Aesthetische Farbenlehre

Part 5

Chapter 53,117 wordsPublic domain

Es sind an sich überall nur einzelne oder vorübergehende Eindrücke, welche uns durch die Wahrnehmungen der Sinne zugeführt werden. Das Gemeinsame und Wiederkehrende dieser Eindrücke bildet für uns den Stoff oder die Basis der Begriffe. Die Seele des Thieres kommt über den blassen Wechsel der Sinneseindrücke nicht hinaus. Die Begriffe aber sind an sich die collectiven Einheiten und Repräsentanten aller einzelnen Gattungen von sinnlichen Wahrnehmungen. In ihnen also ist das an und für sich Feste und Bleibende unseres ganzen inneren Vorstellungslebens im Gegensatz zu dem vorübergehenden Wechsel der sinnlichen Eindrücke enthalten. Die ganze Region der Begriffe ist nichts als eine zusammengezogene Vereinigung und Verdichtung derjenigen der sinnlichen Wahrnehmungen. Es ist insofern absolut falsch, den Inhalt der Begriffe oder das Vermögen des Denkens als eine an sich gegebene unabhängige und selbstständige Region des menschlichen Seelenlebens neben derjenigen des sinnlichen Wahrnehmens und Empfindens ansehen zu wollen. Erst aus den sinnlichen Wahrnehmungen allein ist von Anfang an der ganze weitere Inhalt des Seelenlebens entstanden. Die ganze Frage nach einem rein innerlichen oder a priori gegebenen Besitze des Lebens der Seele beruht an sich auf einer unrichtigen Vorstellung von der geistigen Natur des Menschen und seinem Verhältniss zur äusseren Welt. Man hat hierdurch die eigene Unabhängigkeit und Selbstständigkeit der Vernunft im Gegensatz zu ihrer Abhängigkeit von der äusseren Erfahrung festzustellen versucht. Es geschah dieses insbesondere durch den anthropologischen Idealismus und Subjectivismus der Lehrweise Kants. Alles dieses aber ist an sich nichts als ein falscher und missverstandener Weg, um den Satz von der inneren Freiheit und Würde des menschlichen Geistes zu retten. Man glaubte etwas Bestimmtes feststellen und ausfindig machen zu müssen, was dem menschlichen Geiste an sich oder a priori und vor der Berührung mit der äusseren Erfahrung eigenthümlich sein und auf welchem eben seine ganze innere Herrschaft über die letztere beruhen sollte. Namentlich ist es das Denken und sind es die ganzen inneren Regionen des Lebens des menschlichen Geistes auf welchem zunächst seine Unabhängigkeit von der äusseren Erfahrung und seine Herrschaft über dieselbe zu beruhen scheint. Indirect aber geht auch alles dieses zuletzt nur aus der Berührung mit der äusseren Erfahrung oder durch Anschluss an diese hervor. Es kann nicht gesagt werden, dass irgend ein bestimmtes Moment seines Innern dem menschlichen Geiste bereits an sich oder vor seiner Berührung mit der äusseren Welt gegeben und eigenthümlich sei. Alles dieses Innere in uns weist durchaus und mit Nothwendigkeit auf etwas Aeusseres oder empirisch Gegebenes zurück. Was dem menschlichen Geiste an sich gegeben und eigenthümlich ist, ist blos die Fähigkeit oder Kraft, aus den Erscheinungen der äusseren Erfahrung alles dasjenige Weitere abzuleiten und zu entwickeln, was er in sich selbst trägt und worauf dann seine ganze spätere Freiheit und Herrschaft über jene beruht. Alles dieses innere also kann höchstens im latenten Zustande oder der blossen Möglichkeit nach als ursprünglich in ihm liegend angesehen werden. Das Denken als eine bestimmte Actualität tritt im Leben der Seele erst hervor mit dem Besitze der Sprache und es kann höchstens im potentiellen Sinne des Wortes als etwas ursprünglich in ihr Liegendes angesehen