Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman
Part 3
„Wie,“ sagte Alexis von Wallersee zu sich selbst -- „mit diesem kleinen Tyrannen -- unter seiner Protection sollte ich +ein+ Ziel zu erreichen streben, und zwar in einem Militair, welches das vernachläßigste, stupideste aller kristlichen und unkristlichen Kriegsheere der Welt ist? -- Ruhm und Größe erwerben wollen, die mir durch Nachgiebigkeit gegen einen Arnulph zu theuer erkauft schien -- einen Arnulph, dem jener sich zum Despoten aufwerfende Miethling nicht werth ist, die Schuhriemen aufzulösen? -- Nein, dabei kann es nicht bleiben; noch bin ich durch nichts gebunden. Die erste Landung macht Sie -- mein Herr Generalissimus -- um einen Obersten ärmer.“
Und dieser Vorsatz wurde in Calais ausgeführt. Die Schiffe lagen einige Tage in diesem Hafen vor Anker; die Mannschaft gieng ans Land, und Alexis machte dem General die unerwartete Erklärung: daß er nicht portugiesische Dienste nehmen, sondern sich hier von ihm trennen wolle. L**** wandte alle Ueberredungskünste an, den Obersten von seinem Entschluß abzubringen; als dies nichts fruchtete, ward er beleidigend, und der Streit endigte mit einem Zweikampf.
Der General gieng, um eine Narbe über den linken Backen reicher, wieder an Bord; und Alexis, am rechten Arm nur leicht verwundet, fand in demselben Gasthof, in dem er sich einquartiert hatte, den Viskomte de Paluzzo, dessen Bekanntschaft er auf seinen ersten Reisen durch Italien in Neapel gemacht hatte, und der jetzt -- im Begriff von seiner Gesandschaft in Paris abgelöst zu werden -- seiner mit einem Schottländer entflohenen Tochter nachzueilen gezwungen war. Hier erfuhr der Viskomte, daß es zu spät sey. -- Maria Paluzzo befand, nachdem sie durch Priesters Hand bereits mit ihrem Entführer unzertrennlich verbunden, sich schon unter brittischem Schutz, und dem betrogenen Vater blieb nichts übrig, als seine Rache durch Enterbung der ungehorsamen Tochter zu befriedigen. Jetzt war es ihm Trost in Alexis Busen seinen Unmuth, den Kummer über vernichtete Vaterfreuden ausschütten zu können, und während die beiden Freunde sich gegenseitig ihren Verdruß über getäuschte Hoffnungen, erlittene Hintergehungen, und ihrentheils angenehme und theils unangenehme Erfahrungen mittheilten, verschwand allmählig der erste, nehmlich der stärkste Eindruck der gehabten Verdrießlichkeiten, und die Reminiscenzen genußreicherer Begebenheiten gewannen immer herrschenderes Licht.
„Und jetzt wollt ihr nach Deutschland zurück?“ -- frug Paluzzo.
