Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle
Part 6
Darauf führte er mich in die ~Kinderschatzkammer~ -- in das ~grüne Gewölbe der Jugend~, wie er sagte. Aber eine weiße Gestalt war uns leise nachgekommen, nur von mir bemerkt. Sie blieb in der Thür stehen, erröthete vor mir und schlug die Augen nieder. Das war wohl lieblich! Ich erkannte ~Arminia~! Mir klopfte das Herz auf. Ihr gewiß auch. Aber wer anders war da sie zu retten bei ihr in der Noth, als Ich? Denn die letzte Schwester war, verzweifelnd an ihrer Auferstehung, zum Vater gekommen. Wer müßte der sein, der ihr ~nicht~ geholfen! Ich fühlte: wie heimlich vertraut wir einander geworden waren und blieben. Sie that keinen Schritt; sie blieb stumm. Und der Vater forderte mich auf zu sehen: die vielen kleinen Jahresschuhe der Kinder! unter durchsichtigen Florstaubschleier. Das war wohl liebliche Waare! Dann eben so die schneeweißen kleinen Strümpfchen, wie für Lämmchen; dann die kleinen Kinderhäubchen alle; rosig, himmelblau, grasgrün, golden -- und die Schneeweißchen, Tauf- oder Westerhemdchen mit Spitzen. Lieblich! -- Dann mußte ich die Reihe Puppen sehen, zerspielt, mit ernsten Gesichtchen: jede ihren Namen aus dem Kinderparadiese, großgeschrieben in der ausgestreckten steifen Hand! -- Hier, das erste Gestricke der Kleinen! Dort das erste gesponnene Garn, vom Vater Katzengarn genannt. Und von der Decke hingen die Christbäume alle, jeder mit seiner Jahrzahl, vertrocknet, fast nadellos; die paar Nadeln daran gelb und braun, wie Haare in einer Gruft! Auf den Zweigen noch die Enden der Wachstocklichtchen, die goldenen und bunten Rosen, und die Zuckermännchen und Weibchen. -- Dann wieder die ausgestopften Vögel, die einstige Freude der Kinder: Rothkehlchen!... Zeisig!... Staar!... Kanarienvogel! Dabei ein Lämmchen, ein kleines Hündchen, ein Eichhörnchen. Das war wohl lieblich! Mir war so, als wäre ich in den Himmel gekommen, in das Zimmer, worin der Kindervater seinen unsterblichen Vorrath hat, und daraus immer den Menschenkindern herabfliegen, herabbringen läßt, was ihnen Freude macht. Aber da lagen noch im Sonnenschimmer auf blauer Seide gebettet, unter hellen Glasglocken, die ~Kinderhärchen~! Das war wohl lieblich! Rings umher aus den goldenen Rahmen aber sahen noch ~die Bilder~ der Kleinen lächelnd in ihre Kindertage! Und so stand auch der Vater, der jetzt Arminia erblickte und sie zu uns winkte. Sie kam. Der Kukuk rief wieder -- dieser Schutzheilige, Allgegenwärtige in den Frühlingen der Jugend und des Alters, der Vogel der Hoffnung und der Erinnerung -- und erweckte uns die Gefühle von gestern.
Sie stand vor uns. Aber nicht etwa ein Lächeln war unter ihrem Gesicht verborgen. Und der Vater sprach:... Und Tochter, Du dankst nicht unserem Freunde?
Ihre Glieder regten sich zu einer Bewegung, die gleichsam im Keime, im Hervorbrechen erstickte. Doch reichte sie mir die Hand und bemühte sich mir in die Augen zu sehen.
Das ist schon mein Weib! sprach meine Seele heimlich jauchzend zu mir.
Der Vater aber entschuldigte sie mit den Worten: die Begrabene fühlte sich, wie alle ihres Gleichen, durch den Todesschlaf ~der Angst überhoben~, die wir alle um sie trugen -- nun fühlt ~sie~ unsere Angst nach!
Sie lehnte sich an den Vater: sie küßte Ihn -- ein himmlisches Zeichen zu Gunsten meiner -- dann bat sie ihn zu Tisch zu kommen, wo mich und ihn die Anderen schon lange erwarteten.
Ist der alte General da? fragte er.
