Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle

Part 7

Chapter 73,669 wordsPublic domain

Gelegenheit, Miteinanderalleinsein und gepreßtes gedecktes Gespräch also thaten auch an mir das Wunder, dem Herzen Sprache zu geben. Wie ich weiter an den Engel und die Göttin anknüpfte, was ich weiter stammelte oder ausströmte -- ich weiß es nicht mehr -- denn ich bin kein Göthe, der sich selbst und sein lebendiges Präparat der Liebe behorcht, wie ein Tonsetzer vor dem Instrument, um ~Studien~ zu machen. Ich, war hingerissen! Das Ergebniß meiner Worte war die Antwort von Arminia: In sechs Wochen nach meiner dritten Schwester Afanasia Hochzeit bereiten Sie sich auf meine Entscheidung. ~Bis dahin~ gebe ich Ihnen alle mögliche Hoffnung, selber schon das Jot vom a, so daß Sie nur noch das kleine a zu der ganzen A...rmini...a zu erwarten haben.

Wir standen zufällig vor dem Beet, wo sie in der Erde gelegen. Sie erröthete, verneigte sich mit gesenktem Gesicht, wandte sich rasch und ging zum Vater. Und ich sah ihr nach, sah sie hingehen, mit welcher Bezauberung von ihrer Gestalt, ja Erstaunen vor ihrem „in der Welt sein!“ Mit welchem Entzücken der Ahndung, solch ein Wesen, das so gewöhnlich „ein Weib“ heißt, zu -- besitzen. O welche Göttinnen schlafen und schliefen schon alle im Himmelblau! Nun sind sie hier, sie sind da -- und in Einer sind alle dein. -- Das mußt’ ich der Sonne sagen, und sagt’ es ihr leise hinauf. Aber sie schwieg.

Da trat Brigitte wieder vor mich hin, und lächelte mich an. Ich fragte sie nicht, sie gestand mir nichts. Sie fragte nicht, ich gestand ihr nichts, aber sie sah mich so wehmüthig an. Jetzt ging ich mit ihr zu dem offenstehenden Gartenpförtchen. Eine schwarzeiserne Thür in weißem Marmor. Drüber auf himmelblauer Marmortafel mit goldenen Buchstaben:

~Hier bist du hinausgegangen -- Wann kommst du hier wieder herein?~

Ich erfuhr aber nichts, als das sei das Ende eines Liedes. Und sie sang mir die Melodie. Sie stammt aus Rom vom Capitol, und ist uralt, sagte sie dazu. Ich mußte nur rathen, daß die Männer der beiden jungen Weiber zu demselben Gartenpförtchen hinausgegangen und nicht wieder hereingekommen waren, aus Ursachen, die am Ende allen bevorstehen, vielen zu Anfang und in der Mitte; nicht nach irgend einem Unglücks-Gesetz, sondern nach dem alle Augenblicke neuem ~Ergebniß~ aller Himmelskräfte -- ~nach dem Wetter der Welt~.

Den Sonnenuntergang feierten die Töchter durch Musik, die große Sonate zu 44 Händen. Der Vater entschuldigte zuvor die nur ~hinreichende~ Fertigkeit, da sie keine Virtuosen wären, die alle nur aus Eitelkeit oder Gewinnsucht reisten, als musikalische Riesen. Alle Hauswesen, alle Gefühle würden zerrüttet, wenn alle sich so aufblasen wollten wie Frösche um den -- morgenländischen ~Dreschern~ zu gleichen. (Auch den Sängern soll man nicht den Mund verbinden.) Zuletzt sangen sie die Nänie von Schiller „~Auch das Schöne muß sterben~“, dies allerhöchste und schönste Gedicht der Welt, dieser unendlichen und unermeßlichen Elegie, und Göthes eben so schöne als traurige Antwort darauf:

Warum bin ich vergänglich, o Zeus? so fragte die Schönheit, Macht’ ich doch (sagte der Gott) nur das Vergängliche schön. Und die Liebe, die Blumen, der Thau und die Jugend vernahmen’s, Alle gingen sie weg, weinend von Jupiters Thron. Leben muß man und lieben; es endet Leben und Liebe, Schnittest du, Parze, doch nur beiden die Fäden zugleich.

