Aladdin und die Wunderlampe Tausend und einer Nacht nacherzaehlt
Chapter 3
Die Feierstimmung war verraucht, Verwandelt alle Lust in Wehe. Denn da zum Abschluß einer Ehe Den Bräutigam man dringend braucht, So blieb am Ende keine Wahl, Als die Vermählung zu verschieben Samt Freudenfest und Hochzeitsmahl, Bis man ihn wieder aufgetrieben. Der Sultan flößte seiner Tochter Gar zärtlich Tröstung ein und Mut; Allein mit Mühe nur vermocht' er Zu stillen ihrer Augen Flut, Obwohl weit mehr verletzte Scham Und schwergekränkter Stolz die Quelle Der Tränen war als Herzensgram.
Am nächsten Morgen aber kam Der Großvezier in höchster Schnelle Zum Sultan, der halb ungeduldig, Halb mürrisch ihm entgegensah, Und rief: "Mein Sohn ist wieder da! Er ist, o glaub' mir, weder schuldig, Noch weiß er selbst, was ihm geschah. Gebiete drum, daß man die Feier Heut rüsten soll zum zweitenmal, Und gib dadurch zurück dem Freier, Was ihm ein Unstern gestern stahl." Hierzu, wenngleich das Fest verpfuscht Ihm vorkam, war der Fürst erbötig; Denn für sein Ansehn schien ihm nötig, Daß alles möglichst ward vertuscht. Die Hauptstadt wurde von Trompeten Und Pauken abermals durchlärmt, Das Hochzeitsessen aufgewärmt Und alle Gäste neu gebeten.
Als Aladdin, dem keine Spur Von sämtlichen Begebenheiten Entgangen war, davon erfuhr, Beschloß er, herzhaft fortzuschreiten Auf seinem Pfade bis zum Sieg. Den Geist beschwor er drum von neuem, Und als dem Boden er entstieg, Sprach er zu ihm: "Du hast mit treuem Gehorsam, was ich dir befohlen, Genau vollbracht. Dieselbe Not zwingt mich indessen, mein Gebot Von gestern dir zu wiederholen. Den Sohn des Großveziers entführe Heut abermals in gleicher Art, Und hinter fest verschlossner Türe Halt' ihn bis morgen früh verwahrt!"
Der Geist entfernte sich, die Tat Alsbald wie tags zuvor verrichtend; Nur diesmal in noch stärkrem Grad Als gestern wirkte sie vernichtend. Im feierlichsten Augenblick Verschwand urplötzlich aus dem Saale Durch ein unfaßliches Geschick Der Bräutigam zum zweiten Male. Vom ganzen Hof und hohen Adel Ward er gesucht wie eine Nadel. In alle Winkel ward geguckt, Gestöbert ward in allen Ecken; Er war so wenig zu entdecken, Als ob der Boden ihn geschluckt. Hiermit begann ein Trauerspiel: Prinzessin Bedrulbudur raufte Die schönen Haare sich und fiel Bewußtlos hin; der Sultan schnaufte Vor Ingrimm wie ein wildes Tier; Der unglückselige Großvezier Wand sich in Krämpfen wie ein Wurm, Die Augen rollend rings im Kreise; Die Gäste flohen gruppenweise, Wie eine Herde vor dem Sturm, Und seufzend sprach der Oberkoch In tiefem, hoffnungslosem Härmen Zum Küchenjungen: "Einmal noch Kann ich den Hochzeitsschmaus nicht wärmen."
8.
