Adelaide: Wahrscheinlich nur ein Roman

Part 10

Chapter 103,505 wordsPublic domain

„Mein Weg führte mich an der Kirche vorbei; ich hörte und sah Maurer, Zimmerleute, Tapezierer in voller Arbeit, wahrscheinlich die Kirche zu einem besondern Fest zu schmücken; und dennoch -- seht, Kinderchen! wie diskret ich bin! -- ich spionirte nicht, wie oder wozu? -- ich wollte Euch den Spaß nicht verderben. Aber da fallen mir durch die offne Thür des Zofen-Gemachs die violet-sammtnenen Decken mit den Wallerseeschen Wappen in die Augen, an die eine Stickerin die Grafenkrone in der Arbeit hatte, und da fiel mir natürlicherweise das Hochburgische, welches doch nun auch hinzugefügt werden muß, aufs Herz, wie ein Sache, an der ich längst ein Aergerniß genommen habe. Element, Neffe! Er ist ja sonst ein gewaltiger Heraldiker; es gefällt mir nicht mit seinen Neuerungen und frühern Auswüchsen. Seit zwei, dreihundert Jahren haben seine Vorfahren, Kaiser und Reichslehne so viel daran geschnürkelt, daß aus dem Kreuzzügler zu Roß auf einer hohen Felsenspitze, der sechste Tag der Schöpfung geworden ist, an dem Gott die vernünftigen und unvernünftigen Thiere ins Leben rief. Löwen, Pferde, Greifen und Raben haben den Felsen niedergestampft und gehackt, und ihn zierlich genug in sechs Felder eingetheilt, damit jedes von ihnen seinen eigenen Stall habe. In den beiden untersten steht endlich ein demüthiger Ritter, dessen Schwerdt in der Scheide ruhet, und blickt andächtig auf eine im nächsten Felde befindliche Mauer im Saracener Lande, wo ein Hochburg die christliche Fahne aufgesteckt, und dann unter vielen Wunden gefallen ist. -- Ich bitte dich, Julius, erwähle wieder das erste Sinnbild des Muths und Vertrauens auf Gott und die gerechte Sache, wie es noch auf der Ruine einer alten verfallenen Burg der Hochburgs in Franken zu sehen ist! -- Sie müssen wissen, liebe Komteß! Kurt von Elsek, der Stammvater dieses Herrn hier, zog mit Kaiser Friedrich nach Palästina, und war einer der Wenigen, die nicht ertranken. Er hielt sich tapfer, kam nach Franken zurück, fand seine Güter bereits in andern christlichen Händen, und gerieth mit seinen voreiligen Erben in Streit, der freilich nach damaligem Rechtsbrauch, nur durch Faust, Stärke und Muth entschieden werden konnte. Er erschlug seinen Anticipator im ehrlichen Zweikampf; indeß wurde der heilige Vater sehr unwirsch, denn einer der päpstlichen Legaten hatte den pfäffischen Söldner zum Erben konstituirt, wofür dieser einen Theil der Elsekschen Güter dem benachbarten Kloster zugeschlagen hatte. Der ehrliche Kreuzzügler wurde verfolgt und in den Bann gethan. Der neue Kaiser wollte es nicht gern mit Sr. Heiligkeit um eines gemeinen Ritters willen verderben, den er hingegen seiner bekannten Tapferkeit wegen seinem Heere erhalten und schützen wollte; auch wußte er wohl, daß aus den Händen der Geistlichkeit, die sich nun aller seiner Besitzungen bemächtigt hatte, schwer wieder etwas zurück zu erlangen war. Demnach fiel der Beschluß dahin aus: daß Kurt von Elsek die Spitze eines steilen hohen unwegsamen Felsen des Fichtelgebirgs im Fränkischen Hochland zu Gaule hinaufsprengen, und eine einzelne Fichte, die oben stand, als Wahrzeichen, daß er das Abentheuer bestanden, abhauen und mit herunter bringen sollte, welches dann, als Gottes Urtheil, daß seine Fehde gerecht war, anzusehen, und der Bann wieder von ihm zu nehmen sey; auch ferner er durch des Kaisers Gnade mit anderweitigen Burgen und Lehen“ -- --

Theodor trat ein und unterbrach den Erzähler der Hochburgischen Geschlechts-Vorzeit mit der Frage: Ob Adelaide noch entschlossen sey, dem Leichnam diesen Abend selbst entgegen zu fahren, und wie sie den Zug geordnet wissen wolle?

