Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman

Part 2

Chapter 23,457 wordsPublic domain

Adelaide warf einen sanft strafenden Blick auf den begeisterten Georg. „Hast du Sr. Durchlaucht den Becher kredenzt?“

„Nein, aber den Glauben an die unerreichbare Liebenswürdigkeit einer Adelaide mit mir gemein“ -- nahm der Prinz das Wort -- „und der Himmel lohne ihn mit seiner ganzen Seligkeit dafür.“

Julius, der nahe genug saß, um alles hören und sehen zu können, knirschte über den unbegreiflichen Zusammenhang und der Einigkeit aller Derer, von denen Adelaide umgeben und angebetet wurde, mit den Zähnen. „Sind es höllische oder gute Geister, die um diese Zauberin eine Wagenburg schlagen?“ -- frug er bei sich selbst -- „Fürst, ausländische Fündlinge, gemeine Jäger, alle reichen sich brüderlich die Hände, mich rasend zu machen.“

Des Prinzen und der Gräfin Gespräch wurde leiser.

„Und keine Zeile von ihr selbst?“ klagte Letztere.

„O meine Brieftasche wird erst morgen eröffnet. Ein großes Paket, das ich Ihnen hoch im Porto anrechnen werde. Aber ich fürchte, Mathilde führt große Beschwerden über mich! -- Versprechen Sie mir in voraus Generalpardon.“

Adelaide sah ihn bedeutend an.

„Gräfin! mit einem Wort: mein Entschluß ist gefaßt, und dabei bleibt es, so wahr ein Gott lebt“ --

Er wurde durch einen Schrei des Schreckens von Carolinen, die ihnen beinah gegenüber saß, unterbrochen. Unter den mancherlei fremden Gestalten und Bestandtheilen freier Koch- und Konditor-Künste, welche das mit den raffinirten Lebensbedürfnissen der großen und feinen Welt unbekannte Landfräulein anstaunte und neugierig kostete, wurde Gefrornes in Formen und natürlichen Farben verschiedener Früchte herumgegeben. Man präsentirte ihr eine Assiette mit dergleichen täuschenden Pfirsichen, und wiewohl ein goldner Desertlöffel dabei lag, so glaubte sie dessen dennoch nicht zu bedürfen, um sich einen Pfirsich zu nehmen. Sie ergriff herzhaft eine der Früchte mit ihren Fingern -- aber, o Himmel! -- wer beschreibt ihr Entsetzen, als diese Finger in Eis erstarrten, und der entzauberte Pfirsich in Wasser aufgelöst von ihrer Hand triefte.

Alles lachte, sobald sich der Irrthum aufklärte; nur Julius, welcher um so größern Widerwillen gegen das alberne rohe Landmädchen faßte, und Caroline -- deren Wangen die Schaam dunkelroth färbte und das Auge mit Thränen füllte, -- und Adelaide lachten nicht.

„In der That“ -- sagte Letztere -- „so etwas kann jedem begegnen. Trösten Sie sich mit mir, liebe Elfen! ich selbst habe einmal eine Ananas -- weil ein Spottvogel sie mir präsentirte, allein für mich auf meinen Teller genommen, wiewohl sie für mehrere bestimmt war -- und da ich die Schaale zu hart fand, als ich ohne Umstände hineinbeißen wollte, zertheilte ich sie mit Messer und Gabel, und ließ mich von dem schadenfrohen Herrn überreden, die Frucht mit Essig und Oehl zu verzehren, so wenig diese Zubereitung meinem Gaum auch behagen mochte. Und das war doch wohl ein wenig schlimmer, als eine Sache, die genau wie ein Pfirsich aussieht, auch für einen Pfirsich zu halten.“

In der Anekdote mit der Ananas lag Wahrheit, nur daß ein junger Cadet, welcher eben erst das väterliche Haus und sein Dorf verlassen hatte, und bei dem verstorbenen General Wallersee speiste, der traurige Held dieser Geschichte war; keinesweges aber Adelaide, welche sich indessen hier mit Vergnügen die Lächerlichkeit aufbürdete, um Carolinens demüthigende Verlegenheit zu heben. Sie erreichte ihren Zweck; Fräulein Elfen bekam wieder Muth; sie lachte aus vollem Halse über Adelaidens Leichtgläubigkeit, und wiederholte die Anekdote ihren Nachbarn weitläuftig, um zu beweisen, daß die Comtesse nichts klüger gewesen sey, als sie.

