Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman
Part 8
Freilich, freilich -- So zusammen gehalten, bei so bewandten Fällen -- bin ich genöthigt, und noch überdies mit guter Miene bei schlimmen Spiel, der Fürstin den Kauf aufzusagen, soll ihr und mir nicht das Mutterherz für Leid über unsere Kinder brechen. -- O, der rasende Roland! -- Verderben brächte er über mich und dich, du Unschuldige! Wohl, es geschehe, wie du mir gerathen.
Die Generalin hielt Wort, so viel es ihr kostete, die Residenz, welche nun schon ihre Heimath geworden, die Fürstin, in der sie eine schwesterliche Vertraute gefunden, und den Hof, welcher ihr Element zu seyn schien, zu verlassen, und trat mit ihrer Adelaide Anfangs Juni die Reise nach den Bädern an. Der Herbst fand sie schon als Einheimische auf Wallersee, den erwählten Aufenthalt für kommenden Winter und Sommer.
„Es ist schön, ganz wie ich es längst um Ihretwillen wünschte“ -- sagte Zynthio, als Adelaide am Abend vor ihrer Abreise aus der Residenz ihm mit hoher Rührung um den Hals fiel, und eine bedeutende Thräne in ihrem Auge zitterte -- „allein zu spät; was wird es jetzt überhaupt helfen? Mit blutendem Herzen beginnt die sich Opfernde die Heldenthat, und Genesung dem Liebekranken bewirkt man demohnerachtet nicht.“
Zeitungen verkündeten, daß der Erbprinz in der Residenz seines Vaters wieder eingetroffen sey; vertraute Briefe daher meldeten, daß Er über die Abreise Adelaidens, ihrer gänzlichen für immer berechneten Entfernung von dort erst gewüthet, mit sich und dem Schicksal grausend gerechtet -- nachher aber sich besänftigt habe, und jetzt wie in einer Art Resignation lebe; man hoffe, daß er der Vernunft endlich Gehör geben, und sich wieder mit der Nothwendigkeit aussöhnen werde.
„Was wird es helfen?“ sagte abermals Zynthio -- „die schönsten Hoffnungen des Lebens hat der Mehlthau eiserner Nothwendigkeit schon vergiftet; Resignation ist entweder die Frucht abgestumpfter Verzweiflung, Groll gegen Schöpfer und Geschöpf; oder sie enthält, wie in Adelaidens Seele, die Kraft des Magnets einer andern Welt.“
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Mathilde an Adelaiden.
Daß du mich liebst, weiß ich; daß deine Gesundheit gewinnt, glaube ich dir nur halb, und Zynthio schreibt mir, daß du es selbst nicht glaubst, so beflissen du es auch allen, die dich lieben, versichern willst. Ferner, daß mein Bruder dir schmerzlichen Kummer mit seinem Besuch auf Wallersee verursachte, daß seine eigensinnige Leidenschaft die Störerin deiner Zufriedenheit sey, möge das Verhängniß verantworten, welches die edelste Richtung des menschlichen Herzens meinem armen Louis zum Verbrechen macht, weil Convenienz das Urtheil spricht. -- Aber auch mit mir bist du unzufrieden, dies verräth so manche Zeile, ja die ganze Haltung deines Schreibens. -- Stimme dich zur Harmonie mit deinen Landfräuleins herab; diese Selbstverläugnung ist deiner alles umfassenden Menschenliebe und sanften Hingebung reiner Genuß! -- Aber wer alle seine Nebengeschöpfe mit gleicher Liebe umfaßt, bevortheilt die vorzüglichern Rechte geprüfter uns näher verschwisterter Seelen! -- Beschuldige mich nicht kleinlicher Eifersüchtelei! -- ich weiß, und du selbst wirst fühlen, daß meine Besorgniß vor dem Richterstuhl einer so zarten Freundschaft, wie die unsrige, gerechtfertigt ist.
