Adelina; oder, Der Abschied vom neunzehnten Lebensjahre. Aufzeichnungen
Part 2
Jetzt war Werther sich gewiß, daß er alles verdorben hatte. Sein Schuhabsatz bohrt sich in die zarte Rohseidene, die er immer so schonungsvoll behandelt hatte, aber plötzlich steht er auf, schlägt die Bettdecke zurück und warf er sich wieder hin, und Messingbett kreischt auf ...
Sein Gesicht drückt sich in den Polster, Schultern rissen am Körper. Er weint: ...
Luise hatte wieder ihr neues Kleid an, sie war heute allein ... Es war im Hamerlingpark, um 6 Uhr.
Als sie sich zum zweitenmal begegneten, kam sie auf ihn zu und machte einen Scherz, sie sagte lieb: »Soll ich Ihnen aushelfen, heute?«
Sie lachte und sah ihn von der Seite an. Die linke Halbschuh(...)schuhspitze stellte sich auf dem Wegsand auf und so blieb Luise stehen, die linke Hand in den weißen Spitzen am Hals. Und der kleine emaillierte Amor hing daran und hielt sein Füllhorn ...
Da wurde in Werther ein böser Gedanke lebendig; er fühlte, wie dieser seinen ganzen Körper angriff, und mit einer von tausend Gefühlen gepeinigten Stimme sagt er langsam: Nein, danke ...
Luise stellte den linken Fuß nieder, fast stampfte er, ihr Kopf machte eine unvollendete Bewegung, die Finger ließen die Spitzen los, aber die Hand blieb an der Brust. Selbst der kleine Amor wird konfus und verliert das Gleichgewicht unter seinem Füllhorn. Luisens Mund öffnet sich, und schweigt ...
Plötzlich fixiert sie ihn, einen Schritt zurücktretend, ihre Nasenflügel beben, etwas Hartes liegt in ihrem Gesicht und sie macht Kurzsichtigkeitsfältchen bei den Augen ...
Sie lachte auf, ha, ha!
Er verharrt auf seinem Platz.
Pause.
Luisens Freundin kam gerade die Stufen in den Park herauf. Luise ruft sie an, und eilt ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen ...
Er drehte sich langsam auf dem Absatz herum, die Hand auf dem Rücken und schaut ihr nach, Lächeln im Gesicht ...
Einst
Mai, Firmlingssonntag.
Warum so traurig, fragte ein fünfzehnjähriges Fräulein mich. Aber ich wußte es ganz bestimmt, ich war nicht traurig. --
Warum höre ich niemand heimlich hinter der Tür flüstern: Heute hat er wieder seinen melancholischen Tag.
Jeder geht darüber hinweg, summt sein Liedchen und merkt nichts.
Ich hörte mich: Ach, das ist nur heute so. Und vielleicht ist es nur Laune. Aber wie oft tröstete ich mich so?
Nein, Launen können nur verwöhnte Hündchen haben, oder doch nur minderwertige Menschen. Und ich möchte doch kein minderwertiger Mensch sein. Und wollt ihr jetzt noch, es sei Laune, kann ich euch erwidern: Könnte da ohne jedes Arg sein, was ich sage, tue und denke? Aber alles und alles habe ich lieb und so kann es wieder nicht Laune sein ...
In der Adriaausstellung hörte ich, wie die Kalanderlerche leise trillert.
Aus einem kleinen, finstergemachten Bauer kam dies Vögleintrillern.
Aber es fand keine Beachtung, nein, man hörte es ja kaum.
Wenn sie aber viele Meter hoch oben in der Luft singt, unter dem Himmel, im Äther ... wer lauscht ihr da, der kleinen Kalanderlerche?
Der liebe Gott, basta.
Die Hände gekreuzt über die Brust, den Kopf auf die Seite geneigt, so ist er ganz Ohr ... Dann sah ich einen Firmling ...
Blaßgelbe Halbschuhe. Und Strümpfe von blaßgelber Seide. Und ein blaßgelbes Seidenspitzenkleid, darunter ein rosa ... War es wohl schon ein sechzehnjähriges Fräulein und das Kleid, schon etwas länger war es ...
