Aladdin und die Wunderlampe Tausend und einer Nacht nacherzaehlt

Chapter 4

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Inzwischen ward, weil sich der Freier Ausdrücklich hatte vorbehalten, In seinem eignen Schloß die Feier Der Hochzeit glänzend zu gestalten, Vom Sultan öffentlich erklärt, Daß gültig nun zu Recht bestehe Prinzessin Bedrulbudurs Ehe Mit dem Gemahl, der ihrer wert, Und dem sein Vaterherz gewogen; Auch wurde der Vertrag vollzogen Mit hergebrachter Förmlichkeit. Dann leerten einen Freudenbecher Die Mutter und der Fürst zuzweit. Er selber gab ihr das Geleit In der Prinzessin Wohngemächer. Dort kam in ihrem reichen Schmuck Und ihrer Schönheit holdem Prangen Die Braut entgegen ihr gegangen Mit einem warmen Händedruck Und einem Kuß auf ihre Wangen. Sie nahm, bereit zur Überführung In ihres Ehegatten Schloß, Vom Vater Abschied. Beiden floß Ein Tränenstrom herab vor Rührung. Und als der Sonne letztes Blinken Gewichen war dem Dämmerschein, Da formte sich der Zug. Zur Linken Schritt ihr die Mutter, hinterdrein Die Sklavinnen und Zofen all, Voran ein Trupp von Musikanten Mit schmetterndem Posaunenschall, Zuletzt unzählige Trabanten, Lakaien, Pfeifer, Paukenschläger Und Knappen, die als Fackelträger Dem Zuge Licht zu spenden hatten. So schwebte die Gebieterin Auf dem damastnen Teppich hin Zum kerzenhellen Schloß des Gatten, Und all das heitre Volksgewimmel Entsandte wie aus einem Mund Gebet und Segenswunsch zum Himmel Für ihren jungen Ehebund.

11.

Von seiner Dienerschaft umgeben Stand Aladdin am Eingangstor Und führte mit beglücktem Beben Die Braut zum Kuppelsaal empor. Sie war beim ersten Anblick schon Entzückt von ihm, da beim Vergleiche Sie fand, daß nimmer ihm der Sohn Des Großveziers das Wasser reiche. Und Aladdin? Ach, wer beschriebe, Was er im Innersten empfand, Wie nun das Traumbild seiner Liebe Holdselig leibhaft vor ihm stand! Er rief: "Du Herrlichste von allen, Vor der das Taggestirn erbleicht, Gesteh' mir, ob ich nicht vielleicht Verurteilt bin, dir zu mißfallen!" "Mein Prinz--denn dieser Name scheint", Versetzte sie, "dir zu gebühren-- Mir hat mein Vater dich zu küren Befohlen und mich dir vereint. Des Vaters Willen sich zu fügen Ist einer guten Tochter Pflicht; Doch ich vollzog sie mit Vergnügen; Denn wisse, du mißfällst mir nicht."

Mit dieser feinen Antwort scheuchte Sie seiner Sorge letzten Rest; Und nun begann ein Zauberfest, Das ihr viel Staunenswerter deuchte, Als was daheim sie je geschaut. Die Tafel überschwemmten Rosen, Von Diamanten rings betaut; Von einer gleichfalls grenzenlosen Verschwendung zeugten die Pokale, Die Schüsseln, Teller, Gabeln, Messer; Sogar die Speisen waren besser Als je beim kaiserlichen Mahle. Zu Flötenspiel und Lautenklang Ertönte, reizend anzuhören, Ein doppelstimmiger Gesang Von allerliebsten Mädchenchören. Nach Schluß des Mahls erschien ein Schwarm Von Tänzern und von Tänzerinnen, Um einen Reigen zu beginnen. Der Schloßherr selbst bot seinen Arm Der Herrin, und voll Anmut schwangen Nach einem alten Brauch des Lands Die Neuvermählten sich im Tanz. Die Mitternacht war längst vergangen, Da sich im Schloß zu Ende neigte Die Lustbarkeit.

Am Tag darauf, Als schon des Sonnenballes Lauf Sich nah dem Mittagsgipfel zeigte, Schritt Aladdin mit einem Heere Von Dienern auf dem kurzen Pfad Hinüber zum Palast und bat Den Schwiegervater um die Ehre, Sein Schloß in Augenschein zu nehmen. Gewiß, der Sultan mochte gern Zu dieser Einkehr sich bequemen Und ging, begleitet von den Herrn Des Hofs, mit ihm dorthin zu Fuße.

