Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman
Part 4
„Welch ein fremder Geist schleicht sich mit diesem unglücklichen Knaben in unsere Familie!“ -- sagte Ludmilla zu ihrem Gemahl, als dieser äußerst aufgebracht über seinen Sohn, ihn in militärische Zucht zu geben beschloß.
„Der Geist ungebändigten Starrsinns, den der Oberst von der Ecole militäre in B... Zaum und Gebiß anzulegen nicht ermangeln wird; ich kenne ihn als einen strengen pünktlichen, Gehorsam verlangenden Mann. Unter seiner Zucht muß sich der Bube ändern und des Vorzugs werth machen, den ihm Arnulph bereits mit dem Officiers-Patent erwiesen -- oder ich selbst schieße ihn mit eigner Hand vor den Kopf, bevor er meinen Namen und den pr.schen Degen entehrt.“
* * * * *
Unverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit wankte -- das Resultat war Veränderung der Luft. -- Das Concilium physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder, als die heilsamsten für Sr. Excellenz.
Einige Jahre früher, und Ludmilla würde eine abermalige so lange Trennung, zumal bei der Kränklichkeit ihres Gatten, zu ertragen für unmöglich gehalten, und sich lieber den Beschwerlichkeiten einer so weiten Reise -- besonders in Länder, gegen die sie einen unerklärbaren Widerwillen hegte -- unterworfen haben, um den geliebten Alexis begleiten zu dürfen, ihr einziger Wunsch, die einzige Bedingung gewesen seyn, wenn sie nicht für Kummer sterben sollte. Jetzt bedurfte es der Ueberredungskünste weniger, sie von dieser Idee zurückzuführen. Gewohnheit, ihrem Eheherrn nur bis an den Reisewagen das Geleite geben zu dürfen, alles von dieser Reise für seine Gesundheit hoffend, der Trost, den ihr während seiner Abwesenheit die Mutterfreuden, welche ihr die zarte Knospe Adelaide -- und die Freundschaft ihrer Fürstin gewährte, machten die Thränen des Abschieds sanfter fließen, und feierlicher, kräftiger die Bitte: die selige Stunde der Rückkehr nicht ohne Noth zu weit hinaus zu setzen!
Der von mancherlei sich widersprechenden, wiewohl sämmtlich aus dem Quell der Liebe entspringenden Gefühle bestürmte Graf versprach alles, was sein zärtliches Weib von ihm erflehete; das Bittere des Abschieds von Ludmillen, das Bewußtseyn, sie um die Hälfte seines Herzens betrogen zu haben -- die letzte Umarmung seiner holden Adelaide, alles dies stimmte ihn zur Wehmuth, und beinah zum Entschluß -- die Reiseequipage wieder abspannen zu lassen, und daheim zu bleiben. Andern Theils hingegen zog ihn Hoffnung der süßen Freuden des Wiedersehns, und die Nothwendigkeit, so ihn laut erhaltener Briefe über den Faro de Messina rief, unwiderstehlich in die Berline, vor der sechs Postpferde nur seines Einsteigens harreten, um dem Signal der Hörner Gehorsam zu leisten, auf welchem zwei Postillions, schon seit einer Stunde in disharmonischen abwechselnden Duos und Solos, excellirt hatten. -- Noch eine Umarmung seiner guten Ludmilla -- noch einmal drückte er sein Engelskind an das väterliche Herz, berauschte sich noch einmal in den lieblichen Zügen der kleinen Psyche -- und -- dahin rollte er; Staubwolken zeigten in wenig Augenblicken nur die Spur des Weges, auf dem er davon flog, um Heiterkeit und Gesundheit sich zu holen.
„Sieh ich hielt Wort, für diesen Moment des Wiedersehns mich zu erhalten, habe ich die lebensgierigste Sorgfalt angewendet. Und nun laß mich sterben. Mann meiner innigen heißen Liebe, die mich noch über das Grab hinaus begleiten wird,“ sagte Giuliane und sank erschöpft in Alexis Arme.
