Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle
Part 12
„Elend sehen, ist auch ein Elend, und vielleicht das größte, des Großerherrenelend, oder der guten Seelen.“ Hörten wir dann wieder. Verloren ist der, wer Ketten braucht: da giebt es die Adelskette. Aber der unermeßlich reiche, weil unzählige, gelernte und gelehrte und reiche Bürgerstand braucht ~keine~ Kette. Die reichen Bürger-Väter denken so patriotisch, ihre reichen gebildeten Töchter nicht mehr, nach dem classisch gewordenen Ausdruck: als Dung fortfahren und dann doch verachtet, tausend Thränen über allerhand Zurücksetzungen vergießen zu lassen. Der Bürgerstand braucht sein Geld; der Bürgerstand kann das Meiste, selbst große Dinge ins Werk setzen durch Vereinigung. Der Bürgerstand nur erhält die Literatur und die Literaten, die Wissenschaften Kunst und Künstler. Das sehen nun alle ein; wenn die Anderen, ihrem Stande gemäß zu leben, erschöpft, erstarken sie durch Fleiß, Arbeit, Kenntniß und Mäßigung. Und der Bürgerstand ist der durch alle ausgezeichneten Köpfe, in allem Volk immer sich verjüngende, bei Ehren haltende Stand. Frei und geachtet wie einer, dürfen alle aus dem zahllosen Bauernstande ihm sich anschließen. Darum muß die allergrößte Zahl des Volkes, der Bauerstand wohlerzogen, wohlunterrichtet werden. Bibel und Fibel langen nicht aus zum ~Leben~. Die Diatheke ist erhaben über Wissenschaft, Kunst und Gewerbe, ~ohne welche doch das Land verkümmerte~! Kein Weisheitsspruch lehrt nur einen Topf drehen; durch Beten fliegen die Steine nicht zu einem Hause zusammen. Zum Leben gehört alle Wissenschaft und Kunst. Deswegen wird ohnfehlbar Jeder verworfen, der gerade das Volk nichts lernen zu lassen, so wahrhaft-gottlos, so redlich verwirrt wäre. Aber einen solchen Menschen kann es nicht länger geben, als bis er die Hörner herausstreckt, und Ein Schrei der Entrüstung im ganze Lande ihn verschwinden heißt.
Die getäuschten Bräutigamme bedauerten dann ~sich selbst darum~, daß Ein Unsinniger jetzt einem edlen Adligen unmöglich mache: seine Schaar Töchter sogar an brave Bürgerliche zu verheirathen; wodurch sie durch schöne gute reiche Weiber von der Galeere der Geduld, ja der Noth erlöst worden wären. Und nicht lange, so sangen sie im Chor ein Lied, dessen ersten Vers wir deutlich vernahmen:
~Vier Stimmen~:
Heut stift ich Euch den allerheil’gen Orden: Zum trocknen Brot! Wir sind nur stark, wir sind nur frei geworden Durch unsere Noth. Wer trocknes Brot mit Freuden essen kann, Der ist allein der edle freie Mann.
Chor:
Erhebt das Brot! das Seelenbundeszeichen: Von Wahrheit, Freiheit nimmermehr zu weichen!
Dann verstanden wir, der rauschenden Blätter oder der veränderten Stellung wegen, nur wieder den Chor: „Verkauft Euch nicht! die Zunge um die Zunge; Das Herz für Kreuz, für Trümmer alles Junge!“ Dann erst wieder die Worte: „Ihr braucht nicht Sie,.... Sie brauchen Euch.“ Darauf erst wieder den vorletzten Vers:
Schmach jedem Weib, das Euch um Tand geböte Ein Sclave sein! Die Sclavin flieht, die Schändliche erröthe Bei Gold und Wein. ~Das edle Weib ist edler als der Mann~, Es kann mit Lust, was Er mit Schmerzen kann.
Chor:
Huzza dem Weib! das selbst voll höchster Ehre Den Mann noch stählt! den Weibern baut Altäre!
