Part 2
Es könnte hierbei wohl der Einwand erhoben werden, dass alles dieses doch bei Weitem mehr etwas Zufälliges, Ungeordnetes und äusserlich Conventionelles als etwas innerlich Nothwendiges, Gleichartiges und Wesentliches im menschlichen Leben sein möchte und dass insofern allen derartigen Erscheinungen mehr nur der Charakter eines blossen Spieles als derjenige von etwas wirklich Ernsthaftem, Tiefem oder Wahrhaftem zugeschrieben werden dürfte. Es ist wahr, die Ansichten oder Urtheile des Menschen über den Werth und die Bedeutung der Farben gehen anscheinend oft weit aus einander, und es ist der Gebrauch, der von ihnen gemacht wird, oft ein sehr mannichfaltiger und verschiedener. Alles dieses aber gilt zuletzt auch mehr oder weniger von allen anderen ästhetischen Dingen oder Fragen. Das allgemeine Schönheitsideal der einzelnen Völker und Zeiten in der Geschichte ist ein verschiedenes; alle Urtheile über das Schöne sind zunächst blos von relativer oder subjectiver Art; es könnte hieraus anscheinend gefolgert werden, dass es ein bestimmtes absolutes oder objectives Wissen über das Schöne gar nicht geben könne oder dass jede besondere Meinung hierüber den gleichen Anspruch auf Wahrhaftigkeit habe als die andere. Mit dieser Ansicht aber würde aller Aesthetik das Fundament oder der wissenschaftliche Boden entzogen werden. Es ist nothwendig, in Bezug hierauf einen bestimmten reinen und einfachen Standpunct zu gewinnen oder sich die Frage vorzulegen, wie sich das wissenschaftliche Erkennen über das Schöne und alle anderen ästhetischen Dinge zu den gegebenen Verschiedenheiten und Widersprüchen in der Subjectivität des menschlichen Auffassens hierüber zu verhalten habe.
Die Frage nach der Subjectivität oder nach der Stellung des Menschen zu dem gegebenen Object des Erkennens spielt bei allen ästhetischen Dingen eine entscheidende Rolle. Das Schöne ist selbst eine ganz ähnliche Beschaffenheit an den äusseren Dingen für uns als die Farbe, d. h. eine solche, welche wesentlich nur in einer Wirkung oder Beziehung derselben auf uns besteht. Es kann streng genommen auch hier nicht gesagt werden, dass eine bestimmte Sache selbst oder an sich betrachtet schön sei als vielmehr nur, dass sie uns als eine solche erscheine oder von uns schön gefunden werde. Allerdings ist es hier nicht wie bei der Farbe das Subject im physischen, sondern dasselbe im geistigen Sinne des Wortes, auf welches sich diese Wirkung erstreckt. Die Eigenschaft der Farbe an den Dingen berührt zunächst nur unser Auge, die des Schönen aber zugleich unser Empfinden oder unseren Geist. Das ganze Phänomen der Farbe beruht wesentlich auf der subjectiven Organisation unseres Auges oder Gesichtes; unsere Auffassung des Schönen aber ist zunächst ebenso bedingt durch die subjective Organisation des Empfindens unseres Geistes. Der Schönheitssinn der Menschen ist zum Theil ein verschiedener und ebenso bietet die Organisation unseres Auges wohl auch gewisse Verschiedenheiten in sich dar. Wir können an sich nicht wissen, ob wir, d. h. der Mensch überhaupt und näher jeder Einzelne unter uns das Wesen der Farbe und das des Schönen rein und richtig oder so auffassen, wie es seiner eigenen wirklichen Natur nach ist. Es kann sich hier wie es scheint an sich überall nur handeln um die Constatirung subjectiver Eindrücke und Phänomene, nicht aber um ein wirkliches Wissen von der Natur des Objectes an sich. Die Aesthetik wird in diesem Falle wesentlich zusammenfallen müssen mit der Kunstgeschichte, d. h. mit der empirischen Darstellung der verschiedenen wirklichen oder historischen Auffassungen des Ideales des Schönen, aber es wird an sich keinen höheren, reinen und absoluten Standpunct oder Maassstab für die Erkenntniss und Beurtheilung des allgemeinen und objectiven Werthes desselben an sich geben können. Es ist diese Ansicht jetzt in der That eine weit verbreitete und es scheint insofern fraglich, ob überhaupt noch von der Aesthetik als einer selbstständigen Wissenschaft neben der Kunstgeschichte gesprochen werden könne.
