Adams Tagebuch, und andere Erzählungen
Part 5
Als ich im dritten Stock des Hotels ankam, fand ich unsere Zimmer verlassen. Das überraschte mich nicht. Sobald ein Reisemarschall das Auge von seinen Schutzbefohlenen abwendet, so laufen sie in die Läden und machen Einkäufe. Je näher es der Abfahrtsstunde ist, desto sichrer sind sie weg. Ich setzte mich und versuchte zu überlegen, was ich nun zunächst tun solle, aber auf einmal kam der Hoteldiener herein und sagte, die Expedition sei vor einer halben Stunde nach dem Bahnhof gefahren. Es war meines Wissens das erstemal, daß sie etwas Vernünftiges taten, und diese neue Erfahrung war sehr geeignet, meine Gedanken in Verwirrung zu bringen. Dies ist eins von den Dingen, die den Beruf eines Reisemarschalls so schwierig und so ungewiß machen. Wenn gerade alles so recht schön im Geleise geht, pardauz, machen seine Leute einen Seitensprung, und aus ist es mit allen so sorgfältig ausgedachten Anordnungen.
Der Zug sollte mit dem Glockenschlag zwölf abfahren. Jetzt war es zehn Minuten bis zwölf. In zehn Minuten konnte ich auf dem Bahnhof sein. Ich sah also, daß ich nicht mehr viel Zeit zu verlieren hatte, denn unser Zug war der ›Blitzzug‹, und auf dem europäischen Festlande setzen die Blitzzüge einen gewissen Stolz darein, zuweilen zur festgesetzten Zeit abzufahren. Meine Angehörigen waren die einzigen Leute, die noch im Wartesaale saßen; alle anderen waren schon hinausgegangen und hatten ›den Zug bestiegen‹, wie man dortzulande sagt. Sie waren ganz erschöpft vor Aufregung und Aerger, aber ich tröstete und munterte sie auf, und wir stürmten hinaus.
Aber nein -- wir hatten wiederum Pech. Der Türsteher war nicht mit den Fahrkarten einverstanden. Er prüfte sie vorsichtig, bedächtig, mißtrauisch, sah mich eine Weile an und winkte hierauf einen anderen Beamten heran. Die beiden untersuchten die Fahrkarten und riefen einen dritten. Die drei riefen andere und diese Ratsversammlung hielt Reden und Reden und gestikulierte und redete immerzu, bis ich sie bat, sie möchten bedenken, wie flüchtig die Zeit ist, möchten daher schnell ein paar Beschlüsse fassen und uns gehen lassen. Hierauf sagten sie sehr höflich, es sei an den Fahrkarten etwas nicht in Ordnung; wo ich dieselben gekauft hätte?
»Aha!« dachte ich, »nun weiß ich, was da los ist!« Ich hatte ja die Fahrkarten in einem Zigarrenladen gekauft und natürlich haftete ihnen der Geruch des Tabaks an; ohne Zweifel beabsichtigten sie die Fahrkarten erst der Zollbehörde vorzulegen, um die Steuer für den Geruch zu erheben. Ich beschloß daher, recht frank und frei zu sprechen; das ist zuweilen das beste. Ich sagte also:
»Meine Herren, ich will Sie nicht länger hintergehen. Diese Eisenbahnfahrkarten ...«
»Ah, Pardon, Monsieur. Das hier sind keine Eisenbahnfahrkarten.«
»O,« sagte ich. »Sitzt da der Haken?«
»Ganz gewiß, mein Herr. Dies sind Lotterielose, jawohl; und zwar Lose von einer Lotterie, die vor zwei Jahren gezogen wurde.«
Ich heuchelte große Heiterkeit. Weiter kann man unter solchen Umständen nichts tun, und dabei nützt es noch nicht mal was. Keiner fällt darauf herein, und man sieht, wie jeder in der Runde einen bedauert und bemitleidet. Ich glaube, es gehört zu den peinlichsten Lebenslagen, wenn man sich ob der kläglichen Rolle, die man selber spielt, ärgern und schämen muß und dabei äußerlich den Verschmitzten und Lustigen zu spielen hat, während neben einem die eigene Expedition steht, die geliebten teuren Wesen, auf deren Liebe und Verehrung man nach dem Herkommen zivilisierter Völker Anspruch hat, und wenn man weiß, daß sie vor Scham vergehen möchten vor all diesen fremden Menschen, deren Mitgefühl ein Brandmal, ein Schandmal ist -- ein Brandmal, das einen kennzeichnet als einen -- o, ich kann’s nicht aussprechen, aber es ist etwas, woran menschliche Gemüter nur mit Schauder denken können.
