Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman

Part 9

Chapter 93,084 wordsPublic domain

Es war eine Lieblings-Gewohnheit der jungen Gräfin, vielleicht auch Beförderung ihrer sanftern Ruhe -- da ein leidender Körper meistentheils das Bette, als den Tummelplatz seiner Schmerzen mit Widerwillen betrachtet -- daß sie die erstere Hälfte der Nacht auf einer Ottomane wegschlummerte, und gegen Morgen erst in den Flaum der weichern und wärmern Kissen sich flüchtete. Auch diese Mitternacht belauschte die heißen Athemzüge der Schlafenden auf den morgenländischen Polstern des kleinen Museums. Eine Spiritlampe warf ihr blasses Licht durch die offne Thür aus dem daranstoßenden Schlafkabinett, aus welchem, durch ein leises Geräusch gelockt, jetzt die noch mit Schreiben beschäftigte Karoline trat, und den rastlos umherwandelnden Sicilianer, sorgsam über die Ottomane gebückt, erblickte. Er zündete die Kerzen des Spiegel-Lüsters an, und nahm Besitz von einer ~Chaise longue~, von welcher aus er Adelaiden genau beobachten konnte.

So spät noch? Signor Kamillo! Wäre für die Gräfin wirklich zu fürchten? -- fragte Karoline, doch etwas betroffen über den männlichen Besuch, der gegenwärtig durch die misteriöse Stunde der Nacht, in welcher die jungfräuliche Schamhaftigkeit im Nachtgewande dieses Kabinet zum Heiligthum machte, zur Entweihung desselben wurde.

Das wird die Zeit lehren, die man aber alsdann zu spät fragen dürfte! -- erwiederte Zynthio, und rückte den Schirm vor die Lichter, daß ihre Strahlen in Adelaidens nur halbgeschloßnes Auge nicht drangen.

So leise Frage und Antwort, so behutsam jede Bewegung geschah, dennoch erreichten sie das Ohr der Schlafenden. Mit neuer Kraft belebt, an Muth und Hoffnung gestärkt, winkte sie dem treuen Freunde: „Dem voreiligen Frager antwortet die Geheimnißvolle nie, doch mich scheint sie zu ihrer Lieblingin erkoren zu haben; mit purpurnem Finger entschleierte sie in dieser Stunde für mich den wichtigen, mir nahe liegenden Zeitraum. -- Weg jedes ängstliche Zweifeln, jedes fibrilsche Zagen menschlicher Schwäche und Unbestimmtheit. Vor allen Dingen halte dich an keinen Schein; du wirst Handlungen, Anstalten sehen, die dir manches Kopfbrechen kosten dürften, es sind Operationen der sich nähernden glücklichern Katastrophe; und sind wir am Ziel, dann soll dir auch nicht das kleinste Motiv, der geringste Zweck verborgen bleiben. Bis dahin erhalte deine Seele in ruhiger heitrer Erwartung, und glaube mir, ich befinde mich wohl. Schicke mir die Betty, und gehe schlafen. -- Und du, Lina, unterläßt mir künftig das nächtliche Schreiben; schone den Glanz deiner Augen, die frische Farbe deiner Wangen -- bald winde ich dir die bräutliche Myrthe um deine Locken, und du eilst aus dem Arm der Schwester mit dem Geliebten zum Altar.“

Ein apokalyptisches Gesicht durch den Eindruck der erhaltenen Nachricht erzeugt, und in der Fieberhitze verarbeitet, seufzte Zynthio; indem er sich entfernte. -- Der Ungläubige! sagte Adelaide; und Karoline, weniger zu zweifeln geneigt, papilliotirte noch diese Stunde die bräutlichen Locken mit zwiefach angestrengter Geschicklichkeit.

* * * * *

Dort jene Nymphen-Gestalt am Bassin, welche das mit Blumen zierlich umwundne Füllhorn über den mit Moos gekrönten Häuptern der Nestors des Karpfengeschlechts ausschüttet -- sollte das nicht meine Adelaide seyn? -- dachte Theodor und eilte leise, die ihn nicht bemerkende Pflegerin der Wasser-Patriarchen mit seiner Umarmung zu überraschen.