Jeder Tag vermehrt die Sammlung deiner schriftlichen Aufsätze -- auch dies weiß ich, Dank sey es der Aufrichtigkeit des felsenfesten Bundesgenossen Camillo! -- aber für mich schuf eine den Gelegenheitsgeschäften gewidmete Stunde ein längst mir schuldiges Antwortschreiben. -- Ich könnte vergelten; denn noch baue ich auf meinen Werth bei dir -- aber nein, dieses Blatt ist nur die Beilage eines Tagebuchs von mehrern Wochen, in denen ich mich für dich und mit dir aussprach. Die kleine Betty, welche ohne dich und Zynthio fernerhin, so wenig als die Biene ohne den Saft der Blüthen zu leben und zu weben vermag -- überbringt dir dieses Paket.
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Weh mir! Adelaide ist für mich verloren. Auch das trauliche Du entzieht sie mir. -- Du verweisest mich auf die Stuffe der künftigen Großherzogin, und läßt mich dort isolirt stehen. -- O Adelaide! das ist nicht der Weg, mich für meine Bestimmung zu gewinnen. So süß die Schaale auch seyn mag, in der du mir deine Ermahnungen darreichst, der Kern ist bitter -- bittrer als mir ihn je die Hand der Freundschaft hätte bieten sollen. -- Sobald die Arznei widersteht, geht die Wirkung verloren. -- Ich soll von einer Schwärmerei genesen, die in dieser sublunarischen Welt weder eignes noch allgemeines Glück gedeihen läßt -- noch gefährlicher sey ihr berauschender Duft dem unbefangnen Herzen der Fürstentochter, welche alsdann mit exaltirten Forderungen an das Menschengeschlecht den Pfad zum Throne wandelt; diese Erwartungen getäuscht: folglich sich zur Verachtung, zur Gleichgültigkeit gegen diese Menschen berechtigt glaubt -- und was dergleichen sanktionirte Sentenzen mehr sind.
Wisse, gute Adelaide, du beschuldigst mich einer Schwäche, der du selbst unterworfen bist, nur daß du dich größer, erhabener auf deinem stolzen Zelter ausnimmst! -- Du schwingst dich mit der Geisteskraft eines Weltweisen zum vollkommensten Erdengeschöpf hinauf, ohne Enthusiasmus für dies glänzende Ziel würde das siebzehnjährige Mädchen dies nicht ausdauernd wollen, nicht vermögen. -- Ich lebe nur dem weichen Gefühle meines Liebe und Freundschaft bedürfenden Herzens. -- Mein Ideal von Glückseligkeit steht tief unter dem deinigen -- aber ich umfasse es mit glühender Seele -- während dich das letztere in sokratische Temperatur versetzt. -- Bedaure mich, wenn du schlußgerecht Unglück für mich daraus folgerst: um so mehr, da ich dir aufrichtig bekenne, daß ich jenem Ideal treu zu bleiben mir fest gelobt, und noch nichts weniger, als für die Anträge des Großherzogs, mich entschieden habe. --
Gleiches Blut wallt in den Adern meines Bruders, gleiche Standhaftigkeit in dem System heißer reiner Liebe, motivirt auch seine Begriffe über das, was er darf oder nicht darf; so sehr diese Begriffe auch die exemplarische Staatsklugheit vor den Kopf stoßen mögen.
Verzeihe der schwesterlichen Liebe den Verrath an der Freundschaft -- der nur dir Lebende ist mit deinem Entschluß, dich nie zu vermählen, bekannt. Eine Adelaide beschließt nie, ohne reiflich erwogen zu haben, und Beharrlichkeit ist dann ihr Gesetz -- folglich versiegt nie die Quelle süßer Hoffnung für meinen Bruder. Sein letzter Brief überzeugt mich neuerdings, daß, kühn durch diese Hoffnung, er den Zweck seiner Sendung schlecht befördere und uns auf die gehoffte Erbprinzessin vergeblich warten lassen werde. -- Verdamme ihn, wenn deine strenge Weisheit auch schon über deine Herzensgüte, ja selbst über die menschliche Billigkeit, gesiegt hat.