„Gott im Himmel!“ -- rief der Graf erschüttert -- „was ist aus dir geworden, seit den sechs Jahren, daß ich dich nicht sah? -- die herrlichste Blume dieses Edens“ -- --
„Ist in der langen schwülen Nacht sechsjähriger Trennung von dir verschmachtet, verblüht -- und zerfällt in Staub,“ unterbrach ihn schwach die sterbende Wittwe Kamillos.
Nie vermochte noch die Verzweiflung sich des sonst standhaften Alexis zu bemächtigen, aber dieser Augenblick war ihr Triumph. Er wüthete gegen sich, das Schicksal und die Gerechtigkeit des Himmels. Er machte es Giulianen zum Vorwurf, daß sie ihn so geliebt, und dadurch ein Opfer des Todes geworden; Ludmilla klagte er an, daß er diese Liebe nicht belohnen, Giuliane für Glück und Leben erhalten können! -- „O nur zu wahr sprach dieser Paluzzo -- rief er aus -- deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe, während einer Giuliane unglückliche Liebe ein frühes Grab höhlt!“ --
„Und die strafende Nemesis ihr das Leichentuch webt. Alexis! du warst Gatte eines andern edlen Weibes und Vater, als ich mich zu dem verbotnen Genuß deiner Liebe hinreißen ließ. Gönne mir die Endschaft meiner Leiden; für dieses Leben war mein nagendes Gewissen mein feindseligster Verfolger; der Tod möge mich von allen menschlichen Fehlern und Schwächen reinigen. -- Verlaß Seraphinen, das Kind unsrer strafbaren Liebe nicht; beschütze Zynthio! -- Sey treuer liebender Gatte deiner tugendhaften Ludmilla, und du entsündigst mich und dich. -- Gott ist gerecht -- aber auch barmherzig! er will den Tod des Sünders nicht. -- Er nehme dich und die Deinen -- in seinen heiligen Schutz -- und meine Seele -- zu Gnaden -- auf! -- Jesus, Maria -- erbarmet -- euch meiner!!“ --
Mit krampfhaft geschloßner Hand hielt Alexis der Verblichnen kalte Rechte. „Weg von dieser Heiligen, wagt sie nicht anzurühren!“ rief er fast sinnenlos den weinenden Freundinnen zu, welche jetzt den Leichnam für das Grab schmücken wollten.
„Ehren Sie die Wünsche der Verklärten, Herr Graf! -- in den Händen meines Mannes, finden Sie das schriftliche Verzeichniß ihrer Aufträge“ -- sagte eine der Leidtragenden, und bemühte sich, ihn sanft von der Entseelten zu entfernen. Wild blickte er sie an. -- „Kennen Sie mich nicht mehr? fuhr sie fort -- die Vertraute Ihrer Giuliane, Aloyse Prospero -- jetzt die Mutter ihrer Seraphine?“
Milder wurden Alexis Züge -- „So wissen Sie, was ich verlohr, wem dieses Opfer fiel.“
„Würdigen Sie es durch Fassung, wie sie dem Mann gebührt, von dessen Seelengröße die Geopferte die Feier ihres Andenkens in schöner Pflichterfüllung erwartete, aber nicht Muthlosigkeit, nicht Empörung gegen die, unsere theure Leidende zur Ruhe einführende Hand Gottes!“
„Ihr werde die mich fliehende Ruhe!“
„Prospero wünscht Ihnen die anvertrauten Papiere zu überliefern. Giulianens Geist umschwebe Sie bei Lesung dieser Blätter, und senke wohlthätigen Trost in Ihre Brust!“
