Albina, das Blumenmädchen

Part 10

Chapter 103,496 wordsPublic domain

Die Besorgnis: daß Lady Anna ihr Recht auf Eines meiner geliebten Kinder geltend machen und mir es vorenthalten könnte war es, was mich immer von einem entscheidenden Schritt abhielt. Ich wollte nun auch wirklich wieder zu ihnen zurückkehren. Auf der Landstraße wurde ich von einem Menschen angebettelt, dessen Gesichtszüge mir bekannt schienen. Mich trieb eine dunkle Ahnung, von meinem Irländer abzusteigen und mich mit Jenem in eine Unterhaltung einzulassen. Sein Name brachte mir ihn ganz ins Gedächtnis zurück. Er war der Diener, welcher kurz vor meiner Verheirathung, von der Lady unter dem Vorwand: daß er ein ungeziemendes Betragen gegen sie hätte zu Schulden kommen lassen, fortgeschickt wurde. Der rüstige junge Bursche dauerte mich, daß er das Bettlerhandwerk ergriffen hatte und meine gutgemeinten dringenden Ermahnungen wirkten so mächtig auf ihn, daß er mir zu Füssen fiel und unter Thränen versicherte: er verdiene diese Güte nicht, er habe sich auch gegen mich verfehlt. Erstaunt sah ich ihn an, und erfuhr folgendes: Mit dem Brief, an meine geliebten Eltern, dessen ich schon im Anfang dieses Schreibens gedachte und worinnen ich sie um Ihren Segen zu meiner Verbindung mit der Lady gebetten hatte, wollte ich ein Kistchen mit verschiedenen Produckten des englischen Kunstfleißes für meine entfernten Lieben absenden. Ich hatte es in Gegenwart meiner Braut eingepackt und gab es John, damit er es zu einem gewissen Kaufmann in London tragen sollte, welcher mir versprochen hatte, es einer Schiffsladung nach Deutschland beizufügen. Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie theilnahmlos mir damals Lady Anna zusah, welches mich innig schmerzte; und wie sie bei meiner Aeusserung: «daß ich jene Sachen auf meinen Streifereien durch England schon lange gesammelt und aufgekauft habe» den Mund zu einem spöttischen Lächeln verzog und sich schnell entfernte. Sehr gut weis ich auch, daß ich darauf in den Park eilte, um die unangenehmen Gefühle niederzukämpfen, welche dies Benehmen in mir erregt hatte. -- In meiner Abwesenheit ließ nun (so erzählte John) die Lady ihn zu sich ruffen und versprach ihm noch über seinen Lohn, den sie ihm hinzahlte, eine Guinée, wenn er meinen Auftrag nicht vollziehen, sondern ihr das Kästchen und den Brief übergeben aber auch auf der Stelle schweigend ihr Haus verlassen wollte: «denn, sezte sie mit Heftigkeit hinzu, ich laße von meinem Vermögen nichts übers Meer führen.» Den armen Burschen blendete das Gold; er willigte ein und hofte bald wieder einen Dienst zu bekommen, allein mehrere Versuche mislangen, und nun ergrif er das Betteln als den bequemsten Erwerb.

