Aesthetische Farbenlehre

Part 9

Chapter 93,334 wordsPublic domain

Jedes Gebiet des menschlichen Geisteslebens hat an sich irgend ein bestimmtes höchstes und oberstes Gesetz, welches den ganzen weiteren Umfang seiner Erscheinungen beherrscht und in welchem die allgemeine Einheit und Richtschnur seiner ganzen Auffassung und Beurtheilung durch uns enthalten liegt. Es giebt ein oberstes Gesetz für unser logisches Denken und ein solches für unser sittliches Handeln; ebenso muss es an sich auch ein solches Gesetz geben für unser Empfinden oder für unsere ganze Auffassung des Schönen. Alle an sich schönen Dinge sind in einer specifischen Weise unterschieden und begrenzt gegenüber denjenigen, die derselben Eigenschaft entbehren. Das specifische Kennzeichen des Schönen aber beruht zunächst überall nur in dem Elemente der Form oder der äusseren Verhältnisse der Theile eines Ganzen. Es findet hier oft eine sehr feine aber bestimmte Grenze statt, durch die sich die schöne Sache von der nicht schönen unterscheidet. Hauptsächlich aber sind es zunächst bestimmte Verhältnisse der einzelnen Theile, an welche der ganze Charakter des Schönen in einer Sache gebunden erscheint. Auf diesen Umstand hat sich die Meinung begründet, dass das Schöne in den Verhältnissen seiner einzelnen Theile messbar oder berechenbar sein müsse. Diese Meinung hat zunächst in der ältesten ästhetischen Lehre, welche die Geschichte kennt, in der der Pythagoreer, ihren Ausdruck gefunden. Die Pythagoreer bemerkten die Bedeutung des Zahlenelementes zuerst namentlich auf dem Kunstgebiete der Musik. Das Wohlgefällige oder Schöne ist hier in untrennbarer Weise gebunden an ein bestimmtes mathematisches Verhältniss der Töne. Auch sonst aber fühlen wir überall die Bedeutung und das entscheidende Gewicht des Elementes des Maasses in den Verhältnissen des Schönen. Es widerspricht an und für sich unserer Vorstellung von einem ästhetischen Ganzen oder einem Kunstwerk, dass sich dasselbe ähnlich wie eine Maschine müsse mathematisch bestimmen oder berechnen lassen. Nichtsdestoweniger weisen in der Einrichtung des Kunstwerkes eine Menge von Erscheinungen auf eine solche Analogie hin und es wäre auch offenbar die Spitze oder der Triumph alles wissenschaftlichen Erkennens des Schönen, wenn es jemals gelange, irgend ein bestimmtes Kunstwerk in den sämmtlichen Maassverhältnissen seiner Theile in einer vollkommen genauen und exacten mathematischen Weise zu bestimmen. Es sind in der neueren Zeit bestimmte dahin gehende Versuche angestellt worden. Insbesondere gehören hierzu die Forschungen Zeisings über das Verhältniss des sogenannten goldenen Schnittes. Dieses Verhältniss, nach welchem von zwei ungleichen Hälften einer Sache die kleinere oder der minor sich zu der grösseren oder dem major verhält wie dieser letztere zur Summe von beiden oder zum Ganzen, besitzt offenbar eine hervorragende Bedeutung in der Einrichtung und den Proportionen aller ästhetischen und überhaupt auch der organischen oder lebendigen Dinge. Zeising erblickt in demselben gleichsam den unbedingten Schlüssel zu der Auflösung aller wohlgefälligen und künstlerischen Proportionen. Ich lege selbst diesem Prinzip einen entscheidenden Werth bei, aber ich bin nicht mit Zeising der Meinung, dass mit demselben das Schöne ohne Weiteres in seinen ganzen Verhältnissen bestimmt oder ausgemessen werden könnte. Die Aesthetik ist zuerst eine Wissenschaft aus Gedanken oder Begriffen; sie hat sich vor Allem der ganzen Prinzipien für die Behandlung ihres Stoffes bewusst zu werden. Es lässt sich nicht Alles am Schönen ohne Weiteres mathematisch ausmessen, bestimmen oder berechnen. Aus den Forschungen Zeisings geht vielleicht mit Sicherheit nur so viel hervor, dass die Proportion des goldenen Schnittes ein gewisses mittleres Durchschnittsmaass der schönen oder wohlgefälligen Verhältnisse bilde, aber es schliesst sich dieselbe keinesweges überall in einer genauen und stricten Weise an die Wirklichkeit dieser letzteren an. Jedes einzelne Schöne ist überhaupt in seinen ganzen Verhältnissen immer etwas Besonderes und Eigenartiges für sich; auch die Verhältnisse des Maasses seiner Theile bilden überall nur eine bestimmte einzelne Seite oder Beschaffenheit seines Wesens im Ganzen. Wir sind durchaus der Ansicht, dass die Aesthetik eine wesentlich beobachtende oder sich an die gegebene Wirklichkeit der einzelnen Erscheinungen ihres Gebietes anschliessende Wissenschaft sein müsse, d. h. wir erblicken in allen allgemeinen Gedanken und generalisirenden Reflexionen über das Schöne eine blosse vorbereitende Einleitung für das wirkliche und vollständige Erfassen der gegebenen individuellen Erscheinungen dieses letzteren selbst. Jedes einzelne Schöne bildet in seiner ganzen besonderen Einrichtung immer ein neues und eigenthümliches ästhetisches Problem für sich; für die Bearbeitung desselben aber gehen aus der Natur oder dem Begriffe des Schönen gewisse allgemeine Prinzipien oder Methoden hervor.

