Part 2
Wir setzten uns nebeneinander an die Wand, den Saal vor uns, und nahmen eine Haltung ein, als ob wir plauderten. So sangen wir einander unsere Liebe zu. Wir hätten am liebsten geschwiegen, weil wir dann die Stimme am deutlichsten hörten. Aber wir wagten es nicht. Gleich hätte sich, mit spöttischem Gesicht, ein Kavalier eingefunden und behauptet, daß er die junge Dame unterhalten müsse. Wir hockten wie halb versteckt an den untersten Stäben eines großen Papageienkäfigs, den von Zeit zu Zeit grelle Flüge durchbrausten. Sie störten die sich artig und listig drehenden Tierchen gewaltsam auf. Dann war alles ein bunter kreischender Wirbel, der den Käfig selber hochzuheben und fortzureißen schien. Aber plötzlich standen sie wieder in Reih und Glied, schüttelten zeremoniös die Flügel, verteilten sich gravitätisch, zu vier und fünf, auf den vielen Stäben und Ringen und taten feierlich und immer kokett, als hielten sie, in verschiedenen Kommissionen, eine wichtige Beratung ab. Am Boden kauerten Verletzte, andere schaukelten mit eingezogener Pfote auf den Ringen. Sie gaben sich die größte Mühe, wohlauf und keck zu scheinen, und wußten die schmerzhaften Zuckungen ihrer Flügel so zu deuten, als ob sie sich gar nicht an die Ruhe gewöhnen könnten und am liebsten gleich wieder den Verstand verlören. Es kam vor, daß einige mit dem Leben auch die Fassung einbüßten und rücksichtslos auf den Rücken fielen . . .
Als das Feuerwerk abgebrannt war, kam der Regent auf uns zu.
»Chevalier,« rief er, »ich werde Sie an die Grenze schicken.«
Aïssé, die er dabei ansah, wurde weiß um die Augen.
»Kind, wie können Sie mich für so grausam halten. Wenn er Sie heiratet, mache ich ihn zum Hauptmann in der Garde.«
»Sie sind ein Volk von Wilden,« erwiderte sie matt, und der Regent ging lachend davon. Die schöne Türkin durfte sich viel herausnehmen!
Bald darauf entstand Lärm, Frau von Ferriol wand sich durch die nach dem Spielzimmer drängende Menge:
»Im Spielzimmer schlagen sie einander. Der Graf von Charolais hat verloren . . . Das nennt man ein intimes Fest. Wir wollen nach Hause, -- bevor es ihnen einfällt, sich über die Frauen herzumachen.«
Im Spielzimmer sah ich, wie der Graf von Charolais seine Freunde von sich abschüttelte und mit geschwungenem Degen auf ein Kruzifix losstürmte, das über dem Kamin hing.
»Nieder mit ihm!« brüllte er. »Nieder mit ihm . . .«
* * * * *
In der Nacht bekam Aïssé, ohne ersichtlichen Grund, einen heftigen Fieberanfall. Der Arzt ließ sie zur Ader. Nun verfiel sie in einen Zustand vollkommener Erschöpfung, der lange anhielt. Als sie soweit hergestellt war, daß sie das Bett verlassen konnte, bat sie mich, sie fortzunehmen und in der Nähe von Paris zu verstecken, so daß es mir möglich wäre, meinen Dienst in den Gemächern der Regentin zu versehen und dennoch alle freien Stunden und die Nächte bei ihr zu verbringen.
Ich war glückselig. Ich brachte sie in das Haus eines Pächters, der uns ein großes Dachzimmer abließ, von wo wir, aus drei Fenstern, über hohe Wiesen blickten, die sich tief und gleichmäßig ausbreiteten, bis sie, auf der einen Seite, vor einem Walde Halt machten, auf der anderen aber in den offenen Himmel strömten. Wir waren wie auf einer Insel in einem grünen Meer.
Aïssé hatte das Haus der Frau von Ferriol in einem einfachen Kleid verlassen. Sie tat es ab, löste ihre Haare und legte sich nackt ins Bett, und ich mußte alles, was sie besaß, bis auf die Haarspangen, Frau von Ferriol überbringen mit Aïssés Dank für die Wohltaten, die sie in ihrem Haus empfangen habe: Sie wolle leben und sterben, wie sie gewesen, als Herr von Ferriol sie gekauft habe. Auch bat sie Frau von Ferriol, sie in Schutz zu nehmen, wenn man zu schlecht von ihr spräche.
