Achtzehn Töchter: Eine Frauen-Novelle

Part 10

Chapter 103,665 wordsPublic domain

In einer Gesellschaft werden viele Interessen zu gleicher Zeit verfolgt; Reisende müssen Augen und Ohren immer offen haben, um jede Gelegenheit zu ergreifen; und so hatte die Gouvernante und der lange Pädagog sich zuerst an die demüthige kleinlaute ~Brigitte~ gewandt, und bald von ihr herausgebracht, daß sie gern die Stelle einer Kammerfrau bei der Lady ersetzen und mit nach Italien gehen wolle, schon weil sie da in der Fremde diente und vor ihren Bekannten nicht zu Schanden geworden erschien. Sie hatte sich aber hohen Gehalt bedungen, welcher dem Vater in voraus hier ausgezahlt werden und erlöschen sollte, auch wenn sie, ohne ihn abverdient zu haben, in der Fremde ~stürbe~. Das gute arme Kind! ~Das~ mußte es wohl vermuthen! So mußte rasch verhandelt worden sein; denn jetzt traten, Lehrer und Lehrerin, beides Deutsche und Protestanten, mit dem schönen glühenden Opferthiere vor den Baronet, es ihm vorzustellen. Er genehmigte alles, wenn Brigitte seiner Frau gefiele -- (ob die Frau ~ihr~ gefiele, davon war keine Rede) -- und wenn wir, namentlich ich, ihr ein gutes Zeugniß gäbe! -- Das verwirrte mich, und mein mündliches Zeugniß mochte wohl so feurig und wundersam ausgefallen sein, daß mich Herr von Stifter zupfte, und mir darauf bei Seite sagte: Mit Erstaunen habe ich Sie den schönen Pädagogen mit grimmiger Eifersucht betrachten ja beneiden gesehen! Sie hätten ihn lieber ermordet! Lieber junger Freund, wie viel Schönes müssen wir Andern in der Welt überlassen! Ja wenn wir Einzelnen alle in tausendfacher Gestalt lebten, so würden wir noch nicht glauben: Arme und Lippen genug zu haben! Wir scheitern alle an der Unmöglichkeit. Aber Eifersucht und Neid vollenden oft das, was die Liebe nicht thut; denn was wir glauben auch entbehren zu können, ~das wollen wir doch keinem Andern lassen~, zu solchem Besitz, woran nur zu denken uns Angst macht!

Heute verstand ich ihn noch nicht; und wozu mich der Tag für Tag ängstlicher werdende Mann gern erwecken wollte, und manchmal wiederum nicht; aber da sah ihm der Schelm aus den Augen. Ich sah jetzt nur wirklich mit Neid und Leid das arme Mädchen der Lady vorstellen.

Ihr voriges Gespräch fortsetzend ersuchte der Irländer jetzt einen „Collegen“ Herrn Holycock, ihm diejenigen Hausregeln zu sagen, die er bei seinen Töchtern bewährt gefunden.

Ohne Auslegung ist das mißlich; antwortete ihm der Hausvater. Doch will ich Ihnen bewährte Worte sagen. Es sind etwa nur ihrer Zehn:

1) Mutter und Vater müssen sich lieben, innig und gesund sein und Verstand haben!

2) Bei Tische darf nichts Unangenehmes des Hauses ausgethan werden. Essen ist ein wichtiges Werk.

3) Mutter und Vater dürfen in Gegenwart der Kinder sich nie widersprechen, daß beide heilige Götterbilder bleiben.

4) Eltern müssen in Zeiten der Leichtgläubigkeit der Töchter vorbeugen.

5) Wenn Vater oder Mutter gegenwärtig sind, darf keins der Geschwister das andere tadeln oder loben.

6) Lehrstunde muß immer sein; besonders bei Gelegenheiten und Vorfällen, welche die Erfahrung der Jugend sind, um sie Urtheil zu lehren, und ihr das Rechte und Wahre dabei zu sagen.

7) Den Kindern muß man von Kleinauf die ganze reine Wahrheit sagen. Das vertragen sie neben den Mythen und Mährchen aller Zeiten, sogar neben dem besten und herrlichsten Buche der Kinder --: Grimms Haus- und Kindermährchen. ~Nach~ den Jahren der Phantasie und des Allesglaubens wächst dann das Wahre wie die Eiche über Blumen empor.

8) Die Kinder sollen ganz zeitig wissen: Jeder soll sich selbst glücklich machen, nicht blos den Andern. Liebe und Schönheit sollen keine Opfer sein. Schon Moses hat gesagt: Liebe deinen Nächten wie dich selbst; demnach soll jeder auch sich selbst lieben, und sich zu lieben ~verstehen~.

