Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle
Part 9
Denn der ambulante Pastor stärkte sie durch den Trost: Ohne Probe, ohne Bewährung keine geistliche noch weltliche Medizin! Jetzt ist eben die Zeit des Glaubens! Auch Armida und Brigitte hielten sich jetzt fast geheimnißvoll zusammen. Sie sah mich zuweilen verstohlen an; sie ward immer stiller, ja dienstbarer, aber dagegen nur strenger, ich möchte sagen enthaltsamer gegen mich. Alles war ja so natürlich; alles war so natürlich zugegangen, treu und tüchtig, wahr und offen -- und nur ~der Ambulante~, der Nox, war der Narr; und Narren stecken an wie Kranke. ~Das~ will man ~nicht glauben~, oder gerade hoffen so Manche von dieser Ansteckung die Weltrettung! Wenn nun auch Rheingrafs Ueberfahrtschiff in den letzten Stürmen mit Mann und Maus im sogenannten deutschen Meere untergegangen wäre, sprach mein Pastor zu mir, dann ist alles und jedes wohl und weise hergebracht, und Ursach- und folgerecht durch- und ausgeführt; so daß, wer den Vorgang durchschaute, jeden Wassertropfen, jeden Windeshauch dabei heilig sprechen müßte. Aber, aber -- Sie, mein theurer Herr Patron, sind wahrscheinlich als Brautwerber und Junggesell schon ein Wittwer! Denn obgleich diese Anhäufung einerlei Geschickes mehrer Schwestern in einem Hause nichts ist, als für Jede Einzelngeschehenes und gewiß nicht geschehen, um uns auf’s Neue zu Narren zu machen; so ist die Sache den Schwestern doch aufgefallen. Sie wissen, der Vater ist nach Auskunft, aber ohne Auskunft zu erhalten, mit ~Afanasia~ zum Herrn in unser Hauptstädtchen, _vulgo_ Residenz, gereiset. Warum hat sich ihr ~Arminia~ vor allen zur Begleiterin aufgedrängt? Aus Herzensdrang mein’ ich. Auch sind sie auf ihren Betrieb auf dem Heimweg über G.... gereiset, die angebliche Geburtsstadt des Pabstes Gaganelli. Dort hat sie sich etwas in der Apotheke gekauft, um sich zu überzeugen, daß der Apotheker als ein redlicher Bruder alle seine Schwestern bei sich im Hause hat, deren Dreien die Männer alle in den Honigwochen gestorben sind; und nun heirathen die andern drei Schwestern durchaus nicht, weil sie sich als eine Art schöner Tod oder süße Mörderinnen vorkommen. ~Das~ ist wahr, _sub fide pastorali_, und Sie können sich von der Sache durch eine kleine Reise dahin, alle Tage überzeugen und die reichen armen Wittwen und schönen armen Nonnen sehen und sprechen. Auch wissen es alle Leute. Und nun sind für Sie die albernen Folgen: Liebt Arminia Sie ~nicht~, so sagt sie Ihnen nicht das kleine _a_! ~Liebt~ sie Sie, so sagt sie das kleine _a_ ~noch weniger~. Dazwischen werden Sie zu zweifeln haben, und vom wahren Grunde nie Gewißheit erlangen. Auch gefällt meiner scharfsehenden Frau gar nicht der Haß, den Arminia und Herr von Stifter so verwunderlich gegen einander hegen. Meine Frau schüttelt den Kopf. Ich muß es Ihnen sagen.... und mögen es die kommenden Monde nicht erklären: Sie hat Arminia, die Hände vor der gesenkten Stirn verwendet, stehen gesehen, und der Stifter hat mit rollendem Auge in die Ferne sehend, sich mit zwei Fingern die Unterlippe gestrichen; das bedeutet große Verlegenheit. Das Bewundertwerden, das Angebetetwerden erweicht Steine; und gerade ~Sünder reißen Göttinnen aus dem Himmel~ --, und berufene selbst ältere Sünder sind Engeln aus Phantasie croquanter als junge unschuldige Engel. Zwar, Tropfen höhlen Steine aus, aber Ueberraschung sprengt Felsen. Das Unglück ~kommt~ rasch, aber es ~bleibt~ unermüdlich lange. -- ~Zwei~ Weiber irren schwer! Ihm soll wohl eine Scheidung alles tilgen. ~Folglich~ würden Sie dann wohl ihre Freundin Brigitte ~heirathen~, alles thun und alles empfangen, was dieses reichste aller Wörter der Menschen in sich faßt. Meine Frau meint: das edle arme schöne Kind liebt sie von Herzen. Uebrigens, _ad hoc_, etwas Neues im Dorfe: Die alte Mutter Heidemann ist mit Händen und Füßen, wahrscheinlich auch mit der Zunge dagegen gewesen, daß ihre Tochter ~Siegemunde~ einen armen lieben jungen Menschen im Dorf, den Ehrenfried, hat heirathen dürfen -- heute morgen haben die Fischer die Tochter todt aus dem See gezogen! Sie liegt noch am Ufer, und der arme Ehrenfried und Siegemundens Bruder Bernhard sitzen da neben ihr weinen. Hier haben Sie das Fernrohr.