Auch; antwortete sie, sich die Lippe beißend; und ~Herr von Stifter~ mit seiner Frau und den vier Söhnen? Sie verneigte sich ~ganz erblaßt~ und ging. Er sah ihr nach und meinte dann: Wie gern seh’ ich meine Tochter noch in ihrem Frieden, so noch ungedungen! unbezwungen von Augen und Herz und eigener Himmelsgewalt. Aber ich muß des Nordlichtes schon gedenken, das bald in ihre Blüthen, auf ihre Früchte, in ihre Nächte fällt.
Aus allem diesem nahm ich ab, ich solle abnehmen: daß sicher noch Niemand Anwartschaft auf Arminia habe. Ich blickte zur Sonne, um mich zu stärken, mit Muth zu erfüllen, indem ich mir an ihrer Ewigkeit alles zu Traum verschweben lassen wollte, nur Arminia eben nicht! Dann sprach ich wahrscheinlich -- denn ich hörte nichts von meinen Worten --:
Geben Sie mir dies Mädchen zum Weibe!
Kurz darauf setzte ich hinzu: Gestern, als sie begraben war, hätten sie mir sie gegönnt!
Er lächelte, als dächt’ er: heute lebt sie; dann antwortete er mir: Herkömmlich ist es, sich für die Ehre zu bedanken.... die ich nicht begreife. Sie scheinen zu lieben; das würde Ihr Glück sein, wenn ihre Liebe -- -- ~Liebe~ ist; (mir fehlt ein Gleichniß, ein Beiwort, denn der Liebe gleicht Nichts). Prüfen Sie sich. Daß Sie aber meine Tochter von ~mir~, dem Vater, verlangen, bei mir um sie anhalten, das erlaubt drei Antworten auf drei Voraussetzungen. Eine, die: Ich sitze, wie ein Mann in der Bude, überhäuft von Waare. Ich muß losschlagen -- mit Schaden --; und meine Töchter sind so wohlerzogen, so dankbar und mir ~so~ gehorsam, daß Ich nur ja sagen darf. Aber meinetwegen in allen Dingen, ~nur in der Liebe keinen Gehorsam~! Das heißt ~mit~ der Liebe. Das ist ja eben die bittere Erfahrung, die jetzt viele Tausende ~machen~: die Liebe läßt sich nicht befehlen; nur das, mit Zwang ja mit Abscheu „~Thun~“ -- zur Noth. So aber meint der reiche alte General -- der gestern um meine ~Arminia~ angehalten hat, und heute kommt, mein Jawort zu holen. Hier ist ein Brief. Er ist wahrscheinlich kein Frommer, der sich auch den Glauben und das Beten hat zum Schein befehlen lassen, und denkt: Ich und Er werden mit ~dem Schein~, also mit der Heuchelei zufrieden sein, weil er hochgestellt und reich ist. Ich werde nach Tisch ihm die Antwort schriftlich zusagen, und ~Sie~ sollen die Antwort concipiren! Auf gleiche Bedürfnisse schließt man ~weltliche~ Bündnisse, und Verträge mit Denen, die ~gegen~ unsere Bedürfnisse fanatisch denken und handeln. Also muß der Brief ein ~Concordat~ mit ihm sein. Das wirksame Gefühl dazu geben Ihnen etwa die Sätze: Alle goldenen Schätze und Kreuze, ja Kronen eines ~Alten~, wiegen nicht ~die jungen Jahre~ eines Mädchens auf. Das ärmste Bauermädchen, das den alten uns bekannten Dalailama heirathete, wäre schändlich um das betrogen, was die ganze Welt Einem nur einmal zu geben hat, um die Jahre, das Leben! Der Werth der jungen Jahre ist unermeßlich! Dagegen ist aller Reichthum der Reichen nichts, gar nichts; aller Rang und Stand der Berangten ist dagegen nichts, gar nichts. Denn die Jahre sind die einzigen Gaben der Welt an Jeden, sein eigener schönster und höchster Besitz, die Blüthe der Zeit, die Frucht der Ewigkeit. O möchten doch alle vermeintlich armen Mädchen einsehen, was sie besitzen mit ihrer Jugend! Aber ~die Unschuld~ nur giebt uns Achtung vor uns selbst und Werthgefühl unserer selbst, jeden Haares an unserem heiligen Leibe, heiliger, als Reste von Todtenknochen, und wenn Gott selbst der Todte wäre! Ein Alter, der ein junges Mädchen liebt, wie er ~seine~ Anfechtungen nennt, hat den Weltverstand verloren und meint, was ihm tausend Fälle bestätigen: die Mädchen denken: „lieber ~äußerlich~ glücklich, als ~doch~ nicht innerlich! Lieber Pein und Strafe, als Leere! Lieber schlecht und kurz geheirathet, als gar nicht.“ Solchen Unverstand müssen Eltern mit Gewalt brechen. Stellen Sie sich vor, junger Mann und hoffentlicher Herr Schwiegersohn: ~eine alte Frau will Sie zum Manne haben~; und mit ~der~ Erbitterung gegen diese ehrwürdige Dame, verfassen Sie dem alten reichen hohen Herrn den Absagebrief, aber so artig, als wenn die Begehrte -- Arminia wäre.“
Ich versicherte meinen ganzen Kopf und mein ganzes Herz auf den Brief zu verwenden.