„Adelaide“ -- sagte der Prinz -- „Sie sind wahrlich ein Engel! -- Ich möchte niederfallen und anbeten -- diese himmlische Güte, diese sanfte Schonung“ -- --

„Ich bitte fortzufahren, wo Ew. Durchlaucht vorhin stehen blieben“ -- unterbrach sie ihn ernst -- „Sie sprachen von einem Entschluß“ --

„Und sagte, daß es bei diesem Entschluß bliebe, so wahr ein Gott lebt! -- Können Sie die meiner Schwester gemachte Erklärung, das Versprechen nie ihre Hand zu verschenken, zurücknehmen -- werden Sie die Verlobte eines Andern -- gut, so habe ich alle Hoffnung verloren, und ich will jeder Glückseligkeit, jeder frohen Stunde für dieses Erdenleben entsagen. Mein Vater schmiede mich dann, wie den Galeerensclaven an das Ruder, in das Joch einer conventionellen Ehe! -- Aber nein, so inconsequent kann Adelaide nie seyn!“

„Prinz!“ sagte Adelaide ergriffen -- „was hat mein Vorsatz unvermählt zu bleiben, mit Ihrem Entschluß zu schaffen? -- Kann Ihnen die Versicherung: daß ich den Wunsch, nie Gattin werden zu dürfen -- ohne alle Beziehung auf Ew. Durchlaucht, gegen Prinzessin Mathilde äußerte -- daß ich überhaupt nie an die Möglichkeit eines Verhältnisses unter uns, gnädiger Herr! bei irgend einer Bestimmung meines Lebens dachte -- kann diese Erklärung einen Fürsten der Hoffnung seiner Länder wiedergeben, und ihn selbst in die Bahn der Ordnung, der Pflichten eines künftigen Regenten zurückführen, so bitte ich unterthänig, an der Wahrheit dieser Betheurung nicht zu zweifeln.“

„Adelaide! -- Ich habe geschworen, und seinen Schwur zu halten, sich selbst und seiner Zufriedenheit treu zu bleiben, ist die erste und heiligste Pflicht. Wäre diese Zufriedenheit, dies tröstende Bewußtseyn, keiner von uns Beiden sey das Eigenthum eines Dritten, auch nur Chimäre! -- so wenig dieser Fall hier angenommen werden kann. -- Mein Vater ist alt, ich im fünf und zwanzigsten Jahre. Sie treten heut Ihr achtzehntes an; -- o Adelaide! die Liebe überwindet Zeit und Hindernisse, die Aerzte sprechen mit Achselzucken von den bedenklichen Gesundheitsumständen des Fürsten -- ein Rezitiv des neulichen Schlagflusses, und er ist dahin.“ --

„Sie werden fürchterlich! -- So sollte die Liebe ein großes edles Herz verunstalten können? -- Ich bitte Ew. Durchlaucht wenigstens Schonung für mein besseres Gefühl zu haben, und ein Gespräch abzubrechen, das Sie und mich herabwürdigt.“

„Abgott meiner Seele! In dieser Ungewißheit kann ich nicht von dir scheiden. Denke an meinen Schwur. -- Heut übers Jahr an diesem Tage kehre ich wieder zurück und finde dich -- nein Adelaide, nicht als Braut oder die Gemahlin eines Andern.“ --

„Sondern im Sarge,“ fiel Adelaide mit dem feierlichen Nachdruck einer Prophetin ein. -- „Ich habe Ihr Wort, Prinz! -- übers Jahr an dem heutigen Tage betreten Sie das Haus Ihrer Freundin wieder, und begleiten mich in die Brautkammer.“

„Adelaide!“ rief erschüttert der Erbprinz „wollen Sie meine Vernunft verwirren? -- was sollen diese Räthsel? -- Ich kann mich damit nicht beruhigen. Gewißheit, um Gottes willen!“ --

