Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman

Part 5

Chapter 53,455 wordsPublic domain

„Er gefällt mir, und -- Zynthio, möchtest du ihn wohl zum Reisegefährten? -- wollen wir ihn zu Adelaiden mitnehmen?“ --

„~Si, Signore!~“ rief dieser mit Freuden, indem er des Grafen Brust und Hände mit Küssen überströmte. -- „Bravo, Amico! du gehst mit uns nach Deutschland, wo wir einen Engel finden werden; Schwester Adelaiden“ --

„Holla! einen Engel? -- begann der alte Schweitzer -- das klingt wohl tröstlich für meinen Georg; -- aber wird dieser Engel auch ihm ein Schutz- und Gnadenschild seyn und bleiben wollen?“ --

„Es ist meine fünfjährige Tochter. Ein sanftes gutes Kind; übrigens gebe ich nicht in ihrem, sondern in meinem Namen das Wort. Wem ich meine Fürsorge einmal zusagte, dem entzog ich sie, unter keinen Umständen, wieder.“

„Nun dann -- mit Erlaubniß Herr Graf! -- Georg bitte den jungen Herrn, daß er ein wenig mit dir ins Nebenzimmer geht, du kannst, wo’s nöthig ist, und er dich brauchbar findet, dich ihm fein dienstlich erweisen.“ --

Alexis winkte, und beide Knaben verließen das Zimmer.

„Jetzt will ich von der Leber weg reden. Der Bube soll seine Mutter nicht wiedersehen, der er schon als dreijähriges Kind entrissen wurde, um ihre Untugenden nicht kennen zu lernen. Ich will die Schuld nicht auf mir haben, daß sie ihm durch meine Erzählung bekannt wurden. -- Sein Vater, Namens Anton Rellmann, war ein junger Mahler, der nichts besaß, als Geschicklichkeit, Fleiß und Liebe zu seiner Kunst und ein eisernes Kapital von Redlichkeit, Treue gegen Gott und Menschen; und -- einen Kopf, Herr! -- einen Kopf! -- Länder hätte er damit regieren, Staatsverfassungen umstürzen und bessere dafür einführen können, trotz manchen -- Nun, nun das gehört weiter nicht hierher, außer in so fern, als auch ein gescheuter Mann der Hinterlist eines ehrvergeßnen Weibes unterliegen kann. -- Sie war die einzige Tochter des Inspektors von der Mahlerakademie, reich, und mag fein genug ausgesehen haben. -- Den schmucken Gesell Rellmann heirathete sie aus sinnlichem Wohlgefallen, und die Eltern waren’s zufrieden, weil er bei der Herrschaft in Manheim in gutem Ansehen stand. Ein anderthalb Jährchen mochte das Freudenleben der jungen Eheleute gedauert haben, während dessen ihm der Bube Georg geboren wurde -- da merkte er bereits, daß Madam sich nach anderem Zeitvertreib umschaute; und -- als er einst nach achtmonathlicher Abwesenheit, weil er in Manheim die kurfürstliche Familie abkonterfayen, auch mehrere Kirchengemälde auffrischen müssen -- seine liebe Hausehre in guter Hoffnung fand, und zehn Wochen später die Familie um ein neu gebornes Töchterlein vermehrt sah -- da wurde es ihm handgreiflich, daß er ein betrogener Ehemann sey. Durch ein verzetteltes Billet, welches ihm der kleine Georg brachte, entdeckte er den Verführer seines Weibes, verfolgte den vornehmen Schuft auf Schritten und Tritten, bis er ihn auf einem abgelegenen Spatziergang in einem nahen Hölzchen erwischte. Der tollkühne Rellmann drang ihm eine Pistole auf, die andere mit gespanntem Hahn, hielt er dem zitternden Baron unter die Nase. -- Schießen Sie, oder ich schieße. -- Der Baron drückte los und fehlte; jetzt war die Reihe an dem Mahler, er schoß -- und das freiherrliche Gehirn spritzte an einem Baum. -- Rellmann, auf diesen Fall gefaßt, hatte schon im nächsten Dorfe seine Reiseanstalten getroffen; der kleine Georg wartete daselbst seiner, und in einem Einspänner erreichten sie schnell die erste Poststation. Er flüchtete zu uns, denn wir waren alte Bekannte, von seinen frühern Reisen durch die Schweitz nach Italien. Wenig brachte er mit, denn seine Ehrliebe erlaubte ihm nicht, sich auch nur mit dem geringsten des Eigenthums seiner Jesabell zu versehen. -- So lange der Kummer seine Gesundheit nicht völlig untergraben hatte, half ihm reichliche Arbeit durch. Als komplette Auszehrung ihn auf’s Siechbette warf, da verließen ihn gute Menschen und Freunde nicht in der Noth. Er starb in meinem Hause; seinen Buben band er mir auf die Seele. -- Was Christenpflicht mit sich bringt, habe ich bisher an Georg gethan. Nach vollbrachten Schuljahren sollte er in Gottesnahmen ein Zeugmacher werden: ja, aber dazu fehlt Lust. Auf unserm Gymnasium hatte er gewöhnlich das beste Zeugniß, aber für unsere Handthierung ist er nicht einmal zum Garnaufspulen zu brauchen.“