Die Zweite Antwort ~für Sie~ wäre: Sie ahnden und ehren den Verlust, den ein Vater leidet, wenn er ein Kind hingeben soll! Die gediehene Fruchtpalme seiner Sorge und Mühe, seine als holde Lebendige auferstandene Lehre, Liebe und Treue, einen Hauptgewinn seines Lebens -- da Sie dem alten Stamme die grünen Zweige abhauen, daß er kahl und leer stehen soll, bis er eingeht. Mögen Sie dafür einst mit der freudigen Wehmuth belohnt werden: dem heiligen Gange der Welt sich hoffnungsvoll zu fügen. Eine Tochter glaubt man wegzugeben, zu verlieren -- ein Sohn scheint etwas zu nehmen, zu gewinnen -- eine Frau. Aber beide sind verloren; doch ~wenn die Kinder gewinnen, dann werden gute Eltern reich~. _Dr._ ~Troxler~ hat mich versichert, meine Herren Schwiegersöhne würden fast lauter Söhne haben. Der Familientypus, der Mensch bleibt: „Mädchen und Knaben sind nur Revers und Avers derselben Goldmünze der „~Geister-Falschmünzerei~““ -- spricht unser Nachbar ~von Stifter~ darein; weil seine gute Frau, die bei ihm zum bleichen Gespenst sich verzehrt hat, ihm gar keine Kinder gebracht; und seine Verwandten ihn verhindern, daß auch nur Einer seiner Nebensöhne legitimiert werde, um sein nicht fern von hier liegendes großes Majorat zu erben. Deswegen ist er schon bei Lebenszeit nach Ostfrei gezogen, das seiner Frau verschrieben ist. Sie werden die Unglückliche sehen, die so gut ist, wie ein homerisches Weib, das seines Mannes natürliche Kinder mit solcher Liebe und Eifersucht, und solchem Neid und Gram erzogen, daß sie bald zu den Schatten steigen wird. Und stellen Sie sich vor, diese Unglückliche wird in weitem Kreise hiehin und dahin ~als wunderthätiges~ Bild geholt! -- eingeladen von Frauen schon oder noch wankender _Greluchons_. Und ihr Anblick, ihr Schweigen, ihre himmlische Geduld, ein leichtentschlüpftes Wort, ihr widerwilliges leises tiefes Aufathmen, das ein Seufzen oder Gebet schien, hat nach ihrem Abschied die verstocktesten, verblendetsten Männer ihren Frauen zu Füßen geworfen.
Trotz meiner Rührung freute ich mich; denn welchem Schwiegersohne kann man eine einschneidendere Warnung geben, als er that; und noch mehr dadurch, daß er mich darauf bei Tisch der wie vom Tode erstandenen blassen armen Frau gegenüber setzte, von der ich schon bei meinem heutigen ersten Besuch vor Jammer fast übereilt geschieden war. Er zahlte mir also schon Gold „auf den Schwiegersohn“ aus!