Das Schloß, obwohl er's nun schon oft Von seinem Fenster aus mit Muße Betrachtet, schien ihm unverhofft Noch prächtiger, als er es nah Und näher jetzt vor Augen sah. Im Innern erst vermochte kaum Er sein Entzücken zu bemeistern, Und gar der große Kuppelraum Schien grenzenlos ihn zu begeistern. Er sprach zum Großvezier: "Ein Wunder Wie dies hab' ich noch nie gewahrt. Hiergegen ist, bei meinem Bart, Mein eigener Palast nur Plunder."

Doch als er wieder heimgekehrt, Um manchen großen Eindruck reicher. Da schlängelte der alte Schleicher Von Großvezier sich unbegehrt An ihn heran mit dem Vermerk: "Wer könnte diesen Bau betrachten, Erhabner, ohne für ein Werk Der Zauberkunst ihn zu erachten?" Der Sultan drauf mit strengem Blick: "Das hochzeitliche Mißgeschick, Das deinem Sohn so schlecht bekam, Kannst du noch immer nicht verschmerzen, Bist Aladdin deswegen gram Und suchst ihn grundlos anzuschwärzen."

So scheiterte die Lästrung kläglich. Der Fürst begab, sobald er wach, Vielmehr von jetzt ab sich tagtäglich Gleich in sein Lieblingswohngemach, Wo freien Ausblick er genoß Auf seines Schwiegersohnes Schloß, Und ward nicht müd, vom Fenster aus, Ganz in Bewunderung vergraben, An Form und Schmuck des stolzen Baus Das Auge stundenlang zu laben. Wer aber dächte, daß nunmehr Sich Aladdin daheim verschlossen Und ferngehalten vom Verkehr, Der hätte gänzlich fehlgeschossen. Im Gegenteil, er ward beständig Lustwandelnd in der Stadt gesehn, Ging zum Gebet in die Moscheen, Tat manchen Einkauf eigenhändig, War bei den hohen Edelleuten Oft zu Besuch, und jedesmal, Wenn er mit einer großen Zahl Betreßter Diener ausritt, streuten Sie Gold umher aus vollen Händen. An seines Schlosses Pforten kam Kein Bettelmann, der nicht mit Spenden Vollauf beladen Abschied nahm.

Auch wenn er, um der Jagd zu pflegen, Ins Feld hinausstob ungehemmt, Ward jedes Dorf auf seinen Wegen Von einem Goldstrom überschwemmt. Kein Wunder war's, wenn dergestalt Ihm der Berühmtheit Rosenwolke Das Haupt umspann, und wenn er bald Vergöttert ward vom ganzen Volke. Er aber wurde drum nicht eitel, Nein, zeigte dem bedrohten Staat Sich von der Zehe bis zum Scheitel Als echten Helden durch die Tat: Des Reichs gesamte Grenze stand In eines Aufruhrs hellem Brand. Der Feldherrn keiner konnt' ihn dämpfen, Bis Aladdin, dem Ruf der Not Gehorchend, mannhaft sich erbot, Auf eigne Faust ihn zu bekämpfen. Vom Herrscher an des Heeres Spitze Berufen zog er in das Feld, Nicht achtend Mühsal, Frost und Hitze! Bald war von ihm der Feind umstellt Und wurde wie beim Hasenjagen Trotz aller seiner Übermacht In einer einz'gen großen Schlacht Zerstreut und in die Flucht geschlagen. Dann führte seine tapfren Krieger Er heimwärts im Triumph, das Haupt Von einem Ruhmeskranz umlaubt, Und hieß nun Aladdin der Sieger.--

In stetem Fluß allmählich reihte Sich Tag an Tag und Jahr an Jahr; Er aber ward es kaum gewahr An seiner schönen Gattin Seite, Geliebt und liebend, hochgeachtet Und doch von schlicht bescheidnem Sinn. Die Bosheit, die von Urbeginn Das Gute zu vernichten trachtet, Sollt' aber nach der Gnadenfrist Auch ihn mit hartem Streiche treffen.

