Aladdin und die Wunderlampe Tausend und einer Nacht nacherzaehlt
Chapter 2
Der Bursche hatte mittlerweil Die Schüssel aus dem Kleid gezogen. Die sah der Goldschmied ohne Worte Von allen Seiten lang sich an Mit Kennerblick und fragte dann, Ob er schon andre dieser Sorte Veräußert hab' und für wieviel. "Ein Goldstück hat er mir gegeben," Sprach Aladdin. "Bei meinem Leben, Der Spitzbub kennt nicht Maß noch Ziel," Versetzte jener voll Empörung. "Mein Sohn, du warst nicht auf der Hut Und hast in gründlicher Betörung Verschleudert ein beträchtlich Gut. Für solche Schüssel sondergleichen Ein Goldstück! O der Ungebühr! Denn achtundsechzig will dafür Ich auf dem Fleck dir überreichen."
Von diesem Tag an war das Darben Für Sohn und Mutter abgestellt, Und übermalt mit Rosenfarben Schien die zuvor so graue Welt. Wenn ihre Barschaft nicht mehr langte, Ließ Aladdin der Lampe Geist, Ob auch der Mutter vor ihm bangte, Erscheinen und gebot ihm dreist, Ein neues Frühstück anzurichten; Pünktlich vollzog der seine Pflichten. Die Silberschüsseln und die Platten Bracht' er hierauf, so oft es Zeit war, Zum Goldschmied hin, der stets bereit war, Den vollen Preis ihm zu erstatten. Fortan drum ward es ihnen leicht, Bequem zu leben und behaglich; Doch weil es leider niemals fraglich, Daß Mißgunst hinterm Glücke schleicht Und man sich hüten muß vor Neidern, Vermieden sie trotz gutem Trunk Und gutem Essen jeden Prunk In ihrem Haus und ihren Kleidern Und hielten hinter sich'rem Schloß Dadurch geheim den goldnen Bronnen, Der ihnen unversiegbar floß.
Vier Jahre waren so verronnen. Zu einem schmucken jungen Manne War Aladdin herangereist, Gerad und schlank wie eine Tanne. Ein winzig Bärtchen, zart geschweift, Sproß über seinem Lippenrand, Und niemand hätte mehr den Lümmel, Der einst in müßigem Getümmel Die Zeit vertan, in ihm erkannt. Sein Blick war jetzt nicht mehr getrübt Von Trägheit, seine Geisteskräfte Durch ernsten Umgang eingeübt Auf die verschiedensten Geschäfte. Der Menschen Treiben insgesamt, Ihr Wirken, Trachten, Fürchten, Hoffen In jedem Handwerk, jedem Amt Lag wie ein Buch nun vor ihm offen. Er hatte viel Verkehr gepflegt In Wechselstuben, Kaufmannsläden Und sich in seinem Tun und Reden Ein vornehm Wesen zugelegt. Jetzt ward ihm auch von selber kund, Was einst er nicht gewagt zu träumen: Daß all die Früchte feurig bunt Von jenes Zaubergartens Bäumen Kein farbig Glas, wie er gedacht, Vielmehr die köstlichsten Juwelen. Er nahm sich aber wohl in acht, Aus Furcht, man könnt' ihn drum bestehlen, Es irgend jemand zu erzählen. Der Mutter selbst verschwieg er's streng.
Durchwandelnd eines Tags die Straßen, Vernahm er ungewohntermaßen Ein laut Bumbum und Schnettretteng. Zum Schall von Pauken und Trompeten Rief öffentlich ein Herold aus, Man möge schließen jedes Haus Und nicht die Straße mehr betreten. Prinzessin Bedrulbudur nämlich, Des Sultans Tochter, wolle heute Zum Bade gehn, und zwar bequemlich Gesichert vorm Gegaff der Leute.