„Meine dritte Antwort an Sie wäre, fuhr er fort: Sie haben den weisen Vorsatz: Du mußt dir die Liebe der Geliebten gewinnen. ~Ohne zu lieben heirathen, ein dich nicht liebendes Weib nehmen, ist Todsünde~, weil es nicht das wahre göttliche ~Leben~ bringt. Liebe ist ja die ganze Sache dabei. Mit Begeisterung muß alles geschehen. Die Begeisterung ist alles selbst. Ob einander Liebende dann verstehen ~die Liebe zu erhalten~, das ist ein Anderes. Darum ist ein Herrnhutisches Losen und Gelost werden die Austreibung -- des höchsten Wesens! Darum ist Weibergemeinschaft: Erniedrigung unter den Elephanten! ~Nur Jüngling und Mädchen lieben einander mit der Liebe, die einzig den Namen Liebe verdient! Sie nur macht Weib und Mann glücklich, glücklich die Kinder. Nur unter Weib, Mann und Kindern ist Liebe~ -- gegen ~Andere alle~ ist nur: Agape, und von ihnen ist auch nur Agape zu verlangen, Anderen wohlzuwollen, wie sie uns; aber Niemand kann sich selber ~lieben~, also auch nicht ~alle~ Anderen. Aber alle Anderen ~lieben sich untereinander~, aber alle ~nur als Mann und Weib und Kinder~. Und das thut der Eisbär! Das, die Vögel alle in allen Nestern! Das, die Blumen und Blüthen alle! -- Das ist der Geist der Welt und ist das, was man sonst die Seligkeit nannte, aber was sie allein überall wirklich und ewig ~ist~. Andere sollte man nur agapiren ~wie~ sich -- aber alle Liebende lieben den geliebten Anderen ~mehr wie sich~! Die Schlange läßt das Leben für ihre Kleinen! Die Menschenmutter stirbt für ihre Kinder -- und mit Freuden! mit Freuden! Glücklicher kann der Geist der Welt in keiner Gestalt werden. Ich wünsche meine Tochter glücklich. „Darum, heißt es, soll Dich die Tochter ~lieben~; wenn der Vater, als Hausverstand sie Dir geben soll! Zwinge sie also dazu dadurch, daß Du ein Mann bist, durch alles was und wie Du da bist und was Du hast. Denn das alles eben bist Du. Nur hüte Dich, daß die Geliebte nicht blos ~Deine Liebe~ liebt, und sich Dir aus Rührung, Eitelkeit, Mitleid oder Weiblichkeit nur ergiebt. ~Ihre Liebe~ muß nach Dir heimlich weinen!“ -- Aber zu dem allen spreche ich, und gebe Ihnen ein Zeichen: Wenn Arminia zögert und ihr Jawort zu geben hinausschiebt, dann gerade liebt sie Sie. Denn jedes Haus und jedes Herz hat seine eigene Religion! Ich werde ihr von Ihrem gottseligen Vorhaben sagen, und wenn sie bei Tische nicht ißt -- dann trinken Sie auf meine Gesundheit! --“
VIII.
Verwickelungen.
.... Und ich konnte trinken! darüber trank mir wieder der schon innerliche Schwiegervater zu. Die Mittagstafel war aber zugleich Verlobungsfest der ~Afanasia~ mit dem Postsecretair ~Rheingraf~, einem allerliebsten jungen feingebildeten mit Sprachen und Wissenschaften reich versehenem Adligen, der sich der Einpferchung und Einstellung zum Schwiegersohn seines, an schönen und guten Töchtern, so wie an Gelde reichen Postmeisters, heimlich und glücklich entzogen hatte.