„Vielleicht steckt ein Gelehrter in ihm,“ meinte der Graf.

„Hm! -- sollte das mit seinem rastlosen Umhertreiben übereinstimmen? Zwar, was er aus den Büchern zu lernen hat, das fliegt ihm nur so in den Kopf, aber sind die Schulstunden vorbei, dann geht’s über Busch und Graben, auf’s Bogenschießen, andres Schießgewehr gebe ich ihm nicht in die Hände, so lüstern er auch immer nach den Stutz blickt, der über mein Bett hängt. -- Ich denke es würde ein guter Forst- und Waidmann aus ihm werden, und läßt man so ein Wörtchen gegen ihn fliegen -- huch! wie lebt und webt alles an ihm, wie blitzen seine Augen!“ --

„Da könnte ihm auf meinen Gütern geholfen werden. Ich habe einen tüchtigen Oberförster -- und wenn Sie mir ihn also anvertrauen wollen“ -- --

„Ich muß wohl, so ungern ich auch den Buben von mir lasse.“

„Welche Nothwendigkeit heischt aber diese Trennung?“

„Mein Hauskreutz, Herr Graf! Ein Uebel, das wohl mancher ehrliche Mann mit mir gemein hat. Mein erstes Weib starb ein Jahr nach Rellmanns Tode. Kleine Kinder, weitläuftige Haus- und Fabrikenwirthschaft nöthigten mich bald, zu einer zweiten Heirath zu schreiten. Die Stiefmutter meiner eignen Kinder, ist es zwiefach gegen den armen Georg. Darum danke ich Gott, wenn ich eine gute Freistatt für den kleinen Rellmann bei Ihnen finde, so ist ihm und mir für’s erste geholfen. Ausgestrichen wird er darum doch nicht in meinem Herzen, und so Gott meinen Handel und Wandel ferner zu segnen beschlossen, auch nicht aus meinem letzten Willen.“

Alexis drückte dem Zeugfabrikanten recht brüderlich die Hand. „Braver Mann, Sie sollen Freude an Ihrem Werk der Menschenliebe erleben. Georgs zweiter Pflegevater wird -- das verspreche ich Ihnen als ehrlicher Mann -- eben so väterlich für ihn sorgen, als sein Vorgänger.“

„Dann, Herr Graf! -- dann wird unser aller Vater da oben einst zu uns sagen: ihr habt meinen Willen erkannt, und eure Pflichten als gute Menschen erfüllt.“

Georgs Abschied von seinem Wohlthäter kostete ihm heiße Thränen, so sehr der Knabe auch über seine Bestimmung entzückt war.