In Aïssés Umarmungen verlor ich bald das Bewußtsein von ihrer Krankheit. Gab sie mir nicht so viel und mehr, als je zuvor? Zum erstenmal besaß ich sie ganz, ohne Rücksicht auf andere, nicht nur für Stunden, in den Zwischenakten der höfischen Komödie, sondern Tage und Nächte, wachend und im Schlaf. Ich nahm sie nicht mehr in jenem wilden, schwindelerregenden Anlauf, als müßten wir uns schnell aus einer Welt von Verstellung und Häßlichkeit in einen Abgrund stürzen, um in dessen Tiefe endlich zusammen zu kommen und einander zu gehören. Immer war sie bereit für mich, die Zeiten des Tags und der Nacht wechselten auf ihrem Körper, Hell und Dunkel lag in ihren Händen, ihre Stimme hielt alles zusammen.
Sie schien das Geheimnis des ewigen Lebens zu kennen.
Sie war unerschöpflich.
Ihre Arme hoben mich in den Himmel. Sie rief, den schwärmerischen Tod auf den Lippen, und hielt mich an sich, bis ich wie in Feuer und Schnee in ihr versank. Ihr Blick, die geringste Bewegung ihres Körpers brach strömende Kraft in mir auf, und wenn ich müde war, deckte sie mich mit einem Frühlingshimmel zu. Ein kühlender Wind wehte und trieb Schafwölkchen über den Himmel. Die Erde roch feucht und erquickend, wie nach einem Regen. Weit fort, am Waldrand, sangen die Vögel.
Jetzt hingen der Hof und Paris wie eine traumhafte Erscheinung in der Luft, zitternd, ungewiß, ich sah den mir wohlbekannten Chevalier d'Aydin mit Verwunderung sich in diesem Bild bewegen, die Sinne versagten mir, dann erwachte ich in Aïssés Armen zur Wirklichkeit . . . »Seht nur das Gespenst!« riefen die Leute, wenn ich auf meinem Pferd durch die Straßen jagte. »Der Chevalier ist blind und taub geworden,« sagte man bei Hof. Ich tat meinen Dienst mit einer Art schlafwandlerischer Sicherheit, ohne mich einen Augenblick bei etwas aufzuhalten, was nicht zu der Funktion gehörte, die ich, wie mir schien, seit undenklichen Zeiten ausübte. Wie ich mich so gehen und sprechen, lächeln, den Nacken beugen fühlte, empfand ich mich selbst immer mehr als ein Gespenst.
Im selben Maße wuchs die Macht meiner Vereinigung mit der Geliebten. Es war ein Strudel, der alles anzog. Eltern, Kindheit, die kleinen und großen Ereignisse meines Lebens, Hoffnungen und Begierden, alles drängte hier zusammen und hatte nur noch Leben in ihren Armen. Manchmal sah ich halbvergessene Menschen körperhaft herbeiwandern, ich hörte ganz nah den Klang von meines Vaters Stimme, der aus dem Fenster des Wohnzimmers nach mir rief, ferne Gegenden kamen geschwommen, wie Treibeis, mit Häusern, Äckern, Herden darauf. Alles, was ich kannte, machte sich vom Boden los, verließ die Welt des Scheins und kehrte in die Heimat zurück und nahm Platz in meinem und der Geliebten einem Herzen.
