Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman
Part 11
Adelaide schlich hinzu, pathetisch nahm sie das Wort: Und sie hielten einen Rath -- ob es der dem Arzt Ueberantworteten anstehe, dem Herrn des Hauses zu einer Ehrenmenuet aufzufordern, und ob es ihm gezieme, ihr diese Lust zu versagen? --
Nun da ziehe einer einen vernünftigen Schluß! rief erfreut der Aufgefoderte -- da sollte man denken, wer tanzen will, hofft und begehrt auch noch recht lange auf diesem Erdenrund zu tanzen, und das Leben zu genießen. Kommen Sie, kommen Sie, liebes theures Kind! -- Aufgepasst, Neffe! -- Die Geiger und Pfeiffer sollen beginnen. Seine Braut will mit mir, und nicht mit ihm den Ball eröffnen. --
Zynthio und der Doktor blieben noch zurück. Letzterer unterbrach das minutenlange Stillschweigen; Ich glaube Sie hin und wieder verstanden zu haben, und fürchte -- man würde einen sehr trüglichen Schluß ziehen, wenn man diese angebliche Lust zu tanzen nach unsern Wünschen auslegen wollte.
Ein bedeutender Händedruck war dessen stumme Antwort.
Ein pensionirter Oberster rief seinen Pythias Weidenbach um L’Hombretisch; und Zynthio verlor sich unter das lustige Gewühl im Tanzsaal -- nicht um mit den Fröhlichen fröhlich zu seyn, sondern um zu sehen, wie die Ehrenmenuet ablaufen werde, die ihm jetzt so etwas ähnliches von einem Todtentanz zu haben dünkte.
* * * * *
Mit jedem Sonnenuntergang neigte sich das Haupt der Lilie ermüdeter und näher der Nacht des Grabes entgegen; mit jedem Aufgang sproßten neue Blüthen zum jungfräulichen Kranz, welcher bald die kalte Stirn der mit dem Tode vermählten Braut schmücken sollte. Mit Schillers Flüchtling konnte sie ausrufen:
Steig empor, o Morgenroth, und röthe Mit purpurnem Kusse Hain und Feld, Säusle nieder Abendroth und flöte Sanft in Schlummer die erstorbne Welt. Morgen -- ach! du röthest Eine Todtenflur, Ach! und du, o Abendroth! umflötest Meinen langen Schlummer nur.
Heiter und warm war einer der ersten Novembertage; seit jenem Feste bei dem Landrath von Elfen hatte es Adelaide noch nicht wieder wagen dürfen, sich der rauhen Herbstluft auszusetzen --
Heut will ich Vater Elfen und Schwester Karolinen überraschen! -- sagte sie, und bat das Anspannen zu bestellen.
Kind! ich begleite dich -- versicherte bedächtig die Generalin. Ich hätte keinen ruhigen Augenblick zu Hause.
O, dann werden mir zwei Wünsche für einen gewährt! liebkoste ihr zärtlich die dankbare Tochter.
Ueberraschen werden wir sie freilich -- meinte die Mutter -- Theodor ritt schon diesen Morgen hinüber -- melden konnte er uns nicht, denn er wußte von nichts. Wir überfallen sie beim Mittagstisch -- denn jetzt müssen wir fahren; lange dürfen wir auch nicht ausbleiben: erstlich die Abendluft; dann kommt heute Graf Julius wieder. -- Zwei, drei Stündchen sind bald verstrichen! -- ermahnte die Besorgte noch, und trippelte, sich zu der Ausfarth anzuschicken.