Welcher Leichnam? fragte der Landrath.

Für den die Kirche, oder vielmehr die Todtenkapelle, dekoriert wird; antwortete mit heiterer Ruhe Adelaide. Die Ueberreste unsers guten Vaters, welche in der Georgkirche in der Residenz beigesetzt wurden, sollen nun hier in der Wallerseeschen Gruft ruhen, wo sich dann nach und nach seine Familie zu ihm gesellen wird.

Ei, ei! das war ein arger Mißverstand meiner Hoffnung! statt nahe geglaubter Hochzeit ein Leichencondukt! -- Ich dachte wahrhaftig, die gütige Adelaide hätte uns Vätern und auch dem schmachtenden Bräutigam die Freude machen und den Termin abkürzen wollen.

Ich darf, ich vermag es nicht -- klagte diese mit bittender Stimme um Entschuldigung.

Am Ende erlebe ich es nicht einmal --

Wenn Karoline und Theodor nicht ihren Eigensinn behaupten wollten, künftige Woche schon übernähmen Sie die Offices des Brautvaters am Ehrentage der geliebten Tochter. Die Anstalten sind bald getroffen.

Nein, das ist nichts. Da haben die Menschen recht. Beide Vermählungen auf einen Tag, und sollten Theodor und Karoline bis zum nächsten Schaltjahre warten, wiewohl wir erst vor sieben Monathen den 29sten Februar geschrieben haben.

Julius und Theodor stießen ein gemeinschaftliches: das wäre zu arg! ein heilloser Termin! in auffahrender Bewegung aus.

Es bleibe beim zweiten Januar ~Anni futuri~. Ein lieber Tag von guter Vorbedeutung, als Geburtstag der Gräfin Mutter, und der zwanzigjährigen Feier meiner glücklichen zufriednen Ehe! versicherte besänftigt der Landrath. -- Wir Alten werden ja wohl nicht ungeduldiger seyn, als die jungen Verliebten.

* * * * *

Schüchtern nahte sich der kleine Harry, leise flüsterte er: In der Antichamber erwartet man Ew. Durchlaucht Befehl.

In ein dumpfes Hinbrüten versunken stand der Erbprinz am Fenster und starrte in den blauen Aether, ohne zu wissen was er sah, und warum er ihn begaffte, ohne zu hören was sein Liebling, Bettys Bruder mit ungewöhnlicher Furchtsamkeit meldete. Vernehmlich begann dieser: Der Oberjägermeister wünscht vorgelassen zu werden!

Wer? -- fuhr der Gedankenlose auf.

Graf Bendheim, Excellenz --

Ha, des Teufels Allervortrefflichster! -- er und seine ganze Raçe.

Die Jagd versammelt sich.

Das ist so sein Element. Familienglück, Ruhe der Herzen wie ein Volk Rebhühner aufzuscheuchen. Die Forderungen besserer Menschen, welche die Seligkeit einer Generation mit in sich faßten, in den Schlund der Vernichtung zu hetzen.

Durchlaucht dürfen ja nur die Jagd absagen.

Darf ich das? -- O mein guter Hall! da hilft kein Absagen mehr; auf was dieser Jagdlustige seine Hunde dressirt hat, das muß fallen und bluten. -- Ist meine Schwester noch von der Parthie? --

Der Stallmeister hat Befehl erhalten, den Goldfuchs für Ihro Durchlaucht satteln zu lassen.

Oeffne die Thüren.

Harry gab das Signal -- Die Flügel sprangen auf, das versammelte Jagd-Departement schritt in tiefer Unterthänigkeit in das Audienzzimmer, und bildete einen halben Zirkel am Eingang desselben. Der Oberjägermeister näherte sich dem Prinzen. „Durchlaucht, der Fürst haben diese Nacht erträglich geruhet“, meldete er in Devotion.

Davon habe ich mich schon unmittelbar bei meinem Vater selbst unterrichtet -- war die Antwort.