Die Subjectivität unserer Auffassung von der Welt ist an und für sich überall der Boden, auf welchem wir selbst stehen und über dessen Verhältniss zu der Objectivität der Sachen wir uns zunächst Rechenschaft abzulegen genöthigt sind. Die Welt reflectirt sich in unserem Geiste in einer bestimmten Weise und wir sind an sich nicht berechtigt anzunehmen, dass diese Weise die allein mögliche oder berechtigte sei. Wir werden namentlich dadurch an ihrer Wahrhaftigkeit zu zweifeln veranlasst, dass sie selbst nicht eine vollkommen gleichmässige und constante, sondern eine nach Massgabe unserer besonderen Subjectivität vielfach getheilte, in sich zerrissene und widerspruchsvolle ist. Jede einzelne Subjectivität aber hat hierbei an sich das gleiche Recht und den gleichen Werth neben der anderen. Es bedarf nichts destoweniger eines bestimmten höheren kritischen Maasstabes für die Abschätzung des Werthes der Urtheile und Auffassungen der einzelnen menschlichen Subjectivitäten. Das Schönheitsideal der Chinesen hat nicht den gleichen Anspruch auf Wahrheit als dasjenige der Griechen. In jeder einzelnen Subjectivität reflectirt sich der allgemeine Inhalt oder das Wesen des gegebenen Objectes in einer anderen und zwar in Ganzen immer mehr oder weniger vollkommenen Weise. Das Erkennen und Begreifen des gegebenen Objectes ist in der einen Subjectivität immer ein höheres und besseres als in der anderen. Es ist hier eben die Aufgabe der Wissenschaft, den besonderen Werth und die eigenthümliche Bedeutung der Auffassung jeder einzelnen Subjectivität in Bezug auf das äussere Object zu ermitteln. Die Kunstgeschichte kann nicht eine blosse blinde Zusammenstellung der verschiedenen Auffassungen und Ausprägungen der Idee des Schönen in der menschlichen Subjectivität sein. Sie wird sich hierbei nothwendig an die Aesthetik anschliessen müssen, um einen Maasstab zu gewinnen für die Beurtheilung des wahrhaften oder objectiven Werthes ihrer einzelnen Erscheinungen. Die Idee des Schönen an sich ist der Führer und Leitstern in den besonderen oder wirklichen Ausprägungen desselben in der Geschichte. Es wird im Allgemeinen wohl angenommen werden dürfen, dass eine gewisse Uebereinstimmung in Bezug auf die wichtigsten Fragen und Puncte des Lebens innerhalb der menschlichen Subjectivität stattfinde; aber es kann nicht ohne Weiteres der consensus gentium oder hominum zum Richter und Maassstab für das Wahre, Gute und Schöne im Leben angenommen werden. Die Aesthetik insbesondere setzt an und für sich eine ideale oder normal angelegte Subjectivität für das Auffassen und Begreifen des Schönen voraus; es wird die weitere Frage entstehen, wie sich diese an sich vollkommene oder ideale Auffassung desselben in den besonderen wirklichen Erscheinungen der Kunstgeschichte modificire.
