Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman
Part 7
Adelaide sah ein, daß dem wilden starrköpfigen Jüngling mit keinem Zügel -- wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung -- welche ihn doch nach dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen -- ihn noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand, auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! -- ein Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt wurde. -- Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und bewährt in männlicher hoher Tugend -- deren väterliches Erbtheil ihm nicht entgangen zurückkehren werde. -- „Auch der Verewigte vermogte nicht, dem Hange zu widerstehen -- sich unter fernen Himmelsstrichen seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin.
Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines Engels sprechenden Tochter. -- Sie trocknete die mütterlichen Thränen der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier, und segnete ihren Erstgebornen -- welcher nun als Vaterwaise ihrer Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf Abgründe führe.
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Schon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin die Auflösungsstunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin in dem rosigsten Kolorit erschuf. -- Die Abwesenheit des Erbprinzen, welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B*** antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin verdient zu machen -- hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer Tochter. -- Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken, und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstimmen wollte. -- Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen.
Jener Würger, dessen verheerende Thätigkeit öfterer das stille Glück liebender und geliebter Verbundenen in nahmenlosen Schmerz verwandelt, als die Wünsche der Erben reicher Greise, der Sklaven entbehrlicher Tyrannen -- ja selbst das Flehen so vieler von jeder Freude verlassener und nur von Schmerz und Leiden heimgesuchter Unglücklichen in Erfüllung bringt -- jener herzlose Freudenstörer streckte die knöcherne raubgierige Hand nicht nach der siebzigjährigen Oberhofmeisterin, sondern nach der kaum das fünfte Stufenjahr betretenden edlen Erzieherin Mathildens und deren Freundin. Ein heftiges Fieber zerrüttete das schwache Nervensystem der schon seit längerer Zeit sich ins Geheim dem Grabe nahe fühlenden nun dahinsinkenden Baronin von Treval. Es bedurfte nur wenige Tage zur entscheidenden Vernichtung ihres Lebens. Die unerbittliche Atropos zuckte, und abgemähet sank die allgemein Geliebte, allgemein Bedauerte, in die Arme des Schlafes, aus dem kein Erwachen, weder zu neuem Genuß der Freuden, noch zu drückender Tageslast hienieden statt findet.
Es wird ja nur die Hülle in Grabes Nacht versenkt, und Seligkeit die Fülle dem bessern Seyn geschenkt. Drum weinet nicht, ihr Lieben! dem Geist ist wohlgeschehn. Hört auf, Euch zu betrüben, bald winkt uns Wiedersehn!
-- sang noch zum Schluß der Trauerkantate mit Trost gebietender Baßstimme der Kantor, und das Chor stimmte ein, als der Sarg in die Gruft der Schloßkirche gesenkt wurde.
„Bald winkt uns Wiedersehn!“ lispelte, von Thränen erschöpft, Mathilde Adelaiden leise zu. „Aber nicht erst in jenem Leben, darum erbat ich es von meinem Vater, daß die Entschlafene in die nur fürstlichen Gebeinen geweihte Ruhekammer dem großen Tage entgegen schlummern durfte. Der Sakristaner ist für mich gewonnen, er wird meine Wallfarth begünstigen.“
Versteh ich recht? -- fragte mit einem brennenden von gleichem Verlangen belebten Blick Adelaide.
„Und du begleitest mich?“
Zu den Lebendigen und Todten! -- Aber wie? --
„Heut noch, um Mitternacht. -- Wir finden die Gruft erleuchtet, den Sarg geöffnet, und -- -- man beobachtet uns -- nur dies noch: das Zugpförtchen über den Burggraben an der Kirchseite wird durch des ehrlichen Sakristaners Vorsorge niedergelassen bleiben. Wir Beide schleichen unbemerkt in die Halle; am Eingang der Gruft verläßt uns der Vertraute unsrer Todtenfeier.“
Und wir -- allein? Ist die sonst so zaghafte Mathilde auch auf alles gefaßt -- was Täuschung, nächtliche Stille und Grauen ihr vorgaukeln könnte?
„An deiner Seite -- auf alles.“
Wo treffen wir uns?