Durch das Fernrohr sah ich nun die blasse Todte mit grünem langen Grase in den langen Haaren -- und die Weinenden. Auch die Mutter kam, blieb unter einem Baume stehen, sah mit finsterm Gesicht hin, ob es möglich, ob es wahr sei? und trug das erstarrte Gesicht auf den alten wankenden Beinen in den vielgrünen sonnigen Wald. Und mein Pastor sagte mir: In dem mehr als man geglaubt verständigen China würde Ich, sammt Ihnen und vielen Obern jetzt abgesetzt, weil wir auf solche Dinge des Hauses nicht Acht gegeben; weil wir unsere Leute nicht gekannt. Die Mutter geht nun frei aus; denn bei uns, bei mir und Ihnen hat sie Nichts begangen! Aber sein Sie versichert, es ist der erste Fall, der, oder ähnlicher Art in meiner Gemeinde. Ich fühle, was alles ein evangelischer Geistlicher sein kann und soll. Jetzt essen wir unser Brot fast mit Sünden. Uns fehlt die Kenntniß, der nahe Verkehr mit den Menschen, die Einwirkung ~zur rechten Zeit~; denn was Alle ~überhaupt~ sollen, das wissen alle Menschen jetzt auswendig! Wir sind in Trägheit versunken, weil wir die Dinge erwarten, die da kommen sollen! Wir sitzen da wie arme Leute, denen das Haus abgebrannt ist. Das kann und wird kein Verständiger läugnen.
Er war kaum fort, als der arme Herr von Hase zu mir kam, mir zu sagen, daß er mit Brigitten mein Haus verlassen werde. Ihn werde sein Bruder zu sich nehmen. Brigitte hoffe einen Dienst zu finden. -- Konnt’ ich das hindern? Hätte ich sogar ihm sein Gut wiedergeschenkt, so fühlte er sich erst recht bedrückt. O wer bedenkt das Wort: Erst der Arme und Unglückliche bedarf erst recht der Freiheit, der Ruhe der Seele.
X.
Die feindlichen Schwestern. Der Brief.