„Die Gewißheit, daß wir Ball haben, und die tanzlustigen Herrschaften schon ungeduldig mit den Stühlen rücken, um wieder in den Saal zum Ländern zu kommen. -- Für diesmal bitte ich, nichts mehr über jenes Kapitel! -- Prinzessin Mathilde wird Ew. Durchlaucht ja wohl schriftlich benachrichtigen, wie es mit Ihren Vasallen steht.“

„Darf ich nicht einige Zeilen dann und wann von dieser lieben Hand selbst hoffen?“

„Das war nicht Ihr Ernst, gnädiger Herr! Dieser Erwartung widerspricht die Achtung, die ich einigermaßen zu verdienen glaube.“ --

„Adelaide! -- Adelaide! was machen Sie aus mir?“ -- seufzte noch der Prinz, und der allgemeine Aufstand der Gesellschaft verschlang das Flüstern seiner letzten Worte.

Den andern Morgen ließ sich die junge Gräfin mit Unpäßlichkeit entschuldigen, welche sie abhielt persönlichen Abschied von Sr. Durchlaucht zu nehmen, und bat, Mathildens Briefe ihr durch Zynthio einhändigen zu lassen. Der Prinz schlug sich mit krampfhaft zusammen geballter Faust vor Kopf und Brust -- befahl stürmisch: vorzufahren -- und verließ Wallersee hoffnungsloser, als er den Abend zuvor dahin gekommen.

* * * * *

Alexis Graf von Wallersee glaubte mit seinen erprobten Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihn zum Feldherrn stempelten, auf den Rang und die Wichtigkeit eines zweiten Marschalls von Sachsen in irgend einer der größten Armeen Anspruch machen zu dürfen. Im Besitz ansehnlicher Reichthümer, die durch Erbfälle sich noch immer vermehrten, als Kommandör einer der größten Komthureien des Johanniter-Maltheser-Ordens, bot er seine uneigennützigen Dienste -- während eines für Europa’s Gleichgewicht sehr bedeutenden Krieges, einem Monarchen an, dem es in ökonomischer Hinsicht, so wohl durch Nothwendigkeit gedrängt, als auch aus angebornem Trieb zur Sparsamkeit sehr willkommen seyn mußte, in dem Grafen den Chef eines dem Feinde furchtbaren Corps -- welches dieser aus eigenen Kosten errichtet, mondirt und für die Königlichen Fahnen angeworben hatte -- nun seinen Obersten zu begrüßen. Ruhm und die Aussicht, früher, als es sonst nach den gewöhnlichen Fortschritten auf der militärischen Bahn zu erfolgen pflegt, noch in den kräftigsten Lebensjahren des raschen feurigen Mannes, als Feldmarschall sagen zu können: In den entscheidendsten Momenten gab ich mit dem Schwerd in der Faust nicht selten den Ausschlag; hier machte ich die schon verlohren geglaubte Schlacht gewonnen -- Dies sollte sein Lohn seyn. Seine stolzen Entwürfe zielten auf nichts geringeres, als der unentbehrliche und zugleich unabhängige Alliirte eines großen Europens Aufmerksamkeit erregenden Königs, den aber das Schicksal jetzt seinen Launen preiß geben zu wollen schien -- zu werden. Der Monarch berechnete zu richtig den ihm daraus erwachsenden Vortheil, um nicht Graf Wallersee die Perspektive seiner ehrgeitzigen Hoffnungen mit den freundschaftlichsten Versprechungen zu erweitern, und seine Erwartungen zu entflammen.

