Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle
Part 2
Ich will aber nicht „jungstillingen“ oder „justinuskernern“, sondern wissenschaftlich reden und sagen: meine Mutter übergab mir einen Brief meines Vaters, in welchem sein Geist abgedrückt, eingeschlossen gelebt, und jetzt auferstehen wollte unter der Sonne. Auch mein Pastor, _Dr._ Schleyerlöser, kam dazu, sah mich ~mit dem Briefe~, wie ich ihm sagte, ~aus der Unterwelt~, in der Hand und sprach: „die Wilden, die Naturmenschen haben von allen Dingen die richtigsten Begriffe, kurz, bündig, poetisch und wahr. Poesie und Wahrheit wird nur von Kindern und kindlichen Menschen durch ungetrenntganze ungeheure unbewußte Kraft verbunden. Ist den Wilden ein Brief -- ein Geist, so ist auch nichts wahrer als die Auferstehung! Und Homer, König David, Moses, Sophokles und Hunderte sind alle wahrhaft Auferstandene. ~Die Geistlosen bleiben im Grabe.~ Und so nur sind die Auferstandenen noch etwas nütze den Andern, und also auch nur vor ihrem Tode: sich selbst. Was Ihr guter Herr Vater aber selbst indessen wohl machte und dachte? Und ob er was machte und dachte? Wahrscheinlich Etwas! Da Ruhe der Tod ist, Geist aber Leben; und die Welt wirklich ruhig machen wollen, hieße: ihr den Geist abzapfen, beschwören, den Geist todtschlagen.“ -- Ich war sehr gerührt, beinahe furchtsam, und _Dr._ Schleyerlöser setzte hinzu: „Lassen Sie Ihren Herrn Vater auferstehen in sich! Nur ~durch~ die Lebendigen stehen die Todten auf, und nur ~in~ die Lebendigen. Ohne neue Geister wären alle alten Geister todt. Denn was wollte etwa nur -- Elias bei Murmelthieren? oder was geschah den Geistern in der Heerde Säuen...., deren Besitzer bei uns gewiß eine Entschädigungsklage eingereicht, gewonnen, und gehörigen Ersatz erhalten hätte. So ändern sich die Zeiten und die Besessenen.“
Meine Mutter, die wahrscheinlich vom Vater eine Abschrift des Briefes an mich besaß, lächelte mir sehr mütterlich zu, küßte mein Haupt und zog sich mit dem Pastor in die Fensterbrüstung zurück, um die Leute aus den Dörfern in ihren Kirchkähnen über den See kommen zu sehen; unter denen auch, wie ich hörte, der Herr von ~Heiligenhahn~ mit seinen 18 Töchtern war, die 3 Kähne füllten. Ich erbrach den Brief. Ein Ring fiel heraus. Ich fand ihn kostbar. Mein Namen stand darin. Der Vater schrieb:
„Mein lieber Sohn!“
„Zuerst sei gegrüßt! innig gegrüßt! Umarmen und küssen kann dich meine Gestalt nicht, die gewiß jetzt aus deiner Seele dir vor Augen schwebt. Vielleicht kennst Du noch das Wort: „Es werden nicht Alle auferstehen;“ aber Vater und Mutter haben ~das Schöpferrecht~ im Kleinen: auch todt bei ihren Kindern zu sein, als ihre guten Geister, als die Vollmacht und Vollkrafthaber, Ableger und Geschäftsführer des Alls, als -- wie die Alten sagten: die gegenwärtigen sichtbaren Götter. Als solcher Geist rede ich heute zu Dir und mahne Dich: Thue was alle Kräfte zu ihrer Zeit thun, ohne das sie alle vergebens da wären; thue was die Erde alljährig thut, was die Sonne und alle Sonnen thun, was die Wolken, der Blitz, das Gewitter thun: ~heirathe! heirathe!