Jetzt mischten sich natürliche wirkliche Dinge in meine Verhältnisse; wie denn zu jedem Traume -- wozu ich viel Mehreres rechne als man glaubt -- ein ~natürlicher~, wirklicher schlafender Mensch gehört; wie zu einem Spiegelbild ~der Spiegel~, und zum Opiumtraume das ~Mohnhaupt~, was Niemand genug bedenkt. Nämlich, als ich eines Vormittags drüben in Westfrei Herrn von Heiligenhahn besuchte, fuhren drei Englische Reisewagen mit landesherrlichen Pferdebeinen vor. Ein Diener meldete den Baronet _N_. Angenommen. Er trat ein. Jeder der zu Fremden die fremde Sprache spricht, wird nur sein eigener Uebersetzer, während der Fremde durch Freiheit und Geist sich ergehend und ergießend dem höflichen Radebrechern der fremden Sprache überlegen wird. Obgleich Herr von Sangallo vortrefflich Englisch verstand und sprach, zwang er nicht sowohl aus Stolz, sondern aus Klugheit den Baronet ~deutsch~ zu sprechen. Der englische Irländer war ~der leibhafte Mann von fünfzig Jahren~, dieser wirkliche arme ~ewige Jude der Männer~, der in jedem Geschlecht aber in tausend Exemplaren erscheint, und reeller als jener, wirklich bis zum jüngsten Tage umherwandern muß. Schön gewesen und noch bedauerbar, trug er die Spuren der Gefallsucht und des Gefallens schöner Weiber an ihm, sichtbar als hagere blasse Wangen, düsteren Blick, gezwungene Gradhaltung. Man sah ihm an, daß er nicht wußte, warum oder wonach er nur noch die Hände ausstrecken sollte; was als vornehme Ruhe erschien. Und doch sprachen seine Züge jetzt von wirklichem ehrlichen Kummer und schwerer Sorge, die aber wie eine Strafe auf ihm lag; wie ein Pilger aussieht, der um seiner Sünden willen nach Mekka wallfahrtet. So sagte der eben gegenwärtige Herr von Stifter, der wohl der Mann war ihn zu erkennen.
Es entspann sich nun folgendes Gespräch zwischen dem Baronet und Herrn von Heiligenhahn:
_Haven Ihr effectiv tweiandwenzig Dachters?_
Achtzehn, Ja, Sir.
_Nein: Mylord! Eich forgas darauf, thats mein Bruther begraven is. Ihr seyn famos für habing soltsch ein Nummer, van Dachters. Eich bin kurios sie tu sihn._
Sie sind keine Curiositäten.
_Wheirum willen Ihr sie natcht schonen?_
Zeigen? Wollen Sie Eine heirathen?
_No! Thank, Sir,.... Willen Ihr Wanne af mein sieven Dachters? Ihr sind Widofer!_
Nein, Dank! sprach der Generalvater; aber er rief seine Schaar Nereïden.
Der Lord, unwillig die Töchter nicht sehen zu sollen, sprach auf Englisch vor sich hin: Ich habe Eile; meine Frau stirbt mir sonst, ehe ich in das Seebad nach Peisa komme! Hilft doch ein Herrscher, ein Priester dem Andern mit Rath und That. Soll ~ein Vater~ dem Andern nicht rathen? Ist das deutsch? So thun wir Irländer nicht! -- Aber, sprach er, _Sie Holycock, expecten Sie! expecten Sie!_ und eilte hinaus an die Wagen. Darauf führte er uns seine Töchter herein, etwas scheue Wesen von über der See, an denen man wohl bewundern konnte, was der liebe Gott, oder der Gott, der wahren Liebe auch da, wo man gar nicht hindenkt, für allerliebste Dinge macht! Die gegenwärtigen sieben Exemplare standen im Alter von drei bis zu achtzehn Jahren und trugen selbst auf der Reise schneeweiße Kleider mit kornblumenblauen Bändern um den Leib und die Hüte; so daß ich die bildschöne stillgefolgte Kammerjungfer bedauerte, wenn ich nur dachte, wie schon meine einzige rechtschaffene Mutter auf Reisen ihr Mädchen schor, welches, wenn sie selber schlief, waschen und plätten mußte, und dann am Tage auf dem Bocke schlafen sollte und einmal hinuntergestürzt war, worauf meine rechtschaffene Mutter ihr meinen Platz im Wagen eingab. „Das Mädchen für Sieben“ glühte jedoch über und über wie eine Rose in der Abendsonnengluth, und hielt sich heimlich die Stirn vor Unwohlsein. Der Baronet hatte zuerst Augen dafür, sprach mit ihr, bat uns dann einen Arzt holen zu lassen; und ich sandte nach meinem Salomon. Seine älteste Tochter _Dolly_ (Dorothea) hatte der _Nolly_ (Helena) aber beim Aussteigen auf das Kleid getreten, wodurch sie es sich aus den Falten gerissen; und obgleich hier im Zimmer von Fremden, ermordeten sie sich bald mit den Augen und führten einen kaum moderirten Zank untereinander, wie Fischweiber etwa während es fürchterlich blitzt und donnert.