Diese Entdeckung machte mich rasend. Anna war also die Ursache so vieler trüben Stunden, in welchen ich mich über das Stillschweigen der Meinigen ängstigte! Anna unterschlug das von mir bestimmte Eigenthum derselben und verkümmerte mir die kleine Freude aus niedrigem Eigennutz, aus schändlichen Argwohn! Nun war es fest beschloßen mich von ihr zu trennen; und statt nach Sidney'shouse, sprengte ich nach London zurück, eilte zum Westminster Gebäude, woselbst viele Rechtshändel geschlichtet werden und brachte meine Ehescheidungsklage an. Nach diesem Schritt trieb mich die Vaterliebe wieder nach Hause: denn ich wußte, wie wenig Sorge die Mutter den Kindern wiedmete. Unterwegs überlegte ich, daß ich mit Ruhe am Ersten zu meinem Zweck gelangen und Lady bestimmen würde, mir meine zwei Kinder zu überlassen; und diese Hoffnung gab mir die Gewalt über die heftigen Ausbrüche meines gereizten Gemüths gegen die Urheberin seiner Leiden. Besonnen und kalt machte ich Anna mit meinem obigen unwiederruflichen Entschluß, und mit den Beweggründen zu demselben bekannt und fand zu meinem Erstaunen eben so viel Kälte und Bereitwilligkeit, sowohl für die Trennung, als für meinen Wunsch, die Kinder mir zu überlassen. Mir war es in diesem Augenblick, als fielen klirrend die Ketten zu meinen Füssen, welche mich so lange schmählich gefangen hielten. Ich eilte in das Zimmer meiner Kinder, preßte die Kleinen unter heißen Küssen an das klopfende Herz und konnte kaum den folgenden Tag erwarten, um mit ihnen und ihrer Wärterin nach London zu fahren. Ganz ruhig war der Abschied der unnatürlichen Mutter von ihren Kindern und -- und als hätte ich sie aus dem Feuer gerettet eilte ich mit ihnen davon.

Auf der Straße begegnete ich John wieder und nahm ihn in meine Dienste, wo er sich bisher ganz zu meiner Zufriedenheit beträgt. In der Stadt logierte ich mich in einen Gasthofe ein, um den Ausgang meines Prozeßes zu erwarten. Nur einmal mußte ich mit Lady Anna vor den Schranken erscheinen und da weder sie noch ich an eine andere Instanz zu appellieren gedachten sondern mit dem Ausspruch der Richter vollkommen zufrieden waren, so war er sehr bald geendigt.

Meine beschwerliche und sorgenvolle Lage während meiner Rückreise, konnte nur die unendliche Vaterliebe zu meinem William, zu meiner Fany mir ertragen helfen. Fast in jedem bedeutenden Ort, wechselte ich, theils durch Umstände genöthiget, theils vielleicht auch aus übertriebener Besorgniß die Wärterin und es ist ein wahres Wunder, welches mich mit dem innigsten Dank gegen die Vorsicht erfüllt, daß die Kleinen diese gefahrvolle große Reise so glücklich überstanden haben. Einige kleine Unpäßlichkeiten abgerechnet, brachte ihnen das veränderte Klima und die verschiedene Lebensweise keinen Schaden. Auch gegenwärtig, wo ich dieses schreibe, sind sie vollkommen gesund.

Aber Guido der Vater, theilt mit Guido dem Sohn, die unbeschreibliche Sehnsucht, bald mit seiner köstlichen Beute im sichern Haven, im Arm der Eltern von all den Stürmen, welche ihn im fernen Land Verderben drohend umbraußten, auszuruhen! --

O, des seeligen Augenblicks! wo meine Kleinen ihre Aermchen um den Nacken der besten Großeltern schlingen und ich die theuern Vater- und Mutter-Hände auf mein wundes Herz drücken und damit die vielerlei schmerzlichen Gefühle, welche darinnen herrschen beschwichtigen werde!

Ein neues Leben wird mir aufgehen! Meine gesammelten Erfahrungen sollen mich begleiten auf das Feld der Thätigkeit, das ich mir suchen werde. Ich will wirken und nützen, und wird gleich mein Bild einst nicht der Nachwelt aufbewahrt, wie das berühmter Britten in der Westmünster Abtey: so soll doch hie und da eine Stimme im Vaterland mir ein segnendes Lebewohl in die kühle Gruft nachrufen.

Ich erwarte nun keine weitere Nachricht. Fest auf die Liebe theurer Eltern bauend, werde ich diesem Brief bald nachfolgen, um den Forderungen eines kindlichen Herzens und den väterlichen Wünschen und Sorgen für meine Kinder ein Genüge zu leisten.