Du leistest uns doch auch Gesellschaft, guter Zynthio? flötete ihm schmeichelnd die liebliche Freundin zu -- Sieh, wenn du fein vernünftig seyn, und es dir nur allein gesagt seyn lassen willst, so wisse -- daß ich wohl zum Letztenmal mit den Lebenden gemeinschaftliche Sache machen, und mit euch herumkutschiren werde! --
O Gott! -- Wie lange war ich mit dieser Neuigkeit vertraut! -- Ja, Adelaide! -- längst riß sich schon die Hoffnung aus meiner Seele! -- Sie haben mich ja Resignation gelehrt! --
Dank, feurigen Dank dir! edler, geliebter Bruder! -- Wüßtest du, wie glücklich mich deine Fassung macht! Nun kann ich erst mit Sicherheit eine Last -- ach eine sehr angenehme Last auf deine Schultern legen; dir ein Vertrauen gewähren, das du standhaft und doch mit theilnehmendem, fühlenden Herzen aufnehmen und seine Bedingungen erfüllen mußt! -- Bald, bald sprechen wir deutlicher hierüber. O Zynthio! behalte diesen Muth bei! du wirst dann ein großes Verdienst um die Heiterkeit meiner letzten Stunden haben -- Ich sage dir: dein Lohn wird in deiner Liebe zu mir liegen -- denn du wirst erfahren, daß der Tod mir ein beneidenswerthes Geschenk war!
Und ich soll dieser Wohlthat nicht theilhaftig zu werden wünschen? --
Nein, Zynthio, nein! Dein Leben sey dir heilig! -- Sey mir das, was ich einst meinem Vater war; mein letzter Wille hat große Forderungen an dich -- wem könnte ich sie anvertrauen, als dir! --
Das war ein großes Wort! von Adelaiden gesprochen, ein großes Wort! -- Wohl, ich will und werde dies Vertrauen rechtfertigen!
Gott Lob! wir sind einig. -- Man kommt, nichts mehr von meiner nahen freundlichen Aussicht! -- nicht alle sehen mit unsern Augen.
Georg kam zu melden, daß vorgefahren sey. Die Generalin folgte ihm reisefertig. Betty brachte ihrer Gräfin den Mantel, Schleier und Handschuh.
Maman! bat Adelaide -- lassen Sie uns die kleine Närrin mitnehmen! -- Sie trennt sich so ungern von mir, ihrer Lehrerin im Sticken, und von ihrem Musikmeister Signor Camillo. -- Sie erlauben doch?
Wie du fragen kannst! --
Betty hüpfte für Freuden. -- „Daß du mir aber auch den weißen Rosenstock pflegst! -- ich sage dir, zu meinem Geburtstag muß er blühen, und du mich mit seinen Erstlingen schmücken. -- Mein Kunstgärtner Camillo lasse diese Rosen sich gleichfalls empfohlen seyn! bat mit Engelsgüte die holde Dulderin, und wankte langsam an den Wagen.“
Sie sprach wahr; zum letzten Mal sah sie Wald, Wiesen und Thal. Das fallende Laub gab ihr ein freundliches Bild ihres nahem Dahinsinkens; das allmählige Entschlaffen der sich entkleidenden Natur einen süßen Vorgeschmack ihres Schlummers im Grabe. -- Sie fuhren durch eine Lindenallee; die Sonne stand im Mittag, ihre senkrechten Strahlen brachen sich auf den gelblichrothen Lindenblättern, und warfen den matten Wiederschein auf Adelaidens blasses Gesicht. In seligem Entzücken wandte sie das seelenvolle Auge zu dem reinen Aether, über den sich bald ihr Geist zu schwingen hoffte. -- So dachte sich der sie anstaunende Zynthio den Engel der Auferstehung, welcher die Gräber der Gerechten öffnet, ohne sein Antlitz von der ihm geliebten Heimath zu wenden, wohin er -- sobald der Zweck seiner Sendung vollbracht, zurückzukehren sich sehnet. Selbst Betty wurde von diesem Anblick ergriffen; begeistert rief sie aus:
Erscheinet mir einst so mein Engel, Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn; So winke mir der Todesengel, und freudig werd’ ich mit ihm gehn.