O wunderbare, lebenslängliche Umarmung! Sie offenbarte mir die tiefe Güte selbst der Verzweifelten. Wie alle jungen Männer, hatte ich genossen, um zu genießen, der Zerstreuung wegen, und weil andere ebenso taten, und auch, um mich von einem Alb zu befreien, -- und die brennende Scham der Enttäuschung gekannt. Die ersten Frauen, die sich geben, sind ja selten die Geliebten. Ich sah sie wieder und erkannte allerhand Zeichen, die ich früher übersehen hatte, daß in ihrem Lachen, in ihrem Fieberdurst, in ihrer bald koketten, bald frechen Sachlichkeit, ihrer zerreißenden Neugierde alte Mädchenträume um Erfüllung schrien. Sie betranken sich an der Liebe, wie auch oft am Wein. Sie mußten hinaus ins Grenzenlose, kostete es, was es wollte. Versuchten immer wieder die Himmelfahrt, erwachten als Dirnen und begannen von neuem, die Männer verdarben sie, indem sie die Verführten an ihr Laster gewöhnten. Hatten nicht vier Edelleute die Marquise von Gracé, der Regent und der Graf von Charolais eine junge Witwe, Frau von Saint-Sulpice, betrunken gemacht und die eine den Lakaien vorgeworfen, die andere unter grausamen Belustigungen fast getötet? Der Regent nicht versucht, Frau von Rochefoucault mit Hilfe seiner Tochter, die sie festhielt, gewaltsam zu verführen? Die Frauen wurden nachts in ihren Betten überfallen, ihre Gatten, ihre Geliebten verkauften sie, des Gewinnes wegen, oder um selbst ungehindert nach ihrer Laune zu leben. Sie konnten nicht anders, als sich verachten, so sanken sie immer tiefer. Der Regent gab das Beispiel, da er eines Abends bei Tisch saß mit Frau von Parabère, dem Kardinal Dubois und dem Bankier Law. Gegen Ende der Mahlzeit brachte man ihm eine Verordnung, die seiner Unterschrift bedurfte. Er konnte nicht schreiben, weil er betrunken war, und reichte das Papier Frau von Parabère mit den Worten: »Unterschreibe, schlechtes Frauenzimmer.« Sie weigerte sich. Da hielt er es dem Kardinal hin: »Unterschreibe, du Zuhälter«, und als auch der ablehnte, wandte er sich an Law: »Dieb, so unterschreibe du.« Law unterschrieb nicht. »Ein schönes Königreich,« seufzte der Regent, »das eine Dirne, ein Zuhälter, ein Dieb und ein Trunkenbold regieren!« und unterschrieb. Aber selbst die Verdorbensten waren nicht ohne Leidenschaftlichkeit! Frau von Nesles und Frau von Polignac hatten sich im Bois von Boulogne duelliert, weil keine wollte, daß die andere Herrn von Richelieu beglückte. Und Frau von Nesles war durch einen Schuß in die Schulter verletzt worden. Das Verlangen verbiß sich rasend in sich selbst. Sie suchten alle die Liebe, aber mit der Selbstachtung und dem Glauben rissen sie auch die Wurzeln der Freude aus. Schließlich glichen sie alle mehr oder weniger dem Kardinal Dubois, der sich für die Nacht eine Dirne kommen ließ und zwischen Bett und Schreibtisch hin und her ging, ohne seine Arbeit zu unterbrechen, und der jedem versicherte, daß die Liebe nichts sei, als eine manchmal amüsante Gewohnheit . . . Und verirrten sich nicht selbst die Gedanken dieses völlig ernüchterten Teufels zu anderen, lieblicheren Gestalten, während er seiner stumpfsinnigen Gewohnheit fröhnte? Auf seinem tierischen Mund -- nun sah ich es! -- schwebte schon das Wort, das ihn befreien sollte, sein lüsterner Blick war bereit, vor der Wahrheit abzudanken . . . Gleich ginge die schwelende Inbrunst in Flammen auf . . . Ich nannte ihn Bruder. Wie sie in meine Liebe einzogen, waren sie schon halb erlöst -- alle! Das Leben glühte auf, von einem überirdischen Strahl getroffen. Das Leben erfüllte seinen Sinn. Die Schmerzen hatten, litten ohne Haß, und die Glücklichen spendeten mit reichen Händen. Zwischen Geburt und Sterben stand das schwarze Kreuz des Todes wie der Zeiger einer Wage. Ich lebte -- wie das Leben selbst.
Aïssé aber starb ewig den Liebestod.
»Bin ich schon tot?« fragte sie manchmal, wenn wir, noch ineinander verschlungen, ruhten. Zwei Pflanzen waren wir, die, außer sich vor Freude, einander mit ihren Säften durchdrangen und voneinander zehrten. Die Mündung zweier Ströme. Ein Kandelaber mit vielen brennenden Kerzen.
Aïssé öffnete nicht einmal die Augen, wenn ich sie verließ, und meine Rückkehr war, als hätte ich sie nie verlassen. Wir kannten weder Zwang noch Versagen. Wir waren die beiden Flügel eines Vogels, die einander mühelos überboten und sich zusammenschlossen.