Eine schöne Sache oder ein Kunstwerk hat zunächst immer in einem gewissen Sinne die Eigenschaft eines Abbildes oder einer Nachahmung irgend einer an und für sich gegebenen Beschaffenheit oder Seite der natürlichen Wirklichkeit an sich. Die Nachahmung der Natur ist eines der ersten und wichtigsten Motive, aus welchem von Anfang an alles künstlerische Schaffen des Menschen entspringt. Insofern ist es kein durchaus richtiger oder wenigstens kein ausreichender Gedanke, der in die freie und ungebundene Schöpfungskraft der menschlichen Phantasie allein das ganze Prinzip der Entstehung des künstlerisch Schönen verlegen will. Alles durch den Menschen Erschaffene schliesst sich mehr oder weniger irgendwie an das in der natürlichen Wirklichkeit oder Objectivität Gegebene an. Der Begriff des Schaffens im vollen und eigentlichen Sinne des Wortes kann auf die ganze Lebensthätigkeit des Menschen überhaupt keine Anwendung finden. Jedes menschliche Werk hat die Elemente und Vorbilder seines Entstehens in der äusseren Natur. Es sind wesentlich überall nur Bilder und ideale Reproductionen der äusseren Dinge, welche der menschliche Geist aus sich zu erschaffen vermag. Wir legen einem Kunstwerke Wahrheit bei eben inwiefern es die richtige Nachahmung oder der getroffene Ausdruck von etwas anderem an sich schon vorhandenem Wirklichen ist. Allerdings ist es niemals irgend eine einzelne empirische Sache oder Realität als solche, welche den Gegenstand und das Object der künstlerischen Nachahmung bildet. Der Begriff der Nachahmung im Sinne der Kunst ist immerhin ein in gewisser Weise schwierig zu fassender und es bedeutet derselbe überhaupt nichts weniger als eine einfache Identität des geschaffenen oder nachgeahmten Werkes mit den wirklichen oder empirischen Dingen im Leben und der Natur. In diesem Sinne wäre die Kunst überhaupt überflüssig und hätte den Werth einer blossen leeren Wiederholung oder Copie der Natur. Jedes Kunstwerk geht zugleich hinaus über die Natur oder stellt uns etwas Höheres, Reineres und Vollkommeneres dar als was diese selbst ist. Das Kunstwerk muss überall zugleich der Natur unähnlich sein oder sich von ihr unterscheiden, wenn es uns gefallen oder befriedigen soll. Das Motiv des Erschaffens der Kunst liegt zugleich überall mit darin, dass uns die Natur oder Wirklichkeit nicht vollkommen gefällt oder zu befriedigen vermag. Alle Kunst ist insofern zugleich eine Art von Kritik und Verwerfung der empirisch gegebenen Wirklichkeit oder Natur. Sie entspringt insofern zugleich aus einem rein inneren subjectiv idealen Wünschen, Anschauen und Bedürfen heraus und es stellt sich insofern der menschliche Geist in der Kunst im Allgemeinen die Natur vor nicht so wie diese unmittelbar und an sich selbst ist, sondern so wie er sie sich von seinem eingebildeten subjectiven Standpuncte aus wünscht oder träumt. Es ist in aller Kunst einmal etwas Objectives, andererseits etwas Subjectives enthalten oder es kann dieselbe überall zugleich als eine Nachahmung oder ein Bild der äusseren Wirklichkeit und als ein solches des eigenen inneren menschlichen Seelenlebens angesehen werden. Der Mensch idealisirt sich in der Kunst zunächst die Natur, indem er sie auf einen eingebildeten oder idealen Gipfel der Vollkommenheit ihrer Erscheinungen erhebt. Er fügt insofern immer etwas zu ihr hinzu oder macht etwas Anderes aus ihr als was sie unmittelbar und an sich selbst genommen ist. Alle diese Ideale der Kunst aber sind zugleich überall noch etwas Anderes und Mehreres als eine blosse subjective und willkührliche Zuthat zur Natur oder eine Veränderung derselben vom Standpunct und im Sinne der blossen Subjectivität des menschlichen Geistes. Der Mensch erkennt vielmehr in den Idealen der Kunst wesentlich überall nur die eigenen allgemeinen Vollkommenheitsanlagen und immanenten Ziele des Lebens der Natur selbst oder es darf von der Kunst gesagt werden, dass sie ihrem eigentlichen