Weil Neugier doppelt heftig loht, Wenn ihr begegnet ein Verbot, Ward alsogleich durch dies Verfahren In Aladdin der Wunsch erweckt, Die Sultanstochter unbedeckt Von ihrem Schleier zu gewahren. Er schlich deshalb auf leichten Sohlen Zur Tür des Bades katzenhaft Und kauerte sodann verstohlen Sich hinter einer Säule Schaft. Er hatte noch nicht lang geharrt, Als schon mit einem großen Staate Von Frauen die Prinzessin nahte. Sie nahm, von seiner Gegenwart Nichts merkend, gänzlich unbefangen Im Vorraum ihren Schleier ab, Und Aladdin, drei Schritte knapp Entfernt, vermochte nach Verlangen Ihr Antlitz hüllenlos zu schaun. War auch--die Mutter ausgenommen-- Bisher von unvermummten Frau'n Ihm keine zu Gesicht gekommen, So ward mit einem Schlag ihm klar, Daß diese hier die schönste war.
Herab in reicher Lockenflut Floß ihr kastanienbraunes Haar Auf ihrer Augen dunkle Glut Ihr Blick war sittsam und voll Güte, Die Wangen sanft gerundet, weich Und rosenrot wie Pfirsichblüte, Die Lippen zwei Korallen gleich. Ihr Wuchs und Gang war ohne Tadel, Und ihre liebliche Gestalt Verriet in Reizen tausendfalt Holdseligkeit vereint mit Adel. Kein Wunder drum, daß Aladdin, Nachdem die Herrliche verschwunden, Noch immerdar wie festgebunden Und wie verzaubert sich erschien.
Obwohl erstarrt zu Stein und Erz Er sich zu rühren nicht vermochte, Konnt' er empfinden, wie sein Herz In seiner Brust vernehmlich pochte. Sogar als er zuletzt gewaltsam Sich loszureißen war gewillt, Verfolgte dennoch unaufhaltsam Ihn auf dem Weg nach Haus ihr Bild.
Der Mutter war's ein leichtes Ding, Sein ganz und gar verändert Wesen Gleich von der Stirn ihm abzulesen. Sie wunderte sich drob und fing Ihn auszuforschen an, warum Er so zerstreut, verstört und stumm; Ob ihm vielleicht zu Kopf gestiegen Ein Streit? Ein Ärger? Ein Verdruß? Doch er, wie eine harte Nuß, Blieb unzugänglich und verschwiegen. Auch als am Abend auf den Tisch Von ihr ein braungebratner Hase Getragen ward und in die Nase Der Duft ihm drang verführerisch, Schob er, der immer seinen Mann Gestanden sonst als guter Esser, Hinweg die Gabel und das Messer Und rührte keinen Bissen an. Da merkte sie, daß an dem Toren Heut jedes Mittel war verloren, Und beide schwiegen um die Wette. Er träumte wachend, seufzte tief Und ging zu guter Letzt zu Bette; Doch fraglich ist es, ob er schlief.
5.
Am Morgen drauf--am Spinnrad schon Saß die besorgte Frau voll trüber Gedanken--trat herein ihr Sohn Und setzte sich ihr gegenüber. "Ach, Mutter," hob er an, "vergib Mir nur mein gestriges Betragen; Verzeih' mir, daß auf deine Fragen Ich dir die Antwort schuldig blieb. Doch wenn du mir's mit Recht verübelt, Heut will ich offen dir gestehn: Ich kann, so viel ich nachgegrübelt, Nicht fassen, was mit mir geschehn. Ich bin nicht krank, und dennoch lieber Hätt' ich den ärgsten Schmerz gefühlt Als dieses rätselhafte Fieber, Das mir im Innern tobt und wühlt. Mit Namen weiß ich's nicht zu nennen Und weiß auch nicht, wie man's behebt; Du aber wirst's gewiß erkennen, Wenn du vernimmst, was ich erlebt." Drauf gab er ihr genaue Kunde, Wie gestern bei dem Badegang Der Sultanstochter ihm gelang, Ihr Antlitz aus dem Hintergrunde Befreit vom Schleier zu erblicken, Und wie dies Bild seit jener Stunde Sein herz an unsichtbaren Stricken Hinziehe zu der schönen Fee. "Kurzum", so schloß er seine Schildrung, "Kein Zweifel, für mein tödlich Weh Gibt's keine Hilfe, keine Mildrung, Es wäre denn, daß unverweilt Sie selbst, jawohl, sie selbst mich heilt Von allen Nöten und Beschwerden; Gefaßt somit ist mein Entschluß: Prinzessin Bedrulbudur muß Auf immerdar die Meine werden!"
