Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman

Part 6

Chapter 63,392 wordsPublic domain

„Und Louis -- o da lasse man doch den Flattersinn der Männer für dessen Heilung sorgen, wenn sein Herz je krank war. Seine zu hoffende Verbindung mit der ***schen Prinzessin, seine einstweiligen Reisen und Aufenthalt an jenem Hof -- welche künftigen Winter ihren Anfang nehmen sollen -- werden den zärtlichen Etourdi schon völlig zur Raison bringen.“

Nichts gewisser als das.

„Und weiß meine Freundin wohl, daß der Graf von meinem Gemahl wieder mit Bitten bestürmt werden soll -- das Kommando über unsern Louis zu führen und ihn an Vaters Statt auf seinen Freiers-Zügen zu begleiten? -- Wie? Sie zucken zweifelhaft die Achseln?“

Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen, innerer Kummer -- den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart meines unglücklichen Sohnes verursacht -- machen mich öfters für einen uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine Kinder in Verzweiflung stürzen wird. -- Des ihm zugedachten so hoch ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal würdig machen können.

„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung ihrer Zukunft.“

O mein Sohn Theodor! -- Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling, mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schreckliche Wort: Fluch dem Ungerathnen! -- des tief beleidigten, von ihm langsam gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf mit Zittern erwarten! --

„Allgerechter! -- So schlimm steht es mit dem Jüngling? -- Arme Mutter!“ --

Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe, den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn. -- Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten Vaters, er sänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein.

„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender Ueberraschung herbeyführen? -- Der Hülfsleistung theilnehmender verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß -- wo es nur eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. -- Lassen Sie uns raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“

Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen sehen. -- Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee, dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte.

„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als der leidenschaftlichste Ausbruch! -- Kalter höhnender Trotz pikirt den General aufs höchste. -- Doch, nur nicht den Muth verloren! -- Sobald Graf Theodor sich als Officier der Knabenruthe völlig entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann -- sodann wird sich auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn, Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die Arme seiner langentbehrten Familie führen.“

Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte. Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde, bestätigt meine Vermuthung.

„Liebe Aengstliche! -- Ihre Träume sind ansteckend! -- Nein, lassen Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem Schatten Gespenster sehen -- nicht wahr machen.“

Leider haben diese Schrecken schon das gräßliche ihrer Neuheit verloren; ich bin schon zu vertraut mit der Gewißheit des mich bedrohenden Unglücks.

„Nun, dann sind Sie auf dem Wege, den ich wünsche. Wir wollen also mit philosophischer Standhaftigkeit von diesem Zeitpunkt sprechen. Ihr Wittwenschleyer sey dann das Ordensgewand, in welchem Sie sich dem Gelübde unzertrennlicher Freundschaft und Vereinigung mit mir und unserm Hause unterwerfen. Die Soly ist alt, sehr alt; Keuchhusten und Nervenzerrüttung geben ihr kaum noch ein Lebensjahr Frist, und die Oberhofmeisterinstelle ist für meine theure Ludmilla erledigt; Ihre Hand darauf, daß Sie mir dann diese frohe Hoffnung nicht vereiteln.“

Es gelang der Fürstin, die bange Schwermuth der Generalin durch das schmeichelhafte Anerbieten der künftigen ehrenvollen Charge, in ein zwar wehmüthiges, aber freundliches dankbares Ergeben, in die ihr eröfnete Zukunft zu verwandeln.

* * * * *

Schon blickten Dichter und Kapellmeister stolz auf das gelungene Werk und hoffnungsvoll den vielen Beweisen hohen Beifalls entgegen, welche der zur Genesungs-Feier verfertigten Kantate, in Rollen goldenen Inhalts, oder Tabatieren gleichen Werthes werden mußten. Schon schoben sich Perüquen und Kaffeemützchen der Herren Dekoratörs und Feuerwerker, über dem Ausbrüten neuer Allegorien, von einem Ohr zum andern. Die arme aber wohlgebildete funfzehnjährige Jugend beiderlei Geschlechts ließ sich bereits in Aussicht des wohlthätigen Fonds künftiger Aussteuer -- der neu altgriechischen Form anpassen, in welcher sie Gruppen auf Amphitheatern des Fürstlichen Parks formiren sollten -- deren mythologische Tendenz kein Deutscher begriff, und wahrscheinlich die Manen ihres Adoptiv-Vaterlandes eben so wenig erkannt hätten.