„Unter dem Vorwande trauriger noch ungewohnter Einsamkeit, erhalte ich die Einwilligung unsrer Eltern noch diesen Abend, dich um Nachtquartier zu bitten. -- Behutsamkeit, Liebe! daß kein Wörtchen sich in ungeweihte Ohren flüstere“ --
Sorge nicht, traute Schwärmerin! -- die Wallfarth ist mir selbst zu heilig; siebenfacher Schleier verhülle unser Geheimniß, daß es selbst der Mond nur ahnde, auf welchem Wege sein blasser Schimmer uns leuchte.
Zynthio schlich diesen Abend, von banger Unruh getrieben, den beiden Priesterinnen der Todtenhalle auf Schritt und Tritten nach. -- Gute Nacht, lieber Kamillo! rief ihm Mathilde zu, und zog Adelaiden zum Schlafzimmer. -- Schlaf wohl! wünschte ihm diese, indem sie ihm einen Kuß zuwarf, und schlüpfte am Arm der Freundin ins einsame Gemach, wo verhüllende Gewänder für die beiden Wallfahrterinnen schon bereit lagen.
„Ich kann nicht schlafen,“ sagte der Sicilianer zu seinem Georg, welcher ebenfalls wie ein Geächteter umher irrte, ohne einen andern Grund seiner Unruhe angeben zu können, als daß der heutige Trauerpomp, das dumpfe Getön der Glocken, und die Schwermuth der jungen Damen ihn in diese Stimmung versetzt habe -- „die Nacht ist kühl, aber schön. Der Vollmond lockt mich, trotz der strengen Märzluft, ins Freie.“
Ich trage Ihnen die Guitarre nach -- fiel Georg, gleichfalls vom Reiz des nächtlichen Spazierganges ergriffen, dem ihm Dank zulächelnden Zynthio ins Wort.
„Was heißt das? Sonderbar!“ riefen Beide zugleich, als sie eine Stunde später auf ihrem Wege an die Zugbrücke der fürstlichen Burg gelangten, und das Pförtchen herunter gelassen fanden.
„Auch die Kapelle ist offen.“
Der Schein brennender Kerzen --
„Gerechter Gott! Geistern ähnliche Gestalten wanken hin und her.“
-- Aengstliche Töne! wie Adelaidens Stimme!
„Wäre es möglich?“
Ob wir vordringen?
„Wenn es nur nicht unwillkommne Neugier werden könnte“ --
Unsere Damen schliefen ja wohl --
„Wieder ein vernehmbarer Ruf, wie aus der jungen Gräfin Brust entflohn!“
Bannen Sie das Fremde, und locken die Bekannten durch einige Akkorde Ihrer Guitarre.
Zynthio gab das empfohlne Signal.
„Zynthio! Zynthio!“ -- rief es mit zitterndem Entsetzen. „Du hier? -- oder dein Geist zu unserm Schutz gesandt?“ -- Und bleich, athemlos stürzte Adelaide aus der Seitenpforte der Kapelle. Eine riesenartige Menschengestalt, im dunkelgrauen Mantel gewickelt, drängte sich auf dem schmalen Nebensteg der Schwankenden vor, stieß die herbeieilenden Jünglinge zurück, und Adelaiden in den tiefen Graben des Walles.
„Halte den Bösewicht auf“ -- schrie der ihr nachspringende Zynthio dem ihm auch in den Graben folgen wollenden Georg zu. Das Geschrei versammelte die Wächter; man brachte Stangen herbei, band Fischerkähne los, und eben schwand Zynthios letzte Kraft, mit der er die leblose theure Bürde über dem Wasser erhielt, als Georg mit einer ausgerissenen Palisade sich durch Schlamm und Weiden zu den Sinkenden hinarbeitete, und Beide einstweilen an den von Weiden sich natürlich bildenden Strand zog, bis endlich die Kähne sich näherten, und die Gebadeten der Gefahr des Untersinkens und des Erstarrens gänzlich entrissen wurden.
Mathilde wurde schon ohnmächtig von dem erschrocknen Sakristaner aus der Gruft in dessen nahe an der Kirche liegenden Wohnung getragen.