~ Heirathen, das ist das Wort, vor welchem die ganze Welt süß bebt, zu welchem die ganze Welt immer fort lebt, sinnt, liebt, drängt und bebt. Du aber suche dazu -- ein Bild das dir gleich sei, eine Gestalt, die ohne Dich nichts ist, ohne die Du nichts bist -- ein Schatten auf Erden: Nimm eine Jungfrau! zaudre nicht, säume nicht, keinen Tag! Denn über dir stürzen in sausender Eile die Augenblicke dahin, schrecklich in ihrem Schweigen! Zur Verzweiflung dem, wer am Strome des Lebens schlief wie ein wahnsinniger Müller. Jeder Wurm thut alles mit Blitzeseil, was ihm aufgegeben ist; was die Flügel nur regen kann, fliegt sogleich; die schöne Distel ist nur reif, und schon fliegen ihre Kinder an Fallschirmen mit dem eben heranwehenden Winde hinaus: ihr Hauswesen zu gründen! Jede Blüthe, jede Blume blüht kaum auf -- so heirathet sie! Der ganze betäubende Frühlingsblüthenduft ist nur Hochzeitduft aus ihren tausend kleinen Hochzeitküchen und Bechern. Nur der Mensch hat Unverstand zu Blindheit und Säumniß; aber Verstand: was er ist, zu sein; was er soll, zu werden. Selber der Bauer sät nicht erst in den Schnee, oder neben die Furche, oder auf des Nachbars Acker! Jede Stunde ist dem Manne, der einem Weibe erwachsen, verloren; und dem Weibe, die dem Manne zusteht, verloren, die sie zu spät heirathen. Ein zu zeitiger Wittwer ist entweder eine Schandthat an den Naturgesetzen oder ein Unglück, groß wie Eins in der Natur. Vaterlose Waisen sind, wenn nicht Mißgeburten, doch Missethaten, Versündigungen an der Schöpfung, mißrathene Selige, nackt aus dem Nest geworfene Junge, von Liebe nicht groß gezogen, nicht Freude der Eltern, Beraubte der Freude an Vater oder Mutter. Eine zu frühe Wittwe, weil ihr Mann seine und ihre Jahre versäumt, ist die größte Leidträgerin der ganzen Welt. Sie muß dulden und verwürgen, was einem Thiere zu hart wäre; sie muß dasein, ohne zu leben! Sie muß aufstehn mit Thränen, und zu Bett gehn mit Klagen oder Verstummen; und was alle Welt erfreut, das bedrückt, erdrückt und erstickt sie fast. Aber auch zu frühe mutterlose Waisen sind elend. Ein früher Wittwer wird ein halbes Weib oder ein ganzer Thor; er verfällt vor Erinnerung in Irrsinn; heirathet er wieder, was freilich selber ein Affe kann, so geschieht es, weil er die Liebe für ein Irrlicht hält, geradezu ~alle~ Weiber für Eins, da er die zweite Frau für ein, für sein Weib hält. Und so bahrt er das Hochzeitbett auf dem Todtenbett seiner Geliebten auf, worin ihm die Lebende dann zur Leiche wird, zu gerechter Rache. Darum -- ~halte deine Frau heilig! Die Frau halte den Mann heilig! heiliger wie alle Heiligen~ und bloße Fürbitter. Mann und Frau sind sich einander ~einzige~, unersetzliche Schätze! Sie bitten nicht für einander, ~sie leben und sterben für einander, umeinander~. Also: ~nimm eine Frau~! und unmißverstehbar: nimm eine ~Jungfrau~ zur Frau, die fest und lebenswillig ist, also doch 21 Jahre. Eine Wittwe nehme ein Wittwer allein aus Noth, als dann noch leidlich passend; weil ~beide~ schon ~abgestorbenes~ Gut sind, beide ~entzauberte~ Wesen, mit zerrissener Liebe, ausgespieltem oder verblasenem, zerstücktem, halb im Grabe liegendem Herzen, beide an unsichtbaren Ketten der Todten gehend, beide