Aesthetische Farbenlehre

Part 4

Chapter 43,444 wordsPublic domain

Alles dasjenige, was wir auf empfindendem oder ästhetischem Wege erkennen, ist nothwendig etwas in irgend welcher Weise sinnlich Gegebenes. Eine jede ästhetische Erkenntniss ist die Folge und Nachwirkung eines Eindruckes unserer Sinne. Dieser Eindruck selbst ist überall wesentlich das Object, um dessen Erkenntniss es sich handelt. Wir erkennen durch die sinnlichen Eindrücke zunächst die äusseren Dinge in dem, was sie an sich selbst oder unmittelbar genommen sind. Dieses blos physische Erkennen oder Wahrnehmen aber ist noch nicht dasjenige, was als ein Act unseres geistigen oder psychischen Empfindens angesehen werden kann. Auch das Thier erkennt alle sinnlichen Dinge in der Welt ganz ebenso gut als wir, aber es wird in seinem inneren Empfinden nicht in derselben Weise von ihnen berührt als der Mensch. Auch Kant hatte bei seiner Lehre vom ästhetischen Erkennen zunächst nur die blossen aus der Aussenwelt aufgenommenen sinnlichen Anschauungen vor Augen. Dieses ist etwas Anderes als was wir hier und mit höherem Rechte das ästhetische Erkennen der Seele nennen. Es ist etwas Anderes, eine Farbe, einen Ton u. s. w. einfach sehen oder hören und ihn nach seinem ferneren Werthe oder nach seiner tieferen geistigen Bedeutung verstehen und in unsere innere Empfindung eintreten lassen. Die Sinne sind für uns noch mehr als die blossen Organe zum Wahrnehmen oder Erkennen des Thatsächlichen in der gegebenen Natur der äusseren Dinge. Die wahrgenommenen Erscheinungen und Dinge rufen in uns überall noch bestimmte weitere und tiefere Empfindungen hervor. Solche Empfindungen knüpfen sich nicht blos an das Schöne oder an das specifisch Wohlgefällige und Missfällige in den äusseren Erscheinungen für uns an. Die ganze sinnliche Welt hat an sich ein tiefes Interesse und eine mächtige Bedeutung für das Empfinden der menschlichen Seele. Wir sind uns gegenwärtig dieser ganzen Eigenschaft derselben nicht mehr in ihrem vollen Umfange bewusst, weil wir überhaupt jetzt die Welt mehr mit dem Auge des denkenden Verstandes als mit demjenigen der lebendigen Anschauung und der Phantasie anzusehen gewohnt sind. Wir haben auf wissenschaftlichem Wege das Wesen der Dinge erkannt, welches hinter ihren Erscheinungen steht. Wir können uns den Schein selbst jetzt zum Theil in der Art seines Entstehens wissenschaftlich erklären. Anders aber war es, als noch der Schein selbst die ganze für uns gegebene Realität war. Für den natürlichen Menschen, das Kind u. s. w. hat jeder sinnliche Schein noch eine ganz andere und tiefere empfindungsmässige Bedeutung gehabt als für uns. Eben die Unbekanntschaft mit dem hinter ihm verborgenen Wesen der Dinge liess ihn in einem tieferen und bedeutungsvolleren Lichte erscheinen. Für uns sind jetzt die sinnlichen Erscheinungen im Allgemeinen nur Boten und Repräsentanten des zu ihnen gehörigen wesenhaften Inhaltes und Charakters der Dinge. Sie sind für uns an sich ebenso wenig etwas Bestimmtes und Werthvolles als die Worte der Sprache, welche für uns die gewohnheitsmässigen Zeichen und Vertreter der Begriffe des Denkens geworden sind. Wir haben jetzt durch Gewohnheit und Studium gelernt, die Sprache zu verstehen, welche die sinnlichen Erscheinungen zu uns reden. In einer Farbe und einem Ton sehen wir jetzt im Allgemeinen nur den Ausdruck und Boten irgend einer sachlichen Mittheilung über das Wesen der Dinge oder wir wissen empirisch, was alle diese sinnlichen Phänomene zu bedeuten haben und wie sie sich zu der mit ihnen zusammenhängenden Welt der wirklichen Dinge, Vorgänge u. s. w. verhalten. Der rein verstandesmässige Mensch geht im Allgemeinen auch so wie das Thier gleichgültig und in seinem inneren Empfindungsleben unberührt in der Mitte der sinnlichen Erscheinungen einher. Er hat in sich eine Welt des abstracten Denkens ausgebildet und insofern das lebendige Interesse für den unmittelbaren empfindungsmässigen Werth der sinnlichen Phänomene verloren. Das Thier wird im Allgemeinen nur von denjenigen sinnlichen Eindrücken lebhaft und nachhaltig berührt, die eine unmittelbare und praktische Bedeutung für die Erhaltung seines Lebens, die Erweckung seiner Begierden