Da sehen und hören sie, sprach der Baronet außer sich, weswegen ich Sie um Rath fragen wollte, da ich im Hause meines Banquiers in Hamburg zufällig von Ihrem Schwiegersohn erfahren, mit wie viel Töchtern Sie Gott begabt; zur Strafe oder zum Lohn -- wage ich armer Siebenvater nur eines Siebengestirns von Mädchen nicht mehr zu sagen. Mein Bruder, lange General in Indien, lachte mich aus und sagte nur kurz: Alles geschieht „_right and noble_;“ Strafe und Lohn sind nur die Empfindung der Weltfiguren in rechten oder ignobeln Menschen; so daß dieselbe Figur Zweien, ja Tausenden verschiedene Gesichter schneidet! „Ein gutes Gewissen ist die wahre Freiheit, und erlöst von allen indischen Propheten und Götzen und Bonzen und ihren den Menschen gemachten Aengsten jetzt und in Ewigkeit.“ -- Aber was da! Sind Ihnen unter so vielen Töchtern nicht „~die feindlichen Schwestern~“ aufgelebt? wie mir! Nach allen vergeblichen Zucht-Worten habe ich mich zu ihrem ferneren Bessern nicht entblödet, den Bischof sie admoniren zu lassen. Aber Sie redeten ~ihn~ stumm ja sprachlos! -- Ich habe sie Jahre lang getrennt. -- Doch in der ersten Stunde des Wiedersehens war der Streit ärger wie je! Ich habe sie beide hungern lassen, und in den polnischen Bock gespannt. Seit der Zeit war es gar aus; denn Eine schreibt ~der Andern~ ihr Unglück und ihre Schande zu, nicht ~sich~! nicht mir! Am liebsten hätte ich sie verheirathet, beide, oder nur Eine. Aber in meiner Umgebung nahm sie Keiner; denn in der That darf sich kein Mann allein getrauen, was Vater und Mutter nicht im Stande gewesen. Ich besuchte zwei _Seasons_ die Bälle in London. Aber ihr Ruf war ihnen in Gestalt einer verrätherischen Nachbarin vorausgeeilt. Und wer seine Töchter auf jenen großen Mädchenmarkt in zwei Jahren nicht verthan, der ist lächerlich wenn er mit Töchtern wiederkommt, als käm’ er mit großschnablichen Ritterdamen-Schuhen aus der ~neuern Fabelwelt~. Mein Bruder fand die feindlichen Schwestern beide sehr schön und meinte, ihre Feindschaft komme nur daher, daß Eine ~Sommer~sprossen habe, die andere ~Winter~sprossen, die auch im Winter blieben. Aber er irrte, sie waren schon Feindinnen als Kinder. Vielleicht haben Sie selbst nun auch so ein Paar Hauszerrütterinnen gehabt, und Sie schlagen mir gewiß nicht ab, das Mittel mitzutheilen, durch welches Sie den Unglücklichen selbst, den fünf Schwestern, der Mutter, mir und dem ganzen Hause den Frieden und die Ruhe, früh, bei Tische und zu Nacht als gründlicher Vater wiedergeben!
So sprach der Lord auf englisch; und bat sich die Antwort deutsch aus; da der Hauptgewinn, fremde Sprachen zu wissen, nur darin liege: die Fremden zu verstehen ~und~ in seiner Muttersprache verstanden zu werden, so daß ~Jeder~ aus vollem Herzen mit allen Vortheilen des Ausdrucks, allem Reichthum seines Wissens sprechen könne. Etwas verstehen, sei in allen Dingen aber leichter als es selber machen, und die Menschen hätten jetzt zwanzigmal mehr zu lernen, als ein alter Aegyptier, Grieche oder Jude, da die alten Goldbarren des Wissens täglich zu unzähligen Goldschlägerblättchen geschlagen würden.