„Wo sonst hin? -- Mein frommes Weib hat es doch wohl vom Himmel erbeten, daß ich hier umkehren soll -- und so will ich denn auch nicht länger meinem Schicksale widerstehen. Mein Junge wird mir nun wohl schon entgegenlaufen; ihm will ich meine Sorgfalt widmen; ein treuer Hausvater, ein fleißiger Landwirth will ich nun werden, und keiner Macht in der Welt mehr meinen Degen anbieten.“
„Schön, recht solid! -- Aber Freund -- dazu ist’s nach Jahren noch Zeit. Die Gräfin ist nun schon auf eure längere Entfernung gefaßt; in Resignation sind die Weiber Heldinnen. Eure frühere Rückkunft würde ihr kaum die Freude des Triumphs ersetzen, den sie durch längere Ertragung eurer Abwesenheit verdient hätte. Sie dulden gern, um sagen zu können: Ich litt ohne Murren. -- Hauptsächlich eure Deutschen blauäugigten sanften Weiber.“
„Unter denen meine Ludmilla wohl die sanfteste ist. So wahr Gott lebt! ein treffliches edles tugendhaftes Weib! -- In vier Tagen breche ich auf; ist’s möglich, noch früher, um sie je eher je lieber an mein dankbares Herz, für alle ihre Liebe mit innigster Zärtlichkeit, zu drücken.“
„Auch Giuliana läßt ihre Jugendblüthe in Liebe für euch hinschmachten. Deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe -- so nicht die unsern: die Glut hoffnungsloser Liebe höhlt ihnen ein frühes Grab.“
„Paluzzo! Die Pflichten ehelicher Treue sind den Deutschen Männern eben so heilig wie den Weibern.“
„O daß doch bei Euch die Pflichten des gewissenhaften Mannes erst in ihre Rechte treten, wann Ihr vom Traualtar kommt! -- Früher ist Euch die Zerstörung weiblicher Ruhe erlaubtes Spiel.“
„Nichts mehr davon; kann ichs ändern? -- Thorheit habe ich mir vorzuwerfen, aber kein Verbrechen. Kann ich dafür, daß mein guter Wille, sie dem ewigen Jammer zu entreißen, eine Quelle neuen Grames für sie ward? -- Und wie kann ein Dritter wissen, welcher schmerzliche Kampf mir selbst daraus erwuchs? -- Basta! -- bei unsrer Freundschaft, kein Wort mehr davon!“
„Wie Ihr wollt. Aber Neapel hat doch mit Eurem Kampf und Eurem Gewissen nichts zu schaffen. Begleitet mich dahin, seht ob es Euch jetzt wieder so gefallen mögte wie einst. -- Ihr kennt unsern Hof, auch so ziemlich unsere Regierungsform, unsern Zustand der Armee. Beliebts Euch Vorschläge anzunehmen, die man Euch vielleicht auf das ehrenvollste machen würde. Herrlich! -- Verwerft Ihr sie -- gut; ihr sollt durch Zudringlichkeiten nicht belästigt werden.“
„Nun dann, es sei. Aber die Meerenge passiere ich nicht wieder; ich habe in Messina nichts zu schaffen. Und -- den kommenden Frühling, will ich auf vaterländischen Boden begrüßen.“
Alexis hielt nur in so fern Wort, daß er die glänzendsten Anerbietungen des Neapolitanischen Hofes ausschlug, und wenn nicht den nächsten Frühling, doch gegen Ende des darauf folgenden Sommers in Ludmilla’s Arme zurückeilte. -- Aber Messina -- hatte er dennoch besucht. Giuliana war ja verheyrathet, und Menschenpflicht rief ihn dahin; heftige Erderschütterungen hatten Habe und Gut eines großen Theils der Einwohner in Trümmer zusammengestürzt. Unter den dadurch verarmten Familien befand sich auch Giuliana und ihr Gatte. Letzterer ward, als er noch auf Rettung einiger Kostbarkeiten bedacht seyn wollte, selbst tödlich beschädigt; und Alexis erschien jetzt zum zweiten Male als helfender Schutzengel der neunzehnjährigen Wittwe. Er sorgte für sie und ihren dreijährigen Knaben Zynthio; erhielt ihr die Spolien des Vermögens ihres Mannes, söhnte sie mit ihren Eltern aus, welche in Rometo Handlung trieben, und diese Tochter fürs Kloster bestimmt hatten, folglich mit ihrer Heyrath sehr unzufrieden waren, und Antonio Camillo nie als Schwiegersohn erkennen wollten.
Giuliana, aufgelößt in Dankbarkeit und Liebe -- Alexis hingerissen von der Allgewalt der durch das Trauergewand erhöheten Reitze des schönen Weibes, ihrer Zärtlichkeit -- Beide erwachten nach einer gefährlichen Abendstunde zu spät aus ihrem verbotnen Rausch, und sahen mit Entsetzen ein, daß sie sich früher hätten trennen sollen. Es war geschehen; Alexis versprach als ehrlicher Mann nie den Folgen dieser Stunde auszuweichen, er lebe oder sterbe, er sey an welchen Ende der Welt das Schicksal ihn auch festhalte. Maasregeln wurden getroffen, und der Abschied rückte heran.
„Giuliana! noch einmal sehen wir uns in diesem Leben wieder; für diesen Augenblick erhalte dich mir.“
Mit diesen Worten riß er sich aus ihrer Umarmung, und von innrer Unruh getrieben, eilte er jetzt rastlos nach Deutschland zurück.