Eine Verlobung erregt anderer Mädchen Herzen, erweicht sie, zieht sie an, und macht sie handgiebig. Besonders wenn eine Schwester des Hauses Braut ist, oder gar geheirathet hat, dann sind alle leichter zu erwerben. Denn ein leiser Neid erweckt mit Recht ein Begehren nach den göttlichen Dingen. So auch hatten die Herren Referendarien, Candidaten und Offiziere heute das Leben sehr süß und hoffnungsreich! Aber da ich ihnen, durch Vater und Tochter gewiß schon als künftiger siebenzehnfacher Schwager im Herzen lebte, so war doch auf keinem der schönen Gesichter ein Zug des Neides, ein Zürnen über Zurücksetzung wahrzunehmen. ~Wie schön~, dacht’ ich, auch, wann -- ~Schwestern~, ein Haus voll, ~so einträchtiglich und gönnend~ bei einander ~wohnen~! Was für Arbeit und Mühe, Pflege und Lehren des Vaters und der Mutter stecken doch in Kindern, wie in einem Nelkenflor der Gärtner steckt. Nur unsere ~Brigitte~ aß auch nicht, sondern sah ihre Freundin Arminia mit den allerzärtlichsten, ja wirklich liebebeladenen Blicken an. Sie bewunderte sie; sie erblaßte und erröthete vor ihr, daß ich nicht wagte, das arme Häschen anzusehen. Aber wie zärtlich streichelte sie auch den sammtenen Kopf ~meines~ Hundes, der als ein stummer, aber gewiß tiefaufmerksamer Beobachter und Kundiger der Seele seines Herrn neben ~Brigitten~ saß! Versteht sich, auf der Erde. Der Psycholog! Der Herzenkenner! Konnte mir nicht eine Stimme vom Himmel damals zuflüstern, was später einmal der Weiberkenner Herr von Stifter mir sagte: „Liebende Weiber lieben alles, was ihr Geliebter liebt, sogar seine Geliebte. Sie allein finden den Weg: sich selber quasi zu lieben! Ja, im Morgenlande finden Männer-schwärmerisch-liebende ~Frauen~ zuletzt jedes schöne Weib zum Anbeten schön!“ -- Mir geschah nur, daß ich einen Augenblick denken mußte: „wenn Du ~Brigitten~ so aus dem Grabe gezogen!“ -- Darüber mußte ich wenigstens mit dem Stuhle rücken, um nicht gar aufzustehen. Da erblickte ich mir gegenüber die blasse unglückliche Frau von Stifter, und ich war vollständig retabliert. Fast ein jeder Bräutigam soll noch in der Entscheidungsstunde einen solchen ~Abschiedsanfall~ haben, wo ihm alles geschauete Schöne und Liebe noch einmal -- zur Prüfung -- vor Augen erscheint. Dann macht die Phantasie ihr Bilderbuch zu, und die ernste Liebe tritt heran. Denn die Liebe, sie, die allein wahre, die alles Leben hervorbringende, alles berauschende Glut aller Welt, ist das ernsteste und lebensgefährlichste Wesen zugleich. Verwandelt, zersetzt, zerstört und nur leise gekränkt, ist sie Gift und Tod, wie kein anderes Schrecken. Arminien betrafen meine Augen auf einem langen finstern wie recht zürnendem Blick nach mir. -- Das lobte mir Herr von Stifter, der heimlich mich gern rasch zur Verheirathung mit Arminien drängen wollte, mit den Worten: „Finstere Mädchen, lohende Herzen. Heiter lachende Mädchen machen finstere Männer. Ich möchte wohl wissen, worauf die Finstern so zürnen? Denn es ist keine Verstellung. Ich glaube, wenn ihnen ~ein Mann~ verkündigt wird, das ist kein Scherz!“
„Gewiß nicht“ sprach seine Frau gegenüber in ihrer Rede mit dem Nachbar, und Herr von Stifter ward über das unwillkührliche Orakelwort finster und stumm. Weil man ihn ~Barnabas Habakuk Gallus~ getauft hatte, deswegen war er ein Todfeind von Kalendernamen und hatte seinen Söhnen, nach Art der Alten, bedeutende und mahnende, nicht zu Tode abgetragene Namen gegeben, die ich über Tische im Gespräch von ihm nennen hörte: Ehrenfest, Wohlgemuth, Fürchtenichts, Freimund. Wie wohlthätig wären auch zeitlebens sie erinnernde Namen, sagte er, statt hohler unverständlicher, nichtssagender, heiliger, weil sie alte Schafe schon getragen haben; ~jeder besondere Mensch ist seinen eigenen Namen werth~. Doch still! Wo bliebe sonst das Brigittenfest etc.! Doch ernstlich, auch vom Kalender müssen wir uns emancipiren, besonders von Krebs, Scorpion; Zusammenkunft, Drachenkopf und Drachenschwanz, Erdfinsternissen; denn die Sonne wird nicht finster, und von den Schaltjahren! Ich sehe, Sie freuen sich über meine Söhne, die einen König freuen würden, die armen Menschen! Bei den abscheulichen unchristlichen Türken wären sie nach ihrem Gesetz ~Menschen, wahre Söhne, Erben -- ehrliche Leute~! bei uns über alle Türken bis zum Himmel erhabenen künftigen Seligen, gilt ihre Sohnschaft und meine Vaterschaft -- nichts. Welche Schande für alle Götter, selbst für die als albern bekannte Erde! die Türken ehren und achten jeder Mutter Kind dem andern gleich; jedes Frauenzimmer ist also bei ihnen in der Hauptsache emancipiert, und die ärmste Schöne kann Kaiserin werden, und Mutter sein mit Ehren und ~mit Gerechtigkeit~. Dort ist, Gott sei Dank, kein unschuldiges Kind, kein Fehlender ~mit dem Fehler~ verachtet.