Würdest du, liebe Kleine? sagte überrascht Camillo. Nimm dafür den Bruderkuß. -- Aber dieser Engel wird uns nicht winken, mit ihm zu gehn! --
Adelaidens Blick fiel unzufrieden auf den Unbesonnenen, denn sie sah, daß der Sinn dieser Worte den Jammer der Mutter aufregte. „Daß Betty doch so leicht schwärmt und Zynthio so gern ein solches Thema applaudirt! Ohne den Sicilianer würde die Phantasie der Brittin im ruhigern Gleise geblieben seyn!“ -- klagte die Holde.
Kind, laß sie! unterbrach die Generalin ihre Tochter. Wohl ihnen! ihre Phantasie erhält ihren Muth, wo mir das Herz brechen wird. -- Wie Gott will! Lange werde ich mein Unglück nicht beweinen!
Wo ist Karoline? fragte Adelaide, als sie zur Heimkehr aufbrechen wollten -- daß ich ihr gute Nacht wünsche.
Sie schnürt ihr Bündel -- antwortete der Landrath -- und geht mit nach Wallersee.
Die Freude dank ich dir, Theodor!
Ach mir macht die Ursach wenig Freude; versicherte dieser.
Ja wahrlich -- nahm der Erste wieder das Wort -- wer könnte sich jetzt freuen: -- Gutes, liebes Kind! -- werden Sie dieses Haus, wo wir alle Ihnen mit Liebe entgegen kamen, wohl wieder betreten? -- und wann? -- Karoline erwählt das beste Theil. Sie will sich lieber vors erste gar nicht mehr von Ihnen trennen. -- Aber das können wir Alten nicht; Nun, wir haben einen guten Bothschafter an unsrer Tochter; -- Nachricht von Ihrem Befinden soll und täglich zweimal werden.
Will man mich denn hier nicht wiedersehen? -- scherzte Adelaide, ihre Wehmuth ziemlich mühsam verbergend -- Es wird Ihnen nicht gelingen; ich dränge mich ein -- und verschließt man mir die Thüren, so erscheine ich als Geist.
Als Geist! -- wiederholte tief bewegt Vater Elfen -- als er die langsam dahinrollende Equipage endlich aus den Augen verlor, und eben so langsam in das Zimmer zurückschlich.
Das sollte uns der gütige Gott nicht erleben lassen! -- klagte weinend dessen Gattin.
Uns nicht erleben lassen? -- Ach, ich möchte nur den lieben Gott zu erwägen bitten: daß ein junges Blut, wie unser Julius, wohl schwerlich für die Zukunft an sein Güte glauben würde -- denn um dessen gesunden Verstand steht es dann so und so! --
* * * * *
Das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fußtritt eines Engels, der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil an des Menschen Haupt sendet, so beugt er vorher das Haupt, und der Pfeil hebt blos die Dornenkrone von seinen Wunden ab.
Jean Paul.
Karoline schrieb ihren Eltern: Nachdem Sie uns gestern verlassen hatten, vermehrte sich die Fieberhitze unsrer theuren Kranken. Ihre Gedanken verwirrten sich; die Brust arbeitete ängstlich -- jede Nerve zuckte; wir all vergingen vor Jammer! -- Doch tröstete uns Doktor Weidenbach mit der Versicherung, daß die Leidende selbst wenig empfinde, und ihr Nervensystem zu schwach sey, um bey diesem convulsivischen Bewegungen sich anders als leidend zu verhalten. Je weniger Widerstand die Natur leiste, je geringer wäre das Gefühl. -- Gegen Mitternacht wurde sie ruhiger. Ach! -- ein Nervenschlag hatte die Krisis entschieden. Abwechselnd mit Schlafen und Wachen hat sie diesen Morgen hingebracht; auch wir sollen uns durch einige Stunden Schlaf zu erholen suchen! dies war ihre dringendste Bitte, und wir müssen wenigstens scheinbar ihrem Willen nachkommen.