Der Großvezier fand keinen Schlummer In dieser Nacht. Am andern Tag Bei Sonnenaufgang, als vor Kummer Halb krank er noch im Bette lag, Trat aschenfahl und übernächtig Sein Sohn herein. Der Vater schrie, Vor Jähzorn seiner nicht mehr mächtig: "Hinweg mit dir, und laß dich nie Mehr sehn!" Da fiel er auf die Knie: "Mein Vater, schein' ich so verdächtig, Daß du Gehör mir weigern willst? Wenn dir bekannt, was unverschuldet Ich heut und gestern nacht erduldet, So wett' ich, daß dein Groll zerschmilzt. Ich wurde beidemal gepackt Von unsichtbaren Fäusten, stärker Als Menschenhand, und eingesackt In einen engen, finstren Kerker, Zu schmal, um nieder mich zu legen, Ja, selbst um aufrecht mich zu regen; Die Tür von außen fest verrammelt Und alles Rütteln ohne Zweck! So kauert' ich, noch kaum gesammelt Vom ersten fürchterlichen Schreck, Erneuter Hexerei gewärtig, Gefaßt auf meinen Untergang Und mit dem Erdendasein fertig, Wer weiß, wieviele Stunden lang, Bis endlich beidemal die Tür Von selber aufsprang. Aber gäbe Man tausend Bräute mir dafür, Ich möchte nicht, solang' ich lebe, Dies noch ein drittes Mal erleiden. So sehr mir die Prinzessin teuer, Ich will sie lieber dauernd meiden, Als dem geheimen Ungeheuer Zum Spielball dienen unbeschränkt. Ich glaube, Bedrulbudur denkt Hierin nicht anders, und sie kann, Auch wenn sie liebenswert mich findet, Nicht recht vertrauen einem Mann, Der unfreiwillig stets verschwindet. Drum wünsch' ich, ob du gleich dem bösen Verhängnis nicht mit Unrecht grollst, Daß du den Sultan bitten sollst, Er möge die Verlobung lösen."
Der Großvezier erkannte klar, Wenn auch im Innersten bekümmert: Sein Lieblingsplan von manchem Jahr Lag rettungslos vor ihm zertrümmert, Sodaß, wie nun die Sache stand, Statt auf ein Wunder noch zu harren, Er selber den verfahrnen Karren Am besten stecken ließ im Sand. Er trug dem Sultan untertänig Drum seines Sohnes Bitte vor Und fand ein sehr geneigtes Ohr. Der Herrscher freute sich nicht wenig, Als unverhofft er sie vernahm, Daß dem Entschluß, den er im stillen Gefaßt um seiner Tochter willen, Ihr Bräutigam entgegenkam.
Mit Windeseile flog die Kunde Von der Entlobung durch die Stadt, War tagelang in aller Munde; Doch schließlich schwatzte man sich satt. Es wußte ja vom wahren Grunde Nur Aladdin allein Bescheid, Und da nunmehr sein Weizen blühte, Nahm mit beruhigtem Gemüte Zum nächsten Schachzug er sich Zeit.
Erst als ein Monat noch entwichen Und so, wie vorbestimmt, verstrichen Die ganze Frist von dreien, sandte Von neuem er die Mutter fort Zum Sultan, der sie gleich erkannte Und sich an sein gegebnes Wort Erinnerte. Mit freiem Mute Bat sie den Fürsten auf den Knien, Gewähren mög' er Aladdin, Was zu versprechen er geruhte, Da die bedungne Frist vorbei.
Dem Sultan war die Mahnung peinlich. Er hatte ja für unwahrscheinlich Gehalten, daß die Schwärmerei Des jungen Manns nach so viel Wochen Noch immer nicht erloschen sei; Denn was er unbedacht versprochen, War niemals ernst gemeint gewesen. Konnt' er zum Gatten seines Kinds Wohl einen Schwiegersohn erlesen, Der nicht geboren war als Prinz? Und doch vor offener Verneinung Sich scheuend, zog im Widerstreit Er seinen Großvezier beiseit Und fragte leis nach dessen Meinung. "Herr," sagte jener gleichfalls leis, "Wenn du dein Wort nicht willst verletzen, Genügt es, einen solchen Preis Für die Prinzessin festzusetzen, Daß, wenn des Werbers Überfluß An Geld und Gut auch ohnegleichen, Trotz allem er die Segel streichen Und voll Beschämung abziehn muß."
Der Ratschlag schien dem Sultan schlau; Deshalb sich zu der Mutter eilig Umwendend sprach er: "Gute Frau, Ich gab mein Wort und halt' es heilig. Dein Sohn soll keinen Hindernissen Begegnen; aber um zu wissen, Was er zur Morgengabe beut, Und ob er wirklich zur Erringung Der hohen Braut kein Opfer scheut, Mach' ich ihm eines zur Bedingung: Ich fordre, daß er vierzig Becken Von schwerstem Gold mir schicken soll, Die sämtlich bis zum Rande voll Von herrlichen Juwelen stecken, Den damals mir geschenkten gleich, Die jeden Stein im ganzen Reich Weitaus an Schönheit übertrafen, Hertragen sollen diese Fracht Auf Häupten vierzig schwarze Sklaven In reicher, auserlesner Tracht, Geführt von vierzig jungen weißen, Die noch verschwenderischer gleißen. Dies die Bedingung. Wird genau Von ihm bestanden diese Probe, Dann--höre, daß ich's laut gelobe-- Wird meine Tochter seine Frau."