„Willkommen an meinem Herzen, du Einzige!“ rief er, und erstickte mit einem feurigen Kuß den Schrei auf ihrer Lippe, als die Erschrockene das Gesicht kaum zur Hälfte nach ihm gewendet hatte, welches ein neidischer Basthut verbarg.

Karolinens Bestreben, sich aus den Armen des ungestümen Fremden zu winden, bewirkte in der nächsten Minute die Erkennung seines Irrthums. Verlegenheit und Entschuldigung von einer, -- Bestürzungstammelndes: Wer sind Sie? glühende Wangen, furchtsam forschende Blicke von der andern Seite, machte die Unterhaltung für Beide zwar interessant genug, doch gewann sie nur durch Adelaidens Herbeifliegen an Lebhaftigkeit und leichterer Erklärung.

„Noch einmal an mein Herz, Theodor, du sehnlichst Erwarteter!“ sagte Adelaide, indem sie den kaum Freigelaßnen wieder mit einem Arm umschlang, und mit dem andern Karolinen an sich zog -- „ich verlange vollen Ersatz der Küsse, die meine Freundin Karoline von Elfen auf meine Rechnung empfangen hat.“

Ich will den mir nicht gebührenden Empfang an die Behörde ehrlich erstatten, erwiederte diese, und begann die Zahlung auf Adelaidens Lippen. Graf Wallersee wollte die Entschädigung selbst leisten, und Karolinens Verwirrung erneuerte sich, als sie auch ihre Wangen von Theodors Küssen brennen, und sich mit dessen Schwester zugleich von seinen Armen umschlungen fühlte.

„Das hätte er doch nicht thun sollen!“ klagte sie sich eine halbe Stunde später, als sie in ihr Kabinet geflüchtet war, um die vertraulichen Mittheilungen des ersten Wiedersehens zwischen Geschwister und der erfreuten Mutter nicht zu stören. „Wie mich die Lippen schmerzen! wie ich glühe! und die Brust -- er muß mich gewaltig gedrückt haben: denn es ist mir so beklommen. So küßt Julius nicht, nein! so nicht. Ach, der Vetter sollt’ es von ihm lernen -- ich glaube, sein Kuß wäre süßer!“

Nichts mehr von dieser Julie La Valette! ergoß sich das geheilte Bruderherz den nächsten Tag, als er mit der geliebten Schwester in der Jasminlaube saß. -- Herkules stand am Scheidewege. Die Phryne ließ die Maske noch früh genug fallen; ich entdeckte die Abgründe ungeachtet der täuschenden Blumenpfade, so wie Julie meine Kräfte, ihren unersättlichen Eigennutz zu befriedigen, schwinden sah. Durch manche meiner Erzählungen war ihr dein Edelmuth bekannt; frage nicht, welche Projekte die Elende darauf bauete. Als ich sie entschlossen verwarf, enthüllte sich das Laster; ich schleuderte die Natter von mir, und dankte Gott, daß noch kein unauflösliches Band mich mit -- der Vice-Gemahlin des Düc de *** vereinigt hatte. Frankreich hatte keinen Reiz mehr für den Getäuschten, ich kehrte zurück, und denke doch wohl noch einen Platz in meinem Vaterlande zu finden, auf den sich ein Stück Brod verdienen und ruhig essen läßt.

Sophie ist vermählt -- sagte Adelaide -- einer Bedingung wärest du also enthoben, wenn deine Neigung nun einmal nicht für sie gesprochen hätte; und der Majorats-Herr darf hoffen -- --

Nichts, denn ein Erbschleicher werde ich nun einmal nicht, folglich auch kein Majorats-Herr.

So darf’s aber nicht bleiben, durchaus nicht! -- Soll ich die mir anvertrauten Güter unrechtmäßigen Händen übergeben? -- In weniger denn acht Monathen heischt meine Pflicht, sie nach dem Willen unsers verstorbenen Vaters den eigentlichen Erben abzutreten.

Und dieser eigentliche Erbe ist der Glückliche, den du mir einst zum Schwager giebst; die Verfügung ist mir bekannt.