nothwendig einander nur Klepperbeinsche Magenpflaster, trotz aller aufgekochten Liebe und vergeßlicher Zärtlichkeit und ~Treue~. -- Denn die Treue ist, wie du siehst, nur ~eine gemeine Mitgift der Liebe, eine den Liebenden unbewußte Tugend~ -- trotz aller Güter und alles Goldes, ja trotz eines noch jugendlichen schönen Leibes, selbst wenn der Wittwer oder die Wittwe es vor ihrer Brautnacht geworden. So heilig ist die ~Liebe~ -- aber verstehe endlich mich wohl und merke es endlich wohl -- so heilig ist nur die menschliche bezaubernde wahrhafte ~Liebe~; die uralte, ewig geübt, von Keinem zu unterlassenmögliche! ~Nicht~ das Wohlwollen, gleich gegen Alle, was in der Diatheke überall nur ~Agape~ heißt, und was Luther aus Mangel unterscheidender Wörter, in dieser großen Natursache so irrthümlich und zuvielverlangend mit dem allen Jünglingen, Jungfrauen und Gatten allein verständlichen und zugehörigen Worte „~Liebe~“ übersetzt hat! Auf diesen, diesen Zauber durch Schönheit, holdselige Gegenwart mit Leib und Seele, auf dieses Weltwunder allein, was unser deutsches Wort „~Liebe~“ meint, ist jede Wonne, jede Treue, jede reine hohe feurige Seligkeit der Jugend.... jedes Paares.... jedes Hauses.... also des Volkes, aller Völker, und des menschlichen Geschlechtes begründet! ~Dies~ Wort Liebe bezeichnet diesen heimlichen heiligen seligen Zustand allein; wenn ~Agape~, laut allen Griechischen Wortbüchern der Welt, nur Wohlwollen, Wohlthun, sehr eifrig für ~jeden Andern~ sein, bedeutet und verlangt. Deine Seele giebt mir so gern, und fromm, und freudig Recht, wenn Du mich weiter hörst. Nur höre unverstockt! Für Andere, für alle um uns, ist diese Agape auch genug, und genügt zu einem freundlichen Zustand im Lande, zwischen Nachbarn der Hütten und Völker; aber ~Wir~ fordern für Uns selbst und die Unsern, also für Mutter, Vater, Weib, Mann und Kinder in aller Welt allein ~die alleinwahre Liebe~ -- und für keinen andern als die Unsern ist sie zu verlangen und zu erlangen; und sie ist für diese nicht etwa nur genug, sondern allein Wonne, Freude und Seligkeit des Lebens. So ist diese endlich erkannte Liebe die Verknüpfung, der Halt, der Preis und Werth des Lebens Aller, Aller, weil sie es von allen wirklichen Paaren ist. Darum ~nimm die Geliebte zum Weibe! die Liebende nehme Dich zum Manne!~ Was ihr Euch sonst zubringt, ist ~alles geringer~ als die ~ausschließende~, nur durcheinander ~beseligte Liebe~. Nimm es mit ihr, wenn es da ist: Gut und Gold, mächtige Freunde, Wissen und Können -- aber aller Welt Kunst und Schätze ersetzen Dir nicht ein Weib, das ~Du liebst~ (denn das geht über alles, da ist aller Zauber vollendet) und ein Weib, das Dich liebt (denn da ~gedeiht~ Dir Deine Liebe, und bringt Dir Freude und Wonne.) ~Freude~ und ~Wonne~... diese zwei Kleinigkeiten der Pfaffen, ohne welche doch ihrer Keiner überhaupt nur da wäre; und nun schütten sie Teufels-asa auf das Aroma der Welt. ~Diese~, die ganze Natur durchglühende, alle Wesen hervorzaubernde, allen Wesen das Leben erst werthmachende ~Liebe~, konnten Leute nicht meinen, die da meinten: ~Nicht~ freien, ~nicht~ heirathen, ist besser. Bewundern des