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Am lodernden Kaminfeuer, auf seinem mit Leder beschlagenen Armstuhl sitzend, und unzufrieden mit dem Schneegestöber des angehenden Aprills aufs Fenster hinblickend, blies der Landrath von Elfen formidable Wolkensäulen von Tabacksrauch um sich -- die, je mehr ihm, außer dem Kitzel des angenehmen Brandopfers Virginischen Kanasters, noch etwas Wichtigeres auf der Zunge lag, immer dicker und undurchdringlicher wurden.
Graf Hochburg ergriff jetzt auch die Beilage zum hamburgischen Korrespondenten.
„Lass das nur weg;“ sagte der alte Herr. „Mir liegt dermalen etwas näher, als jene Ediktalien, Citationen und Ankündigungen wunderthätiger Arkane. -- Höre, Neffe! Ich verstehe mich nicht auf das verfängliche Betasten des guten Gewissens eines ehrlichen Kerls -- also ohne Umschweife: Freund, wie stehst um dein Herz? -- wem gehörts?“
Lieber Onkel! -- Karoline ist mit Ihrer Einwilligung meine Verlobte --
„Um die seit einer gewissen Zeit dein Leichnam wie eine Gliederpuppe herumstationirt, während deine Liebesgedanken meilenweit von der Verlobten Posto gefaßt haben? -- Getroffen! das zeigt dein Erröthen, das verrät dein Stammeln.“
Nicht allemal sind dies überführende Beweise --
„Sey ehrlich, Bursche! -- Antworte offen, wie es meine gutgemeinte Frage verdient. Ist dir Karoline noch das, was sie dir vor einem halben Jahre war? -- wünschest du heute noch eben so herzlich: der Tag eurer Verbindung wäre auf morgen festgesetzt, als dazumal, da ich ihn noch auf ein Jahr hinaussetzte?“ --
Lieber Onkel! -- warum sollte ich nicht -- --
„Pfui! mit diesem armen Sündergesicht, mit diesem stotternden Behelf würdest du selbst von der jungen Wallersee kaum ein bedauerndes Lächeln über den Seelenbanquerouten Schächer gewonnen haben; um derentwillen du dich doch in dieser preßhaften Lage befindest.“
Noch verstehe ich nicht ganz. -- Sollten Sie Verdacht auf mich und die Gräfin haben? -- --
„Verdacht? -- Ueber den steht die vortreffliche junge Gräfin zu erhaben, und Er -- junger Herr -- noch zu weit unten.“
Herr Landrath! -- --
„Was beliebt?“ --
Sie sind meiner Mutter Bruder, und dürfen mir freilich manches sagen -- --
„Was einem Andern eine blutige Nase kosten würde, so recht er auch übrigens hätte. Genug, du siehst, daß ich zu alt bin, um nicht vom Blatte wegzulesen, was unter deinem Brusttuche geschrieben steht. Seit du die Wallersee kennen gelernt, seitdem ist dir dein Verhältniß zu Karolinen lästig.“
Auf Ehre! ich liebe meine Kousine --
„Als Vetter, und würdest dich aufrichtig freuen, sie am Arm eines andern braven Mannes zum Traualtar treten zu sehen. -- Du wünschest doch ihr Glück?“ --
Hätte ich so viel in Ihrer Meinung verloren, daß Sie auch daran zweifeln könnten? --
„Nun dann, eine frostige Ehe würde sie unglücklich machen, sie hat Hang zur Eifersucht, und du kaum ein halbes Herz für sie. -- Folglich, aus der Heirath mit Karolinen kann nichts werden.“
Julius sank an des Landraths Brust. Guter, theurer Onkel! mein zweiter Vater! -- entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht! --
„Halt, so klingt’s? -- Ich habe mich also nicht geirrt. Der ehemalige Liebhaber würde mit Sturm und Donnerwetter gegen die Bräutigams-Entlassung protestirt haben; der erkaltete Bonjourmacher fällt mir dankbar gerührt über den erhaltenen Abschied um den Hals. Gut, gut -- die Sache ist abgemacht, unter uns beiden, heißt das. Aber noch nicht mit deinem Vater, mit Karolinen -- die schonende Behandlung und Achtung zu fordern hat; doch auch das wird sich finden.“
Aber -- schließt und geht mein guter Onkel auch nicht zu eilig? --
„Erspare dir die unnöthigen Schnörkeln; ich kann die Proforma’s nicht leiden. An mir ist’s, dich zu fragen: gehst du auch nicht zu eilig? -- Was soll’s werden mit dir und der Wallersee? -- Du zwar bist der allezeitfertige Freier, aber sie? -- und für dich?“
Ich glaube noch für Keinen. -- Adelaide ist noch frei --
„Und nichts weniger als zu zärtlicher Neigung für dich gestimmt.“ --
Sie betrachtet mich als Karolinens Verlobten.