Wesen nach die Darstellung derjenigen reinen Grundgedanken und einfachen Formcharaktere sei, welche an und für sich die Basis der ganzen wirklichen Natur und lebendigen Schöpfung der Dinge bilden. Der Mensch geht insofern in der Erschaffung der Kunst nicht sowohl über die Natur hinaus als vielmehr blos tiefer in sie hinein und es wohnt den von der Kunst dargestellten Idealen eine Wahrheit eben insofern bei als sie die gereinigten Erscheinungen der eigenen inneren Wesensmomente und entscheidenden Grundgedanken der Natur selbst sind. Der Begriff der Nachahmung in der Kunst bezieht sich insofern nicht sowohl auf die unmittelbar gegebene gemeine oder empirische Wirklichkeit in der Natur als vielmehr auf dasjenige ideale und rein geistige Wesen, welches den wahrhaften Hintergrund und die eigentliche Substanz der vor uns erscheinenden wirklichen oder einzelnen Dinge bildet. Auch alle Kunst ist insofern wesentlich ein Erkennen und sie befindet sich überall in einem nothwendigen und organischen Anschluss an das Ganze der ihr gegenüberstehenden wirklichen Welt. Die Ideale der Kunst sind an sich gegeben oder präformirt im Wesen der wirklichen Welt und sie werden von uns oder vom menschlichen Geist nur durch Ausscheidung des Indifferenten und Zufälligen der einzelnen Erscheinungen von ihrem reinen inneren geistigen Wesensgehalt oder der in ihnen liegenden besonderen und specifischen Vollkommenheitsanlage festgestellt und erkannt.

Für die Auffassung alles Menschlichen ist überhaupt in erster Linie der Gesichtspunct des Anschlusses desselben an das vor ihm in der äusseren Objectivität oder Wirklichkeit Gegebene entscheidend. Es ist zunächst eine blosse Phrase, dass der Mensch allein der selbstständige Urheber und Schöpfer aller von ihm ausgehenden oder zu seinem Leben gehörenden Dinge, Werke oder Erfindungen sei. Die ganzen Bedingungen, Elemente und Anregungen dieses seines Schaffens sind vielmehr schon vor ihm und an sich in der Natur oder Aussenwelt gegeben gewesen und es ist überall nur durch eine Benutzung oder Anwendung derselben, dass er zur Ausbildung desjenigen, was ihm selbst angehört, hingeführt und veranlasst wird. Alles Eigene des Menschen geht überall nur aus einer Beziehung oder einem eindringenden Erkennen in den ihm gegenüberstehenden Stoff der natürlichen Dinge oder Erscheinungen hervor. Es ist nicht ein selbstständig erschaffener, sondern nur ein der Natur abgerungener und erworbener Besitz, auf den sich das ganze menschliche Leben mit seinem Inhalt und seinen Einrichtungen gründet. Das Leben des Menschen oder die Geschichte ist ein fortwährender Kampf seines Geistes mit der Natur, in welchem er dieselbe allmählich in einer immer vollkommeneren Weise nach allen ihren Seiten und Beschaffenheiten in sich aufnimmt und überwindet. Alles Menschliche weist daher zuletzt ebensosehr auf die Sphäre der Natur oder der äusseren Objectivität als auf diejenige der Subjectivität oder seines eigenen Geistes hin. Die Natur tritt in der Sphäre des Menschen gleichsam blos aus einander oder hervor in allen denjenigen Vollkommenheiten ihres Wesens, welche sie in unmittelbarer oder latenter Weise bereits in sich selbst einschliesst oder besitzt. Die Lehrsätze der Wissenschaft sind geistige Wahrheiten, welche an sich im Wesen der äusseren Dinge liegen und welche hier vom menschlichen Geiste nur aufgefunden, gleichsam frei gemacht oder erkannt werden. Etwas Aehnliches aber gilt zuletzt auch von den Werken der Kunst und von allen anderen Sphären und Erscheinungen des menschlichen Lebens. Die Wahrheit alles Menschlichen besteht überhaupt in dem möglichst vollkommenen, tiefen und innigen Anschluss an die inneren Gesetze oder das geistige Wesen der Natur. Es ist insofern überall etwas mehr als ein blosser zufälliger und willkührlicher subjectiver Einfall, der uns in irgend einem bedeutenden Werke oder einer Erfindung des menschlichen Geistes entgegentritt.