Hören Sie, der Vater läßt Ihnen allen vorsingen: „~Geschwind~ zugegriffen! Sie können es! sprach Herr von Stifter und sagte dazu: Sonst hielt ich ein schönes Weib auf einem schönen Pferde für alles Schönste vereinigt, was es geben kann überall. Heute erfahre ich: Schöner Gesang aus schöner Frauen Munde, die die Seele der Welt auszuhauchen scheinen -- das ist das Befriedigendste! ~Dabei, danach~ rührt sich kein Wunsch. Auf solche Klage giebt es keine Klage! Ich bin kein Mensch mehr; ich glaube, wenn mich Jemand schnitte, ich blutete nicht, oder ich sänke aus dem Kahn in den See, und rührte keine Hand zu meiner Rettung. -- Kommt essen, rief er auf einmal laut, daß man wieder zum Menschen wird, der Steuern und Gaben bezahlen muß!

Nach dem Essen fuhren wir Westfreien spät im Mondenglanz nach Hause. Wir schwiegen zu Anfang; keiner wollte den Schein haben, das Haus zu bereden, oder die Fremden. Aber endlich brach denn doch die Frau Pastor aus und sprach: Stecken uns die Fische an? So stumm sein, nach so viel Geschautem und Gehörtem ist doch unmenschlich. Es ist zu natürlich, daß alle aus einer Gesellschaft nach Hause Gehenden, das Haus, die Speise und Getränke, die Bedienung, den Koch, das Geschirr bei Veranlassung des kleinsten Fehlers bereden, aus Besserwissen oder Besserhaben oder Besserwünschen tadeln; die Heuchler aber alles in ~Bedauern~ einkleiden. Dann kommen die Herren und Frauen Gäste daran, welche unter der Maske redlicher Theilnahme wieder bedauert werden. Dann scheidet eine Gesellschaft, eine Familie unterwegs von der anderen, und nun beredet jede besonders wieder die Anderen nach gehöriger Entfernung. So mögen auch wir jetzt beredet werden, denn mir klangen die Ohren, und wie!

Wohl nur von der Zugluft auf dem See; sprach ich, wie allen nach Hause Gehenden leicht nach der Erhitzung durch Zimmer, Getränk und Gespräch. Oder.. so wären es gar die Götter selbst, die das Klatschen erfunden, indem sie durch Ohrenklingen zur Rache erinnern! Da muß ich etwas erzählen: Als ich jüngst in der Hauptstadt war, hörte ich, daß ein vornehmer Wirth, der loyalste prächtigste Mann, nach einem in Wahrheit übersplendidem Fest schändlich war beredet worden, von den Heuchlern, daß er, wie Pyrrhus, nach mehreren solchen ~gewonnenen~ Terrinen- und Bouteillen-Schlachten das Feld werde räumen müssen. Er hatte daher zum folgenden Fest im reizenden Boudoir einen kostbaren kleinen Schrein in einer Ecke angebracht, auf die Thür desselben das Wort „verbotene Frucht vom Baum der Erkenntniß“ setzen -- und den kleinen goldenen Schlüssel daran stecken lassen. Das hieß eine schöne Eva reizen -- und lesen. Bald winkte sie einem Legationsrath, der gelesen; und Andere zum Schränkchen schickte. So schickte auch Einer mich hin, und ich las: „Ein freundlicher Wirth giebt alles von Herzen gern allen Magen ohne Dank zu erwarten. Aber Undank thut weh! Möchte doch Jede und Jeder mir gnädig ihn aufsparen bis nach dem Fest bei einem Anderen, und Diesem wieder so lange! Denn ich habe 100 solche Schränkchen unsern vorzüglichsten Festgebern zum Geschenk gemacht. Wo Sie also ein solches Schränkchen oder großes Buch mit der Aufschrift „Verboten“ erblicken, da bitte ich, sich meiner großgünstigt zu erinnern, auch wenn der Hausherr schonend ~die Inschrift~, als jetzt notorisch nicht ausgestellt hätte. Noch melde ich, daß auch zwei kleine kostbare Schwur-Boudoirs für Herren und Damen besonders eingerichtet sind, welche vor Eintritt in die Gesellschaft schwören wollen: ~einander~ nicht zu bereden, oder moralisch todt zu schlagen. Der Zugang dazu ist geheim, so daß jeder von dem anderen annehmen kann: er habe geschworen, und nun sicher von ihm nicht beredet zu werden, ihn auch durchläßt. Gezeichnet: Graf _N._