Dasselbe was von der Auffassung des Schönen gilt, lässt sich gewiss auch anwenden und übertragen auf die Auffassung des Werthes oder der Bedeutung der Farben. Es wird wohl anzunehmen sein, dass der Eindruck oder die geistige Auffassung einer jeden Farbe für die menschliche Subjectivität überhaupt an und für sich der gleiche sein werde. Alle Verschiedenheiten hierbei aber gründen sich zuletzt überall auf den besonderen Charakter oder die eigenthümliche Stellung der einzelnen Abtheilungen oder Fractionen der menschlichen Subjectivität selbst. Kinder, Wilde, Ungebildete u. s. w. finden in der Regel ein besonderes Wohlgefallen an grellen und schreienden Farben; es ist dieses ein niedriger oder unvollkommener Standpunct der ästhetischen Bildung oder Erudition überhaupt. Junge Mädchen haben vielleicht eine besondere Vorliebe für das Rosa; hierin ist noch nicht ein absolutes Urtheil über den Werth dieser Farbe an sich enthalten, sondern es wird dieselbe nur für sie selbst und ihren besonderen Lebensstandpunct als vorzugsweise passend von ihnen erfunden. Südliche Völker lieben zur Bekleidung meistens bunte Farben; dieses hat zum Theil einen klimatischen Grund und der Südländer steht überhaupt zur Farbe an sich vielfach in einem anderen Verhältniss als der Bewohner des Nordens. Bei den Muhammedanern z. B. ist die grüne Farbe die heilige; grün ist die Fahne des Propheten, nur Muselmänner dürfen grüne Turbane tragen u. s. w. Auch diese Auffassungsweise hat zum Theil vielleicht einen klimatischen Grund; das Grün ist dort im Sommer immer eine seltene, kostbare und dem Auge wohlthuende Erscheinung, weswegen sich dort an dasselbe vielleicht ganz andere Empfindungen und Vorstellungen anknüpfen mögen als bei uns. Dass der Neger manches weiss nennen wird, was wir schwarz nennen, ist klar, da er sich durch seine blosse Hautfarbe von Anfang an in einem anderen Verhältniss zur Farbe befindet als wir. Es gilt auch hier überall den besonderen Werth einer jeden einzelnen menschlichen Auffassung über die Farbe aus ihren eigenthümlichen konkreten Verhältnissen heraus kritisch zu betrachten und zu prüfen. Mit dem allgemeinen Stimmrecht der Menschen hat es in ästhetischen Dingen eine gleiche Bewandtniss als in politischen; nicht jeder ist in gleichem Grade urtheilsfähig und es müssen auch hier die Stimmen überall nach ihrem besonderen Werthe geschätzt und abgewogen werden.
Die Idee des Schönen ist es, welche nach der allgemein angenommenen Auffassung ihres Begriffes den Gegenstand für die Bearbeitung der Aesthetik bildet. Wir halten diese Begriffsbestimmung der Aesthetik nicht für die richtige und vollkommen genügende. Das Schöne bildet allerdings thatsächlich zuletzt den Mittelpunct und Hauptgegenstand alles ästhetisch-wissenschaftlichen Erkennens, aber es erscheint immerhin als falsch, den Bereich dieser Wissenschaft auf die blosse Erkenntniss oder Bearbeitung jenes Begriffes als solchen zu beschränken. Das Schöne ist nicht allein dasjenige, welches den Gegenstand des ästhetischen oder des der Sphäre der Empfindung angehörenden Erkennens des menschlichen Geistes bildet, sondern es ist der unmittelbare Begriff oder die natürliche Bedeutung des Wortes der Aesthetik jedenfalls eine andere als diejenige einer blossen Wissenschaft oder Erkenntniss vom Schönen als solchem. Es kommt aber zuletzt Alles darauf an, den allgemeinen Begriff einer Wissenschaft richtig festzustellen, weil nur hierdurch allen weiteren Irrthümern und Missverständnissen ihrer Behandlung vorgebeugt werden kann.
Der Name der Aesthetik ist für das ganze Gebiet der Erkenntniss vom Schönen in der neueren Zeit zuerst aufgestellt worden durch Alexander Baumgarten, einen Schüler von Leibniz. Baumgarten gilt insofern mit Recht als der erste Urheber und Begründer der ganzen neueren deutschen Aesthetik überhaupt. Er hat mindestens versucht, das ganze Gebiet der Erkenntniss vom Schönen zuerst in einer rein wissenschaftlichen Weise aufzufassen und zu bearbeiten. Der von ihm aufgestellte Name der Aesthetik ist von da an der allgemein herrschende oder angenommene in der Wissenschaft geworden und es ist nicht gelungen, denselben durch irgend einen anderen zu ersetzen oder zu verdrängen. Wir haben jetzt fast vergessen, dass die Bedeutung dieses Namens ursprünglich doch eine etwas andere ist, als diejenige der blossen Lehre vom Schönen. Der ganze ästhetische Standpunct Baumgartens ist allerdings ein solcher, der von der neueren Aesthetik längst überschritten worden ist und der uns selbst im Allgemeinen als ein unvollkommener, hölzerner oder barocker erscheint. Ich stehe nicht an zu bekennen, dass ich nichtsdestoweniger diesen Standpunct an sich, abgesehen von seiner näheren Durchführung, als den richtigen oder als denjenigen anerkenne, der das wahrhafte Prinzip oder die rechte und eigentliche Basis für die ganze wissenschaftliche Auffassung des Gebietes der Aesthetik in sich enthält. Es ist aber gerade bei einem so schwankenden und vielbestrittenen Gebiet als dieses in besonderem Grade nothwendig, sich über die allgemeinen Bedingungen seiner wissenschaftlichen Erkennbarkeit und Bearbeitung oder über das Formale seines ganzen Begriffes im Voraus eine genaue und sichere Rechenschaft abzulegen.