Die Mutter, die von ihrem Spinnen Ablassend eifrig zugehört, Rief lachend aus: "Bist du von Sinnen? Ja, bist so völlig du betört? An solch unmögliches Beginnen Denkt nur ein ausgemachter Narr." "Nein, Mutter," sprach er, "nein, du irrst; Zwar wußt' ich, daß du lachen wirst; Doch mein Entschluß ist fest und starr. Und ob du zehnmal sagst, entglitten Sei mir mein sämtlicher Verstand, Es bleibt dabei, den Sultan bitten Will ich um seiner Tochter Hand."
"Mein Sohn," begann die Mutter ernst, "Damit du recht erwägen lernst, Wie kindisch deine Reden sind, Antworte mir: Wer soll es wagen Ihm diese Bitte vorzutragen?" "Du selbst!" rief Aladdin geschwind. "Ich? Gott behüte mich davor! Schon der Gedanke macht mich beben! Wie dürftest du dein Aug' erheben Zu einem Sultanskind empor? Hast du vergessen, daß ein Schneider Bescheidnen Rangs dein Vater war, All deine Ahnen Hungerleider? Und ist, so frag' ich, nicht sogar Für unsres Herrschers Schwiegersohn Ein Prinz noch von zu niedrem Stande, Falls er in seinem Heimatlande Nicht Aussicht hat auf einen Thron?"
Sie predigte nur tauben Ohren. "Nenn's Wahnwitz, nenn' es Eigensinn; Ich hab' es mir einmal geschworen, Und nichts erschüttert mich darin. Solange mich des Himmels Bau Nicht krachend unter seinen Lasten Begräbt, werd' ich nicht ruhn und rasten, Bis die Prinzessin meine Frau. Ja, wenn du mich nicht elend sterben Willst sehn bereits am heut'gen Tag, Dann mußt du, kost' es, was es mag, In meinem Namen um sie werben."
Die Mutter wurde höchst verlegen. Ihn zum Verzicht auf seinen Plan Durch Überredung zu bewegen, Schien hoffnungslos bei solchem Wahn. Nochmals versuchte sie's mit Güte: "Gott weiß, daß für mein armes Teil Ich allezeit mich um dein Heil Mit meiner ganzen Kraft bemühte. Für dich vollbrächt' ich schlimmsten Falles Die schwerste Tat aus eignem Trieb; Denn wahrlich, ihrem Kind zulieb Tut eine Mutter freudig alles. Ja, wenn ein Mädchen dir gefiele, zu vornehm weder noch zu reich, Nicht säumen würd' ich, sondern gleich Dir ebnen deinen Weg zum Ziele, In deinem Namen um sie frei'n Und meinen Segen dir verleihn. Doch nimm nur an von ungefähr, Daß ich dir deinen Willen täte, Verwegen vor den Sultan träte Mit solchem frevelnden Begehr-- Würd' überhaupt ich vorgelassen? Würd' augenblicklich nach Gebühr Nicht einer mich beim Arme fassen Und mich befördern vor die Tür? Nimm aber an, daß mir's gelänge, Durch all der Bittenden Gedränge Dem Sultan selber mich zu nah'n, Und er, der gnädig ist für jeden, Wär's auch sein letzter Untertan, Gestattete mir frei zu reden-- Wie dann begründ' ich dein Gesuch? Welch ein Verdienst ist dir zu eigen? Kann ich auf deinen Namen zeigen In irgendeinem Ehrenbuch? Kannst du durch eine seltne Leistung, Durch eine vielgerühmte Kunst Nachsicht verschaffen der Erdreistung, zu flehn um diese höchste Gunst? Und sei noch dessen eingedenk, Daß man vorm Sultan darf erscheinen Nicht ohne kostbares Geschenk. Du selber wirst wohl kaum vermeinen, Es finde sich in deiner Habe Ein Kleinod von so hehrem Glanz, Daß ich es bieten könnt' als Gabe Dem größten Herrn des Morgenlands." "Ei, grade wenn ich dies bedenke," Versetzte ruhig Aladdin, "Dann wird mir neuer Mut verliehn. Ich hätte nichts, was zum Geschenke Für einen Sultan gut genug? Entsinn' dich doch der hübschen Sachen, Die dazumal ich bei mir trug, Als ich der Höhle finstrem Rachen Entronnen war mit heiler Haut, Und die mein Mangel an Erfahrung Für bunte Gläser angeschaut. Längst aber ward mir Offenbarung; Lernt' ich doch von den Juwelieren Den Unterschied von falsch und echt. Juwelen sind es, nicht zu schlecht, Um eine Krone zu verzieren Durch auserlesne Farb' und Art. Die werden, kann ich dir versprechen, Dem Sultan, wenn er sie gewahrt, Gewaltig in die Augen stechen, Sodaß er überfließt von Gnade."