O, des Ohnfehlbaren! Dem nur eben der wichtigste, ihn am nächsten angehende Punkt dieser Verfügung unbekannt blieb! Du hast dich dem Vaterlande wiedergegeben. -- Sophie hat anders gewählt, deine Verbindlichkeit ist gehoben. -- Wallersee und Tomsdorf nebst den dazu gehörigen Ortschaften und Meiereien sind dein; für meine Mitgift ist außerdem gesorgt; -- und nun darfst du nach deinem Herzen wählen.

Angenommen, ich hörte auf das schmeichelnde Geschwätz deiner großmüthigen Schwesterliebe; laß selbst die wohlgemeinte Lüge in deinem Munde zur Wahrheit werden -- in Rücksicht des Wählens und meiner Neigung war ich niemals glücklich.

Unter den deutschen Mädchen hast du doch wohl noch keine Beweise für diese Behauptung? --

Hm! Von meinen Angelegenheiten auf deine Umgebungen zu kommen. -- Bendheim findet also keine Erhörung? -- und zwar mit Recht! Der Wicht verdient dich nicht. Er schlich um mich während der zwei Tage meines Aufenthalts in der Residenz, wie eine Kröte, die sich ihres Gifts entledigen wollte. Nur das forschende Auge, die drohende Miene des Erbprinzen, welcher, wie du weißt, wegen den neuerdings eingetretenen Apoplektischen Zufällen seines Vaters zurückberufen ist, nöthigten ihn, sich mit seiner Ladung jedesmal wieder zu retiriren, wie er avancirt war. -- Italien scheint ein Donnerwort zu seyn, mit dem er die Ruhe der Wallerseeschen Familie in die Luft zu sprengen vermeint.

Ich hoffe, es soll ihm nicht gelingen. Bald kommt ein Zeitpunkt, wo unsere Ruhe aufhören wird sein Spielwerk zu seyn.

In dieser Zuversicht liegt viel Bedeutendes! Adelaide, die Fürstenkrone schwebt über deinen Locken --

Weh mir, wenn ich zu dieser Vermuthung Anlaß gab. O Theodor, störe nicht den süßen Genuß, den mir meine gegenwärtigen Umgebungen, wie du sie nennst, so rein gewähren. In diesem Zirkel belebt mich nur das Interesse der Schwester- und Kindesliebe, und der Freundschaft.

Die letztere blüht im lieblichen Kranze um dich -- Karoline von Elfen dankt dir die Vollendung ihrer Liebenswürdigkeit, sagt mir unsre Mutter, so auch, daß sie schon verlobt sey --

Ob wohl Graf Hochburg glücklich wählte -- fiel Adelaide schalkhaft ein.

Familienbündniß -- vielleicht wie einst das meinige mit Sophien werden sollte. -- Liebt sie ihn?

Es war ihre erste Liebe.

Der Glückliche!

Warum? -- Auch Julie war deine erste Liebe; die frühern Gefühle sind nicht allemal die stärksten.

Wäre diese Bemerkung hier anwendbar? --

Bereichre deine Erfahrungen bei näherer Bekanntschaft mit ihr.

Man gewinnt nichts an Klugheit durch das Studium der Weiberherzen; öfters kostet es unsre Vernunft, ja selbst den baaren Gehalt einer honetten Männerseele.

Beginnt der Forschende mit unbefangnem Blick, mischt sich nicht aufkeimende Leidenschaft in seine Beobachtungen, so steht weder die Vernunft noch der Seelengehalt auf dem Spiel.

Zum Commerce nehme ich die Karten in die Hand, und ende im Hazard-Spiel, wo der letzte Point mich zum Bettler macht.

Karoline ist keine Julie.

Aber schön, blühender noch, als es jene war, und -- bereits das Eigenthum eines Andern.

Unter Bedingungen, die beiden Verlobten vielleicht jetzt schon nicht mehr behagen. --

Begierig diese Bedingungen zu wissen, und mit erneutem Muth bewaffnet, die Herzen der Mädchen zu ergründen, begann Theodor für die Erndte seiner Erfahrungen, Karolinen sorgfältig zu prüfen. Der glücklichste Erfolg krönte seine Bemühungen. Nach Verlauf einer Woche war es entschieden, daß Fräulein von Elfen -- wofern ungetheilte zärtliche Liebe für Graf Julius gegenwärtig noch die Hauptbedingung ihrer Verbindung mit ihn sey -- sie nie dessen Gattin werden könnte.