u. s. w. besitzen. Für den natürlichen Menschen aber beim ersten Erwachen seines Seelenlebens hat alles dieses Sinnliche einen tieferen Reiz und ein intensiveres Interesse gehabt als für uns, eben weil hier die Seele noch anschliessend damit beschäftigt war, den empfindungsmässigen Werth aller Phänomene zu ergründen und sich noch ohne Kenntniss ihres actuellen Wesens oder Gehaltes befand. Es ist dieses an und für sich derjenige Standpunct, auf welchen die Aesthetik in unserem Sinne sich zurückzuversetzen hat. Wir fassen die Aesthetik auf als Wissenschaft des menschlichen Empfindens über den gegebenen sinnlichen Schein. Auch die Kunst selbst aber ist ja zuletzt nichts als ein blosser Schein. Allen diesen Schein in seinem Werthe oder seiner Bedeutung für unser Empfinden sich gegenständlich zu machen oder ihn in denkender Weise zu begreifen, eben dieses ist es, worin die wahrhafte Aufgabe und der Begriff aller Aesthetik von uns erblickt wird.

Es giebt in Bezug auf unsere ganze Stellung zum Schönen eine bestimmte Ansicht, welche dahin geht, dass es lediglich das Element der Form, d. h. die äusseren Verhältnisse der einzelnen Theile oder Beschaffenheiten einer Sache seien, auf die sich dieser Charakter derselben oder das ganze Interesse unseres ästhetischen Wohlgefallens an ihr beschränke. Es ist wahr, es ist zunächst überall das Element der Form, wegen dessen wir eine Sache schön finden; nur Verhältnisse sind es, in denen zunächst der ganze Reiz und Charakter des Schönen beruht. Ein einzelner Ton in der Musik ist an sich weder schön noch unschön und allein die Verhältnisse der Töne sind es, auf denen der ganze Eindruck des musikalisch Schönen beruht. So begründet dieses an sich ist, so wenig kann doch gesagt werden, dass die Form oder das äussere Verhältniss allein und als solches genommen der wahrhafte Grund und Gegenstand unseres Interesses an der Sache sei. Das Verhältniss oder die Form ist überall auch nur eine bestimmte einzelne Beschaffenheit in der ganzen Natur und Einrichtung der Sache. Es gefällt uns die Form überall nur in Verbindung mit dem materiellen Inhalt der einzelnen Theile, den sie in sich umschliesst. Es ist insofern ein Missverständniss oder ein Irrthum, in die Form ganz allein und als solche den Schwerpunct oder Sitz des Schönen verlegen zu wollen. Man stellt sich unter der Form häufig etwas Allgemeines vor, was nur auf eine specielle Besonderheit des Inhaltes Anwendung finde und durch welches die ganze Richtigkeit und Vollkommenheit dieser letzteren erst anerkannt und festgestellt werde. Auch in der Aesthetik hat man versucht, bestimmte sogenannte allgemeine oder formale Kennzeichen und Merkmale des Schönen aufzustellen. Man ist insofern hierbei gewissermaassen von dem Grundsatze ausgegangen, dass es irgend ein höchstes und allgemeines Naturgesetz des Schönen geben müsse, welches in jedem einzelnen Falle als das innere Prinzip oder der Grund unseres Wohlgefallens an demselben constatirt werden könne. Alles Schöne ist sich allerdings rücksichtlich seiner Formbeschaffenheit mehr oder weniger ähnlich und wir nehmen zuletzt aus allen einzelnen schönen Dingen einen in gewisser Weise verwandten oder gleichartigen Eindruck in uns auf. Durch alle solche Gleichartigkeit aber wird doch zuletzt die Eigenthümlichkeit und Besonderheit des einzelnen Schönen nicht mit eingeschlossen und erschöpft und wir müssen uns sagen, dass es immerhin keinesweges gleichgültig sei, an welchen besonderen Stoff oder Inhalt uns irgend ein solches allgemeines ästhetisches Formgesetz erscheine. Auch ist zuletzt doch eben das ästhetische Formgesetz selbst ein unendlich dehnbares, mannichfaltiges und vielgestaltiges und es ist bis jetzt wenigstens nicht gelungen, den allgemeinen Charakter desselben an gewisse unzweifelhaft feststehende empirische Merkmale zu binden. Die kritische Beurtheilung des einzelnen Schönen kann hiernach nicht blos in einer einfachen Subsumtion desselben unter irgend ein allgemeines Gesetz oder Prinzip der Form bestehen, sondern es wird nothwendig das allgemeine Gesetz der Form durch die besondere Beschaffenheit des Inhaltes in einem jeden einzelnen Falle in einer anderen Weise abgewandelt und modificirt.

