Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle

Part 11

Chapter 113,566 wordsPublic domain

Ich war Mann genug mich zu fassen. Doch wie bedauerte ich Arminien, daß sie nicht mehr schön war, daß sie außer diesem höchsten Verlust für ein Weib und einen Freier, noch mehr als ~blos unglücklich~ geworden schien, oder war, da es meine rechtschaffene Mutter sagte! Und die Liebe, die sich in Mitleid verwandelt, hat den Keim zum Sterben gekeimt. Aber, wie sie versprochen, half mir meine Mutter durch Vorzeigen der eingekauften Dinge zu einem neuen Leben mit einer neuen Geliebten, oder wohl mit der ersten mir unbewußt-wirklichen, über meine Liebesrevolution hinweg. Ich fing an schon Brigitten zu sehen, wie sie in Thränen ausbrach vor Freuden über das Wort: „Mein Häschen, willst Du mein sein?“ Ich fühlte ihre Arme um meinen Nacken, als sie darauf mich mit uralter Gewalt der Mädchengewordenen Natur umschlang. Ich mußte mich freuen. Da schrieb ich zu Tagesschluß in mein „Nächtebuch“ die aus meinen Gefühlen mir zu hellen Krystallen angeschossenen Worte: „Wie süß und schön ist die Jugend! Und kein Kind vermag besser jung zu sein, als unbewußt. Unbewußt ist nicht ungenossen. Darum gehören Jugend und Unschuld so innig zu einander. Der alte Göthe spricht zwar: Was man in der Jugend wünscht, das hat man im Alter in Fülle. Aber das ist eine barbarische Unwahrheit! Denn was man auch im Alter habe, das hat man nur eben ~als selber alt~, wenn alle Güter nur wenig bedeuten und sind. Denn ihnen fehlt die Glorie der Welt und die Fülle des Herzens. Und so erfreuten zwei Hände voll Kirschen ein Kind mehr, wie die Alten ein Hut voll Juwelen. -- Und nun gar erst zwei Hände voll Himmelsgestalt die ein Weib heißt! Ich weiß zwar nicht, was der Geist ohne die Welt wäre, aber ich weiß, daß ich Brigitten nicht heirathete noch heirathen könnte, wenn sie ein bloßer nackter Geist wäre, und das wäre doch Jammerschade! Darum glaube ich mit allen Sinnen und Verstand, mit aller Liebe und Genüge an die Welt, die schöne Welt -- das schöne Weib.“

Der Postillon, der mich zuletzt gefahren, hatte mir geklagt, daß er einen gar lieben „Schatz“ habe, mit der er so gern zusammen wolle, wie sie mit ihm. Aber sie hätten nichts und müßten wohl noch 12 Jahre dienen. Diesen hatte ich nun vor eigener Freude, Liebe und Hoffnung das Nöthige, die Heirath anzufangen und fortzusetzen, geschenkt. Sein „Schatz“ war gekommen sich mit Thränen bei mir zu bedanken, da ich sie doch gar nicht kenne und nichts Gutes oder Böses zu vermuthen sei. Darauf schrieb ich wieder in mein Nächtebuch ein schweres Wort:

„Wie arm und elend wäre die Welt, wenn sie nur ~die~ Liebe hätte, die sie Andern im Lande beweisen kann! Wie selten, nur bei Gelegenheiten und Noth, die alle Tage mehr verschwindet, könnten die Menschen da lieben? ~und endlich gar nicht mehr!~ Auch hilfe Andern die Liebe nichts, ~nur die Hilfe~; höchstens wiederum nur den Helfenden selbst wäre sie angenehm, und Gerechtigkeit und Verstand ersetzen die ~Liebe nach außen~ völlig. Aber es ist sonnenklar: Alle sogenannte Liebe ist nur der schwache Abglanz und Widerschein von der Liebe derer, die allein wahrhaft, und, was alle Thoren auch einwenden möchten, ~heilig lieben~; und wahrhaft selig und beseligend lieben nur Mädchen und Jünglinge sich, und als Gatten die Kinder; und die Kinder die Eltern, so lange, bis sie um den Gatten Vater und Mutter verlassen. Ueberflüssig und kein großes Wesen daraus zu machen, wenn nicht fast zum Lachen anstoßend wär’ es zu sagen: Liebender, Du sollst Deine Geliebte lieben! Mutter, du sollst Deine Kinder lieben. -- Was ich da heute that, war auch nur ein Ableger, ein Nebenwunsch meiner alten Naturliebe, welche die Vögel und vierfüßigen Thiere, ja alle Elemente auf ihre Weise haben, selber Sonne und Mond, wie Löwe und Tiger. Ich wollte Anderen nur zu dem Glück verhelfen, das mir vorschwebt, wie ich zwei Fliegen nicht störe. Jeder liebt nur die Seinen und das ist für ihr Glück genug. Andere, liebe ich nicht, ich ~kann~ sie nicht lieben, und ~sie bedürfen das nicht~, und sind es nicht ~fähig anzunehmen~. Ich kann mir nur aus mir einbilden, daß sie sich lieben, und sorgen, daß ihr Glück gelingt oder nicht verkümmert wird. Amen, für immer.“

Mich erschreckte aber zuletzt meine Sicherheit: Brigitte werde das „Ja“ sagen. Denn „was ich liebe, ist mein“, ist nur eine einseitige leblose Einbildung. Geständlichermaßen lebt die Hoffnung auch nur so lange, bis das Erhoffte wirklich wird, und soll doch das Beste von allen Dingen sein! _Credat Judäus_, oder das glaubt einmal kein Jude. Der Glaube ist auch nur ein Fürwahr- oder nur ein Fürmöglichhalten des Gewünschten, der geträumte Wunsch, der immer anders geträumt wird, je dümmer, klüger, schlechter oder ~besser~ Jemand ist. Weswegen man sagen könnte: Gott glaubt erstaunend wenig, ja gar nichts. Aber die Liebe will erfüllt sein. Sie muß wahr, voll und ganz werden, sie muß es in den Armen halten, es muß sie wieder lieben, was sie liebt. Deswegen ist die Liebe von den berufenen heiligen Dreiköniginnen die vernünftigste und einzig zuverläßigste, allein unentbehrliche. Sie wird erst gültig und lebendig durch den Beweis, und den schönen, den süßen! --

Meine Nachkur hatte aus Tokayer bestanden; ich war wieder ganz der Alte, das heißt ganz der junge; nur wie mir die lieben, in solchen Dingen gar verständigen Töchter Rizzi fünfstimmig sagten, viel interessanter als blos glatte lackirte Jugendgesichter, durch mir sehr wohl stehenden Ernst und Blässe. „Wem die Weiber schmeicheln, der kann glauben, daß er unverschweiglich hübsch ist“ sprach ihr Vater dazu -- und bot mir Courierpferde an, mir das Häschen zu fangen. Und ich brannte nach dem lebendigen Beweis. Der Brief meines Vaters befiel mich wie ein Fieber, ich hörte die Ehepredigt im Gewölbe der Kirche hallen, ich wollte keinen Tag, keine Nacht des Lebens versäumen, davon die alles berechnenden ~Amerikaner~ für den Ehestand 10,000 zählen, von denen 7000 auf Tara abgehen.