Unser Herr von Holycock erwiederte ihm, daß er ihm gern die wenigen Lehren mittheilen wolle, wodurch er seine Töchter hoffentlich gut erzogen, und die, aber ~unermüdlich angewandt~, wahrscheinlich ausreichten in den Hauptsachen, um aller Welt Töchter mehr als nur untadlich zu machen. Lieber Herr College, sprach er, wie ich gern sage und gesagt, ich habe mein Amt begriffen und ~übernommen~; denn Ehemann sein, ist ein Amt der wahren Liebe; Vater sein, ist ein Amt der Treue, dem keins vorgeht, als Mutter sein. Neben diesen Aemtern darf jeder Mensch, der Aermste wie der Reichste durchaus kein anderes übernehmen, als so weit es sich mit diesen einzigen wahren Menschenämtern verträgt, sonst wird er unglücklich und macht unglücklich, über alle Maaßen, auf mehre Geschlechter. Ich bin fest überzeugt, daß auf vernünftigeren Gestirnen schlechte Väter und Mütter enthauptet werden; denn Waisen gerathen besser als verzogene Kinder. Ich bin aber auch überzeugt, daß in jener Welt, die wir alle Abend und die ganze Nacht vor Augen sehen, auch Anstalten sind, wo junge liebe Leute zu guten Eheleuten, guten Väter und Müttern besonders erzogen werden; Anstalten die bei uns ~auf der Erde~ noch gänzlich fehlen, als auf einem ~noch ziemlich albernen Planeten~; und die doch nöthiger sind als alle Zuchthäuser und Irrenhäuser, welche _post festum_ die Uebel zudecken. Wir armen Thoren fangen alles am Ende an, wie mit der ewigen Seligkeit. Eine der Früchte meiner paar Lehren sehen Sie schon eben dadurch -- daß Sie meine Töchter nicht schon hier sehen.
Wie so? fragte der Lord.
Ich habe ihre Neugierde nur auf die wahren Dinge gerichtet, weil ich behaupte: Eher sind die Menschen nicht glücklich, ruhig, noch belehrt und erzogen, bis z. B. kein Mensch mehr nur von der Arbeit wegsieht, und, wenn Sieben Päbste und Acht Kaiser in Parade durch die Straßen ziehen. Diese Ruhe bei allen elenden Vorgängen habe ich meinen Kindern am ~gestirnten~ Himmel gelehrt.
Wir wollen doch sehen! versetzte der Lord, und ging hinaus. Und bald trug er auf den Armen eine kleine Araberin herein, eine Zwergin von 17 Jahren, die, wie er nachher sagte, ihm sein Bruder aus Aden mitgebracht hatte. Das unvergleichlich schöne Quasi-Kind mit seinen großen Augen, seiner wie nur angehauchten Farbe vom schwächsten Ton aus Schwarz und Braun gemischt, seine kleinen Händchen mit Fingerchen und Nägelchen, die der schönste Affe nicht zierlicher haben konnte, ein weißer Turban mit Perlen umwunden, die Füßchen, die unter den weiten weißen Höschen kaum Füßchen zu nennen waren, der himmelblaue Kafftan, der silberne Gürtel, sogar die kostbare, im Verhältniß sehr lang zu nennende Tabakspfeife; und die zwei so kleinen Chinesischen Zwerghündchen, daß sie gegen den Newfoundländer füglich Infusionshunde zu nennen waren -- das alles hatte die Töchter des Hauses gereizt, hinter dem Fenster hervor und hinaus zu treten; und nun begleiteten sie das liebe Kind Gottes in Jubel herein, wo es sein Herr mitten auf den runden Tisch stellte, aber auch gern die Neugier entschuldigte, welcher sogar „ihre Königin“ nicht widerstanden habe.
In diesen Wirrwarr kam der Herr Postmeister von Rizzi mit seinen Töchtern, um die Eine als Braut, bis zur möglichen Heirath, mit dem ihn begleitenden Postschreiber vorzustellen. -- Nun Gott sei gedankt, sprach er in aufrichtiger aber etwas plumper Weise, hier geht es zu Frauenzimmern! -- Aber das feine Benehmen des Irländers legte ihm Anstand auf, und er verstand zu schweigen, was sein -- wie aller jetzt klugen Leute -- größter Verstand war. Die reizende Gouvernante, Miss _Denny_ (Isabella) brachte aus dem Wagen auch Lady _Pat_ (Martha), ihre kranke blasse Herrin hereingeführt, die nach den Begrüßungen sehnlich wünschte, die Frau vom Hause, die glückliche Mutter so vieler Töchter zu sehen und zu sprechen!