Ein jeder wirkliche Schein setzt sich überall zusammen aus seiner formalen Einheit oder ordnenden Idee im Ganzen und aus dem besonderen materiellen Inhalt oder Wesen seiner einzelnen Theile. Keines dieser beiden Elemente für sich allein hat einen reinen ästhetischen Werth oder kann den Anspruch erheben, als schön und befriedigend zu gelten. Das Verhältniss dieser beiden Elemente aber ist wesentlich dasselbe als dasjenige des formellen und materiellen oder des grammatischen und des lexicalischen Bestandtheiles in der sprachlichen Rede oder im Satz. Die Grammatik ist das System der allgemeinen gesetzlichen Formen, das Lexicon ist das Verzeichniss der sämmtlichen einzelnen materiellen Bestandtheile der Sprache oder der Worte. Eine jede einzelne wirkliche Rede aber enthält theils immer irgend ein allgemeines grammatisches oder syntaktisches Formgesetz in sich, theils besteht sie aus gewissen Gliedern oder Elementen des materiellen oder lexicalischen Wortschatzes der Sprache. Jene Lehre aber, dass der Charakter und Eindruck des Schönen an einer Sache sich lediglich auf das Element der Form oder das Verbindungsgesetz ihrer einzelnen Theile gründe, ist zuletzt eine ebenso einseitige und unzureichende, als wenn gesagt werden wollte, dass unser Interesse und Verständniss eines sprachlichen Satzes sich allein auf die grammatische Form desselben unabhängig von dem materiellen Inhalt oder der Bedeutung der einzelnen in ihm enthaltenen Worte beziehe. Die ganze Wissenschaft von der Sprache setzt sich zusammen aus Grammatik und Lexicon oder aus einem formellen und einem materiellen Theile; ebenso aber kann auch in der Aesthetik einmal eine Lehre von dem formalen Gesetze der Ordnung und Verbindung oder gleichsam eine ästhetische Grammatik und Syntax, andererseits aber eine Bearbeitung des materiellen Werthes oder Bedeutungsinhaltes der einzelnen einfachen Bestandtheile des Schönen selbst unterschieden werden.

Wir glauben den Satz aussprechen zu dürfen, dass an sich jede einzelne sinnliche Wahrnehmung einen bestimmten Werth oder eine Bedeutung für unser geistiges Empfinden besitze. Eine schöne Sache oder ein Kunstwerk ist nur ein bestimmtes System oder eine formale Verbindung solcher einzelner Elemente; auch diese einzelnen Elemente als solche bedürfen einer wissenschaftlichen Bearbeitung in Rücksicht ihres ästhetischen Werthes. Zu diesen einfachen Elementen gehören auch die Farben. Unsere ganze Aesthetik ist namentlich deswegen zum Theil noch unvollkommen, weil man die Aufgabe derselben bisher noch wesentlich auf die blosse Bearbeitung des eigentlichen oder specifischen Schönen, insbesondere in Rücksicht des einseitigen Elementes der Form beschränkt hat. Es giebt noch eine andere oder Elementarlehre der Aesthetik über die empfindungsmässige Bedeutung oder den Werth der unmittelbar gegebenen einzelnen Elemente und Erscheinungen des sinnlichen Wahrnehmens und es hat diese an und für sich die erste Einleitung und Voraussetzung für die Aesthetik im höheren Sinne als die Lehre vom Schönen oder von den wohlgefälligen Verbindungsverhältnissen jener einfacheren Elemente zu bilden. Ich habe deswegen auch in meinem Grundriss einer allgemeinen Aesthetik in diesem Sinne eine niedere und eine höhere Abtheilung des ästhetischen Erkennens unterschieden. Der wahre und vollkommene wissenschaftliche Begriff der Aesthetik ist zunächst noch keineswegs allein derjenige vom Schönen, sondern vielmehr derjenige von den objectiven, d. h. von den sich mit innerer Nothwendigkeit an die sämmtlichen Erscheinungen des äusseren Wahrnehmens anknüpfenden Empfindungen der menschlichen Seele überhaupt und es tritt dieselbe unter diesem Gesichtspunkt namentlich der Logik als der Lehre vom objectiven, d. h. dem an sich wahren oder mit dem geistigen Inhalte der Wirklichkeit einstimmigen Denken verwandtschaftlich zur Seite. Auch bei der Bearbeitung der Logik aber ist es ein Missverständniss oder ein Fehler, wenn hier das Hauptgewicht immer auf das sogenannte formelle Element, die allgemeinen Figuren des Schliessens u. s. w. gelegt wird. Es kommt beim richtigen Denken hauptsächlich immer darauf an, was in dem einzelnen bestimmten Begriffe als solchem enthalten sei oder gedacht werde. Das Element der Form ist überall nur dazu da, die Verhältnisse der materiellen Theile der Sache zu ihrem wahrhaften Ausdruck zu bringen und nicht in ihr, sondern in diesen letzteren selbst ist daher überall der wahrhafte Schwerpunct für unsere Auffassung des Ganzen der Sache gegeben.