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Die beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt, durch eine geheime Treppe dem obern Stockwerk, und durch eine Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. -- Einige hundert Schritt von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft.
Eine brennende Ampel gab der düstern Wohnung der modernden fürstlichen Sippschaft Mathildens nur eine schwache schauerliche Beleuchtung. Der vorsichtige Führer hatte sich mit Wachskerzen versehen, um sie vor Eröffnung des Sarges anzuzünden, und somit das Grauen Erweckende so viel als möglich zu mindern, als auch den Anblick des werthen Leichnams denen ihn besuchenden Freundinnen freundlicher zu machen. --
Entsetzen ergriff die unter dumpfen Tritten die letzten Stufen herunter Steigenden, als der Deckel des Sarges schon auf den Boden lag, und eine große wild umherschauende männliche Figur mit schwarzen, über das Gesicht hängenden Haaren von dem Todten hinwegeilte, und unter großem Getöse hinter die kolossalischen metallnen Särge verschwand, in denen die Gebeine der Verwesung anheimgefallnen fürstlichen Familie über den Frevel sich hörbar schüttelten.
„Ha! verruchter Dieb!“ -- schnaufte der sich fassende Sakristaner -- „ich kenne dich und deine Absicht. Heraus mit dem entwendeten Geschmeide. Sehen Sie, gnädigste Durchlaucht! der Spitzbube hat’s richtig schon in seinen Klauen. Aber Gewinn soll’s ihm nicht bringen!“
Mit dieser heftig ausgestoßnen Versicherung schritt er auf den ungebetnen Gast zu, und wollte ihn aus seinem Schlupfwinkel vertreiben; dieser kam ihm zuvor, schlug ihm die Laterne aus der Hand und ihn zu Boden.
Der Verwegne hatte bei Eröffnung des Sarges vor dem Altar, während der Trauermusik, ein Medaillon in Brillanten gefaßt, auf der Brust des Leichnams bemerkt, welches Mathildens Bildniß und Nahmenszug von ihren Haaren geschlungen enthielt, und auf deren ausdrückliches Verlangen, dem mehr als treuen Mutterherzen, dem es gewidmet war, auch im Tode nicht entrissen werden sollte. Mit Hebel, Nachschlüssel und Brechstangen wußte er, der ein Schlosser war, sich durch ein von ihm noch während der Begräbnißfeier unbemerkt geöffnetes und nur lose angelehntes Fenster in der Dunkelheit des Abends wieder in die Kirche zu schleichen, und als er alles sicher wähnte, in die Gruft zu gelangen. Daß er hier eine brennende Ampel fand, machte ihn anfänglich stutzig; doch hielt er es bald nur für eine Nachläßigkeit des Kirchendieners, welcher sie wahrscheinlich auszulöschen vergessen hatte, es däuchte ihm sogar bequemer zu seinem Unternehmen, denn jetzt bedurfte er der mitgebrachten Blendleuchte nicht. -- Doch hielt er es für rathsamer, nicht eher Hand ans Werk zu legen, bis die schauerliche Mitternachtsstunde ihn für jede Unterbrechung eines lebenden Wesens sicherte. -- Sein Schrecken war daher nicht minder groß, als die zwei in ihren Verhüllungen Geistern ähnlichen Nachtwandlerinnen, von dem mit schwarzem Mantel angethanen Sakristaner begleitet, die Gruft betraten.
Der Raub war bereits vollbracht -- Furcht jagte ihn hinter und zwischen die Särge; als er sich erkannt und verrathen sah, dachte er jetzt nur auf Flucht, unbekümmert um die Erhaltung der erbeuteten Kleinodien, welche jetzt nebst dem Bildniß der blühenden Fürstentochter in und unter dem Staube ihrer stolzen Ahnen durch einen ungeschickten Fußtritt ihres Räubers zertrümmert lagen.