„Und hier hast du, nebst seinem Segen, das dir von deinem Vater hinterlassene Erbtheil. Hebe diese vierzehn Dukaten, so lange dich nicht die äußerste Noth drückt, als ein Heiligthum auf. Uebst du Redlichkeit, Treue und Dankbarkeit gegen deinen Versorger und Herrn, so wirst du deines Leibes Nahrung und Nothdurft von ihm erhalten. Uebrigens vergiß in keiner Gefahr, in keinem Unglück, wo du einst verlassen stehen mögtest, daß so lange ich lebe, du noch einen Vater in Zürich hast. Sterbe ich, so erhältst du Kunde von meinem Tode. Nur mir laß nie die Kunde werden, daß du ein schlechter Mensch geworden bist.“

* * * * *

Wie sich im Blumenstrauß, der den Busen eines liebekranken Mädchens schmückt, der schwärmerisch duftende Jasmin sich um die, mit purpurnen Streifen durchbrochene Knospe des nachbarlichen Rosenzweiges umschlingt, so schmiegte sich Zynthio an Adelaiden; und Mathilde flehte so süß, auch sie -- das duftende Veilchen in diesem Blüthengewinde -- aufzunehmen, daß Zynthio den seligen Blick gefühlvoller Mittheilung auch auf ihr ruhen ließ, wann er das fromme Entzücken, die himmlischen Erscheinungen des in heiliger Schwärmerei aufgelößten Johannes, dessen überirrdische Gefühle in den Armen, an der Brust seines göttlichen Freundes sang. -- Wann er sich aber dem Zauber einer Aufopferung für Adelaiden überließ, seine Einbildungskraft den Engel, der ihn wachend und träumend umschwebte, in menschliche Hülle formte -- o dann haftete sein schwarzes glühendes Auge nur auf der holden Schwester; sie war sein Genius; an sie richtete er seine seligsten Wünsche. Der Zweck seines Daseyns schien ihm, für sie zu leben; und so wie der fromme Klausner, die durch Büßung und mühvoller Wallfahrt errungene Reliquie mit Gefahr seines Lebens für profaner Berührung oder Entwendung bewahren würde -- so spähete er jedes trübe Wölkchen zu verscheuchen, das Adelaidens kindliche Heiterkeit drohete, jedem physischen Mißbehagen ihres zarten Körpers vorbeugen oder durch die liebevollste Aufmerksamkeit lindern zu können.

Adelaidens unaussprechlich zart besaitete Seele mußte unumgänglich unter den Händen eines Jünglings, dessen Empfindungen und Imaginations-Fähigkeiten die überspanntesten waren, welche nur je unter italischem Himmel erzeugt wurden, eine Stimmung erhalten, die -- wiewohl um vieles sanfter -- dennoch mit der Seinigen im schönsten Einklang harmonirte. Mathilde bestrebte sich aus Liebe zu ihrer Gespielin alles zu seyn, was diese war -- und ohne die reichhaltige Quelle hoher Geistesgaben, den Keim der edelsten Seelengröße, der Empfänglichkeit für jede erhabene Tugend einer Adelaide zu besitzen, hatte sie doch reine Güte und edle Reizbarkeit genug, um die Strahlen der glänzenden Eigenschaften ihrer so sanft schimmernden Freundin aufzufangen, und deren Wiederschein zu seyn. So tönte denn dieses Kleeblatt drei unschuldsvoller Seelen bei der leisesten Berührung ihrer Genüsse -- die an diesem kindlichen Engelsverein ihren wonnigsten Genuß zu haben schienen, gleich Aeolsharfen in das Gesäusel des lieblichen West’s.

