Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman
Part 12
Zynthio führte ihn schnell in ein Fenster, mehrere Schritte von den Uebrigen hinweg. Prinz! -- sagte er ihm leise -- diese Nacht um zwei Uhr, wann die Beisetzung vorüber ist -- habe ich Ihnen nur wenige Worte zu vertrauen, und Sie werden wünschen, diese Lästerung mit ihrem halben Fürstenthum zurück kaufen zu können.
Nicht um das Wahrzeichen des kleinsten Marktflecken, in diesem Fürstenthume! -- Sieh jenen Schmerzenssohn! er darf als der Glücklichere um sie weinen, und sich mit seinem Schmerz brüsten! -- ihn konnte sie lieben --
Lieben? fiel bewegt Zynthio ein. -- Ja, sie liebte, aber nicht diesen. In der Stunde ihres Todes sagte sie: ich liebte den edelsten der Menschen -- aber -- er ist Fürst! --
Camillo! -- spricht ein guter oder ein böser Geist aus dir? --
Es sind die Worte der Verklärten: -- ich habe gekämpft und den Sieg errungen --
Ah, so -- und erwartete den Lohn in den Armen meines erwählten Schäfers! --
An Hochburg ward ich zur Verrätherin; der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. -- Dies ihr Bekenntniß an den Pforten der Ewigkeit! -- zweifeln Sie noch? --
An meiner Vernichtung? -- nein. -- Sie haben ihren Zweck erreicht.
Noch nicht. -- Wer von einer Adelaide geliebt ward, muß ein großer, ihr an tugendhafter Entschlossenheit gleichender Jüngling seyn! -- Ihn den Seltnen bitte ich, mich zu der schon erwähnten Stunde, ohne Zeugen und in empfänglicher Stimmung für das Zarte meines Auftrags zu hören. Bis dahin Schonung der kleinern Verhältnisse, deren Rechte selbst die Verewigte achtete.
Zynthio! -- gieb mir Trost, ohne den ist Entschlossenheit ein Unding! Sie liebte mich! -- Nun erst ist mein Verlust unersetzlich. -- Adelaide! -- Adelaide! --
Adelaide! -- wiederholten die Klagetöne Mathildens --
Adelaide? -- fragte Julius wie aus einem Traume erwachend -- welcher bis jetzt selbst nicht wußte, was er sah und hörte. -- Ja, diese Adelaide antwortet nicht mehr! --
Mathilde erblickte die zwei verschwisterten Rosen an der Brust der vergeblich Gerufenen, und entzog sie der kalten darauf ruhenden Hand. Ha, wie ich euch von dem Herzen eurer Königin reiße so riß sie sich von mir, und ließ mich traurig und einsam stehen. -- Ihr seyd mein! an ihrer Brust habt ihr geblüht, an der meinigen sollt ihr verwelken, wie meine Freuden!
Julius sprang auf, die Hälfte des Raubes sey mein! rief er, indem er sich des Zweiges bemächtigte, und die zarten Zwillinge trennte. Ein unter den Blättern versteckter Dorn rächte den Frevel. Von seiner verwundeten Hand tropfte das Blut auf Mathildens weißes Gewand, während er ihr die blutbefleckte Rose reichte.
Sonderbar! sagte finster der hinzugetretene Prinz. Es scheint, Sie besiegelten bei diesem Altar einen Bund mit ihrem Blute, das selbst die makellose Reinheit meiner Schwester zur Mitschuldigen bezeichnete.
Einen Bund des heiligen Andenkens dieses Altars! fiel schwärmerisch Mathilde sein. Wem der Tod dieses Engels das Herz zerriß, der weihe sich dem mit Blut besprengten Bunde!
Der weihe sich ihm, bis das zerrissene Herz kein Blut mehr zu vergießen hat! -- sagte Julius, und nahm die ihm über dem Sarg dargebotne Hand Mathildens.