Ich sagte lustig, es sei schon recht, nur so ein kleines Versehen, wie es wohl jedem mal passieren könne. Ich würde binnen zwei Minuten die richtigen Fahrkarten haben, und wir kämen immer noch zur rechten Zeit in den Zug und hätten außerdem was, worüber wir unterwegs lachen könnten. Ich bekam auch die Fahrkarten rechtzeitig, schön abgestempelt und vollzählig, aber dann stellte sich’s heraus, daß ich sie nicht nehmen konnte. Ich hatte mir nämlich mit dem Abholen der beiden fehlenden Mitglieder so viel Mühe gegeben, daß ich darüber die Bank völlig verschwitzt hatte. Ich hatte also kein Geld. So fuhr denn der Zug ab, und es war augenscheinlich nichts andres zu machen, als nach dem Hotel zurückzugehen. Das taten wir denn auch, aber es herrschte sozusagen eine melancholische Stimmung, und es wurde nicht viel gesprochen. Ich versuchte ein paarmal eine Unterhaltung in Gang zu bringen, über die schöne Gegend und über Seelenwanderung und dergleichen, aber ich schien damit keinen Anklang zu finden.
Unsere guten Zimmer hatten wir verloren, doch bekamen wir einige andere, die zwar ein bißchen weit auseinander lagen, aber immerhin leidlich waren. Ich dachte, das Wetter würde sich jetzt aufheitern, aber das Haupt der Expedition sagte: »Schicke die Koffer herauf!«
Es lief mir kalt über den Rücken. An dieser Koffergeschichte war irgend etwas zweifelhaft. Darauf hätte ich beinahe schwören mögen. Ich wollte einen Vorschlag machen.
Aber ein Wink mit der Hand genügte, um mich zum Schweigen zu bringen, und ich erhielt den Bescheid, wir würden jetzt für drei Tage unser Zelt in Genf aufschlagen und versuchen, ob die Ruhe uns wieder frische Kräfte gäbe.
Ich sagte, mir wär’s recht, sie möchten sich nicht die Mühe machen, erst zu klingeln; ich würde hinuntergehen und selber nach den Koffern sehen. Ich nahm eine Droschke und fuhr stracks zu Herrn Carl Natürlich und fragte, was für einen Auftrag ich dort hinterlassen hätte.
»Sieben Koffer ins Hotel zu schicken.«
»Und sollten Sie nicht welche wieder mitnehmen?«
»Nein.«
»Sie sind sicher, daß ich Ihnen nicht gesagt habe, Sie sollten sieben abholen, die Sie in der Vorhalle aufgestapelt finden würden?«
»Ganz gewiß haben Sie kein Wort davon gesagt.«
»Dann sind sie alle vierzehn nach Zürich oder nach Jericho oder sonst wohin gegangen, und es werden sich in der Umgebung des Hotels noch mehr Bruchstücke vorfinden, wenn die Expedition ...«
Ich sprach den Satz nicht zu Ende. In meinem Gehirn begann nämlich alles rund umzugehen, und wenn es so weit mit einem ist, so denkt man immer, man habe einen Satz zu Ende gesprochen, während man es in Wirklichkeit _nicht_ getan hat. Grübelnd und sinnend geht man weg und kommt erst wieder zum Bewußtsein, wenn ein Droschkengaul oder eine Kuh oder sonstwas einen umrennt.
Ich ließ die Droschke vor Natürlichs Geschäft -- ich vergaß sie nämlich -- und überlegte mir auf dem Rückweg noch einmal die ganzen Ereignisse und beschloß, meinen Rücktritt vom Amt zu erklären; es schien mir nämlich sonst ziemlich sicher zu sein, daß man mich absetzen würde. Indessen schien es mir nicht das Richtige zu sein, mein Entlassungsgesuch in eigener Person einzureichen; ich konnte das auch durch einen Boten besorgen. Ich ließ mir daher Herrn Lüdy kommen und setzte ihm auseinander, ein Reisemarschall sähe sich wegen Unerträglichkeit oder Ermüdung oder dergleichen in die Notwendigkeit versetzt, zurückzutreten, und da er, wie ich gehört, auf vier oder fünf Tage frei wäre, so möchte ich gern, wenn er den offenen Posten annehme -- falls er dächte, er könnte ihn ausfüllen. Als alles abgemacht war, veranlaßte ich ihn, nach oben zu gehen und der Expedition zu sagen, daß wir infolge eines Versehens von Herrn Natürlichs Leuten keine Koffer hier hätten, in Zürich aber einen ganzen Haufen vorfinden würden, und daß es besser wäre, wir nehmen den ersten besten Schnell-, Bummel- oder Güterzug und machten uns auf die Reise.