Der letzte Vers verscholl im Winde. Im Chor stockte allen auf einmal die Stimme. Sie beugten sich vor; sie starrten einer Entscheidung entgegen; sie wichen zurück; sie erhoben die Hände, dann stürzten sie plötzlich alle auf Einen hinzu, der vor ihnen, mit dem Hut in der Hand, stehen geblieben war; sie umarmten ihn, sie erdrückten ihn fast und riefen mit Jubel: „~Rheingraf!~ Gott! Rheingraf! Rheingraf, Du bist es leibhaftig!“
Wir eilten vom Altan in den Garten hinunter. Er war es: Wir erfuhren mit kurzen, alles aufklärenden Worten: Er war auf dem Schiff krank geworden. Der Arzt hatte gerathen, ihn auf Helgoland auszusetzen. Das Schiff war darauf mit Mann und Maus selbst untergegangen. Er hatte lange Monde ohne eine Besinnung gelegen. Dann hatte er unrichtige Adressen gemacht. Bis er hergestellt, sich besonnen heimzureisen. Als er unterwegs gehört: er sei gestorben, war er zuvor hier bei mir eingekehrt, um seine Afanasia, Schwestern und Vater vorzubereiten. Mein Pastor schiffte sogleich ab; bald ein Kahn ~voll neubeselter Freier~ hinter ihm drein. Auch ich und Brigitte. Und im Niebelungenliede würde von uns gestanden haben:
Hei da war irdische Freude, wie im Himmel nicht sein kann, Bei so viel edlen Schwestern, bei Weibe und bei Mann!
Indessen fuhr ich denn doch auch von dieser Freude, wie nicht im Himmel sein kann, zu meiner Hochzeitnacht nach Hause. Eben weil solche Freude nicht im Himmel ist, kein solches Weib, ja einmal keine Nacht!
Wir lebten ruhig und glücklich. Der Bruder meines Pastors war gestorben hatte ihm ein ansehenswerthes Vermögen hinterlassen. So erwartete er ruhig seine Absetzung, auf welchen Fall ihm die freien Dörfer schon den halben Dezimen fortzuschütten sich verbindlich gemacht. ~Die Gemeinen haben Vernunft und bekommen Halt durch Einigkeit.~ Auch der Schullehrer war von ihnen versichert. Dies und hundert Anderes wirkten auf den edlen Generalvater, dessen Vater schon ein Muster der Gutsbesitzer und Patrone im Lande geworden, mit ungemerkter Gewalt. Denn es vermag Niemand zu sagen, wie sehr „das Wetter der Zeit“ ihn durch unbeweisbare Einwirkung stimmt, und sein Leben bestimmt. Das Wetter macht die Erndten: Der Einfluß der Umgebungen macht die Dorf- und Weltgeschichte. Denn in der Nähe war folgendes geschehen: Die Frau Heidemann, die ihre Tochter dem armen jungen Menschen nicht gegeben und sie darüber verloren, hatte ihrem Sohne nun Hochzeit gemacht, war aber von Reue ergriffen, vom Hochzeittisch weg auf den Boden geschlichen und hatte sich, als Opfer ihrer ersäuften Tochter, gehangen. -- Ein alter General, der eine Geschichte der Sachsen im siebenjährigen Kriege geschrieben, worin er sonderbar klagt: „~Das~ war der erste Nagel zu unserem Sarge! ~Das~ war der zweite Nagel! ~Das~ war der dritte Nagel!“ hatte endlich die Letzte von seinen vielen Töchtern glücklich verheirathet -- und sich den Morgen darauf erschossen auf seinem Gute Tsch....dorf. -- Ein Herr aus Braunschweig war zu uns nach Südfrei gekommen, mit der erschütterten Neuigkeit, daß ein kolossaler oder pyramidaler Freund, ein edler deutscher Mann, der Herr von Münchhausen, mit seinen zwölf kolossalen oder pyramidalen Söhnen an der Grenze von Texas, wo er einen neuen deutschen Stamm gründen wollen, von den Wilden sei gehangen worden. -- Die arme Frau von Stifter, eine Oberforstmeisterstochter, hatte mit ihrem Mann -- Pistolen geschossen, und ihm -- „zufällig“ dabei eine Kugel durch die Brust, die ihn nicht gleich getödtet, an deren Folgen, nach Salomons Urtheil, er aber nach und nach versiechen mußte. -- Mit dem am Irländer verdienten großen Ehrensold war Salomon selber fort, ~Doctor und unabsetzbarer Hausprediger~ zu werden. -- Arminien wollte eine Bekannte in Nürnberg gesehen haben.