Die Zauberfrüchte kurz und gut Nahm insgesamt er aus der Lade, Worin bis heute sie geruht, Und ordnete sie mit Bedacht In einer schönen alten Vase, Die seiner Mutter eine Base Einst zum Geburtstag überbracht. Ja freilich, von gemeinem Glase Kam dieses lautre Feuer nicht, Das nun mit stärkerem Gefunkel Sie blendete bei Tageslicht Als in des Abends halbem Dunkel.
Nachdem an dem erhabnen Schimmer Die beiden lange sich geletzt, Nahm Aladdin das Wort. "Was jetzt? Sag', Mutter, zweifelst du noch immer, Daß mein Geschenk der Sultan schätzt? Du wirst, so wett' ich, im Palast Mit dieser Gabe gut empfangen. Sprich, welchen Einwand du noch hast, Um mir zu weigern mein Verlangen?"
Zwar konnt' er sie nicht überzeugen; Doch weil er wild und wilder bat, So wußte sie sich keinen Rat Als widerstrebend sich zu beugen. "Wohlan, mein Sohn, weil du's verlangst, Will ich das Wagnis auf mich nehmen, Will trotzend meiner Herzensangst Mich zu dem schweren Gang bequemen. Nur gib nicht mir die Schuld, wenn später Daraus entquillt ein Unglücksborn, Und wenn uns in gerechtem Zorn Der Fürst bestraft als Missetäter." "Warum denn gleich das Ärgste glauben?" Erwiderte der Sohn ihr heiter. "Und sollt' er wirklich zürnend schnauben, Dann hilft gewiß mein Glück mir weiter. Die Lampe, die nun schon seit Jahren Auf Wunsch uns üppig tränkt und speist, Wird mir auch künftig in Gefahren Als Beistand senden ihren Geist."
So wußt' er überaus gewandt Auch ihren letzten Widerstand Mit Gründen aller Art zu brechen, Und sie erklärte sich bereit, Beim Sultan morgen vorzusprechen, Wenn's im Bereich der Möglichkeit.
6.
Vor lauter Ungeduld erweckte Bereits vor Tag, bei Dämmerschein Der Sohn die Mutter, und sie steckte Sich in ihr Feierkleid hinein. Die Vase, bis zum Rand gefüllt Mit den Juwelen, ward in Linnen Von ihr behutsam eingehüllt; Ein feines weißes Tuch für innen, Ein gröberes als Überzug, Sodaß, nachdem sie die vier Enden Verknotet mit geschickten Händen, Sie das Geschenk als Bündel trug.
Sie machte dergestalt beklommen Nach dem Palast sich auf den Weg, Und grad als dort sie angekommen, Ward aufgetan das Torgeheg'. Erst ging hinein der Großvezier Mit andern hohen Würdenträgern, Lakaien, Reisigen und Jägern; Dahinter drängten, zahllos schier, In dichtem Schwarm sich all die Leute, Die bei des Herrschers Diwan heute Drauf rechneten, der Huld von oben Abzugewinnen einen Strahl. So, gehend halb und halb geschoben, Kam sie zum weiten, lichten Saal, Worin der Diwan ward gehalten. Dort saß der Sultan in Person, Umwogt von seines Purpurs Falten, Ihr gegenüber auf dem Thron, Der Großvezier an seiner Seite, Sodann, gewärtig seines Winks, Ein äußerst stattliches Geleite Von Staatsbeamten rechts und links.