* * * * *
„Ruhig liebe Gräfin! Er soll uns nicht wieder davon flattern“, sagte der regierende Fürst von *** zu Ludmillen -- „Seine Unstätigkeit, sein Treiben entsteht aus Mangel an Geschäften, die nur allein seinem Geist genügen können. Er will ordnen, schaffen, verbessern.“
„Und kann er das nicht? -- Verzeihen Ew. Durchlaucht! -- Sind die Sorgen eines Vaters, die Verwaltung seiner Domainen nicht auch Beschäftigungen eines thätigen, Nutzen bewirkenden Mannes?“
„Für jeden Andern -- ja, dem es löblicher und zugleich bequemer dünkt, sich in seinem 34sten Lebensjahr zur Ruhe auf sein ländliches Schloß zu setzen, und dann so ~en passant~ aus angebohrner Wirthschaftlichkeit ein wachsames Auge auf die Inspektors, Amt- und Verwaltersleute seiner Güter zu haben; und endlich als klugthuender Papa seinen Söhnen die Vokabeln überhört. -- Nur ihr Gemahl vermag damit allein seine Stunden nicht auszufüllen; sein Wirkungskreis muß größer, sein Einfluß bedeutender seyn.“
„Aber wie, ~Monseigneur~?“ --
„Ich hoffe damit, zu unser allerseitigen Zufriedenheit in’s Reine zu seyn.“
„Mein Gemahl schmeichelt sich bereits mit einem Auftrag beehrt zu werden -- der indessen nur auf kurze Zeit ihn beschäftigen, und dann die Einförmigkeit des Daheimseyns um so lästiger machen würde.“
„Ah, Sie sprechen von der Unterhandlung mit dem ***schen Hofe wegen der Vermählung meines jüngsten Bruders. In der That, ich glaube sie keinen bessern Händen anvertrauen zu können. Doch das ist eine Affaire von sechs Wochen höchstens -- und wollte ich ihm dann eine Charge am Hof oder im Zivil anbieten, dies würde ihm einen geringen Begriff von meiner Erkenntlichkeit geben -- er schlüge sie ohne weiteres aus. Aber ich habe einen sicherern Plan, bei dem ich selbst gewinne, und den mir der kapriciöse Mann gewiß nicht zu Wasser machen wird.“
„Das gebe der Himmel!“ seufzte die Gräfin, denn sie wußte zu gut, wie Alexis über den Dienst in kleinern Staaten dachte, und, wiewohl dieser Fürst, dessen Vasall er war, sich unter die ansehnlichsten des Deutschen Reichs rechnen durfte, so hatte ihm doch immer die Pygmäengröße ihrer Diener nur zum Spiel seines Witzes, und ihre kleinliche Titelsucht zum Mitleid, den Stoff geliehen. -- Aber diesmal wurden ihre Wünsche über ihre Erwartung erfüllt; wie wohl auch hier das Schicksal den Becher wohlthätiger Gewährung mit einigen Tropfen Wermuth vermischte.