Das Sonnenlicht des sieben und zwanzigsten Mais, der Geburtstag des Fürsten, war bestimmt, diese doppelte Feier mit seinem Strahlenmantel zu verherrlichen, bis die dunkle golddurchwirkte Drapperie der Nacht das Signal gäbe mit zahllosen Flämmchen auf Bäumen und Hecken, mit feuersprühenden Rahmen, Pyramiden, fürstlichen Attributen, Sinnbildern und Motto’s, dem Gesetz der nun Ruhe und nächtliche Stille gebietenden Zeit zu trotzen.

Auch Adelaide und Zynthio arbeiteten an einer Ueberraschung für die geliebte Mathilde zu diesem glänzenden Tag der Freude. Georg, welcher schon seine Lehrjahre überstanden, und in des Generals Hause, nicht als dienender Jäger, sondern nächst Zynthio den zweiten Platz unter Wallersee’s geliebten Pflegesöhnen behauptete, wiewohl keine gütige Dispensation, kein Befehl es vermochte, den Dankbaren seiner ihm selbst erwählten so süßen Pflicht, Adelaidens Leibeigner zu seyn, untreu zu machen; nur ihr wartete er bei der Tafel auf, nur die Zierde ihrer glänzenden Dienerschaft, ihrer Equipage zu seyn, war seine Eitelkeit. -- Auch Georg bot jetzt seine Geschicklichkeit, sein Erfindungsvermögen auf, um jene lieblichentworfene Idee in ihrer ganzen Vollkommenheit ausführbar zu machen.

Aber -- wer vermag des Schicksals Launen zu berechnen, um nicht hin und wieder sich mit vergeblichen Erwartungen zu täuschen? -- Zynthio hatte es sich, besonders die letztere Zeit, nicht nehmen lassen, der treue Gehülfe Adelaidens in der Pflege und Zeitverkürzung der blatternden Mathilde zu seyn, und wurde nun das Opfer seiner Dienstwilligkeit. Ein dunkler Wahn machte ihn glauben, er habe schon an der Mutterbrust mit jener Krankheit gekämpft und sie überwunden, und folglich die Ansteckung dieser Menschenpest nicht mehr zu fürchten. Ein heftiges Fieber mit allen Symptomen der ihn hämisch begrüßenden Blattern widerlegten den Irrthum, und der sieben und zwanzigste May, der Tag allgemeinen Jubels, hatte den armen Sicilianer schon an die Pforten des Todes gerückt -- noch einen Schritt weiter, und meine Feder hätte hier mit einem ~memento mori!~ seiner Existenz zu erwähnen beschließen müssen. -- Doch als Mathildens Namenszug und Fürstenkrone im blauen Feuer auf der Plantage mit dem mitternächtlichen Glockenschlag verpuffte, und die nicht zurückzuhaltende Königin des Festes Adelaiden händeringend und verzweifelnd zur Seite am Lager des Leidenden seinem Hinscheiden entgegen starrte -- brach die Krisis; einem Harnisch gleich überzog das herausgetriebene Gift den Körper, und neu belebt hüpften und jauchzten die noch kurz vorher Trostlosen sich in tausend Wiederholungen zu: Er ist gerettet! -- Er wird nicht sterben! --

* * * * *

„Nicht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen allergnädigsten Versucher -- den ich nicht erkennen mag -- gegen Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“ donnerte im rauhen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten entgegen.

Alter ehrlicher Paul! -- Mir wolltest du den Einlaß versagen? -- antwortete es schmeichelnd aus der Hülle, die sich jetzt vom Kinn bis zum Auge lüftete.

„Graf Theodor!“ rief der graue Pförtner in freudiger Bestürzung -- „unser junger Herr? -- das hebt die Parole. Das Verbot galt nur so einen gewissen Jemand, so zu sagen fürstlichen Wilddieben, die mit der Zitter unter dem Arm, und allerlei Liebestriller unter der jungen Comteß Fenster, das unschuldige Reh aufzuscheuchen und in ihr Garn zu locken, sich ab und zu gelüsten lassen.“

So, so! -- noch immer die alte Jagd? -- murmelte Theodor -- Recht, Meister Isegrim! halt dich brav auf deinen Posten, mach’ deinen Waffen Ehre. Welch’ einem unberufnen Schützen du die glatte Haut ritzest -- hast du nicht zu verantworten: im Finstern kannst du ohnehin nicht wissen, wen und wohin deine Nachtwächterlanze trifft.

