Part 10
In der Geschichte der Philosophie haben zuerst die Pythagoreer sich mit der Frage nach der allgemeinen Einheit und Ordnung des Wirklichen beschäftigt. Ihnen galt zunächst die Zahl als der oberste Ausdruck oder als das Symbol aller weiteren geistigen Ordnung der wirklichen Dinge. Wir erblicken in diesem Gedanken die erste noch unvollkommene Ahnung einer tiefen und umfassenden wissenschaftlichen Wahrheit, die theils bis jetzt schon durch viele Entdeckungen ihre Bestätigung gefunden hat, theils später vielleicht noch in weiterem Umfange bestätigt werden wird. Es wird wohl so sein, dass alles Geordnete und Organische in der Welt zuletzt mit auf Zahlenverhältnissen beruht oder von der Art ist, dass es an und für sich auch mathematisch bestimmt und berechnet werden kann. Der Umfang dieses mathematischen Elementes in der Wirklichkeit ist vielleicht noch ein grösserer als jetzt von uns angenommen oder vermuthet wird. Die Zahl ist unter allen Umständen immer das festeste und bestimmteste Element alles wissenschaftlichen Erkennens. Alle andere Ordnung im Wirklichen ist wahrscheinlich zuletzt auch eine mathematisch bestimmte und es hat insofern der Gedanke nichts Auffallendes, dass auch das Kunstwerk oder das Schöne als der ideale Ausdruck aller anderen Ordnung in der Natur etwas in seinen Verhältnissen an und für sich mathematisch zu Bestimmendes oder zu Berechnendes sei. Auch die Pythagoreer selbst haben durch die mathematische Bestimmung der Intervalle der Töne zuerst diesen Weg der wissenschaftlichen Erkenntniss des Schönen betreten. Es ist aber vor Allem nothwendig, sich über die mögliche Stellung und Bedeutung dieses mathematischen Elementes in der Einrichtung aller wirklichen Dinge eine sichere Rechenschaft abzulegen.
Alle Beschaffenheiten der wirklichen Welt zerfallen ebenso wie diejenigen des Kunstwerkes in die beiden allgemeinen Kategorieen der Qualität und der Quantität oder der Art und des Maasses. Jeder Theil eines natürlichen Ganzen aber besitzt ein bestimmtes Maass und es ist dieses überall seinem besonderen innerlich qualitativen oder Artcharakter gemäss. Zwischen den Beschaffenheiten der Qualität und denen der Quantität in den Dingen findet überall ein bestimmter nothwendiger und organisch gesetzlicher Zusammenhang statt. Bei einer jeden natürlichen Sache oder einem organischen Ganzen tritt uns zugleich ein bestimmtes System von Artcharakteren und ein anderes mit diesem verbundenes von Verhältnissen des Maasses entgegen. Eine jede Sache in der Natur darf auf Grund ihres Artcharakters überall nur ein bestimmtes Maass in der Mitte aller anderen zu ihr gehörenden oder ihr ähnlichen Dinge erreichen. Wir prüfen und betrachten daher die Verhältnisse des Maasses wesentlich niemals für sich allein, sondern überall nur insofern als sie sich mit den Verhältnissen der Verschiedenheiten der Art verbinden und diesen gleichsam zu einem charakteristischen Ausdruck oder einer Erscheinung ihres inneren Wesens oder Werthes zu dienen scheinen. Bei der Betrachtung der Verhältnisse des menschlichen Körpers z. B. sind es keinesweges allein die äusseren Proportionen des Maasses als solche, sondern dieselben nur in Verbindung oder als eine Inhärenz der qualitativen Unterschiede der Art oder des Wesens der einzelnen Theile, auf welche sich unser Interesse richtet, oder die den Gegenstand unseres ästhetischen Wohlgefallens an der natürlichen oder der künstlerischen Erscheinung dieser ganzen Gestalt bilden. Der Kopf z. B. hat hier einen im Verhältniss geringen Umfang des Maasses, aber er ist in qualitativer Beziehung der bedeutungsvollste und wichtigste Theil des menschlichen Körpers und es ist darum sein Werth für die Gesammterscheinung des letzteren wesentlich der gleiche als derjenige des Ganzen aller übrigen Theile. Es sind ferner die obere und die untere Hälfte des menschlichen Körpers auch qualitativ oder ihrem inneren Wesen nach von einander verschieden und es sind insofern keinesweges allein die quantitativen Proportionen des Maasses, welche bei der Beurtheilung dieses Verhältnisses in Betracht kommen können. Das Maass ist bei allem Wirklichen überall nichts als eine Inhärenz oder eine begleitende Erscheinung der Art, und es ist insofern ein einseitiges und ungerechtfertigtes Verfahren, die Dinge in Rücksicht des ästhetischen Charakters ihrer äusseren Erscheinung allein unter dem Gesichtspunct der äusserlichen Maassverhältnisse ihrer einzelnen Theile auffassen und wissenschaftlich begreifen zu wollen. Hieran scheinen auch die im Uebrigen verdienstvollen Untersuchungen Zeisings über den goldenen Schnitt die Grenze ihrer Wahrheit und Berechtigung zu finden. Das wirkliche Ganze oder das lebendige Ding ist überall eine complexe Einheit von Beschaffenheiten der Art und von solchen des Maasses und es ordnen sich wie es scheint die wirklichen Maassverhältnisse der einzelnen Theile desselben niemals oder doch blos selten und in einer unvollkommenen Weise so ganz einfach dem Gesetz oder der Regel irgend einer mathematischen Proportion unter als etwa diejenigen einer Maschine oder eines sonstigen mechanischen Dinges, welche in der Regel unmittelbar und direct nach einer solchen ausgemessen und festgestellt worden sind.