* * * * *

Adelaide an Mathilden.

Der glückliche Moment ist da, wo ich mich mit schwesterlicher Vertraulichkeit zu meiner Mathilde erheben darf; jede Rücksicht überwunden, welche mir gebot für dieses Erdenleben nicht die Fürstentochter -- die künftige Großherzogin über der geliebtesten, der vertrautesten Freundin zu vergessen. Fesselfrei von jeder kalten nothgedrungenen Bedachtsamkeit fliegt Adelaidens Geist zu dem deinigen, und bringt dir Schwestergruß und Kuß! -- Jetzt verstehest du mich auch wieder -- nicht so meine Mathilde? -- jetzt wird jedes meiner Worte Glauben und Eingang in dein Herz finden! und sey überzeugt: nie bedurften, nie verdienten sie dessen in so hohem Grade als jetzt. Das Schicksal legt die Hand an den letzten Akt des Drama’s, und bereitet die Entwicklungsscene mit der Phantasie eines heroisch schwärmenden Dichters, wo es an Energie, an Sprache der Weihe so wenig fehlen darf, als an den die Illusion befördernden Dekorationen und feierlicher Beleuchtung. Der Knoten ist geschürzt, die Auflösung folge hier einstweilen skelettirt -- wenn ich erst noch einige der wichtigsten Punkte, welche -- wie die größern Planeten auf unsere kleinere Welt, auf mich, oder vielmehr auf jene Entwickelungsscene Einfluß haben, mit dem glühenden Griffel meiner Gefühle für dich und die theuren Deinen angemerkt haben werde.

Winde den Flor um das Herz der liebenden Tochter, dem der Verlust des Vaters, nicht des Fürsten bevorsteht! Denke eine Schwester trauert mit dir. -- Der erhabene Leidende verspricht, Grüße von mir meinem guten Vater mit hinüber zu nehmen? -- O dürfte ich an des Fürsten Lager, wie an dem des Vaters stehen, und ihm zulispeln, was ich dir -- wenigstens in diesem Briefe noch nicht sagen darf! -- doch drücke den Kuß der kindlichsten Dankbarkeit für dieses schöne zarte Versprechen auf seine väterliche Hand; sage ihm: die Tochter seines ihn und mich dort erwarteten Alexis verstehe und fühle eben so zart, wie sie sich dieses segnenden Andenkens würdig machen müsse!! --

Wohl dir Mathilde! mit freiem Herzen kannst du die letzten Stunden deines großen Vaters, durch Erfüllung seiner Wünsche für dein Wohl versüßen. -- Aber mit banger Furcht blicke ich jetzt auf deinen Bruder! -- mißtrauend seinen Grundsätzen über Ehre und Pflicht des festen Mannes -- ich will mich nicht einmal hier auf die weichern Gefühle des tugendhaften Menschen berufen, die selbst in der Brust der Fürsten die Basis seines edelsten Wollens seyn sollten; -- von dem Gedanken niedergedrückt, ich sey der Gegenstand seiner beharrlichen Unglücks schwangern Leidenschaft, ergreift kalter Schauer meine Seele, und fremd wird ihr der Bruder meiner Mathilde. -- Es bedarf keiner weitern Auseinandersetzung meiner Meinung hierüber, du fassest sie ohnehin so lebendig und wahr, als ich das unglückliche Gemählde in seiner schrecklichsten Darstellung vor Augen habe, welches du mit von den Verhältnissen des Fürsten und seines Sohnes nur als Skizze entworfen hast.

O zürne mir nicht, beleidigter Vater! wende dein Auge noch nicht hoffnungslos von ihm -- bald wird er dir und dem Staate, den du jetzt schon verwaist zu sehen glaubst, wiedergegeben. Versöhnt, der erwählten Mutter künftiger Enkel gewiß, schwebt erst dein Geist hinüber, wann die wichtige Katastrophe meines Lebens unter deinem Segen entschieden hat.

Graf Bendheim hat Deutschland verlassen, um in Italien die Pfeile der Rache zu spitzen; ich soll vor seiner Rückkunft zittern? -- Er komme: daß der Erbprinz ja nichts thue, uns dagegen zu sichern. Ich weiß bestimmt, daß der verblendete Eiferer sich nur zu sehr verrechnet, und in der Zwecklosigkeit seines Strebens sich selbst bestraft.