Das Verlangen rührte uns alle tief. Denn sie lag in der Gruft in einem weißmarmornen Sarkophage. Und obschon die sonderbaren und wahren Worte mit goldenen Buchstaben über dem Eingange standen:
„~Es giebt keine Todten!~“
so empfanden wir Bekannte doch bang ~die Abgeschiedenheit der Gestorbenen~; und es ward ernste Stille. Der Wittwer versprach ihr das Bild auch immer noch seiner „Wittwe im Himmel“ in der Gruft zu zeigen, was er nur bei feierlichen Anlässen oder an Geburtstagen, und nur dem Kinde sich satt schauen ließ, dessen Geburtstag war, um es heilig zu halten.
Indessen hatte Afanasia schon sich den Schlüssel zur Gruft geholt; denn der Hofmeister des Baronet, ein, um wirklich schön zu sein, nur zu langer junger Mann, mit zu schmaler Stirn, hatte ihr für den Vater einen Brief aus Hamburg übergeben. Da sie zumeist die Nachrichten von dort betrafen, hatte sie heimlich und schnell den Inhalt gelesen:
_P. P._ Hamburg, d. 18. Juni 184--
Wir avisiren Sie hierdurch, daß Schiff Kalypso, Capitain Ellis, welches Ihren Herrn Sohn oder Schwiegersohn nach London überfahren sollen, wie man sagt „mit Mann und Maus“ untergegangen ist. Die Stürme waren zu groß, und auch wir haben empfindlichen Schaden gelitten.
Hamster und Comp.
Nachdem die arme Afanasia sich zur Wittwe gelesen, und eine Zeit ohnmächtig gelegen, hatte sie der ambulante Geistliche so gefunden und zu sich gebracht. Sie hatte ihn mit einer schrecklichen Lache von sich gestoßen, ihm den Brief hingeworfen, und sich zur Mutter geflüchtet.
Auf unserem Zuge zur Gruft -- denn ein Zug war es -- führten die feindlichen Schwestern die Mutter, die ihre Gesundheit über sie beide verloren. Denn beide liebten ~die Mutter~, wenigstens jetzt, wirklich rührend. Die Aelteste litt an Kopfweh, sie überwand sich aber, um mit der Mutter zu gehen. Der Baronet führte sich mit Herrn von Sangallo; die wunderschöne Zwergin ~Aïscha~ mit der kleinsten Tochter; Herr von Rizzi konnte sich nicht enthalten zu fragen: Ob die kleine „Apfelsinerin,“ oder „glückliche Araberin“ denn gar nicht zu verkaufen wäre? Er wüßte jemand, der den höchsten Preis für dieselbe bezahlen würde. Er habe die Ehre den Verstorbenen manchmal zu kennen, der Personen und Verhältnissen, selber der Natur gern einen unschuldigen Zopf anhänge. Diesem würde nichts willkommener sein, als eine Zwergenhochzeit, nebst fürstlich gefeiertem Brautlagerchen, und als dann ein winziges Kindtaufen und eine neukindische Menschenrace, da er schon den Stammhalter, den kleinen Adam zu dieser Eva in seinem Schlosse besäße, oder zu Mann und Vater geliehen bekomme; den reizendsten kleinen Hampelmann, der je drei Käse hoch gewesen. Ihm thue der kleine -- doch auch Mensch -- leid, welcher sogar in dieser mädchensteinreichen Zeit, kein Mädchen, nicht einmal eine arme Wittwe zur Frau finden könne.