Jetzt wurden Gesundheiten getrunken und wir alle sammt und sonders auf Sonntag über acht Tage zu Afanasia’s Hochzeit geladen.
Mit einem eintretenden Bedienten war Arminias Reh mit hereingekommen, und wollte den Braut-Strauß von Afanasias Busen sich kapern, aber er war zu fest, dagegen erwischt’ es Arminias Strauß. So ein Thier! ~Sie ließ ihm die Blätter, da es die Blumen zerrupft hatte~. Das war ein Characterzug, den ich mir merkte.
Meine rechtschaffene Mutter zog eine traurige Miene zu dem Orakel. Wir hatten sehr lange getafelt, und als wir im Begriff waren aufzustehen, meldete der Bediente dem Verlobungsvater, den Herrn von Rizzi. So blieben wir noch an der splendiden Tafel sitzen. Denn mein gewünschter Schwiegervater sprach: Ach, mein eigener, oder mein Stroh-, Hafer- und Heufreund, der redliche liebe Postmeister vom alten Geschlecht der Rizzi!
Der lange hagere feingebildete Mann trat ein und überschaute sein Unglück.
Wahrscheinlich in seiner letzten Angst hieher nachgefahren, um noch geheim ein Wort an ~seinen~ Rheingraf zu verlieren, hatte er sich hinter das Heu versteckt, das er zu handeln kam; und wohl empfangen als gütiger braver Mann und Duzbruder aller Welt, mußte er sich jetzt der Fräulein Afanasia als eines Rheingrafens verlobter Braut vorstellen.... sich mit seinen fünf Töchtern zur Hochzeit einladen lassen, und des „überraschendrasch“ verlobten Brautpaares Gesundheit in, ihm wahrscheinlich wie pures bloßes Wasser oder bittere Tisane schmeckenden Champagner trinken. Denn mein Nachbar von Stifter machte mich aufmerksam, daß dem Herrn von Rizzi dabei die Thränen im Auge standen und hatte die Worte gehört, die er beim Niedersetzen dem Brautvater zugemurmelt: ~Dir~ kann niemand etwas verdenken! Du hast angeborene vielfache Vorrechte vor uns allen. Du bleibst dennoch uns andern Vätern allen der liebe Leidenstrost, die lebendige Altar- und Taufstein-Hoffnung! Meine Paar Rizzi’s werde ich vor meiner Ruhe schon noch an ~Folgende~ anbringen. Denn hoffentlich wirst Du nun deinen Rheingraf poussiren; ich gratulire Dir also von Herzen! denn eines rechtschaffenen Vaters Noth ist groß, die fahren sechs Beiwagen nicht!
Darauf trank er ein „~Hurrah~“ dem Rheingrafen, Herrn von Postmeister! -- wie er sich in seiner sich sedimentirenden Verlegenheit noch versprach, statt dem Postmeister, Herrn von Rheingraf.