~Ihr Guido.~

* * * * *

Die Baronin gieng einigemal, während Albina las zu dieser hin, umfaßte sie und sah mit ihr in Guido's Brief hinein. Bei manchen bedeutenden Stellen konnte sie die Ausbrüche ihrer mütterlichen Empfindungen nicht zurück halten, welche wechselnd Staunen, Mitleid und Freude ausdrückten; der Vater klopfte sie dann sanft auf die Schulter und sagte: «Mütterchen! laß doch unsere Albina ungestört fortlesen!» auf diese Weisung kehrte sie wieder aufs Sopha zurück; doch nicht lange, so führte sie eine neue Aufwallung der Gefühle, abermals zu Albinen, zu dem Brief. -- Schweigend faltete endlich Leztere denselben zusammen. -- Die Baronin sprang auf und schloß sie in die Arme. Durch ihre eigene Bewegung war sie unfähig, Albinens Gemüths-Zustand zu beobachten und die Fluth ihrer Worte gab dieser Zeit und Gelegenheit sich zu sammeln. Sie mußte sich nun zwischen das würdige Elternpaar setzen und mit redseeliger Freude theilte ihr die Baronin mancherlei häusliche Plane für die Zukunft mit, welche oft im nächsten Augenblick wieder durch Neue verdrängt wurden. Volkmar hörte lächelnd zu und gab nur zuweilen durch eine besonnene Rede dieser oder jener flüchtigen Idee Festigkeit.

Albina kehrte diesmal in einer höchst unruhigen Stimmung auf das Landhaus zurück. -- Sie sollte ihn wiedersehen, ihn der ihr Herz ganz erfüllte! Er unglücklich -- sie voll Mitgefühl -- beide frei -- war es nicht natürlich, daß die Möglichkeit einer Annäherung sich ihr unwillkührlich aufdrang? -- aber fest war ihr Entschluß, sich streng im Auge zu behalten und ihre weiche Seele mit ruhiger Ergebung in den Willen der Vorsehung auszurüsten.

Guido war durch sein Schreiben noch weit höher in ihrer Achtung gestellt; sein trefflicher Charakter, sein Sinn für das Schöne und Große, seine menschenfreundlichen Handlungen, seine Vaterliebe, alles dies blickte aus jeder Zeile seines Briefs hervor und ihre rege Phantasie mahlte sein Bild in männlicher Vollkommenheit; aber der Zweifel flüsterte in ihrer Seele: wird Guidos Herz nicht ~unheilbar~ verwundet seyn? wird die gemachte traurige Erfahrung ihn nicht gegen das ganze weibliche Geschlecht mißtrauisch gemacht -- werden die Jahre der Trennung nicht die Empfindungen der Freundschaft, deren Daseyn sie vor Zeiten in seinem Herzen ahnen durfte ganz verlöscht haben? --