Die Mutter schritt bedenklich heim, Jedoch gelabt vom Hoffnungsschimmer, Des Herrschers Fordrung werd' auf immer In ihrem Sohne jeden Keim Des närrischen Begehrs ersticken. Doch als von diesem Trost beseelt Sie klipp und klar ihm aufgezählt, Was er dem Sultan solle schicken, Und sicher dachte, daß erschrocken Er sich bequeme zum Verzicht, Rief er mit strahlendem Gesicht Und überschäumendem Frohlocken: "Nichts weiter? Ei, der Sultan irrt Im Glauben, daß durch die Bedingung Er mich ins Bockshorn jagen wird. Wähnt er, mir fehle zur Bezwingung Solch eines Probestücks die Macht? Ich könnt' ihm noch ganz andre Launen Befriedigen. Er soll erstaunen, Und du nicht minder. Gib nur acht!"
Er ging in seine Kammer, rieb Die Lampe, bis der Geist erschienen, Der unterwürfig ihm zu dienen Wie stets bereit war. Er beschrieb Des Herrschers Anspruch ihm ausführlich Und fragte dann, ob er dies all Ihm schaffen könne Knall und Fall. Der Geist erwiderte: "Natürlich." "Wohlan," sprach Aladdin, "so eile, Damit ich flugs den ganzen Tand Ihm senden kann."
Der Geist entschwand Und kam nach nicht viel größrer Weile, Als während man die Augenlider Zuschließt und öffnet, wie geheißen Mit vierzig schwarzen Sklaven wieder, Sowie mit vierzig jungen weißen, Sodaß der umfangreiche Zug Sich auf die Straße mußt' erstrecken, Weil Haus und Hof nicht weit genug. Ein jeder von den schwarzen trug Auf seinem Haupt ein goldnes Becken, Und jedes Becken wies in Fülle Demanten, Perlen und Berylle, Smaragd, Saphir, Topas, Rubin Von höchstem Reiz des Farbenspieles Und überlegen noch um vieles Den Früchten, die sich Aladdin Im Zaubergarten einst gepflückt. Nachdem das Werk soweit geglückt, Rief er die Mutter, die mit starren, Weit aufgerissnen Augen gaffte. "Schau," sprach er, "muß der Sultan harren? Gesteh', daß ich zur Stelle schaffte, Was er vorhin sich ausbedang! Jetzt aber zögere nicht lang Und bringe meine Morgengabe Geradeswegs in den Palast, Damit an meiner großen Hast Er merkt, wie sehr ich Sehnsucht habe, Mein Herz nach so viel Sturmgebraus Zu steuern in der Ehe Hafen."
Die Mutter schritt somit voraus Dem wundersamen Zug der Sklaven. Das gab ein Aufsehn! Jedem Haus Entströmten gierige Beschauer, So daß in Kürze jung und alt Zu einer dichten Menschenmauer Auf allen Straßen stand geballt. Was irgend Beine hatte, lief, Was irgend Lungen hatte, rief Mit Stimmen, gellend wie Posaunen, Man möge kommen, sehn und staunen. Einmütig wurde die Verkündung Des Urteils allerorten laut, Daß in der Stadt seit ihrer Gründung Man solchen Aufwand nie geschaut, Nie Sklaven edler von Gestalt, Von Wuchs und Haltung angetroffen, So bunt geschmückt, so mannigfalt Bekleidet mit den feinsten Stoffen. In schöner Ordnung--denn zur Seite Den schwarzen Beckenträgern war Jeweils ein weißer als Geleite-- Hinwandelten sie Paar für Paar. Dazu der Edelsteine Glänzen, Der vierzigfache Spiegelschein Des lautren Goldes--allgemein War die Begeistrung ohne Grenzen.
9.