„Gut, dahinter will ich bald kommen. Das Mädchen ist ohne Verstellung; sie hat Vertrauen in mich.“
Bester Onkel! was wollen Sie?
„Das Eis probiren, auf dem du eingebildeter Thor vielleicht zu zuversichtlich deine unwiderstehliche Herrlichkeit produziren willst. -- Würde sie auf dich reflektiren, wenn sie dich frei weiß, so überlaß das Weitere mir. Für Karolinen findet sich schon noch Entschädigung; besser den Brautstand aufgehoben, als den Ehestand mit Wehe zerrissen, oder verzweifelnd bis zum Grabe fortgeschleppt.“
Aber mein Vater wird --
„Seine podagraischen Beine verfluchen, daß sie ihn abhalten, dich selbst auf die Zinne des Straßburger Thurms zu schleppen, und seinen Stammhalter mit eigner Hand herunter zu stürzen. -- Doch auch aus ihm hoffe ich den bösen Geist zu treiben, wenn nur die Wallersee den zärtlichen Schäfer zu erhören sich geneigt findet.“
„Heisa! trabe der Herr nicht so übermüthig einher!“ -- raunte der Landrath seinem Neffen in’s Ohr, als dieser Tages darauf die Nachricht des jungen Baron Milken: Adelaide habe an dem Grafen Bendheim einen eifrigen Bewerber, aber dieser schien in seinen Bemühungen nicht glücklich zu seyn, und habe Wallersee vor ein Paar Tagen wieder sehr aufgebracht verlassen -- mit fröhlichem Lachen aufnahm, und seinen Witz über den abgewiesenen Seladon spielen ließ. „Morgen wird sich’s entscheiden, ob er über Bendheim triumphiren, oder sich mit ihm werde trösten müssen.“
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Der Landrath ritt nach Wallersee; gegen Abend kam er zurück. Seine Familie empfing ihn mit Fragen, wie es um das Befinden der Damen dort stehe? ob er von der Comtesse das neue Modejournal, von der Haushälterin die vollständige Koch- und Backereikunst, und von der Generalin den russischen Thee bekommen und wohlbehalten mitgebracht habe?
Alles das könnt ihr dort selbst in Empfang nehmen -- erwiederte der bestürmte Kommissionair. -- Karoline packt ihre Habseligkeiten, so viel sie deren auf einige Wochen bedarf, zusammen, und Mutter Friederike bringt morgen früh ihr Töchterchen nach Wallersee, wohin sie freundlichst eingeladen, und auf so lange, als es ihr dort gefällt, herzlich willkommen ist. -- Die Comtesse verspricht dir viel Vergnügen, ein neues englisches Fortepiano, wie dir noch keines dergleichen vorgekommen, neue Moden, dir völlig den Kopf zu verdrehen, Affen und Papagoys, dich mit ihnen lehrreich zu unterhalten -- alles dieß ist unterdessen angekommen, und von Euch Frauenzimmern noch nicht angestaunt worden. -- Säumt nicht, morgen mit dem Frühesten ist für Euch angespannt.
O scharmant! rief erfreut Karoline, und hüpfte fort, ihre Reiseanstalten zu treffen.