Albina hatte viel mit diesen wechselnden Gefühlen zu kämpfen und immer kehrten sie wieder. Beglommenen Herzens gieng sie nun jedesmal in die Stadt, Guidos Wiedersehen bald fürchtend, bald hoffend. An einem Abend, als sie wieder in Langenheims Haus trat, überfiel sie ein heftiges Zittern denn ein Reise-Wagen im Hofraum ließ sie Guidos Ankunft vermuthen. Sie war nicht vermögend gleich die Treppe hinaufzugehen und mußte ihre ganze Seelenstärke aufbiethen, um Fassung zu erringen. Endlich hielt sie sich für fähig Guido ruhig zu begrüßen. Die Thüre öffnete sich und er -- etwas mager und bleich, demohngeachtet edel und schön, saß mit dem Rücken nach der Thüre gekehrt, einem Spiegel gegenüber, in welchem sie sein Gesicht und er ihr Eintretten sehen konnte. Er sprang auf und eilte auf sie zu, die kleine Fany auf dem Arm, führte er Albinens Hand an seine Lippen. Das Kind aber streckte verlangend die Aermchen nach ihr aus; es schien ihre, alles bezaubernde Anmuth selbst das kleine Mädchen-Herz mit magnetischer Kraft an sich zu ziehen. Ein dunkles Roth überflog Guidos blasse Wangen; auch Albina fühlte die ihrigen erglühen und war froh, sie an Fanys zartem Gesichtchen verbergen zu können. William wurde auf des Großvaters Knie geschauckelt, als Albina in das Zimmer trat, und die Baronin war ausser demselben beschäftigt für den geliebten Sohn und die theuern Enkel Bequemlichkeit und Erfrischung zu besorgen: denn noch war keine Stunde verfloßen, daß Guido angekommen war. Albinens befangenem Zustand kam die Gegenwart der Kleinen wohl zu statten. Von jeher der Kinderwelt mit wahrer Liebe zugethan, waren ihr natürlich Guidos Sohn und Tochter unbeschreiblich theuer; und so lange sie anwesend war, beschäftigte sie sich unaufhörlich mit ihnen. Auf ihrem Schoos genoßen sie erquickenden Thee und wohlschmeckenden Zwieback auf ihrem Arm, an ihrer Hand trug und führte sie die Kleinen in den Gemächern des Hauses umher, wo irgend ein Gegenstand war, der sie unterhalten konnte und endlich schlummerten sie auf ihrem Schoos, von der Reise ermüdet ein, und wurden sanft von ihr in die für sie bereiteten Bettchen getragen. Guidos Blick weilte mit stillem Entzücken, so oft er es unbemerkt konnte, auf Albinens zärtlicher Sorge für seine Lieblinge und auf deren zutraulicher Annäherung an Jene. Schmeichelnd schmiegte der kleine William sein Gesichtchen an das ihrige, fest schlang Fany die Aermchen um ihren Nacken und schüttelte weinend das blonde Lockenköpfchen, wenn sie die Grosmutter oder die Wärterin zu sich nehmen wollte.

Eine unerklärbare Bangigkeit hielt indeß Albina von Guido entfernt und da auch dieser eine gewiße ehrerbietige Zurückhaltung beobachtete: so herrschte zwischen Beiden eine drückende Spannung. Herzlich froh war Albina als Langenheims von einem Besuch nach Haus kamen und die Unterhaltung allgemeiner wurde. Jedoch das Uebermaß der Empfindungen bewegte zu stürmisch das sonst so ruhige Herz. Sie konnte es nicht länger unter ihren Freunden aushalten, sie mußte fort, um in der Einsamkeit sich selbst wieder zu finden.

Schlaflos verstrich ihr die Nacht. Ach! Guido war ihr wieder so interessant, so liebenswürdig und doch so kalt erschienen! und es dünkte ihr sehr nothwendig sich einen festen Plan für ihr künftiges Betragen zu entwerfen. Sie beschloß mit ruhiger Freundlichkeit ihm zu begegnen aber Miene, Wort und Handlungen genau abzuwägen um ihm zu keiner falschen Beurtheilung Veranlassung zu geben. Am andern Morgen erhielt sie ein liebevolles Billet von der Baronin, in welchem sie dieselbe dringend, und unter der Zusage ihrer wärmsten Dankbarkeit bat, «sich ihrer Enkel an -- und sie zu sich zu nehmen, ihre physische und moralische Bildung zu leiten und auf diese Weise die Ruhe der Groseltern und des Vaters zu sichern; da sie durch zunehmendes Alter und durch Aengstlichkeit unfähig zur Erfüllung jener Pflicht sey.»

Albinens Herz hatte sogleich entschieden; allein die Zustimmung der Mutter war auch nothwendig und sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie sich weigern könnte.