„O wärst du Philemon und ich Bauzis!“ seufzte abermals Ludmilla, und kräuselte mit Thränen im Auge, die blendend weiße Straußfeder, welche jetzt den Generalsgrad ihres Alexis auf seinem Hute bezeichnen sollte --
„Dann hätten wir Beide ein halbes Sekulum mehr von unserm Lebensknaul abgewickelt“ nahm der neucreirte Feldherr das Wort. „Aber ich glaube, meine Bauzis würde noch auf die gesunden Pulsschläge ihres Philemons eifersüchtig seyn; sie würde wähnen, so lange uns Beide nicht ein und dasselbe Grab deckte -- mit dem Himmel hadern zu müssen, daß ich mein -- wenn auch schon gebrochnes Auge nach Süden wende, während Ihr matter Blick nach Osten gerichtet ist.“
„Mir das? -- o Alexis! Wie ungerecht seyd Ihr Männer!“
„Und wie wankelmüthig ihr Weiber! -- Noch vor einigen Wochen war dein heißester Wunsch, mich im Dienst des Vaterlandes an dasselbe gefesselt zu sehen. Und jetzt, da alles nach deinem Verlangen sich fügt, schwimmt dein Auge in Thränen.“
„Soll ich fröhlich der Gefahr, dich auf immer zu verlieren -- Dank zulächeln? -- Kann dich nur dann dein Vaterland fesseln, wenn ein bevorstehender Krieg dich auffordert für dasselbe zu bluten; dein Weib zur Wittwe, deine Kinder zu Waisen zu machen -- o so verlaß es! Darf ich dir nicht folgen, so weiß ich doch dein Leben in Sicherheit.“
„Ludmilla! -- Wahrlich, nur dem Uebermaaß deiner Liebe verzeih ich die mehr als weibliche Schwäche. -- In einem frommen Stift erzogen, lerntest du wohl die Erfordernisse zarter weiblicher Tugend kennen -- aber für die gemeinsten Begriffe von der Ehre des Mannes scheinst du keinen Sinn zu haben; deßhalb würde ich Erläuterungen dieser Art bei dir nur tauben Ohren predigen.“
„Ach, leider weiß ich, daß den Männern das Phantom der Ehre heiliger seyn muß, als die reellere stille Zufriedenheit häuslichen Familien Glücks! -- Aber ich bin zu wenig Heldin, um mich mit Anerkennung dieser Nothwendigkeit zu trösten.“
„Aber doch wohl billig genug, mir zu glauben, wenn ich Dir -- eben als Mann von Ehre betheure: daß ich mich, Dich und Deine Kinder brandmarkte, blieb ich müßig daheim und nähme die Aufforderung des Fürsten nicht an -- und Dich dann mit dieser Ueberzeugung zu beruhigen?“
„Freilich, das Generalat über sämmtliche Truppen ist zu ehrenvoll! -- Aber der drohende böse Krieg“ -- --
„Bewog mich, das Generals-Patent anzunehmen. Ich bin kein Held in Friedenszeiten! -- Der Fürst soll sich hoffentlich in seiner Erwartung nicht betrogen haben.“
Und Alexis rechtfertigte das Vertrauen des Fürsten, welcher nicht allein mit seinem ansehnlichen Reichscontingent -- so er zu dem ausbrechenden Kriege stellen zu müssen erwartete -- Ehre einlegen, sondern auch sein Land auf den Nothfall in gehörigen Defensionsstand setzen wollte. -- Hier war es, wo Graf Wallersee zu gewinnen stand. Ruhm und Ehre konnten ihm, auf dem Posten, den er jetzt bekleidete, weder geschmälert, noch seinen Plänen in der Armee, deren Befehlshaber er war, entgegengearbeitet werden. Er organisirte seine Truppen nach der bessern Einsicht eines geschickten Feldherrn, bereiste die Gränzen, ließ die befestigten Plätze ausbessern, sorgte für Vorräthe, setzte die Feldbäckerei, das Proviantfuhrwesen in Stande, und zwar alles in der größten Stille. Als die übrigen Hülfs-Armeen, erst aus ihrem Schlummer geweckt, den Wind sondirten, um zu wissen, welche Segel wohl aufzuspannen wären, erwartete das Wallerseesche Korps schon längst nur die Ordre zu satteln und aufzumarschieren.
Der Krieg dauerte kurze Zeit; Hauptaktionen waren wenig vorgefallen. Krankheiten unter den Truppen, Noth und Theurung in den Ländern, wo sich der Feind einlagerte, Marodiren der undisciplinirten Korps, die nicht selten Raub und Plünderung schwachbesetzter Ortschaften zur Folge hatten, waren allein die Furien, die den träg dahin schleichenden Mars begleiteten, und seine Saumseligkeit durch ihre Aktivität ersetzten.