Und jetzt zu den Neuigkeiten unsrer Tage: Mein Bruder betrat als Gegner des Graf Hochburg den Kampfplatz; der Preis war Fräulein Karoline von Elfen. Sein Glück wollte, daß Julius von Hochburg und die ihm früher verlobte Karoline seit einiger Zeit sich mehr und mehr überzeugten, Liebe sey es nicht, was sie für einander bestimmte; die eingebildete glühende Zärtlichkeit verschwand, und an ihre Stelle trat nun ohne Täuschung, das freundschaftliche Wohlwollen, welches sich herzlich, aber ruhig, in die Verwandtschaftsbande guter Menschen webt. Theodor und Karoline schwuren sich gestern als Verlobte ewige Treue. Der redliche Landrath von Elfen weinte Thränen der Freude; denn die Unbeständigkeit seines Neffen hatte ihn schon früher zu dem Entschluß gebracht, Karolinens Verbindung mit diesem aufzuheben. Hochburg, der Vater, der sich seit sechs Jahren an der Aussicht weidete, die Brudertochter seiner verstorbenen Gemahlin mit seinem einzigen Sohn verheirathet zu sehen, zürnte gewaltig, diese Hoffnung durch die beiden Abtrünnigen vereitelt zu sehen. Er war durch nichts zu besänftigen, ein förmlicher Familienbruch zwischen Hochburgs und Elfens stand bevor, wenn ich ihm die verlorne Tochter nicht ersetzen wollte. -- Mein guter Vater Elfen, den ich wahrlich kindlich verehre, bat so freundlich, mit so rührender Gutherzigkeit, -- Ritter Julius dessen Dämon mich erkor, sein Herz Karolinen zu entwenden, rang wie ein Verzweifelnder mit meinem Gelübde, nie einem Manne angehören zu wollen -- seine Verhältnisse, sein Charakter, so wie das Aeußere des Grafen, gaben mit keinen Vorwand, auf jenen Vorsatz zu beharren, hingegen bedeutende Ursachen bestimmten mich, ihn aufzugeben, und so vernimm denn die nie dir geträumte zweite Neuigkeit: wir feierten eine doppelte Verlobung -- das zweite Paar: Julius und Adelaide.

Nun, meine geliebte Mathilde! -- Du wünschest mir noch nicht Glück? -- Denke dir, zur Verherrlichung der gestrigen Scene, die selige Wonne, die stille aber um so unaussprechlichere Freude meiner guten sanften Mutter! Du kanntest ihren Kummer um Theodor und jetzt ward der frommen Dulderin so schön vergolten; rein wie geläutertes Gold kniete der hochherzige Jüngling mit seiner Geliebten vor der verehrten Mutter; ihre liebe Hand ruhte segnend und zitternd vom überwältigenden Gefühl, auf dem schönen Apollskopf; denn wahrlich, Theodor ist, seit die Liebe die letzte Feile an ihn legte. Die vollkommenste, aber auch die verführerischte Kopie des Vatikanischen Gottes geworden: ihre Freudenthränen glänzten auf seinen goldnen Locken. -- O, es war eine Gruppe, in deren Beschauung sich selbst Zynthio verlor; schon heut den ganzen Morgen war dieser beschäftigt, die Leinewand für seine Staffelet aufzuspannen um das Tableau durch seinen Pinsel zu verewigen.

Nach einer sehr herzlich gütigen Umarmung entließ die von allen Seiten mit Gratulationen bestürmte Mutter auch meinen Verlobten, und zog mich zärtlich einige Schritte abwärts. -- Kind! sagte sie, deine Entschlüsse so wie deine Handlungen haben so einen besondern feierliche Gehalt -- man fühlt und ist überzeugt, daß sie Gott und Engeln angenehm seyn müssen, aber man weiß nie, ob es dir dabei um dein eignes irdisches Glück zu thun war. -- Du kannst nicht zweifeln, daß der Schritt, welcher dich dem Altar und einer glücklichen Ehe zuführt, meinen vollkommnen Beifall hat. Dich kann hienieden weder Reue noch Unglück treffen; aber mir engt eine Ahndung das Herz, und doch sollte ich mich dieses Schwachmuths erwehren; denn es ist ja, wie Gott es von seinen Frommen heischt! -- Du siehest das Glück dieser Welt für Spielwerk an, womit du dich nur zur Freude für andere Kinder beschäftigest. -- Deine Sehnsucht hat ein höheres Ziel.