werden. Es geht aber hieraus noch keineswegs hervor, dass das ganze innere Leben der Seele gleichsam eine blosse unmittelbare und nothwendige Folge oder ein mechanischer Abdruck des ausser ihr gegebenen Stoffes der Erfahrung sei. Es war dieses wesentlich die Lehre der Stoiker von der menschlichen Seele als einer tabula rasa, in welcher sich so wie auf der Fläche eines Spiegels mit Nothwendigkeit das gegebene Bild der äusseren Welt reflectire. Nach dieser Lehre müsste eigentlich in jeder menschlichen Seele vollkommen dasselbe Bild der äusseren Welt oder ganz der gleiche Apparat der Anschauungen, Vorstellungen, Urtheile u. s. w. entstehen als in der anderen und es läugneten in der That auch die Stoiker die geistige Individualität, indem sie annahmen, dass alle Weisen oder Vernünftigen in allen Punkten des Lebens mit einander einstimmig sein müssten. Auch der neuere anthropologische Empirismus der Engländer schliesst sich an diesen Vorgang der Stoiker an, nur dass demselben wesentlich die Behauptung der Einstimmigkeit des inneren Vorstellungsbildes der Seele mit dem reinen Wesen oder dem Ansichsein der äusseren Welt fremd ist und es sich hier blos um eine Ableitung des ganzen weiteren inneren Vorstellens der Seele von den zuerst gegebenen einfachen sinnlichen Anschauungen handelt. Kant aber versuchte die Selbstheit der Vernunft oder des menschlichen Geistes zu retten durch die Annahme eines Systemes ursprünglicher oder a priori gegebener Momente des inneren Anschauens, Denkens, Wollens und Vorstellens. Er zog insofern eine Grenze zwischen einem rein subjectiven, innerlichen, a priori gegebenen und einem objectiven, äusserlichen oder a posteriori aufgenommenen Theil des ganzen gegebenen Vorstellungsinhaltes der menschlichen Vernunft. Diese oder irgend eine andere ähnliche Grenze ist vollkommen unhaltbar. Kant stellte sich die menschliche Vernunft in einer äusserlichen oder mechanischen Weise gleichsam vor als ein Gefäss mit einer bestimmten gegebenen Form, deren Gesetz sich der von Aussen in sie eintretende Inhalt anzubequemen habe. Es war diese Vorstellungsweise allerdings eine nothwendige für die Durchführung des Kantischen Grundgedankens von der Superiorität der menschlichen Vernunft über den Inhalt der äusseren Erfahrung. Aber es kann eben das Besondere und Eigenartige des menschlichen Geistes nicht in einen solchen bestimmten und äusserlichen Apparat des Vorstellens verlegt werden. Jeder einzelne menschliche Geist ist zunächst eine bestimmte und eigenthümliche Kraft oder Form des Aufnehmens des Inhaltes der äusseren Welt. Der menschliche Geist überhaupt ist wahrscheinlich auch nur eine bestimmte solche eigenthümliche Kraft oder Form und es darf derselbe keineswegs wie es in der Identitätslehre Schellings und Hegels geschehen ist mit dem Geiste oder der Vernunft an sich und im absoluten Sinne des Wortes verwechselt und zusammengeworfen werden. Von dieser Eigenthümlichkeit des menschlichen Geistes überhaupt aber werden wir annehmen dürfen, dass sie zunächst nur dem Begreifen der uns unmittelbar umschliessenden besonderen irdischen Natur oder Objectivität adäquat sein werde. Wir sind der Geist an sich auf dem Schauplatze und innerhalb der Grenze des Lebens der Erde oder alles desjenigen, was uns zunächst umgiebt, und wir können unsere eigene Subjectivität und Individualität nur begreifen im unmittelbaren Zusammenhang und als das adäquate Organ für das Aufnehmen und Verstehen dieser uns selbst in sich umschliessenden äusseren Objectivität.