Wir lachten und schwiegen. Nach langer Zeit erst setzte ich mich zu dem alten guten Herrn von Hase und fragte ihn theilnehmend, warum er denn gar so still, so unaufgeweckt von anderer Freude sei?

Die Türken haben einmal einen braven Mann gehabt, sprach er seufzend, der hat Mezzo morto, der Halbtodte geheißen. Der bin ich wieder. Meine Freunde in der Stadt haben für mich gesorgt, und ich kann Bogenschreiber werden, zu 3 Kreuzer den Bogen. Aber meine Hand will nicht mehr fort, weil meine Seele vom Unglück gelähmt ist. Ich habe keinen Trost, ~als daß meine Frau gestorben ist, ohne meine Lage zu erfahren~! Denken Sie, ~so etwas~ muß mein Trost sein! Aber es ist ein großer Fehler, daß ein Mann alle seine Geschäfte geheim hält und allein betreibt, um seiner Frau die vorübergehenden Sorgen und Gedanken zu ersparen! Denn die Weiber wissen den besten Rath, haben viel unbrauchbare Einfälle, aber ihr Herz entdeckt auch den rechten, wie durch Eingebung; sie trösten gewiß, und so sind sie getrost und getröstet. Für meine Liebe ist meine Frau nun ganz- und ich bin halbtodt, und mein armes Häschen, das lebt und möchte leben. Unglück ohne Aussicht, auch wenn man Blitze zu Blicken hätte, lähmt völlig. Denn es ist alles vergebens zu sinnen, zu reden, zu thun. Warum ich esse und trinke, ist mir unbekannt. Ich sehe völlig klar: alles Menschenthun ist nur ein Streben nach einem inneren Ziel; ich beneide Niemanden, ich beklage Niemanden, selbst mich nicht. Am liebsten schlafe ich, oder sitze mit gefalteten Händen. Ich würde doch entlassen als Bogenschreiber! Nur drei Bemerkungen möchte ich zum allgemeinen Besten niederschreiben. Wenn ein Gut sieben bis achtmal verkauft wird, so hat die Landeskasse den ganzen Werth dafür baar durch Verschreibungskosten, Lehnwaare, Stempel und Taxen. Das hieße also: Behaltet was ihr habt, kauft und verkauft nicht so oft! Güterhändler sollten unerschwingliche Gewerbsteuer zahlen, statt frei davon zu sein. Dann: Wann ein Käufer offenbar über die Hälfte betrogen ist, dann sollte ihm ein Jahr lang der freie Rücktritt zustehen. Die Clausel der Verzicht über oder unter die Hälfte, sollte nicht gelten. Und zuletzt: Wenn zwei Jahr dürre Zeit und allgegenwärtiger Mißwachs im Lande sein wird, dann hilft Gott dem Volke ohne Mühe zu allem Erwünschten; wie er mit 29 Grad Kälte, Deutschlands unüberwindlichen stolzen Feind mit der großen Armee in Rußland nur weghauchte. Das prophezeihe ich, nämlich Gottes Hilfe allein und gewiß. Nur partielles Unglück ist Unglück, das hab’ ich erfahren.