„Wer, der heirathet, denket an Kinder? Die Liebenden wollen nur sich; nur umeinander willen nehmen sie sich. Kinder fallen Keinem dabei ein! Der himmlische Vater sendet dann Kinder nur als kleine Engelseinquartierung; weswegen auch Leute ohne Kinder noch recht glücklich und ohne himmlisch sehnsüchtiges Seufzen leben, so lange sie jung sind -- und nichts zu vererben haben;“ sagte mein Pastor einmal. Als ich aber mein Gut, mein Schloß, meinen Garten erblickte und Kinder darin -- sah ich schon ~meine~ Kinder in ihnen und freute mich! Ich stieg aus. Ich nahte; es waren Kinder aus dem Dorf, die meine Aepfel plünderten. Die Jungen unter dem Baume liefen fort; aber ich half dem Knaben droben ~vorsichtig~ vom Stamme herunter, damit er mir ja nicht Schaden nähme! Dann gab ich ihm alle geschüttelten Aepfel für die Andern mit, in seinem schwarzen Schulmantel. Denn, als ich fragte, sagte er mir, sie begrüben den schönen, Zwerg heute, der in der Kirche stehe in seinem Sarge; die Herren und Fräulein wären schon alle darin. -- Ich ging in die Kirche, um unter den verwandelten Umständen an dem feierlichem Vorgange mit Ehren ~schweigen~ zu können. Das ganze Haus von Heiligenhahn war gegenwärtig; auch Arminien glaubte ich unter dem Schleier an ihrer Gestalt zu erkennen. Ich biß auf die Lippen und stöhnte. Dagegen trugen die feindlichen Schwestern, Miß Dolly und Nolly, ihr häßlich entstelltes Gesicht, mit einem gewissen Stolz ohne Schleier. Der Baronet trat mich an, zeigte mit dem Daumen leise zurück auf sie und sprach: Sie tragen die Patent-Maske von Jenners Erfindung! Dinge, die so furchtbar gemißbraucht und verquacksalbert werden können wie diese verdammten Hölzchen und ***....., sollten gar nicht erlaubt sein. Alle Ehrfurcht vor der wahren Kuh, mit deren Schwanze in der Hand der fromme Inder selig stirbt! Aber ~allen Volkes~ abscheulichen Krankheitsstoff seinen Kindern aufladen lassen, das gleicht.... Sie werden mich verstehen, wenn ich Ihnen sage, ich bin indessen mit Weib und Kindern Protestant geworden. Kein Anstoß an etwa vorgeworfener fehlender Mission! Vernunft ist von Gott, und Handauflegen bringt sie nicht hervor. Darum ersuche ich Sie, unserer lieben Aïscha ein Ruheplätzchen in Ihrem Erbbegräbniß zu gestatten! Ich hörte auch von ihr das Märchen: sie sei irgend eines Königs Kind. Sehen Sie das Himmelskind nur an, und Sie werden nicht hart ~sein~! Sie ist eine Fremde!

Ich drückte ihm die Hand. Sein Weib trat hinzu, und ich verhieß ihnen „~keine Stelle im Winkel~“ beim Kehrig, als sei die Todte die Schande der Gruft. Denn Göthe sagt, sprach ich, oder Schiller:

„Thörig, auf Bessrung der Thoren zu harren!“ Und die alten Grenadiere sagten zu sich bei Lodi: „Laßt uns das Männchen berühmt machen.“

Und wie alberner Stolz verspottet wird, wissen wir. Ich sah mir darauf die kleine ~Aïscha~ an, die wie ein himmlischer Schmetterling in ihren reichsten bunten Gewanden, die kleinen Händchen auf der Brust wie zum Gruß vor Gott gefaltet, schön wie ein Engel dalag. -- Das Traurigste war mir, sprach die Baronin, das liebe Kind hat nicht nach Vater und Mutter verlangt! So abgewöhnt war sie von ihnen; so bescheiden und gut wollte sie ~uns~ nicht einmal im Tode kränken! -- Dabei brach sie selbst in Thränen aus. Und doch mußte ich lächeln; denn der Baron hatte ihr, nur am kostbaren Mündchenstück sichtbar, ihre Tabackspfeife zur Seite mit in den Sarg versteckt. Mir gegenüber am Sarge, stand Brigitte mit ~niedergeschlagenen Augen~, und doch übergoß sie Purpur, als ich sie ansah; dann wich sie mit gehobener Brust zurück, hinter die Andern. Denn mein Pastor erschien, und hielt die Standrede über: ~Das Unglück in der Fremde zu sterben.~ Er ließ uns nicht nur das liebe Kind beweinen, sondern er wünschte auch uns in der Heimath begraben zu werden; nicht länger, nicht lange mehr selbst in der vermeinten Heimath. Dennoch nur in der Fremde. Er erklärte uns aber, was Fremde sei, und Heimath: das Land des freien Geistes, so daß wir alle ihn wohl verstanden, als er uns mit Imbrunst wünschte: So lebt denn in unverfälschtem Herzen, in unverfälschtem Hause der Welt!