Die Aesthetik wurde von Baumgarten im Allgemeinen aufgefasst und begründet im Sinne einer Ergänzung oder einer Parallelisirung einer anderen philosophischen Wissenschaft, der Logik. Diese Auffassung erscheint uns gegenwärtig als unwahr und fremdartig, indem uns das Schöne vielmehr in dem Lichte des Gegentheiles oder der Aufhebung der strengen und pedantischen Regelmässigkeit des logischen Denkgesetzes entgegenzutreten pflegt. Wir weisen es im Allgemeinen von uns ab, im Schönen den Ausdruck von eigentlich logischen Gedanken und abstracten Verstandesreflexionen erblicken zu wollen. Wir erblicken den unterscheidenden Charakter des Schönen gerade in der ungezwungenen Natürlichkeit seiner Erscheinung und seines ganzen Eindruckes auf uns, wodurch es insbesondere gegenüber der geradlinigen Eckigkeit eines jeden mechanischen oder einer blossen Verstandesberechnung entsprungenen Dinges charakterisirt ist. Das Aesthetische und das Logische liegt für unsere ganze Geistesauffassung weit auseinander; der Gedanke Baumgartens aber, wenn er richtig verstanden wird, enthält wohl eine gewisse Wahrheit und Berechtigung für unsere ganze Auffassung des Schönen in sich.
Die Aesthetik gehört ihrer Natur nach dem System der philosophischen Wissenschaften an und es hängt ihre richtige Begriffsbestimmung wesentlich mit von der Frage nach ihrer natürlichen Stellung in dem System dieser Wissenschaften ab. Wir erblicken aber allerdings in der Aesthetik nicht wie dieses häufig geschieht, ein Gebiet der blossen mehr oder weniger schwankenden geistreichen und eleganten Conversation, sondern wir versuchen dieselbe so weit möglich zu dem Range einer eigentlichen geordneten und strengen Wissenschaft zu erheben. Die wissenschaftliche Frage als solche ist für uns hierbei überall die wichtigste und entscheidendste, und wir versuchen unter Anschluss an die Lehre Baumgartens unsere ganze Auffassung dieses Gebietes in Folgendem zu begründen.
3. Die Stellung der Aesthetik in dem Systeme der Philosophie.
Baumgarten glaubte in dem System der Philosophie eine gewisse Lücke entdeckt zu haben. Wir haben in der Logik eine Wissenschaft, die sich auf die allgemeinen Gesetze oder Kennzeichen des denkenden Erkennens des menschlichen Geistes bezieht. Eine ähnliche Wissenschaft muss es nach Baumgarten auch geben für das niedere oder das an die Sinnlichkeit gebundene empfindende Erkenntnissvermögen unseres Geistes. Das Verhältniss der Aesthetik zu diesem letzteren Vermögen ist nach Baumgarten dasselbe als das der Logik zu jenem ersteren. Der Begriff der Aesthetik als solcher hat also bei Baumgarten zunächst noch nichts mit dem ganzen Gebiet der Erkenntniss vom Schönen zu thun. Derselbe Gebrauch dieses Wortes findet sich auch noch bei Kant, indem derselbe in der «Kritik der reinen Vernunft» das anschauliche oder ästhetische und das denkende oder logische Erkenntnissvermögen von einander unterscheidet. Wir haben aber mit Unrecht in der neueren Zeit vergessen und ausser Acht gelassen, welches die eigentliche und ursprüngliche Bedeutung des Namens der Aesthetik ist und ich schliesse mich daher hier wiederum zur wahrhaften Begründung des Begriffes dieser Wissenschaft an den früheren Sprachgebrauch Baumgartens und Kants an.