So verschiedenartig auch das Schöne in allen seinen einzelnen Erscheinungen sein mag, so ist es doch überall ein bestimmter gleichmässiger Eindruck, der aus demselben in jedem Falle von uns aufgenommen wird. Wir bezeichnen diesen Eindruck im Allgemeinen mit dem Worte des Harmonischen oder Zusammenstimmenden, und es ist derselbe zunächst überall gebunden an ein bestimmtes Verhältniss oder eine Grenze des Maasses der einzelnen Theile der Sache. Die ganzen Beschaffenheiten eines jeden ästhetischen Dinges zerfallen aber überhaupt in zwei verschiedene Kategorieen, einmal in solche der Qualität oder der Art, andererseits in solche der Quantität oder des Maasses. Zunächst aber sind es hauptsächlich die Beschaffenheiten oder Eigenthümlichkeiten dieser letzteren Kategorie, durch welche sich das Kunstwerk oder die ästhetische Sache am Deutlichsten und Bestimmtesten von derjenigen der gemeinen Wirklichkeit unterscheidet. Wir erkennen im Kunstwerk im Allgemeinen dieselben Qualitäten oder Artbeschaffenheiten wieder, die uns auch sonst schon aus der übrigen gemeinen Wirklichkeit her bekannt sind, und es ist eben wesentlich in Bezug auf diese, dass uns das Kunstwerk im Lichte einer Nachahmung oder eines Bildes der letzteren entgegenzutreten pflegt. Am Bestimmtesten aber ist es zunächst die Seite der Quantität oder das Element des Maasses, durch welches sich das Kunstwerk von der Natur und den Verhältnissen des gewöhnlichen Dinges zu unterscheiden pflegt. Eben dieses Element der Quantität unterliegt dort einer bestimmteren und festeren Regelung als hier und es ist wesentlich eben dieser Umstand, auf welchem die ganze höhere Vollkommenheit des Eindruckes des Kunstwerkes gegenüber dem des gewöhnlichen Dinges beruht. Es werden im Kunstwerke zunächst überall nur die gegebenen Qualitäten oder Artbeschaffenheiten der Dinge in eine sicherere und bestimmtere Grenze ihres relativen Maasses eingeschlossen als sonst. Nur insofern erscheint uns das Kunstwerk zunächst als der Ausdruck der höheren und idealen Vollkommenheit der wirklichen Welt, als ein jeder Theil oder ein jedes Ding dieser letzteren in die richtige ihm gebührende Grenze des Maasses im Verhältniss zu den übrigen eingeschlossen und eingeführt wird. Bei der wirklichen Sache sind diese Maassverhältnisse in der Regel in einer mehr oder weniger angeordneten Weise abgewandelt, getrübt und verschoben oder es sind keine reinen und klaren Eindrücke der Proportionen des Maasses, die aus ihr von uns aufgenommen zu werden pflegen. Der Künstler, indem er die Natur nachahmt, thut zunächst wesentlich nichts Anderes als dieses, dass er jeden Theil derselben in die ihm gebührende Grenze des Maasses einzuschliessen und uns insofern einen idealen Eindruck oder ein gereinigtes Bild der ganzen inneren Ordnungsverhältnisse der Sache zu geben versucht. Das Kunstwerk ist insofern wesentlich die Aussage darüber, welches die wahren und eigentlichen Maassverhältnisse der einzelnen ihrem qualitativen Charakter nach verschiedenen Theile und Beschaffenheiten der wirklichen Welt seien und es ist insofern hauptsächlich zunächst dieses ganze Moment der Quantität, auf welchem der allgemeine Unterschied der Kunst von der Natur beruht.