An den Schwestern Sangallo, die doch Trauer um Landgraf hatten, war nichts durch Kleidung Bezeichnendes zu sehen. Wer traurig ist, gedenkt nicht der Farben; wer keine Trauer fühlt, ist ein schwarzer Heuchler mit oder ohne Stockdegen, sagte mein Schullehrer, der mit ihnen vom Chor eine rührende Motette aufgeführt hatte. ~Als alles aus war~, saß Herr von Sangallo noch an der Orgel und phantasirte höchst traurig über die Melodie: „Freut euch des Lebens“ mit Posaunenbaß und Tremulanten! Der Schullehrer stieß mich an; mir fiel bei, daß mit dem Liede ein stiller Irrsinn anfange. Ich unterbrach ihn; er sah mich freundlich an und drückte mir die Hand, als einem armen verlornen Freunde.

Ich ging von ihm auf den Thurm bis zur Durchsicht unter den Glocken. Ich sah nach Westfrei, ganz geblendet von der Pracht am Himmel; denn die Sonne ging unter und alles war golden. Ich wende mich um -- da steht Brigitte! nicht etwa wie ein Engel, sondern geradezu als Engel; wenn Menschen, wenn Jungfrauen Erscheinungen auf Erden sind, und wenn hoffentlich nicht aus der Hölle, also gewiß vom Himmel. ~Federn~ machen die Engel nicht aus, sondern Schönheit, Liebe, dienstbares Wesen; denn sonst wären die Störche auch Engel, die jetzt mit Geklapper aus ihrem Nest über uns aufflogen, mir zum günstigen Zeichen, als die Schulkinder jetzt mit der schönen hellen Glocke meiner rechtschaffenen Mutter der Sonne zu Grabe läuteten. Ich ergriff Brigittens beide Hände; sie wollte sie zum Gebet falten; ich ließ sie nicht los; und so beteten und so schwebten unsere vier Hände vor ihrer Brust, während unsere Lippen schwiegen. Als die Glocke verstummte, hielt ich es für keinen Raub, sie zu küssen, da sie mit geschlossenen Augen vor mir stand, und gewiß an ihre gestorbene Mutter dachte, zu der sie einen Augenblick hinunter in die Myrrhenduftige Gruft geschlichen war, aber blaß wie ein Schnee daraus heraufgekommen. Denn sie klagte mir jetzt: Man sieht die Todten nicht mehr! Darum hat mir es am tiefsten das Herz durchschnitten, als drunten die kleine Irländerin, jetzt durch die Blattern blind, vom Vater verlangte, daß er ihr ihre Gespielin doch noch einmal im Sarge sehen lassen sollte, wenn auch dann nichts Anderes mehr auf der Welt. Denn die gute kleine Tochter schreibt alles aus grenzenlosem Gehorsam, ~dem Wunsch und Willen ihres Vaters zu~, der ihr jetzt auch verboten habe zu sehen! O wie sie ihn bat, Lichter anzünden zu lassen! und auf die Antwort: „da langen hundert Lichter nicht“, rief: Vater, so zünde tausend an! Darauf trug er sie sich fort. Und Herr von Sangallo flüsterte mir dabei ins Ohr: „Freut euch des Lebens! Freut euch der Töchter! Besonders derer, die dem Vater das Herz zerreißen“ -- da meint er Arminien, o Gott!