„Haha! dacht’s wohl, auch noch immer das alte Häkchen!“ schmunzelte pfiffig der Hellebardenträger -- „Nun, nun, bis dahin lassen wirs nicht kommen. Indessen, schön willkommen! wenn nicht in’s Grüne, doch in Hagel und Sturm des frostigen Novembers.“

Oben, in den Armen der mich freundlich erwarmenden Familiensonne wird’s besser seyn. Bleib mit deiner Laterne zurück; ich will sie überraschen.

„Das Gott erbarm!“

Was krächzt der alte Rabe? -- Sind sie nicht zu Hause, vielleicht für mich nicht zu Hause? --

„O ja, aber der Papa -- die arme Excellenz stöhnt und sieht dem Christmonat entgegen, wie eine zum Verlöschen ausgebrannte Nachtlampe dem anbrechenden Morgen, kaum flackert’s, bis es draußen hell wird!“

O, meine weissagende Seele! --

„Ja, ja; das Weihnachtsfest wird wohl Trauer bringen. Nun, die gute brave Excellenz ist gefaßt; aber -- die Ueberraschung rathe ich doch ab.“

Meinst du? --

„Komteßchen, die liebe fromme Seele! mag den Papa vorbereiten. Sie ist ohnehin die Einzige, die nicht von der Seite des wunderlichen Kranken weichen darf.“

Und meine Mutter? --

„Weint oft in ihrem einsamen Kämmerlein, weil Excellenz die Thränen nicht wohl leiden können, und Lamentationen seinen Zustand erschweren.“

Mit einem ängstlichen Schrey des Schreckens bebte die Generalin von dem Sopha auf, dessen Polster so wie ihre Wangen von den Spuren ihres Jammers, wie im Abendthaue glänzten, als Theodor das einsame Gemach betrat, und das düster leuchtende Kaminfeuer ihn, einem Abgeschiedenen gleich, nur in unsicherer Schattengestalt kenntlich machte.

Theodor! du Schmerzenssohn! -- Ein guter Engel führe dich her! -- Der Moment ist wichtig, der wichtigste deines Lebens. -- In der Hand des sterbenden Vaters schwankt noch das Zünglein der Waage -- eile, daß die Segensschaale den Ausschlag gebe! -- Adelaiden verdankst du, daß es damit noch nicht zu spät ist. --

Ich weiß alles. -- Aber soll ich den Dahinscheidenden betrügen? -- Ich kann die Bedingungen nicht erfüllen, und komme, seine Billigkeit, seine väterliche Nachsicht in Anspruch zu nehmen.

„Unglücklicher! du dringst nicht durch. Quittirst du, und bestehest darauf, Deutschland zu verlassen, so bleibst du -- bis auf ein sehr geringes Pflichttheil enterbt.“

Immerhin! Fesseln drücken, wären es auch goldne. --

Der Fluch des Vaters! --

„Schrecklich! aber spricht er ihn als ungerechter Tyrann aus, so“ --

„Ende nicht, Frevler! Mir zermalmt der Gedanke schon Arm und Bein!“ --

Was kann ich thun?

„Schweigen; die letzten Augenblicke des Edlen, dem du dein Daseyn dankst, mit stiller Ergebung -- wär es auch nicht Gehorsam, doch Widerspruchslos zu ehren, und ihn in Frieden mit dem Troste in die Ewigkeit treten lassen, daß sein Wille dein Gesetz seyn werde.“

Und dann -- --? --

„Spricht zwar das Testament über den Heuchler das Urtheil, doch folgt dir nicht der Nachhall väterlichen Fluches.“

Bleich, wie ein trauernder Genius am Monument eines geliebten Entschlafenen, trat Adelaide jetzt in das Zimmer. Man hatte ihr die Ankunft des Bruders zugeflüstert, eben als der theure Kranke eines erquickenden Schlummers genoß; die Folgen einer sehr angreifenden ernsten Stunde, in welcher die sechzehnjährige Tochter des vollen Vertrauens ihres sonst mit seinen Aufträgen und Kummer so vorsichtig verschlossenen Vaters gewürdigt wurde, und versiegelte Papiere in ihre Verwahrung bekam, die sie nur unter gewissen Bedingungen früher oder später eröfnen und sich mit dessen Inhalt bekannt machen sollte.

„Er schläft? -- Diese Ruhe gäbe ihm neue Kräfte? -- O, Adelaide! gutes Kind! täusche mich nicht mit eitler Hoffnung!“ -- bat die trostbedürftige Mutter.