5. Das empfindende und das denkende Erkennen der Seele.

Aller Zusammenhang des menschlichen Seelenlebens mit der Aussenwelt findet zunächst seine Vermittelung durch die Wahrnehmungen der Sinne. Die Sinne sind an sich körperliche Organe, deren ganze Functionen aber in einer Beziehung auf das Leben der Seele bestehen. Wie es bei den sinnlichen Wahrnehmungen selbst zugehe, ist eine der tiefsten und schwierigsten Fragen der Physiologie. Es sind dieses jedenfalls Vorgänge von anderer Art als sie sich in der ganzen übrigen sinnlichen Natur vorfinden. Die Lichtstrahlen treffen auch andere Puncte in der übrigen körperlichen Natur als gerade das menschliche oder thierische Auge; aber eben dieses Organ ist specifisch für die Aufnahme und Sammlung der Lichtstrahlen disponirt. Das Licht ist da für das Auge, ebenso wie die ganze äussere oder sinnliche Welt da ist für den Geist oder in diesem das Organ und den einheitlichen Mittelpunct der Aufnahme ihres ganzen Inhaltes findet. Die Dinge sind allerdings da an sich, auch ohne dass sie durch das Auge gesehen oder durch den Geist erkannt und begriffen werden. Aber alles andere Einzelne ist blind und dumm der Welt gegenüber ausser dem Auge und dem Geist. Alles Makrokosmische verlangt ein Mikrokosmisches sich gegenüber. Es wäre ein Mangel in der Welt, wenn es kein Auge gäbe, um sie zu sehen, und keinen Geist, um sie zu begreifen. Das Auge ist insofern der letzte Endzweck des Lichtes und der Geist derjenige der Ordnung in der Natur. Die Natur selbst bringt das Auge und den Geist hervor, damit sie von ihnen gesehen und begriffen werden kann. Die Sinne des Menschen aber sind die ersten Träger und Diener seines ganzen geistigen Lebens. Sie sind diejenigen Theile oder Organe des Körpers, welche der Aufnahme der äusseren Dinge adäquat sind und aus deren Eindrücken sich die Seele ihr ganzes Bild von einer äusseren Welt zusammensetzt. Wir müssen den Sinnen eine allgemeine Wahrhaftigkeit zugestehen, weil sonst unsere ganze übrige Weltauffassung eine hinfällige wäre. Alles actuelle Leben des Geistes oder der Seele ist gebunden an die Thätigkeiten oder Functionen der Sinne und es ist an und für sich ein blosser Schein, als ob die Seele ein rein innerliches oder von der Mitwirkung der Sinne abgelöstes Leben zu führen im Stande sei. Unsere Seele empfängt den ganzen Inhalt ihres Vorstellens zunächst aus den Eindrücken und Wahrnehmungen der Sinne, wenn sie dann auch denselben für sich weiterhin ausbildet und verarbeitet. Dieses reine oder innere Vorstellen der Seele aber hängt auch dann immer noch in gewisser Weise zusammen mit der Thätigkeit oder dem Leben der Sinne. Auch dann, wenn unser Auge blind ist oder wir nichts wahrnehmen von den äusseren Dingen, glauben wir doch bei uns selbst immer irgend etwas zu sehen oder es sind wesentlich immer innere Bilder und Anschauungen, welche bei allen Zuständen und Vorgängen des Lebens der Seele sich in uns befinden. Der That nach ist das ganze geistige Leben des Menschen nichts als ein fortwährendes innerliches Anschauen oder Sehen. Das Leben des Auges und dasjenige des Geistes ist zuletzt thatsächlich eines und dasselbe oder es ist das letztere nichts als eine Reihe von Bildern, die aus der Abwandelung und Reflexion der wirklichen durch das erstere