* * * * *

Sie brach ab. Ist sie denn gar so entstellt? fragt’ ich. Sie schwieg. Und ich fuhr fort: Ich habe schon eine andere Braut; heute Abend kommt sie zu uns zu Tische; da ist Verlobung, und längstens in acht Tagen Hochzeit; denn der Dichter sagt, was alle Menschen fühlen und wünschen:

Unaussprechliches Entzücken Faßt Dich ganz und augenblicklich -- Ach, ihr Lächeln, ach, ihr Blicken, Ja, Du bist, Du bist schon glücklich! Das ist mehr als nur Verheißen!

Doch wo ist sie hingeschwunden? O das kindische Entreißen! Bin ich denn ein Kind, o Glück? O wie kühl es wird, wie helle, Bis sich alles dann gefunden! Glücklich werden auf der Stelle, Das, nur das ist Götterglück!

Und Sie schweigen! Brigitte! Sie wollen nicht einmal wissen, wie meine fromme, edle, himmlische Braut heißt? O weh! Ich hätte Ihnen mehr -- -- ich weiß nicht was -- für mich zugetraut! Doch wenn Sie eine zu gute Freundin sind, so will ich Ihnen den Namen meiner Braut ins Ohr sagen. --

Ihre Seele wollte ihn nicht hören, darum neigte sie das Köpfchen nicht; aber aus -- o aus Liebe! wandte sie das Gesicht -- weg, und also das Ohr mir zu -- und ich flüsterte ihr den Namen „~Brigitte!~“ in die Seele, durch Mark und Bein. Aber sie fiel mir nicht ans Herz. Sie, sie sprach nicht einmal Ja! sondern sie legte Arme und Kopf auf das Gesims. Ich rührte sie nicht an. Ich blieb lange so stumm und glücklich. ~Eigentlich sollte man ewig so stehen bleiben können! Wer glücklich geworden, sollte versteinern, oder ganz aus der Welt verschwinden!~ Dann wäre die Welt etwas werth und selbst etwas. Ja: ~Etwas!~ etwas Heiliges und Seliges. Aber nur Etwas. Sie ist mehr, und wir sind mehr, nämlich Alles. -- Und nach langer Zeit erst sprach ich: Brigitte! Meine Brigitte, ich gehe. -- Folge mir nach, hinab auf die Erde, ins Leben.

Und sie reichte mir ihre linke Hand unter dem Haupt hervor; sie erhob es und sah mich an! Wer? Was, konnte so ansehen, wie die Liebend-Geliebte!...

Was sind alle Gestirne, Gegen der Liebenden Augen! Was ist Strahlen und Leuchten der Sonne, Gegen das Weihen und Segnen der Liebe!

Drunten kam mir meine rechtschaffene Mutter mit einem Manne entgegen, der nun mein Schwiegervater hieß, der mir mein Weib erliebt und erzogen. Sie hatte mit ihm väterliche Richtigkeit gemacht, wie sie mir winkte. Ich nahm seine Hand; er schloß mich in seine Arme und drückte mich an den neuen grünen Rock über dem alten Menschenherzen und nannte mich einen Sohn. Mit solcher Freude büßen einst ~nur so platt genannte „Verliebte“~ ihre Liebe, mit den schönen lebendigen Folgen!