Doch -- zwei Sonnen an einem Horizont gehören ja in die Reihe unmöglicher Existenzen; und eben so wenig konnten Arnulph und Alexis in harmonischer Gemeinschaft den Pfad des Ruhmes verfolgen. Beide sich ihrer energischen Kraft, ihres allumfassenden Feuergeistes bewußt, Beide eifersüchtig auf des andern Ansprüche, einzig seyn zu wollen -- Beide, wenn sie diese Ansprüche gekränkt fühlten, ohne Rücksicht des Nachtheils für ihren Zweck rachsüchtig -- zerrissen bald die Freundschaftsbande, welche Mars um sie geschlungen. Arnulph behauptete nicht allein ein großer Held, sondern auch ein schöner Geist zu seyn, und selbst seine Feinde gestanden unpartheiisch, daß er es war. -- Auch Alexis zeichnete sich unter tausend seiner Zeitgenossen in dieser Hinsicht aus. -- Nur der solide nicht nach Kapricen geordnete Ertrag seiner Geistesgaben, seine Vertraulichkeit mit den alten Griechen und Römern, seine Vorliebe für die Letztern, gaben freilich seiner Schöngeisterei eine andere und imponirendere Tendenz, als die seines großen Nebenbuhlers war. -- Leichter französischer Spott -- wiewohl nicht selten empfindlich verwundend, inconsequentes Absprechen fremden Werthes, Geringschätzung derber deutscher Redlichkeit, und Forderungen an diesen Werth, an diese Tugenden -- kurz, mancherlei und mehrere Widersprüche dieser Art, gaben Arnulphs Geist zwar einen auffallend blendenden Anspruch, besonders da derselbe durch ein Bonmot würdigen oder herabwürdigen durfte, ohne daß ein Opponent es gewagt hätte, ihn zu widerlegen, welches freilich einem andern gegenüber oft kinderleicht gewesen wäre. --

Aber Alexis glaubte zwischen einem Mark Aurel und Arnulph einen so gewaltigen Unterschied zu finden, den der Letztere vielleicht selbst fand -- jedoch nicht aus dem Gesichtspunkt betrachtete, wie der Freund der Römer -- daß er unmöglich so ganz unbedingt der Huldigung beitreten konnte, die Arnulphs wahre oder scheinbare Bewunderer, der nach Alexis Meinung so falsch geleiteten Schöngeisterei zollten.

Nur zu bald hinterbrachte man Arnulphen des Obersten Wallersee’s Bemerkungen, welche dieser in vertraulichen Zirkeln hin und wieder über dessen Meinungen geäußert hatte -- ja selbst den Tadel der Pläne, die auf die kriegerischen Operationen sich bezogen, und die Arnulph nach seinem Kopf exekutirt haben wollte. -- Alexis war nicht der Mann, der seine Grundsätze durch Verläugnen oder Entschuldigungen, im Fall er sie verantworten sollte, anders scheinen ließ, als sie waren und er sich einmal darüber erklärt hatte. Als ihm daher Arnulph sein Raisonniren, wie derselbe es zu nennen geruhete, mit ernster Miene und durchdringendem Adlerblick vorhielt, war dies der Moment, in welchem Graf Wallersee nicht nur seine Meinung nochmals klar und deutlich wiederholte -- und unter dem Bedauern, daß er das Vertrauen, so wie das Wohlwollen Sr. M. wohl schwerlich zu erwerben im Stande seyn würde, auch auf alle künftige Ehrenstellen in dessen Armee Verzicht that, und sich mit seinem Corps, unter dem Versprechen, nicht gegen ihn zu fechten, zurückzog.

„Es ist mir lieb,“ sagte Arnulph -- „diesen Querkopf los zu seyn. Der Polisson wollte alles besser wissen. Ist die Kriegskunst der alten Römer auf unsere heutige Taktik anwendbar? -- haben wir das Terrain, haben wir dieselben Menschen, dieselben Waffen gegen uns?“ --

„Und sind +wir+ Römer?“ -- hätte er noch hinzusetzen sollen. Doch war die Beschuldigung ungegründet; denn Alexis wußte diese Unterscheidung eben so gut zu machen, als Arnulph. Eine Kriegesscene nach Römer Art in neuern Zeiten anderswo zu sehen, als in der großen Oper zu ***, war ihm nie in der Sinn gekommen; und öfters auch hier nur, um die erbärmliche Marionetten-Repräsentation mitleidig zu belächeln.