Aber -- kein ~Hurrah~ im gebildeten Europa! sagte höflich der tapfere bildschöne Offizier von P....., nachdem Herr von Rheingraf sich für die Gesundheit bedankt; ~Hurrah~ ist von Praga und Suwaroff her, ein garstiges russisches Wort! Hurrah ist auch ganz unverständlich, ja eine zu freimüthe Assonanz, ganz unaussprechbar vor manchem „hohen Balkone,“ ~wie Schiller sagt~. Dieses schnarrende, trommelnde Wort ist das offenbar allein unedle von unserem ganzen Soldatenleben. Ich bin kein Sprach- sondern ~Herzens-Purist~! Wir Deutschen haben ja unser schönes ~Glück auf~; oder klingt das zu unterirdisch, oder wie der Wunsch: Glück ~aus~, so haben wir das: ~Glück zu~: oder das „Heil“; gewiß aber immer das schöne „Lebe hoch“ -- hoch, hoch in allen Lüften! was -- Viele so Vielen wünschen. Aus wohlmeinendem Scherz tranken nun alle dem Herrn von Rizzi ein Glück ~zu~.... (zu ~was~, das ward nur angedeutet) und noch Eins und zum dritten und letzten Mal Eins, dem ganzen Geschlecht der Rizzi; wofür er sich, als aus Italien stammend, aber der Italienischen Sprache vergessen, sich für uns zur innerlichen Freude überaus feierlich bedankte.
Der gute Vater weinte aber, da er seinen einzigen unvergeßlichen Sohn verloren, und wir küßten ihn ruhig.
Nach aufgehobener Tafel zerstreuten wir uns in den Garten, und das junge Volk entwickelte und sonderte sich allmälig in Paare und entfernte sich im Gespräch. Aber alle wandelten wir übersehbar im Schatten der Bäume; und auf dem weiten Wege im Kreise begegneten Alle in kleineren und größeren Zwischenräumen Allen. Das nannte Herr von Stifter eine große Liebespolonaise. So war ich zuletzt mit Brigitten und Arminien allein stehen geblieben. Die Freundinnen führten sich jetzt, so daß ich bald dieser, bald jener zur Seite gehen mußte. Als wir aber zu den beiden jungfräulichen Wittwen, zu Antonien und Augusten gekommen, die, ihre verlobte Schwester Afanasia in der Mitte, im heimlichen Gespräch auf einer Gartenbank saßen, und leise Brigitten winkten, beurlaubte sie sich von mir; die drei Schwestern standen auf und alle Vier gingen weit hinter nach dem Gartenpförtchen. Der Bräutigam wollte ihnen folgen, aber Afanasia bat ihn zu bleiben.
Ihre Stimme klang wie eine Geisterstimme, sprach ich zu Arminia. Eine so betretene Braut habe ich kaum gesehen! Wenn sie über Tisch ihren Bräutigam anblickte, verwandelte sich ihre Farbe in Blässe. Daß Antonie, daß Auguste heute aus Erinnerung ihres Glückes, oder -- verzeihen Sie -- ihrer todten Männer, zu keiner Freude kamen, oder vielmehr erst recht in Trauer versanken, das finde ich so wahr und treu und lieb, daß es mich selbst innig gerührt. Aber ~Afanasia~ -- -- doch ich habe kein Recht zu fragen und wünschte es so -- so -- so über alles in der Welt, denn nur ein....., ach, kann es mir geben!
Wer? fragte Arminia.
Und auch ich mußte es ihr sagen: ein Engel, eine Göttin, meine Göttin.
Und sie freute sich ächtweiblich. Und warum soll ein schönes Mädchen nicht auch hören, was sie ist! Denn ~der tiefsten Wahrheit~ gemäß, ist ihre Gestalt ja eben nicht erst so lange vom Himmel, ist auf Erden das Schönste -- und bleibt nicht so lange, wie ja die Sonne weiß. Auch flüsterte mir Herr von Stifter bei Tische ins Ohr: „Es ist doch von Dalailama und allen Petern unläugbar: ~Kein Mann von allen möchte einen Geist heirathen!~ Kein Geistlicher selbst! Säßen diese schönen Jungfrauen hier alle ~als Geister~ -- hui, wie nähmen die Herren alle Extrapost und Courierpferde bei Nacht und Nebel, kämen nie wieder, verwünschten das Schloß und sprächen: darinnen spuckt es! Also was zu beweisen war, also heirathen alle Männer: ~Leiber~, wo möglich mit Geist, aber wenn nur ~mit Liebe~, vor allem gern ~schöne~ Leiber, und solche, die Weiber heißen und sind.“ -- Darauf ließ er mich die schönen Mädchen alle bewundern, besonders Brigitten und ~Arminien~, wozu ich schon vom ~Himmel~ am Probegrabe Gelegenheit gehabt.