Die Nachricht war gleich einem Blitze Gedrungen an der Pförtner Ohr, Eh' des Palastes offnem Tor Sich näherte des Zuges Spitze. Sie sahn den schmucken Vordermann Der achtzig Sklaven mit Verbeugung Für einen fremden König an Und wollten drum zur Ehrbezeugung Ihm küssen seines Kleides Saum. Doch der erwiderte: "Gebt Raum Und bückt euch lieber vor dem Rechten. Ich bin nur einer von den Knechten In unsres großen Herren Sold." So stieg der Zug hinan die Treppen; Die Schwarzen hatten arg zu schleppen An ihrer schweren Last von Gold, Und von den weißen angeleitet Betraten sie den lichten Saal Des Diwans. Längst schon vorbereitet Und überaus gespannt befahl Der Sultan, daß man ihnen Platz Gewähre. Kunstgerechterweise Vor ihm gereiht in halbem Kreise Beeilten sie sich, ihren Schatz Am Fuß des Thrones aufzustellen, Worauf nach wohlversehnem Amt Sowohl die Dunklen als die Hellen Sich niederwarfen insgesamt.
Die Mutter nahte nun dem Thron Und sprach mit vielen Huldigungen: "Hier sendet Aladdin, mein Sohn, Erhabner, was du dir bedungen. Er hofft, es werde dir gefallen Und der Prinzessin ebenfalls." Der Sultan, kaum ein Wort zu lallen Imstande, mit gerecktem Hals Und überzeugt, ihn wolle necken Ein Trug der Sinne, blickte bald Verwundert auf die vierzig Becken Mit ihrem funkelnden Gehalt Von größrem Wert als ganze Länder, Bald auf die fürstlichen Gewänder Der achtzig wohlgestalten Sklaven Und sagte laut zum Großvezier: "Fürwahr, der Himmel soll mich strafen Wenn ein Geschenk wie dieses hier Je Sultanstöchtern ward geboten!" "So ist es," stimmte jener bei, zumal er einsah, daß der Knoten Nicht anders mehr zu lösen sei. Wie hätte noch der Fürst sein Wort Zurückziehn können als Empfänger Von solchem beispiellosen Hort? Er fragte jetzt sogar nicht länger Nach des Bewerbers Rang und Stand Und allen andern Eigenschaften; Für jeden Vorzug konnt' als Pfand Sein ungeheurer Reichtum haften. "Geh'," sprach er drum in mildem Ton Zur Mutter, "meld' ihm, daß mit warmen Gefühlen ich und offnen Armen Ihn grüßen will als Schwiegersohn."
So waren jetzt nach hartem Ringen Die Schwierigkeiten weggeräumt; Sie selber durft' ihm Kunde bringen, Daß alles, was er sich erträumt, Was für unmöglich ihr gegolten, Was als Verrücktheit sie gescholten, Und was ihm ihre Zweifelsucht Verargt als frevelhaft verstiegen, Ihm jetzt als eine reife Frucht Bereit war in den Schoß zu fliegen.
Er aber, wenn auch überschwenglich Beglückt, ließ keine Zeit entfliehn, Um das zu tun, was unumgänglich Ihm zu des Werkes Krönung schien. Er hieß den Geist von neuem kommen Und sprach, als dieser schnell genaht: "Bereite mir sofort ein Bad Und bring', nachdem ich es genommen, Mir ein Gewand, so reich und prachtvoll, Wie sonst es nur ein König trägt." Er fühlte drauf alsbald sich machtvoll Erfaßt und durch die Luft bewegt. Ein schöner Raum, an allen Wänden Mit buntem Marmor ausgelegt, Empfing ihn; dort bedient, gepflegt Von zarten, unsichtbaren Händen, Nahm er das Bad in einer lauen, Von Wohlgeruch erfüllten Flut. Sodann, erquickt und ausgeruht, Konnt' er in einem Spiegel schauen, Daß er zu seinem Vorteil ganz Verwandelt, schöner war und schmucker. Statt des bisherigen Gewands, Das immer noch den armen Schlucker Verraten hatte, fand er Kleider, So prächtig, so mit Gold bestickt, Daß jeder Prinz und Fürst als Neider Nach ihnen hätte hingeblickt.