Gern hätte die feindliche Macht den aus seiner Verbindung getretenen Obrist Wallersee an sich gezogen; allein sein dem Arnulph gegebenes Ehrenwort ließen ihn selbst die blendendsten Anerbietungen ausschlagen. Er nahm an diesem Feldzug keinen weitern Antheil, denn jede Macht, bei deren Armee zu streiten, ihm ehrenvoll gedünkt hatte, war gegen Arnulph im Bunde. --

„Soll das Treiben meines Wollens, die erregte Reizbarkeit, ein höheres Ziel meiner Bestimmung zu umfassen, als zu dem der gewöhnliche Instinkt eines wohl genährten und ausstaffirten Schooskind’s des Glücks in behaglichem Seelenschlummer führen dürfte. -- Soll die Sehnsucht nach jenem noch unerreichten Zweck nicht zum nagenden mich selbst verzehrenden Geyer werden, so nehmt mich noch einmal auf, ihr lieblichen Gegenden! Vaterland eines Mucius Scävola, du gabst der Spiralfeder des reifenden Jünglings den mächtigen Druck, daß sie die Bande entnervender träger Unentschlossenheit sprengte, und die Thatkraft des sich nun Enträthselten fesselfrei machte. Gieb mir Ersatz für die verschwendeten Erstlinge des Dranges, wirken und fern von kleinlichem Eigennutz schaffen zu wollen! -- Läutere die Selbstständigkeit des Mannes zur Ausdauer, indem der Geist deiner edelsten Söhne mich umschwebt. -- Kraftvoll, aber nicht stürmisch will ich mich dann in einen Wirkungskreis schwingen, der mir genügt. -- Leben, lebendiges Weben und Seyn, wo Herz und Körper balsamischer Nahrung genießt, werde mir jetzt unter italischem Himmel. Sein milder Einfluß zügele die wilde Begehrlichkeit der aus Mangel an höhern Interesse erregten Sinnlichkeit, und gebe mir die zarte Empfänglichkeit, für die mich erwartenden Freuden des glücklichen Gatten in den Armen meiner Ludmilla!“ so dachte und beschloß Graf Wallersee; nichts stand der raschen Ausführung seiner spekulativen Philosophie entgegen; und Alexis drückte den Abschiedskuß auf die ihn nur mit sittsamer Blödigkeit erwiedernden Lippen seiner Verlobten -- nachdem er das entzückendste Bild des Wiedersehns und der unauflöslichen Vereinigung zu einstweiligen Beschäftigung ihrer Phantasie, dem arglosen Glauben frommer unschuldiger Liebe aufgestellt hatte -- und verließ Deutschland auf zwei Jahr, nach deren Verlauf ihn die Vollziehung seiner Vermählung mit Ludmilla Gräfin von St. dahin wieder zurück rief.

Familienbündnisse verlobten ihm schon das reiche schöne Mädchen im zartesten Kindesalter, mit Vollendung des siebzehnten Jahres sollte sie seine Gemahlin werden.

Ludmillas Geburt kostete ihrer Mutter das Leben. Die mutterlose Waise ward in einem Stift erzogen; ihrem Herzen blieb jede Leidenschaft fremd, es kannte nur den frommen keuschen Wunsch: Graf Alexis möge wohlbehalten aus allen Gefahren des Krieges oder aus andern fremden Ländern zurückkehren, und liebevoll sie dann zum Altar führen! -- Dieser Wunsch ward erfüllt, und der Geliebte ihr liebreicher freundlicher Gatte. -- Der Mangel feuriger Liebe des Gemahls fiel der sanften nur an ruhige Seelenstimmung gewöhnten Ludmilla nicht auf. Zwar gewann ihre Liebe mit jedem Tage neue Stärke und Innigkeit für ihren Alexis, aber weil sich diese immer nur in dem Sonnenlicht lieblicher Heiterkeit zuvorkommender Freundlichkeit äußerte, so überzeugte sie ihres Gemahls dem ihrigen ähnliches Betragen, daß sie nicht minder geliebt würde. -- Wohlthätig hatte das Schicksal für ihre Ruhe gesorgt, indem weder Romanenlektüre noch Frequenz sentimentaler Schauspiele ihre Bildung vollendeten.