Ich ringe mit dem dahinfliehenden Leben, ich geize mit jedem Zug meines von Minute zu Minute schwächer werdenden Athems, um den letzten in deinen Armen auszuhauchen -- schrieb Giuliane. -- Eile, denn ich fürchte, der ungleiche Kampf mit dem Todesengel beschleunigt seinen Sieg. -- Sollte aber auch deine Ankunft noch früh genug erfolgen, um an den Pulsschlägen meines brechenden Herzen dich selbst zu überzeugen, daß bald der Sand des Stundenglases verronnen und mein Ziel da sey, so werde ich zwar meine sterbende Blicke auf dich heften, die schwache Hand den Druck der deinigen empfinden, das Uebermaaß meiner Gefühle dir mit leisen Seufzern zuflüstern können; doch was ich, außer den mich überwältigenden Eindruck des Wiedersehns, und des nur zu bald darauf folgenden Scheidens, dir noch mitzutheilen habe, mögen diese Blätter enthalten. Kraft und unbefangne +Ruhe+ gebricht mir nur allzugewiß in der feierlichen Stunde, die mich in deine Arme und dann in’s Grab sinken läßt. -- Mein Lebewohl empfängst du noch -- eine süße Ahndung sagt es mir -- von der blassen Lippe, wenn auch die Bitte, dich meiner dir schriftlich eröffneten Wünsche anzunehmen, unter dem Abschiedskuß erstirbt. -- Ich kenne dich, und rechne auf Gewährung derselben: --
Nie ahnde deine Gattin, daß eine Unglückliche an ihren Ansprüchen auf deine ungetheilte Liebe, deiner Treue zur Verrätherin ward, und nur mit dem Tode ihre Schuld zu büßen vermochte. Verbittre nicht durch selbst geschaffne Qualen zweckloser Reue, der Trauer über mein Verhängniß die Tage deines Lebens; du verletzest mit dem daraus erzeugten Unmuth den Frieden der unschuldigen Ludmilla, und vergrößerst dein Unrecht gegen sie.
Seraphine deiner Vorsorge empfehlen, dürfte unverzeihlicher Zweifel an deinem Herzen seyn! doch beschwöre ich dich bei der Zartheit deiner Gefühle; dies geliebte Kind nie, so lange deine Gattin lebt, nach Deutschland zu führen! der unschuldige Vorwurf einer strafbaren Stunde soll nie der reinen Tugend deiner Gemahlin eine Regung des Hasses entlocken. -- Seraphine trägt deine Züge -- ein forschender Blick Ludmillens -- dein Bewußtseyn! -- Nein, Alexis, Seraphine darf nie mit der Gräfin Wallersee eine Luft einathmen. Aloyse Prospero sey ihre Mutter; sie bilde und leite die Jungfrau entweder einst in die Arme eines redlichen geliebten Mannes, oder -- zeigt sich der Wille des Himmels in ihrer Neigung, sich dem Dienst der unbefleckten Jungfrau in den stillen Mauern des Klosters zu widmen -- als Braut der Kirche zum Altar. -- Beides geschehe mit deiner Genehmigung und deinem väterlichen Segen.
Mit mehrerer Besorgniß weilt mein Blick auf dem Knaben Zynthio! -- Vater meiner Seraphine! mögte deine liebevolle Sorgfalt sich auch auf ihren Bruder erstrecken! -- Werde sein Retter, wie du es einst seiner Mutter wurdest. -- Der feurige schwärmerische Knabe kämpft gegen die ihm aufgedrungene Bestimmung. Sein Oheim, Abt des St. Benediktiner-Klosters behauptet die Rechte eines Vormunds; mit heiligem Eifer verlobte er den Unmündigen seinem Orden, und heischt für die Zukunft dasselbe Gelübde von dem Unglücklichen, dessen fruchtbarer Phantasie jetzt schon die Gefilde des Seminars -- in dem er zu seiner Bestimmung vorbereitet werden soll -- zu enge sind -- -- --
„Ich will ihm Luft und Raum verschaffen, so heilig mir dein Andenken, dein Wille ist, du unaussprechlich Geliebte!“ -- rief Alexis mit verjüngter Kraft seiner Entschlossenheit und Liebe; denn hier galt es, für Giulianens Wünsche mit einem wahrscheinlich hartnäckigen Gegner zu ringen.