Ich verließ sie, um Ihnen, theure Eltern zu melden, wie es hier mit uns steht. Julius liegt in dumpfer Verzweiflung vor Adelaidens Bildniß in der Gallerie. -- So eben trägt man ihn außer sich in Theodors Zimmer auf ein Bett; Theodor bedarf selbst des Trostes und soll meinen unglücklichen Vetter zur Vernunft bringen! -- Eine Wohlthat war es, daß Sie Doktor Weidenbach zu uns brachten. Adelaide sagt: es ist mir lieb, meiner Mutter wegen! sie wir seiner bedürfen. -- Ja wohl, der Zustand der alten Gräfin kann bedenklich genug werden! meint selbst Weidenbach; er fürchtet für ihren Verstand. Sie hatte gehört, daß er zu Camillo gesagt: kaum könne Adelaide noch vier und zwanzig Stunden leben, und seitdem scheint sich ihre Vernunft verwirrt zu haben; bald weint, bald lacht sie; bald fragt sie: ob Adelaide aus der fürstlichen Gruft schon glücklich herausgekommen -- bald ob ihre Tochter schon als Braut geschmückt sey, und zur Trauung gehen werde? -- Man läßt sie nicht ins Krankenzimmer; auch hat sie heut dahin noch nicht verlangt. -- Sie wird mich schon rufen; sagte sie vor einer Stunde -- ich kenne meine Tochter: sie überrascht mich gern; ich muß ihr die Freude nicht verderben!
* * * * *
Zynthio! du darfst jetzt nicht schlafen, -- säuselte Adelaidens Stimme, dem leisen Ton der Aeolsharfe gleich -- O, ich weiß wohl, du könntest auch nicht! -- Laß mich erst zur Ruhe seyn, dann soll und wird sie dir auch wieder werden. -- Ewiges, allgütiges Wesen! wie dank ich dir, daß ich einen so leichten Kampf zu überwinden gehabt, -- daß du mich in der letzten Stunde noch mit solcher Kraft ausgerüstet! -- denn noch ist mein Tagewerk nicht vollendet. -- Zynthio, hast du die Papiere gelesen, welche ich dir diese Nacht übergab? -- Es geschah nicht mehr in der Fieberhitze, als ich sie dir empfahl.
Ich habe sie gelesen.
So ist dir meine und deine Schwester nicht mehr fremd, Seraphine! -- Jetzt klage ich nicht mehr, daß ich hienieden mich ihrer nicht freuen durfte; es war zärtliche Schonung in dem väterlichen Befehl: die mir anvertrauten Schriften früher nicht zu eröffnen, als in der vor einigen Wochen eingetretenen Epoche; entweder ich sollte verlobt, oder auf dem Wege zur Gruft seyn, beide Fälle berechtigten mich seit mehreren Monaten dazu -- und ich entdecke eine Schwester, in derselben Minute, da ich sie auch schon wieder aufgeben muß. -- Hätte ich leben sollen -- diesmal würde mich Entsagung geschmerzt haben. -- In der Disposition über das Vermögen meines Vaters habe ich mich auch in Betreff Seraphinens ganz nach seiner Vorschrift gerichtet. -- Dein Erbtheil, das ich einstweilen verwaltete -- --
Mein Erbtheil? -- Wenn ich die Beweise der Großmuth des Generals so nennen darf, wurden mir schon nach dessen Tode übergeben; ich hätte es nicht bedurft.
Widerstrebe mir nicht in Kleinigkeiten! doch erst noch von anderen Dingen; jenes ist ohnedies schon in Ordnung und unumstößlich. Der Landrath von Elfen wird der Vollstrecker meines Testaments seyn. Ihn habe ich in einer versiegelten Schrift, welche man in meinem Schreibpult finden wird, dazu ernannt. --
Ha, Vater Elfen! dies waren die Ehepakten? Armer Mann! auch deine Augen lernen noch Thränen kennen! Wohl dir! Ich werde nicht weinen können --
Denn du wirst handeln müssen. Denke meiner Forderungen an dich, und deines Versprechens!