Die Aerzte geben Hoffnung --

Fromme und böse Wünsche stimmen darüber überein, daß sie nicht vereitelt werden mögte!

Wie? den Bösen könnte es -- meine ich unmaaßgeblich -- wohl schwerlich Ernst seyn! --

Doch, doch! Herr Oberjägermeister! -- der Fromme wünscht um des Guten selbst willen, daß ein edler Fürst der Menschheit noch erhalten werde -- -- doch zur Tagesordnung. --

Zu lieblich tönt die Suada der Weisheit von den Lippen eines solchen Thronfolgers! -- Und der Gegensatz, mein gnädigster Prinz? -- Die Bösen? -- geruhen Sie erst huldreichst! Die Bösen? -- --

Haben sich heuchelnd um den Stamm, der über ihren Schurkensinn erhabenen, und deswegen ihn nicht ahndenden Eiche zu schmiegen verstanden -- Gewohnheit lehrte sie die armen Schächer ertragen, Großmuth, kleine Dienste für Opfer zu halten; Eigenliebe, von der der größte Mensch nicht gänzlich frei ist, seine Schmeichelei unter dem Anstrich treuherziger Gutmüthigkeit für -- den guten Fürsten gewidmete Ergebenheit des Biedermanns zu nehmen, und -- fürstlich zu belohnen! -- Was giebt’s?

Der Halbzirkel theilte sich in zwei Reihen; im lieblichen Schimmer wie Diana, wenn sie als Anführerin der Musen und Grazien nach Delphi zu dem Sitz ihres Bruders eilte, und den goldnen Bogen nur als Attribut ihrer Herrschaft über die Thiere des Waldes spielend mit sich führt, schwebte jetzt Prinzessin Mathilde herein. Einfach, aber reizend geschmückt, drohte die schöne Jägerin nicht sowohl dem vierfüßigen Wilde, als den Herzen ihres Gefolges mit einer starken Niederlage. -- Morgenroth glühte auf ihren Wangen, außerordentliche Lebhaftigkeit erhöheten den Glanz der dunkelblauen Augen, und -- indem sie die blonden Locken mit schneller Bewegung der Despotie des plümirten Kastors entledigte, rollten diese auf den Brabanter Geweben, durch welche der Schwanenbusen sein stürmisches Wogen verrieth, und auf dem dunkelgrünen Reitkleide sich zu Fesseln für jeden kühnen Spötter der Liebe; denn er sah Mathilden jetzt in ihrer verführerischen Liebenswürdigkeit und -- spottete nicht mehr.

Mit der Würde eines sechzehnjährigen Martissohnes, schwang sie den Hut, daß die blendende Esprit einen Luftzug verursachte. Guten Morgen, meine Herren und wackern Jagdgesellen! sagte sie launig, und schlüpfte durch die bis zur Erde gebückten, und lüstern in die Höhe nach ihr blinzelnden Reihen der Höflinge. -- Guten Morgen, mein Louis! lispelte sie an der Brust ihrer Bruders.

So früh entzogst du dich wirklich schon den Armen des Schlafes, und den geschäftigen Händen der Zofen? -- bewillkommte liebkosend der Prinz die holde Schwester, und tändelte mit der neidischen Locke, die den Schnee der sanftgewölbten Stirn umschattete.

„Ich habe wenig oder gar nicht geschlafen!“

Was hielt dich wach?

„Staatsgeschäfte meines Boudoirs, Korrespondenzen. Du weißt, mein bester Sekretair bin ich selbst.“

Depeschen der Großherzogin?

„Herzensergießungen nach Wallersee.“

Dann mißbrauchst du dein Herz.

„Nein, Louis! nein. -- Mit deiner Erlaubniß, ~mon frère~! -- Meine Herren, wir folgen Ihnen sogleich.“

Die überflüßigen Zuhörer entfernten sich.

„Ich bitte dich, sey nicht ungerecht!“ flehte Mathilde.

Hat Kamillo der Gebrechlichkeit des Weibersinns abermals einen Nimbus zu geben gewußt? Denn die gepriesene Heldin Adelaide wäre doch wohl zu stolz, sich rechtfertigen zu wollen?