Unter allem diesem „Wetter“ ließ nun der Generalvater sein Gut Westfrei in 20 „Höfe,“ jeden mit 500 Morgen schöner fruchtbarer Feldmark theilen; nur ~das Schloß~ besaß 1000 Morgen. Die Höfe alle bekamen Namen von allen seinen Töchtern und wurden ausgebaut und eingerichtet. Dabei war auch der mir jetzt verständliche Arminienhof, sichtbar der schönste und beste. ~Das Schloß~ bekam den Namen ~Prytaneum~. Ueber alle diese, mit seinem ernsten ja finsterem Geist ausgeführten Anstalten verging auch der Herbst, der wie zum Dank und zum Segen des schweigendliebenden Vaters wundervoll schön und heiter war.
Endlich, um Lichtmesse, ward ~eine Generalhochzeit~ gleichsam ausgeschrieben. Die Töchter strahlten von seliger Arbeit. Jede verstand allein einem Hauswesen in allen seinen Zweigen vollkommen vorzustehn; denn alle hatten ~nach und nach jedes einzelne Geschäft~ lernen müssen; im Garten, in der Küche, im Bewahrhause und jede wußte alles Erforderliche hervorzubringen, aufzubewahren, und zuzurichten, von Brot bis Berlinertorte, von Radischen bis Ananas, von Flachs bis zum altasglänzendweißen Tischtuch. Jetzt arbeiteten sich alle mit Lust in die Hände, dabei herzten und küßten sie sich untereinander einen Augenblick, wenn sie sich begegneten. Endlich waren die Bräute, kurzzeitige Bräute, und ihre Bräutigamme, alles auserlesene junge Männer: Fünf Candidaten, drei Offiziere, drei Referendäre, die vier Söhne von Stifter und Student Salomon. Zugleich lagen die lieblichbunten Verlobungsbriefe von Nolly und Dolly, zusammen Achtzehn vor uns. Nur die jüngste Tochter war unversorgt, die liebste, Armgard.
Zum Hochzeittage, auch kein Wunder, nur eine natürlich erfolgte Cumulation, Anhäufung oder Vereinigung, fanden wir uns aus Ostfrei in Schloß Westfrei „dem Männerstift“ ein, mit einem Beikahn voll Hochzeitgeschenke, die meine rechtschaffene Mutter für mich, mein Weib und sich selbst höchstreichlich geschafft und passend erdacht. Die Gäste, außer dem heut stöhnenden Herrn von Rizzi, der im Kahne mit blasenden Postillonen gekommen war, schienen wirklich alle sich ~zum Troste~, wie dem Generalhochzeitvater als mildernde Folie gebeten! Denn da war der Maurermeister G... aus der nahen Stadt P... mit neun lebenden Söhnen und einer Tochter. -- Der alte Hof- Haus- oder Stall- -- eigentlich: ~Pferde~-Sattler G.... aus M..... mit siebzehn Kindern von seiner ersten Frau, und zweien von seiner zweiten, und vieren von seiner dritten. -- Dann der Herr von D.....z ~auf~ D.l..g mit neunzehn, also lebendigen Kindern von seiner einzigen noch liebenswürdigen Frau, die wirklich jungfräulich immer wieder über so viele -- Kinder erröthete! Ihr Mann, der Landes....., aber stellte seinen jüngsten Sohn ~Rudolph~, einen Coloß, mit besonderem Vergnügen vor, mit der Geschichte, daß derselbe ein elendes Kind gewesen; aber zur Stärkung stets in dem frischausgeteigtem Backfaß so freudenreich erzogen worden sei! Kurz der Generalvater erschien als ein ganz gewöhnlicher Mann, deren Wenige nur „~so viel Glück~“ hatten. Die vorläufige köstliche Bewirthung erheiterte Alle.