Wer nun der Reihe nach gerufen Herantrat an des Thrones Stufen, Der legte seine Bittschrift nieder, Sprach zur Begründung einen Satz, Erhielt Bescheid und mußt' hinwieder Dem Nächsten räumen seinen Platz. Die Mutter war noch lang' nicht dran; Doch ehe sie sich recht besann, Verstrich des Diwans kurze Stunde. Der Fürst stand auf, entließ die Zahl Der Harrenden und schritt im Bunde Mit seinem Hofstaat aus dem Saal. Der Schwarm verlief sich, und sie ging, Da weiteres Bemühn vergeblich, Nach Haus, wo sie der Sohn erheblich Enttäuscht und mißgestimmt empfing. Sein Unmut blieb ihr nicht verborgen; Doch fühlte sie sich frei von Schuld, Ermahnte sanft ihn zur Geduld Und gab ihr Wort, sie werde morgen Von neuem hingehn.--Welche Qual! Der arme Junge saß auf Kohlen. Denn fruchtlos mußte siebenmal Sie den Versuch noch wiederholen, Stets mit dem nämlichen Verlauf: Sie kam und sah den Sultan thronen, Recht sprechen, warnen und belohnen, Und immer wieder brach er auf, Bevor an ihr die Reihe war. So hätte dort wohl unabwendlich Sie Tag für Tag ein volles Jahr Gewartet, wäre sie nicht endlich Dem Blick des Herrschers aufgefallen, Weil ohne Bittschrift in der Hand Sie stets als hinterste von allen Dem Thron grad gegenüberstand.
Drum, als der Diwan war beendet Am siebten Tag und er sich eben In sein Gemach zurückbegeben, Sprach er zum Großvezier gewendet: "Geraume Zeit bemerk' ich schon, Wie täglich, wenn ich Sitzung halte, Sich gegenüber meinem Thron Erwartend aufstellt eine Alte. Sie trägt was in ein Tuch geschlagen Und steht so bis zum Schlusse still. Kannst du mir künden, was sie will?" "Vermutlich will sie sich beklagen," Erwiderte der Großvezier. "Du weißt ja, Herr, wie häufig Frauen Ein unbedeutend Leid vor dir Mit großem Wortschwall wiederkauen. Vielleicht hat man zu wenig Mehl Ihr auf dem Markte zugewogen, Vielleicht beim Wechseln sie betrogen." Der Sultan gab ihm drauf Befehl, Sie nächstesmal ihm vorzuführen.
Und richtig, tags darauf, sofort Nachdem man aufgetan die Türen, Stand sie beharrlich wieder dort. Der Sultan winkte vor Beginn Der Sitzung, als er sie erblickte, Dem Großvezier, und dieser nickte Zum Obersten der Wache hin. Der gab der Mutter flugs ein Zeichen, Mit ihm zu gehn, gebot sodann Den Vorderen, vor ihr zu weichen, Und brachte sie zum Thron heran. Dort warf sie sich--weil dies gebührend Ihr schien nach allgemeinem Brauch-- Vorm Sultan nieder auf den Bauch, Den Boden mit der Stirn berührend. Doch er befahl ihr aufzustehn Und sagte: "Gute Frau, tagtäglich Hab' ich seither dich unbeweglich Dort nah dem Eingang harren sehn. Was ist es, sprich, das du begehrst?"
Sie warf sich nochmals nieder erst Und hauchte, vor Erregung heiser: "Bevor, erhabner Herr und Kaiser, Den Anlaß du von mir erfährt, Der mich bewog zu diesem Schritte, Vernimm die demutsvolle Bitte, Daß mein unglaubliches Verlangen Du gnädig im voraus verzeihst; Denn ich vergehe fast vor Bangen. Erscheint ja doch mein Unterfangen Sogar mir selber allzu dreist."
Der Sultan, um ihr Mut zu machen, Ließ augenblicks den ganzen Hauf Des Volks entfernen durch die Wachen Und forderte den Hofstaat auf, Ihn mit der Frau allein zu lassen; zurück blieb nur der Großvezier. "Du darfst", so sprach er dann zu ihr, "Nunmehr getrost ein Herz dir fassen. Was immer dein Begehren sei, Dir ist's vorweg, mein Wort zum Pfande, Vergeben. Also rede frei!"
Da lösten sich die Zungenbande Der Mutter. Ohne weitre Scheu Berichtete sie wahrheitstreu, Durch welch geheimes Abenteuer Sich seiner Tochter Aladdin, Ihr Sohn, genaht; wie heftig ihn Seitdem verzehre wildes Feuer; Wie redlich sie sich unterdessen Ihn abzukühlen angestrengt, Doch wie von Leidenschaft besessen Er sie zu diesem Gang gedrängt. Nur seiner Drohung, daß er sterbe, Wenn nicht um deren Hand sie werbe, Die doch fürwahr, mit ihm verglichen, Nicht minder unerreichbar fern Als an dem Firmament ein Stern, Sei schließlich zögernd sie gewichen.