Der Zaubrer, der mit schnöder List Ihn einst sich ausgesucht als Neffen, Dann heimgewandert und seit Jahren In Afrika nun wieder saß, Wollt' eines Tages, rein zum Spaß, Genaueres davon erfahren, Wie Aladdin zugrund gegangen. Denn daß der Bursch aus jener Gruft Nie mehr, nachdem er drin gefangen, Zurückgekehrt zu Licht und Luft, War nicht im mindesten ihm fraglich; Die Frage, die er noch gespart, Galt einzig seiner Todesart. Er setzte sich darum behaglich An einen Tisch, worauf mit Sand Gefüllt ein Viereck sich befand In Schachtelform, nahm einen Stift Und zog damit nach Zaubrerweise Im Sande Linien und Kreise Nebst Lettern einer fremden Schrift. Berechnend, murmelnd unverständlich, Nach Grundsatz, Regel und Gebot Geheimer Schwarzkunst, bracht' er endlich Heraus, daß Aladdin nicht tot, Nein, daß er aus der Gruft entsprungen, Zu Glanz und Ruhm sich aufgeschwungen Und obendrein als der Gemahl Der Sultanstochter herrlich lebe.

Ha, war das tückische Gewebe Zerfetzt? Er wurde leichenfahl, Krebsrot und wieder kreideblaß Und dann vor Mißgunst gelb und gelber. "Wie?" rief er aus in Wut und Haß, "Der Schatz, den mühsam für mich selber Ich ausgespürt mit saurem Schweiß, In zähem, jahrelangem Fleiß, Der Lampe hohe Wunderkraft Ward mir zu meines Forschens Lohne Von einem niedren Schneidersohne, Von einem Tagedieb entrafft! Er, den vermodert ich gewähnt, Er darf zu schwelgen sich erfrechen Im Reichtum, den er mir entlehnt! Doch nur Geduld, ich will mich rächen!" Er warf somit am selben Tag Aufs Pferd sich ohne viel Besinnen Und galoppierte stracks von hinnen Zum Reich, das fern im Osten lag.

12.

Nachdem er auf der langen Reise Sich und sein Pferd halb tot gehetzt, Sich nur an kurzem Schlaf geletzt, Sich nur genährt mit knapper Speise, Mit kargem Trank erfrischt, gelangte Der Zaubrer in des Sultans Reich, Und bald vor seinen Augen prangte Die Hauptstadt, wo sein Schurkenstreich Ihm damals kläglich war mißlungen. In einem kleinen Gasthaus stieg Er ab, um seinen Rachekrieg Zu fördern durch Erkundigungen.

Das Wichtigste ward ihm natürlich Enthüllt, bevor ein Tag verfloß; Denn alle Welt sprach unwillkürlich Von Aladdin und seinem Schloß. Er ließ zu dem berühmten Bau Von seinem Wirt sich hingeleiten, Und als er ihn von allen Seiten Beschnüffelt hatte ganz genau, Da wußt' er, daß dem Aladdin Zu einem Werk von solcher Größe Nur jene Lampe Kraft verliehn. Er gab sich selber Rippenstöße Vor Ärger, weil dies Meisterstück Ihn völlig erst ermessen lehrte, Was ihm entgangen war, und kehrte Zu seinem Gasthaus dann zurück.

Wo mochte wohl die Lampe stecken? Wenn ihren Aufbewahrungsplatz Er fähig wäre zu entdecken, Dann könnt' er den ersehnten Schatz Von ihm erlisten, Raub um Raub, Und von der angemaßten Zinne Zurück ihn schmettern in den Staub. Er nahm behend wie eine Spinne, Die rastlos webt an ihrem Netze, Das Zauberviereck wieder vor, Und durch die magischen Gesetze, Die mit Gekritzel er beschwor Und knifflicher Berechnungsart, Ward bald unfehlbar ihm verraten: Die Lampe war im Schloß verwahrt.

Der Zufall, der verruchten Taten Oft beisteht, war auch ihm gewogen. Willkommen traf die Nachricht ihn, Daß vor drei Tagen Aladdin Auf eine große Jagd gezogen Und fern sei bis zum Wochenschluß. Er trat in eines Klempners Laden Und sagte: "Freund, es soll dein Schaden Nicht sein, wenn du mir dienst. Ich muß zwölf Lampen haben, nagelneu, Von blankem Kupfer." "Meiner Treu," Erwiderte mit breitem Lachen Der Klempner--denn er war erfreut, Solch glänzendes Geschäft zu machen-- "Gleich zwölf? So viele hab' ich heut zwar nicht auf Lager; doch bis morgen Werd' ich die fehlenden besorgen."