Ehe wir in die Trauung über den See fuhren, trat Herr von Sangallo mitten in den Saal. Er war von draußen, wahrscheinlich vom Ruheort seiner ~Agathe~ sehr ernst hereingekommen, und erbat sich die Erlaubniß, gleichsam vom Hausaltare, nur ein Wort zu sagen, was er auf solche Sorgen der Liebe vielleicht sich verdient habe. Dabei blieb seine jüngste Tochter in weißem Kleide, einen Schneeglöckchenkranz in den Haaren, ihm wie zur Stütze stehen. Er hielt sich lange die Hand vor die Augen und murmelte einige unverständliche Worte, dann erschien er heiter und sprach:
„~Wir alle, keinen Menschen ausgenommen~, leben: um uns überflüssig zu machen. Auch ich bin ein ~abgethaner~ Vater, das sind ~abgethane~ Kinder; ich fühle es am besten, nun wirklich ~verlorene~ Kinder für mich; ~gefundene~ ihren Männern, und von der Natur, dieser einzigen, wahren und worthaltenden Prophetin überall, ihren Kindern prophezeihte Mütter. Ich spreche also meine Kinder als Kinder los; Ihr seid frei!“
Dabei ging er umher, legte jeder die Hand auf das willig gesenkte Haupt, dann küßte er sie; Arminien umarmte er. Dann trat er ruhig an seinen Platz und sprach weiter: „Meine Liebe geht jetzt in ihren Himmel, unthätig und ohne Furcht zurück, wie da draußen die Sonne die mich bescheint, und Euch alle -- wenn ihr glücklich seid -- dereinst so bescheint, wenn Ihr Euere Töchter und Söhne freisprecht -- das heißt: verheirathet.“
Denn wie schlecht haben die gesehen, welche noch eine Erlösung der Frauen aus Sclaverei, ihre Freilassung verlangen; denn das bedeutet doch Emancipation. Die Weiber sind auch bei den ehrlichen Türken freier, als die Männer überall. Die Männer stecken in der Sclaverei des Lebens, wenn das eine ist. Alle Gefahren, alle Blutarbeit des Krieges, alle schwere Arbeit, von Hammerschmied und Glasmacher an, bis zu Nachtwächter ~aller Art~, alle Aemter, welche sie im Grunde um das bürgerliche, häusliche, menschliche Leben bringen -- für Geld, Ehre und Brot bringen, müssen die Männer allein übernehmen. Oder ist das keine Sklaverei, wie frei ist da erst die Frau, da sie im vollständigen unbeschränkten Besitz des ihr von der Natur angewiesenen Lebens, ihres Wirkungskreises, schon immer war, noch ist, und immer sein wird. Das Wenige, was daran fehlt, möchte ihr kaum gut thun, und das halten ihr nur ~persönliche~ Umstände vor:
„Böser Mann, Armuth, Krankheit, Unglück, Kinderlosigkeit; zumeist ~die~ Weiber selbst, ~welche~ die eingefleischte Rangordnung, Ehrsucht und Eitelkeit sind. Die Weiber sollen sich nicht entwürdigen, so kann und wird sie Niemand erniedrigen. Ohne neue papierene Freiheit kann die Frau in jedem Hause Frau sein, ihre Seele entwickeln, ihr Herz ausschütten, ihren Gefühlen leben, ihre Liebe bethätigen, aussprechen, auslehren, auswiegen, aussingen, ja auswaschen -- denn selber in einem zum Sonntag neuwaschenem Kinderhäubchen steckt die ganze Mutterliebe! Ihre Lebensaufgabe, ihr Beruf, ihr süßes, schönes, herzliches, geschichtloses Leben, das zum Beweis ihres höchsten Ranges wie alles Göttliche und Ewige selbst „geschicht~los~“ ist, sind ihr unverkümmerbar, unraubbar. Höchstens tritt wieder das Weib nur dem Weibe entgegen -- als Kebsweib, Abspenstigmacherin, junge schöne Sclavin! Und da theilen die Männer die Schuld durch Sitten, Gebräuche, ja Religion. Man soll mir nicht mit der Frauenerlösung kommen! Denn da befällt mich Trauer, Zorn und Wuth über die Sclaverei, in welcher die Männer noch stecken. Und gerade die Weiber sollen mit Hand und Mund -- dem gewaltigen -- mit Liebe und Haß, mit Freimuth und Hochsinn daheim und auswärts aus aller Herzenkraft und Weibermacht nach ihrem vollständigen Wohlsein und Glück ~dazu, dazu~ beitragen: daß der ~Mann~ frei wird! daß er ~Mensch~ wird. Mit der Hochzeit ist jede Jungfrau emancipiert. Darum ~heirathet~ ihr Mädchen! Dazu macht Ihr den Jünglingen ~die Ehe möglich~, den Männern ~leicht~, durch einfache Ansprüche, gediegenes Leben; und ~dazu~ kennt die ~besten~ Güter; und dann seid ~damit~ zufrieden! Die künftigen Männer macht ihr frei, durch das Kleine und Liebe: ~Eure Kleinen voll Ehre und Kraft zu erziehen!