Sobald er fertig angezogen, Erschien der Geist auf seinen Wink, Und er gebot ihm: "Zeig' dich flink! Ich habe mittlerweil erwogen, Was mir noch fehlt. Ein edles Roß Verlang' ich, das an Schönheit alle Verdunkelt in des Sultans Stalle; Zu diesem ferner einen Troß Von Sklaven, jenen gleich zu achten An Kleiderprunk und Stattlichkeit, Die mein Geschenk dem Sultan brachten; Acht Sklavinnen dann zum Geleit Für meine Mutter, deren jede Ihr ein so köstliches Gewand Soll bringen, daß im ganzen Land Bald von nichts andrem mehr die Rede. Auch einen Beutel mit zehntausend Goldstücken brauch' ich noch. Nur schnell Ans Werk!"
Der Geist entschwebte sausend, Und alles war im Nu zur Stell'. Den Sklavinnen gab Aladdin Befehl, zur Mutter hinzueilen Und ihr ein Staatskleid anzuziehn. Das bare Gold ließ er verteilen An feine Sklaven, mit der Weisung, Sie sollten's auf der ganzen Länge Des Wegs mit voller Hand zur Speisung Der Armut werfen in die Menge. Er stieg zu Pferd und zog inmitten Des Trosses durch die Straßen hin. Selbst Kennern kam nicht in den Sinn, Daß er noch nie zuvor geritten, Weil mit dem feinsten Ebenmaß Und Anstand er im Sattel saß.
Vielköpfig, massig, nicht zu zählen, Lief wiederum das Volk herbei; Betäubend schwang aus allen Kehlen Sich Beifallruf und Jubelschrei, Besonders wenn, vom Sklaventroß Geschnellt, als ungewohnter Segen So rechts wie links ein Hagelregen Von goldnen Münzen sich ergoß. Wer war der Ritter hoch zu Roß? Bei Namen konnt' ihn niemand nennen, Nicht einmal einer unter zehn, Die noch vor kurzem ihn gesehn, Den alten Aladdin erkennen. Er, jüngst noch dürftig, unansehnlich, Sah nun sich selber nicht mehr ähnlich; Denn zu der Lampe Wunderkräften Gehörte die geheime Macht, Dem Glückspilz, den sie hoch gebracht, Auch äußern Adel anzuheften. So lag am Tage sonnenklar, Daß all der Pracht, womit er prunkte, Durch sein Verdienst er würdig war. Er wurde rasch zum Mittelpunkte Für jedes Auge; jauchzend hob Zum Himmel ihn des Volkes Lob Und gönnte gern ihm dieser Erde Vollkommenstes und reichstes Heil.
Bis zum Palasttor mittlerweil Gelangt, stieg artig er vom Pferde. Die Pförtner bildeten zwei Reihen Von Tor zu Tür, um dem Empfang Vermehrte Würde zu verleihen; Durch diese schritt er sacht entlang, Trat in den Saal und vor den Thron. Der Sultan, seiner harrend schon, War überrascht und höchst erbaut Sowohl von seiner Prachtentfaltung Wie seinem Wuchs und seiner Haltung, Schritt ihm entgegen, zog ihn traut, Ihm wehrend, auf die Knie zu sinken, An seine Vaterbrust und ließ, Indem er ihn willkommen hieß, Ihn sitzen dicht zu seiner Linken.
"Erlauchter Fürst," sprach Aladdin, "Ich danke dir, daß mein Erkühnen, Statt es durch harten Spruch zu sühnen, So nachsichtsvoll du mir verziehn. Ich wüßte nichts, was mich entschuldigt, Als daß mein Herz, von holdem Zwang Besiegt, in willenlosem Drang Der reizenden Prinzessin huldigt, Und daß die Liebe, die gewaltsam In meinem Innern flammt und loht, Nicht enden wird, bis unaufhaltsam Mein Leben selbst erlischt im Tod."
"Mein Freund," versetze halb im Scherz Der Sultan, "um durch dieses Feuer Heillos versengt zu sehn dein Herz, Halt' ich fortan dich viel zu teuer. Ist dies das Mittel, dich zu töten, So weiß ich, was dich heilen soll." Er gab ein Zeichen. Flugs erscholl Musik von Zimbeln und von Flöten. Er führte drauf ihn liebevoll Zum wunderbaren Nebensaal, Worin bereits auf goldnen Tellern War aufgetischt ein leckres Mahl, Das aus den kaiserlichen Kellern Versorgt war mit dem besten Wein. Der Sultan aß mit ihm allein; Der Großvezier und all die Herrn Von Rang und von Geblüt umkreisten Den vollbesetzen Tisch von fern Und mußten zusehn, wie sie speisten.