Der Künstler findet mit richtigem Tact die entsprechenden Verhältnisse des Maasses für die einzelnen Theile seines Werkes und es wird dieses letztere von unserem eigenen Gefühl hauptsächlich unter demselben Gesichtspuncte aufgefasst und zu beurtheilen versucht. Die Grenze dieses richtigen Maasses aber ist an und für sich überall eine ganz bestimmte, einfache und feste oder es wird in der Regel auch die geringste Abweichung von derselben lebhaft und deutlich von uns empfunden. Diese Aussprüche und Urtheile unseres subjectiven Gefühles aber über das richtige Maass in den Dingen müssen jedenfalls auch eine bestimmte objective Begründung oder Berechtigung besitzen und es wird in der Auffindung oder Feststellung dieser letzteren immer das eigentliche Ziel und entscheidende Hauptproblem aller wissenschaftlichen Erkenntniss des Schönen erblickt werden müssen. Was zunächst als ein blosser Machtspruch unseres Gefühles erscheint, wird näher wohl immer als die ahnende Erkenntniss eines objectiven Naturgesetzes oder eines an sich bestehenden normalen Grundverhältnisses der Einrichtung alles Wirklichen angesehen werden müssen. Ein solches normales Grundverhältniss glaubt namentlich Zeising in der Regel des goldenen Schnittes aufgefunden zu haben und es scheint diese Regel in der That einen bestimmten inneren oder natürlichen Anspruch auf eine solche ihr zugeschriebene Stellung in sich zu enthalten.

Alle eigentliche und strenge mathematische Regelmässigkeit ist an und für sich nicht fähig, ein Gefühl des Wohlgefallens und der ästhetischen Befriedigung in uns zu erwecken. Auch ist die innere Ordnung des ästhetischen Dinges überall eine specifisch andere als diejenige irgend einer mathematischen Figur. Es ist im Gegensatz hierzu überall der Eindruck des Freien, Natürlichen und Ungezwungenen, den wir aus ihm empfangen. Der blosse Gedanke, dass das Schöne mathematisch bestimmbar sei, hat an und für sich etwas Paradoxes, Feindliches und Verletzendes für uns an sich. Wir fühlen auf der einen Seite das strenge Walten des Maasses in der Einrichtung des Schönen, aber wir müssen uns zugleich auf der anderen Seite sagen, dass die Natur und das Gesetz dieses Maasses ein ganz anderes sein müsse als dasjenige der gewöhnlichen strengen Ordnung und Regelmässigkeit der Mathematik. Im Prinzip scheint es eine Nothwendigkeit für den menschlichen Geist zu sein, anzunehmen, dass das Schöne calculabel oder mathematisch bestimmbar sei; aber es bedarf wahrscheinlich einer anderen Art von Mathematik als der gewöhnlichen, um diese Eigenschaft wirklich an ihm festzustellen und zu ermitteln. Nur das mechanische Ding stimmt in seinen Verhältnissen und Formen unmittelbar und genau mit der gewöhnlichen Regelmässigkeit der Mathematik überein. Daher entbehrt dasselbe im Allgemeinen auch der specifischen Eigenschaft oder des Charakters der Schönheit, ausser insofern derselbe in Gestalt einer ausdrücklichen künstlerischen Zuthat mit ihm in Verbindung gebracht wird. Die Gestalten der mechanischen Dinge sind als solche trocken, eckig und langweilig; sie werden bedingt durch einen praktischen Zweck und gehen im Allgemeinen unmittelbar hervor aus einer Bestimmung oder Berechnung der Mathematik. Das Schöne dagegen ist an sich genommen zwecklos und erinnert uns in seiner Erscheinung überall an die Freiheit und Ungezwungenheit des Lebendigen oder Organischen in der Natur. Alles Wirkliche aber, was der Mensch erschafft, ist im Allgemeinen entweder ein Kunstwerk oder ein mechanisches Ding. Auch diese letzteren Gegenstände aber haben immerhin ein gewisses ästhetisches Interesse. Sie sind weder in dem Sinne Bilder und Nachahmungen der äusseren Wirklichkeit als die Werke der Kunst, noch sind sie auch in der eigentlichen