Demohnerachtet hatten sich die ***schen Truppen, deren Chef Graf Wallersee war, bei jeder Gelegenheit durch Ordnung, Ambition und Muth ausgezeichnet. Es ereigneten sich mehrere Fälle, in denen Alexis bewies, daß der Kommandostab in den Händen eines vollkommnen Genies und sein Fürst mit Fug und Recht stolz war, ihm solchen überreicht zu haben. --
Arnulph hielt jetzt die Alliance mit diesem Fürsten ungleich wichtiger, da die Dauer des so bald erfolgten Friedens eine eben so baldige Endschaft befürchten ließ; um so willkommner war ihm die schon vorhin erwähnte Verbindung beider Häuser durch die Vermählung des jüngern Prinzen von *** mit einer Nichte des Königs. Die wegen des Krieges abgebrochnen Unterhandlungen wurden wieder angeknüpft. General-Lieutenant Wallersee übernahm den ehrenvollen Auftrag, als fürstlicher Freiwerber sich Arnulphen vorzustellen, und dieser empfing ihn mit einer Auszeichnung, welche von einem Arnulph, dessen Art zu schmeicheln zwiefach berauschend war -- unserm Alexis die vollkommenste Genugthuung für ehemalige Mißverständnisse gab. -- Nicht allein die Vermählung wurde unter sehr vortheilhaften Bedingungen für das fürstliche Haus angenommen, sondern Verbindungen für alle künftige Fälle zwischen beiden Regenten geschlossen, welche dem Stolz des Einen, und den reellen Vortheilen des Andern sehr wesentlich entsprachen.
Mit Ehrenbezeugungen, mit königlichen Freundschaftsversicherungen überhäuft, mit dem Orden des Königlichen Adlers geziert, kehrte Alexis von seiner Gesandschaft zurück. Fast hielt sich der Fürst außer Stande, ihn -- der nur durch Nahrung seines unbegränzten Ehrgefühls belohnt werden konnte, seine Dankbarkeit zu bezeugen. Das Gouvernement über sämmtliche fürstliche Staaten war ihm ohnedem gewiß, und Serenissimus gewannen selbst dabei, wenn er es jetzt anzutreten sich nicht weigerte.
* * * * *
Gräfin Wallersee war schon seit dem letztern Feldzug ihres Gemahls in die Residenz geflüchtet. Die Fürstin liebte die fromme sanfte Ludmilla, sie wollte ihr die Abwesenheit des theuern Gatten weniger fühlbar machen, und durch die Zerstreuung in der Gesellschaft ihrer erhabnen Freundin die trauernde Halb-Wittwe aufheitern. Auf dem Flügel der Burg, wo die Zimmer der Fürstin waren, wurden auch Ludmilla’s Zimmer eingerichtet, die sie beziehen mußte, so gern sie auch der Sehnsucht nach ihrem Alexis, der Sorge für sein Leben -- während er den Gefahren des Krieges ausgesetzt war, sich still und einsam überlassen hätte.
Die einjährige Adelaide wurde zur Gespielin und Jugendfreundin der Prinzessin Mathilde -- welche nur um 8 Monathe früher das Licht der Welt erblickte -- bestimmt. Selbst als Alexis wieder zurückkam, mußte er sich bequemen im fürstlichen Schlosse zu garnisoniren, wollte er bei seiner Gattin wohnen, denn man lieferte ihm Ludmilla nicht aus.
Diesem war die Gelegenheit zur Ermunterung für die sonst so Schwermüthige, der wirklich innige Freundschaftsbund zwischen ihr und der Fürstin keinesweges unangenehm; die stille Häuslichkeit, die duldende Sanftmuth, die alles überwiegende Zärtlichkeit für ihn, nebst dem Vertrauen auf seine eben so ungetheilte Liebe, waren seinem zarten Bewußtsein nicht selten der bitterste Vorwurf. Sie hatte sonst für keine andre Wünsche, keine andere Sorge Raum, als für ihn und ihre Kinder; keinen andern Gegenstand ihrer Liebe und Vertraulichkeit als ihrem Gemahl. Jetzt erforderte das Hofleben, der stete Umgang mit der fürstlichen Familie, ungeachtet die möglichste Zwanglosigkeit hier schon längst der steifen Etiquette den Rang abgewonnen, weil Fürst und Fürstin Geist und Herz genug besaßen, um sich vom erstern mehr Genuß zu versprechen, als vom Schaugericht der Letztern -- doch mehrere Aufmerksamkeit außer sich und ihren eigenthümlichen Verhältnissen. Ludmilla sah, daß sie ihrem Gemahl in ihrer jetzigen Sphäre gefiel; er sagte ihr so viel Erfreuliches über ihr artiges Benehmen; den feinen Ton, in den sie sich so bald und mit so viel natürlicher Grazie gefunden hätte, daß Ludmilla, für welche diese Liebhaber-Sprache ihres angebeteten Alexis einen ganz neuen Zauber hatte, sich in dieser Rolle glücklich schätzte. In den Armen ihres Gemahls, an der Hand ihrer fürstlichen Freundin vergaß sie bald gänzlich die Reitze eines stillen anspruchlosen Lebens im einförmigen Kreise der Häuslichkeit. Oeftere Berufsreisen des Gouverneurs lehrten sie, nach und nach ruhig und ohne Unterbrechung ihres Vergnügens, seine Abwesenheit ertragen. Adelaide wurde mit Prinzeß Mathilde erzogen; beide liebten sich in kindlicher Unschuld wie Geschwister, und Baronin Treval -- ihre Gouvernante -- wie ihre Mutter.