Sie ist zu groß -- --

Ah, da höre ich ihren Vergötterer Zynthio!

Ich sage, sie ist zu groß, ihr Resignation in Anschlag zu bringen! -- Vermagst du zu bestimmen, wie hoch ihr das Opfer anzurechnen sey?

Der Prinz lachte bitter.

Wahrlich, was Adelaide that, erkennt sogar der Fürst als etwas großes! --

Nun so staune denn noch die Nachwelt die Seelengröße eines Weibes an, das sich geneigt fand, in den Armen eines jungen hübschen Mannes, der ihr Liebe einflößte und ihre Menschheit in Wallung bringt -- eines Herzens zu spotten, das sich für sie verblutet, Thron und Leben mit ihr getheilt hätte, eine Venus Urania mit Minervens Weisheit begabt, in ihr anbetete. -- O, ich Thor! der bei der Berührung ihrer Fingerspitzen sich zu einem Gott erhoben fühlte! -- Doch, vergolten soll ihr werden -- ich will ihr einen Spiegel vorhalten, Worte ihr in’s Gewissen rufen, vor denen sie wie eine gemeine Sünderin erbleichen soll! -- Geduld, wir sprechen uns.

Um Gottes willen! was wolltest du?

Der Einladung gehorchen, die das Mädchen von Wort an mich ergehen ließ. Auf den achtzehnten November bin ich bestellt, sie in die Brautkammer zu begleiten. -- Den zweiten Januar soll die berühmte Vermählung seyn? -- Ich halte mich an die erste Verabredung. -- Im Sarge, sagte sie. -- Hahaha! -- Einer Leiche ähnlich will ich dich schminken, Schauspielerin! -- Jetzt fort zur Jagd. Der alte Hirschfänger Bendheim soll seine Freude an meiner Mordlust haben!

* * * * *

Im Hause des Landraths von Elfen wurden wieder einmal große Anstalten zu einem Banquet getroffen, desgleichen der sonst Ruhe und häusliche Bequemlichkeit liebende Hausherr sich nur selten zu Schulden kommen ließ. Für Tafelmusik war gesorgt, auch sollte ein lustiger Tanz die Gäste das Abschiednehmen vergessen, und -- nicht wie man zu sagen pflegt in den Tag -- sondern in die Nacht hineinleben und jubeln lassen. Adelaidens Nahme prangte im Blumengewinde über den Aufsatz der Tafel. Köche waren verschrieben worden -- wiewohl unter vierzig der auserlesensten Speisen, welche selbst den Gaumen eines Domherrn gekitzelt hätten, die beliebten Klöße mit gebacknem Obst nicht fehlen durften, denen Adelaide einst huldigte. -- Alles lebendige Wesen der Elfenschen Hausgenossen- und Dienerschaft drehte sich um die Achse des Strebens, das heutige Fest zu verherrlichen.

Anderthalb Stunden über Mittag waren verflossen, da erinnerte neckend Frau von Elfen ihren mit nochmaliger flüchtiger Revision der bereiteten Tafel beschäftigten Gatten -- daß heut vor einem Jahre er gewaltig über das Verweilen der Wallerseeschen Damen geeifert, und sie fast aus Ungeduld wieder in die Residenz zurückgewünscht habe. Nun, da eine von ihnen sein Schooßkind geworden, mache er es wie alle schwache Väter, er übersehe mit freundlicher Geduld ein Vergehen des Lieblings, welches er an den weniger geliebten Kindern mit Strenge rügen würde.

Länger halte ich es auch wirklich nicht aus -- sagte von Sorge ergriffen der Landrath. -- Ich reite ihnen entgegen, die schon anwesende Gesellschaft mag mich entschuldigen! -- es muß etwas vorgefallen seyn; sie versprachen mit Hand und Mund sich pünktlich um zwölf Uhr einzustellen. -- Sieh, was ist das? Julius sprengt in den Hof, als wenn ein Heer Kosacken hinter ihm drein jagte. Er ist todtenblaß -- Großer Gott! --

Er eilte dem Grafen entgegen. Um Gottes willen! -- schrie dieser. Onkel! schicken Sie nach dem Arzt, nach unserm geschickten Weidenbach; fort, fort -- Ihre Jagdkalesche -- was die Pferde laufen können!