und unmittelbaren Bedeutung des Wortes schön. Es giebt aber überhaupt nichts Wirkliches, welches alles ästhetischen Interesses für uns entbehrte. Auch diesen mechanischen Dingen liegen zum Theil ähnlich wie den Werken der Kunst gewisse Motive der Nachahmung oder des Anschlusses an einzelne Vorbilder der Natur und des wirklichen Lebens zu Grunde. Viele dieser mechanischen Dinge sind theils gleichsam Objectivirungen einzelner Organe oder Bewegungen des menschlichen Körpers, theils weisen sie auf bestimmte Urbilder oder Typen in der äusseren Natur hin. Das Werkzeug des Hammers z. B. ist gleichsam vorgebildet in der geballten Faust und dem diese erhebenden Vorderarm des menschlichen Körpers, ebenso der Bohrer in dem sich in irgend einen weichen Stoff eingrabenden Finger der Hand. Die Scheere hat ihren Urtypus in den Organen des Krebses; das von Rudern und Segeln getriebene Schiff ist gleichsam eine Combination des doppelten natürlichen Vorbildes des schwimmenden Fisches und des die Luft durchschneidenden Vogels; die Gestalt des Wagens erinnert an diejenige der auf der Erde wandelnden vierfüssigen Thieres; in der Detonation des Geschützes ist es gleichsam die Naturerscheinung des Gewitters, welche von dem Menschen nachgeahmt und in die Sphäre seiner eigenen Erfindungen übergetragen wird. Alles dieses hat insofern noch einen tieferen Sinn und ein weiteres an Beziehungen reiches Interesse; der Mensch schafft sich in allen diesen Dingen gleichsam die Knechte und den umgebenden Hofstaat seiner eigenen Person, und es ist ausser dem blossen praktischen Zweck immer noch irgend ein anderweites künstlerisch nachahmendes und geistig ästhetisches Interesse hierbei im Spiel. Wir stellen auch dieses ganze Gebiet als eine besondere Provinz des elementarischen ästhetischen Erkennens hin, indem es, wenn gleich von dem des Schönen verschieden, doch mit in die allgemeine Kategorie der ästhetisch interessanten und sinnvoll bedeutsamen Erscheinungen fällt.

Die Natur des Kunstwerkes ist im Allgemeinen die eines idealen und von allem Zufälligen gereinigten Abbildes der allgemeinen Gesetze und Einrichtungsverhältnisse des wirklichen Lebens. Das innerste Einheitsgesetz der Kunst und des Schönen wird insofern kein anderes sein können als dasjenige der Natur oder des wirklichen Lebens selbst. Die Frage nach einem höchsten Einheits- oder Organisationsgesetz alles Wirklichen aber ist allerdings immer eine der tiefsten und wichtigsten in dem ganzen Umfange der Philosophie. Zeising legt seinem Prinzipe des goldenen Schnittes in einem gewissen Sinne die Eigenschaft eines solchen Gesetzes bei, indem er dasselbe im weitesten Umfange nicht blos der künstlerischen sondern auch der natürlichen Erscheinungen als höchste Norm aller Eintheilung nachzuweisen versucht. Ebenso sah Hegel in seinem Prozesse der logischen Dreigliederung das oberste und umfassendste Eintheilungsgesetz alles Wirklichen. So verschiedenartig aber auch die ganzen Ordnungen und Erscheinungsformen des Wirklichen sind, so ist es doch immerhin möglich, dass ihnen allen ein bestimmtes höchstes Einheitsgesetz zur Grundlage diene. Die Lehren Zeisings, Hegels u. A. hierüber haben zunächst überall nur einen einseitigen oder provisorischen Werth. Inwiefern es überhaupt ein derartiges Gesetz giebt, so wird dasselbe nur ein so einfaches sein können, dass es sich mit einer unmittelbaren Nothwendigkeit aus dem ganzen Prinzip oder der Idee einer jeden natürlichen Eintheilung oder Gliederung ergiebt. Wir weisen hierbei entschieden jede Einseitigkeit und Willkürlichkeit des philosophischen Constructionsverfahrens von uns ab, indem wir blos aus der einfachen Natur der Sache selbst den richtigen Weg zur Lösung jenes Problemes aufzufinden versuchen.