* * * * *
Prospero eilte mit lebhafter Gestikulation seinem Hause zu, sein Mienenspiel, die unartikulirten Töne verkündeten fröhliche Nachricht. „Victoria! kreischte er dem Grafen durch die halbgeöffnete Zimmerthür entgegen -- Excellenz haben gewonnen Spiel. -- Aber wie die Karten gestern lagen, hätten Sie es verloren.“
„Und das Trentleva auf dem Valet Camillo sollte der hochwürdige Herr nicht haben ziehen wollen?“ --
„Alles mit Manier, Herr Graf! Dreihundert Dukaten sind ein artiges Morgenbrod für eine Person; damit läßt sich aber nicht die sämmtliche Klerisey regaliren und beschwichtigen.“
„Ich habe es mit dem Abt zu thun, was geht mich der Hunger seiner übrigen Betgenossen an?“
„Excellenz nichts. Aber den hochwürdigen Vater desto mehr.“
„Wohlan, ich lege die Hälfte zu, das Weitere sey seine Sorge.“
„Pianissimo! die 150 Dukaten würden da kapo in seinen Seckel fallen, denn von geprägtem Gold trennen wir uns zu ungern. Und doch will die Liebe zur heiligen Kirche sich gleichfalls darthun -- mit dem Schein frommen Eifers läßt sich -- muß sich die übrige heilige Brüderschaft abspeisen lassen. -- Ein massiv silberner Antonius von Padua, anderthalb Fuß hoch -- mein Nepote, ein berühmter Goldarbeiter hat ihn eben als bestellte Arbeit nach St. Philippo fertig -- die Bestellung kann bald ersetzt werden, und ein Fäßchen Lakrima Christi in des Abts Keller, die 300 Dukaten in seine Chatulle, und Zynthio Camillo ist unser.“
„Meinen heißesten Dank dem heiligen Friedenstifter Antonius! -- denn wahrlich, ich hätte alles aufgeboten mich des theuren Vermächtnisses Giulianens zu versichern. Der Knabe ist das Ebenbild seiner Mutter, er sey Erbe ihrer Ansprüche auf die ewige Dauer meiner Liebe“ -- --
„Und heile die Wunde, welche der Tod des holden Weibes Ihnen schlug; nahm Signora Prospero das Wort -- o möchte er auch diesem lieblichen Geschöpf das Herz des zärtlichen Vaters erhalten!“ --
Alexis hob Seraphinen auf seinen Arm. „Daß ich dich an diesem Herzen nicht mit dem dir verschwisterten Engel Adelaide verketten darf. Fürchten Sie nichts, Signora! die Aehnlichkeit meiner beiden Lieblinge sorgt dafür, daß die Gegenwart der Einen die Sehnsucht nach der Abwesenden wie ihr Andenken sich stets gleich neu und lebendig bleibt.“
Den Abend vor seiner Abreise war der Trauernde noch einmal zu Giulianens Grab geschlichen. Zynthio kam an der Hand des um ihn schon bekümmert gewesenen Prospero, und weckte ihn aus einer dreistündigen Träumerei.
„Heiliger Franzesko!“ sagte dieser -- „hier ist wohl eine Schlafstätte für die Todten, aber nicht für die Lebenden.“ --
„Ich habe auch nicht geschlafen, mein Freund! aber geruhet, süß geruhet und geträumt, wie nur Selige träumen können. Der Himmel schien mir aufgethan -- Giuliane in den Glanz einer Verklärten! -- wahrlich, Prospero! -- säße ich auf dem Stuhl Petri’s, morgen spräche ich sie heilig, ohne jede weitere Formalität; und sie wäre es mit mehrerer Dignität als eure Maria Magdalena, Luzia, Agatha und so weiter.“
Der römisch-gläubige Christ schlug ein dreifaches Kreuz, und blickte ängstlich um sich, ob etwa noch ein andrer Ohrenzeuge an der frevelnden Raserey eines Ketzers ein Aergerniß genommen.