Die Gruppe selbst, in allen ihrem Leben und Wirkungen schien ein Gemälde in ätherischen Tinten zu seyn, und in einem Zauberspiegel, den Vorschmack einer himmlischen kaum mit Sinnen zu fassenden Zukunft eines Jenseits zu geben. Alles was sich zum Hof und der schönen Welt in der Residenz zählen durfte, staunte diese kleinen Wundermenschen an. Es wurde Ton, sich der Nachahmung des idealischen Schwunges der Gedanken und Ausdrücke, des bewunderten Sicilianers, und der wirklich idealischen Liebenswürdigkeiten, seiner ihm durch Sympathie verschwisterten Gespielinnen zu befleißigen. Als diese Kopien gewöhnlich sehr schlecht ausfielen, ja nicht selten Karrikaturen bildeten, zu denen sich kein Verleger und kein Lobpreiser fand, so sah man wohl endlich ein, daß Originale dieser Art, wie sie nur selten aus der Hand des Schöpfers gehen -- Pracht-Ausgaben sind, an die sich kein Nachdrucker auf seinem Löschpapier wagen darf, ohne auf sich selbst das bitterste Pasquil zu machen. -- Man begnügte sich demnach sehr bald, diese rührende Schwärmerey, diese hinreißende süße Naivität zu bewundern, ohne fernere unglückliche Versuche der Nachahmung -- hingegen der eingerißnen Wuth, singen, Guitarre spielen, und den italienischen Dichtergeist auch auf sich herabzuziehen, desto mehrern Spielraum zu geben. Alles sang und wurde besungen, das Wie? -- kam nicht in Anschlag, man that nach seinen Kräften. Die Instrumentenmacher kamen in Flor, denn die Guitarren-Bestellungen überhäuften sie mit Arbeit.

So sehr es Graf Wallersee und seine Gemahlin schmeichelte, ihre liebliche Knospe Wunderhold schon als Kind Epoche machen, und sie von allen Hofleuten, ja von der ganzen Residenz bewundert zu sehen, und Zynthio, der zu dieser Celebrität nicht wenig beitrug, zu ihrem zweiten Liebling erhoben, und demselben ihren leiblichen Sohn Theodor nachsetzten -- so hätte doch diese exaltirte Stimmung der kindlichen weichen Gefühle sowohl für Adelaiden, als auch selbst für Mathilden nachtheilige Folgen in der Zukunft haben, und ihre jetzt überspannten Seelenkräfte, im wirklichen Leben bis zur Unbrauchbarkeit für die wesentliche Tendenz edler Weltbürgerinnen erschlaffen können; wenn nicht auch hier der Schutzgeist frommer liebenswürdiger Unschuld sie an der Hand einer so klugen als trefflichen Führerin diesen Gefahren ausweichen ließ. Baronin Treval, die Gouvernante der kleinen Prinzessin, welche von ihren Zöglinginnen wie eine Mutter geliebt und verehrt wurde, wußte diese bebende Erhöhung ihrer weichen Gefühle, diese glühende Mittheilung des Wohlwollens -- das mit unverständlicher Sehnsucht in dem kleinen Kreise ihrer Imagination umherirrte, und sich von der erhitzten Phantasie ihres Sicilianers im unsichern Fluge mit fortreißen ließ -- bald wieder in die Gränzen wahrer schöner Menschengefühle zu führen.

* * * * *

„Auf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr. Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten, welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der Jagdchaise gelangt worden.

„Da sich rechtgläubige Waidmänner auf glückliche Beute nicht zutrinken dürfen -- so ist dieser Nothbehelf lustig genung gewählt!“ -- erwiederte Alexis --

„Und ich dächte interessant für uns Beide. Wir sind Väter, und unsre Töchter gerade hübsch und liebeverlangend genung, um gegründete Ansprüche auf die Freuden einer glücklichen Ehe zu machen. -- Wie?“ --

Alexis, welcher die betonten Wie’s? -- Sr. Durchlaucht schon aus Erfahrung als bedeutend kannte, sah ihn forschend an, und erwiederte gleich stark betont: „Das eheliche Glück der Fürstenkinder wird ja schon bei ihrer Wiege entschieden, wie könnte dies zweifelhaft seyn? -- Und, was meine Tochter betrifft, Adelaide ist keine Spanierin; ein Deutsches Mädchen, darf mit vierzehn Jahren -- wann und wo ich mitzusprechen habe, an diesen wichtigen Schritt, weder nach ihrem, noch nach meinem Kopf, zu denken wagen. Zwei, drei Jahre später tritt allenfalls die Zeit der Reife für dergleichen Reflektionen bei ihr ein.“

„Meines Oberjägermeisters jüngster Sohn, Graf Heinrich, glaubt sie jetzt schon eingetreten; wenigstens ist er mit seinem Resultat in’s Reine, zur großen Freude seines Vaters.“ -- „Wie nun so jeder seine Ansicht der Dinge hat“ -- warf Alexis dem mit gespitzten Ohr ihn beobachtenden Fürsten leichthin ein, und lüpfte tändelnd, sein ~Couteau de Chasse~ in der Scheide.