Alles dasjenige, was unsere Begriffe in sich enthalten, ist unmittelbar genommen nichts Anderes als dasjenige, was wir an und für sich auch schon in unseren Anschauungen besitzen. Alles Denken entsteht wesentlich nur aus einem Bewusstwerden über dasjenige, was wir zuerst aus der Anschauung oder Empfindung in uns aufgenommen haben. Die Begriffe sind an sich überall die Abstractionen und die innerlichen Vertreter der gleichartigen sinnlichen Anschauungen. Es geht in beiden Abtheilungen des Erkennens zuletzt nach einer wesentlich ähnlichen und gleichartigen Regel oder Gesetzmässigkeit zu. Alles denkende Erkennen ist vom empfindenden an sich dadurch verschieden, dass es in der Aufeinanderfolge der einzelnen Begriffe oder der diese vertretenden Worte der Sprache in einer ganz bestimmten und deutlichen Gliederung seiner Bewegungen vor uns erscheint. Den Fortschritt oder die Bewegung des Denkens können wir hierdurch gleichsam äusserlich messen, verfolgen und bestimmen, während die innere Bewegung unseres Empfindens sich jeder solcher äusserlichen Gliederung oder Bestimmung entzieht. Alles Empfinden erscheint deswegen unklar, unbestimmt und schwankend gegenüber der höheren Reinheit, Klarheit und Durchsichtigkeit des denkenden Erkennens der Seele. Es giebt keine Sprache für das Empfinden in dem Sinne wie es eine solche für den Gedankeninhalt der Seele giebt. Baumgarten aber sah in allem Empfinden eine dunkle und unklare Vorahnung der höheren und vollkommeneren Klarheit des logischen Denkens. Hierauf gründete sich auch seine Meinung, dass das Schöne oder das specifische Object des empfindenden Erkennens nichts sei als eine verhüllte und anschauliche Darstellung eines abstracten logischen Gedankens. Das Schöne wurde hierdurch in seiner specifischen Eigenthümlichkeit neben einem blossen Werk oder einer Erscheinung des verstandesmässigen Denkens verkannt. Eben hierin bestand der allgemeine Irrthum der ästhetischen Lehre Baumgartens. Die Sphäre der Kunst und des Schönen ist an sich eine ganz andere und selbstständige Region neben derjenigen der Wissenschaft und des gedankenmässig Wahren. Für unseren gegenwärtigen Geschmack ist gerade alles Beabsichtigte und gedankenmässig Reflectirte das specifische Gegentheil und die eigentliche Aufhebung der wahrhaften Vollkommenheit des Schönen. Wir verlangen vom Schönen in erster Linie, dass es natürlich sein soll, während man zur Zeit Baumgartens wesentlich noch das Schöne mit dem Erkünstelten verwechselte oder es nicht aus sich, sondern aus seiner Uebereinstimmung mit irgend einer abstracten Idee oder Regel aufzufassen und zu beurtheilen pflegte. Es war dieses im Allgemeinen die Zeit des sogenannten Zopfthumes in der Geschichte der neueren Kunst, welchem auch die ästhetische Lehre Baumgartens zum Ausdruck diente. Man schätzte z. B. insbesondere die Allegorie, welche sich in unserer Zeit einer nur geringen Anerkennung in der Kunst und Aesthetik zu erfreuen hat. Diese ist in directer Weise die Erscheinung oder sinnbildliche Darstellung irgend eines Begriffes oder einer allgemeinen geistigen Idee, und durch Baumgarten wurde wesentlich das Schöne überhaupt in einem ähnlichen Lichte aufzufassen versucht. Man hatte überhaupt damals für das eigentlich Freie, Natürliche und Ungezwungene im Schönen noch kein Verständniss. Die Lehre Baumgartens war der Ausdruck und die Folge des allgemeinen geistigen und künstlerischen Pedantismus seiner Zeit. Es ist aber immerhin wahr, dass die ganze Natur des ästhetischen oder empfindenden Erkennens aufgefasst und beurtheilt werden darf nach der Analogie des denkenden oder logischen. Alles denkende Erkennen besteht darin, mit einem bestimmten gegebenen Begriffe als dem logischen Subject diejenigen Eigenschaften oder Prädicate zu verbinden, welche an und für sich zu ihm gehören oder in denen sein eigener logischer Inhalt und Werth besteht. Eine solche Operation des Denkens ist ein logisches Urtheil und es setzt sich dasselbe naturgemäss immer zusammen aus den beiden allgemeinen Gliedern des Subjectes und Prädicates. Nach