Schmale langsüße Beine, wie die der kaffeeschänkenden Luisen in den Frühlingsgärten auf den Wandgemälden ... Offenes, kastanienbraunes Haar, Langlocken, Locken der Jenny Lind.
Die Kähne glitten unter den Seufzerbrücken weg, und die zahllosen Wimpel, von einem Mast zum andern, flattern im Maiwind und die Schnüre, an denen Glühlampen aufgehängt waren, baumelten.
Ein Boot legt an, und in dieses wird er einsteigen, der Firmling ... der Gondeliere, Plecha von der Donaulände, graziös reicht er die Hand ihrem Leben. Und die Augen des Firmlings glänzen, und unter seinen Augen glüht es heiß ...
Ach, wie ich diesen Firmling gleich liebte und alles ...!
Westbahnhof. Im Gewühl der Menschen schreibe ich dieses:
Wir fahren aufs Land!
Ich machte die Milchglastür hinter mir zu. Das Milchglas zitterte leise und die Milchglasgenie, mit dem Fruchtkorb auf dem Kopfe, zitterte mit.
Es war zwölf Uhr und ich ging schlafen.
Mein Großvater, der Herr Waldförster, hatte gesagt: Trab, trab, Kinder, schlafen gehen, und damit meinte er seine vielen Enkel, die alle in Großvaters und Großmutters Stuben zusammengekommen waren, aus der Stadt und von dort und von da.
Großvater und Großmutter hatten diamantene Hochzeit zu halten gehabt und auch ein wenig getanzt. Und jetzt war es zwölf Uhr nachts und Wein, Braten und Torten, Birnen und Nüsse lagen verlassen auf der langen Tafel.
Und als er das gesagt hatte, der Großvater, sagte ich auch gute Nacht und fromme Wünsche, war folgsam und ging in das Zimmer, das Großvater und Großmutter für mich bestimmt hatten.
Über den Gang ging ich und hier war es schon längst stockfinstere Nacht, auch als in den Stuben noch heller Sonnenschein brannte und nicht die vielen Lichter, die Großvater und Großmutter angezündet hatten, zu ihrem Fest in der Augustnacht ...
Über den Gang ging ich und machte die Milchglastür hinter mir zu ...
Welch herrlich feuchter Grasduft, der das Zimmer erfüllt!
Die Fenster waren offen und weiße Vorhänge schwanken langsam und blähen sich auf. Jedesmal, wenn ein Windzug draußen an den Baumblättern herabglitt, der auch die Hirschzungen am Fenster nicht ruhen ließ ...
Ich gehe einen Augenblick ans Fenster und spreite meine Ellenbogen auf das weiße Fensterbrett. Ach, alles hier war mir lieb und teuer.
Die Garten- und die Wiesenvögelchen wollten noch nicht schweigen!?
Von ganz hinten im Garten hörte ich einen Vogel. Aber es war keine Nachtigall, nein, ich hätte noch nie eine gehört, antwortete ich einmal auf eine Frage ...
Da trillert plötzlich irgendwo eine Lerche empor. Von meines Großvaters, des Herrn Waldförsters Graswiese!
Jetzt um zwölf!?
Was mochte ihr da eingefallen sein?
Aber ganz oben verstrickte sich ihr Gesang wie eine zarte Spinnwebe im Buschgezweig und brach ab ...
Ich gehe vom Fenster weg und die Kommode (liebes altmodisches Wort), ein Klavier, Stühle, Vasen und Photographien blickten mich freundlich an, obwohl ich ja hier nur ein Fremdling war ...
Dann legte ich mich in das Bett. Auf dem Sofa.
Corra und ich hatten sie ausgeführt, diese eine Improvisation.
Decken und Leintuch! Es fröstelte einem beim Hineinlegen, so frisch waren sie und die Zusammenlegefalten konnte man von der Tür aus sehen, bei aller Dunkelheit -- --
Um zwei Uhr früh zündete ich die Kerze an, Adelina, dann las ich deinen Brief ...
Der Türpfosten
Wenn ich zurückdenke, an den Pfosten der Türe zum Vorhaus mich erinnere!
Nachtfinsternis, draußen spielt sich ein Gewitter ab. Und Corra geht und macht den einen Flügel der Vorhaustüre zu. Damit der Regen nicht so hereinkartätschte.