Mit einem Korb am Arme kam Der Zaubrer wieder tags darauf, Verpackte drin den ganzen Kram, Gab für den abgeschlossnen Kauf Weit höhern Preis als nach Verpflichtung, Bewegte dann sich in der Richtung Des Schlosses langsam durch die Stadt Und zwang das Volk, dem Ruf zu lauschen: "Hört, hört! Wer alte Lampen hat, Kann hier sie gegen neue tauschen." Die Leute dachten allgemein: "Der Mensch da hat wohl einen Sparren." Die Kinder hielten ihn zum Narren Und liefen gröhlend hinterdrein. Ihn aber konnt' es nicht beirren; Er ließ im Korb die Lampen klirren Und wiederholte hundertmal Aus Leibeskräften sein Gekrähe Bis in des Schlosses nächste Nähe.

In ihrem großen Kuppelsaal Saß Bedrulbudur. Das Gehöhne Der Kinder und die schrillen Töne Des Rufers drangen auch zu ihr, Und einer Sklavin aufzutragen Gebot ihr drum die Wißbegier, Sie mög' hinuntergehn und fragen, Was dieser wüste Lärm bedeute. Die Sklavin ging und lachte hell, Da sie zurückkam: "Der Gesell, Der dort umringt wird von der Meute, Ist ohne Zweifel gänzlich toll. Sein Tragkorb ist von einem Haufen Der schönsten neuen Lampen voll; Er aber will sie nicht verkaufen, Nein, will sie tauschen gegen alte."

Auch der Prinzessin Lachen schallte Nun laut und klang im Echo nach, Bis eine andre Sklavin sprach: "Vergib mir, Herrin; doch ich finde, Da sich's um alte Lampen dreht Und gleich hier neben auf dem Spinde Zufällig eine solche steht, So könnte man, wenn's dir beliebt, Erproben, ob der Kerl tatsächlich Für diese da, die schon gebrechlich, Uns eine nagelneue gibt."

Dem stimmte die Prinzessin zu.-- Klang dir im Innern keine Warnung, O Bedrulbudur? Ahntest du Nicht schmählichen Betrugs Umgarnung? Die Wunderlampe war's, die dort Unscheinbar stand seit ein paar Tagen, Weil Aladdin, der immerfort Sie sonst mit sich herumgetragen, Aus Furcht, sie könn' in Wald und Feld Verloren gehn, nicht auf die Jagd Sie mitgenommen. Wer nun fragt, Warum aufs Spind er sie gestellt, Anstatt sie sorgsam einzuschließen, Den darf die Antwort nicht verdrießen, Daß hin und wieder ein Versehn Wohl jedem unterläuft im Leben, Und daß die Allerklügsten eben Die dümmsten Fehler oft begehn. Die Sklavin nahm die Lampe, trug Zum Zaubrer hurtig sie hinunter, Hielt ihm sie hin und sagte munter: "Wenn diese da dir alt genug, Gib eine neue mir zum Tausche." Zugreifend voll Begier verschlang Er mit den Augen seinen Fang In schlecht verhehltem Freudenrausche; Dann ließ er unters Kleid ihn wandern. Den Korb jedoch mit den zwölf andern Wies er der Sklavin vor zur Wahl. Sie wählte lachend, und die Rotte Begoß ihn mit vermehrtem Spotte.

Doch er, geschmeidig wie ein Aal, Entkam durch eine Seitengasse, Ließ dort, sobald ihn dieser Schlich Geborgen hatte vor der Masse, Den angefüllten Korb im Stich Und lief davon, sein Gasthaus meidend. Was lag ihm noch an seinem Pferd? Was lag an andrem Geldeswert? Jetzt war nur eins für ihn entscheidend! Nachdem er eine halbe Meile Vorm Stadttor endlich Halt gemacht, Beschloß er, noch für eine Weile Sich zu gedulden, bis die Nacht Ihm Schutz vor Überrumplung böte. Erst als im Westen sich verlor Der letzte Schein der Abendröte, Zog er die Lampe sacht hervor Und rieb sie.

