noch bei keinem männlichen Wesen in der Vollkommenheit antraf; überhaupt die magnetische Kraft in dem Menschen, welche sich nicht schildern, nicht aussprechen läßt, die aber ohne es zu wollen, mit unwiderstehlicher Gewalt die Herzen anzieht. O geliebte Mutter!» fuhr sie fort, faßte Theresens beide Hände und sah ihr bittend ins Auge: «sey nicht grausam! versage mir nicht deine Beistimmung zu meinem Vorsatz, nie zu heirathen! Ich könnte Edmund nicht beglücken, wie er es verdient; es wäre mir unmöglich, Guido's Bild aus meiner Seele zu bannen; ich würde Vergleiche anstellen, ich würde mich elend und schuldig fühlen -- ich kann nicht anders handeln! o laß mir mein geringeres Glück! laß mir meinen Wirkungskreis! er ist dazu geeignet, mich wohlthätig zu zerstreuen und meine Liebe zieht mich keinen Augenblick von meinen Pflichten ab, im Gegentheil: das edle Bild das ich im Herzen trage, verstärkt meinen Eifer, es ist mein Ideal, dem ich nachzuahmen suche. Ja ich will meinen Entschluß selbst vor dem Allwissenden verantworten: denn ich kann in meiner Lage auch viel Gutes thun, viel nützliches wirken und finde meinen Lohn in Gottes Wohlgefallen und in meiner innern kleinen Welt, wo Guido lebt, und herrscht, was ich aber Niemand als dir theuere Mutter vertraue!» --
Therese umarmte Albina und sagte: «nach deiner schönen Eigenthümlichkeit, wäre es höchst unrecht, dich zu einer andern Denk- und Handlungsweise verleiten zu wollen. Folge deiner Ueberzeugung! Gott segne dich!»
Durch diese Versicherung ganz beruhigt und glücklich entdeckte nun auch Albina Theresen den Zustand von Aureliens Herzen und Jene versprach, die Sache so zu leiten, daß kein Wiedersehen Edmunds mehr statt finden sollte. Albina sezte sich mit Genehmigung Theresens an deren Schreibtisch und suchte in folgendem Abschiedsworte für Edmund milden Trost zu legen. Sie schrieb:
Kann Sie aufrichtige Hochachtung und herzliche Freundschaft mit einem Mädchen aussöhnen, dem es sein Geschick versagt, die ehrende Liebe eines edlen Mannes mit gleichen innigen Gefühlen zu erwiedern: so wird dies unaussprechlich ein Herz beruhigen, das die wärmsten Wünsche für Ihr künftiges Glück hegt und sich stets mit dankbarer Theilnahme Ihrer erinnern wird.
Albina.