Mein Großvater, der Waldförster, hat es aus dem Zimmer heraus anbefohlen.
Ach, und was jetzt folgt, hat Corra wahrscheinlich einmal auf einem Bilde gesehen: ... Corra stellt sich neben mich, faßt meinen Arm und:
»Schau das Gewitter an ...«
Die Wolken hingen in dicken Fetzen und romantisch, braune Kupferkessel, fast bis zur Erde, und die Bäume bogen sich und pfiffen und schüttelten mit Riesenlaubbüscheln, benahmen sich wie hysterische Weiber.
Ein reißender Bach fuhr bereits an den Vorhausstufen vorbei, in den der Regen hineinprickelte. Bei jedem Blitze, mit Siebenmeilenstiefeln über Land, sah sie mich an ...
Ach, schaute zu mir auf. Und ich: Jedesmal aufwärtsblickend: Sie vertraut sich dir an ... Sie vertraut sich dir an ...
Aber eine dritte Person in der Nachtfinsternis neben uns!?
Hans!?
Ach, er hat sogar ein Butterbrot!
Plötzlich fühle ich etwas an meinem Arm.
Butter!?
»Mein neuer Anzug!!«
Corra zieht mich ins Gewitterlicht. (Sie hüpfen ordentlich vor Ausgelassenheit, die zwei ...)
Und sie faßt ihre blaue Schürze, Corra »Komm, komm ...«
und wischt sorgfältigst Butter von meinem Ärmel ...
Sie liest dabei in meinen Augensternen.
Auch das, was ich in meinem Innersten denke: Nie, nie werde ich dir dies vergessen ...
(Der Anzug war mir nichts ...)
Wir gingen wieder auf unseren Platz in der Nachtfinsternis, ihr Arm schlüpft unter meinen: Ich beschwöre mich: Pst ... Pst ... p.. p..
Ein weißes Blatt Papier wirbelt in der Gewitternacht empor!!
»Das ist das Blatt, das wir im Gartenhaus vergessen haben, das Blatt, das wir im Gartenhaus vergessen haben!!!«
Sie gerät in Bewegung, sie klatscht in die Hände, und auf drei Sekunden ganz an mich gedrückt, wag ich's nicht, mich zu rühren ...
Ach, es wollte gewiß zu den verlassenen Abendsternen, dieses weiße Blatt Papier ... Es kämpfte einen gräßlichen Kampf mit der Gewitternacht.
Liebes, weißes Blatt Papier, diese deine Sehnsuchten nach den Abendsternen, nie werden sie erfühlt werden ... vielleicht wirst du noch aufgespießt von einem rechtwinkeligen Blitz. Auf dieser, deiner Irrfahrt ...!
Morgen finde ich dich in einer Feldlache, zerweicht, zerknittert, beschmutzt ...
Sommerfrische
1.
Der Regen hatte aufgehört, man konnte wieder die Sonnenschirme ausspannen, und also nahmen sie die, Mutter und Schwester, und gingen aus.
Der Herr Sohn bleibt zu Hause?
Bei diesem schönen Wetter bliebe er zu Hause?
Er wolle ein wenig üben, sagte er ...
-- Nun so solle er üben.
Und damit hatten sie ihre Schirme genommen und waren gegangen, Mutter und Schwester.
Er trank ein Glas Wasser, dann ging er auf sein Zimmer hinüber.
Da waren die Fenster offen und er schloß sie. Nein, ein halbes konnte ja offen bleiben und so ließ er ein halbes offen.
Draußen liegt die Luft wie stille See. Eine graue Taube läßt sich vom Schlag herunter, sie hält die Flügel ausgebreitet und bewegt sie nicht. Dicht über dem Boden beginnt sie mit den Flügeln zu schlagen und in Blätter, die da liegen, kommt Leben; die Blätter gleiten einen Menschenschritt an der Erde hin und das ist für sie wie eine Erinnerung an eine glückliche Zeit ...
Da sie noch an den Zweigen hingen, an dem schlanken Stengel!
Ja, die Blätter wollten es mit den Vögeln halten, das stille Leben da auf dem Baume hatte ihnen nicht mehr behagt und im Winde sich schaukeln war ihnen nicht genug. Hinflattern, wohin es ihnen beliebte, wollten sie.