Wir versuchen die Bedeutung dieses von uns aufgestellten Satzes an einem bestimmten Beispiele deutlich zu erläutern. Nach der Theorie der antiken Metriker gab es im Versmaass drei an und für sich wohlgefällige Verhältnisse, welche in dem dreifachen Zahlenverhältniss: 2 : 1, 2 : 2, 2 : 3 ihren Ausdruck fanden. Dieses waren die drei allgemeinen Versmaasse oder metrischen Stilgattungen, das trochäische, daktylische und päonische, welche auf dem dreifachen Sylbenschema: ̵′ ‿, ̵′ ‿‿, ̵′ ‿‿‿ beruhten. In dem einen derselben also wurde der langen betonten Sylbe oder der Arsis (nach dem antiken Sprachgebrauch im Gegensatz zu dem unsrigen, der Thesis) eine einfache, in dem anderen eine zweifache, in dem dritten endlich eine dreifache kurze Sylbe in der Thesis (dort der Arsis) an die Seite gestellt und es knüpft sich überall offenbar an dieses dreifache Verhältniss der beiden Hälften eines Fusses die besondere Harmonie, der ästhetische Stimmungscharakter oder das Ethos jedes einzelnen Versmaasses an. Da nun die lange Sylbe überall die Ausdehnung oder das zeitliche Maass einer doppelten kurzen besitzt, so besteht im trochäischen Versmaass die Einheit oder Reihe des Fusses aus 3, im daktylischen aus 4, im päonischen aus 5 letzten einfachen Zeittheilen, (morae, χρόνοι) und es beträgt im ersten Falle die Lange der Arsis das Doppelte derjenigen der Thesis, während im zweiten beide Theile einander gleich sind, im dritten aber die Arsis zur Thesis sich wie das Einfache zum Anderthalbfachen verhält, weswegen auch für das erste dieser drei Versmaasse der Ausdruck des γένος διπλάσιον, für das zweite der des γένος ἴσον, für das dritte der des γένος ἡμιόλιον festgestellt wurde. Die ästhetische Lehre oder Meinung war also hier die, dass in jenem dreifachen Zahlenverhältniss allein der Grund oder das bedingende Prinzip des eigenthümlichen Charakters einer jeden diesen drei Arten des Versmaasses enthalten sei. Das Irrthümliche hiervon aber besteht darin, dass auf das innerlich dynamische oder qualitative Moment des auf der langen Sylbe oder der Arsis ruhenden Accentes keine Rücksicht genommen worden war. Die Intensität oder Stärke dieses Accentes ist nämlich überall eine geringere oder grössere je nach der Anzahl der der Arsis des Fusses in der Thesis gegenüberstehenden kurzen Sylben. Das vollständige Schema jener drei Formen des Versmaasses ist insofern dieses: ̵′ ‿, ̵″ ‿‿, ̵‴ ‿‿‿ und es findet in ihnen überall ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen der Stärke oder der intensiven Gewalt des arsischen Accentes und der Länge oder Extensität der thetischen Hälfte des Fusses statt. Der ästhetische Eindruck jedes einzelnen Fusses also entspringt nicht sowohl aus einem Abwägen der blossen äusseren oder zeitlichen Länge der Arsis und Thesis als vielmehr aus einem solchen des innerlichen oder qualitativen Elementes des Accentes mit dem äusserlichen oder quantitativen der kurzen thetischen Sylbenzahl. Dass diese Verschiedenheit der Stärke des arsischen Accentes nicht eine blosse Fiction ist, geht für uns deutlich hervor da, wo mehrere verschiedene Versfüsse zu einer einzigen Reihe verbunden sind wie z. B. pinifer Olympus et Ossa, wo sich von selbst das Bedürfniss einer allmählichen Abschwächung des Accentes der langen Sylben im Verhältniss zu der verminderten Anzahl der thetischen Kürzen geltend macht. Ueberhaupt also bilden die äusserlich quantitativen Verhältnisse immer nur die eine Hälfte des Wesens der Sache überhaupt und wir erklären es insofern für einen Irrthum, jene Verhältnisse nur an sich oder als solche zu einem Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung oder einem Maassstab für die Bestimmung des ästhetischen Charakters einer Sache machen zu wollen.