dieser Analogie aber darf auch von Urtheilen unseres empfindenden oder ästhetischen Erkennens gesprochen werden. Mit einer bestimmten gegebenen sinnlichen Wahrnehmung, wie z. B. der einer Farbe, verbindet sich irgend eine weitere Empfindungsvorstellung in unserer Seele; hierbei also ist jene Wahrnehmung selbst das zuerst gegebene Subject, diese Empfindungsvorstellung aber das mit ihm verknüpfte Prädicat unseres ästhetischen Erkennens. Alle sinnlichen Wahrnehmungen aber haben es an und für sich an sich, zu Gegenständen oder Subjecten unseres ästhetischen Erkennens erhoben werden zu können, indem wir uns hierdurch bestreben, dieselben in dem ihnen an sich zukommenden geistigen Werth oder in ihrer reinen ästhetischen Bedeutung zu erfassen. Diese bestimmte sich mit ihnen verbindende innere Empfindungsvorstellung ist allerdings ihrem näheren Charakter nach immer etwas Undefinirbares oder Unsagbares; aber es kann doch immerhin versucht werden, sie selbst in Begriffe zu fassen oder sich ihres Inhaltes in deutlicher oder denkender Weise bewusst zu werden. Die Region des Denkens in der Seele tritt zuerst überall aus derjenigen des Empfindens hervor; es kann aber weiter durch das Denken selbst das Empfinden begrifflich erkannt oder in die Form des Bewusstseins zu erheben versucht werden. Eben dieses aber ist es, worin die Aufgabe und das Prinzip aller wissenschaftlichen Aesthetik besteht.

6. Die Farbe und der Ton.

Jede einzelne Gattung der sinnlichen Wahrnehmungen hat an und für sich einen durchaus eigenthümlichen und besonderen Charakter. Die Natur der Farbe aber begrenzt sich hierin zunächst mit derjenigen des Tones. Für unser Ohr ist der Ton dasselbe was für das Auge die Farbe. Aber die Natur und die Bedeutung beider Sinne für das Seelenleben des Menschen ist nichtsdestoweniger eine wesentlich verschiedene. Es ist eine ganz andere Welt von Eindrücken, welche uns durch einen jeden von ihnen zugeführt wird. Durch die Farbe leben wir mehr in Verbindung mit den Dingen in der äusseren Welt oder der Natur, während wir durch den Ton mehr von innerlich geistigen oder menschlich subjectiven Mittheilungen berührt werden. Die Farbe ist uns wichtiger für den Verkehr mit der Körperwelt oder der Objectivität, während der Ton seine Hauptbedeutung in dem geistigen Leben der Subjectivität hat. Der Mangel des einen oder des anderen Sinnes hat deswegen auch eine vollkommen verschiedene Ausbildung und Richtung des menschlichen Seelenlebens zur Folge. Die Function und Leistung des anderen unversehrten oder vorhandenen Sinnes wird hierdurch nothwendig eine ausgedehntere und grössere. Beim Taubstummen befindet sich das mechanische Formengeschick, beim Blinden das Gefühl für Musik in vergleichsweise günstigeren Bedingungen der Entwickelung. Es muss dort die Function des Auges zum Theil diejenige des Ohres, hier aber die letztere die erstere mit übertragen. Das ganze Seelenleben des Taubstummen ist auf die Basis der Wahrnehmungen durch das Gesicht, dasjenige des Blinden auf die von denen durch das Gehör gegründet. Jener lebt an sich nur in äusserlichen oder sichtbaren Bildern und Anschauungen, dieser aber in innerlichen subjectiven Gefühlsvorstellungen oder Empfindungen. Das ganze Seelenleben des Taubstummen muss sich wesentlich entwickeln in der Richtung von Aussen nach Innen, das des Blinden aber in der von Innen nach Aussen. Jenem ersteren müssen unter Anschluss an die sichtbaren Dinge zuerst die Vorstellungen von den Begriffen und Worten der Sprache beigebracht werden, dieser letztere muss sich auf Grund geistiger Mittheilungen ein inneres Bild von einer sichtbaren oder körperlichen Welt zu erschaffen versuchen. Bei dem vollsinnigen Menschen aber ergänzen sich überall beide Gattungen von Wahrnehmungen oder Eindrücken zu der Entstehung seines Gesammtbildes von einer sinnlichen und geistigen Welt. Der Sinn des Gehöres aber ist an sich der im specifischen Sinne des Wortes geistigen oder subjectiven, der des Gesichtes dagegen der sinnlichen oder objectiven Seite des den Menschen umgebenden Daseins zugewandt.