Da lagen sie nun, irregeführt, im Staub und spürten die Lebenskräfte schwinden.
Ja, da mochten sie jetzt sehen, wie es ihnen erging!
Die Sechsuhrsonne hing an olivengrünen Tapeten, an kastanienrotem alten Gerümpel.
An dem wächsernen Christus unter dem Glassturz fließt ein dünner, gelber Strahl vorbei.
Der kam durch ein Loch in der Gardine.
... Er blickt auf die glänzende, weiße Tür; es war ihm so wohl ... Er nahm seine Noten vor.
-- -- Chopin? ...
Ja, Chopin würde er spielen.
Er legt das Heft auf das Pult und stimmt. Ein paar Striche, Griffe übers Griffbrett herunter, dann faßte er die Geige mit dem Kinn, stieß mit der linken Hand den Ärmel zurück und: Piano ...
Das rechte Handgelenk bog sich sanft, ruhig wie ein Schwanenhals und die süßen Triller flogen wie kleine Kalanderlerchen ans Fenster und setzten sich dort auf dem Fensterhaken ...
Wer spielt denn da oben? -- Er hielt inne.
-- Ich! --
-- »Ich?« wer »ich?«
Pause.
... Ein Damenlachen beugt ihn zum Fenster heraus. Mit der Geige unter dem Arm, da prallt er zurück, die Blonde in Trauer stand unten.
An der Hand hatte sie ein vierjähriges Mädchen. Das hielt eine Puppe im Arm und sah dorthin, wo Mama hinsah ...
2.
Nach vier Tagen.
-- Sie sind der Violinspieler?
-- Ja.
Er lächelt. Sein rechtes Knie zittert, er habe noch um Entschuldigung zu bitten, sagt er.
-- Nein, der Herr nimmt dir deine Blumen nicht, sei still, Martha ... Was war es, was Sie spielten?
-- Chopin. Ein Nocturne.
Sie überging ganz, was er vom Entschuldigen gesagt hatte.
-- Chopin ..., sie sah an ihm herunter. Ihr Blick hielt bei seinem Knie und blieb da:
-- Ja, wie komme ich da jetzt aus diesem Wald heraus?
Er deutet mit der Hand:
-- Dann kommt eine Bank, von da geht ein Weg hinunter, gerade bis hinter das Haus des Herrn Presoli.
-- Wie, Sie wissen sogar wo ich wohne? die schwarze Glacéhand am Kinn.
-- Sie standen unter dem Tor und redeten mit ihm, Herrn Presoli, er hielt die Mütze in der Hand. Und dann gingen Sie mit ihm in die Zimmer hinauf; an einem Freitag war es.
-- An einem Freitag? Ja, ja, da bin ich hiehergekommen.
Sie heftet die Augen auf einen Punkt und sagt das so hin, dabei klopft sie mit dem Finger auf die weißen Zähne.
-- Also guten Tag!
-- Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Weg bis zur Bank zeige?
-- Ach nein, danke! Jetzt finde ich ihn ja.
Sie lächelt und nickt, dann ging sie.
Er verschwand schnell. Hinter einem Baum sah er ihnen nach. Das Jäckchen des kleinen Mädchens war schwarz, kaum so groß wie ein Bilderbuch und der kleine Hut war schwarz, nur das Röckchen war weiß und die Strümpfe und Schuhe waren wieder schwarz ...
So trippelt es einher neben seiner Mama, die behend und aufrecht zwischen den Bäumen hinuntersteigt ...
Er ging hinauf bis zum »Kamm«.
3.
Der Sonnabend fiel aus den Bäumen. Auf dem Waldboden, in den dürren Nadeln blitzte es, daß es in den Augen weh tat.
Plötzlich wandte er sich um: Sie stand unten auf der Fahrstraße ...
Ein Holzweib sagt etwas zu ihr und die Frau öffnet die kleine Handtasche ...
Sie stieg langsam herauf.
Durch das Weggesträuch mit ihren langsamen Schritten. Plötzlich ist sie zwischen den Bäumen verschwunden. Aber da kam sie schon wieder auf den Weg heraus und er ist froh ...
Das Gesicht zurückgewandt, den einen Fuß vorgestellt, verweilt sie und schaut hinab zu den roten Dächern ...