Amen! sprach ich -- und wie könnte die Tochter einer so frommen Mutter anders wünschen und fühlen? --

Sie drückte mich so fest an ihre Brust, als glaubte sie, die Erreichung dieses Ziels wollte mich schon in dieser Minute aus ihren Armen reißen. Ich hielt für nothwendig, sie durch weniger angreifende Gemüthsbewegung zu zerstreuen, und war bemüht, unter heitern Uebergängen in den Scherz der nach uns hinblickenden Gesellschaft, sie der vorigen fröhlichen Stimmung wiederzugeben. Die übrigen Glücklichen vereinigten sich mit mir zu diesem Endzweck, den wir auch sehr bald erreichten.

„Und das wäre denn die große Begebenheit, die wichtige Katastrophe, welche das wunderbare Schicksal, gleich dem kolossischen Erzeugniß seiner Phantasie einen Heldendichter in die Angst einer Gebährerin brachte? -- hör ich dich fragen. Das Mädchen Adelaide hat sich nach ihrer Mütterweise einen Mann erwählt, und wird in etlichen Monaten, in der Ordnung gewöhnlicher Vorfälle, Gräfin Hochburg. Poetisch begannst du die Einleitung zu einer Alltags-Geschichte, die du auch, ihrem Stoff gemäß, sehr prosaisch endest.“

Ich sagte, das Schicksal legte die Hand an den letzten Akt, und bereitet die Entwickelungsscene -- --

+Doch!+ spotte wie du willst, ich habe durch einen herzhaften Sprung eine Stufe erreicht, auf welcher ich mit leichtem Herzen deiner Aufforderung willfahren und dich Schwester nennen darf. Die Verlobte des Grafen Hochburg vernichtet alle und jede Deutelei oder Schlußfolge -- es sey das Studium der Verleumdung, oder das Hoffen eines kranken verirrten Herzens -- über die mich ehrende Vertraulichkeit mit der Schwester des Erbprinzen! -- Melde dem Fürsten, daß ich seinen Befehl erfüllt, und der Ring, welchen er mir einst an meinem Geburtstage mit dem Wunsche verehrt, daß ich ihn bald als Verlobungsring gebrauchen mögte, seit gestern in dieser Eigenschaft die Hand des Grafen Hochburg ziere.

* * * * *

„Keine Eifersucht, werther Neffe! -- Es verdrieße ihn oder nicht, ich weiß mir nun nirgends besseres Wohlseyn zu suchen, als wo meine liebe künftige Nichte mich willkommen heißt!“ braußte eines Morgens mit ungewöhnlicher Munterkeit der Landrath, ungefähr vier Wochen nach dem Verlobungsfest in Adelaidens Zimmer. Julius, welcher im Taumel seines Glücks jetzt öfters wie ein Kind tändelte, und eben parterre zu Adelaidens Füßen saß, wollte aufspringen, seinen Onkel zu empfangen, während die Gehuldigte dem herzlich Willkommnen Hand und Kuß bot. „Bleibe er sitzen, der größte Ehrenplatz für ihn! Dreißig Jahre früher, und nur über meiner Leiche hätte er sich desselben bemeistern dürfen!“ fuhr der verjüngte Alte fort.

„Herr Landrath!“ fiel Adelaide ein -- „Sie mögen es verantworten, wenn ich eitel werde, und ihnen alles aufs Wort glaube, denn ich bin ein Mädchen, und wann hätten Mädchen je an dem gezweifelt, was ihnen schmeichelhaftes gesagt wurde. Doch Ihnen leuchtet heute, wenn ich nicht irre“ --

„In verdoppeltem Maaße die Freude aus den Augen -- nicht wahr, das wollten Sie sagen? -- Ja, liebes Kind! ich bin so halb und halb hinter eine Ueberraschung gekommen, die ich wohl noch nicht hätte errathen sollen.“ --

Und welche? --