"Was ist dein Begehr?" So rief im nächsten Augenblicke Der Geist, an Länge, Breite, Dicke Fünfmal so massig wie ein Bär; "Die Lampe macht es mir zur Pflicht, Daß ich gehorsam dich bediene." Der Zaubrer sprach mit Siegermiene: "Du sollst das Schloß, das jener Wicht Von dir sich hat erbauen lassen, Mit seinen sämtlichen Insassen Und mir zugleich alsbald von da Forttragen durch des Äthers Wellen Und an dem Punkt in Afrika, Wo ich daheim bin, niederstellen." Gehorsam seinem neuen Meister Vollzog der Geist noch in der Nacht Mit Hilfe seiner Nebengeister Den Auftrag.

Zeitig aufgewacht Begab der Sultan sich wie täglich Zum Fenster, um in froher Schau Zu mustern den erhabnen Bau. Sein Staunen aber war unsäglich, Als er den leeren Platz erblickte, Vom Schloß dagegen keine Spur. Er rieb die Augen sich, er zwickte Sich in den Arm; dies konnte nur Entweder Trug sein oder Traum! Doch welche Vorsicht er auch übte, Die Sonne schien, kein Wölkchen trübte Den Himmel bis zum fernsten Saum. Unzweifelhaft, er träumte nicht! Mit steifem, starrem Angesicht Stand er und stand wie angewurzelt Und murmelte: "Das Schloß ist fort, Soviel steht fest. Wär's eingepurzelt, So lägen doch die Trümmer dort. Der Kuckuck weiß, was hier geschehn!" Zum Schluß, wie stets in schweren Fällen, Ließ er dem Großvezier bestellen, Er wünsche schleunigst ihn zu sehn.

Der Großvezier kam angerannt; Der Sultan faßte seine Hand, Zog ihn zum Fenster hin und fragte Voll Spannung: "Wirst du was gewahr Vom Schloß, das gestern hier noch ragte? Mich foppt, so scheint's, mein Augenpaar." Der Großvezier war höchst betroffen; Jedoch er sammelte sich bald. "Herr," sprach er, "liegt nunmehr nicht offen, Was mir schon längst für sicher galt, Wenngleich du mir nicht beigepflichtet? Dies Schloß, ich wiederhol' es frei, So schnell verschwunden wie errichtet, Es war ein Werk der Zauberei."

Der Sultan, der dem Lästerwort Nicht mehr zu widerstehn vermochte, Ward kirschrot im Gesicht; er kochte Vor Zorn und fluchte: "Pest und Mord! Ein Gauner, listig und verlogen, Hat an der Nase mich gezogen! Wo ist der Schurk', der das gewagt? Noch heute soll sein Blut verschäumen!" Drauf jener: "Herr, laß uns nur säumen, Bis er zurückkehrt von der Jagd." "Nichts da! Das wäre zu viel Schonung," Entgegnete der Sultan wild; "Vom Henker werd' ihm die Belohnung, Mit der man Hochverrat vergilt. Geh', schick' ihm dreißig Reiter nach! Die sollen unterwegs ihn greifen, Verhaften und mit Schimpf und Schmach Gefesselt vor mein Antlitz schleifen!"

13.

Auf seinem Rückweg nach der Stadt Begriffen, ahnungslos und heiter, Traf Aladdin die dreißig Reiter. Ihr Hauptmann grüßte höflich glatt, Und er, von Heimweh schon beschwingt Und in der Meinung, jene wären Vorausgesandt zu seinen Ehren, Sah sich mit einem Schlag umringt. "Mir ziemt, mein Prinz, dich aufzuklären," Begann der Hauptmann; "doch ein Sprecher, Der Unheil meldet, spricht nicht gern. Uns ward vom Sultan, unsrem Herrn, Befohlen, dich als Staatsverbrecher In Haft zu nehmen und gefangen Zu führen vor sein Angesicht." "Sag' nur, was hab' ich denn begangen?" Rief Aladdin mit heißen Wangen. Drauf jener: "Prinz, das weiß ich nicht." "Wohlan, da habt ihr mich. Vollzieht, Was eures Amts! Ich folg' euch willig, Ist's auch gewiß nicht recht und billig, Was unverschuldet mir geschieht." Er warb vom Pferd geholt, an Armen Und Hals mit Ketten fest umschnürt Und so zum Schrecken und Erbarmen Des Volkes in die Stadt geführt.