Als sie wieder ihren Weg fortsetzt, tut er so, als wäre er wegen der Aussicht da und stellt sich auf.
Ein paar Schritte noch und sie war heroben.
Jetzt sah er auch, was sie in der Hand hatte, ein Babyhut war es, aus weißem Leinen. Den hält sie sich vor das Gesicht. Wie sie an ihm vorbeikommt, hat sie ein graugrünes Kleid an und weiße Handschuhe bis über den Arm hinauf.
Da setzt sie sich auf eine Bank und legt den Arm auf die Lehne.
Sein Herz klopft und treibt ihm das Blut ins Gesicht und als er sich der Bank nähert, werden seine Beine unsicher. Er vermag es nicht, den Arm zu heben und zu grüßen ...
Aber zwei Augen gingen mit ihm und um den Mund war ein Lächeln, das sagte: Ja, ja, ich bin es, mein Lieber.
Die Schuhspitze klopft auf dem Boden ... Der Arm auf der Banklehne spielt mit dem weißen Hütchen und der andere liegt wie eine schöne, weiße Schlange im Schoß ...
Er atmet auf, als er auf dem Plateau anlangt. Das hieß »der Kamm«, und es hat der Wind freies Feld da.
Er lächelt mit sich und blickt zu Boden; in seinem Hirn ging es drunter und drüber ...
Er sieht sich nach ihr um, da schaut sie zu ihm herauf: Er geht langsam zurück.
Und vorbei ... Nein, er wagte es nicht.
Sie verzieht den Mund und »du Kipfel« heißt das.
Nach zehn Minuten taucht er wieder auf. Aber er ging wieder bis zum Plateau --
Sie schaut in den Wald hinein, fächelt mit dem weißen Kinderhut, da kommt Presoli.
Wie der auf dem Plateau ist, stützt er sich auf seinen Stock, steht so, betrachtet sich die zwei und denkt wohl: Ei ja ... Ein Blick nach ihm hin, er trollt sich und verschwindet.
Das kleine weiße Hütchen auf dem Knie, spitzt sie den Mund, und sie pfiff ...
Er wagt es; aber gerade jetzt stand sie auf und ging hinunter!
Er eilt ihr nach. Rechts von ihr: Verzeihen Sie, ich möchte Ihnen das geben ...
-- Was? fragt sie im gröbsten Dialekt.
Hinter ihrem Festungswall, dem Babyhut, und sie ist brennrot im Gesicht.
Er hält ihr einen Brief hin mit der rechten Hand.
-- Haha!
Dasselbe glaubt auch der Wald, denn er wiederholt es.
Sie nimmt den Brief mit der Linken. Eine feine Hand ist in dem weißen Handschuh, hinter der weißen Kappe lacht die Frau.
Nicht ganz so groß ist sie wie er. Ihre Schritte erinnern an die blendender Stuten vor dem Leichenwagen, denen der Galopp versagt ist.
-- Er läßt sie über den Weg und sie geht hinunter.
... Nun war er wieder auf dem Plateau. Und viel weiter unten, da stand sie, ihr graugrünes Kleid nach der neuesten Mode.
Das Körpergewicht ruht auf dem rechten Bein, so stand sie und las. Vom Gemeindeplatz tönten die Glocken herauf. Dann geht sie rasch weiter und ihre rechte Hand mit dem Blatt Papier schwenkt übertrieben stark in der Luft.
4.
Mondnächte, wie in dem Tanzmärchen, da das adelige Fräulein Strohlendorf plötzlich mitten auf dem Märchen-Waldboden stand, hergeweht von den Cephyren. Auf einem Bein, Kopf hintenüber, erstarrt, in Hingebung ... Unbekanntem ...
... Und eine Hoboe die Sterne herabflötet zu ihr ...
-- Auf dem »Kamm« hatte der Wind seine letzten Seufzer ausgehaucht. Kein Hälmchen rührt sich. Das einzige, was sich regt, das Flimmern der Sterne. Da raschelt es im Laub und zwischen den Bäumen kommen zwei daher. Im grünen Mondlicht, das an den Bäumen herabfließt, am Boden weiterrieselt und irgendwo unter dem modernden Laub in die Erde lautlos hineinrinnt. Puck, Bohnenblüte, Oberon.