Weh mir, wenn ich dieser Schwachheit fähig wäre! -- Fassung, liebe Mutter! oder -- erleichtern Sie jetzt ihr Herz durch Thränen. -- Diese Ruhe giebt ihm Kraft, uns noch einmal zu segnen, und dann im wohlthätigsten Bewußtseyn erfüllter Vater- und Gattenpflicht zu vollenden. -- Sein Erwachen wird das letzte seyn für dieses Leben.

Die Generalin sank laut schluchzend auf das Sopha.

„Schwester, ich bewundere deine Standhaftigkeit -- sagte Theodor -- ein Vaterherz hört alsdann auf zu schlagen, daß im Uebermaaß der Liebe für dich, beinah für jedes andre Gefühl des Wohlwollens verarmte.“

Diese Standhaftigkeit verdanke ich dem Todesengel, der nicht allein dieses Vaterherz zu brechen erschienen ist -- sondern auch mir im Buche der Zukunft ein Blatt aufzuschlagen, dessen dunkler Spruch mich zu muthiger Resignation erhebt! --

Zynthio schlich in dumpfer Betäubung mit der Nachricht herein, daß der General erwacht sey, und nach der Familie verlange; auch Theodor, dessen Anwesenheit ihm gemeldet -- solle kommen. -- Auf ihre beiden Kinder gestützt, wankte die fast selbst mit dem Tode ringende Gattin, an das Bette des von ihr so innigst geliebten Gemahls; unwillkührlich sank sie auf die Knie vor demselben, und bedeckte mit Küssen und Thränen die kalte feuchte Hand ihres Alexis. Adelaide und Theodor standen zu den Füßen des Bettes.

„Gut, mein Sohn, daß du kommst und deinen Vater sterben siehst,“ sagte mit vernehmlicher, aber sanfter Stimme der General -- „ehre deine Mutter, ehre das Andenken an diese Stunde, und die Stunde deines Todes wird dir so leicht und sanft werden, wie es mir die meinige ist. Das Uebrige wirst du aus meinem letzten Willen ersehen. Dein ist die Wahl, so oder so; ich habe mich auf jeden Fall mit dir abgefunden.“

Theodor hielt beide Hände gefaltet vor die glühende Stirn, seine Brust hob sich schwer athmend -- Mein Vater! rief er gepreßt -- so scheiden Sie von mir? -- O vernichten Sie mich! --

„Mein Sohn! -- ich scheide von dir als dein gerechter aber nicht erzürnter Vater! dies dein Segen -- verdiene ihn. -- Adelaide, wir Beide haben uns für diese Welt nichts mehr zu sagen, wir haben uns verstanden, und ich bin deinetwegen ruhig. -- Auf Wiedersehen!“

Auf Wiedersehen, mein Vater! -- tönte wie Geisterstimme Adelaidens Antwort.

„Und nun zu dir, treues redliches Weib, meine geliebte Ludmilla! -- in deinen Armen will ich sterben, richte mich auf; mein letzter Blick sey Dank für deine fromme Liebe! -- dort erst wirst du begreifen, welch ein großer Schuldner ich dir war -- aber auch verzeihen! -- Keinen Abschied! die mich lieben, werden mich bald wiederfinden. -- Also nur gute Nacht! -- an der Brust der treuen Gattin schläft es sich sanft ein. -- Gute Nacht, Zynthio -- gute Nacht, all ihr Freunde! -- Adelaide, Theodor; unterstützt eure Mutter, daß mich ihre Arme nicht eher fallen lassen, bis ich fest eingeschlafen bin. -- So -- so -- gute Nacht!“ --

* * * * *

„Schlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines auf dem Paradebette liegenden Generalissimus.

Ja, dieser Schlaf ist dem edlen großen Mann Bürge, daß seine Ruhe nicht mehr gestört werden kann. -- Wohl mir -- daß ich giftigen Insekten, als sie ihn noch verwunden konnten, den Stachel stumpfte! -- flüsterte es leise zu den Füßen der Leiche.

Der Fürst blickte seinen Thronfolger bedeutend an -- „Fühlst du das, mein Sohn? -- Gott Lob! dann leichterst du mein Herz um ein großes!“

Wir verstehen uns nicht -- mein Vater, und können uns nicht verstehen! --

„Wie?“

Ich bitte, Ew. Durchlaucht geruhen die neugierige Menge zu erwägen, von der wir Beide noch weniger verstanden werden. -- Mein Ehrenwort an dieser mir heiligen Stätte, wenn dies genügt, daß sich der Fürst nie seines Sohnes wird schämen, noch seinen Handlungen fluchen dürfen!