Wohl, wohl!
-- Graf Bendheim hatte meines Vaters theuerstes und schmerzlichstes Geheimniß erschlichen. Nach Eröffnung der Papiere ward es mir deutlich, was seine Drohungen, seine Reise nach Italien sagen wollten. -- Der Erbprinz hat viel gethan, seine feindlichen Absichten gegen uns zu vereiteln. -- Du begreifst leicht, daß mein edler Vater die Ruhe meiner Mutter nicht vergiftet haben wollte -- auch wirst du in dem Aufsatz der nicht minder edlen Giuliana dich unterrichtet haben, daß es die einzige Bedingung ihres Friedens in der Ewigkeit sey, seine Gemahlin nie etwas von dieser Begebenheit -- auch nur ahnden zu lassen. O wie freue ich mich des Augenblicks, wo ich dem reinen Engel für diese zarte Tugend mit dem Troste lohnen kann: ihr Friede sey und werde nicht gestört.
Mutter! Adelaide läßt mich bei Euch wohnen! rief Zynthio, und sank auf seine Knie.
Und Seraphine? fiel Adelaide ein. -- Erfülle erst die Pflichten des Bruders, werde erst Gatte und Vater!
Zynthio schauderte. -- Das Letztere nimmermehr! -- Verhältnisse dieser Art haben keinen Reiz für mich.
Werde Gatte und Vater! Verfehle nicht die Bestimmung des nützlichen-redlichen Weltbürgers! Laß tragische Schwärmerei dich nicht zum seelenkranken Weichling machen. -- Mein Andenken wird dir werth, ja ich hoffe, unvergeßlich seyn. Denke meiner wie einer geliebten Schwester, und sprich oft von mir mit unsrer Seraphine! -- ich werde Euch nicht seltner im Hauch reiner geistiger Liebe begrüßen -- einst sehen wir uns alle wieder.
Adelaide! -- O Gott! Gott! -- gieb mir Fassung! --
Höre mich aus. Möchte meine Stimme nicht früher sinken, als meine Seele sich ausgesprochen hat! -- manches habe ich dir noch zu sagen. -- Bist du gefaßt? --
Rede! rede! -- ich höre den Worten eines Engels!
Doch wardst du vor einiger Zeit an mir irre! --
Dann verzeihe mir Gott diese Lästerung!
Ich verlobte mich einem Manne -- die Braut des Grabes schien ihren Weg verfehlen zu wollen! -- Graf Hochburg möge mir verzeihen, an ihm ward ich zur Verrätherin! -- der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. Nie das Weib eines Mannes zu werden, gelobte ich meinem Herzen! -- Liebe konnte ich keinem mehr geben! --
O Adelaide, an der Pforte der Ewigkeit darf Wahrheit sprechen. -- Sie liebten, liebten den edelsten der Menschen --
Ich liebte, liebte den edelsten der Menschen! -- Aber er ist Fürst. Ich habe gekämpft und den Sieg errungen.
Und die Siegerin verblutet an ihren Wunden! ihren Sarg zu schmücken, sammelte sie die Trophäen. --
Dort, dort blühen sie schöner und wehen mir sanfte Kühlung entgegen! -- Die Beharrlichkeit des Prinzen, rechtfertigte die Täuschung. -- Sobald er mich verlobt wußte, ergab er sich dem Willen seines Vaters -- so schwor er. -- Der Hof, mit dem er in Verbindung treten sollte, fand sich durch den Aufzug beleidigt! -- Der Fürst verzweifelte, Verdruß, Gram, brachten sein Leben in tödliche Gefahr! -- Schon schwebte der Fluch über den ungehorsamen Sohn auf seinen Lippen! -- Das Uebrige weißt du -- die gute Absicht entschuldige die Mittel! -- Wem gehören diese Klagetöne? --
Es war Betty, welche verzweifelnd in das Nebenkabinet trat. Sie hatte so eben aus dem Munde des Doktors erfahren, daß Adelaide wahrscheinlich in wenigen Stunden nicht mehr seyn werde. Ihr folgte Georg, dessen Schmerz sich durch keinen Seufzer, keine Thräne Luft zu schaffen vermochte.