Langlangsam ...
Kommen zwei daher, eng aneinander, sie stehen Brust an Brust, dann gehen sie wieder ...
Warum hast du mir das nicht gesagt? fragt sie. Keine Spur von Dialekt. Das Lächeln mit geschlossenen Augen, das zittert in ihre Stimme hinein ...
5.
Auf dem Fußweg im Lärchenwald kollert ganz plötzlich der Mond.
Der Junge ging da und taumelte, bald über den Weg, bald zwischen den Bäumen und hielt die Hand ans Gesicht gedrückt.
Er setzt sich auf einen Baumstrunk ...
6.
Die Front des Hauses ist im Dunkeln. Der Mond steht verklärt auf dem Dachfirst und schaut von da in den Himmel hinauf.
Ein einziges Fenster ist schwach erleuchtet, ein unschuldiges Lichtchen brennt hinter den Scheiben.
Drei weiße Fensterpölster sind da, die schimmern durch die Nacht ...
Jetzt kämmt sie sich, denkt er, und sitzt auf seinem Holzstoß im Schupfen. Die Torflügel sind ausgehoben und die halbe Welt liegt vor dem flügellosen Tor und der Himmel darüber ist angefüllt mit Sternen.
Ein Fenster ist weit geöffnet und ein Fensterhaken hängt nach.
Aber er baumelt nicht, nein, nein, die Luft liegt wie Öl.
Jetzt hast du dein Licht ausgelöscht?!
... Leise hustet jemand im Zimmer.
Jetzt kommt sie ans Fenster! denkt er, und seine Hände legen sich langhin auf den Holzstoß ...
Vor dem Tor wächst ein Halm, der bewegt ein einziges Mal seine Spitze, dann steht er wieder kerzengerade ...
... Da ist sie?!
Aber es war das nur der Vorhang, der plötzlich vom Mondstrahl getroffen wurde.
Eitel Silber rauscht armdick aus der Brunnenröhre und in die Kufe und das ist das einzige Geräusch auf dem großen Hof.
Er wartet und wartet, und auf seinem herrlich mit Wasser frisierten Scheitel glänzt der Mond.
7.
Die Sonne ist schon fort. Ein hochrotes Wolkenband brückt über den Himmel weg. Unter ihm fährt der Abendzug weg. Eine weiße Säule, schräg in den Himmel, über sich ...
Das Kinn an den Hals gedrückt, stand er da. An seinem Leib konnte man die Rippen zählen, durch das dünne Sommergewand.
Ich wandere, beschließe ich. Bleibt ihr alle da, wollt ihr nicht mit mir!
Ich habe Mond und Sterne auf meiner Seite, sie gehen mit mir. Das ganze Firmament!
Ich laufe auf dem Schienenweg und probiere die Sterne aus.
Die Reise
Ich bin reisefertig.
Corra ging noch einmal hinauf in ihr Zimmer, um die Jacke; die Abende werden jetzt schon kühl. Ich stehe an den Pfosten der Türe zum Vorhaus gelehnt und warte. Und das macht mir Freude, daß ich hier so stehen darf, gelehnt an den Pfosten und warten ...
Und sie lassen mir ihn, den Pfosten, die hier heroben sind und hausen. Menschen voll Güte ...!
Ich stehe an den Pfosten gelehnt und überschaue von da aus die große weite Welt.
Corra kommt. Sie hat ihre Jacke, im Gehen ruft sie dem Küchenmädchen zu, ob sie die Levkojen hineingenommen habe. Marie?
... Ja, tönt es zurück.
Levkojen? frage ich.
Ja, sagt sie und lächelt. Und so kommt es, daß meine Augen noch einmal über das Haus gleiten müssen ... Und heimlich verabschiede ich mich von den großen, weißgetünchten Schornsteinen und von dem Himmel, der gleich hinter dem Dachfirst anfängt. Die paar Wölkchen, die ganz rot dahergesegelt kommen, inbegriffen. Und dann vom Dache extra. Das hat seine helle, ziegelrote Farbe schon ein wenig eingebüßt.
-- Liebe Corra, laß mich deine Jacke tragen.
-- Nein, ich habe meine neue Jacke mitgenommen, du verdrückst sie mir.