Weidenbach ist hier, der befindet sich schon unter den angekommenen Gästen. --

O, Gott sey Dank! --

Aber warum? -- Wer? -- Wo sind die Andern? --

Ich sehe gleich wieder, wo sie bleiben. Adelaide -- starke Ohnmachten befielen sie, als wir schon über den halben Weg hierher zurückgelegt hatten. Langsam muß gefahren werden, jede schnelle Bewegung ist ihr empfindlich, und führt eine neue Ohnmacht herbei.

In demselben Augenblick fuhr eine unbesetzte Extrapost den Schloßhof vorbei. Halt, Schwager! -- rief der Landrath, du kannst einen Dukaten verdienen. --

Er ließ dem Doktor kaum so viel Zeit, sich seines Hutes nebst der Hausapotheke der Frau von Elfen zu bemächtigen, riß ihn in die Postchaise -- Julius war schon wieder vorausgesprengt -- und schrie dem Postillon zu: die Straße nach Wallersee, auf dem halben Wege finden wir sie. Fahr, was deine Mähren aushalten, sie sollen nachher ein Futter bekommen, daß sie auf zwei Tage genug haben; und du sollst leben wie auf der Hochzeit zu Kanaan. Nur tummle dich! --

In acht Minuten hatten sie den langsamen Zug erreicht.

Nicht wahr -- fragte mit matter nur mühsam gehobener Stimme Adelaide -- nicht wahr, Vater Elfen! Ihr Neffe hat Sie unnöthig erschreckt? -- O, das ist ein verzagter Ritter! -- ich glaube eine Aderlaß zöge ihm selbst eine Ohnmacht zu.

Nun, liebes Herzenskind! ich will gern den blinden Schrecken hinnehmen, wenn nur die Wahrheit nicht wie ein hinkender Bote nachkommt. -- Was meinen Sie, Doktor?

Mein Himmel! wir werden doch nicht hier ein Feldlazareth aufschlagen? -- Sie haben lange genug auf uns gewartet. Lassen Sie uns machen, daß wir an Ort und Stelle, und -- zur Tafel kommen.

So treibt sie es immer, sagte der Landrath, indem er sich wieder mit dem Aeskulap in den gebrechlichen Phaeton des Postmeisters setzte. Alles fürchtet, sie schwebe über dem Grabe, und lachend versichert sie, munterer als je, nehme sie es mit der Gesundheit selbst auf.

Karoline, welche seit einigen Wochen wieder in das väterliche Haus zurückgekehrt war, um sich zur künftigen Hausfrau unter der Anführung der wirthlichen verständigen Mutter vorzubereiten, und die reichliche Ausstattung selbst mit ordnen zu helfen -- bebte erschrocken zurück, als sie die Schwester ihres Geliebten umarmen wollte. „Adelaide! du bist kränker, als du scheinen willst; jetzt kenne ich dich; mich täuschest du nicht!“

Würde ich gekommen seyn, wenn der Zufall von Bedeutung wäre? fragte diese.

„Du wolltest meinen Eltern die Freude nicht verderben, und trautest deinen Kräften zu viel.“

Liebst du mich, so beunruhige die Andern nicht mit deinem Argwohn! -- Auf mein Wort, das dir doch sonst etwas galt, mir ist jetzt wieder sehr leicht und wohl.

Doch mußte Adelaide dem besorgten Alten sich fügen, und von des Doktors Hand einige Tropfen Herzstärkung nehmen, auch bei der Tafel in dessen Nähe und Aufsicht bleiben. Die Patientin scherzte über alle diese ängstlichen Aufpasser. Ha! Herr von Elfen! rief sie aus -- als jene berühmte pommersche Hausmannskost aufgesetzt wurde -- wo ist Ihr Glaube an Mutter Natur geblieben? -- Wer empfahl mir bei Gelegenheit dieses Lieblingsgerichts, der medizinischen Vorsorge zu spotten?

Das war heut ein Jahr. -- O der Tag ist Ihren Freunden zu merkwürdig, darum wollten wir ihn in Freude verleben!