Der Sultan, keineswegs empört Noch spöttisch, äußerte die Frage, Nachdem er ruhig zugehört, Was in dem Tuch verhüllt sie trage. Sogleich entnahm sie wunschgemäß Dem Bündel das Geschenk des Sohnes Und stellte vor den Fuß des Thrones Das vollbeladene Gefäß. Der Herrscher, von dem bunten Scheine Geblendet, wähnte sich im Traum Und traute seinen Augen kaum Beim Anblick all der Edelsteine, So groß und prächtig, wie noch keine Zeit seines Lebens er geschaut, Und in Betrachtung ganz versunken Saß er ein Weilchen ohne Laut. Dann aber rief er freudetrunken: "Wie schön! Wie köstlich! Wie vollendet!", Nahm jeden einzeln in die Hand Und sprach, zum Großvezier gewendet: "Sag', ob in meinem ganzen Land In allen Ländern dieser Erde Man je was gleich Vollkommnes fand?" Mit beifallspendender Gebärde Gab dies der Großvezier ihm zu, Worauf er fortfuhr: "Möchtest du Behaupten, daß ich einen Mann, Der solcherlei vermag zu schenken, Nicht, ohne lang' mich zu bedenken, zum Schwiegersohn erwählen kann?"
Der Großvezier war sehr betroffen Von diesem Wort. Seit Jahren schon Ließ nämlich ihn der Sultan hoffen, Er werde seinen eignen Sohn Mit der Prinzessin einst vermählen. Er sagte drum ins Ohr ihm leise: "Ja, Herr, ich kann es nicht verhehlen, Daß dies Geschenk von höchstem Preise Der Sultanstochter würdig ist; Doch gönne mir drei Monat Frist. Mein Sohn, den vormals du zum Gatten Ihr zu bestimmen hast beehrt, Stellt sicher dies Geschenk in Schatten Durch eins von doppelt reichem Wert."
Das schien dem Sultan eine Flause; Doch gab er seiner Bitte nach, Weil er sein Günstling war, und sprach Zur Mutter freundlich: "Geh' nach Hause Zu deinem Sohn und meld' ihm dies: Den Antrag, den er stellte, wies Ich nicht zurück; drei Monat sind Vonnöten aber, eh' zum Gatten Ich jemand gebe meinem Kind, Um sie geziemend auszustatten. Nach Ablauf dieser Zeit komm wieder."
Die Mutter ging nach Haus zurück, Und diesmal bebten ihre Glieder Nicht vor Verzagtheit, nein, vor Glück.
7.
Wer könnte wohl in Worte fassen, Wie selig unser junger Held, Nachdem die Mutter ihm bestellt, Was ihm der Sultan melden lassen! O Wonne, daß nach langem Dürsten, Nach vielen Nächten ohne Schlaf Die Botschaft aus dem Mund des Fürsten Sein kühnstes Hoffen übertraf! Er tanzte rund herum im Zimmer, Schwor in den feurigsten Ergüssen Der Mutter Dankbarkeit auf immer Und überhäufte sie mit Küssen. Drei volle Monat waren freilich Als vorgeschriebne Wartezeit Für seine Sehnsucht endlos weit. Es war darum gewiß verzeihlich, Daß ihn des Ziels Erwartung quälte Und er beständig nach der Uhr Nicht Wochen, Tage, Stunden nur, Vielmehr auch die Minuten zählte.-- Zwei Monat waren abgelaufen, Als eines Morgens ahnungslos Die Mutter sich, um was zu kaufen, Zum Markt begab. Ein laut Getos' Der Fröhlichkeit scholl ihr entgegen, Als wär' ein Fest herangerückt; Mit Blumenkränzen allerwegen Ward eilig Haus für Haus geschmückt, Und Lämpchen wurden hundertfach Hinaufgereicht auf hohe Leitern Für Prachtbeleuchtung auf dem Dach. Die Straßen wimmelten von Reitern Auf edlen, reichgezierten Pferden, Und alt und jung war aufgeputzt. Die Mutter, ganz und gar verdutzt, Vermochte draus nicht klug zu werden. Sie fragte drum den ersten besten, Weshalb denn heute jedermann Sich rüste wie zu großen Festen. Der gab zur Antwort: "Schau mal an, Das weißt du nicht? Ei, das erzählt sich Ja doch die ganze Stadt erfreut; Dem Sohn des Großveziers vermählt sich Prinzessin Bedrulbudur heut."