Adelaide versuchte um Hülfe zu rufen, doch ihre Stimme war zu schwach; größer wurde die tödtende Angst, als Mathilde, vom Schrecken überwältigt, besonders da ihres treuen Begleiters Fall auch das Hinstürzen des fremden Mannes nach sich zog, weil dieser sich in des Sakristaners Mantel mit den Füßen verwickelte, und erstere aus vollem Halse: Mörder! Diebe! schrie, ohnmächtig auf den offnen Sarg sank. Doch ergriff die beherztere Tochter des Helden Wallersee eine der mitgebrachten Kerzen, zündete sie an der brennenden in Oehl getränkten Laterne des mit dem Schlosser auf der Erde ringenden Sakristaners an, und eilte die Stufen hinauf, um Beistand zu rufen. Unterdessen waren die Kämpfenden wieder auf die Füße gekommen; der Verbrecher bestrebte sich um so mehr, denen auf das Geschrei Herbeieilenden nicht mehr zu begegnen. Der Klang der Guitarre über dem Walle überzeugte ihn, daß Personen in der Nähe wären, und als Adelaide über die schmale Brücke flog, wollte er ihr den Vorsprung ins freie Feld abgewinnen. -- Wüthend packte ihn Georg, übergab ihn der jetzt zudringenden Wache, die noch eben früh genug kam, um die Ungeduld des ehrlichen Westphählingers vor eigenmächtiger, rascher Exekution an dem Mörder seiner jungen Gebieterin abzuhalten, da ihm jeder Augenblick unersetzlich schien, den er der Hülfe Adelaidens und Zynthios entziehen mußte.
Im Wahnsinn des hitzigen Fiebers klagte sich Mathilde des Mordes ihrer Gefährtin in jener Schreckensnacht an. Sie hatte die Schlußscene im Wasser, welche beinah das heroisch-romantische Drama in ein vollkommnes Trauerspiel verwandelte, erfahren, und hielt Adelaidens körperliche Gegenwart, ihren sanften Händedruck, für Erscheinung aus jener Welt; für geistige Berührungen und Aufforderungen, ihr dahin zu folgen. -- Wie hätte auch die kranke Phantasie anders träumen sollen, da selbst die gesunde versucht wurde, die junge Gräfin Wallersee, seitdem sie aus dem Wellengrabe erstanden war, für einen Friedensengel zu halten, der dem bessern Jenseits noch einmal entschwebte, um seine hier noch umherirrenden Lieblinge mit himmlischer Geduld und schonender Freundlichkeit ebenfalls dahin zu geleiten. -- Keine Klage körperlicher Leiden entschlüpfte ihren Lippen, wiewohl ihre physischen Lebenskräfte nicht wieder mit ihr aus jener Todesnacht zurückkehrten. Die Blüthe der Gesundheit war abgestreift, der Sturm hatte die Lilie zwar nicht geknickt, aber die zarte Wurzel dem nährenden Schooße der Mutter Erde entrissen; sie neigte nicht ihr Haupt, aber es schien sich im reinen Aether eines schönen Frühlingsabends nur bis zum gänzlichen Untergang der sie sanft umstrahlenden Sonne erhalten zu wollen.
Das stärkere Nervensystem der Prinzessin erkämpfte dieser nach einigen Wochen wieder ein vollkommnes Wohlbefinden. Auch Adelaide widersprach heiter den Bedenklichkeiten der Aerzte, und erklärte: kein Uebel nennen zu können, das sie fühlbar drückte; die abentheuerliche Geschichte ward demnach bald nebst ihren Folgen vergessen, wenigstens trübte die Erinnerung derselben keinen von Mathildens fröhlichen Tagen mehr.
* * * * *
„Es ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen, der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ -- keuchte der schon seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte.
Du stören? -- O wärest du früher gekommen! -- antwortete freundlich, aber doch etwas bewegt, die Glühende, und stützte sich auf Zynthios Arm; -- doch davon nachher. Laß uns zurück eilen.
Die Generalin hielt Adelaiden einen Brief entgegen. -- Lies, meine gute Tochter, und rathe mir. Der Fall ist epinös; ich befinde mich in keiner geringen Verlegenheit.