„Die -- die Nachtluft -- Signor!!!“ stammelte er mit sichtbarem Entsetzen -- „die übermäßige Betrübniß -- hat Ihr Bewußtseyn, Ihre gesunden Sinne umnebelt. -- Heilige Mutter Gottes! -- glaube mir Zynthio -- Excellenz wußten jetzt selbst nicht was sie redeten.“
„Und darum ist mir auch die Sünde nicht zuzurechnen; unterbrach ihn lächelnd Alexis. -- Wirklich, ich war in einem Taumel, den ich Ihnen freilich nicht anders verständlich machen konnte.“
Signora Prospero begleitete ihn mit preßhafter Gemüthsbewegung in sein Zimmer. „Was sollen die Kostbarkeiten, die wahrscheinlich Seraphinen bestimmt sind -- in meiner Verwahrung?“ --
„Nach ihrem Ableben erst, Madame! -- Bis dahin würdigen Sie das Geschmeide, sich dessen zu bedienen, es wird ihrer Pflegetochter einst ein desto heiligeres Kleinod seyn.“
„Nicht also, Herr Graf! -- und verzeihen Sie, auch nichts weniger als rathsam. Nur glanzlose Bescheidenheit kann unser Geheimniß decken. Seraphine ist“ -- --
„Graf Wallersee’s Tochter -- nahm imponirend der General das Wort, -- diese Diamanten sind wohl das wenigste was ihr gebühret.“
„Soll, darf sie einst als Gräfin Wallersee ihre Rechte gültig machen? -- Hier ließ sich des edlen Mannes Großmuth doch wohl über die Schranken nöthiger Vorsicht führen. Einem ruhigen bürgerlichen Leben gewidmet, ist Seraphine schon hinlänglich mit dem erkauften Grundstück und für sie niedergelegten Kapital ausgestattet. -- Solche Attribute des Reichthums, wie diese Diamanten, erregen Aufsehen, reizen die Lästerzungen des Neides, die Aufmerksamkeit der Feinde unsrer guten Giuliane; die Bosheit achtet den Raum von hundert Meilen nicht, ihre Stimme könnte bis nach Deutschland dringen.“ --
„Ich pflichte Ihrer Meinung bei; Seraphinens Glück selbst hängt von behutsamer Ausübung meiner väterlichen Pflicht ab. -- Jedoch diese Ihnen anstößigen Steine, nehme ich schlechterdings nicht wieder zurück. -- Gewinnen Sie die prunkende Kleinigkeit meinetwegen im Spiel von einem portugiesischen Juden, oder lassen Sie sie die Erbschaft einer alten Base in Palermo seyn, deren Sie, wenn ich nicht irre, dort einige in Vorrath haben.“
„Ich soll mich demnach bei der größten Ehrlichkeit der Künste des Schleichhandels bedienen?“ --
„Warum nicht, Signora? -- giftigen Insekten wird man nie unverfälschten Honig auftischen. -- Weg mit jener kleinen neidischen Brut; schmerzhafter ist es, edle Menschen täuschen zu müssen. -- Morgen trete ich mit dem Wurm im Gewissen die Wallfarth zu dem Richterstuhl der Unschuld, des reinen Bewußtseyns an. Ludmilla harret der Wiederkunft des Genesenen, um durch Dankopfer für die Herstellung seiner Gesundheit, seiner Heiterkeit, das schönste Fest ihres Lebens zu feiern!“ --
„Heilige Jungfrau! ohne ein Wunder des Allmächtigen wird sich die Feier in Kummer verwandeln. -- Wäre die Seele ruhiger, die toskanischen Quellen könnten dennoch wohl von Nutzen seyn“ --
„Ja, in der Seele sitzt eben das Uebel. Pisa wird mich nicht lange dulden, das Gewühl der üppigen Menschenklasse überhaupt nicht. -- Doch an mir soll’s nicht liegen, wenn nicht mein Schmerz sich wenigstens bis zu dem Grade des Ueberdrusses am Leben abspannt -- den die der arzneikundigen Herrn schwer zu hebende Hypochondrie nennen, und die Ursach davon geschwächten Verdauungs-Werkzeugen schuld geben. -- Ich werde es machen wie die Schulknaben, welche -- mit einem verklagenden Konduitenzettel vom Präzeptor fortgeschickt, durch verlängerte Wege und nur zögernd dem väterlichen Hause zu schleichen, in der Meinung, irgend ein Mittel zu finden, die fatale Anklage zu unterdrücken oder durch wohl ersonnene Entschuldigungen zu schwächen.“
Ein schöner Herbst begünstigte diesen Vorsatz; Alexis durchstrich mit seinem in Freude und Erwartung glühenden Zynthio das südliche Frankreich, erheiterte sich durch die Fröhlichkeit, welche ihn jetzt fast überall bei den Festen der Weinlese empfing; er fühlte sich gegen Ende Oktobers an Körper und Geist ermannt genug, nun ohne Saumseligkeit seinen Weg durch die Schweiz nach Deutschland zu nehmen, und daheim -- im schlimmsten Fall doch der Vorige wieder zu seyn, der er war, als er es verließ. Erwachte Sehnsucht nach seiner Adelaide, welche wegen der Aehnlichkeit mit ihrer Halbschwester Seraphine ihm jetzt zwiefach theuer war, ließ ihn nicht allein das Ende seiner Reise, je länger sie dauerte, mit Ungeduld entgegen sehen, sondern seine meiste Unterhaltung mit dem kleinen Sicilianer hatte dessen künftige süße Gespielin zum Gegenstand.