Recht gern, sagte die Landräthin -- es war längst mein Wunsch, die Generalin selbst zu besuchen; nur wagte ich ihn nicht zu äußern -- wegen der Pferde, die du doch jetzt nicht gern in der Wirthschaft missest.
Muß wohl; wer kann so artigen Damen etwas abschlagen. -- Jetzt, liebes Riekchen, sey auch du galant, und sorge für meinen Nacht-Imbiß; der Ritt hat mir Apetit gemacht.
Die Landräthin ging mit freundlichem Behagen an der bevorstehenden Lustreise ihren häuslichen Geschäften nach. Julius sah sich nun mit seinem Onkel allein; bange Erwartung des ihn angehenden Berichts aus Wallersee schloß ihm den Mund, so sehr ihm auch die Frage: Wie denkt Adelaide meiner? -- das Herz drückte.
Der Landrath ließ ihn nicht lange in Ungewißheit: „Und mit dem, wovon wir gesprochen haben, lieber Neffe, ists nichts, rein nichts!! -- Ich bedaure dich, wahrlich ich bedaure dich! -- Du hättest ein glückliches Loos gezogen, wäre dies Mädchen dir zu theil geworden.“
Warum aber verschmäht sie mich? -- stotterte Julius -- So ist sie schon versagt --
„Nein. Sie wird keines Andern Weib, und -- ich glaube, es verdient sie auch keiner; Adelaide ist zu gut für unsere lieben Alltagsmänner. Ich habe nur eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen gesprochen; sie hat mir Ursachen angegeben, warum es nicht seyn kann, in Wendungen und Entschuldigungen, die ich weder wörtlich verstanden habe, noch sie dir mitzutheilen vermögte; aber ich begreife und bin fest überzeugt, daß es nicht seyn kann. Uebrigens giebt sie deinen Wankelmuth der Unzufriedenheit mit Karolinens Mangel an feinem Ton und Weltkenntniß Schuld.“
Ja, wenn sie mich so charakterlos hält --
„Hm! Sie scheint mir auf dem rechten Wege zu seyn. -- Adelaidens glänzend ausgebildete Talente, der Stempel der großen Welt, des Hoftons, der überall ihr Benehmen auszeichnet, verleidete freilich dem eleganten Chevalier das simple jener galanten Lebensart unkundige Landmädchen. -- Die Wallersee behauptet: dem könne abgeholfen werden, und wiewohl ich nichts weniger willens bin, als dir meine Tochter aufzudringen, überhaupt das: Heute so, und morgen anders! nirgends statuire, wo ich drein zu reden habe -- so mußte ich doch versprechen, ihr Karolinen in die Schule zu geben.“
Die ohnehin schon liebenswürdige Cousine wird unstreitig in jeder Art gewinnen; doch eben so wahr ist es, daß ich auf dieser entscheidenden Stufe mich sehr gedrückt fühlen muß.
„Er meint, diese Stufe sey das Fußgestell eines Donquixots? -- So ganz unrecht habt ihr nicht, edler Ritter!“
O diese Adelaide! Gott gebe, daß sie mich nicht noch zu etwas Schlimmern macht, als zu einem Narren --
„Der Ihr jetzt schon im höchsten Grade seyd!“
Wie soll ich künftig ihren Anblick ertragen?
„Dessen bist du überhoben: man verbittet deine Besuche auf Wallersee in den ersten Paar Monathen.“
Ha, bravo, ~mon cher Oncle~! ich erkenne dankbar die Früchte Ihrer Vermittelung -- die Sachen stehen vortrefflich!
„Sieh, Bursche! hielt ich dich jetzt nicht für eine Art Gecken, von denen man sagen muß: Sie wissen selbst nicht, was sie thun -- in diesem Augenblick würdest du mir verächtlich! -- Ich glaube, der Pinsel unterfängt sich, mich der Kabale zwischen ihm und seinem Liebesglück bei der Gräfin zu beschuldigen.“
Der Landrath war in allem Ernst böse, und Julius, der wohl einsah, daß er des Onkels Beistand nicht verlieren dürfte, legte sich mit Bitten und Schmeicheln zum Ziel. Er versprach, sich seiner Verbannung aus Wallersee auf vier Wochen wenigstens zu unterwerfen, sich still und leidlich zu verhalten, und ohne Vorbehalt auf Karolinens Hand, die jetzt der stolze Vater ihm auf jeden Fall versagen würde, dem Mädchen selbst mit der bisherigen Vertraulichkeit und wohlwollender Achtung zu begegnen.