Die beiden Väter aber wandelten langsam in ihr Gespräch vertieft. Herr von Sangallo sagte ihm, in Bezug auf die feindlichen Schwestern, deren fast in allen Häusern wären: „Von der Geburt des Kindes muß ~die Erziehung~ anfangen; dann sind Vater und Mutter mit dem dritten Jahre in allen Hauptsachen damit fertig. Kenntnisse und Erfahrungen sind ein Anderes; diese gehen ihm dann von Menschen und Welt zu. In den ersten Jahren müssen Neigungen und Abneigungen, Scham und Ehre, Recht und Unrecht, schon entschieden gestimmt und gerichtet werden. Wer das Gute zu erregen, hervorzutreiben und entfalten versteht, was jedem Menschenkinde eingeboren ist, der hat sogar nicht Irriges oder Arges nieder zu halten -- es erscheint da gar nicht! Eltern, Geschwister, Beispiele sind die entscheidendsten unaustilgbaren freien Lehrer des Menschen nach seiner Epiphanie, oder Erscheinung auf Erden. Aber da denkt man: Was ist schon so einem stummen dummen Wurme zu lehren? Das kleine Männchen oder Weibchen zermalmen wir sogar immer noch! Es hört nicht, es sieht nicht, es ist kein Geist aus dem Himmel. Zu spät, ist Erziehung -- unmöglich. Jedoch will ich Ihnen sagen, was mir in ähnlichem, eingeschlichenem Falle geholfen. Ich bin mit meinen Kindern krank gewesen, mit tausend Vaterleiden; Ich bin mit ihnen gesund geworden, mit tausend Freuden. Meine Kinder sind mir, wie Blumen, alle wie fühlbar in der Brust gewachsen, und stehen noch darin. Ich bin auch mit ihnen krank an Gemüthe gewesen; und ich habe immer Denen zumeist und einige Zeit ausschließlich gehört, die den Vater bedurften, während mein Auge die andern nur leicht überwachte. Verlassen Sie sich in allen Dingen in der Welt am liebsten auf die ~bessern~ Menschen. Das ist kürzer und sicher. Denn ist von Zweien schon nur ~Eins~ vernünftig und fest, dann müßte das Andere ein Wolf sein, wenn es den Treuen, Sanften noch anfiele! Ich habe mit der ~sanftmüthigeren~ Tochter der beiden „feindlichen“ hinlängliche Zeit allein gewohnt, von früh bis zu Nacht und wieder zum Morgen, und kaum etwas anderes gethan, als ihr ihre Fehler in allem Unrecht, in allen Folgen recht klar gemacht; aber ohne Hinterhalt klar und wahr. Und als die Ueberzeugung davon sich in ihr ~befestigt~, entließ ich sie mit der Lehre: „~Sage und thue deiner Schwester nur das, was ihr gut und lieb ist.~“ Auch ~das~ überwachte ich einige Zeit, ~half es ihr ausführen~ -- und ich hatte nicht nur zwei Herzen gewonnen, sondern alle bemühten sich noch eifriger sie zu übertreffen! Die ~schlimmere~ Schwester besiegte die Scham, und nach mancher noch heimlichen Thräne, war sie mein liebstes Kind!“
Also haben Sie auch ein liebstes Kind? Das freut mich! sprach der Baronet.
„Ach, das, ~dem die Mutter gefehlt hatte~! Diesem mußte ich mich ja, billig und recht, mehr hingeben! Ich denke immer, wer Männern treue verständige Weiber, und Kindern liebevolle glückliche Mütter erzogen, der hat mehr gethan, als der Bildhauer Bernini, Thorwaldson oder -- Cornelius, deren Werke nicht weiter zeugen, nicht Gefühl und Seele haben, wie die Türken sagen, ~noch glücklich sind~. ~Die Lebendigen~ sind die wahren Kunstwerke, denn sie leben, statt in der Vorhölle, gewiß in dem Vorhimmel, wenn nicht geradezu einzig und allein in dem ~wahren~ Himmel. Meine Tage, meine Nächte, meine Arbeit und Sorge ruhen in meinen Kindern, sie sind in die übergegangen, sie sterben nicht mehr mit mir, nicht mit ihnen; sie stehen in vielen noch auf. Das ist die Auferstehung des Geistes.“