Schönen, Erstaunen über Lebendiges, allerheißestes Verlangen, süßestes Erlangen, himmlische Gnüge, Begründung unsterblichen Lebens, und noch ~ein reiner göttlicher~ Hauch -- das alles in der flammenden Seele -- ist Liebe! Diese Liebe! allein ~werth~, allein ~genug~: der Inhalt und der Grund des Lebens des Mannes und des Weibes, also allen Volkes zu sein, der Grund aller Reiche, wie die Verehrung des Vaters es ist bei Chinesen. In dieser Liebe ist alles klar, anschaubar, möglich, jedem erfreulich; sie hat die heilige Vernunft, als Verwahrerin vor Selbstbetrug und Täuschung, zur Seite. Siebenmal drei Jahr soll das Weib sein, der Mann neunmal drei. Nur die Ehe ~zu rechter früher Tageszeit~ erstickt die Laster der Ehelosen, erspart Schande und bitteres Unglück, erspart unzählige verwilderte Kinder, Kerker, Zucht- und Irrenhäuser, die Pein der Strafen; nur sie giebt das rechte Glück. Dir ist möglich, es zu erlangen. Ergreif’ es. Bei ~Deinem~ Wahrsinn oder Wahnsinn --: Du sollst ein Weib haben, ehe das letzte Jahr der rechten Zeit voll wird.
Ich glaube, ich habe Dich bewegt, wenn Du meinen einzigen, dir so gut wie bei Todesstrafe gegebenen Befehl getreu befolgst, wenn ein Weib ~dir noch neu ist~! Alles Erste hat Gewalt des Göttlichen und verbindet auf Lebenszeit; alles Einzige, oder ~Einziggehaltene~ bewährt seine Wunderkraft und Herrschaft.
Und so verschwind’ ich Dir wieder, und komme nur noch einmal -- in Deiner Todesstunde. Mir wird die kurze Zeit dahin nicht lang; sei sie Dir schön, sei sie Dir werth: daß die Sonne vom Himmel scheint! Du, mein lieber ~Arminius~, befolgtest als Knabe meine geringsten Worte auch hinter meinem Rücken -- befolge mein wichtiges Wort jetzt über meinem Grabe. Auch todt, dennoch stets
Dein
treuer Vater ~B. v. Kopernik~.“
Weint denn der Mensch auch, wenn er soll glücklich werden? nicht blos wenn er unglücklich werden soll! So fragte ich mich, als ich Tropfen auf den Himmelsbrief fallen sah. Ich glühte. Solchen treuen, wahren, mächtig überzeugenden Worten war nur sich hinzugeben, da sie mir die Welt in neuem freundlichem freudigem Lichte zeigten, das gewiß auf allen Gestirnen leuchtet, das schon die Alten, die alten Juden, die alten Aegypter, die alten Griechen, gekannt und danach gelebt hatten. Darauf war das Beste, der Kern und das Leben der Welt, bei den himmlischen Seelen, ein mißliches Geheimniß, das unausrottbare Stück Heidenthum, ein Punkt der Duldung geworden; bis ~jetzt~ die Menschen nun endlich von göttlichen Geistern erlöst, mit dem einzigen Gewinn von zwei zerstiebenden Jahrtausenden, einem reinen gönnendern Empfinden und Behandeln auch der Nebenmenschen, wieder zu den ~alten ewigen~ Schätzen greifen, die ihnen kein Zepter noch Bischofsstab mehr aus den Händen schlagen kann, und mit voller Ueberzeugung auch nicht mag; denn die Schätze sind ihnen selbst zu herrlich und schön und nützlich und wahr. Was Herrschsucht und Eigennutz nicht stört, hat freien Eingang; besonders Ansichten, die nie selbst zu erscheinen brauchen, und wodurch jeder nur die alten unklaren Dinge als Carricatur sieht. Das ~Gute~ vom Altem besteht ja dabei, und das Ewige erhält ein Recht.