Theodor, Alexis ältester Sohn, sollte gleiche Rechte an der Seite des Erbprinzen genießen; aber hier fand nicht die Harmonie der Herzen so statt, wie bei Mathilden und Adelaiden. -- Und diesmal lag die Schuld nicht an dem Fürstensohn, oder an dessen Hofmeister, der etwa den Erbprinzen auf Kosten seines Gespielen unbilligerweise secundirte. Prinz Louis besaß Herzensgüte und Ausdauer der Freundschaft; Stolz, Hartnäckigkeit, Eigendünkel konnten, wenn der Fehler auch in seiner Seele gelegen hätte, zu keinem Aufkommen gelangen, da sie der brave Mann, dem glücklicher Weise seine Erziehung anvertraut war, sogleich in der Geburt erstickte.
Theodor, so sehr ihm der Prinz mit Liebe und Geselligkeit überall entgegen kam, blieb widerspänstig, kalt und ohne Theilnahme an den Vergnügungen des Knabenalters, die er mit Prinz Louis gemeinschaftlich genießen sollte. Hingegen war er ausgelassen fröhlich, wann er seinen Muthwillen in Gesellschaft der Söhne des Küchenmeisters, ein Paar rohe zügellose Knaben, auslassen konnte, und nicht selten mußten sich diese mit ihm vereinigen, dem Prinzen eine Lieblingshecke im fürstlichen Park zu verwüsten, oder ein Windspiel, das Louis sehr liebte, zu verstecken, wohl gar zu mißhandeln. Zu stolz, durch läugnen der verdienten Ahndung entgehen zu wollen, gab er sich bei der Untersuchung eines solchen Excesses jedesmal freimüthig oder vielmehr trotzig als den Urheber desselben an, und beschützte seine Gehülfen, so viel es in seinen Kräften stand; diese hingegen mußten seine Protektion mit unbedingtem Gehorsam, mit der geschmeidigsten Bereitwilligkeit sich auch den tollsten seiner Launen zu unterwerfen, theuer genung erkaufen.
Liebe und Anhänglichkeit an irgend ein anderes menschliches Wesen war seinem Herzen fremd, außer an Adelaiden. Die kindlichen zärtlichen Gefühle gegen seinen Vater, wurden durch Furcht und bittere Zurückhaltung verdrängt, weil er von dessen strengen Befehlen abhing; die gütigere leutselige Mutter schätzte er gering, weil sie dem eigenwilligen Söhnchen überall nachgab; überdem hatte er einmal eine spöttische Anmerkung über Weiberthränen von einem jungen Witzling gehört, und seine Mutter hatte die erstern Jahre seiner Kindheit viel geweint -- war noch jetzt sehr leicht zu Thränen gestimmt; er nannte das armselige weibliche Schwäche und verachtete das Geschlecht, mit ihm -- seine Mutter. Nur an seiner Schwester nahm er besonderes Interesse.
„Ist das wieder ein Bruder Herrmann, werden ihn die schwarzen Männer auch forttragen?“ -- frug der fünfjährige Knabe, als man ihm schön gewickelt auf Batistnen mit Spitzen garnirten Kissen das neugebohrne Kind auf den Schooß legte.