»O Wollust,« rief sie, »gute Wollust!«
Aïssé wußte nichts mehr von Paris, sie war im Kloster gestorben, als die Monstranz funkelte und die hellen Schwestern sangen. Der Geliebte hatte sich über sie gebeugt, sie auf seine Schulter gehoben und in den Himmel getragen. Nun küßte er sie unaufhörlich, und sie umarmte ihn ohne Ende. Wir brannten und hatten wieder kühl. Millionen Wesen nahmen, von _einem_ Blut durchströmt, an unserer Freude teil, eine unübersehbare, glückverstummte Schar, aus der manchmal, deutlich erkennbar, die Heiligen auftauchten. Aïssé erkannte sie nach den Bildern, die sie auf der Erde von ihnen gesehen hatte. Es war ein ewiges Kommen und Gehen wie auf einem großen Sklavenmarkt. Ein Sichsuchen, Sichfinden, ohne daß wir einander verloren. Zuweilen tauchte aus dem Goldlicht die dunklere Silhouette von Konstantinopel. Auf den Minarets hoben sich ganz dünne Arme. Das waren die Männer, die zum Gebet riefen. Aber ihre Stimme hörte man nicht.
Aïssés Gang war noch leiser, ihre Bewegungen noch demütiger geworden. Sie schwebte durchs Zimmer, bereitete das Essen, verweilte still und tat alles mit der Selbstverständlichkeit einer freien Magd. Sie kannte weder Scham noch Furcht.
Eines Tages versuchte sie mühsam, sich aus meinem Arm zu erheben, und fiel zurück. Da sagte sie:
»Du mußt meinen Beichtvater holen.«
Der Priester kam und traute uns. Der Pächter und ein Knecht waren Zeugen.
»Jetzt,« rief Aïssé, »kannst du tun, was dir beliebt, bis du stirbst. Dann werden wir Hochzeit halten im Himmel, denn du bist mein Gatte! Hörst du? Mein Gatte! Du gehörst Gott und mir allein.«
In der Nacht begann der Todeskampf. Sie klammerte sich an mich, und litt knieend in meinen Armen, die sie hielten. Dann strich sie mit beiden Händen langsam über meinen Körper und legte den Kopf auf meinen Leib.
Ich hielt zwei Tage und zwei Nächte Totenwacht. Aïssé lag nackt und einsam ohne eine Blume zwischen den Kerzen, sie schien mit den Haaren an das große weiße Bett festgewachsen. Sie hüllten sie in das Laken und legten sie in den Sarg.
* * * * *
Am Grab war die männliche Gemeinde von Saint-Sulpice versammelt. Der Regent ließ sich durch den Grafen von Charolais vertreten. Als der Priester die letzten Gebete sprechen wollte, vergaß er sie mit einemmal. Er starrte mit geröteten Augen abwechselnd ins Grab und in sein Buch. Endlich sagte er einfach:
»Sie wird auferstehen!«
Kurze Zeit darnach folgte ich meiner Geliebten. Als ich spät abends den gewohnten Weg zum Pächterhause ritt, scheute auf der Brücke bei Suresnes mein Pferd vor einem Wagen und sprang über das Geländer in die Seine. Ich ertrank . . .«
Der Franzose legte seine Hände auf meine Kniee und sah mir lächelnd in die Augen.
»Ich ertrank, aber bald darauf erwachte ich in einem fremden Land. Ich sah gleich, daß alle Frauen hier Aïssé glichen und war nicht erstaunt, als ich sie selbst eines Abends wiederfand. Sie saß im großen blauen Salon unseres Gouverneurs, und ihre Augen suchten. Der Sohn des Gouverneurs hatte den Arm auf die Lehne ihres Stuhles gestützt und sprach gebeugten Hauptes auf sie ein. Unsere Blicke trafen einander und ließen nicht los. Ich trat hinzu und bat meinen Freund, mich vorzustellen. Aber ohne diese Förmlichkeit abzuwarten, streckte Aïssé mir ihre kleine runde Hand entgegen . . . Und nun werden wir vielleicht bald wieder sterben, jedes für sich, und einander scheinbar verlieren, um des Glücks willen, einander wieder zu finden. So wandern wir durch die grenzenlose Welt, wir beiden . . .«
Sein Blick lag auf mir, ein Blick, den ich bei den Betern im Ganges, nie bei einem Europäer bemerkt hatte, der Blick, der _hinübersieht_, kampflos und weit offen, stark wie die Stille des Mittags in Benares, ausgefüllt von der Sonne, in deren volle Glut sie dort mit demütig zurückgebeugtem Nacken hineinsehen. Ein Märtyrerblick, neben dem die Frauen, die ihr nasses Gesicht gleichfalls in die Sonne heben, sanft und mütterlich verblassen. Ich hörte die Ventilatoren im Hause rauschen, und vor der offenen Verandatür, die ein Moskitonetz verhing, balgten sich zwei kreischende Papageien. Die alte Frau hielt die Augen geschlossen. Sie schien zu schlafen.
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