Ein vernehmliches Ah! zitterte aus Adelaidens Brust, eine schwache Bewegung erschütterte den leblosen Körper --
Was war das? -- Allmächtiger Gott! werden die Todten lebendig? fragten sich die Ergriffenen. Schauder der Ahndung durchbebte die Bundesverschwornen. -- Die Schloßuhr schlug sechs; das dumpfe Trauer-Geläute der Kirchen umliegender Dorfschaften begann, und unsichtbare Chöre tönten in sanft klagenden Harmonieen.
Doktor Weidenbach trat ein; er hörte und eilte, sich selbst zu überzeugen. So waren doch meine Zweifel gegründet? rief er. Jetzt erst hat die Seele den Körper verlassen. Die Veränderung der Liniamente, das Ausspannen des Körpers -- jetzt können wir mit Gewißheit sagen, daß sie aufgehört hat zu leben. Der bisherige Zustand war -- ein Scheintod.
* * * * *
Phrenetisches Lachen schallte aus dem Zimmer der Generalin dem Leichenzuge nach. Den Fackelschein, das Läuten der Glocken, hielt die freudige erwartungsvolle Mutter für das Zeichen, daß Alexis und Adelaide im hochzeitlichen Pomp sie einzuholen kämen. Das heftige Lachen endete mit einem Stickfluß -- und als das Trauergefolge zurückkam, war wirklich Gräfin Ludmilla dem Theuersten, was sie auf Erden gehabt -- ihrem Gemahl und ihrer Tochter nachgefolgt.
Die Morgendämmerung fand den Prinzen in lebhaftem Gespräch mit Zynthio in des Letztern Zimmer.
Verschmerzen werde ich nie, und so gilts einerlei, eine Grad mehr oder weniger elend! sagte der Erstere, indem er vom Sopha aufsprang, und Adelaidens in schwarzen Flor gehüllte Guitarre ergriff. -- Wie Prometheus wollte ich ein neues Fürstenglück und in ihm -- Volksglück schaffen. Die erzürnte Politik schmiede mich dafür an den Felsen eine Ehe ohne Liebe; für den Geier laß die Bestimmung eines Fürsten nach der alten Schöpfung sorgen.
Herkules, mit Tugendkraft begabt, erlegte den Geier. --
Aber nie werden diese Saiten, von ihren Fingern belebt, wieder eines Menschen Ohr erfreuen, einem Herzen Wonne und harmonische Gefühle mittheilen. Und -- darum -- wie gesagt, ist’s alles eins. Zum Karnevall soll’s lustig zugehen in der Residenz; Trompeten und Pauken sollen -- möchte ich mit Hamlet ausrufen -- in kreischenden Tönen die erlauchte Begebenheit verkünden: daß der Fürst, als Schwiegerpapa einer Königstochter, sich einen Freudenrausch trinkt!
Ich werde, fern von Deutschland, dem edlen Sohn Glück wünschen, daß er seinem Vater den Freudentrunk zu reichen, groß und entschlossen genug war!
Es mag schön klingen -- aber mir wird jeder solcher Wünsche ein Mißlaut seyn. -- Wann reisen Sie?
In wenigen Wochen; Georg begleitet mich.
Auch dieser? -- Nun gut, selbst der geringste Schatten aus meiner glücklichen Vergangenheit fliehet!
Mathilde brachte den übrigen Theil der Nacht ebenfalls schlaflos hin. Karolinens und Hochburgs Thränen hatten sich mit den ihrigen vereint; gleiches Gefühl ihres Verlusts brachte während den wenigen Stunden die Gemüther näher, als es in fröhlichen Zeiten kaum Monathe vermocht hätten.
Mein unglücklicher Vetter! flüsterte Fräulein von Elfen der Prinzessin zu. -- Unaussprechlich ist sein Jammer -- ihn erneuern wird meine Verbindung mit Graf Wallersee; denn auch seine Vermählung mit Adelaiden sollte mit der unsrigen an einem Tage vollzogen werden.