~ Voll Verlangen nach jeder guten Göttergabe! Was ihr Mütter die Kinder lehrt, das wehren Euch Legionen Teufel nicht; das tilgen Legionen Tyrannen nicht aus. ~Die Kinderstube ist das Heiligthum Gottes.~ Dahin reicht keine freche Hand. Und was ~Einem~ das Leben kostete, das lachen nur ~Viele~ hinweg. Darum seid froh! Empfangt meinen Dank für alles, was ich Euch zu thun vermocht! für alles Glück, das Ihr mir gewesen seid -- und vergeßt Euren Vater nicht! Nun zieht gesegnet in Frieden!“
Darauf entließ er uns, blieb einsam im Saale stehen; dann sah er uns nach, wie wir uns einschifften in die mit blühenden Fichtenzweigen bekränzten Nachen, und rasch hinglitten über den See.
So bleiben die Eltern stehen und haben das Nachsehen; wie ihre Eltern stehen geblieben und ihnen nachgesehen. Aber der Blick in die Fernen der Welt ist schön und süß, und groß und weit, und wonnebedrängend vor Zuversicht: Was die Entwandelten, immer verjüngt, in den heiteren heiligen Räumen alles genießen sollen! Denn ~sie~ wissen es: was! Dann gehen die Eltern fort; betäubt, als wenn sie bei einer unlöschbaren weltgroßen Feuersbrunst, bis zum Umsinken ermüdet, Wassereimer mit zugelangt hätten, in einer langen, dunkeln, tosenden Menschenreihe.
Daher konnte ich mir denken, wie zauberisch süß der treue Vater in die liebliche Welt der Wunder versetzt war, als zu Ende des Hochzeitschmauses die Spielsachen und Verlassenschaften aus der Kindheit der Kinder, gleichsam als göttliches Dessert, am Tische in Fülle auf silbernen Schüsseln herumgereicht und von jedem bewundert wurden! Selber ~der~ menschliche Gottvater, der im Märchenbuche den Armen und den Reichen besucht, hätte sich herzlich gefreut, ja selber den heiligen Storch heilig gefunden, der im Schnabel die sieben Kindlein trug! Hier aber erschienen achtzehn Störche! und vor jeder Braut blieb Einer stehen und sah ~Ihn~ an; und ~sie~ an! aber Keine sah ihn wieder an; denn er war ihr der Geist der Natur und der wahren Liebe, der die Frucht der Welt trug. O heiliges Erröthen!
Wir verbitterten dem Vater die Freude nicht. Denn ob er gleich fragte, wo denn unser lieber redlicher Pastor bleibe? warum er nicht komme? so verschwiegen wir ihm doch, daß er kurz vor der Trauung und schon in seinen Ornate, abgeholt worden war, und daß der ambulante Engel die allgemeine Trauung nach seinem Ausdruck: „so gut wie Einer oder Keiner“ vollzogen hatte. Dafür saß er seligstumm am Tische.
Zu Nacht hatte sich der Vater still zur Ruhe begeben; und ich muß es sagen, es hatte etwas geistermäßiges, ja es war geradezu wahrhaft-geistermäßig und gerecht, als die Töchter alle leise auf den gewölbten Corridor vor seine Thür schlichen, sich reiheten, und seelenbewegend ihm zum Dank mit ihren reinen, schönen, jungfräulichen Stimmen den tiefsinnigen Gesang anstimmten, der da ergreifender klang, wie ein bloßes Benedictus, „_qui venit in nomine_,“ der blos im Namen kam. Denn sie sangen:
Gesegnet sei der kam, Und Uns der Vater war! Der auf den Schooß uns nahm, Und schmückte zum Altar; Gesegnet sei, der kam, Und Uns der Vater war.