„Und mir gaben Sie den Auftrag, daß ich mich um den Preis dieser Aufgabe für ihn verwenden soll. Mit einem Wort, lieber Wallersee! Ihr seht in mir den Freiwerber -- um die liebenswürdige Adelaide für den jungen Graf Bendheim.“

„Adelaide hat vor wenig Tagen erst ihr vierzehntes Jahr erreicht. -- Ich war so frei, Ew. Durchlaucht so eben mit meinen Gesinnungen hierüber bekannt zu machen.“

„Wohl! -- Ich ehre die Besorgnisse des Deutschen Hausvaters. Frühe Heirath, frühes Mutterwerden schwächt die Gesundheit und Blüthe des zarten Weibes. Doch sagt hier die spekulative Vernunft, streitet sonst kein Hinderniß gegen diese Heirath -- so verlobt man die jungen Leute, oder -- um sicherer zu gehen, man vermählt sie. Nach solenner Festivität führe ich als Wirth der Fete den Neuvermählten -- nicht zum Torus, sondern an den Reisewagen. Er aquirire sich -- indem er ein paar Jährchen unsern Welttheil durchstreicht, die Würde eines Ehemannes, komme an Kenntnissen bereichert als Legationsrath zurück; und nehme dann erst von seiner Gemahlin, so wie auch nach des redlichen steinalten Lestocks Tode, von dessen erledigter Ministerstelle der auswärtigen Affairen Posseß. -- ~Eh bien mon General!~ -- wie gefällt Ihnen die Idee?“ --

„Als Idee betrachtet -- fürstlich und lachend.“

„Vortrefflich! dort sprengt der Oberjägermeister und läßt seine Unruh an den armen Bauern, den Handlangern unsrer Treibjagd aus. -- Wir wollen Wild und Menschen Luft gönnen, und Bendheim ohne Verzug das Zeichen zum ~Rendez vous~ auf dem Jagdschlosse geben, damit die Sache noch heute unter uns Männern zur völligen Richtigkeit komme.“

„Das muß ich verbitten, zur völligen Richtigkeit darf die Sache -- ich wiederhole es noch einmal -- wenigstens unter den nächsten anderthalb Jahren nicht kommen.“

„Wallersee! -- Ich habe diesen eisernen Sinn gefürchtet; aber -- doch auch viel von Ihrer Klugheit, und Ihrem Vertrauen auf meine gute Meinung gehofft. Wirklich Sie machen meine Freundschaft, mein herzliches Wohlwollen für Sie, um einen schönen Genuß ärmer. -- Und warum? Sie haben gegen den Vorschlag nichts. -- Zwar ist mir die alte Animosität unter Euch Herren bekannt.“ -- --

„Die kömmt hier nicht in Frage, wenn es von dem Glück unsrer Kinder handelt; wiewohl der Herr Oberjägermeister in Erinnerung desselben, es nicht für räthlich zu halten scheint, sich gerad und ehrlich an mich selbst zu wenden.“

„Vielleicht, doch sein herzlichster Wunsch ist, diese fatale Erinnerung durch verwandschaftliche Bande, in der natürlichsten Vereinigung zu ersticken. Unverhohlner erklärte sich freilich des Sohnes Liebe und Absicht.“ -- --

„Das heißt, er schwärmt und faselt um das unbefangene Mädchen; wie der Schmetterling um die kaum aufgebrochne Knospe.“