Der Liebling aller war in Not! Man wußte nicht, aus welchem Grunde, Sah nur ihn von Gefahr bedroht Und wollte drum, zu raschem Bunde Vereinigt, ihm die Freiheit schaffen. Ein Teil ergriff metallne Waffen, Ein andrer Steine, Knüttel, Stangen, Den Reitern sperrend Weg und Raum; Mit ihrem Häftling konnten kaum Sie bis in den Palast gelangen.

Der Sultan, der bereits ihr Nah'n Erwartet hatte vom Altan, Befahl dem Henker, alsogleich Dem Schändlichen, der sein Vertrauen Getäuscht, mit einem scharfen Streich Das Frevlerhaupt herabzuhauen. Es ward ihm keine Frist verliehn, Sich durch Verteidigung zu retten; Der Henker hieß, nachdem die Ketten Ihm abgestreift, ihn niederknien, Band ihm sodann die Augen zu, Erhob das Richtschwert, wie befohlen, Um auf des Herrschers Wink im Nu zum Streich gewaltig auszuholen.

Da--was ist das? Was dröhnt und gellt? Was schwillt und wirbelt, brandend, brausend? Vom Volke haben viele Tausend Im Aufruhr den Palast umstellt. Man reißt und rüttelt an den Mauern, Man bricht aus ihnen Stein um Stein, Und lange kann es nicht mehr dauern, Da stürzen sie zertrümmert ein, Und alle Tore klaffen splitternd. "O Herr, bedenk'!" so wendet zitternd Zum Sultan sich der Großvezier, "Schau hin, wie meuterische Horden, Vollständig zügellos geworden, Gleich einem grimmen Riesentier Sich gegen deine Mauern türmen! Der Mensch hat auch dein Volk behext, Und wenn du diesen Spruch vollstreckst, Dann wird es den Palast erstürmen."

Der Sultan fuhr erschreckt zusammen. Er merkte wohl, daß durch den Tod Prinz Aladdins das Reich in Flammen Auflodern würde. Drum gebot Er dem verblüfften Henker knapp Vorm Streich, das Leben ihm zu lassen; Der nahm die Binde von ihm ab, Und den erregten Menschenmassen Ward mit Trompetenstoß verkündigt, Der Sultan habe kurz und gut, Wie sehr auch Aladdin gesündigt, Ihn zu begnadigen geruht. Dies Wort, voll Beifallslärm umtönt, Goß Öl in die erzürnten Wogen; Die sämtlichen Empörer zogen Nach Haus beschwichtigt und versöhnt.

Doch Aladdin, als er befreit Sich sah, hob zum Altan die Hände: "Herr," bat er flehentlich, "vollende Die Gnade, die du mir geweiht, Und sage mir, durch welch Verbrechen Verdient' ich solch ein Strafgericht?" "Ei, willst du dich noch gar erfrechen, Zu tun, als wüßtest du das nicht? Komm'," rief der Sultan, "komm' hierher! Dein Stolzes Schloß, wo mag es liegen? Zeig' mir's! Nicht finden kann ich's mehr." Als Aladdin emporgestiegen, Ließ er ihn durch das Fenster blicken Und fragte barsch: "Was siehst du da?" Der Ärmste glaubte zu ersticken, Als er die leere Stelle sah. Versteinert, reglos blieb er stehn, War nicht imstande, sich zu sammeln, Geschweige denn ein Wort zu stammeln.

"Nun sprich! Kannst du dein Schloß erspähn?" So forschte jener streng und hart. "Bekenne, wo es hingekommen, Und was aus meiner Tochter ward!" "Mein Fürst," sprach Aladdin beklommen, "Obgleich ich selbst nicht ahnen kann, Was mittlerweil sich hier begeben, So schwör' ich dir bei meinem Leben, Ich habe keinen Teil daran!" Der Sultan schrie: "Du Strolch, mitnichten Entschuldigst du dein Bubenstück! Gern will ich auf das Schloß verzichten; Jedoch mein Kind gib mir zurück! Sonst lass' ich meinem Wort zum Trotz Dir deinen Kopf herunterschlagen, Als wäre der ein Tannenklotz." "Herr, eine Frist von vierzig Tagen Gewähre mir!" bat Aladdin. "Ich werde, sollt' es mir mißlingen, Verlornes wiederzuerringen, Mich meiner Strafe nicht entziehn." Der Sultan sagte: "Wohl, so sei's; Ich will dir diese Frist vergönnen. Du würdest doch um keinen Preis Dem Rächerarm entrinnen können."