Er schwieg eine Weile, dann ergriff er meine Hand und sprach leiser: Haben Sie nur noch einige Zeit Geduld mit uns! Nehmen Sie nur nicht übel, daß so oft allerlei Weiber und Mädchen aus unsern Dörfern in Ihr Schloß kommen, und mit Bündeln! Ich bitte sie alle, nur ja recht leise aufzutreten! Und sein Sie nur nicht böse, daß meine Tochter so oft und vielmal hintereinander, leider so laut, ~in die Hände klatscht~! Sie stärkt Wäsche für die Leute, Hauben, Bänder, Tücher. Es geht wirklich nicht anders! Ich habe es selbst auf alle Arten versucht! Und dann, daß sie den armen Staat, zwar hinter den Fliedersträuchern, doch immer in Ihrem Garten aufhängt! Die Nacht aber trocknet die Wäsche nicht; sie wird thaunaß! Wir haben versucht, die Wäsche in unserm Gewölbe zu trocknen, und haben eingeheizt; aber lieber Herr von Kopernick, da haben wir uns bald zu Tode geschwitzt, und der Schlag hätte mich bald gerührt; doch kam ich mit Zahnschmerzen weg! Lieber Himmel, da hatte ich doch wieder einen Wunsch, daß mir die Zähne wehe zu thun aufhörten, wie man sagt, oder daß mir die Bratwurst wieder von der Nase fiel! Verkennen Sie mich nicht, daß ich einmal scherze. Aber wie gesagt, das arme Mädchen ernährt mich mit der lieben Wäsche, und wenn sie so in die Hände klatscht, da denken Sie gütigst nur, sie klatscht mir Brot und sich -- Dank. Mein neues Halstuch, daß Sie freilich in der Nacht nicht als neu zu erkennen vermögen, aber es ist wirklich neu, das hat mir das arme Häschen auch -- -- -- --

Brigitte hatte aber des Vaters Worte gehört, kam, hielt ihm den Mund zu, und sprach nur leise: „Vater!“ Der Vater zog sie an sich, und sprach: Schilt den Vater nicht, der sein Kind ehrt! Du bist doch mein gutes Häschen!

Es war kühl. Ich gab dem alten Manne meinen Mantel um, und in ihren Gefühlen verloren, nahmen beide das so an, und sie hüllte ihn dicht darin ein.