So verschmähen Sie mein Scherflein nicht; ich bin physisch und geistig zu gleichem Genuß gestimmt. Entscheiden Sie, Herr Doktor! -- Ich behaupte: wessen Constitution noch an dieser Würze des Lebens Geschmack findet, bedarf keiner weitern Arznei.

Man widersprach der liebenswürdigen Sophistin nicht länger; ihre Munterkeit that der Gesellschaft wohl. Aber bange Besorgniß quälte doch einen Theil derselben, die Adelaiden zu innig liebten, um nicht mit Schrecken bemerkt zu haben, daß Doktor Waidenbach verschiedenemal bedenklich, doch, wie er meinte, unbeobachtet den Kopf geschüttelt hatte.

Eben wollte er, dem der kleine hochrothe Fleck auf Adelaidens Wangen, das unstäte oft wechselnde Schlagen der Halspulse -- endlich die variierende Stimme, und andere ihm auffallende Symptome nicht entgangen waren -- nach aufgehobner Tafel, den ihm vielleicht mehreres Licht gebenkönnenden Zynthio ins Verhör nehmen; da stand auch schon der Landrath, als der dritte dieses Conciliums zwischen ihnen, und faßte Beide an die Klappen ihrer Fraks, zum Zeichen: daß sie ihm jetzt Rede stehen müßten.

Was meint ihr, Doktor? -- Was haltet ihr von dem Zustand der jungen Gräfin? --

Ich vermag noch nicht zu beurtheilen, ob es eine vorübergehende Unpäßlichkeit ist, oder ob eine frühere Ursach der allerdings schwachen Gesundheit der Gräfin, die heutigen Zufälle zur Folge hat.

Freund Camillo! -- Sie sind ihr täglicher Gesellschafter; aufmerksamer als ihre eignen, beobachten Sie die Athemzüge des lieben Mädchens. Sie verstehen jede ihrer Gemüthsbewegungen -- Sagen Sie aufrichtig: was steht zu hoffen? woher die Verschlimmerung ihres Befindens? Den Sommer über schien sie sich völlig restituirt zu haben.

Sie schien es -- seufzte Zynthio.

Was sagen eure Consulenten?

Wir haben keine. Die Aerzte haben die Gräfin, und diese die Aerzte aufgegeben.

Das ist Eigensinn! Zwar rieth ich ihr selbst einst dazu -- aber wenn das Uebel nicht zu heben war --

Verzeihen Sie, fragte der Dokter -- welches Uebel? --

O, sagte Zynthio -- die Krankheitsgeschichte ist, wiewohl schon anderthalb Jahre alt, dennoch kurz und einfach. --

Er erzählte nun die Begebenheit jener furchtbaren Nacht, die Adelaide mit Mathilden in der fürstlichen Gruft, dann im kalten tiefen Wasser des Walles gefeyert hatte; welche Folgen dies für ihren zarten Körper gehabt, und daß endlich eine Geisteskraft, die man nur bewundern, aber nicht fassen könne -- eine Selbstverläugnung und Standhaftigkeit, die Verachtung physischer Uebel, so fern es sie nur allein beträfe, nach sich gezogen hätte. Sie würde -- so schloß er seinen Bericht -- ruhig wie Sokrates, den Giftbecher leeren, wenn sie Anderer Wohl dadurch gründete. -- Ohne Leidenschaft handelt sie groß und schnell, unter der Maske eines gewöhnlichen nichts tendirenden Mädchens; ohne prunkende Schwärmerey opfert sie sich selbst, ihre schönsten gerechtesten Ansprüche, und niemand ahndet, daß sie ein Opfer brachte! -- So beherrscht ihr edler Feuergeist -- indem er sich der Vollkommenheit eines Seraphs schon gleich geschwungen hat -- diesen schwachen -- durch die erwähnte Lebensgefahr ohnehin erschütterten Körper --

Und wird ihn aufreiben? wie? -- fragte stürmisch der Landrath.