Mit ächt pastoralischem Eifer verhütete die Aebtissin des Stifts -- in welchem die junge Gräfin erzogen worden -- die Einführung solches üppigen Thun und Wesens, wie die hochwürdige Frau es nannte, welches den jungen Gemüthern, die da rein und ohne Makel unter ihrer Aufsicht gedeihen und verbleiben sollten, nur das werden könnte, was der Wolf der unbefangnen leicht zu berückenden Heerde; eben so sorgfältig verhinderten die strengen Gesetze dieses Vestalischen Ordens jeden traulichen Verein mit dem andern Geschlecht. Folglich waren alle die aus den Ersteren entstehenden und auf das Andere laufenden Leidenschaften in diesen heiligen Hallen dermaßen verpönt und geächtet, daß man sie kaum dem Nahmen nach kannte -- wenigstens sie schon dem Nahmen nach verabscheute. -- Und so war auch die unerfahrne Ludmilla weit entfernt, einen Unterschied zwischen der zwar freundlichen aber sehr gemäßigten Zärtlichkeit ihres Gemahls, und der glühenden Leidenschaft, dessen sein Herz -- vielleicht für einen andern Gegenstand wohl fähig war -- zu ahnden, und sich dadurch ihr Glück, ihre Ruhe zu stören.

Sie gebar ihm einen Sohn, und inniger wohlwollend ward das Band der Ehe, das sich nun auch um sein Vaterherz schlang.

* * * * *

Blutströme hatten jetzt Bellonas Durst gestillt, und ihre Fackel ausgelöscht. Ein allgemeiner Frieden in Deutschland zerstreute nun gänzlich jede Besorgniß Ludmillas, daß Alexis bei seinem thätigen unruhigen Geist doch noch der Versuchung unterliegen würde, eine Rolle auf dem Theater des Krieges zu übernehmen. Doch zu bald sah sie ein, daß die Gefahr ihn zu verlieren, wenigstens sich auf lange, unbestimmte Zeit von ihm trennen zu müssen, näher war, als jemals.

Graf von der L...., als Generalissimus nach Portugal berufen, erachtete es für keinen geringen Vortheil und Zuwachs des ihn umgebenden Glanzes, wenn er seine fast königl. Suite, mit welcher er sich das nächste Frühjahr einzuschiffen dachte -- durch Anwerbung der tapfersten vielversprechensten Männer -- um welche Monarchen sich beneideten, für die Truppen, deren Befehlshaber er wurde, noch mehr verherrlichen könnte. Es gelang ihm, Graf Alexis von Wallersee durch die lockendsten Aussichten auf Größe und Ruhm -- der sich selbst in fremde Welttheile erstrecken würde, für seine Wünsche zu gewinnen. -- Vergebens umfaßte Ludmilla die Knie ihres Gemahls, vergebens schmiegte der kleine Theodor seine Händchen um den unbiegsamen Nacken des ihm zum Lebewohl segnenden Vaters.

„Ich werde Euch wiedersehen; zwei Jahr aufs längste -- und ich heiße Euch auf portugiesischen Boden willkommen, oder ich kehre in eure Arme zurück, um dann mich nie wieder von Euch zu trennen. Uebrigens -- im Fall Freund Hayn mich noch vor dieser Zeit in eine andre Heimath rufen sollte -- so wirst du, liebes Weib, in Rücksicht der Güter und des Majorats, welches ich aus den Herrschaften Tomsdorf und Wallersee zu machen Willens bin -- das Benöthigte schon verfügt und bei der Regierung niedergelegt finden; hier ist die Abschrift meines deponirten Willens. -- Du wirst dich überzeugen, daß ich beflissen war, deine Zufriedenheit auch als Wittwe zu begründen.“

Ludmilla hörte kaum mehr die letzten Worte; ohnmächtig brachte man sie auf ihr Ruhebett; Alexis küßte den Abschied auf ihre blassen Lippen, und als sie wieder ihr Bewußtseyn erhielt, war er schon auf dem Wege nach Hamburg, den er mit Couriersschnelle Tag und Nacht fortsetzte, um mit dem Grafen von der L...., welcher nebst seiner zahlreichen Reisegesellschaft ihn daselbst erwartete, an Bord zu gehen.