Die Gute flog bestürzt nach Haus Und rief dem Sohn, der sich zur Stelle Befand, entgegen auf der Schwelle: "Ach, Ärmster, nun ist alles aus! Den Sultan hat sein Wort gereut; Denn im Palast ist Hochzeit heut. Dort wird mit feierlichem Prunke Der Sohn des Großveziers getraut, Und die Prinzessin ist die Braut."
Als ob des Blitzes jäher Funke Durchzucke seines Lebens Mark, Empfand sich Aladdin zerschmettert, Blieb standhaft aber doch und stark; Und als verzweifelnd er durchblättert Seite für Seite sein Gedächtnis Nach Mitteln gegen diese Pein, Fiel ihm des falschen Freunds Vermächtnis, Die Wunderlampe, wieder ein. Zur Mutter sprach er drauf entschieden: "Der Hochzeit setz' ich einen Damm! Laß schaun, wer heute mehr zufrieden, Ich oder dieser Bräutigam."
Er tat, was ihm bereits geläufig: In seine Kammer eingeschlossen Rieb er die Lampe, wie schon häufig, Und aus dem Boden aufgeschossen Erschien der Geist gleich einem Riesen, Ihn fragend: "Was ist dein Geheiß?" Drauf Aladdin: "Du hast mit Fleiß Mir öfters dienstbar dich erwiesen Bei Wünschen, die gering und nichtig. Das Werk jedoch, das ich dir nun Befehlen will für mich zu tun, Ist über alle Maßen wichtig. Du sollst mir meine Qualen lindern Und drum als unsichtbarer Gast Die Hochzeit, die heut im Palast Gefeiert werden soll, verhindern. Begib dich hin, vom Wind getragen, Ergreif' den Bräutigam beim Kragen, Entführ' in ein Versteck ihn, sperr' Dort fest ihn ein und laß verborgen Ihn schmachten bis zum nächsten Morgen." Der Geist versetzte fügsam: "Herr, Wie du befiehlst," und war verschwunden.
Am Hofe ward mit aller Kraft Inzwischen seit den frühsten Stunden Für die Vermählung vorgeschafft. Mit einem wahrhaft beispiellosen Und noch nicht dagewesnen Glanz War der Palast verwandelt ganz In einen duft'gen Hain voll Rosen. Die Tafel funkelte von Gold; Prunkteppiche von schwerster Seide Bedeckten sorgsam aufgerollt Zu wundersamer Augenweide Den Marmorboden und die Treppe, Und rings mit Perlenschmuck beschwert Wog der Prinzessin Hochzeitsschleppe Drei Fürstentümer auf an Wert.
Der ganze Hofstaat war beisammen Nebst Sendlingen aus aller Welt; Den angefachten Opferflammen Entstieg der Rauch zum Himmelszelt. Grad sollte die Vermählungsfeier Beginnen; Festmusik erscholl; Schon trat herein in ihrem Schleier Die Sultanstochter anmutsvoll An ihres hohen Vaters Arm, Und in der Würdenträger Schwarm Schritt ihr entgegen ihr Verlobter-- Da plötzlich Nacht und wieder Licht; Der Geist erfüllte mit erprobter Vollendung seine Dienerpflicht. Man sah sich an, man sah sich um, Die Augen starr, die Mienen dumm: Was war geschehn? Der Bräutigam Stand nicht mehr dort, wo er gestanden Grad eben, sondern war abhanden, Wie fortgewischt von einem Schwamm. Man forschte, spähte; doch vergebens. Der Großvezier, der schon geglaubt, Er sei am Ziele seines Strebens, Schien vor Erregung sinnberaubt. Der Hofstaat mit betäubtem Hirne Begann zu tuscheln, dicht geschart; Der Sultan runzelte die Stirne Und brummte was in seinen Bart. Die Gäste ratlos und befangen, Verkrümelten sich allgemach, Und über der Prinzessin Wangen Herunter floß ein Tränenbach.