Neue angenehme Verhältnisse können vielleicht das Ganze wieder in einiges Gleichgewicht setzen; meinte Weidenbach. -- Wenn es darauf ankommt, ihre physische Erhaltung zur Bedingung des Glückes eines ihr theuren Gegenstandes zu machen, sollte da Graf Hochburg nicht diesen Gleichmuth, diesen Stoizism’ mit Erfolg befehden können? Liebe leitete doch ihre Wahl --

Ich -- hoffe nichts mehr! -- preßte dumpf der Sicilianer aus der Brust hervor, welche der Zweifel mancherlei verschloß.

Der Doktor schien diese Zweifel zu ahnden, er glaubte, in jenen Worten liege mehr, als Zynthio gesagt haben wollte. -- Wenn die Gräfin denn nie von einer Leidenschaft überrascht wird -- warf er ihm ein, so bleibt freilich auch die Liebe der kältern Vernunft untergeordnet.

Wahr! in gewisser Hinsicht sehr wahr! erwiederte Zynthio -- nur nicht jener kalten fühllosen Vernunft. Adelaidens Herz klopft leise, aber glauben Sie mir, es verzehrt sich in seinem eignen Feuer.

Herr! sagte der Landrath, alle diese Phrasen verstehe ich nicht. Ein Herz, das seinen Gegenstand gewählt, mit Ehren und Vernunft gewählt hat, darf laut klopfen, und somit seinem Feuer Luft machen, daß es innerlich nicht um sich greift und die Lebenslust erstickt.

Der Arzt, welcher auch jetzt wieder weiter sah, als der ehrliche Elfen, und eben so wohl merkte, daß Aufklärung in dieser Minute hier nicht am rechten Orte sey, wandte ein: daß Camillos Aeußerung sich gar wohl mit des Landraths Meinung vereinigen ließe. Die zarteren Gefühle der Comtesse -- von jeher gewöhnt, sich der Kritik der strengen Vernunft, den Gesetzen excentrischer Tugend zu unterwerfen, haben folglich das Herz des seltnen Mädchens stillschweigend zum leidenden Theile gemacht; und je weicher das so genannte moralische Individuum sey, je nachgebender werde es gegen die anerkannte Consequenz der auf festen Grundsätzen beruhenden Richter seyn.

Doktor! -- so gelehrt oder so handgreiflich Ihr mir auch das alles anatomirt -- so sehe ich noch immer nicht ein, woran wir mit dem Mädchen sind. Behaltet Eure psychologische und philosophische Abhandlungen, und sagt mir: was steht noch zu hoffen? was ist eigentlich noch zu thun, daß sie uns nicht, ehe wir’s uns versehen, verlösche wie ein Licht?

Dazu gehört längere, ungestörtere Beobachtung ihres Temperaments und der noch vorhandenen Lebenskräfte. Sagen Sie mir, mein Herr! womit beschäftiget sich die Gräfin meistentheils? --

Sie schreibt, sie ordnet viel.

Mit Lebhaftigkeit und Zuziehung ihrer Freunde und Verwandten?

Einsam und verschlossen. Mehrentheils widmet sie jetzt die Stunden der Nacht ihrem Schreibpult.

Das soll sie bleiben lassen! lärmte der Landrath.

Sie will nicht gern Personen, die sie lieben, und ihre Gegenwart wünschen, vernachläßigen.

Was sie zu ordnen hat, eilt nicht -- polterte noch immer Vater Elfen -- Ich kann es mir so ungefähr denken.

Den 18ten kommenden Monaths wird sie nach dem ausdrücklichen Willen des verstorbenen Graf von Wallersee, für mündig erklärt, und bis zu diesem Tage -- behauptet die Rastlose -- alles in’s Reine gebracht haben zu müssen.

Eigensinn! wird sie dann auch majoren, so gelten ihre Verfügungen erst von dem Tage an.

Sie ist verlobt; und eine eigne Klausel des Testaments berechtigt sie als Verlobte, auch noch vor Beschluss des achtzehnten Jahres über ihr Vermögen zu schalten.

Also Ehepakten und Auseinandersetzungen des bis dato noch gemeinschaftlichen Vermögens unter den Geschwistern beschäftigen dermahlen die Gräfin? -- fragte der Doktor. -- Nun das wäre wenigstens keine Trauer verkündende Anordnung.

Ich weiß es nicht! -- erwiederte Zynthio mit Achselzucken.