Ist Jemand besser wie Eltern, das ist mir unbekannt; Der einzige Stand auf Erden, das ist der Ehestand!

hätte jetzt mir der Aufsinger der nobelheidnischen Niebelungen gesagt. „Das arme Häschen“ war aus, und ich hatte ihr nun das Märchen der Liebe zu erzählen; und sie hörte mir zu wie ein Kind. Die Welt hat nicht viel, selber ihre Seele hat nicht viel; und doch ist sie kein armer Teufel; denn das Wenige ist ~unermeßlich~, sie hat es ~immer wieder~; und mit den paar Gerichten hält sie über alle Sommer und Winter der Sterne aus! Die Mutter hatte heimlich in Brigittens Zimmer allen prächtigen Brautstaat ihr ausgelegt, und Seide, Geld, Perlen, Juwelen, und Spitzen schimmerten und funkelten sie an, als sie mit den Leuchtern schon froh wie eine Himmelsflamme hineingetreten, um in ihrem ärmlichen Bettchen zu schlafen. Sie kam noch einmal herüber zu uns, und wir mußten kommen ihr bewundern helfen -- und ich sie zu bewundern.

Es half nichts. Wir fuhren am andern Vormittag nach Westfrei, und ich stellte dem Hause Heiligenhahn meine Braut vor. Sie erschien allen eine andere Person und ging von Brust an Brust der Freundinnen. Dann ging sie hinauf zu Arminien und kam mit verweinten Augen zurück. Der um allen Schändlichkeiten gegen das Vaterland gründlich zu entgehen, Protestant gewordene Irländer war die Nacht abgereist, aber nur mit Weib und ~fünf~ Töchtern. Denn ich sehe noch Dolly und Nolly im Hause, die beide eins, nicht mehr zu bewegen gewesen waren, einen Schritt in die Welt thun und sich vor aller Welt immer neu zu schämen! Der Vater hatte wenigstens die Genugthuung erlebt, daß die feindlichen Schwestern durch gleiches Unglück bewogen, sich versöhnt und sich ewige Freundschaft zugeschworen. Er hatte ihnen gerathen, sich zu verheirathen; und sein von mir beeifersüchtigter langer Pädagog hatte glücklich sein Ziel erreicht: sich eine reiche Tochter des Hauses anzuabälardisiren; ein Fall der Vorgang und Nachgang gefunden, und Vater auf Sohn erblich zu werden verspricht. Ein sehr schöner Lieutenant, dem ein nur von Gesicht häßliches, aber sehr reiches und gutes Weib, von einflußreicher Familie auch lieber geschienen, als der Methusalemorden, war gleichfalls gegenwärtig, und mir wurden, als doppeltes Paroli, zwei irländische Bräute präsentiert! Zum Abschied gab uns der Hausvater unter Thränen die Lehre mit: „Und weichet ~keine Meile~ weit von Gottes Wegen ab!“ Brigitte erröthete und schien den Grund dieser Lehre zu verstehen. Ich erkannte nur die Folge der geheimen Ursache: den stillen frommen Wahnsinn! Dagegen sagte sie ihm leiser, doch hörte ich’s wohl: „Mögen Ihre frommen Segenswünsche mich begleiten! Ich werde sie brauchen, um meinen, o Gott, Mann, so zu beglücken, wie er es verdient und mein heißestes Bestreben ist. Wenn Er nur glücklich wird, immer zufrieden ist, dann will ich es auch sein! Aber ist Er es nicht, verhindere ich sein Glück, und bin ich es nicht, so ist mein inniger Wunsch zu sterben.“ --

