Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle

Part 4

Chapter 43,651 wordsPublic domain

Uns nimmt der Himmel alles Liebe und Gute; nun auch meine einzige beste Freundin Arminia! sprach sie zu mir mit jener ~Ergebenheit~, welche weit über alle Schicksale, Entbehrungen und den bittersten Mangel erhaben ist, und statt ~Ergebenheit~ einzig richtig nur „freies Bewußtsein, reiner Göttergeist, Herrschaft über die immer unsichere unvergänglichen Erscheinungen“ heißen sollte. ~Aber~ es glühte, oder ~doch~ glühte in ihrem Wort eine Neigung, eine Gunst und Liebe zu ~dem~, ~was~ ihr der Himmel alles genommen, daß sie es mit Entzücken und Jubel wieder empfangen hätte! ~Dieser Widerstreit~ im Geiste, oder diese doppelte Eigenschaft macht alle Seligkeit und alle Schmerzen der Liebe, kurz, den Inhalt des ganzen menschlichen Lebens aus. Daher war mir ohngefähr so, als wenn Jemand des Andern warme Hand in seine Hand nähme und auf meine bloße Brust legte; aber der Jemand zuletzt mir eine eigene Hand daneben sogar ~auf das Herz~ legte, als Brigitte leise mir anvertraute: Arminia wird nicht mehr aufstehen, und immer darf ich es sagen: „~Ihnen hatte ich sie zugedacht; als das Beste was ich kenne~, was ~mich~ am liebsten hatte, und was ich“ --

Die kleinen Hände verschlossen wieder den Heiligenschrein mit dem Mund der Liebe; und die braune Gestalt knieete zu ihrer Freundin, beugte sich über sie, schwebte mit Augen und mit den halb ausgebreiteten Händen über ihr, dann mit der Stirn auf ihrer Stirn ruhend, nahm sie Abschied und schlich hinweg.

Warum kommt nun ~in einen Mantel~ verborgen, wie in ein Nachtgewölk verhüllt, uns Sprache, Worte und Geist der Liebe so geisterhaft vor? Was hat die schöne ~Gestalt~, die Menschengestalt, was haben Füße, Brust und Hände, was hat sogar das Antlitz und seine Sterne, die Augen, was haben sie so Gemeines, Alltägliches -- daß wir sogar über ~Kleider~, ja über eine ~Haube~, das Weib, die Seele vergessen! Oder wissen das die Weiber? und treiben sie durch Putz und Lappen und Bänder und Schnüre Spott mit dem Himmlischen -- um das Himmlische alltäglich, umgänglich, angreifbar zu machen? oder den Kindertand himmlisch und ewig! -- „Schändlich! Räthselhaft!“ sprach ich dem verschwebenden ~Mantel~ nach, welcher allein mir jetzt die ganze Brigitte schien! Doch wenn ich zuvor durch des Pastors Kanzelwort „von der Heirath zur rechten frühen Tageszeit“ ein Verständniß desselben mit meiner rechtschaffenen Mutter, oder eine Mittheilung anzunehmen mir erlauben durfte; wenn mir Brigitte, als Vermittlerin, noch mehr Gedanken machte, so lag doch die vom Blitz Getroffene, die Begrabene, außer aller Berechnung. ~Der Himmel conspirirt nicht~; er hält auch keine Conferenzen, und verfolgt keinen, der seine Geheimnisse verräth.

Vor Trauer und Regen hatten sich die Schwestern verloren, um sich ihr Leid zu klagen, zu hoffen und zu fürchten. Die Diener waren in Geschäften; nur die treuen Hunde hatten sich wieder als Wächter der Begrabenen eingefunden; Arminia’s Reh kam auch, umwitterte ihr so stilles stummes Gesicht, schüttelte die silbernen Schellen am Halsband von Silbertressen und legte sich ihr dann zu Häupten. Herr von Sangallo war in den Gartensaal gegangen, wo ich ihn von weitem durch die hohen offenen Glasthüren, unter dem großen Spiegel mit goldenen Rahmen, auf einem rothen Sopha sitzen sah. Ich ging zu dem armen Vater. Eine bange Stunde mußte entscheiden. Die wollt’ ich ihm überstehen helfen.