Keine Art zu reisen ist wohl geschickter, Menschen die sich auf der nehmlichen Tour in einer und derselben Equipage befinden, sich näher zu bringen, und ihre gegenseitigen Beobachtungen über des andern Karakter und Meinungen ungestörter zu befördern, als die Reise zur See. Die beiden Gegenstände Himmel und Wasser, welche sich Tage, Wochen, ja oft Monathe hindurch ohne die geringste Abwechselung unserem Auge darbiethen, hören die ersten zwölf Stunden schon auf, unserer Beobachtung werth zu seyn. -- Weder Posthäuser noch Gastwirthe, weder gute noch schlecht gebaute Städte und Marktflecken, weder zu respektirende Feldgarnison, noch Bürgermilizwache -- so andern Reisenden auf einem Wege von zehn Meilen wenigstens ein auch wohl zweimal während des Examinirens um Nahmen, Karakter und Geschäfte beim Einpassiren an den Thoren, abwechselnde Empfindungen und Unterhaltung gewähren -- nichts dergleichen bietet sich uns auf der übrigens vortrefflichen Chaussée in Neptuns Reiche dar. -- Genug, man ist lediglich auf sich und seine Reisegesellschaft reduzirt; und so wie bald alle Zeremonie in Ansehung des Ankleidens und das Bemänteln häuslicher Gewohnheiten auch wohl Unarten aufgehoben wird -- so wie bald jeder Passagier in seinem Kaftan oder Schlafrock und Nachtmütze bleibt, in welche er sich des Morgens beim Erwachen warf, eben so bequem macht es sich sein innrer Mensch. Im weiten ihnen beliebigen Spielraum spatzieren Launen, Meinungen, gute und böse Gedanken ohne allen Rückhalt auf dem Verdeck der Conversation herum, und sind für die übrigen Personen eben so auffallend, als diese -- welche sich einer gleichen Freiheit bedienen, entweder mit ihren, jenen widersprechenden Grundsätzen und Ansicht der Dinge chokiren, oder durch Sympathie sich zur festesten Vereinigung hingezogen fühlen.

Graf von der L**** war unbegrenzt stolz, herrschsüchtig, rauh, hart bis zur Grausamkeit gegen seine Untergebenen; falsch und verschlagen gegen seines Gleichen, um sie zu täuschen und an sich zu ziehen, wann es sein Vortheil heischte, übrigens keines Menschen Freund. Geitzig, wo Edelmuth gebot es nicht zu seyn; verschwenderisch, wo sein Stolz verlangte, mit seinem Glanz Fürsten zu beschämen. In Ermangelung jeder andern Tugend glaubte er mit einer seltnen Tapferkeit, mit einem Muth, der ihn in die Lavafluthen des Vesuvs kaltblütig springen ließ, und der Spartanischen Härte, welche er gegen sich selbst in Entsagung jeder Bequemlichkeit des Lebens bewies -- keiner andern zu bedürfen, um ein Ehrfurcht gebietender verdienstvoller Mann zu seyn. Nie ruhete er auf einem Federbette oder einer Matratze. Ein langer Tisch, oder wenn es die Umstände wollten, eine Gurtbank, war sein Lager, die eiserne Chatulle, in welcher Gelder und seine wichtigsten Papiere sich befanden, sein Kopfkissen. Mit dem Haß seiner Dienerschaft bekannt -- geliebt zu seyn, verlangte er nicht, denn er liebte ja keinen Menschen -- hegte er stetes Mißtrauen und erwartete immerwährend einen Anschlag auf sein Leben. Deßhalb lagen, wenn er sich zur Ruhe auf sein hartes Lager warf, ein Paar geladene Pistolen mit aufgezogenem Hahn auf dem ihm zur Seite stehenden Tisch, und ein Dolch unter seinem Kopf. Zwei Bedienten hatten die Nachtwache, und wehe demjenigen, welcher sich der geringsten Nachläßigkeit, oder einer Anwandlung des Schlummers zu Schulden kommen ließ. Bei dem leisesten Geräusch wich sein unruhiger Schlaf, und er griff nach der Pistole. So traf es sich, daß er einen Bedienten erschoß, dem -- als der Unglückliche das Nachtlicht putzen wollte -- die Scheere, weil er schlaftrunken war, aus der Hand fiel.