aufgenommenen Bilder in uns entstehen. Es ist streng genommen unrichtig zu sagen, dass die Anschauungen nur einen einzelnen Theil oder eine besondere Art des ganzen Vorstellungslebens der Seele ausmachten. Wir unterscheiden allerdings im Allgemeinen, namentlich nach dem Vorgange Kants, das doppelte Vermögen oder die doppelte Abtheilung alles Vorstellens der Seele, die Anschauungen und die Begriffe. Die Anschauungen entsprechen an und für sich den einzelnen sinnlich gegebenen Erscheinungen und Bildern der äusseren Welt, während dagegen die Begriffe an den allgemeinen oder geistig abstracten Momenten der äusseren Dinge ihren Inhalt oder ihre objective Wirklichkeit haben. Aber inwiefern ein Begriff oder eine ihrem Inhalte nach allgemeine Geistesvorstellung der Wirklichkeit nach in der Seele existirt, so nimmt sie nothwendig immer zugleich die Gestalt einer Anschauung oder eines innerlich von uns gesehenen einzelnen Bildes für uns an. Es ist schlechthin unmöglich, irgend einen abstracten Begriff rein an sich oder als solchen in der Seele vorzustellen und festzuhalten. Immer bekleidet sich derselbe mit irgend einem entweder natürlich zu ihm gehörenden oder doch zufällig und conventionell sich mit ihm verbindenden sinnlich anschaulichen Bilde. Sehr häufig besteht dieses anschauliche Element in nichts Anderem als in der Vorstellung der blossen Schriftzüge des den Begriff vertretenden Wortes. Ueberhaupt hat ein Begriff in der Seele eine wirkliche Gestalt oder Form nur in dem ihn vertretenden Worte der Sprache und alles Denken ist insofern thatsächlich nichts als ein fortwährendes Umgehen und Verknüpfen der inneren Anschauungen oder Vorstellungsbilder der Worte der Sprache. Anschauung und Vorstellung ist insofern eines und dasselbe als auch alle diejenigen Vorstellungselemente der Seele, die keine eigentlichen und unmittelbaren oder objectiv gegebenen Anschauungsbilder sind, doch innerhalb der Seele selbst nothwendig die Gestalt von solchen anzunehmen genöthigt sind. Auch alle diejenigen Wahrnehmungen oder Eindrücke aber, welche uns durch irgend einen andern Sinn als durch den des Gesichtes selbst zugeführt werden, wie Töne, Geruchsempfindungen u. s. w., müssen doch, inwiefern sie in die Seele selbst eintreten oder innerlich von uns vorgestellt werden, nothwendig zugleich die Form einer Anschauung oder eines inneren Gesichtsbildes für uns annehmen und es sind z. B. bei dem Anhören einer Musik doch immer zugleich innere Farben- oder Gesichtswahrnehmungen, welche in unsere Seele eintreten oder mit denen sich alle jene einzelnen Töne für unser Vorstellen umkleiden. Jede andere Sinneswahrnehmung muss, wenn sie in die Seele eintreten oder zu einer inneren Vorstellung werden soll, nothwendig zugleich den Umweg durch den Sinn des inneren Gesichtes oder der Anschauung nehmen oder es bildet dieser Sinn gewissermaassen das αἰσθητήριον κοινόν, in welchem alle anderen Sinneswahrnehmungen sich zuerst vereinigen und sammeln, ehe sie zu einem Eigenthum der Seele werden oder in den Besitz derselben übergehen können. Alles geistige Leben ist zuletzt nichts als ein fortwährendes inneres Anschauen oder Sehen und es ist insofern in erster Linie der Sinn des Auges oder des Gesichtes, an welchen das ganze Leben der Seele sich gebunden findet.