„Ah! Signor Comte! sagte dann dieser entzückt und für Verlangen zitternd -- ich werde in ihr das Conterfay der heiligen Cäcilia verehren; die schöne Schutzpatronin des Stiftes, in welches mein Oheim mich öfters führte.“
„Adelaide wird deine Schwester seyn; du sollst sie mit brüderlichem Vertrauen lieben.“
„Meine Schwester? -- ach nun habe ich eine Schwester! glücklicher Zynthio! -- oft sahe ich bei meiner Mutter die schöne kleine Seraphine. Ich glaubte, es sey meine Schwester, aber Donna Giuliana sagte: Nein, es wäre ihrer Cousine und eines reichen fremden Mannes Tochter; es that mir leid, daß ich nicht ihr Bruder seyn sollte! -- Nun ist’s eben so gut, mein ganzes Herz bringe und gebe ich nun der Schwester Adelaide.“
„Sie hört gern Musik.“
„Die Engel lieben auch Musik -- Adelaide wird nicht hassen was diese lieben.“
„Du wirst ihr nützlich seyn; du spielst die Guitarre schon recht artig, von dir kann sie den ersten Unterricht erhalten. Beide könnet ihr dann künftig euch in der Tonkunst in mancherlei Art wetteifernd vervollkommnen. -- Du lernst ihr deine Muttersprache, sie dir die ihrige.“
„Ich zeichne auch schon, und mache Verse, die singe ich dann zu meiner Guitarre.“
„Ei du wirst ja wohl ein zweiter Tasso oder Petrark werden?“
„Das Letztere, Signor! -- Und nun will ich ganz andere Gesänge dichten, zu Schwester Adelaidens Lobe!“ So erhielt des Knaben Lebhaftigkeit, das reine Feuer seines verlangenden Herzens, die immer mehr zunehmende Lebens- und Seelenstärke des Grafen; aber auch öfters versank jener in Tiefsinn. „Beginnt das Heimweh?“ -- frug Alexis.
„O nein! wohl aber die Furcht, oder vielmehr die Qualen der Ungewißheit, ob mich die süße Schwester Adelaide auch so lieben werde, wie ich sie? Auch könnte ein Unglück sie mir wieder entreißen.“
„Schwärmerischer Knabe! noch kennst du sie nicht; weder Gewohnheit noch harmonischer Einklang fesselte dich an sie, und schon eifersüchtelst du mit dem Schicksale, daß dich entweder um ihre Schwesterliebe betrügen, oder euch wieder trennen könnte.“
„Bin ich nur erst bei ihr, so kann dies nur der Tod! -- Ich habe schon etliche Mal die schöne Schwester im Traume gesehen; ich glaubte, es sey Seraphine, die Augen, der Mund, die Haare, das Grübchen im Kinn -- genug es war ganz ihr Ebenbild; und da stand meine Mutter und sagte, es sey meine Schwester. Eine fremde Dame trat aber hinzu, nahm das Mädchen bei der Hand, blickte wehmüthig auf Donna Giuliana, und zu mir sagte sie sehr freundlich -- es ist meine Tochter, so lange ich sie auf Erden besitze, darfst du sie Schwester nennen. -- Und dies Traumbild verläßt mich nimmer.“
„Sonderbar,“ lispelte betroffen der Graf. „Nun, es ist etwas an Deinem Traumgesicht. Adelaide hat wirklich Aehnlichkeit mit Seraphinen, ein Spiel der Natur; doch laß Dir dies nie in Gegenwart Adelaidens oder der Gräfin merken, man könnte glauben, Du zögest Seraphinen Deiner neuen Freundin vor, Du wünschtest Dich wieder nach Messina zu ihr -- und dies würde ihnen weh thun.“
„Weh? -- ich Adelaiden und der Gräfin weh thun? -- dafür bewahre mich St. Franzesko.“
Die geschäftige Einbildungskraft Zynthio’s, welche treffend genug die Vergangenheit mit der Zukunft vereinigte, beunruhigte indessen doch den Grafen. Ein neuer Gegenstand, der sich dem Interesse seines Pfleglings anbot, war ihm daher sehr willkommen.