V.

Die Vorstellung.

Er blieb sitzen, als ich eintrat. Ich verneigte mich vor ihm, wie man es vor dem Unglücklichen aus Ehrfurcht und einer heimlichen Scheu thut, indem man in ihm den Träger, Leider und Darsteller einer gar nicht zu verachtenden, wenn auch meist unerfreulichen Macht sieht; und wahrlich eben sowohl ~diese Macht bedauert~, als ihren Schauspieler. Und die Macht wird nur in unserer Seele vom Hasse los, sie wird gleichgültig, ja sie wird etwas werth, wie Eisen, daraus ein Meister ein angenehm schönes Kunstwerk, auch nur eine Spielerei gegossen; oder wie ein tückischer Strom, woran ein Kind ein Glockenspiel aufgestellt -- und die Glöckchen klingen! sie spielen gar:

„Freut euch des Lebens!“

So geschah mir vor dem, noch schönen ernsten Manne; ein Mann von 50 Jahren, dem Leibe nach, dessen Geist aber heute so alt und gefaßt und ruhig wie die Welt, die schweigsame Welt schien. Denn er lächelte. Er reichte mir die Hand und „nannte mich bei Namen“ wie Homer sagt. Ich nannte ihn aber nicht bei Namen, um ihn nicht aufzuwecken -- wie einen vor Schmerz jetzt Mond- oder Sonnensüchtigen, dessen Gefühle und Gedanken durch alle Himmel schweiften und nach allen Ursachen, Geheimnissen und Seligkeiten forschen und verlangen mochten.

Er deutete mir, mich zu ihm zu setzen. Er holte tief Athem. Lange darauf erst sprach er unter dem leisen Donner: „Welches große, durch Endlosigkeit grause ~Muß~, das da Welt heißt, das vielleicht in einer fürchterlichen Einsamkeit so hangen und weben muß! Das nie auf seinen Tod hoffen darf, wie doch wir, die wir.... einzeln.... nacheinander.... ihn ~für~ dasselbe sterben. Und so quält es sich selbst, ohne alles andere mögliche Ergebniß ab, als daß es sterbend, verwandelt, so fort ~lebt~! ~O wie heilig ist das Leben!~“ Mir ist heute und vielleicht auf immer der Humor zerstört, dieser ~süße~ Duft aus bitterem Aloeholz; das höchste Rauchopfer, das wahrsagende singende Kind aus dem Zauberkessel! Ich gedachte jetzt an das, was mir einst mein Lehrer -- der jetzt noch sogenannte, aber dem Blitz und Donner und allen Sternen unbekannte, äußerstgeheime, verborgene Oberconsistorialrath _X...._, dem ich die Paulus’sche Ausgabe des Spinoza brachte -- heimlich in der Laube seines Gartens sagte, als höchsten Lebensrath: „Thue alles; nur nimm kein Weib!“ -- Damit meinte er sein ~treuloses~ Weib -- also ~kein~ wahres Weib. Ich wußte sein Leid. Treulosigkeit ist Lieblosigkeit; ja, Untreue mag einem Weibe darum noch angenehm sein. Die einmal ~so~ Leichtsinnige, wird sich vielleicht auch leichtsinnig trösten; aber dem liebenden Manne ist mit ihr alle Schmach, Schande, alle tiefste Verachtung angethan. Und warum ~ihm~? Er hatte dieselbe Schmach einem Andern angethan. Schlimm, wer ~Vergeltung~ zu fürchten, ja zu hoffen hat, daß seine Seele Ruhe gewinnt; denn die Vergeltung kann nie ausbleiben. Wenn sein Weib auch nichts davon wußte, Er wußte es; Er war kein Mann, der sein Leben ursprünglich vom wahren allein gesegneten Anfang mit seiner Frau angefangen hatte. Das ~Leben zusammen~ rein und freudig anfangen, das allein ist der hinlängliche feste Grund zur Ehe. Allen andern ist die Möglichkeit zur Ruhe und Glück voraus schon abgeschnitten. Ich bin strenger, als alle Stoiker und möglichen und gewesenen Sittenlehrer, nur aus Seelenkunde, ja aus ~Chemie~! Auf welche, welche erstaunende Reinlichkeit muß der Scheidekünstler halten, der viel richtiger ein ~Verbindungs~künstler heißt. -- Ich nun, ich hatte das Leben, die Ehe, mit meinem Weib rein und ursprünglich angefangen -- mein treues Weib, die unabwehrbar fleißige Hausfrau, die liebende Mutter ist rein wie ein Engel von mir geschieden. Das heimtückischeste Unglück hat mich glücklichen ~Mann~ nicht getroffen -- auch pries ich mich als den glücklichsten ~Vater~: ~mir war kein Kind gestorben~! Mir verlief die Natur nach ihrem Gesetz: „~die Eltern sterben vor den Kindern~.“ Aber wie wahr sagt der in allen andern so ungewöhnlich glückliche, in den Hauptstücken des Lebens, an Weib und Kind aber unglückliche Göthe aus tiefer Brust ein Wort, wie aus der Brust Gottes als Stimme des Weltalls:

„Ein jeder hat, er sei auch wer er mag, Ein letztes Glück und einen letzten Tag!“

Ich habe ~mein einziges~ Kind verloren: ~ein einziges~ Kind. Nur ~sie~ war sie. Keine gleicht ihr nur, Keine ersetzt sie. ~Sie~ ist hinweg! Schneiden Sie Jemandem nur eine Zehe, einen Finger weg, er fühlt nur die schmerzende Stelle, keinen der gebliebenen Finger. Ein Vater hat für jedes Kind ein ganzes Herz, die volle Liebe! Das ist für alle meine Töchter so wahr, daß ich einmal ganz überrascht wurde von einem aus der Türkei zurückgekehrten Freunde, der behauptete: „So kann ein Türke -- also auch ein Mann, ein Mensch auch seine mehre Weiber lieben, und alle mit ganzer Liebe! und sie alle nur ihn.“ Aber wir Deutschen haben nicht Wörter genug, um, wie Blumengeschlechter, alle Gattungen der Neigungen des Herzens zu unterscheiden, und stecken alle im Rummel in den Sacknamen „~Liebe~.“ Glauben Sie, ich ehrte meine Töchter, weil sie wie wandelnde Gefäße der ~höchsten schönsten~ Glut, der seligsten und beseligendsten fähig sind. Und Arminia ist dahin. ~Der Mensch soll auch, was er liebt, noch beweinen, noch beklagen, um die ganze Wunderbarkeit und Ewigkeit desselben, seinen ganzen Himmel sich aufzuschließen.~ Wir haben schon die Priester der künftigen Welt. In welchem alten Buche, in welchem Gesangbuch stehen da Worte, wie Schillers heiliges Machtwort in dem himmlischen Requiem über alle Todten; wie der aus der Messe seliger Geister tröstliche Text für alle Welt, (da Jedem sein Tag kommt) wie das göttliche Wort:

Laß rinnen der Thränen ~vergeblichen~ Lauf! Es wecke die Klage den Todten ~nicht~ auf! Das süßeste Glück für die trauernde Brust Nach der schönen Liebe verschwundenen Lust Sind der Liebe ~Schmerzen~ und ~Klagen~. --

Und nun weinte er bitterlich hinter seinen Händen.

Was war da zu sagen? Was an dem Mann zu trösten, ~der auch die Leiden der Liebe als Leben erkannt~, als zuletzt jedes Menschen stilleres inniges Leben! Ich lernte an dem Manne künftige Fassung. Es gereute mich nicht, ich gelobte mir, es nie zu bereuen: nach Deutschland gekommen zu sein.