Er besorgte das und brachte mir von oben eine Einladung mit herunter, ich möchte mal hinaufkommen.
»Ja gewiß,« sagte ich.
Während wir dann nach der Bank gingen, um Geld zu holen und meine Zigarren nebst dem Tabak zu uns zu nehmen, und nach dem Zigarrenladen, um uns das Geld für die Lotterielose zurückgeben zu lassen und meinen Schirm zu holen, und nach Herrn Natürlichs Geschäft, um die Droschke zu bezahlen und wegzuschicken, und nach dem Kantonsgefängnis, um meine Gummischuhe in Empfang zu nehmen und für den Bürgermeister und die Herren vom Höchsten Gerichtshof Karten mit ~p. p. c.~ zu hinterlassen -- während dieser ganzen Zeit beschrieb er mir das Wetter, das in den höheren Regionen bei der Expedition herrschte, und ich sah, daß ich mich da, wo ich war, sehr wohl befand.
Bis vier Uhr nachmittags wanderte ich draußen vor der Stadt in den Wäldern umher; dann begab ich mich nach dem Bahnhof und kam mit meiner Expedition gerade zur rechten Zeit zum Züricher Drei-Uhr-Expreß. Die Expedition befand sich jetzt unter der Obhut des Herrn Lüdy, der ihre verwickelten Geschäfte anscheinend mit geringer Anstrengung und in aller Bequemlichkeit zu erledigen wußte.
So!! Ich hatte also wie ein Sklave gearbeitet, so lange ich im Amte war, und hatte mir die allergrößte Mühe gegeben. Und trotzdem sprachen sie alle nur von den Fehlern meiner Leitung, nicht von den guten Eigenschaften derselben; diese letzteren schienen in ihrem Gedächtnis gar nicht mehr zu existieren. Tausend gute Eigenschaften übersprangen sie einfach und redeten und redeten immer wieder von _einem_ Umstand, bis ich dachte, nun müßten sie doch endlich müde sein, davon zu sprechen. Und was war das für ein Umstand? -- nichts weiter, als daß ich mich in Genf selber zum Reisemarschall aufgeworfen und eine Betriebsamkeit entwickelt hätte, womit ich einen Zirkus nach Jerusalem hätte bringen können -- und daß ich damit nicht einmal meine kleine Schar aus der Stadt herausgebracht hätte. Schließlich sagte ich ihnen, ich wünschte von dem Gegenstand nichts mehr zu hören, ich bekäme Kopfschmerzen davon. Und ich sagte ihnen ins Gesicht, ich würde niemals wieder Reisemarschall sein, und wenn ich damit einem Menschen das Leben retten könnte. Und wenn ich lange genug am Leben bleibe, so will ich das beweisen. Meiner Meinung nach ist es ein heikliges, hirnermüdendes, nervenzerrüttendes, ganz und gar undankbares Amt, und der Hauptlohn, den man davon hat, ist: ein verärgertes Herz und ein wirbliger Kopf.
Von allerhand Schiffen.
Der moderne Dampfer.
Wir leiden an einem allgemein verbreiteten Aberglauben -- wir bilden uns nämlich ein, die Veränderungen, die täglich auf der Welt statthaben, selbst mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber lesen und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben. Ich hätte nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine Ueberraschung für mich sein könnte -- aber es ist so! Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum größer sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen hätte. Ich spaziere auf diesem großen Schiff, der ›Havel‹ herum, während es sich seinen Weg über den Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten, auf die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder in den kleinen Schiffen, auf denen ich vor vierzehn, siebzehn, achtzehn, zwanzig Jahren den Ozean durchquerte.
Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung behaglicher machen als in den besten Gasthöfen des europäischen Festlands. So z. B. hat das Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus in Amerika; in den europäischen Hotels dagegen gilt gewöhnlich _eine_ Badstube für ausreichend, und meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet sich in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses; außerdem muß man sich so lange vorher zum Baden anmelden, daß einem schließlich die Lust vergangen ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den Hotels gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche, die einem den Schlaf rauben; in meiner Kabine auf dem Schiff höre ich keinen Laut. In den Hotels wird gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt; auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht im Schlafzimmer brennen lassen.
Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor zwanzig Jahren fuhr, war in der Scheide zwischen zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht, die die beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal einen einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden diese Kerzen ausgelöscht und zugleich mit ihnen alle Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien; diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen könnten, wie sie beim Herauskrabbeln in der Finsternis das Genick brächen. Bei Tisch saßen die Fahrgäste auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter Rückenlehne. In jenen alten Zeiten war die Speisekarte immer die gleiche: ein Teller einfacher Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes, gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte Pflaumen -- Sonntags ›Mehlbeutel‹, Donnerstags ›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist das auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt und bietet täglich etwas anderes. In der alten Zeit glich das Mittagessen auf dem Schiff einer Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares Orchester es mit reizender Musik. Früher war das Verdeck immer naß; jetzt ist es da für gewöhnlich trocken, denn das Promenadendeck ist überdacht und nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen bewegter See konnte ein Landmensch früher sich kaum auf den Beinen halten; in unseren Tagen sind bei derartigem Seegang die Decks so eben wie ein Tisch. Früher war das Innere eines Schiffes höchst einfach und kahl; man schien sich die größte Mühe gegeben zu haben, etwas recht Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das moderne Schiff ist ein Wunderwerk von reichem und kostbarem Schmuck und von prachtvoller Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit versehen, die für Geld sich beschaffen läßt. Auf den alten Schiffen war der einzige Versammlungsort der Speisesaal, die neuen besitzen mehrere geräumige und schöne Unterhaltungssäle. Rauchgelegenheit gab es in den alten Schiffen für den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude, die zum Schutz der Hauptluke dienen sollte. Drinnen war es unbehaglich und schmutzig; Stühle gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel; es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die Bretterfugen brach alle Augenblicke das Wasser der Sturzseen herein und machte dieses Kellerloch gründlich naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten Sofas und Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung. Wenig europäische Hotels haben solche Rauchzimmer.
Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten in ihrem Raum zwei oder drei wasserdichte Abteilungen mit Türen, die häufig offen standen -- besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen auflief. Der moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut, und die wasserdichten Schotten haben keine Türöffnungen; sie teilen das Schiff in neun oder zehn wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist wie eine Katze. Daß diese Einrichtung völlig ihren Zweck erfüllt, wurde bei dem denkwürdigen Unfall dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of Paris‹ zustieß.
Was einem auf dem großen modernen Schiff vor allem andern sofort auffällt, ist das vollständige Fehlen von Wirrwarr, Geklapper, Füßegetrampel und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim Heranbringen des Schiffes an seinen Landungsplatz vollziehen sich geräuschlos; man sieht nichts von den Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und Tobens früherer Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt eine geräumige Kommandobrücke, die zu beiden Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt und deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk bedeckt ist; und auf dieser Brücke nebst ihren ebenfalls eingefaßten Fortsetzungen vorn und hinten könnte bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig Menschen sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen vorhanden, von denen jede für sich allein ausreicht, falls die beiden andern brechen sollten. Von der Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert. Dabei wird aber nicht gerufen, oder gepfiffen, sondern die Zeichen werden mittels eigenartiger selbsttätiger Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden und ist so weit ab, daß er sogar Trompetensignale nicht hören würde; aber die Gongs neben ihm sagen ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere hören nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne menschliche Hilfe selber seine Landung bewerkstelligte.
Diese große Kommandobrücke befindet sich dreißig oder vierzig Fuß über der Wasserlinie; aber die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder 15 Fuß höher angebracht. Mit der Gewalt des Wassers ist es eine eigentümliche Sache. Es schlüpft einem wie Luft zwischen den Fingern durch, gelegentlich aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt einen dünnen Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹ zersplitterte es eine Reeling, daß sie aussah wie ein Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen wie man doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar noch sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen, die glaubhaft bezeugt worden sind. Ein Marlpfriem ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes Werkzeug, das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine scharfe Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord eines Schiffes und raste in Brusthöhe nach hinten; sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar, die Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und Gewalt, daß das Eisen drei oder vier Zoll tief einem Matrosen in den Leib fuhr und ihn tötete.
Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund auf jemanden, der keine Vorstellungen von modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen gewaltigen Eindruck machen. An Leibesumfang kann so ein Dampfer es beinahe mit der Arche aufnehmen, und doch wird diese ungeheuerliche Stahlmasse in 24 Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers, in welchem ich einmal auf dem Stillen Ozean fuhr: 209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel ›Quaker City‹, und eines Tages, bei spiegelglatter See, sollte sie, wie behauptet wurde, von einem Mittag zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben, aber vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken. Der kleine Dampfer hatte 70 Passagiere und 40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen wir in einer Art Einsamkeit diese angenehmen Sommertage; manchmal sieht man 100 Passagiere über die weiten Räume verstreut, manchmal bemerkt man keinen einzigen; dabei sind sie irgendwo in des Schiffes Leib verborgen, denn einschließlich der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der ›Havel‹ vorhanden.
In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein die Woge hinauf und wälzten sich auf der andern Seite in das Wellental hinunter; unsre jetzigen Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern brechen sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten. Mit ihrer ungeheuren Wucht, Masse und Kraft meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein außergewöhnlicher Sturm herrscht.
Wie erfindungsreich sind doch die Menschen -- d. h. die Menschen der Gegenwart! Heute fand ich im Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit beweglichen hölzernen Schildern, und auf den Schildern einige mir unverständliche Inschriften:
Kielbehälter leer Doppelboden Nr. 1 voll Doppelboden Nr. 2 voll Doppelboden Nr. 3 voll Doppelboden Nr. 4 voll
Während ich darüber nachdachte, was das wohl für ein Spiel sein möchte, und wie ein Fremder sich einige Fertigkeit darin erwerben könnte, kam ein Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile heraus und drehte das Schildchen um, worauf er es wieder an seinen Platz steckte; jetzt lautete diese Inschrift ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch irgend eine andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin sie bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war bald erklärt. Sie diente dazu um anzuzeigen, wie der Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das Verblüffende dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand. Ich wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast Wasser eingenommen hatte. Ich hatte nur mal irgendwo gelesen, es sollten in dieser Richtung Versuche angestellt werden. Aber das kennzeichnet unsre Neuzeit: zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und ihrer Einführung wird keine Zeit vertrödelt, sobald man die Brauchbarkeit erprobt hat.
An der Wand, dicht neben der Schildertafel, war ein Aufriß des Schiffes, und diese Zeichnung enthüllte mir die Tatsache, daß das Schiff 22 ganz ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und einem falschen Boden eingesperrt. Sie sind von einander durch wasserdichte Querschotten und in der Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug des Schiffes über vier Fünftel der ganzen Länge nach hinten läuft. Dadurch wird eine 400 Fuß lange Kette von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes Trinkwasser im Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In den andern befindet sich Salzwasser -- 618 Tonnen. Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser.
Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben ist. Wenn das Schiff den Hafen verläßt, sind die Seen alle voll. Wenn durch den Kohlenverbrauch unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert, kommt dieses aus dem Gleichgewicht -- der Bug hebt sich empor, der Stern sinkt tiefer ein. Man läßt einfach einen von den am Stern angebrachten Wasserseen in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht ist wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so oft die Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels Röhren und Dampfpumpwerk der Inhalt eines Sees von dem einen Ende des Schiffes nach dem anderen überführt werden. Die Aenderung, die heute der Matrose an der Schildertafel vornahm, bezog sich auf eine derartige Ueberführung. Der Seegang war stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr Gewicht geben, damit der Dampfer nicht die Wogen hinaufkletterte anstatt sie zu durchbrechen; deshalb waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem Bug gepumpt worden.
Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder ganz leer; die Wassermasse muß ein festes Ganzes bilden, so daß sie nicht hin- und herschlagen kann. Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen Zweck erfüllen.
Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen Einrichtungen; aber die Einführung des Wasserballastes schießt meiner Meinung nach den Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so würde ich darauf stolzer sein als auf irgend was andres. Vielleicht ist bis auf unsre Tage ein Schiff niemals in vollkommenem und stets leicht zu regelndem Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer nicht, seine Schnelligkeit wird beeinträchtigt, es kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen. Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich plagen müssen, und erst in diesen allerletzten Tagen hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs Jahrtausende lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen Ballast, aber das Schiff konnte seinem Herrn nichts davon sagen, und dieser hatte nicht so viel Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen. Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt wird, daß im Schiff beinahe ebensoviel Wasser ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr vorhanden ist.
Die Arche Noäh.