Er muß dieser Feierlichkeit ausweichen, antwortete Mathilde. Ueberhaupt wäre Beschäftigung, Zerstreuung das heilsamste für ihn. Wir wollen ihn dieser Einsamkeit entziehen --
Das wäre Wohlthat für den armen Julius, meinte Karoline.
Und als wohlthätige Absicht wenigstens nahm Graf Hochburg die schmeichelhafte Einladung Mathildens auf; in den nächsten acht Tagen trieb ihn sein rastloser Schmerz der Freundin seiner Adelaide, der Genossin des Trauerbundes, nach in die Residenz.
* * * * *
Still wie in dem Kloster La Trappe war es jetzt in Wallersee. Zynthio traf Reiseanstalten, er mußte für seine Gefährten mit denken, denn Georg und Betty schlichen traurig ab und zu; ihnen war eine Zeichnung von Adelaidens schöpferischen Händen -- eine Blumenguirlande, so diese in ihren Haaren getragen, eine ihrer Lieblingscompositionen für Guitarre oder Pianoforte das wichtigste, was sie als Erbstücke mitzunehmen und sorgfältig einzupacken würdig erachteten. Schon war der Tag ihrer Abreise festgesetzt, als Georg eines Abends athemlos und zitternd in seines Freundes Zimmer stürzte. Adelaidens Geist! rief er -- oder mich täuscht ein Blendwerk der Hölle. Er riß Zynthio mit sich nach dem untern Stockwerk, wo er die Erscheinung gehabt --
Ist’s möglich? rief Zynthio, als er die Fremden erblickte -- Wen sehe ich? --
Ihre Schwester Seraphine, Signor Camillo! -- sagte Graf Bendheim. Ich bedaure! ich glaubte Freude zu bringen, und finde ein Haus der Trauer.
Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich überzeugt bin, daß Sie ein Haus des Friedens in Trauer und Verwirrung zu versetzen hofften. Sie sehen, Ihre Absicht ist vereitelt, der Zweck Ihrer Reise nach Italien verfehlt, und Sie geben mir wirklich, gegen Ihren Willen, den Trost, eine geliebte mir anvertraute Schwester früher wieder zu finden, als ich hoffen durfte, nachdem ich die Andere verlor! -- Und wer ist ihre zweite Begleiterin? --
Zynthio! Kennst du mich nicht mehr? -- Aloyse Prospero!
Zynthio lag in den Armen seiner Schwester und ihrer mütterlichen Freundin. Wirklich, Herr Graf! Sie haben weder Aufwand noch Mühe gespart, in dies Haus der Trauer Freude zu locken. Möchte Ihnen das Bewußtseyn genügen, daß es Ihnen gelungen ist! -- Georg, du meldest wohl den Herrn Grafen bei dem Herrn des Hauses --
Der ist? -- frage Bendheim gespannt.
Graf Theodor von Wallersee.
Wir sind -- ich möchte ihn belästigen -- Sie haben ja einen guten Gasthof im Orte. Morgen mit dem frühesten reise ich wieder ab. Ich habe das Meinige gethan, und bin belohnt, daß ich mit dieser Ueberraschung Ihren Dank verdient habe -- sagte in verbißnem Grimm der Ueberraschende, schüttelte den Staub von seinen Füßen, und zog wieder von dannen.
So wurden wir getäuscht? fragte Signora Prospero. -- Er meldete sich als Bevollmächtigter der Gräfin, welche Seraphinen bei sich zu haben wünschte, und als ihres Gemahls Tochter anerkannte. Er legitimirte sich durch Briefe, selbst an Seraphinen hatte die Generalin geschrieben.
Zynthio eröffnete den Getäuschten das Verständniß --
O, es ahndete mir wohl! nahm die redliche Matrone wieder das Wort. -- Ein boshafter Mensch kann auch ein Verführer der Unschuld seyn -- Nur unter meiner Aufsicht bewilligte ich Seraphinens Mitreise.
Georg, welcher die Zeit über Seraphinen angestaunt, und seinen Sinnen kaum glauben wollte, rief jetzt aus: Dies wäre meines Freundes Schwester?