Adelaide entfaltete das Schreiben der Fürstin, es lautete:
„Der Tod der Solly hat freilich die Oberhofmeisterinstelle endlich erledigt, aber noch will der Zufall mir die Erfüllung meiner herzlichen Wünsche erschweren. Die Wittwe des Ministers Zach, welche durch den Prozeß mit den Lehnsvettern ihres verstorbenen Gemahls alles, bis auf ihr kleines eingebrachtes Vermögen, verloren hat -- supplicirt um diese Stelle. Zach machte sich um den Staat verdient, das ist nicht zu läugnen. Eine Pension, die dem Gehalt der in Anspruch stehenden Charge gleich käme, dürfte für den Finanzetat etwas zu Ungewöhnliches, und folglich denen in der eingeführten Regel graugewordnen Verwesern desselben zu Auffallendes seyn. Der Fürst mögte sich so ungern das Vergnügen refüsiren, meine Freundin als ~Grande Maitresse~ unauflöslich an unsern Hof zu fesseln -- er weiß, welchen Werth ich auf diese Gefälligkeit legen würde, -- und doch kann er nicht umhin, auch Rücksicht auf die Ansprüche der verwittweten Zach zu nehmen, besonders da, als ihr naher Verwandter, der Oberjägermeister Bendheim, das Gesuch unterstützt. --
Mein Gemahl meint: hier sey guter Rath theuer! -- aber ich denke: +Nein.+ -- Entschädigung werde der Hülfsbedürftigen von dem, was sonst für die überflüßige Befriedigung meiner kostspieligen Launen bestimmt war, aber nicht auf Kosten der schönsten Forderungen meines Attachements für Sie. -- Dagegen erwarte ich von Ihnen, liebe Gräfin! alles Enthaltens einer unzeitigen Delikatesse; und wenn das voreilige Gerücht Ihnen die Prätensionen der Zachschen und Bendheimschen Allianz schon als akkordirt zu Ohren brächten, mir nicht durch übelangebrachte Resignation entgegen zu wirken. Ich engagire Sie für diesen Nachmittag, mich auf meine Meierei Luisensruh zu begleiten; dann das Weitere.“ -- --
Nun, liebe Adele! fiel jetzt die Gräfin ein -- kann ich nicht mit dem Fürsten sagen: hier ist guter Rath theuer? --
„Nichts weniger. Nie versahen uns Verhältnisse, neue unerwartete Ereignisse wohlfeiler damit“ -- entgegnete die Gefragte.
Und welches Benehmen schrieben mir diese Verhältnisse vor? --
„Der Vorsehung zu danken, die meine edle Mutter durch hinlängliches Vermögen in Stand setzte, zum Vortheil einer unbegüterten Familie auf die angebotne Gnade der Fürstin Verzicht leisten zu können.“
Mein Gott! -- So -- ~de But en blanc~ --?
„Nicht ~de But en blanc~! -- Ihr Zweck ist redlich und unfehlbar.“
Aber die Fürstin will die Zach entschädigen. Ich selbst denke mich an Großmuth nicht übertreffen zu lassen, denn ich verlange nicht den ganzen Gehalt, die Hälfte davon möge die Revenüen der ärmern Wittwe vermehren; und somit könnten die Wünsche des Fürsten und seiner Gemahlin erfüllt werden, ohne der Ministerin Unrecht zu thun.
„Und die vom Hof Entfernten würden, ohnerachtet dieser Entschädigung, über Unrecht klagen. Der Glanz, das Ansehen, welches mit dieser Stelle verbunden ist, und dessen die ohnedies reiche im hohen Range stehende Gräfin Wallersee nicht bedarf -- dünkt der Frau von Zach eben so ersprießlich für die Versorgung ihrer Töchter, als es der wohlthätige reichliche Gehalt ihrer zerrütteten Finanzen seyn wird.“
Doch -- ich bitte dich, Kind! wie würde mein Renonciren von der lieben Fürstin aufgenommen werden?