Um uns aus der weichen Scene zu bringen, fragte mich der Pastor: Aber was sagen Sie zu dem guten Postmeister von Rizzi, der seine schon auf Jahre voraus verlobten Töchter vor Freude schon immer gnädige Frau nennt! -- Mich rührt das tief! Der sorgliche treue Vater ist ein Repräsentant so vieler Väter jetzt im Vaterlande, die zu solchen Mitteln greifen müssen, die Tänzer auf Bällen auffordern zu gehen, um mit ihren Töchtern zu tanzen; die jungen Männer, die in Jahren erst ein Weib nehmen und ernähren können, in Beschlag zu nehmen, sie buchstäblich am Aermel zu führen; nach der Verlobung: „Gott sei Dank“ zu sagen; dem Herrn Bräutigam Anstellungen zu verschaffen durch goldene Sorge; den amtlos oder kleinbeamtet Vermählten jährliche, so zu sagen, Pensionen zu ertheilen, daß jeder Vater zuletzt selbst „Oel geben“ möchte! Das ist die wahre reine heilige Vaterliebe im gerechtesten Widerstreit mit der, ~den jungen Männern allen jetzt zu spät möglichen Ehe~! Weiter nichts, nicht lächerlich, sondern zum Weinen tragisch. ~An späten Ehen geht ein ganzes großes Volk unter~; jedes Land verdirbt dadurch, weil ~es entsittlicht~ wird, indem es ~lieblos~ gemacht wird. Denn wie ist das Leben der meisten Spätverheiratheten Männer! und wie muß es fast sein! Alle spät, das heißt immer zu spät verheiratheten Candidaten, Beamten u. s. w. ~müssen~ verdorben sein, ihre Weiber unglücklich, oder doch ~nicht~ glücklich, wozu sie das himmelschreiendste Recht haben! Die Ehe ist in so späten Jahren eine Spekulation; die Braut muß nur reich sein; ~dann~ muß sie passen, wohl oder übel; sie muß die ~Kosten~ ersetzen, die ~Schulden~ decken, als ~Wittwe~ leben können und die paar ~Waisen erziehen~! ~Alte~ Männer wollen reiche Weiber. Ein liebender ~junger~ Mann ist mit einer jungen Frau allein zufrieden, ja wenn sie kein Bett mit brächte! kein Kleid auf dem Leibe hätte! ~Das~ ist die einzigrechte Zeit zum Heirathen! Das ist Glück! Das ist Ehe! Und nun wie voreilig, wie unvorbereitet: ~die~ Ehen unauflöslich machen zu ~wollen~ -- denn geschehen wird es nicht, weil es nicht kann -- welche Grausamkeit! Da habe ich gehört von einer Gesellschaft von _Sanct Francis de Regis_ (nicht _de Regibus_), die in Belgien armen Leuten mit unehelichen Kindern die Verheirathung bezahle, damit ihre Kinder eheliche Kinder werden, ehrliche Kinder wie Schneekönigskinder im Märchen! Wieder die Pferde hinter den Wagen gespannt! Die Ehen müssen erst ~möglich~ gemacht werden; es müssen nur Leute einander heirathen, ~die ohne einander nicht leben können~; sich lieber das Leben nehmen möchten, als einander entbehren; die so wohlerzogen sind, so duldend, beschieden und bescheiden, so durch Kinderliebe gefesselt, so einander ehrend, daß man sie zerhauen müßte, um sie auseinander zu reißen. Jammer, Schande, Elend, Verzweiflung unauflöslich machen, das heißt die Hölle unsterblich machen wollen, was wir nur dem sogenannten Teufel zutrauen. ~Welche~ Einzelne geben gute Paare? Das ist die Frage! Und wie können sie sich vereinigen? ~Das~ aber will Niemand fragen, aus Furcht der Arbeit mit Umwandlung so vieler Formen! Da habe ich mir die jungen Herren Offiziere so recht herzinnig beschaut, ihnen zugehört. Welche Vaterlandsliebende -- also gewiß bis auf das Herzblut tapfere Männer! Wie gebildet, wie gelehrt in ihrem Fach, wie schönes junges deutsches armes Blut! Und wie sind sie mitten im Leben aus dem Leben verbannt! -- Und die Herren Candidaten! solche junge Männer machen dem Lande, das sie hervorgebracht, Ehre. Und ~wann~ werden sie das gelobte -- Pfarrhaus erblicken! -- Und die Herren Referendäre, die mehr Gerechtigkeit im Herzen tragen, als in allen Büchern steht, ~wann~ werden sie ihre Bräute heimführen? frühverliebt alle, manche frühverlobt, tritt ein vergelbtes sehnsuchtverdorrtes Paar vor den Altar, woran junge Leute wie Adam und Eva gehören, die übrigens gar nicht getraut wurden, und doch ihre Kinder liebten. Denn ich wüßte kein ehrenrührigeres Gebot, als:

„Jüngling! du sollst eine Jungfrau lieben und zu dir nehmen zum Weibe!“

und:

Mutter! du sollst deine Kinder lieben!