Sie sollen zu mir kommen, die Treuen! lispelte die schwächer Werdende. -- Tritt näher, Betty! Deine Hand! dich übergebe ich diesem Freunde! -- Sie legte die zitternde Rechte der Trostlosen in Zynthios noch stärker bebende Hände. -- Folge ihn, wohin er dich führt; macht er dich nicht glücklich, so vergebe ihm Gott, daß er mich so zu täuschen vermogte!
Was soll ich thun? Ich gelobe und werde halten!
Werde Gatte und Vater! Dieß mein Vermächtniß. Daß ich deiner Neigung für die ruhigere Zukunft nicht wehgethan habe, lehrte mich längst dein Wohlwollen für meine Mündel. -- Georg näher! Warum so finster? Gönne mir doch den freundlichen Uebergang in ein besseres Leben! Wie oft trugst du mich auf deinen Armen, wenn du glaubtest, Dornen könnten meinen Fuß verletzen, oder wenn du mich schwankend und leidend auf einem kurzen Wege dem Hinsinken nahe glaubtest!
Georg schwankte jetzt selbst, und war dem Sinken nahe.
Betty, reiche ihm einen Stuhl. Setze dich, Georg! Hierher! Näher. Ich kann so laut nicht mehr sprechen, und möchte doch gern von dir verstanden werden. -- Kinder! soll Euch die Sterbende mit Muth unterstützen? Weil Ihr mich liebt, müßt Ihr standhaft seyn! -- Georg, du warst nicht bestimmt, mir den Teller zu reichen, oder als Diener auf dem Wagen zu stehen. Deine Anhänglichkeit wollte es aber nicht anders; ich hab es gelitten, um dir nicht weh zu thun. Doch nun tritt der Fall anders ein: du mußt unabhängig seyn und leben können. Deine Uneigennützigkeit hat freilich schlecht für diesen Fall gesorgt; ich habe dies bemerkt, und es an deiner Statt gethan. -- Du erinnertest dich öfters mit so warmem Gefühl der Schweiz und deines ersten Pflegevaters -- er lebt noch -- Wie würde er sich freuen, dich als den Eigenthümer eines artigen Gutes in seinem Canton zu wissen. Für das Kapital zu dem Ankauf ist gesorgt. Uebrigens begleitest du -- sobald ihr mich zur Ruhe gebracht, deinen Freund Camillo -- Ihn ruft eine wichtige Angelegenheit nach Italien -- und Trennung von ihm -- würde dir -- doch schwer fallen -- Ha! Gott sey Dank! -- ich habe vollendet! -- Finster wird’s -- vor meinen Augen! -- Wehe! -- wohl! -- Wo seyd Ihr? -- die Kraft -- verläßt -- mich -- ah! --
Mit einem Schrei sank Betty zu Boden. Zynthio rief halb sinnenlos: Adelaide! -- Vergebens! sie hörte nichts mehr! -- Georg hob sie mit convulsivischer Heftigkeit von dem Ruhebette auf, als wollte er sie dem Tode entreißen; umsonst! ohne ein Zeichen des Lebens sank sie wieder zurück -- Adelaide war nicht mehr! --
* * * * *
Schon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne; -- „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz, kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals die Verblichene geflehet. -- Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen besetzten Drapperie. Auf weißen marmornen, mit Zypressen umwundnen Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni, welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte -- und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen, um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens; weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen, bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! -- Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher heut am achtzehnten November seine aufgeblühten Erstlinge zum Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie -- zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten, bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug!