„Brüderchen Herrmann ist zu Gott gegangen; er schickt dir das Schwesterchen -- das sollst du recht lieb haben, und es einst beschützen, wie es einem edlen Ritter zukommt; weißt du noch -- wie Väterchen dir unlängst vom Ritter Theobald von Wallersee und seiner Schwester Rosamunde erzählte, daß er sie von einem Korsaren Schiff welches nach Konstantinopel laufen sollte, befreite?“
„Weiß schon; und Rosamunde küßte ihrem Bruder Mund und Hände, und sagte -- er wäre ihr Schutzengel.“
„Richtig, mein Kind! -- Nicht wahr, so wirst du dein Schwesterchen auch lieben und ihr Beschützer seyn, wann es nöthig ist; dafür wird sie dich ebenfalls so verehren, wie Rosamunde ihren Bruder.“
Dieser unwillkührlich geworfne Funke entzündete den Stolz in des Knaben Brust; er betrachtete sich als den Protektor der kleinen Adelaide, und fand sich geschmeichelt, indem er zugleich seinen Schützling liebgewann. Nur selten konnte man ihn einige Stunden hindurch von ihrer Wiege entfernen; besorgt eilte er nach einer so langen Abwesenheit wieder zu ihr, schmählte mit der Wärterin, wenn sie weinte, verlangte von seiner Mutter eine aufmerksamere Pflegerin für seine Adelaide, und brach sich halbe Nächte die Ruhe ab, um bei ihr zu wachen, wenn wimmernder Klageton irgend ein körperliches Leiden der Kleinen verrieth. Was das kindliche Herz nur Süßes und Schmeichelhaftes äußern konnte, wandte dann der kleine Löwe Theodor liebkosend an, seinen Augapfel zu beschwichtigen, ihren Unmuth wegzutändeln. Seine Liebkosungen waren auch selten fruchtlos; ihre Händchen um seinen Hals geschmiegt, ihr Köpfchen unter der Fülle seiner blonden Locken versteckt, vergaß sie Schmerzen und Weinen, und lächelte ihn mit Engels Unschuld und Liebe an. Nur von seiner Hand nahm sie Arzenei, die er jedoch vorher kostete, ob sie auch nicht allzu übel schmeckend sey; nur von ihm geleitet, lernte sie gehen; nur seine Stimme konnte sie aus dem festesten Schlummer erwecken, so leise sie auch immer ertönen mochte. So wurde das Band der Geschwisterliebe ein unauflöslicher Zauber, dem selbst der Trotz und unbiegsame Eigenwille des kleinen Timon nicht widerstehen konnte, denn nie sah man in Theodors Gesicht den Ausdruck wohlwollenden Gefühls, zärtlicher Freundlichkeit, als wenn er mit Adelaiden beschäftigt war.
Doch schon mit dem dritten Jahre ward sie Mathildens Gesellschafterin, und ihm sollte der Erbprinz der geliebten Schwester Entfernung erträglicher machen. Zwar sahen sie sich so oft als es ihre Lehrstunden und Beschäftigungen erlaubten; aber dann war dem eifersüchtigen Bruder die schmeichelnde Mathilde im Wege, welche sich eben so liebevoll und freundlich an Adelaiden schloß und von dieser eben so aufgenommen wurde. Späterhin wuchs sein Mißvergnügen durch die Dazukunft des Prinz Louis bis zum Haß gegen diesen, da auch er Adelaide Schwesterchen nannte und ihr seine unschuldigen Galanterieen widmete.
Jetzt ward Theodor verschlossen, trotzig und unbiegsam, selbst auf seine Schwester zürnte er, wenn sie Arm in Arm mit Mathilden freundlich dem Erbprinzen entgegen hüpfte, einen Blumenstrauß oder sonst ein kleines Geschenk aus seiner Hand empfing und mit einem Kuß belohnte; er entzog sich bitter ihrer Umarmung, und nur die Worte: mein einziger, mein geliebter Bruder! konnten ihn wieder dahin besänftigen, daß er sie küßte und sie seine gute Schwester nannte.