* * * * *
Daß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten hatte -- versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte, unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise wünschen, Danksversicherungen für genossene hohe Ehre und splendide Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende machte.
Alexis sah die neue Erscheinung befremdet an.
„Herr Graf,“ begann der Mann -- „ich bin ein ehrlicher Schweizer, ein Zeugfabrikant dieses Orts, und versteh den Henker von Komplimenten und dergleichen Wischiwaschi. Aber ich gehe voll Vertrauen und dreist zu Männern, sie seyen Bürgersleute, Grafen oder Fürsten, wenn ich glaube und erwarten darf, daß sie brav und menschenfreundlich sind.“
„Nun, ich schmeichle mir allenfalls auf ein solches Vertrauen Anspruch machen zu dürfen.“
„Das habe ich vernommen von ihren Leuten, von dem Chirurgus, der sie besucht, und schließe es aus der Liebe, die der kleine Welsche, an dem Sie, wie ich gehört, Barmherzigkeit üben, für seinen Wohlthäter hegt. Er hat den Wundarzt, so erzählt dieser, mit Thränen angelegen, Sie bald Ihrer Schmerzen zu befreien.“
„Der Knabe hat eine schöne weiche Seele! -- aber kurz zur Sache; wodurch kann ich Ihnen mein Gutseyn beweisen? -- Worinnen bedürften Sie die Hülfe eines Menschenfreundes?“ --
„Ich für mich in nichts, Herr Graf! -- Aber dieser Bube hier, dem könnte es zu statten kommen. Ein ehrlicher Westphälinger, aus Düsseldorf gebürtig.“
„Eine Waise?“ --
„Wie man’s nimmt, wenigstens eine vaterlose Waise.“
„Ich verstehe; so ein vom Herrn Papa nicht anerkanntes Kind der Liebe.“
„Da sey Gott vor. Nein, er ist in rechtmäßiger Ehe erzeugt. Seine Mutter lebt noch, in Saus und Braus, in Freud und Herrlichkeit. Im Hause der Großeltern geht’s zu wie beim reichen Mann. Nur der Vater -- dem es vor der Stirn juckte, und die Galle überkochte, als um seine Ehre Pfänderspiel getrieben wurde, starb hier in Elend, und ich erbte seinen Sohn, diesen Buben hier.“
„Aha! -- Freilich es ist oft ein Unglück, so kitzlich zu seyn. Aber noch begreife ich nicht recht; soll ich den Knaben zu seiner Mutter, zu den Großeltern schaffen?“ --
„Bewahre Gott! das wäre gegen den Willen seines Vaters, der mich noch im Sterben bat, die Rückkehr des Kindes dahin zu verhüten. Nein, lieber soll er sein Brod unter fremden Leuten suchen.“
„Wäre es aber nicht, bei dem Vermögen seiner Verwandten, ein Vortheil für ihn, wenn er“ -- --
„Lassen wir das dahin gestellt seyn. -- Oder hätten Sie Lust sich mit dem Burschen zu befassen, dann würde ich Ihnen vieles deutlicher machen.“