Darauf kamen einzeln seine Töchter um ihm Bericht von Arminia abzustatten. Er fragte jede nur stumm mit den Augen. Aber jede bewegte nur leise das Haupt zur Verneinung, und faltete die Hände. Ehe sie sich dann setzten, nannte er mir nur jede bei Namen. Und so erschienen, nach und nach in Zwischenräumen: eine schwarzhaarige ~Adda~ -- eine blonde ~Adelheid~, eine braune ~Alma~, eine gedrungene ~Aurelie~ -- eine schlanke ~Amalie~, eine glutäugige ~Anna~ -- schwebende ~Angelika~ -- feurige ~Armida~ --; dann eine hagere ~Alexandra~ -- blauäugige ~Alwina~ -- kleine ~Armgard~ -- hohe ~Adele~ -- sanfte ~Agnes~ -- lockige ~Apollonia~ -- dann die ~jungfräulichen~ Wittwen, die Sympathievögel ~Antonie~ und ~Auguste~, in der Mitte die bräutliche ~Afanasia~. Bei ihrer Verschiedenheit an Haar, Farbe, Gesicht, Augen, Mund, Wuchs und Gang, Charakter und Stimme, drängte es sich auf, daß in ihnen viele alte Großmütter und alte Muhmen wieder auf der Welt erschienen waren, um sich aufs neue umzusehen! Die Heimlichkeit des Ortes; die blassen Gesichter, daraus nur Augen sich zuwinkten; die Stille; das bisweilige Flüstern, das eintönige Tröpfeln des Regens auf die Blätter der hohen Bäume; dann wieder ein leises Murren der Wolken, die wie berauschte oder gutmüthige Wahnsinnige im Schlafe murmelten; ein rosiges Aufthun des ganzen Himmels; Schrecken in den Gliedern, den Tod im Sinn, und selber die ~Verdoppelung~ aller Gestalten in dem deckenhohen breiten Spiegel -- dem foppenden Echo der Augen, wie das Echo der redende Affe der Natur -- das Alles machten uns alle zu Traum und zu Bild, das in der traurigen düsteren Stunde bis zum märchen- und fabelhaft Wahrem nachdunkelte! O wie unendlich Süßes und Schönes giebt diese vergänglich gescholtene Welt zu fühlen, zu leben, zu sein! Und nur weil sie vergänglich ist, kein starrer Himmel.

Jetzt rief ~der Kukkuk~ auf den Bäumen über uns. Und der Vater sprach: Ich nehme alle Zeichen der Natur nicht als Orakel, aber als Mahnungen stets ~mir~ an. Mir fliegt keine Biene, daß ich als Mensch nicht aufgeweckt zu meiner Arbeit eile. Gehen Sie, lieber Nachbar, sehen Sie noch einmal nach; dann wollen wir das liebe Kind bis zu seiner Ruhe bei uns bewahren.

Ich ging in meinem Mantel. Aber ich fand, daß der Regen ganz aufgehört hatte. Die Sonne brach durch die zerrissenen Wolken, die noch wie wunderliche Thiere über den Himmel zogen. Bei Arminia lagen die treuen Hunde noch wachsam, sahen mich an, setzten sich auf und schüttelten sich den Regen ab. Das Reh lag noch auf ihren Kleidern und blickte mich an, aber stand nicht auf. Nur von einer Fingerspitze hatte, wie von einem weißen Keime, der Regen die Erde abgespült. Ihr Gesicht überflog die hervorblitzende Sonne. Aber da zuckte kein Auge, keine Lippe! So niederblickend, und mit dem allerhöchsten bitterwonnigen Gefühle der ganzen Natur „das Schöne todt zu schauen“ ganz überladen, wie die Blumen umher von Gewitter-Ichor, zuckten meine Augen kaum von einem plötzlich niederfallenden Blitz; aber von dem herniederstürzenden Donner, krachend als bräche der ganze Himmel ein, knickte ich wie ein Rohr, und fiel auf meine Kniee. Der Schooß der Erde hüpfte von der Erschütterung ordentlich auf, und ein Zittern lief durch die Glieder der heiligen Mutter. Ich besann mich wieder durch das plötzliche Aufflammen eines Strohdaches mit Fischernetzen am Ufer des See’s. Aber -- vor mir fuhr die nackend Begrabene empor! Ihre Hände langten über ihr Haupt, wie in die rollenden Wolken hinauf. Sie saß. Die nasse Erde fiel ihr von Hals und Nacken und Schulter und Brust in den Schooß. Vor Erstaunen, das noch nicht Entzücken zu werden vermochte, starrte ich sie an. Ihre Augenlieder bedeckten noch die Augen und zuckten.... ihre Lippen zuckten; ihre Wangen überströmte eine Rosengluth; auch ihre Stirn ward wie sonnenabendroth, ihre Gestalt zitterte; die wie nach mir ausgestreckten Arme bebten, daß die Steine der Ringe an ihren Fingern im Sonnenstrahl blitzten wie Thau. Ich griff ihr unter die Arme, ich hob sie an meiner Brust aus dem Grabe empor. Sie ruhte an mir wie ein verschlafenes Kind, das aufstehen soll zu einer Reise, und legte den Kopf auf meine Schulter. So, mit ihr stehend, löste ich das Schloß des Mantels, umhüllte sie allein damit, und befestigte das Schloß ihr unter dem Halse. So hielt ich die Wankende, die ohne mich gefallen wäre, während das Reh an ihr heraufsprang, und die Hunde sie wie rasend vor Freude umbellten. Jetzt schlug sie die Augen auf. Welcher Gestirne Aufgang ist irgend wo schöner in der ganzen Welt!