Die Menge der auf den Menschen eindringenden Wahrnehmungen durch die Farbe ist an sich überall eine unendlich grössere als diejenige der Wahrnehmungen durch den Ton. Unsere ganze Communication mit der Natur beruht hauptsächlich auf den Wahrnehmungen durch das Gesicht oder die Farbe. Nur durch die Farbe empfangen wir im Allgemeinen ein vollständiges Bild von dem Ganzen der uns umgebenden wirklichen oder natürlichen Welt. Alle anderen Sinne ergänzen hier zuletzt nur dasjenige, was uns durch die Farbe oder das Gesicht zugeführt und mitgetheilt wird. Jedes einzelne Ding in der Natur wird durch die Vermittelung der Farbe in seiner äusseren Erscheinung von uns erkannt, während die Thätigkeiten der übrigen Sinne sich überall nur auf vereinzelte und untergeordnete Phänomene in der natürlichen Wirklichkeit beziehen. Die Menge der Farbenerscheinungen in der Natur ist insbesondere für uns eine unendlich grössere als diejenige der Phänomene des Tones oder des Schalles. Die Natur ist wesentlich für uns ein Gemälde gegenüber dem Auge, aus welchem nur in sehr beschränktem Umfange auch einzelne Wahrnehmungen des Tones an unser Ohr heranzutreten pflegen. Der Ton überhaupt entfaltet sich erst in der Sphäre des Menschen theils als Sprache, theils als Musik zu seiner höheren künstlerisch gegliederten Vollkommenheit, während der blosse Naturlaut im Allgemeinen noch jedes höheren Reizes oder jeder geordneten Vollkommenheit entbehrt. Auf dem Gebiete der Farbe aber ist umgekehrt die Natur uns oder dem Menschen in unbedingter Weise überlegen, indem alle künstlichen Farben des Malers weit hinter der Reichhaltigkeit und Pracht der Farben in der Natur zurückbleiben.

Es liegt im Wesen des Tones, dass er nicht in der gleichen Reichhaltigkeit und Fülle seiner Erscheinungen von uns aufgenommen werden kann als die Farbe. Es wäre unerträglich für uns, wenn zu derselben Zeit ebenso viele verschiedene Tonwahrnehmungen an unser Ohr herantreten wollten als Farbenwahrnehmungen an unser Auge. Die einzelne Farbe ist für uns ein Mittel der Wahrnehmung nur insofern, als sie sich zugleich mit gewissen anderen Farben berührt und begrenzt. Jeder einzelne Ton dagegen will rein und unvermischt mit anderen Tönen von uns wahrgenommen werden. Eine Mehrheit gleichzeitiger verschiedener Töne ist an sich schlechthin unerträglich für unser Ohr. Die einzelne Farbe verlangt andere Farben neben sich, während der einzelne Ton an sich jeden anderen Ton neben sich ausschliesst oder ganz allein an unser Ohr heranzutreten verlangt. Wir würden nichts sehen, wenn Alles um uns her ganz die gleiche Farbe trüge. Es liegt im Wesen der Farbe, neben einander zu erscheinen, im Wesen des Tones aber, einzeln und nach einander von uns vernommen zu werden. Auch ist jeder Ton im Ganzen nur eine schnell vorübergehende, die Farbe dagegen eine dauernde und bleibende Erscheinung in den Dingen. Es ist überhaupt eine weise Einrichtung der Natur, dass sie uns mit Wahrnehmungen des Tones nicht in dem gleichen Maasse überschüttet hat als mit solchen der Farbe. Es bedarf im Allgemeinen der Mensch der Stille um ihn her und es nimmt der einzelne