„Und die Liebliche entfaltet ihren Purpur, um ihn auf immer zu fesseln.“

„Dies mag die Zeit lehren. Der Plan Ew. Durchlaucht ist dazu der anwendbarste, nur mit der Abänderung: Er gehe auf Reisen, ohne durch Vermählung, nicht einmal durch Verlobung gebunden zu seyn; sind nach Verlauf von zwei Jahren Wünsche und Neigung des jungen Herrn noch dieselben -- und was die Hauptbedingung ist -- sind alsdann die Gefühle, das Bedürfniß der Liebe in Adelaidens Busen erwacht, für ihn erwacht -- in Gottes Namen dann.“

„Sie glauben, noch schlafen diese Gefühle? -- Wie?“ --

„Ich glaube nicht nur, sondern bin dessen fest überzeugt.“

„Hier irrt sich doch wohl der verdachtlose Vater.“

„Beweise dieses Irrthums, Ew. Durchlaucht!“ -- --

„Liegen, meine ich -- ziemlich klar am Tage.“

„Um so dringender muß ich bitten, auch mir dieses Licht leuchten zu lassen, da der Nebel der Verleumdung die höfische Sphäre gewöhnlich so verdickt, daß der reine Glanz der Wahrheit sich gänzlich unserm Auge verbirgt. Je fleckenloser und weißer das Gewand, je nachtheiliger und bemerkbarer sind an demselben die Spuren des Betastens unreiner Hände.“

„Sie gerathen in Affekt, lieber Graf! Freilich, wie Sie meine freundschaftliche und wahrlich auf nichts schlimmes deutende Berührung des Herzens der kleinen Gräfin vielleicht nehmen.“

„Ew. Durchlaucht unmittelbare Meinung auch im geringsten zweideutig oder ehrverletzend zu nehmen, wird mir nie einfallen. -- Aber die Sprachröhre müßiger, geifernder Höflinge, wissen sich in das Ohr der Fürsten zu leiten -- wie der verheerende Wurm in den Kelch der königlichsten Blume. -- Beweise müssen uns wenigstens die Herzensbeobachter liefern; ich beruhige mich nicht ohne Erörterung dieser mir jetzt so konsequent scheinenden Bemerkung Ew. Durchlaucht.“

„So werfen Sie mir den Handschuh hin, ohne sich in Fehde mit dem übrigen uns umgebenden Troß zu verwickeln, welcher zu jener Bemerkung nichts beitrug. Freund zum Freunde also: Mein Louis und Adelaide ist die Losung in der Region liebender Wesen.“

„Der Erbprinz und meine Tochter?“ --

„Lieben sich zart und schwärmerisch wie Engel. Aber Sie begreifen -- zum Glück dieser beiden edeln Geschöpfe kann diese Leidenschaft, je herrschender und distinkter sie wird -- nicht führen.“

„Ich begreife und danke meinem wahr fürstlichen Freund für die Entdeckung, aus vollem innig gerührten Herzen!“

„Und haben jetzt Sinn für die Bendheimsche Bewerbung? -- Daß sie schleunig angenommen das beste Präservativ für die Herzensverwirrung unsrer Kinder sey, ist unläugbar.“

„Je mehr ich die Nothwendigkeit anerkenne, sorgfältig die Entwickelung der Gefühle des Mädchens zu leiten, um so behutsamer und zarter muß diese Leitung seyn, und um so weniger ihr eine Wahl vorgeschrieben werden, die ihrer Neigung vielleicht nie entsprechen -- ja durch so genannte väterliche Tyranney dazu gezwungen -- Haß, oder was noch schlimmer ist -- kalte Verachtung für ihren Gatten hervorbringen würde.“

„Lieber Graf! -- Nur noch ein Wort. Ich denke es bedarf keiner Erwähnung, daß nur Sorge für die junge Gräfin mich wünschen und Ihnen rathen läßt, Adelaidens Herz ihrem soliden Glück gemäßer zu fixiren. Die Perle ist zum Objekt der Leidenschaft eines Fürstensohnes zu edel.“

„Unstreitig, unstreitig!! -- Sie soll mit Argusaugen der väterlichen Sorgfalt für dergleichen Entweihung gehütet werden. Ohne sie indessen dermahlen zu der vorgeschlagenen Wahl zu forciren, will ich ungesäumt Maaßregeln treffen, die Ew. Durchlaucht um so mehr rechtfertigen werden, je dankbarer und richtiger ich die erhaltenen Winke verstehe und benutze.“