Wie die Schaar Nereïden, umgaben uns die herbeigesprungenen Schwestern und drängten mir die Schwester ab. Arminia! -- Arminia! -- Arminia! rief es, sie weckend, sie ermunternd und ermunternder. Sie wandte die Augensterne nach ihnen; aber ihre Lippen konnten nur zucken.

VI.

Die jetzt verführte Jugend.

Sie wollten sie fortführen, aber sie war noch fühllos wie ein Kind, das zum erstenmal wagen will ein Schrittchen allein zu thun. Endlich kam der Vater -- wie er meinen mochte ~herbeigestürzt~; aber er konnte kaum die Füße heben, wie ein alter schwacher Greis, und mußte noch auf dem kurzen Wege vielmal stehen bleiben, Athem schöpfen und ausruhen von der himmlischen Müdigkeit. „O würde doch allen Armen und Unglücklichen auf der Erde vor Freude der Weg so sauer! Müßten sie doch solchen Athem schöpfen! Gingen sie alle doch einem solchen Glücke entgegen;“ sagte mein Pastor Doctor Schleyerlöser, als ich ihm des Vaters Gang erzählte. Meine rechtschaffene Mutter schenkte ihm für diesen Regentenwunsch einen fetten Ochsen, den er -- redlich unter die Armen vertheilte. Auch das Geld für das Leder. Nicht die Zunge hat er behalten. _Stupor in -- gentibus!_ auf Deutsch: ein weißer Sperling unter den schwarzen oder schäckigen.

So eilte der Vater herzu. Sie machten ihm Platz und reiheten sich zum schönsten Spalier in der Welt! Sie riefen: der Vater! der Vater! Sie starrte hin. Er nahte. Sie war nicht gelähmt, sie lief ihm entgegen! Sie war nicht stumm geworden: sie rief: „Mein Vater! mein Vater.... o mein Vater!“ Der Vater konnte nicht sagen: O mein einziges Kind! Aber er schloß sie in seine Arme.

Da brachen alle in Thränen aus! Da waren alle -- was man sonst Engel nannte --: selige Geister in Wundergestalt! mit Haupt und Haar! Denn nicht das Unglück rührt am tiefsten, wie unser biedere, auch an Geist colossale Rückert sagt; denn das Unglück ist der Abscheu, das Unwürdige, das verhaßte Ungethüm der Natur. ~Das Glück~ erhebt uns zu Göttern, in unsern wahren Stand! Nicht das unermeßliche Unglück der Deutschen in dem Kriege für die Freiheit der Könige rührt uns so. Aber wenn ich Varnhagen’s kostbares „Leben Blüchers“ lese, und dahin gelange, wo Blücher nach England kommt, und er vor Freuden über das Glück von den Menschen fast erdrückt und zerzauset wird. -- ~Da schluchz’ ich~ vor unermeßlicher Wonne! Denn doch die Ehre, das Bewußtsein der Kraft haben wir Deutschen wieder; und das ist, ~das erwirbt alles~.