Und die Deinige! antwortete dieser, indem er sie ihm in den Arm warf.
Betty kam. Gott im Himmel! schrie sie -- die junge Gräfin! --
Meine und deine Schwester Seraphine! -- Georg, Betty, Seraphine -- wir alle ein Bund -- eine Familie! -- Adelaide! -- Sieh herab und lispele dein heiliges Amen! -- Signora Prospero, Sie verloren Ihren Gatten -- lassen Sie uns ihre Kinder seyn!
Adelaidens freundlicher Segen mußte über der Gruppe geschwebt haben. -- Unvergeßlich war ihnen der verklärte Engel, aber die hoffnungslose Trauer gieng bald in sanfte dankbare Erinnerung über. Zynthio Camillo erfüllte, was er der Verewigten gelobte; er machte Betty glücklich, und ward es mit ihr als Gatte und Vater. -- Georg, der in Seraphinen Adelaidens Ebenbild verehrte, freuete sich -- da zu dieser Verehrung sich bald die zärtlichste Liebe gesellte -- der Großmuth seiner Wohlthäterin, kaufte sich im Canton Zürich sehr vorteilhaft an, und Zynthio umarmte nun den Freund auch als den liebenden und geliebten Gatten seiner Schwester.
* * * * *
Der Erbprinz söhnte seinen Vater, durch die Vermählung mit der ihm bestimmten Prinzessin, mit sich aus. Ob er glücklich ward? -- Er bestieg zu bald nach dem prunkenden Beilager den Thron -- ernste Geschäfte, Regierungssorgen, ließen ihm selbst kaum so viel Muße, sich diese Frage aufzuwerfen -- deren Beantwortung, wie man erlauscht haben will, sich dann gemeiniglich in einen schweren Seufzer aufzulösen pflegte.
Julius Graf von Hochburg wurde, auf Mathildens Verwendung, Kammerherr. Die Bundesgenossen recapitulirten ihre melancholischen Gefühle in den Stunden der Weihe, deren Losungswort: Adelaide! war. -- Das Frühjahr kam, mit ihm die Gelegenheit zu romantischer Feier des Bundes der Trauer. -- Ein Zypressenhayn, das Flöten klagender Nachtigallen, nährte die Seelenkrankheit der Geweihten bis zur Unheilbarkeit. -- Ja, müßige Höflinge wollten sogar bemerkt haben, daß sich noch ein neues Uebel dazu geschlagen.
Der junge Großherzog, welcher viel heißes Blut: aber nicht die geringste Anlage zu dergleichen mystischen Gefühlen besaß, und dessen Ansprüche auf Mathildens Hand ihn, nach seiner Meinung vollkommen berechtigte, die Genesung der Prinzessin ernstlich zu wünschen, war mit den Symptomen der vermehrten Krankheit höchst unzufrieden. -- -- Eine Jagd ward veranstaltet: Graf Hochburg, sonst kein leidenschaftlicher Jäger, wollte heut in Verfolgung eines Hirsches den Preis gewinnen, um damit diesen Abend von seiner erhabenen Bundesgenossin im Zypressenhayn bekränzt zu werden. Er sprengte dem Verfolgten in das Dickicht des Waldes nach -- ein Schuß fiel -- der vielleicht dem Wilde galt -- und Julius sank blutend vom Pferde.
Mathildens Verzweiflung war keiner Verstellung fähig; -- Argwohn bemächtigte sich ihre Herzens -- mit Abscheu stieß sie den Durchlauchtigen Bewerber von sich -- die blutige Locke des Gemordeten trug sie an Arm und Busen. -- Das erregte Aufsehn beunruhigte den Hof -- ein fürstliches Stift nahm die Unglückliche auf, und entzog sie den Augen der boshaft richtenden Welt.
Ein schmerzliches Ach! -- entwand sich Adelaidens nicht mehr athmender Brust -- als jener mit Blut geweihte Bund über ihrem Sarge geschlossen wurde! -- Nur zu bedeutend war dieses ominöse Zeichen!