Als sie eben überlegte, wie sie, ohne ihr Inneres zu verrathen Jene, zu einer Einwilligung bestimmen könnte: wurde sie zu Cornelien geruffen, und fand -- Theresen, welche von Volkmars beauftragt, die obige Bitte mündlich wiederholen sollte. Albina zeigte der Mutter, das, kurz zuvor erhaltene Schreiben und diese fühlte sich verpflichtet durch das Andenken an den segensreichen Einfluß von Theresens großmüthiger Freundschaft auf ihr Schicksal der edlen Frau jenen Wunsch welchen sie wie einen Eigenen vortrug zu erfüllen. Albina trat an ein Nebenfenster und mit einem frommen Blick zum Himmel sandte sie ihre Freude, ihren Dank zur Gottheit, verband aber auch damit ein heisses Flehen um Stärke und Weisheit zu ihren neu übernommenen theuern Obliegenheiten.

In Begleitung der liebenden Grosmutter kamen die Kleinen bald darauf in das Landhaus und der Auffenthalt daselbst, unter Albinens allumfassender treuer Fürsorge war segensreich für ihr körperliches und geistiges Gedeihen. Aber die mütterliche Erzieherin war auch so gewissenhaft, daß sie nur durch die äusserste Nothwendigkeit gedrungen ihre Pfleglinge verließ, daher auch selten, und nur mit ihnen in die Stadt gieng.

Guido war ein eben so seltener Besuch auf dem Landhaus, und Albina verwieß ihr Herz zur Ruhe, wenn es unzufrieden darüber klagen wollte. Die kältere Vernunft gebot ihr sogar dies spärliche Zusammenkommen zu wünschen: denn ach! in Guido's Nähe war ihr so weh, so beglommen! -- Eine düstere Schwermuth bemeisterte sich nach und nach ganz seiner Seele und verlezte ihr Gefühl in dem Grad, als seine übrigen großen Eigenschaften es oft beseeligten. Sie suchte den Grund in seinen ehemaligen traurigen Erfahrungen, als unglücklicher Gatte, zweifelte durchaus an ihrem Vermögen, ihn trösten und erheitern zu können und hielt sich mit wunden Herzen so weit als möglich von ihm zurück. Allein in Guido war die alte Leidenschaft für Albinen mit aller Stärke wiedergekehrt; doch in ihrem schüchternen ja beinah ängstlichen Betragen, wollte er eine neue schonende Abweisung finden. Ihre Liebe zu seinen Kindern schrieb er auf Rechnung ihrer angebohrenen Milde, so wie der, edlen weiblichen Wesen eigenen Hinneigung zu den kleinen hülflosen Geschöpfen und so vergrößerten Beide die Scheidewand immer mehr, die anfangs leicht zu übersteigen gewesen wäre. Die Eltern und Langenheims theilten Albinens obige Vermuthung und boten vergeblich alles auf, ihn zu zerstreuen. Aus gutmüthiger Gefälligkeit gieng er auf jeden gesellschaftlichen Plan ein: jedoch er war in solchen Zirkeln ein unnützes Glied. Wortarm, in sich versunken saß er oft in den bunten Reihen und so sehr sein vortheilhaftes Aeußeres den Damen und Mädchen wohlgefiel: so sehr schreckte sie sein Ernst, seine trübe Stimmung ab. War er mit Albinen zusammen: so vermied sein Auge absichtlich den ihrigen zu begegnen und geschah es dennoch, so lag so viel innerer Gram in seinem Blick daß es tief, tief ihr Gemüth verwundete, und sie die Thränen kaum zurückzuhalten vermochte. Langenheim gelang es am besten, durch seine Unterhaltung Guido etwas zu zerstreuen; sein gebildeter Geist, sein tiefes Gefühl, sprach diesen wohlthätig an, und in der Mittheilung ihrer Erfahrungen, fanden sie gegenseitig viel Interesse. Doch wurden von Guido nur Jene berührt, welche die Welt und die Menschheit im ~Allgemeinen~ betrafen; indeß Langenheim von seinem eigenen Schicksal ihm Mancherlei erzählte. In einem solchen Gespräch erhielt Guido Aufschluß über Familien-Verhältniße, welche sich in seiner Abwesenheit anders gestaltet hatten; und auch des todgeglaubten Direcktor Hainau's wurde erwähnt; Langenheim schilderte seinen Reichthum und beklagte, daß seine rechtmäßigen Anverwandten, Albina und Theodor keinen Genuß davon erhalten konnten. Guido beschloß nach dieser Unterhaltung an einen Bekannten zu E* zu schreiben und Erkundigungen einzuziehen, ob zum Vortheil der ihm so theuren Geschwister gar nichts mehr zu unternehmen wäre.