Dann sangen ihm die Schwiegersöhne, die göttlichen Erben, ihr Lied für solche Geschenke. Zuletzt Söhne und Töchter im Chor. Darauf standen sie eine Weile reglos. Der Vater klopfte mit dem Knöchel des Fingers in dieses Schweigen nur leise dreimal von innen an seine Thür. Und sie schlichen leise fort.
Am Morgen hörte ich bei mir aus dem Hochzeithause die etwas ängstlich verkündigte Nachricht: ~der Vater sei fort~! die Nacht mit seiner jüngsten Tochter fortgereist! Nirgend sei eine Auskunft zu finden gewesen, nur endlich am weißen Marmorsarkophage der Mutter, die mit Kohlen geschriebenen Worte: „Seid ~Ihr~ glücklich! Forscht nicht nach mir!“
XII.
Der Vater Semi-morto.
Und so war er fort und blieb fort, innig von allen bedauert, ja von Kundigen vor Ahndung wirklich ~betrauert~ -- wie der General, der auch alle seine ~überstandene Noth~ sogar abgeworfen!
Wir erfüllten indessen, das: „Seid Ihr glücklich,“ während des reinen, weißen, traulichen Winters und des Vorfrühlings, und reisten, als ~der Kukkuk~ erschien, dahin wo er zu Hause sein soll -- nach Italien. Meine Brigitte erkannte zufällig in Rom den Lord, der seine blinde kleine Tochter führte, und dem sie von Dolly und Nolly erzählen mußte. Er meinte: es ~fehle~ ihm ordentlich etwas, seit der ewige Streit ihm nicht mehr Angst mache! und Ruhe und Frieden um ihn sei! Ich forschte bei ihm nach Sangallo, da uns eine Sage gekommen war, er sei mit seiner Tochter auf einer bloßen Abendlustfahrt im Golf von Neapel ertrunken, oder doch todt aus dem Wasser gezogen worden. -- „Ihm sieht das Schlimmste ähnlich!“ erwiederte er; „das bekenn’ ich, da ich selbst unglücklich bin; aber er lebt auf der geisterhaften Insel Elba!“
Wir eilten nach Piombino, von Piombino hinüber, und entdeckten ihn dort, verwildert, in seiner Heraklesgestalt fast einem alten Deutschen gleich. Ich rief ihn an. -- Er ging. -- Ich folgte. -- Er ging rascher. Ich bat. -- Er stand; ja nach langem Besinnen gab er mir die Hand. Ich wollte ihm von seinen Töchtern Nachricht geben -- er verbot es. Ich freute mich -- er blieb ernst.
Ich allein durfte ihn in den folgenden Tagen zum Gange auf den eisenstein-rothen öden Bergrücken abholen. Doch er schwieg und schwieg. Er war tiefsinnig geworden, erschöpft an allen Gefühlen, gleichgültig, ~wach~, und doch unaufweckbar: er ließ, vorauswandelnd, vor seinen Füßen ruhig ein Kind in den See stürzen, das er mit einem Griff erretten könne.