„Sie müßte weniger billiges Gefühl, weniger richtigen und feinen Takt haben, als doch selbst jede Zeile ihres Briefes beweist, wenn sie nicht ihren Entschluß im voraus so berechnet hätte, wie er der nicht minder edel und gerecht fühlenden Freundin einer solchen Fürstin geziemt.“
Und der Hof? -- Gewiß, mein Kind! das wird ein Fest für unsere Neider geben. Man wird sagen, ich sey in Ungnade gefallen; die Zach habe mich verdrängt. Jedermann weiß, daß die Solly der Herrschaft nur deswegen zu lange lebte, weil man gern schon längst durch mich ihre Stelle remplacirt hätte.
„Dem läßt sich vorbeugen. Sie schlagen das ehrenvolle Anerbieten unter dem Vorwande aus, daß mir die Aerzte den Gebrauch der Bäder Pyrmont und Spaa verordnet, und überhaupt bis zu vollkommner Befestigung meiner schwankenden Gesundheit, die Stille und reine Landluft auf unserm Wallersee fürs zuträglichste hielten. Der Zweck rechtfertigt hier die Mittel, und entschuldige mich, wenn ich diesmal ein wenig die ~malade imaginaire~ spiele. -- Gewiß, ich will das Vorgehen recht natürlich unterstützen. -- Die Fürstin beklagt Angesicht des Hofes den Verlust ihrer gehofften ~Grande Maitresse~, wünscht Ihnen mit schwerem Herzen glückliche Reise, und mir heilsames Gedeihen der Brunnenkur und der künftigen Landluft auf unsern Gütern. Die Höflinge wünschen unter tiefen Bücklingen uns desgleichen, bedauern, daß sie uns aus ihrer Mitte verlieren, und lachen, wenigstens nicht über getäuschte Hoffnung, da es von der beneideten Gräfin Wallersee abhing, sie erfüllt zu sehen!“
Adelaide! ist das dein Ernst? -- Wenn der Gebrauch der Bäder nothwendig, ja dir nur wünschenswerth wäre, so reisen wir künftige Woche, wenn du willst. Aber warum von hier auf längere Zeit, wohl gar auf immer uns zu exiliren?
„Aus der triftigsten Ursach von der Welt, meine gute theure Mutter!“
Du bist bewegt -- deine Wange glüht: ist dir etwas wiederfahren?
„Diesen Morgen -- überraschte mich Prinz Louis im Fasanen-Gehege unsers Parks“ --
Der Erbprinz? -- Mein Gott! ist er wieder angekommen?
„Für Niemand sichtbar, als für mich. Mit unserm Fasanenwärter im Einverständniß, kam er als reisender Jäger diese Nacht bei seiner Waldhütte an, nahm Herberge daselbst, und ließ mich durch eine falsche Einladung von Mathilden in aller Frühe dahin locken.“
Liebes Kind! die Sache ist ernsthaft -- schlimmer als ich glaubte. Der Unbesonnene! Und was ist seine Absicht?
„Mich mit der Unmöglichkeit bekannt zu machen, eine längere Trennung zu ertragen. Er spricht von lästigen, ja selbst unsrer Ruhe gefährlichen Anschlägen des jungen Graf Bendheims, und droht, in längstens vier Wochen wieder am Hofe seines Vaters, berufen oder nicht berufen, willkommen oder nicht willkommen, zu erscheinen, und die beabsichteten Zwecke des Fürsten andern Händen zu überlassen.“
Die Generalin schlug die Hände über den Kopf zusammen, und blickte starr umher, als fürchtete sie, durch eine der drei Thüren des Zimmers den Unwillkommenen eintreten zu sehen. Nach einer kleinen Pause fragte sie kleinlaut: Wie hast du denn diesen Tollkopf bedeutet?
„Mit der Würde des Mädchens, das von ihm verlangen darf, einen solchen Besuch nie zu wiederholen: ihren Ruf, ihre Ruhe fürs künftige mehrerer Schonung werth zu achten. Er versprachs; indeß dem sey wie ihm wolle, meine theure Mutter sieht das Zusammentreffen aller dieser Umstände gewiß für einen Wink der Vorsehung an, ihre Ansprüche der verwittweten Frau von Zach mit der anständigsten ehrenvollsten Manier zu cediren.“