So vor Freude weinend führten sie mir den Vater mit der Tochter in das Haus. Der Himmel glänzte wieder blau und klar -- der Schelm! -- die Vögel sangen wieder, der Kukkuk rief. Eine Schaar Studenten, die im Gasthaus den Regen verpaßt und vertrunken, jetzt wieder flott hinaus auf ihre Pfingstreise ziehend, sangen auf dem Wege längs des Gartens vorüber. Und süßer wie dem Freiheit liebenden Volke im Theater nach des Landvoigts Falle der Gesang der fahrenden Bettelmönche ertönt, ertönten mir aus ihrem Liede mit unvergleichlich schöner Melodie gerade jetzt die Worte:

-- -- -- „auf’s Wohlsein deiner Schönen, „Die deiner Jugend Traum erhellt!“

Mir -- schwebte dabei Arminia vor. Ich hatte, wenn auch wie im Traume, im Eifer der Rettung genug gesehen, um mir entweder überhaupt ein Weib zu wünschen; oder insonderheit dieses wider Willen bestaunte schöne Wesen zum Weibe. Das konnte mein summendes Haupt nicht unterscheiden. Den väterlichen Befehl zum Heirathen hatte ich in der Tasche, was ich merkte.... da ich wirklich danach fühlte, um ein Zeichen vom Himmel, _à la Sangallo_, zu haben: ob höchst derselbe vielleicht auch meinte -- (ich hatte gestern erst vielleicht die aufrichtigste kleine Schrift über Göthe gelesen) -- daß ich „~diese Person~“ heirathen solle, wie er seine todte Frau im Wagen genannt, und sie auch „nach Hause fahren“ solle? So kann Ich jetzt nur schreiben. Damals konnte ich nicht so denken. Denn Brigitte, die mich allein stehen und nicht folgen gesehen, kam zu mir und führte mich ganz Betäubten.

Ach Gott, sprach sie, hätte ich Ihnen nur vorhin nicht die Worte gesagt! Vergessen Sie alles! Ich bin außer mir! Das trübt mir die Freude darüber, daß sie wieder lebendig ist. Wir haben uns so lieb; wir gönnten Eine der Andern das Herz aus dem Leibe. Aber die Liebe verräth sich nicht! Sie ist der Jungfraun Geheimniß -- und das Räthsel der Andern!

Ich beruhigte sie damit, daß ~ihr Gönnen~, ja keine Gewalt über ihrer Freundin und Niemandes Herz habe! Sie lächelte mich noch geschwind dankbar an, und wir betraten das Haus. Der Pastor kam uns mit meiner rechtschaffenen Mutter entgegen und sagte: „Ich habe uns beurlaubt! Heilige Feste, ich meine alle, soll und kann nur der Mensch in seinem Hause feiern; sie leiden durch die Prostitution, das heißt hier: wenn sie ~Vorstellungen~ für Andere werden. Wir Anderen sind ja so glücklich, daß unsere ächten Erben nicht vor Zeugen müssen geboren werden; unsere Lieben nicht vor Zeugen sterben müssen; wir sind der _chambre ardente_, der Beilager, der öffentlichen Bewillkommung unserer Lieben in Gnaden überhoben; wir dürfen nicht erst beweisen, daß wir umarmen und weinen können. Der Vater Sangallo bat uns kurz, morgen zum Mittagsessen und Trinken wiederzukommen. Den Herrn von Hase sollen wir ja mitbringen, Fräulein von Hase! Arminia ist im Bade und wird von den Nereïden bedient.“