auf uns eindringende Ton das Leben und die Aufmerksamkeit unserer Seele an und für sich in einer ganz anderen und schwerer fern zu haltenden Weise für sich in Anspruch als das dem Auge erscheinende Lichtbild oder die Farbe. Wir können schwerer von dem Eindrucke des Tones abstrahiren als von demjenigen der Farbe. Wir sind z. B. bei dem Anhören einer Musik weit mehr die Sklaven unserer sinnlichen Eindrücke als bei der Betrachtung eines Gemäldes oder eines landschaftlichen Bildes. Die Musik und überhaupt der Ton reisst uns an sich gewaltiger und unwiderstehlicher mit sich fort als alles dasjenige, was in sichtbarer Weise unserem Auge erscheint. Hier ist es nur die besondere Bedeutung des Wahrgenommenen selbst, welche unter Umständen einen solchen unwiderstehlichen Eindruck und Reiz auf uns auszuüben vermag, während dort die blosse physische Gewalt des Tones an sich sich an unsere Seelen heftet. Ein jeder überflüssige, lästige und unangenehme Ton ist uns daher an sich bei Weitem peinlicher, widerwärtiger und unerträglicher als Alles, was uns durch die Farbe erscheint. Den Eindruck der Farbe auf uns können wir in jedem Augenblick leicht durch uns selbst von uns abstreifen und es stört uns dasjenige, was wir sehen, im Allgemeinen nicht oder nur wenig in der Verfolgung des eigenthümlichen inneren Weges des Lebens unserer Seele. Die Gegenstände oder Bilder, die mich in meinem Zimmer umgeben, sind nicht störend für die Arbeit meines geistigen Denkens, während gegenüber dem Geräusch der Strasse, dem Geschrei meines Kanarienvogels u. s. w. es immer einer gewissen Anspannung oder Abhärtung bedarf, um sich hierbei nicht beirren zu lassen. Der Ton ist an sich überall das Bild einer Unruhe oder Bewegung und ruft daher auch in der Seele immer den Eindruck einer solchen hervor. Die Farbe ist im Allgemeinen etwas Bleibendes und der Ausdruck eines vorhandenen Dinges oder einer feststehenden Beschaffenheit in der äusseren Welt. Es ist an sich vielleicht möglich, dass die Menge des Tones in der Natur ganz die gleiche sei als diejenige der Farbe, d. h. dass so wie jeder Körper uns in einer bestimmten Farbe erscheint oder von dem Auge durch das Lieht erkannt wird, so auch jede Bewegung in der Natur an und für sich von einem bestimmten Tone oder Geräusche begleitet sei und daher eigentlich auch von unserem Ohre wahrgenommen werden könne. Es finden aber gewiss auch kleine und unbedeutende Molecularbewegungen fortwährend um uns herum statt und es giebt daher wahrscheinlich auch noch bedeutend mehr Geräusche in der Natur als solche wirklich durch unser Ohr vernommen werden. Zunächst ist nur uns gegenüber die Natur verhältnissmässig arm an Tönen im Vergleich zu ihrem sonstigen Reichthum an Farben. Eine solche Fülle von Tönen aber wie gelegentlich in einem amerikanischen Urwald oder ein unendlich lauter Ton wie das Getöse einer Schlacht sind an sich für den Geist des Menschen etwas durchaus Unerträgliches und es ist nur die längere Gewöhnung, welche unsere Aufmerksamkeit gegen ein sich fortwährend wiederholendes Geräusch, wie etwa gegen das Klappern einer Mühle abzustumpfen vermag.