„Freilich, dem Gutachten des verständigen Vaters läßt sich nichts Nachdrückliches einwenden. Doch wir bleiben Freunde! -- wir bleiben die Alten -- nicht wahr?“ --

„Ich weiß diese Gnade zu schätzen.“ --

Mit traulichem Händedruck und einem sich alle weitere Respektsversicherung verbittenden: Basta! -- brach der Herzog das Gespräch ab, und gab seinem Büchsenspanner Befehl, welcher auf der entgegengesetzten Buschseite nebst seinem Sohne in unruhiger Erwartung des Gelingens seines durchlauchtigsten Brautwerbers die Bauern beim Treibjagen die Schwere seiner Ungeduld fühlen ließ -- das Signal zum neuen Angriff des Wildes durch die Hörner geben zu lassen.

* * * * *

Graf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen.

Die fürstlichen Leibärzte rühmten die schöne Jahreszeit zur Blatterimpfung als äußerst vortheilhaft. Prinz Louis hatte diese furchtbare Krankheit noch nicht überstanden. Man entschloß sich zur Inokulation. Die Vorbereitung erfoderte reine Landluft und leidenschaftslose arkadische Stille. Ein Lustschloß, einige Meilen von der Residenz entfernt, wurde zu des Blatter-Kandidaten Aufenthalt für dieses Frühjahr erwählt. Auch Prinzessin Mathilde sollte sich der Einimpfung unterwerfen.

„Ich will mich dem Tode unterwerfen, rief die kleine Schwärmerin -- nur laßt mich in Adelaidens Armen sterben.“

Sie stürbe, sagte Baronin Tréval, ohne alle Gefahr der Krankheit selbst -- wenn man sie in einer solchen Schonung verlangenden Epoche von ihrer Freundin trennte.

Der Graf und seine Gemahlin vereinigten so herzlich ihre aufrichtigen Anerbietungen mit den Bitten ihrer geliebten Adelaide, welche schon in frühester Kindheit die Blattern gehabt, daß Mathildens Wünsche erfüllt wurden und Letztere der kleinen Gräfin Zimmer nebst ihrer Gouvernante für die bevorstehende Leidensperiode beziehen durfte.

„Meine theure Ludmilla!“ sagte die Fürstin, als sie einen heitern schönen Nachmittag das Krankenzimmer der Prinzessin am Arm der Gräfin verließ, und dem Zypressenhayn des Wallerseeschen Parks zueilte -- wo in dem Tempel des Apoll eine Collation die gutmüthigen geschwätzigen Mütter erwartete. -- „Meine edelste, treuste Freundin! -- daß wir uns trennen mußten, unser häusliches Leben und Weben nicht ferner mit einander treiben durften, das verzeih der Himmel unsern eigensinnigen gebietenden Eheherrn! -- Aber daß es nicht immer so bleiben darf, wie es jetzt ist -- dies wollen wir uns in dieser Stunde, in dem heiligen Tempel der Natur, unter dem heitern blauen Himmel geloben.“

Ein Trutz- und Schutzbündniß also, gegen die Despotie unserer Gemahle! -- erwiederte lächelnd Ludmilla.

„So etwas dergleichen; doch wohl verstanden: In der Manier, daß die Herren selbst nichts sträfliches an dieser Verschwörung finden können. Es ist uns beiden bekannt, welches Phantom die beiden Unglückspropheten aus der unbefangenen Ruhe unserer Kinder wegen trieb, und auch uns arme Weiber wie geängstete Rehe aufscheuchen ließ. -- Ich habe -- allen Egard für die unfehlbare Weisheit dieser Herren unbeschadet -- des blinden Feuerlärms gelacht. Unsere Adelaide, die unschuldige kindliche Taube --!“

Auch ist mein Alexis jetzt gänzlich beruhigt und überzeugt, daß ihrem Herzen keine Gefahr drohte.