Es ist gewiss, dass alles menschliche Erkennen an und für sich in diese doppelte Region des empfindenden und des denkenden zerfällt. Die Frage nach dem Verhältniss derselben aber ist eines der tiefsten und wichtigsten Probleme der Philosophie. Es hängt wesentlich hiermit unsere wissenschaftliche Gesammtansicht von der ganzen geistigen Natur und Stellung des Menschen zusammen. Es ist dieses Verhältniss in den einzelnen Lehren der Philosophie in einer sehr verschiedenen Weise aufgefasst und dargestellt worden. Wir sind aber gegenwärtig in der Lage, auf Grund positiver Wissensresultate hierüber vollkommener und sicherer urtheilen zu können als früher. Diese positiven Resultate sind wesentlich diejenigen, welche sich durch die neuere vergleichende Sprachwissenschaft für uns ergeben haben. Auch unsere jetzige Psychologie begeht immer noch den Fehler, den Menschen und seine Seele nur ganz an sich oder abstract genommen zum Gegenstand ihrer Untersuchung zu machen. Was der Mensch wirklich ist, kann nur auf dem Boden der geschichtlichen Entwickelung seines ganzen Geisteslebens wahrhaft von uns aufgefunden und festgestellt werden.
Die Wissenschaft der Psychologie entbehrt zur Zeit noch eines jeden wahrhaften Bodens und gesicherten Fundamentes. Wir verstehen unter ihr die Bearbeitung der geistigen oder der an und für sich selbst unsinnlichen Erscheinungen im Leben des Menschen. Alle diese Erscheinungen sind zunächst gebunden an die physischen Bedingungen des Körpers oder des materiellen Substrates des Lebens der Seele. Jeder sogenannte psychische Vorgang ist zugleich mit ein physischer in den Bedingungen und Organen des Lebens des Körpers. Alles eigentlich Actuelle am Menschen ist an und für sich nur dasjenige, was zum Körper und zu seinem Leben gehört. Alles Geistige hat blos die Gestalt einer ideellen Wirkung oder eines vorübergehenden Phänomenes am Leben des Körpers. Es liegt insofern nahe, im Körper die einzige reale Substanz oder die gesammte actuelle Wesenheit des Menschen zu erblicken und aus den körperlichen Bedingungen und Vorgängen allein die ganzen der Seele zugeschriebenen Erscheinungen am Menschen erklären und ableiten zu wollen. Wir müssen uns sagen, dass unser ganzer Begriff der Seele eigentlich nur eine angenommene oder fingirte Ursache ist, auf welche wir einen bestimmten Complex von gegebenen Erscheinungen am Menschen zurückzuführen gewohnt sind. Die Existenz der Seele als einer anderen selbstständigen Natur und Wesenheit neben dem Körper ist an und für sich noch nicht empirisch gewiss oder wissenschaftlich erwiesen. Die Wissenschaft der Psychologie also befindet sich in der eigenthümlichen Lage, dass dasjenige, wonach sie sich benennt, möglicherweise gar nicht existirt und es stehen sich über die ganze Frage nach der Natur des Menschen zuletzt blos zwei allgemeine Hauptansichten gegenüber, die eine, welche in dem Körper oder der Materie allein die reale Substanz oder Wesenheit des Menschen erblickt und die andere, von welcher neben dem Körper zugleich die Seele als ein anderes selbstständiges Prinzip des Lebens im Menschen unterschieden wird. Die erstere Ansicht aber wird auch mit dem allgemeinen Namen des anthropologischen Materialismus, die letztere mit dem des Spiritualismus bezeichnet und es ist jene ihrer allgemeinen Beschaffenheit nach näher ein Monismus, diese aber ein Dualismus. Der Körper oder das physisch Wirkliche ist in dem ersteren Falle die alleinige, in dem letzteren aber nur eine begleitende oder Nebenursache der geistigen Erscheinungen am Menschen. Für den Standpunkt des Materialismus sind alle Erscheinungen und Vorgänge am Menschen zuletzt von einer und derselben Art und es sind die einen von ihnen höchstens die dem Grade nach höheren und feineren gegenüber der niedrigeren und gröberen Natur der anderen, während dagegen für den Standpunct des Spiritualismus die geistigen Erscheinungen des Menschen an sich von specifisch anderer Natur sind als die physischen und sich an diese nur als an die sie begleitenden Unterlagen und Nebenbedingungen gebunden finden.