Wir unterscheiden die einzelnen Sinne zunächst in die beiden allgemeinen Gruppen der niederen und der höheren, deren erste den Geruch, Geschmack, das Gefühl, deren letztere das Gesicht und das Gehör in sich einschliesst. Die beiden höheren Sinne sind von den drei anderen zunächst dadurch unterschieden, dass in ihnen kein unmittelbarer physischer Contact mit der körperlichen Materie stattfindet, sondern dass es hier das doppelte Medium des Lichtes und des Schalles ist, welches zwischen uns und die wirkliche Natur der äusseren Dinge in die Mitte tritt. Die höheren Sinne sind hierdurch in einer vornehmeren Weise der Berührung mit der niederen groben Materie entrückt. Ihr Zusammenhang mit dem Leben des Geistes ist ein näherer und directerer als derjenige der niederen Sinne. Es sind zunächst hauptsächlich die beiden höheren Sinne, auf denen unser allgemeines Bild oder unsere ganze Vorstellung von der äusseren Welt beruht. An die beiden höheren Sinne knüpft sich ferner nicht in dem Grade wie an die drei niederen die Unterscheidung des physisch Angenehmen und Unangenehmen und das Interesse an einer blos körperlichen oder materiellen Lebensbefriedigung an. Die drei niederen Sinne sind sämmtlich Egoisten, d. h. es sind überall nur angenehme Eindrücke, welche von ihnen aufgesucht werden, während alles Unangenehme peinlich von ihnen empfunden und zurückgewiesen wird. Auch die niederen Sinne aber haben allerdings immer einen bestimmten Werth für die allgemeine geistige Bildung und ästhetische Erziehung des Menschen. Ihre Verfeinerung hängt immer zusammen mit der allgemeinen Verfeinerung und Veredelung des persönlichen Wesens des Menschen überhaupt. Als eigentliche oder an bestimmten Puncten localisirte und an gewisse selbstständige Organe gebundene Sinne aber sind auch hier streng genommen nur die beiden des Geruches und des Geschmackes zu bezeichnen, während der sogenannte fünfte Sinn, das Gefühl, sich über die ganze Oberfläche des Körpers verbreitet und nur hier in dem Tastvermögen der Finger und Hände seine äusserste Verschärfung oder Zuspitzung erfährt. Die Hand aber ist wesentlich das ausführende oder praktische Organ des menschlichen Körpers für die nach Aussen gewendeten Gedanken oder Antriebe unserer Seele. Es verbindet sich mit ihr auch ein besonders feines Vermögen des Empfindens für die Eindrücke der Haut, woraus mit wesentlich dasjenige entspringt, was wir die praktische oder mechanische Geschicklichkeit nennen. Dieses Organ der Hand fehlt dem Körper des Thieres, während seine sonstigen Sinnesorgane im Allgemeinen denen des Menschen ähnlich sind. Der Mensch überwindet die ganze äussere Welt zunächst nur durch das Organ seiner Hand; er erschafft sich mit ihr zunächst die Werkzeuge, auf deren Anwendung seine ganze weitere äussere oder materielle Cultur beruht. Die Hand ist insofern das körperliche Zeichen oder die Signatur der thatkräftigen Herrschaft des Menschen über die äussere Welt. Umgekehrt besitzt das Thier ein bestimmtes körperliches Organ, welches ebenso das Zeichen oder die Signatur seiner Unfreiheit oder seiner Abhängigkeit von der Macht der physischen Natur ist. Dieses ist der Schwanz, auf dessen ästhetische Bedeutung ich in meinem Grundriss einer allgemeinen Aesthetik hingewiesen habe. Die aufnehmenden Sinnesorgane aber sind an sich dem Menschen mit dem Thier gemein; ein jeder einzelne localisirte Sinn aber ist an sich einer anderen Gattung äusserer Wahrnehmungen oder Eindrücke adäquat. Diese einzelnen Sinne sind gleichsam verschiedene Pforten, deren jede nach einer anderen Seite oder Region der äusseren Welt hinführt. Die beiden grösseren oder Hauptpforten aber sind das Gesicht und das Gehör, von denen jenes im Allgemeinen den räumlichen, dieses aber den zeitlichen Erscheinungen und Vorgängen in der äusseren Welt adäquat ist. Die Wahrnehmungen von diesen aber haben vorzugsweise einen höheren geistigen oder ästhetischen Werth und es wird auf die Untersuchung von ihnen zunächst die ganze Bestimmung des ästhetischen Werthes aller einzelnen Sinneseindrücke gegründet werden müssen.