Der alte Herr von Hase bejahte das alles immerfort! Unter diesen und andern Gesprächen waren wir nach Hause gekommen, und schieden mit dem: gute Nacht! Am andern Tage ließ meine rechtschaffene Mutter den armen Betjungen begraben; und ich beschloß, ihm, der Nachwelt zur Nachricht, was es heut zu Tage für untergegangengewähnte Träume in sogenannter Menschengestalt gegeben, ein Monument setzen zu lassen; verfaßte die Inschrift und bestellte es sogleich. Ich besuchte darauf auch den in einer Dachkammer meines Schlosses sitzenden armen Schelm, den Betmeister Nox (nicht etwa Knox) der seiner Ersäufung vergessen, wieder ganz wohlgemuth dasaß! Auf dem Gange zu ihm hatte ich Brigitten begegnet, die feuerroth vor mir geworden war. Ihn fand ich wie einen Zauberer, über dem Buche Tobias brüten. Er war ein weitläuftiger Verwandter von Heiligenhahns, darum schonte ich ihn; ja ich gab ihm Taschengeld und Speise und Trank. In den folgenden Tagen sah ich ihn Würmer suchen und angeln am See, wo er alle Arten Fische, auch in weidenen Reußen fing. Die ~Fische~ schenkte er weg, und ich bekam erst eine Ahndung davon, wozu er sie fing, als ich eines Abends zu meinem offenen Fenster herein große Lamentation aus dem Garten vernahm, daß die Sperlinge ihm seine, auf Horden zum Trocknen und Dorren ausgestellte ~Lebern~ verzehrt! „Er will den Engel des Herrn von Heiligenhahn spielen und den Eheteufel Asmodi verräuchern“, sprach nach unauslöschlichem Gelächter mein Pastor. Er ist aber doch nicht rechtgläubig -- er schreibt einem gewissen Fisch, also atheistisch und glaubenlos der Natur ~höhere Kraft~ zu, als dem Engel selbst und der Begehung des Opfers, weil er von allen erlangbaren Fischen die Leber nimmt, um die rechte ja dabei zu erwischen! Da können ja aber die andern das Rezept verderben! Es ist zum Lachen und Weinen: aber auch zum Trost: ~Denn die Verwirrung zeigt aller Dinge Ende an~, vom Thurm zu Babel bis zur Schlacht bei _Belle alliance_; ja die Verwirrung ist schon ~die Verwesung~; wenn dagegen eines ~lebendigen~ Baumes nackte Wurzeln sogar nicht in der feuchten Erde verfaulen!

Eins aber will ich denn doch gestehen, mußte ich meinem Pastor sagen; wenn ich eine Jungfrau wäre, und mir Sieben liebe schöne junge Männer vor dem Brautbette weggestorben wären, was ja möglich ist, so würde ich doch kopfscheu und brautbettscheu werden, und einen Achten, der mich verlangte, aus Liebe zu ihm und zu ~mir~ doch erst wohlmeinend zu den sieben Gräbern führen!

Das möchten Sie als zaghaftes Mädchen thun, sprach der Pastor. Aber wäre ich auf gut Pythagoräisch mit meinem Pastoral-Verstande der achte Bräutigam, so würde ich eine solche betrübte Siebenmännerwittwe gar nicht nehmen, als nunmehr mit Herzen und Gedanken unerwerbbar, darauf ihre siebenfach erschütterte Liebe und siebenfacher Tod liegt; aber getrost jede Andre; ~obgleich~ vielen jungen Bräuten und jungen Frauen die Männer wegsterben. Daß aber ~Einem oft~ geschieht, was allen tausendmal geschieht, das ist kein Wunder, kein Fluch, kein Bann -- nur eine Art Conglomerat oder Cumulat -- eine Anhäufung. Die ganze, und ganz triftige Ursache, daß es jetzt so viel Gläubige giebt, ist die: daß die Menschen jetzt von allerhand Verzweiflung und Schmach getrieben, so viele und schwere ~fromme Wünsche~ haben! Da sie ihnen Niemand realisirt, so realisiren sie sich sie selbst; wie der Dichter sein Gedicht abfaßt, drucken, mit Bildern versehen läßt, und mit Selbstgenüge und Frohlocken als fromme Scarteken in Städten und Dörfern vom durchfahrenden Wagen verliert. ~Aus Kinderaugen schaut auch die Mutterliebe heraus~; was schaut aus unseren, aus den Augen des Volkes?