Aus der Antwort ergab es sich, daß der alte Hainau wirklich noch am Leben, aber fest umstrickt sey von der ganzen Familie des verabscheuungswürdigen ehemaligen Kammerdieners, welcher nun die Secretairsstelle begleitete. Nun war Guidos Plan entworfen und sein Entschluß gefaßt!

An einem Morgen beim Frühstück, als den Tag zuvor wieder zärtliche Sehnsucht die Groseltern nach dem Landhaus hingeführt hatte und sie höchst befriediget zurückgekommen waren, konnte die Baronin nicht aufhören, das glückliche Geschick ihrer Enkel zu preißen welches ihnen Albinen zur Pflegerin gegeben hatte; und ihr Gatte stimmte auf das herzlichste in diese Versicherungen ein. Guido schwieg und sah finster zur Erde. Die Mutter nahte sich ihm, mit bittender Miene, strich sanft mit der Hand über seine faltige Stirne und sagte: «Wenn doch nur mein Guido Herr über die traurigen Erinnerungen an die Vergangenheiten und dadurch fähig werden könnte, das was die Gegenwart biethet, freier zu beobachten!

Ach eine holde liebliche Erscheinung könnte ihm durchaus nicht entgehen, welche das Ideal einer treflichen Tochter ist und das einer eben so vorzüglichen Gattin und Mutter werden würde!» «Ich weis wen Sie meinen liebe Mutter!» sagte Guido ernst; «aber nein -- es ist nichts -- es kann nicht seyn,» sezte er tief seufzend hinzu; «und wenn sie mich lieben, kein Wort mehr davon!» Er stand auf, rückte den Sessel zurecht und entfernte sich. Nach einigen Tagen theilte er den Eltern seinen Plan mit: ein thätiges Leben zu beginnen und sich um eine Assessors Stelle zu melden, welche bei dem Stadtgericht zu E* erledigt sey. «Und warum denn gerade nach E*?» fragte der Vater. «Ich habe einen Freund dort,» erwiederte Guido, «welcher mir eine sehr vortheilhafte Schilderung von jenem Posten und der ganzen Lebensweise in E* mitgetheilt hat; hier lieber Vater! ist vor der Hand keine Aussicht zu einer mir wünschenswerthen Anstellung und ich denke, Thätigkeit ist das kräftigste Mittel gegen meine trübe Stimmung, die auch leider ihnen geliebte Eltern! manche unangenehme Stunde macht. Verzeiht mir! und laßt den finstern Sonderling ziehen: heiterer hoffe ich, wird er Euch wiedersehen! --» Die Eltern konnten nichts dagegen einwenden, sein Gesuch wurde begünstigt und er beschleunigte so sehr er konnte seine Abreise.

Die Besorgnis, bei der abermaligen Trennung von Albinen sich vielleicht nicht genug verbergen zu können, bestimmte ihn, einen Tag zum Abschiedsbesuch auf dem Landhaus zu wählen wo er wußte, daß Albinen ein unabänderliches Geschäfte ohne seine Kleinen in die Stadt rief.