So blieb er äußerlich; doch innerlich rührte ihm sich das Blut, wie der Wein bei der neuen Traubenblüthe. Nun endlich erst ~bei meinem Scheiden~ ging ihm das Herz auf. Und so erfuhr ich Einiges, das er so hin murmelte. Dann bat er mich sogar ~um Erlaubniß, zu sein wie er sei~!... oder um Verzeihung: ~daß er so sei~. Aber, sprach er tiefaufseufzend: „Auch zu viel, zu viel Sorge der Liebe erdrückt. Ich bin ihr erlegen. Der Postdirector vollends hatte mir Todesangst gemacht. Er hatte mich mit seiner ~Schwiegersohnkrankheit~ angesteckt, und in mir fand sie heiliges Feuer genug und Stoff viermal so viel! Und dann die ~Schande~! die ~verheimlichte~ Schande erwürgt heimlich. Denn worüber ich mich bergehoch erhoben und sicher bedünkte, darein verfiel Ich; darein stürzte mich ~mein bestes Kind~. Soll ich den Namen ~Arminia~ vor Ihnen aussprechen? Sie sind glücklich; Sie lieben und sind geliebt; daher kann Sie nichts verwandeln. Aber wahrer ansehen kann man das Vergangene doch! Und Sie hatten sich wahrscheinlich nur in ihre Schönheit ~verliebt~, als sie gereizt und geblendet, sie retteten; was jedoch jeder Beichtvater, jeder Superintendent und frömmste Minister gethan haben würde zu seiner Ehre. ~Darum~ konnten Sie sie ohne Verzweiflung, Zorn, Rache und Thränen aufgeben, da sie Ihnen mit Recht war „bedenklich“ geschildert worden; besonders als das frevelhafte Spiel mit _Dr._ Jenner, und der Glaube an den bloßen ~Namen~ „Kuh,“ das arme Mädchen entstellt hatte! Daß Arminia ihr halbes „Ja“ ~vorher~ zurückgenommen, das irrte Sie nicht! Aber, mein junger Freund, Arminia, ~liebte~ Sie; und ~durfte~ Sie dann nicht lieben; denn das verbot ihr das große Wort: Um zu ~lieben~, muß sich die Jungfrau oder der Jüngling des ~Geliebtwerdens~ werth und würdig fühlen. ~Das~ Gefühl giebt Feuer und Muth zu Liebe, vielleicht die Liebe selbst! Denn wer liebt, will dem Geliebten schön, rein, himmlisch erscheinen, ihm das seligste Glück bringen, es ihm sein und bleiben. ~Mit dem Unwerth versiegt die Liebe.~ -- Sehen Sie da, als Zusatz und Erklärung zu Ihres Vaters Heirathsgebot und des Pastors Ehepredigt, und als Verklärung, die höchste Glorie in den Worten: Die Liebe, diese ~unsere~ menschliche Liebe der Geschlechter, ist auch zugleich und allein nur die ~reinste göttlichste Kraft~, über die keine zu wünschen ist; und sie ist ~die vollkommenste Sittlichkeit~, an der alle möglichen Engel, Halbgötter und Götter vollauf in Ewigkeit haben. Da ist kein Zweifel. Wir bedürfen nichts weiter, nichts Anderes. Denn so ist die alltägliche Liebe der alltäglichsten Menschen zwischen den beiden Geschlechtern. Denn ~drei~ Geschlechter giebt es nicht!“
Ich stutzte und fragte kleinlaut: Aber was war denn Arminien geschehen?
„Eine Ueberraschung, die ~erregten Liebenden~ sehr leicht geschieht -- die sie zum Staube warf!“ sprach er. O traue doch kein Vater, keine Mutter und keine getroste Jungfrau einem Manne, (selber einem halben übertünchtem Greise nicht) der aus Verführung von Weibern ein jahrelanges wohl lebenslanges Geschäft gemacht hat. Das Gift bricht wieder aus, und die alte Schlange weiß alle Künste! Daß er dann verwünscht und verabscheut wird, das nimmt er hin als gewohnt. Wer nun das war? Haben Sie nicht gehört, daß ~vier Söhne~ ihren Vater gefordert? Aber die Mutter hat sie bedeutet, und als Weib sich mit ihrem Manne geschossen; doch nur dann erst, als ich zum einzigen stummen Vorwurf des Unrechts an seinem fünfzehn Jahr lang kranken Weibe -- womit er sich gerade entschuldigen wollen -- dem Manne sein Kind -- Teufel! -- ~meinen Enkel~, das kleine todtgeborene herzensliebe Männchen, in einem Särgchen zugesandt, das ich noch aus der Zeit besaß, wo ich „Meister vom Stuhle“ gewesen, und das mit den geheimnißvollen Zeichen bunt und zierlich bemalt war.
Ich verstummte über Arminia. Zuletzt sprach ich nur -- der Stifter ist todt.
Erlauben Sie mir also: als Vater todt zu sein; fuhr er fort. Manch guter Vater stirbt wohl schon, als zu weich und verzagt, an drei oder vier ~guten~ Kindern; wie nun ich nicht an achtzehn Töchtern? und darunter zwei Unglückliche, und eine Verunglückte. Ein Tropfen Essig verdirbt eine Tonne Honig.
Er sah mir die Thränen in den Augen.