Es hat etwas Verführerisches für den menschlichen Geist, den Zusammenhang zwischen dem Leben des Körpers und dem der Seele ergründen oder vom Standpuncte der gegebenen physiologischen Thatsachen die Brücke zur Erklärung der psychischen Erscheinungen schlagen zu wollen. Die Lehre von der Seele und ihren Erscheinungen würde hierdurch zu einer Consequenz und einem Ausflusse der Naturwissenschaft erhoben werden. Wir halten alles Zusammenwerfen und Vermischen der verschiedenen Gebiete des Erkennens für einen wissenschaftlichen Fehler; auch wird es nie gelingen, die Grenze zwischen den Erscheinungen des Lebens, der Materie und denen des Geistes wirklich zu überschreiten. Wir weisen daher jeden Anschluss der Wissenschaft der Psychologie an diejenige der Physiologie principgemäss von uns ab. Die gegebenen geistigen oder psychischen Erscheinungen des Menschen bilden ein besonderes Gebiet der Erkenntniss oder Bearbeitung für sich. Die Frage nach dem Wie des Entstehens dieser Erscheinungen aus den Bedingungen des Körpers ist zu sondern von der nach dem Was ihres eigenen Wesens oder Gehaltes; es können Blicke von der einen dieser beiden Seiten nach der anderen hin gethan werden, aber es ist unmöglich, beide in eine Einheit mit einander zusammenzufassen und den Schwerpunkt für die Wissenschaft vom geistigen Leben des Menschen in die Lehre von seinem Körper oder in die Physiologie zu verlegen.
Auch die Wissenschaft der Psychologie bildet an sich einen Theil des systematischen Ganzen der Philosophie überhaupt. Ihre Entwickelung hängt zusammen mit der Entwickelung des allgemeinen wissenschaftlichen Prinzipes dieser letzteren selbst. Sie ist sogar in gewissem Sinne das innerste, wesentlichste und vitalste Hauptgebiet aller philosophischen Speculation. Das an und für sich Wichtigste, was überhaupt vom Menschen erkannt werden kann, ist unter allen Umständen nur er selbst und alle wichtigsten Hauptfragen der Philosophie haben zuletzt ihren Sitz und ihren Ausgangspunkt in der Psychologie. Das ganze Ziel alles Begreifens für die Philosophie aber ist zuletzt ein doppeltes, einmal die uns gegenüberstehende sinnliche Aussenwelt der Natur oder Objectivität, andererseits die Welt unseres eigenen geistigen Innern oder die menschliche Subjectivität oder der Makrokosmus des äusseren Seins und der Mikrokosmus des inneren Fühlens, Anschauens und Denkens. Der Mensch und sein geistiges Leben ist in der ganzen uns umgebenden Welt derjenige Boden, auf welchem wir selbst stehen und in welchem sich die ihn umgebende Aeusserlichkeit selbst abspiegelt und reflectirt. Die Aussenwelt ist für uns nur dasjenige, als was sie sich dem Menschen zeigt und von ihm aufgefasst und erkannt wird. Die Erkenntniss unserer selbst ist daher für uns auch das Wichtigere und der wahrhaft entscheidende Punkt für unsere Erkenntniss der ganzen uns umgebenden äusseren Welt.
Wir postuliren den Begriff der Seele im Sinne eines realen Trägers oder einer Substanz aller geistigen Erscheinungen und Vorgänge im Menschen. Es ist für das wissenschaftliche Begreifen der geistigen Erscheinungen des Menschen an und für sich gleichgültig, ob und welche Realität diesem Begriffe von uns zugeschrieben werde. Die allgemeine Streitfrage des Materialismus und Spiritualismus hat an sich keinen Einfluss auf die Aufgabe der wissenschaftlichen Bearbeitung der gegebenen Erscheinungen der Seele als solcher. Wir sind berechtigt, von der Seele zu reden als von einem an sich einfachen Wesen, welches den Hintergrund oder die Basis eines bestimmten Complexes der wirklichen Erscheinungen am Menschen bilde, wenn wir uns auch sagen müssen, dass dieser Begriff nur eine von uns selbst gemachte und angenommene Fiction oder Hypothese sei.