„Damit begnüge ich mich -- fürs erste.“

„Graf Bendheim, Sie haben erlauscht, was ich so eben mit meinem Vater sprach; raunte der Erbprinz dem Legationsrath zu, als sich der Fürst mit dem Oberjägermeister vertiefte -- und ich habe das höhnende Manöver Ihrer Gesichtszüge bemerkt. Ich bitte ferner aufmerksam zu seyn; auch die Ueberreste des Grafen, seinen Schatten werde ich mit besonderer Strenge und Wachsamkeit vor dickbenannten Insekten zu schützen wissen. Sie haben mich verstanden -- denn uns beiden ist diese Metapher kein Räthsel.“

Der Legationsrath biß sich wüthend auf die Lippen; heuchelnd gelobte er, die Meinungen und Winke Seiner Durchlaucht zu ehren. -- Das Räthsel selbst blieb vor der Hand noch unter fürstlichem Siegel bewahrt.

Die Testamentseröfnung rechtfertigte die mütterlichen Besorgnisse der Generalin. Theodor trat nur unter den von ihm verworfenen Bedingungen, in den Besitz -- der für den Fall ihrer Erfüllung, zu Majorat ernannten Herrschaften Wallersee und Tomsdorf -- dahingegen bei Nichtachtung der ihm vorgeschriebenen Bestimmung, er mit einem Kapital von 10,000 Thaler ein für allemal abzufinden, und Adelaide zur Universalerbin ernannt war. Selbst über das ansehnliche Witthum durfte die leichter verzeihende Mutter nicht nach Willkühr zu Vermächtnissen disponiren. Nur ein Drittheil fiel nach deren Tode an den ungehorsamen Sohn -- das Uebrige ebenfalls der geliebtern Tochter zu. -- Endlich hatte der Testator, unter der Garantie der Regierung selbst, verfügt: daß Adelaide mit dem Beschluß ihres achtzehnten Jahres für mündig erklärt, und vermählte sie sich vor Erreichung dieses Alters -- noch vor ihrer Heirath der Minderjährigkeit enthoben werden sollte, wo sie alsdenn frey über ihr Vermögen zu schalten und zu walten hätte, welches, wenn sich Theodor auch der beiden Herrschaften Tomsdorf und Wallersee würdig machte -- dennoch beträchtliche Reichthümer in sich faßte.

Man schüttelte die Köpfe, definirte und verwarf wieder die mühsam herausgerechneten Muthmaßungen über dieses sonderbare Testament: -- lobte des verstorbenen Generals Klugheit und Vorliebe für seine Tochter, der nun von allen Seiten Freyers-Attaken droheten -- während andere den mit offenbarem Unrecht in Nachtheil zurückgesetzten Sohn bedauerten.

„Ich habe einen Stiefvater verloren,“ sagte dieser bitter lächelnd -- „in dieser Hinsicht betrachtet, ist das Legatchen von zehntausend Thaler immer ein sehr respectabler Beweis seiner Großmuth.“

„Nicht doch,“ flehete die Schwester liebreich -- „Du wirst Majorathsherr, verbindest dich mit der schönen Sophie, und sicherst dir das Glück eines dankbaren guten Sohnes, das nur der zärtlichste Vater dir so bestimmen konnte.“

„Nur an den Ufern der Seine blüht das meinige; in den Armen einer Julie La Valette kann ich das Loos eines verstoßnen Sohnes vergessen!“ --

Adelaide erblaßte. -- Welchen Gefahren willst du dich Preiß geben? -- Kennst du diese Julie La Valette? --

„Sieh hier ihr Bild. Ihr Cousin gab es mir; wir stehen seit länger als einem Jahre in Briefwechsel. Der Weg zu meiner Carriere in Frankreich ist bereits gebahnt; des Vaters Tod öffnete mir die Schranken“ --

Eines Labyrinths vielleicht -- erfahrungslos, ohne Freund! -- ich beschwöre dich -- wäge deinen Entschluß; höre die Warnungen meines beängsteten ahnenden Herzens!

„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! -- Sie verliert bei mir, so sehr mich alles interessirt, was du sagst -- weil ich dich, das einzige Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen, innig liebe. -- Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“

Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir nicht nach Kräften vergüten werde? --

„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“

Du thust mir weh, wiewohl ich dich eigentlich nicht verstehe --

„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“ --

Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. -- Nur vergiß und verkenne nie deine Schwester!

„Es gilt, Adelaide! -- Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. -- Und nun, um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen, Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! -- Die gute ~mater dolorosa~ würde mich mit ihren Thränenströmen inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“