Eine der tiefsinnigsten und richtigsten Bemerkungen der Pythagoreer war die, dass die allgemeinste und wichtigste Eintheilungsform alles Wirklichen die der Entgegensetzung ist und dass überall von zwei einander entgegengesetzten Theilen oder Hälften die eine die ihrem Werth und ihrer Bedeutung nach höhere oder vollkommenere ist oder zu sein scheint, als die andere. Die Entgegensetzung ist an sich die einfachste und elementarischste Art aller natürlichen Eintheilung oder Gliederung des Wirklichen; das denkbar einfachste arithmetische Eintheilungsprinzip ist dasjenige durch die Zahl zwei und es hat eben dieses an dem Verhältnisse der Entgegensetzung seinen näheren lebendigen oder organischen Inhalt. Ueberall aber findet zwischen zwei qualitativ entgegengesetzten Begriffen oder Theilen eines Ganzen zugleich ein gewisser absoluter Unterschied des Werthes oder des höheren und niederen Grades der allgemeinen Vollkommenheit statt. Es ist insofern bei aller Verschiedenheit des Inhaltes der Qualität doch immer ein bestimmtes gleichmässiges oder constantes Verhältniss des Unterschiedes der Quantität oder des Werthes, welches sich durch alle wirklichen Gegensätze hindurchzieht. Wir geben diesem Verhältnisse auch dadurch einen Ausdruck, dass wir denjenigen Begriff, der uns als der höhere oder vollkommenere gilt, regelmässig überall an die erste, den anderen dagegen an die zweite Stelle zu setzen pflegen, so wie wir z. B. sagen: Gott und Welt, Thier und Pflanze, Mann und Weib, Gutes und Böses, Oben und Unten, Rechts und Links u. s. w., nicht aber umgekehrt. Dieses allgemeine Gesetz der qualitativen Entgegensetzung aber erinnert gewissermaassen an die Zeising'sche Regel des goldenen Schnittes als das angenommene oberste Prinzip aller organischen oder lebendigen Eintheilung der Quantität oder des Maasses. Auch dort giebt es überall einen Major und einen Minor oder eine stärkere und eine schwächere Hälfte eines höheren gemeinsamen Ganzen und es darf angenommen werden, dass das Verhältniss dieses doppelten Unterschiedes der Qualität auch innerlich ein ähnliches sein werde als das jenes doppelten Unterschiedes des Maasses oder der Quantität.