Wann soll sie beigesetzt werden? -- fragte der Doktor.
Diese Nacht um zwölf Uhr, sagte Karoline.
In Gottes Namen dann -- heut ist der dritte Tag. Fräulein; lassen Sie ihr die Zugpflaster von den Füßen nehmen. -- Man will den Sarg auf die Bühne haben.
Was wollt ihr? frage Julius wild, als die Bedienten den Sarg anfaßten, zu dessem Haupt er auf einem Tabouret kniete, und das Gesicht in die weiß atlaßnen Kissen gedrückt hatte. -- Ha! bahret nur auf, rief er, als er vernommen, was man zu thun Befehl erhalten -- aber, mich laßt nicht zurück! Wo sie schläft, will ich auch bald schlafen! -- Und wie ein Schlaftrunkner folgte er dem Sarge; auf den Stuffen der Schaffottage sank er wieder in seine vorige Stellung.
Das karge Licht des Novembertages war meist verloschen; trübe stürmische Dämmerung umflorte immer undurchdringlicher den Tempel der Trauer. -- Die Klagenden seufzten leiser um Adelaiden, denn ein neuer Anblick des Jammers forderte ihre Theilnahme und ihre Fassungskraft; die unglückliche Mutter beschäftigte Arzt und Freunde. -- Völliger Wahnsinn war eingetreten; eine fixirte Idee, Alexis und Adelaide warteten ihrer in der Kapelle, hatte sich der kranken Einbildung bemächtigt, gegen alle sie zurückhaltende Gewalt ihrer Wächter wollte sie aus dem Fenster springen, um auf dem kürzesten Wege dahin zu gelangen. -- Man schien der verblichenen Tochter, über die ihr folgen wollende Mutter zu vergessen.
Nur Julius, Zynthio und Georg weilten jetzt bei dem geliebten Leichnam; Betty war entkräftet auf der Stuffe am Fuße des Sarges eingeschlummert. Noch hielt sie mit der Hand, auf welche der Amors-Kopf sich stützte, das weiße naß geweinte Tuch vor die geschloßnen Augen. -- Zynthio, in die Arbeit vertieft, zum letzten Male die Züge der ihm nun bald auf immer entrissenen Schwester aufzufassen, und dem Elfenbein anzuvertrauen, wußte kaum, daß noch etwas außerdem sich in der Welt ereignen könnte. -- Georg lehnte eben so sprachlos an eine der Marmorsäulen, den starren Blick auf Adelaidens himmlisches von oben herab sanft beleuchtetes Gesicht gerichtet.
Da schreckten Ausrufungen von fremden Stimmen die Träumenden aus ihrem Sinnenschlummer.
Allmächtiger Gott! meine Adelaide! rief eine schlanke weiße Gestalt, der Schleier flog zurück, und Prinzessin Mathilde warf sich laut weinend über die entschlafene Jugendfreundin.
So konnte das Verhängniß meiner spotten? -- Ha, im Sarge! -- Allweise Vorsehung, die Weissagungen einer schwachen Seele mußtest du wahr machen, um dich zu verherrlichen! -- sagte bitter Mathildens Begleiter, der Erbprinz.
So kalt nimmst du den Kuß der treuen Schwester hin? -- klagte Mathilde -- o du Stolze! -- mit dem Tode buhltest du, unserer vergessend; -- nicht achtend, daß ohne dich die Welt uns eine Einöde ist! -- Zynthio, Zynthio! warum ließest du sie sterben? --
Sterben? -- Konnte sie etwas bessers thun? -- unterbrach sie in grollender Verzweiflung der Prinz. -- Heirathen oder sterben, das sind so die gewöhnlichen Kunstgriffe -- den Verschmähten am sichersten das Herz zu zerreißen! --