Zu unserer Hochzeit kam niemand von Westfrei. Dagegen hatte ich die im Leben und nun auch im Heirathen zu längerer Geduld verwiesenen Herren Offiziere, Referendäre und Candidaten als vormals verhoffte Herren Schwäger gebeten, und sie hatten es angenommen: „um sich einmal recht herzlich zu ärgern.“ Ein leider gewöhnlicher Grund zu den neuen befohlenen und freiwilligen Festen. Auch die vier schönen Söhne des Herrn von Stifter saßen kostbar zu Tisch; Herr und Frau hatten sich entschuldigt. Meine Braut hatte zu weiblicher Unterstützung die fünf verlobten Töchter meines redlichen Freundes, des Postdirectors, der mich in eifrigen Stellen der Rede heute Du nannte und mir heimlich erzählte: Die vier Söhne sollten ihren Vater gefordert haben, was ihn sehr alterirt hätte. -- Aber auch der arme Vagabund Nox, überall verlacht, hatte sich eingestellt; und ein Gespenst, ein Revenant, der vor 10 Jahren eine Unmöglichkeit gewesen und an gewissem Orte ein Unterkommen gefunden, saß, leibhaftig, doch aus Commiseration mit am Tische. Daß seine Kunst betteln gegangen, hatte den Irrsinn in ihm in den Wahnsinn veredelt: er seit der Engel Tobiä selbst; wodurch seine Seele sich retablirt und sicher constituirt. Darum legte er nie eine Art Mantelkragen ab, daß niemand seine Flügel sehen sollte! Er erzählte uns unter andern, daß er neulich in Mannheim, der Stadt der am schönsten, gewachsenen Mädchen in allen Deutschländern, vom Chor der Kirche auf sie herabgeschaut, und ganz wunderliche Heirathsgedanken, und mehr wie Gedanken, empfunden habe und setzte naiv hinzu; „Das war wohl sehr Unrecht von einem lieben Engel!“ -- Verzagter wie er, konnte niemand sein. Er dachte nicht mehr an’s Weihen und Räuchern und schauderte allemal, wenn ihn meine rechtschaffene Mutter, der Pastor oder der Schulmeister nur ansahen. Daß aber ein Verwirrter auch ein redlicher Mann sein könne, und ein redlicher Mann ein Verwirrter, der Verwirrungen und Unheil stiftet als ein Redlichverwirrter, das wird uns klar, wie der Grund auch jenes Schauders vor meinen amerikanischen Augen, mit welchen ich ihn und die hiesige neue Welt ansah. Wie sich kaum Jemand anders als ein Cretin jetzt schon ohne irgend einen Stachel im Herzen zu Tische setzt, so ward uns noch dazu die Hochzeitstafel verbittert -- durch Lachen. Mein Pastor erhielt mündlich über Tische die schriftliche Aufforderung zur Vertheidigung: Aus ehrwürdigem Munde eines Augenzeugen, sei die „auf Reinheit“ bedachte Anzeige eingegangen: daß eine Ungläubige an gläubigem Orte beigesetzt worden, ja sogar mit einem profanen Werkzeuge an der Seite. Es erfordere das Attest, daß jener Fremde mit seinen Kindern und dem todten Kinde, von ihm bekehrt sei.

Ein Verstummen erfolgte, das tausend Reden werth war. Einige riethen dann, es müsse ein Säbel gemeint sein, oder der Dolch. Der Pastor meinte: Der Baronet hat ~meine~ Zeugnisse. Sollen wir uns auch noch Atteste von Bekehrten geben lassen? -- Das kleine Mädchen war unbekehrbar fest, und wer kann Sterbende peinigen! Leben wir wirklich in König Kreons Tagen?

Darauf wurden Gesundheiten in Strömen getrunken; die edelsten Trinksprüche ausgebracht, selbst dem Revenant, der sich als Angeber angab; und die Amphibie, die ein Engel und ein redlicher Schuft war, trank seelenfroh mit. Zuletzt tranken alle uns, dem Brautpaare, zu: ~Auf glücklichere Kinder, in einer vernünftigen, krieglosen Zeit!~

Nach aufgehobener Hochzeittafel blieb ich mit meiner lieben Jungefrau allein auf dem Altan des Saales. Unter uns im Garten strausirten und sangen die Gäste. Und nur einzelne Worte von Diesem und Jenem drangen zu uns verständlich herauf. Jetzt vernahmen wir: „~Sorgen wir Alle, die wahre Liebe wieder aufzuwecken, damit wieder selige Paare werden!~ Dazu verlangt es ein ganz neues Vaterland im alten, das vielleicht die Industrie mit der Vernunft möglich machen wird.“

Wie glücklich waren ~wir~ schon vor Tausenden! Wir hatten uns!