Meine Mutter winkte mir an das große bunte Glasfenster zu kommen, hinter dem ich unbemerkt die 18 Töchter durch die rosenrothe, goldgelbe, blaue, grüne oder schwarze Scheiben sehen konnte, -- und sie zupfte den Pastor, als sie bemerkte, daß ich nach den, als schön und besonders schön gewachsen berühmten Jungfrauen, durch die ~rosenrothe~ Scheibe sah! -- „Er folgt dem Vater!“ lispelte sie hinter meinem Rücken ihm zu, doch mir nicht leise genug.
Und sonderbar, ich suchte die Mädchen -- ~am Himmel~! jetzt freilich mit Unrecht, da sie ja schon daraus auf die Erde eingeblüht waren, aber mit Recht, da jede Blüthe vom Himmel gewebt und gewirkt wird. Das war meiner Begeisterung jetzt sonnenklar. Aber ich sah nur im Fluge eine milde unsäglich schöne Rose am Himmel, statt Sonne! Wehende Rosenblätter statt Wolken! Drunten den See, wo ich nun suchte, als einen großen Spiegel aus flüßigen Rosendiamanten gegossen, und noch glimmend und schimmernd -- und noch heller flammend den schmalen glitzernden Sonnensteg darauf, und Kähne voll festlich gekleideter stehender Menschen, alte Männer, kleine Mädchen an der Hand; alte Weiber, Knäbchen an der Hand; junge Männer und Weiber und Jungfrauen mit Büchern unter dem Arm -- alles von fernen, wie chinesischen Zwergbuchen und Zwergeichen und Rebenhügeln umgeben -- und von dem Klange der in reinen Dreiklang gestimmten Glocken überhallt. Das alles ergriff ich mit Augen und Ohren wie im Fluge. Aber Sangallo’s achtzehn Töchter, sie sah ich nun schon zwischen den glimmenden Leichensteinen, mit wie aufgeglühten alten Rittergestalten, in die Mauer der Kirche nach und nach verschwinden! Keine sah sich um. Aber da waren sie mir in ihrer neuen vergrößerten Loge gefangen! und meine Loge war gegenüber!
Der Schulmeister kam den Pastor abzuholen und zu begleiten. Ich begleitete meine Mutter -- und hinter uns kam in die, mit duftenden grünen Maien geschmückte Loge, wer? der arme Herr ~von Hase~, mit seinem einzigen armen Häschen, Brigitten. Sie betete erst still; dann trat sie vor mich, verneigte sich und bat: „Sie erlauben uns doch noch, daß wir hieher kommen?“ -- Und ohne Antwort abzuwarten, zog sie sich zu ihrem Vater auf den Sitz im Hintergrunde zurück. Ja, mir nichts dir nichts, sangen sie auch getrost, doch sanft.
Ueber der Loge des Herrn Sangallo stand das in Stein gehauene in schönen Farben prangende Wappen, ein silberner Hahn mit dem Heiligenschein in himmelblauem Felde. Erst neulich sagte mir ein Franzose: wir alle haben den Hahn als Sinnbild der Verehrung der Frauen im Wappen, und führen ihn alle im Kopf. -- Da drüben war er im Himmel! Doch das träumte mir jetzt nur; wie denn der Mensch immer von tausend Gedanken als Dämonen und Sylphen umschwebt und umflüstert ist. Wenn der Mensch die Geister nahen läßt, wie der Dichter, dann reden und vielleicht auch fühlen sie für ihn, und bilden ihm das Gedicht: ~das Leben~! Ich verneigte mich, ~verehrungsvoll~ hinübergrüßend, und Sangallo verneigte sich wieder, und seine 18 Töchter -- wie an einem Faden. Das hätte mir noch gestern etwas Lächerliches gehabt. Aber die Mädchen blieben in der Würde, und flüsterten auch nachher sich kein Wörtchen zu. Welche Erziehung oder welche anständige Natur. Und wie sie sangen! das war die edelste Schule, das war geoffenbartes, tönendes Herz. -- Da sagte mir meine rechtschaffene Mutter: Lieber Armin, siehe nur, das prachtvolle Altartuch haben sie auch gestickt, in den Zipfeln ihr Wappen und an den Goldborten ihre Namen umher, die alle Achtzehn mit _A_ anfangen; du siehst da gerade „_ARMINIA_“. -- Die Kanzeldecke aber hat, ~zum Andenken~ das arme Häschen gestickt und geschenkt. Das arme Häschen! So bleibt doch ihr Wappen und ~redender~ Namen, der Hase, an der Kanzel zu unserem Andenken und aller künftigen Geistlichen.