Karolinens Bekehrung überlaß ich Adelaidens Klugheit -- fügte der Landrath noch zum Schluß hinzu. -- Das weibliche Ehrgefühl kann auch nur von der zarten Schicklichkeit eines Weibes in jene nöthige Reizbarkeit gebracht werden, ohne den Stolz und die Ansprüche des Mädchens zu kränken.
Die Cousine nahm des Vetters finstere Laune für Verdruß, daß er sie nun mehrere Wochen hindurch nicht sehen würde; da eine vorgeschützte Reise zu seines Vaters Bruder ihn hinderte, ihr Vergnügen durch seine Gegenwart in Wallersee zu vergrößern. Sie selbst tröstete ihn, daß nichts schneller laufe, als die Zeit, und Wiedersehen nach langer Trennung das Süßeste sey, was ein treues Herz erfreuen könne. --
Was die Frühlingssonne der knospenden Schöpfung war -- so wie der junge Mai den stürmischen Aprill verdrängte, und sich schöner entwickelte, als je die Dichter ihn besungen hatten -- eben das war Adelaide für Karolinens Blüthen; auch das artige Landmädchen entwickelte sich unter der jungen Gräfin Leitung zur reizenden Hebe, die selbst den Landrath mit dem Becher hoher Vaterfreude über ihre Verwandlung berauschte.
Ich hoffe, sagte Adelaide dann mit sanftem Händedruck zu dem vergnügten Alten: der Ritter würde noch gern um diese Perle einen Zug nach Palästina unternehmen.
Hm! -- ich zweifle. Herzen lassen sich nichts unterschieben -- und dann -- zum Lükkenbüßer wäre sie überall zu gut. Ich wünschte, sie ahndete, daß sie dies als Weib nur ihrem Vetter seyn könnte, ohne daß ein wörtlicher Commentar sie davon unterrichtete.
Zeit bricht Rosen, sprüchwörtelten unsere Alten, und die ehrlichen Leute wußten wohl, was sie sagten. -- Befiehlt die subtilere Nothwendigkeit, dem Geliebten nur den Grad eines Vetters zu zuerkennen, so wird Lina dem Willen des Vaters und der jungfräulichen Würde vielleicht ohne sonderlichen Zwang Gehör geben. Als sie vor einigen Tagen vernahm, Graf Julius sey, während wir einen Besuch in der Nachbarschaft abstatteten, in der Hoffnung uns zu sehen, hier gewesen, bewunderte ich die Ruhe, mit der sie seinen vergeblichen Versuch bedauerte.
Die Dirne ist leichtsinniger, als ich geglaubt hätte, aber in gegenwärtigem Fall frommt es uns allen. -- Nun, ich habe meine Sach’ Gott heimgestellt -- singt auch ein braves altes Lied -- und ich habe meine Noth mit dem Mädchen in ihre gütige, geschickte Hand gelegt; besser konnte sie nicht aufgehoben werden; denn ich betrachte Sie als einen Engel, uns von Gott geschenkt, Leiden zu versüßen und Freuden uns zu erhöhen. --
Ich kann es dem Passionsritter nicht verargen -- murmelte der Landrath, indem er sich aufs Pferd und noch einen väterlichen Liebeskuß nach Adelaidens Fenster warf -- wenn er um eines solchen Mädchens willen nicht nur seiner Braut, der ganzen Welt, ja sich selbst ungetreu wird.
* * * * *
Adelaide arbeitete mit Karolinen an einer Stickerei, die zum Geburtstag der Frau von Elfen vollendet werden sollte. Georg unterbrach mit einem Postpaket die emsigen Künstlerinnen.