Und ich lasse ab, von diesem meinem Wunsche und denke bei mir: Corra hat eine neue Jacke mitgenommen und im Geiste lege ich den Finger auf die Stirne: Die neue Jacke ...
Jetzt vergesse ich, mich noch einmal umzusehen! Nach dem Pfosten der Türe zum Vorhaus zu schauen ... Und die weißgetünchten Schornsteine? Aber alles ist schon untergetaucht und verschwunden ... Ja und das mit der Jacke war unser ganzes Gespräch. Corra geht zwei Schritte weit neben mir, dann drei ... Und jetzt geht sie gar lächerlich nahe neben mir ... Corra?
Ich werde grob und sage zu mir: Halts Maul! Und jetzt erinnere ich mich, daß sie tralala machte.
Wer nun war daran schuld, wie ich, daß sie nun wieder weit von mir in der Herbstsaat herumstieg!
Eine ganze Straßenbreite weg stiefelt (...) sie in der Ackererde.
Corra kommt zu mir herüber, legt ihren Arm auf den meinen, schaut mir ins Gesicht (...) und sagt: du, du kannst meine Jacke tragen ...
... Und sie gibt ihre Jacke ...
Die neue Jacke ...
Und sie tut das ganz offen, ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Meine Arme waren lahm ... Meine Füße gingen mechanisch. Corra hängt sich sogar in mich ein.
Und sie gehen fort, eine geschlagene Stunde, miteinander ... Und, du, du kannst meine Jacke tragen, bleibt unser ganzes Gespräch ...
Istrianische Kalklandschaft
Aus roter Erde, Sparsam windgestreut in Kalkfelsenspalten, Hängen Büsche Salzkristalle. Und in dunkle Meeresfalten Rollen Steine. Weit, Ein einzig Fleckchen Erde, Gott behielt es sich zu seinem Acker. Sonst alles tot und leer ... Wär nicht ein flüchtig Rad Zweier Delphine, Enteilt es übers Meer, Stille stünd' die Zeit ...
Wien, 30. September 19..
Plötzlich waren Sie wieder da, bei Vater, Mutter und Schwester.
Ein Wagen stand vor dem Tor, unter der Laterne.
Den Wagenschlag öffnet eine Frau, im Tor hat sie gewartet und lange dagestanden und die Straße hinauf und hinunter geblickt, ein weißes Taschentuch an den Mund gedrückt.
Jetzt war der Wagen da und sie eilt zum Wagenschlag und öffnet ihn.
Und da ist es eine junge Dame im Reisekleid, die aus dem Wagen steigt, langsam und bleich. Ihre Hände in grauen Handschuhen ringen sich um den Hals der Frau und so bleiben sie, Mutter und Tochter ...
Zugleich schlägt oben in den Stockwerken ein Fenster zu und ein Schrei, der, an den geschlossenen Fenstern der stillen Gasse noch fortflatternd, sich zerstört ... Und die den Schrei tat, ein junges Mädchen, Leonarda, die Schwester der Dame im Reisekleid, kommt aus dem dunklen Tor hervor, sie weint laut, stürmisch faßt sie die Angekommene unter dem Arm, die Schwester, die noch immer und wortlos an dem Hals der leise schluchzenden Mutter hängt.
Der Kutscher schaut vom Kutschbock herab auf die drei; eine Gruppe vor einem dunklen Tor in stiller abgelegener Gasse, bei dem gelben Schein einer Laterne, verweilen drei Frauen, leise schluchzend die eine, während das junge Mädchen seinen Gefühlen freien Lauf läßt, laut weint, zu allen Fenstern hinauf, in der stillen Gassennacht ...
Und das Gesicht der Dritten liegt bleich, auf dem Hals der Mutter, ohne Träne, unbeweglich, mit zugefallenen Lidern wie ein Marmorgesicht ...
Und dann in dem dunklen Hausflur, sehe ich, wie sie nun langsam den Fuß vom Boden abhebt und vor den andern setzt.
Das Marmorgesicht liegt auf der linken Achsel der Mutter und an derselben Seite geht Leonarda mit kleinen Schritten und stützt mit beiden Händen die Schwester.
Und ich habe sie erkannt, Frau Farweller ...
* * * * *