Brigitte sah mich leicht an, und sprang zu ihr in das Bad. Ein vornehmes mir fremdes Fräulein brachte mir meinen Mantel, in den ich mich mit süßem Schauder hüllte, als würde ich ~die Prinzessin mit der Schwanenhaut~! Ich dankte ihr überaus beschämt vor ihrer Herablassung. Sie ging. Der Pastor lachte und sprach im Fortgehen zu mir: Herr von Heiligenhahn kennt zwischen den Frauen keinen Unterschied. ~Jung~ ist einmal jede. Schön, wohlgekleidet will jede sein. Und so gehen die dienenden Mädchen in seinem Hause wie arme Prinzessinnen; alles schön in ~Form~, rein, solid, nur ohne falschen Schmuck, und vom Stoff ihrer Kleider kostet die Elle zehn Kreuzer. Er statuirt nur einen Beutelunterschied zwischen den Mädchen, der denn wirklich existirt und groß genug ist. Alle andern Naturrechte und Menschenrechte und Ansprüche auf Freude an sich und der Welt gesteht er gerade erst recht allen armen und allgemeinen Volke zu; gesteht er ihnen zu -- als Wundern Gottes. Er sagt laut, ~man muß auf alle mögliche Art das Volk heben~, daß es die falschen niederträchtigen Ehrfurchten verliert, damit es die Hochträchtigkeit verliert, wenn Albernes, Hohles, Verderbliches ihm nicht hoch, sondern ausrottungswerth erscheint. Er sagt: es ist möglich, daß ein ganzes Volk blos an Rang- und Titelsucht untergeht, zum Beispiel, das deutsche; wenn selbst die besten Männer, das Salz des Volkes, für einen Titel oder Orden von Gesinnung und Gott abfallen. Doch man kennt jetzt die Wege des Herrn. Mit Erkenntniß und Urtheil ist allem Volke geholfen.

An der Stiege zum See holte uns der Noth-Doctor Salomon ein. Geschwind nehmen Sie mich mit, forderte er mehr als er bat. Ein neues Unglück oder Glück!

Nun? fragten wir, schon fahrend.

-- Der Betjunge ist auf der Hinfahrt ersoffen! Er hat aus dem Kahn einen großen Karpfen richtig ergriffen, aber das Uebergewicht verloren. Der geistliche Herr hat, nach seiner Art Todte zu retten, nur den Ersoffenen erwischt. Dem soll ich nun ~eine neue Seele~ einblasen! Wenn das jetzt möglich wäre, dann wäre ich über alle Potentaten. Wie sich der Vater und die Schwestern bei mir bedankten -- bei mir Naturpfuscher! Bei der Natur hätte man sich nur für ihre Eigenschaften bedanken sollen, so wie der Inhaber einer Nase dafür, daß sie riecht, und dergleichen. Doch dergleichen kommt aus der Mode. Hier die 100 blanken Dukaten habe ich dafür, daß ich die Satyre auf den Tod --: das Begraben als Mittel wußte, und daß es anschlug, nämlich daß es wieder einschlug! Das war ~mein~ Glück! Die Natur verklärte mich! ~Sie zeugte für die Wissenschaft!~ Der Vagabundus hat nun ~historisch~ das Wunder an Arminia nicht gethan, und prostituiert, wird er nun wohl nach Tyrus und Sidon entweichen! Nur der arme verführte Junge thut mir leid. Darum geschwind!

Gott, wozu wird jetzt die Jugend gemißbraucht! seufzte der Pastor. Klage Jemand noch Zigeuner und ~Englische~ Bereiter an!

Er und ich halfen nun rudern bis zum Angstschweiß. Der arme Junge lag in meinem Dorfe im geöffneten Spritzenhause. -- Er blieb tod. Seinem Führer mußte eine Erleuchtung gekommen sein: er hatte sich in der Nacht ersäuft, wie die Teichwächter sagten.

Am andern Tage zu Mittag standen wir wieder in der Halle von Westfrei. Diesmal der arme Herr von Hase, in seinem letzten wohlausgebürsteten Rock mit uns.

VII.

Der Vater und das Kinderhaus.

Herr von Sangallo in der Mitte der beiden jungfräulichen Wittwen empfing uns sechs Gäste. Brigitte nahm sogleich ihr Väterchen in Beschlag; die zwei Töchter, meine Mutter und die Frau Pastorin, um sie zu Arminia zu führen. Der Schulmeister ward gebeten, das Pianoforte zu stimmen; der Pastor hörte von angekommenen Candidaten und ging sie aufzusuchen. Ich bat meinen Nachbar Sangallo, mir bis zur Tischzeit sein Haus zu zeigen.