Unter schmerzlichen Kämpfen hatte er in der Nacht zuvor ein Schreiben an sie aufgesezt, das sein dankbares Gefühl als Vater innig ausdrücken und doch von seiner unaussprechlichen Liebe zu ihr, nichts verrathen sollte. Immer vernichtete er wieder, was er geschrieben hatte, denn es däuchte ihn bald zu leidenschaftlich, bald zu kalt. Endlich schien er es getroffen zu haben; aber erschöpft und mit verweinten Augen warf er sich auf sein Bett, nicht um zu schlafen sondern in stolzen Entwürfen für das Glück der geliebten Grausamen, Linderung seiner Schmerzen und süße Zerstreuung zu finden. Mit klopfendem Herzen näherte er sich am andern Tag dem Landhaus, denn es war doch möglich Albinen zu treffen. Er hatte es gut berechnet, sie war nicht zu Hause. Gerührt drückte er seine Kinder an sein Herz, gab Cornelien den Brief für Albinen und eilte so schnell als möglich wieder fort. Albina war mit seinem Entschluß, wegzugehen schon bekannt; doch sie hatte gehofft, noch einmal ihn zu sehen, ein freundliches Wort von ihm zu hören und gelobte sich selbst: von diesem, gleich einem ärmlichen Reisepfennig durchs Leben, in den künftigen Tagen sparsam und zufrieden zu zehren. Allein auch darauf sollte sie Verzicht leisten müssen! dies war hart! und sie wurde bleich bis in die Lippen, als sie bei ihrer Zurückkunft aus der Stadt hörte, Guido habe Abschied genommen und den Brief für sie zurückgelassen. Sie nahm ihn und gieng damit in die Gartenlaube.

«Also wählte er absichtlich diese Zeit, um mich doch ja nicht zu finden!» sagte sie schmerzlich zu sich selbst; und ein gerechter Stolz empörte sich in ihr gegen diese Vernachläßigung. Sie hielt lange den Brief unentsiegelt in ihrer Hand, starrte auf ihn hin und war ungewiß, ob sie ihn öffnen sollte oder nicht. «Guido Guido!» rief sie, «du mishandelst ein Herz, das ganz dein gehört hat und -- noch immer dein ist,» sezte sie wehmüthig leise hinzu, und ein wohlthätiger Thränenstrom erleichterte die beglommene Brust. Sie löste das Siegel, las, las wieder und noch einmal und manche einzelne, herabfallende bittere Thräne verlöschte hier und da ein Wort des Briefs, der nichts wohlthuendes für ihre leidende Seele enthielt. Es herrschte darinnen ein steifer kalter Ton; der in diesem Augenblick doppelt hart an das liebende weiche Herz Albinens anschlug. «Also auch nicht einmal Freundschaft, nein nur dankbare Höflichkeit giebt mir Guido für die heisse Liebe, die ich für ihn fühle!» klagte Albina und legte die glühende Stirne in die hohle Hand. «Aber weis er es denn, daß ich ihn liebe? fuhr sie fort, o! hätte er ahnen können, was in mir vorgieng, wenn ich seinen Kummer über die Vergangenheit, oder seine Freude über seine Kinder sah! wäre er Zeuge von meinen jezigen Leiden -- dies große Herz, das die ganze Menschheit umfäßt mit reicher Liebe, würde auch für mich freundlich tröstenden Gefühlen Raum geben! Ach! er bleibt dennoch» -- und dabei preßte sie fest beide Hände an das blutende Herz -- «er bleibt dennoch Beherrscher dieses stillen Reiches in meiner Brust! guter Gott!» seufzte sie und sank in betender Stellung an der Rasenbank nieder, «guter Gott! laß einen deiner heiligen Boten, als Schutzengel ihn begleiten auf allen seinen Wegen und mir gieb Stärke bei der Erziehung seiner Kinder, sein Glück und das ihrige zu begründen!» --