Meines Bruders Hand -- Mathildens, und -- von Bendheim; sagte leise mit steigender Verwunderung die Empfängerin. Kaum hatte sie einen der Briefe zur Hälfte gelesen, so bat sie erblassend: Zynthio mögte die Vorzeichnung der Stickerei an ihrer Statt vollenden, und eilte in ihr Kabinet. Karoline wendete ihre besorgten Blicke auf den Sicilianer, der Adelaiden eben so betroffen nachsah.
Die Gräfin entfärbte sich, ihre Stimme zitterte; die Angst würde mich antreiben, ihr zu folgen -- aber sie könnte ungestört seyn wollen. Sie, als der vertrautere Freund des Hauses dürfen vielleicht --
„Zudringlicher seyn? -- Nein, Fräulein! ich verstand ihren Wink, allein seyn zu wollen. Nie habe ich gewagt, dies stillschweigende Gesetz zu übertreten. -- Droht ihrem Befinden ein Unfall, so ist Betty im Nebenzimmer, und zur Hülfe im Augenblick alles bereit.“
Eine Stunde später verließ Adelaide das Schreibepult. „Guter Georg!“ rief sie dringend dem Gerufenen entgegen -- „laß dir den besten Renner aus dem Stall ziehen, und eile mit diesen Briefen nach der nächsten Post, von dort aus schicke ungesäumt eine Stafette mit deiner Depesche weiter. -- O über den Dienstfertigen! Die Hast, mit der er den Auftrag schon erfüllt haben möchte, läßt ihn das Nothwendigste vergessen.“
Die Briefe habe ich doch alle richtig? --
„Ja, aber ohne diesen Kommandostab geht dir kein Fußbote aufs nächste Dorf, geschweige eine Stafette -- sagte lächelnd Adelaide, und warf ihm eine gefüllte Börse zu. Georg verschwand, und die Erheiterte meldete für nächstens unerwarteten Zuspruch eines halb Europa durchwanderten Gastes an.“ --
Doch nicht jener Briefsteller, der meiner guten Adelaide vorhin das Roth von den Wangen blies? fragte Karoline; sonst rechne ich ihn ungekannt schon unter die Unwillkommnen.
Nichts weniger. Es ist mein Bruder, der Euch artigen Mädchen zwar gern gefährlich werden möchte, jedoch -- wenn ich darum bitte -- recht sehr willkommen zu seyn, so halbwegs verdient.
Lina flog fröhlich in ihrer Freundin Arme, und ruhig floß der Abend unter Musik und Scherzen bin.
Nur dieser Pulsschlag-Revisor lauert auf jede Wallung, jeden langsamern Lauf meines Blutes, als wäre er von meinen Erben besoldet -- sagte neckend Adelaide zu dem immerwährend ernsten, jetzt aber doppelt bekümmerten Kamillo. -- Glaube, mir, es ist nichts, was mich bedeutend decontenanciren könnte, und hätte mich auch die lästige Kaprice des Bendheims, immer wieder anzuklopfen, in unangenehme Laune versetzt, so erheitert mich die Freude, meinen Theodor zu sehen, doppelt und dreifach.
Stumm und unbefriedigt von dieser Versicherung stieg Zynthio den Schneckenberg zur Philosophen-Ruhe hinauf; durch hohe Linden stahl sich der Mond, und beleuchtete mit kaltem Hohn den Usurpator dieses Thrones ruhiger Weisheit, der in bittrer Fehde mit dem Schicksal lag. Er ahndete, daß hier ein Geheimniß herrschte, welches Adelaide aus Schonung gegen einen Dritten so sorgfältig verbarg, sich selbst aber, indem sie die Last desselben allein trug, unverantwortlich aufopferte. Daß auch die heut empfangenen Nachrichten schädlich auf ihr Befinden gewirkt hatten, bewieß die brennende Wange, das nur übel zu verbergende Zittern der Hände, und die Begierde, mit der sie ein Glas Limonade statt alles Nachtmahls verschlang.