Als Doctor Schleyerlöser, mit Recht ~ohne~ sich gegen uns Herrschaften zu verneigen -- woran ihr im Herzen mitgebrachter Inhalt die Liebediener verhindern sollte, und ohne an unterschiedene Menschen an ihrer Stelle auch nur zu denken, auf die Kanzel getreten war, überraschte es mich angenehm bittersüß, in seiner Person die Urgestalt der Juden zu sehen, die Rom und ganz Europa so tief besiegt haben, daß auch wir Deutsche nur gepfropfte Juden sind, bis nun unser alter ursprünglicher Germanen-Stamm aus ureigener göttlicher Wurzel den heiligen Sproß treibt, so daß der ~gepfropfte~ allmälig nothwendig eingeht, nach Naturgesetz. Noch mehr überraschte mich die Wendung und Nutzanwendung, die er vom Pfingstevangelium zu machen verstand, indem er zur Gemeinde -- „von dem Geist der zur Ehe treibt“ sprach, ja sich des Ausdrucks meines Vaters bediente: „von der Verheirathung zur rechten frühen Tageszeit!“ Dann stellte er den Niedrigen und Armen ihr Glück vor, daß ihre Jünglinge über Prinzen und ihre Jungfrauen über Prinzessinnen auch der mächtigsten Kaiser, frei und glücklich darin wären, zur rechten frühen schönen einzig richtigen Tageszeit heirathen zu können, weil kein Zwang sie hindere, kein Warten ihnen nutze, und sie allein nur durch glückliche freie Liebe, und zur rechten Zeit geschlossene Ehen so froh seien bei der geringsten Ursache; so ungebeugt und unbeugbar bei Leid, so fast übermenschlich geduldig; -- daß nur ihr kräftiges Geschlecht auf Erden bleiben werde; -- daß aus allen „Spät“ also immer zu spät Verheiratheten allmälig nur ein trauriges, schlechterzogenes, verwahrlosetes, allem Laster und Unglück zum Opfer freigegebenes Volk erwachsen werde, und müsse, wenn nicht die tausend äußeren und inneren Hindernisse der Ehe „zur rechten frühen Tageszeit“ mit aller Gewalt ausgetilgt würden; gegen welche Verbesserung alle Reichs- und Volksverbesserungen nur Eitelwerk, vergebliche Mühe und Tappen der Blinden nach Schätzen wären. Und mit erhobner feierlicher Stimme sprach er: Der gesunde, vollendete Zustand eines Volkes und der Menschheit hat nur Ein Zeichen: die Ehe zur rechten frühen Tageszeit. Wo sie allgemein ist und sein kann, da ist der Naturzustand neben aller menschlichen nöthigen Bildung erst wieder erreicht. -- Das führte er aus, das bewies er sonnenklar und Gottesmächtig. Nach welchen Wünschen er Amen sprach, -- zu welchem Amen der Himmel, wie bestellt, donnerte, daß die ganze Gemeinde und meine Mutter betroffen aufsah -- will ich nicht wiederholen; aber ich erstaunte: was wahre Geistliche alles sagen dürfen ja müssen, ohne daß ihnen Jemand anders als ein Unsinniger, Schändlicher, ein Haar krümmen darf: wenn sie nur Geist und Herz und Muth haben. Aber sehr viele sind Feiglinge geworden. Von den Mädchen schaute während der Predigt keine auf, oder gar von drüben Eine herüber! Auch Brigitte regte sich nicht, oder nahm gar Stellung und Miene an, wie solche, die nur voraussetzen, man wird sie jetzt ansehen. Auch Herr von Hase hustete nicht, oder niesete gar!