Bekümmert, mit gesenktem Haupt Schlich Aladdin wie ausgestoßen Von dannen, und dieselben Großen, An deren Freundschaft er geglaubt, Die gestern noch ihm auf dem Fuß Gefolgt, um sich vor ihm zu bücken, Vermieden heute seinen Gruß Und kehrten lieblos ihm den Rücken. Was konnt' er tun? Wohin sich wenden? Er lief, im Kopfe wirr und kraus, Umher, die Stadt von Haus zu Haus, Von Tür zu Tür nach allen Enden Durchwandernd, ohne zu verstehn, In welcher Absicht, fragte jeden Mit abgeriss'nen irren Reden, Ob irgendwer sein Schloß gesehn. Gar manche wurden übermannt Von Mitleid; andre wieder lachten Ihn aus, vermutlich, weil sie dachten, Er sei nicht richtig bei Verstand.

Nachdem er so mit müdem Blick Drei Tage lang herumgeschlendert, Wollt' in der Stadt, wo sein Geschick Sich so bejammernswert geändert, Er nicht mehr weilen, sondern trollte Sich ohne Plan hinaus aufs Feld. Unendlich lag vor ihm die Welt; Nur wußt' er nicht, wohin er sollte. "Weh mir! Ich ward so bettelarm, Daß ich mein traurig Los verfluche!" So rief er aus in bittrem Harm. "Wenn ich den Erdkreis auch durchsuche, Beharrlich pilgernd Jahr um Jahr, Wo find' ich die Geliebte wieder? Weit besser, daß die Augenlider Der Tod mir schließt auf immerdar!" Er näherte sich einem Fluß Und wollt', um seine Qual zu kürzen, Sich mit verzweifeltem Entschluß Kopfüber in die Fluten stürzen. Es war um Sonnenuntergang; Der Feuerball mit letztem Blinken Schien ihm den Abschiedsgruß zu winken. Ein Ruck, ein Anlauf--und er sprang.

Das Ufer war an dieser Stelle Besonders steil, und seinen Rand Umschloß ein kahles Felsenband In rauh zerklüftetem Gefalle, Sodaß der lebensmüde Springer An einem Felsstück hängen blieb Und jener Ring, den er am Finger Noch immer trug, daran sich rieb. Das war sein Glück; denn alsobald Wie aus dem Wasserdunst verdichtet, Stand mächtig vor ihm aufgerichtet Desselben Geistes Schreckgestalt, Der einst ihm in der Gruft erschienen, Und rief: "Ich bin des Ringes Knecht. Mir zu gebieten ist dein Recht; Sag' an, womit kann ich dir dienen?"

Drauf Aladdin: "O Geist, errette Zum zweiten Male mich vom Tod Und bring', bevor der Morgen loht, Mein Schloß zurück zur alten Stätte!" Der Geist versetzte: "Dies Gebot Verträgt sich nicht mit meinem Walten. Ich diene nur dem Ring. Du mußt Dich an den Geist der Lampe halten." "Nun wohl; jedoch wenn dir bewußt, Wo sich zurzeit mein Schloß befindet," Sprach Aladdin, "befehl' ich dir Kraft dieses Ringes, der dich bindet: Befördre mich sogleich von hier Gradaus an seinen neuen Platz!" Kaum ausgesprochen war der Satz, Da trug beflügelt ihn der Riese Nach Afrika, zu jenem Ort, Wo nun inmitten einer Wiese Das Bauwerk stand, und setzte dort Ihn sänftlich nieder auf das Gras.

Zwar blieb es Aladdin verborgen, Daß er im Innern Afrikas Gelandet war; doch er genas Von allen Martern, allen Sorgen, Als er den wohlbekannten Bau Trotz dunkler Nacht im Sternenschimmer Gewahrte, ja sogar die Zimmer Dicht vor sich sah, die seiner Frau Zur Wohnung dienten; und sie schlief Wahrscheinlich dort schon fest und tief. Um Lärm und Aufsehn zu vermeiden, Hielt er gewaltsam sich zurück, Wie schwer's auch war, so nah dem Glück Bis morgen früh sich zu bescheiden. Er streckte, von der langen Pein Ermattet, unter einer Palme Sich aus zum Schlummer, und die Halme Des Grases wiegten mild ihn ein.

14.