Meine rechtschaffene Mutter mußte mich aber darauf zu meiner Beschämung erst erinnern, doch dem alten Herrn von Hase sein voriges Wohnzimmer wiederzugeben! Das arme Häschen hatte kein Hochzeitkleid zu Afanasias Trauung, und hatte endlich eins zusammengenäht und aufgefärbt, das meine Mutter mit Erbarmen gesehen. Nun hatte sie auch nichts, gar nichts zu einem Hochzeitgeschenk für sich oder den Vater, da sie alles daran verwandt, dem Vater Güte zu thun. Meine rechtschaffene Mutter ließ ihr alles für sie und den Vater neu und prächtig aus der Stadt kommen; hatte ihr 100 helle Dukaten in den Strickbeutel gesteckt und sie damit zu ihrem in der Stille verweinten Geburtstage beschenkt, an welchem der Vater sich seinen Trauring vom Finger gezogen -- und sie gebeten, die Augen zuzumachen, die Finger auszuspreizen und ihr den weiten Ring -- auf Zuwachs -- indessen auf den Daumen gesteckt. Der Mutter Geschenk aber schien sie gebeugt zu haben; sie schämte sich vor mir, und wenn ich vorüber ging, blieb sie mit niedergeschlagenen Augen und angehaltenem Athem stehen. ~Wie ungern erscheint die Schönheit doch arm... oder die Liebe.~ Nur eine Bitte wagte sie nach mehren Tagen an mich: sie brachte eine neue verschriebene Jagdflinte und bat mich, dem Vater für dieselbe seine alte liebe Jagdflinte aus nun meinem Gewehrschranke zu geben! -- Wie thut doch angethanes Unrecht die Seele auf, und die Augen! Aber um mich nicht zu verrathen, gab ich ihr zwar die alte Flinte, aber nahm die neue dafür. Wer enträthselt die Lust selbst in bessern Menschen, andern schönen und gar so guten Menschen ~hart, schneidend hart zu sein~? Mir war ganz wohl auf die That! Was ging in mir vor, als ihr die Thränen in den Augen standen? Wie verdrossen war ich, als sie mit Freuden davon eilte! Ich sah sie darauf im Kahn mit dem Vater, der wilde Enten schoß, die sie ehrlich ablieferte. Und auch die Enten ließ ich ~alle~ liegen, ohne ihr Eine wiederzugeben. Aber sie dankte sehr für die Freude, die der Vater wieder gehabt! Dann sah ich sie wieder mit ihrem heraufgesteckten Schürzchen und ihrem Töpfchen Milch über den Hof kommen.

Natürlich war ich diese Tage oft drüben in Schloß Westfrei; aber ich bat um das bewußte kleine a umsonst, auch nur um ein großes K, ein kleines u und ein ss von Arminia! Ich beschwerte mich bei Brigitten; ich befragte sie auch über den Engel Tobiä. -- „Sie sind recht grausam, Armin!“ antwortete sie finster-bös. Armin nannte sie mich? Spricht sie im Traum? redet sie aus dem vertrauten Gespräch mit der Freundin?

Am Hochzeittage kam Brigitte in völligem Staat mit dem Vater in neuen Kleidern, um sich bei meiner rechtschaffenen Mutter zu bedanken. Sie war so schön, daß sie meine Mutter -- vorsichtig, um sie nicht zu verderben, als ihre Schöpfung, an’s Herz drückte. Sie besah sie dann mit Freuden und Lob. Nur irgend ein Ring fehlte am Finger. Die Mutter langte ihr Ringfutteral herbei und bot es mir dar, um daraus der guten Tochter einen Ring an den Finger zu stecken. Brigitte mußte es geschehen lassen und bebte innerlich dabei, daß ihr die Finger sich leise regten.

Wir fuhren dann alle in’s Brauthaus, wo wir den Engel Tobiä obendrauf und mit innerer Ueberhobenheit über uns alle, als faiseur des Tages und der Nacht, der Hochzeitnacht, umhergehend fanden. Er stand Niemandem Rede. Der Zug zu Wasser in den rosenbekränzten Kirchkähnen war schön, über dem Wasser, und drunten. Freude und Sicherheit schaute aus aller Augen. Nur, vor der Thür meiner Kirche hatte die Braut den Trauring verloren. Ein oft sich erneuernder Fall, der aber allemal nur eine unaufmerksame, also zerstreute oder versonnene Braut beweiset, welche Eigenschaften die Leute der Braut dann für ihre immerwährende Eigenschaften annehmen, und ihr Unglück prophezeihen, ohne Recht oder Unrecht zu haben, wie in allen Glaubenssachen mit und ohne Aber; sagte Doctor Schleyerlöser den Tag nachher zu meiner rechtschaffenen Mutter.