Diese Mädchen, so über Blumen bescheiden, -- die doch noch im Hauche der Luft den Bienen ihre Gegenwart verrathen -- rührten mich innig zur männlichen Bewunderung von solcher Geduld in gewiß liebeschwervollen Herzen! vor solcher Sicherheit: sie seien gewiß einem Liebenden heraus auf die Erde gesandt; vor solchem Vertrauen auf sich: weil sie alle Huld und Wonne tragen, werden ihre Blüthentage, ihre Zeit der Früchte kommen! werde gewiß doch ~der Eine~ Augen und Herz und ein Häuschen und ein Bettchen für sie haben, den sie in heiligen Naturschweigen erwarten. Wen gäbe es wohl so Unverschämten: diese Mädchen bei Jünglingen umher auf die Heirath zu schicken! Aber ihr Nein ist der Jungfrau gegeben, um des Jünglings und ihr eigenes Glück nicht vergeuden ja opfern zu müssen. Denn selbst an Liebende wirft sich noch die Nichtliebende weg; wenn ihm die Wiederliebende erst ein Glück bringt.
Neben mir in der Loge der Herrschaft des Gutes Westfrei („Dorf“, lassen die Leute weg) befand sich Herr von Stifter, mit seiner kinderlosen Frau und seinen vier Nebensöhnen, jungen wie Engel schönen Männern, die mir, ich weiß, nicht, welche Eifersucht erregten! Sie zerbrachen sich bald die Rücken bei den Abschiedsverbeugungen zu den Mädchen hinüber! Ihnen hatte ich auf morgen meinen ersten Besuch in Westfrei ansagen lassen; dem Herrn von Sangallo in Ostfrei aber auf heute Vormittag. Ich sah ihn daher mit seinen Töchtern nach dem Segen -- nach dem stillen Vaterunser -- und nach achtzehn Verbeugungen, mit einer gewissen Sicherheit fortgehen, nicht heimeilen.
Im Schlosse legte meine rechtschaffene Mutter noch großen Staat und ihren schönsten Schmuck an; ich gab ihr den Mantel um, wegen wahrscheinlicher Zugluft auf dem See, nahm den meinen um, und wir stiegen in unsere mit Maien geschmückte Prachtgondel, unsern Bucentoro, als gerade der Doctor Schleyerlöser mit seiner Frau in seinen Abendmahlkahn (für Berichten, Krankenbesuche und Hauskindtaufen bestimmt) nebst meinem Schulmeister einsteigen wollte. Auf meine Einladung kamen sie, zur Gesellschaft auf der halbstündigen Ueberfahrt, in unsern Kahn. Der „Chirurgus von der letzten Sorte“ fuhr rasch an uns vorüber und voraus, und antwortete auf meine Frage: wohin? immer entfernter: „Geschwind nach Ostfrei hinüber!“ Ein Junge ist von der Maistange gefallen. Unter der Kirche ist er heimlich nach einem Tuche gestiegen. Er soll ~alle~ Arme gebrochen haben, wie der alte Dorfwächter hier sagte. Gesunde Nachkunft! -- „Es steht ein Gewitter am Himmel!“ schrie er noch, schon von weitem zurück.
Wir sahen hinauf, und allerdings! Aber meine Mutter hatte das Schwurprotokoll! Ich hatte Seesturm und dreitägige und dreimächtige Verfolgung und Getöse von hallenden Seegewittern überlebt; und es ist gut: die ~größten~ Unannehmlichkeiten aller Art überstanden zu haben; denn damit hat man alle folgenden ~kleinen~ im Geist überwunden und sich leicht gemacht. Was konnte hier werden in 30 Minuten? -- Und doch!
III.
Der Donner als Brautwerber.