10.
Nach Tische ward an Aladdin Vom Sultan väterlich die Frage Gerichtet, ob es ihm behage, Sogleich die Hochzeit zu vollziehn. Er gab zur Antwort: "Herr, du weißt, Wie sehr ich nach dem Glück verlange, Das die Prinzessin mir verheißt. Jedoch damit ich ihrem Range Gemäß an unserm Hochzeitstag Sogleich in tadellosen Räumen Ein neues Heim ihr bieten mag, Laß noch für kurze Zeit mich säumen. Ein Schloß, versehn mit jeder Zier, Will ich errichten. Weise mir Drum einen angemessnen Bauplatz." Der Sultan drauf: "Mein Sohn, du hast Die Auswahl. Hier vor dem Palast Liegt, wie du siehst, ein leerer Schauplatz, Wo für dein Schloß genügend Raum. Nur laß es möglichst rasch erbauen; Denn, glaube mir, ich kann es kaum Erwarten, euch vermählt zu schauen." Nach dem Gelöbnis, daß er sicher Den Bau nach Kräften fördern werde, Nahm Aladdin mit feierlicher Umarmung Abschied, stieg zu Pferde Und trabte durch die gleichen Gassen Mit dem Gefolg zurück nach Haus, Umbrandet wieder von den Massen Des Volks mit lautem Jubelbraus.
Daheim kaum angelangt, beschwor Den Geist er abermals und sagte: "Schon dein bisherig Wirken ragte Durch Kraft und Schnelligkeit hervor. Doch zu dem ungemeinen Werke, Das jetzt mir unentbehrlich ist, Bedarf ich deiner ganzen Stärke. Du sollst in möglichst kurzer Frist Grad gegenüber vom Palaste Des Sultans mir ein stolzes Schloß Errichten, das vom Erdgeschoß Bis zu des Daches Flaggenmaste Der Sultanstochter, meiner Frau, Trotz ihrem sehr verwöhnten Auge Zur künftigen Behausung tauge. Welch ein Gestein du für den Bau Verwenden willst, ob Marmorquadern, Schneeweiß mit feinen schwarzen Adern, Ob Jaspis, ob Achat, Lasur, Das stell' ich ganz in dein Ermessen; Doch sollst du--dies beding' ich nur-- Nicht einen großen Saal vergessen Im obern Stockwerk, der bekrönt Von einer Kuppel, an den Wänden Durch Gold und Silber sei verschönt. Auch soll, um hellstes Licht zu spenden, Er vierundzwanzig Fenster zählen; Die Rahmen seien alabastern, Das Gitter sollst du mit Juwelen Von unerreichtem Glanz bepflastern. An einem wohlverwahrten Platz Befinde ferner sich ein Schatz Gemünzten Goldes aufgespeichert, Der für mein Lebtag mich bereichert. Auch will ich, daß man eine Flucht Von Küchen trifft am rechten Orte, Nebst Vorratskammern jeder Sorte, Und Ställe voll von edler Zucht. Ingleichen soll das Lustschloß innen Bevölkert sein mit einem Heer Von Dienern und von Dienerinnen.-- Das alles schaff' mir nach Begehr, Und wenn du fertig bist, komm wieder."
Als er dem Geiste dies gebot, Sank abendlich die Sonne nieder. Am andern Tag ums Morgenrot Erschien der Geist an seinem Bette: "Vollendet ist, was du bestellt; Schau," sprach er, "ob es dir gefällt." Er trug darauf ihn an die Stätte. Wie sehr war Aladdin verwundert! Da stand, erbaut in einer Nacht, Ein Schloß, wie noch kein halb Jahrhundert Voll Menschenarbeit es vollbracht. Er glaubte wahrlich nur zu träumen, Als ihn der Geist in allen Räumen Herumgeleitete. Da war Sein Auftrag Punkt für Punkt vollzogen, Bei weitem überholt sogar: Gewölbe, Säulen, Pfeiler, Bogen Von höchster Schönheit, ein Gewimmel Von Dienstbeflissnen überall; An Silberkrippen in dem Stall Die schönsten Rappen, Füchse, Schimmel; Mundvorrat jeder Art, nicht sparsam In Küch' und Kammern schon verfacht; Der Schatz in sicherem Gewahrsam, Von einem Schließer treu bewacht, Mit Gold gefüllte Riesensäcke, Gehäuft, getürmt bis an die Decke.