Das Verhältniss des goldenen Schnittes hat, wie es scheint, auch an sich selbst einen gewissen Anspruch darauf, als höchster Ausdruck einer unmittelbar wohlgefälligen und organisch-lebendigen Proportion oder Eintheilung des Maasses zu gelten. Das Zusammenstimmende oder Passende in den Verhältnissen des Maasses bei allem Organischen und Schönen ist nicht von der Art, dass es durch irgend eine einfache arithmetische Formel ausgedrückt werden könnte oder mit einer solchen übereinzustimmen schiene. Hierdurch unterscheidet sich offenbar die Ordnung alles Lebendigen von derjenigen des durch uns selbst kunstmässig berechneten mechanischen Dinges. Dieses letztere hat seine mathematische Proportion oder die Formel seiner arithmetischen Ordnung ausser sich selbst und es macht eben darum in seinen Verhältnissen im Allgemeinen einen eckigen, unschönen und unlebendigen Eindruck. Dem Organischen und dem Schönen aber ist das Prinzip der mathematischen Ordnung an sich selbst inwohnend oder immanent und es bringt eben darum auf uns den Eindruck des Freien, Natürlichen, Ungezwungenen und eigenartig Selbstständigen hervor. Das Organische und das Schöne ist einheitlich geordnet, aber der Gedanke dieser Ordnung ist ein ihm selbst inwohnender und nicht wie der des mechanischen Dinges ein von Aussen her auf dasselbe übertragener. Wir finden es daher nicht regelmässig oder begrifflich gestaltet im Sinne der gewöhnlichen mechanischen Mathematik, aber es ist gleichsam eine tiefere innerliche oder organische Mathematik, welche uns in ihm zu walten scheint. Es ist möglich, dass auch unsere ganze Mathematik selbst noch einer Erweiterung fähig ist, inwiefern es ihr gelingen sollte, die Gesetze und Verhältnisse der organischen oder lebendigen Gestalten der Dinge zu begreifen. Die gewöhnliche Geometrie ist nur die Wissenschaft von den reinen oder abstracten Elementen und Verhältnissen des Raumes. Die Gestalten der wirklichen oder lebendigen Dinge aber scheinen sich gleichsam als Fortsetzungen oder speciellere Durchdringungen an jene reinen Elemente des Raumes anzuschliessen, etwa ähnlich wie die wirklichen Materien und Stoffe der Natur durch die Chemie als Producte der Verbindung und innigen Durchdringung der reinen und einfachen stofflichen Grundelemente nachgewiesen werden.
Die Regel des goldenen Schnittes bildet insofern ein durchaus eigenthümliches und singuläres Verhältniss oder Prinzip der Eintheilung des Maasses als hier in einem und demselben wirklichen Verhältniss zweier Theile der nämliche Unterschied des Maasses sich zweimal zugleich vorfindet, indem die grössere Hälfte eines Ganzen durch dieses letztere oder durch die Summe seiner beiden einzelnen Hälften gerade um ebenso viel wiederum aufgehoben oder übertroffen wird als sie selbst über die kleinere hinausragt oder als diese von ihr aufgehoben und übertroffen wird. Das Ganze ist hier gleichsam der natürliche Rächer des Unterliegens der kleineren Hälfte gegenüber dem Uebergewichte der grösseren, da diese ihm selbst gegenüber gerade um so viel kleiner ist als sie grösser war im Verhältniss zu jener. Die grössere Hälfte ist ganz in demselben Maasse der Major im Verhältnisse zu der kleineren oder dem Minor als sie selbst der Minor ist im Verhältniss zu dem Ganzen oder der Summe. Wir glauben hierin gewissermaassen einen Ausdruck der ethischen Idee der Gerechtigkeit in der natürlichen Vertheilung des Maasses erblicken zu dürfen. Auch das Gesetz oder der Gedanke einer Tragödie beruht zuletzt ganz auf demselben Princip oder Verhältniss, welches uns hier auf dem Gebiete des Maasses in der Regel des goldenen Schnittes erscheint. Der tragische Held, ein verhältnissmässig grosser Mensch, ist hier gleichsam der Major, welcher ein bestimmtes Unrecht begeht, indem er über den Minor oder über den Maassstab der gewöhnlichen und kleinen Dinge oder rechtlichen Verhältnisse des menschlichen Lebens hinausgreift und diesen verletzt; er wird hiefür aufgehoben oder vernichtet durch die höhere Idee der Gerechtigkeit, welche im Ganzen oder in der Gesammteinrichtung oder im allgemeinen Verlaufe des menschlichen Lebens waltet und es muss die ihn treffende Strafe überall dem Maasse jenes von ihm begangenen Unrechtes adäquat sein. Das Ganze also ist auch hier immer ganz in demselben Maasse das Grössere oder Stärkere gegenüber dem Major als dieser selbst gegenüber dem Minor und es sind wesentlich überall diese drei Factoren, aus denen sich die Idee oder Einrichtung einer Tragödie zusammensetzt. Das Gesetz der ethischen Gerechtigkeit im Leben und das der ästhetischen oder organischen Harmonie in allem Lebendigen ist also wesentlich überall eines und dasselbe und es schliesst sich auch das Verhältniss des Major und des Minor oder der stärkeren und schwächeren Hälfte eines jeden sonstigen qualitativen Gegensatzes im Leben, wie z. B. des Männlichen und des Weiblichen, an die nämliche Grundform aller wirklichen Eintheilung oder Gliederung an.