Nachdem sich Aladdin das Ganze Von Grund aus angesehn, zumal Auch noch den großen Kuppelsaal, Sprach er, geblendet von dem Glanze, zum Geist: "Ich muß dir Beifall zollen; Befriedigt wurde musterhaft Von dir mein Wünschen und mein Wollen. Nun sei nur noch herbeigeschafft Ein langer Teppich aus Damast, Von feenhaftem Farbenschimmer; Du sollst, befehl' ich, vom Palast Des Sultans ihn bis an die Zimmer Der Herrin dieses Schlosses breiten. Ihn soll auf ihrer Wanderung Ins neue Heim ihr Fuß beschreiten." Der Geist entfernte sich im Schwung, Und eh' sich's Aladdin versah, Lag der damastne Teppich da. Der Geist kam wieder ohne Rast Und trug nach Haus ihn unverdrossen, Grad als die Pforten am Palast Des Sultans wurden aufgeschlossen.
Die Pförtner wunderten sich sehr, Als drüben, dicht vor ihren Nasen, Wo gestern noch die Stätte leer Und nur bewachsen war mit Rasen, Ein Wunderbauwerk hoch und hehr Sie ragen sahen in die Lüfte. Die Nachricht schwirrte mit Gesumm Beflügelt im Palast herum; Der Hofstaat machte höchst verblüffte Gesichter, und der Großvezier Lief, als er eine Weile stier Den rätselhaften Spuk beglotzt, zum Sultan hin und sprach entrüstet: "Wer sich mit einem Kunststück brüstet, Das jeglicher Erfahrung trotzt, Der steht im Bund mit Zauberei!" Der Sultan gab zur Antwort: "Ei, Man muß nicht gleich das Schlimmste denken. Was ist denn weiter auch dabei? Ein Mann, der so vermag zu schenken, Den drum mein fürstliches Vertrau'n Erkor zu meiner Tochter Gatten, Der kann sich wohl den Spaß gestatten, Ein Schloß in einer Nacht zu bau'n. Er gibt als reichster Mann der Welt Uns nur ein augenfällig Zeichen, Daß man mit sehr viel barem Geld So ziemlich alles kann erreichen. Der Bau dort stammt aus goldnen Quellen, Und wenn du trachtest, ihn als Frucht Von Zauberkünsten hinzustellen, So spricht aus dir die Eifersucht."--
Zur Stunde, da sich so die beiden Besprachen, war in ihrem Haus Die Mutter Aladdins drauf aus, Mit jenem Staat sich zu bekleiden, Den ihr die Sklavinnen gespendet, Und ließ, nachdem durch deren Walten Ihr Putz in Bälde war vollendet, Von ihnen sich die Schleppe halten Auf ihrem Wege zum Palast. Auch Aladdin, im Vaterhause zum allerletztenmal zu Gast, Brach auf nach kurzer Ruhepause. Die vielbewährte Wunderlampe Nahm er dabei wohlweislich mit, Bestieg sein flinkes Pferd und ritt Gradaus zu seines Schlosses Rampe.
Der feierliche Freudenklang Von Trommeln, Pfeifen und Trompeten Erscholl der Mutter zum Empfang. Von des Palastes Zinnen wehten Im Winde fröhlich bunte Fahnen; Aus Schalen strömte Balsamduft; Der Hofstaat stand auf den Altanen Und schwenkte Tücher durch die Luft. Die Stadt ward neuerdings geschmückt Mit Laubwerk, Teppichen und Lichtern; Viel deutlicher war den Gesichtern Des Frohsinns Stempel aufgedrückt Als beim gestörten Hochzeitsfeste Von damals. Die verdutzte Schar Des Volks erblickte zwei Paläste, Wo tags zuvor nur einer war; Zumal bestaunten sie den neuen, Und laut bekannte jedermann, Er müsse den Vergleich nicht scheuen, Ja, steh' dem alten weit voran.