Die innere Harmonie einer jeden specifisch schönen Sache oder eines Kunstwerkes ist allerdings überall noch eine höhere, reinere und vollkommenere als die des gewöhnlichen, wirklich lebendigen oder organischen Dinges. Es ist vielleicht möglich, diesen Unterschied an irgend ein bestimmmtes näheres oder specifisches Merkmal zu binden. Das wirklich Lebendige oder Organische strebt durch sich selbst in einzelnen seiner Erscheinungen der reineren und höheren Vollkommenheit des Künstlerischen zu und es ist das Kunstwerk selbst überall nur der Ausdruck des höchsten und eigentlichen Vollkommenheitszieles der empirischen Dinge in der übrigen wirklichen Welt. Wir glauben den Satz aussprechen zu dürfen, dass diese höhere und reinere ideale Vollkommenheit in der Erscheinung des Kunstwerkes gegenüber der sonstigen gemeinen Wirklichkeit ihren nächsten und wesentlichen Grund überall darin habe, dass dort die an sich schwächeren oder überhaupt die der Seite des Minor in einer jeden organischen Entgegensetzung angehörenden Elemente sich auf eine verhältnissmässig höhere Stufe der Bedeutung oder der äusseren Anerkennung ihres inneren Werthes gestellt und erhoben finden werden als hier. In der wirklichen Welt regiert im Allgemeinen das rohe und brutale Uebergewicht des Stärkeren über das Schwächere und es beruht hierauf zuletzt der allgemeine Eindruck des Unbefriedigenden oder des das Gefühl der ästhetischen Gerechtigkeit Verletzenden, welches dieselbe für uns an sich trägt. Im Kunstwerk oder in der Sphäre des Schönen dagegen wird das an sich Schwächere im Allgemeinen immer nach dem ihm inwohnenden geistigen Werthe zu seiner wahrhaften und berechtigten Geltung gegenüber der rohen Gewalt des Stärkeren gebracht und es gründet sich eben hierauf jener Eindruck des höheren ästhetischen Gerechtigkeitsgefühles, welcher aus der wahrhaft und vollkommen schönen Sache für uns entspringt. Das Niedrige und Gemeine tritt im Kunstwerk zurück und der verborgene Werth des Edlen gelangt hier zu seinem wahrhaften Rechte. Die Waagschale des Major und des Minor wird im Kunstwerk zu Gunsten dieses letzteren Elementes um ein Bestimmtes gegenüber der Wirklichkeit verändert und es ist anzunehmen, dass dieses dann überall der richtige Ausdruck des wahren und eigentlichen oder rein idealen Standpunctes und seinsollenden Verhältnisses beider Elemente sein werde. Hierauf gründet sich überall der Eindruck des Leichten, Edlen und unmittelbar Gefälligen, welcher dem Kunstwerke gegenüber der wirklichen Sache beiwohnt. So wird in allen idealen oder an das Künstlerische anstreifenden Verhältnissen des Lebens dem weiblichen Geschlecht eine relativ hervorragendere Stellung neben dem männlichen angewiesen als dieses sonst in allen gewöhnlichen oder nüchternen Einrichtungen der Fall zu sein pflegt. Die Pflanze als der Minor des organischen Lebens in der Natur hat ebenso für die Kunst einen verhältnissmässig höheren Werth als das Thier. Im Versmaasse wird von dem kurzen Sylbenelement immer ein verhältnissmässig grösserer Gebrauch gemacht oder es tritt dasselbe dem Elemente der langen Sylbe hier in einer verhältnissmässig grösseren Wichtigkeit und Stärke zur Seite als dieses in der gewöhnlichen Rede der Fall ist oder es wird auch hier in der Kunstgestalt der Sprache die Bedeutung des Minor gegenüber der des Major überall um ein Bestimmtes erhöht. Es ist aber zuletzt überall nur die Auflösung des gegebenen Schönen in den Complex seiner sämmtlichen sowohl qualitativen als quantitativen Beschaffenheiten und die Vergleichung oder Abwägung des relativen Werthes aller seiner einzelnen Elemente unter einander, in welcher das wahrhafte Prinzip der wissenschaftlichen Erkenntniss desselben erkannt werden kann.
End of Project Gutenberg's Aesthetische Farbenlehre, by Conrad Hermann