9) Den Kindern muß man die Phantasie aufschließen, alles als wirklich lebendig darstellen, um ihr Mitleid zu gründen, und die Liebe zu Mutter und Vater und Geschwistern, Andern bei erfordernden Gelegenheiten angedeihen zu lassen so weit und so gering das auch nur möglich ja auch nur nöthig ist -- da alle überall die Ihrigen haben und wirklich lieben, was da Liebe zu heißen und zu sein verdient.

10) Jeder soll die Seinigen doch nur so gut und höflich wie Fremde behandeln.

Freilich, setzte er hinzu, bedürfen diese Zehn Worte: Parabeln oder auch unbildliche Auslegungen, um ganz überraschend und allein „hinlänglich zur Erweckung des Geistes zu wirken -- (~das Herz liegt im Geiste~, nicht im Thorax, dem Brustgerippe!). Ich ließ diese Worte auch ~aufführen~, z. B. zu dem Zehnten Worte sandte ich bei Regenwetter den Kindern in das Zimmer eine alte nasse Frau, die sich auf den Stuhl setzen mußte, um auf mich zu warten. Und sie duldeten das, ja bewirtheten und bedauerten sie. -- Ich sandte ihnen einen alten dummen tauben Bauer, der durchaus behaupten mußte, bei uns recht im Schlosse des Herrn von Stifter in Nordfrei zu sein. Und sie hatten ihn sanft belehrt; ja das mitgebrachte gebundene Kalb im Zimmer geduldet und gestreichelt. Und noch Widerwärtigeres, ja Grobes hatten sie von Fremden geduldet, ~die sie im Leben nicht wiedersahen, mit denen sie nicht alle künftigen Tage zu leben hatten, denen sie keinen Dank schuldig waren~! -- Ich bat mir dann, was sie so Fremden gethan und an diesen geübt, auch von allen den Meinigen an den Ihrigen aus! Sie waren überrascht und sie freuten sich. Ja wenn diese Lehre vielleicht einmal gegen ~Eine~ im Hause vergessen werden wollte, dann durfte diese nur sagen: „~Bedenke, ich bin ja eine Fremde!~“

Mit diesen Worten langt man weit, überall hin. Denn welch unsinniges Gebot wäre das: Du sollst deine schöne für dich glühende Geliebte lieben!... Du sollst dein Weib lieben! Du sollst deine Kinder lieben! Nur zu lieben ~verstehen~ ist die Sache!“

Der gute Irländische „Katholik auf dem Sprunge“ schrieb sich jedes Wort getreu in seine Schreibtafel. Als wir so zaudernd zur Gruft gekommen, stand sie offen. Vom Sarkophage der Mutter erhob sich da langsam die schöne Afanasia, blaß und schweigend, edel wie je Elektra oder Iphigenia. Sie kam dämonisch heraus geschritten, staunte, von den Marmorstufen emporblickend, die Inschrift an: „Es giebt keine Todten!“ Doch sie lächelte und sprach in den Himmel hinauf: Aber Sterbende! Gestorbene! Uns Verlierende! Uns Verlorene!

Der ambulante Geistliche gab dem Vater den Hamburger Brief; sie fiel dem Vater um den Hals, und er hielt sie an einer Brust sich fest. Dann reichte sie den Schwestern die Hände hin. Sie führten sie fort. Niemand besuchte das Bild der Mutter, als die kranke Mutter, Lady Pat; sie dachte sich selbst wohl in die Erde; denn sie lächelte und sah nicht unerquickt, welch Leben über dem Grabe glüht und wächst und sich freut und leidet wie einst die Todten.

Herr von Rizzi stand ganz betroffen über die Nachricht des Todes von seinem Rheingraf. Muß ich Gott nun nicht danken für das, was ich für eine Beraubung hielt? Meine gute Tochter, sprach er zu seiner schönen ~Clementine~, nun wärst Du eine Wittwe! Und eine Wittwe so jung und reich sie ist, verheirathet sich schwer! Dabei küßte er sie auf die Stirn. Das edle Mädchen schwieg.

Eine der sonderbaren geheimnißvollen Stunden der Erde verging. Mein gerufener Arzt kam. War nun vorher schon eine Veränderung in den Schwestern vorgegangen, welche zumeist der vagabunde fromme Mann nur erst gerade durch seine Zaubercur zu Wege gebracht, indem er Natur und Schicksal und göttliche Dinge für ~curabel~ und verbesserlich ausgegeben, und sich für den Generalgewaltigen: sie zu curiren; so befiel nun alle ein ~soliderer~ Schreck: die Reisenden hatten die Blattern mit ins Haus gebracht. Die schöne Kammerjungfer hatte ihre Freundin vor dem Tode noch einmal heimlich besucht und sich selbst sie deutlich erkennbar geholt. Auch Dolly, die Eine der feindlichen Schwestern, war davon ergriffen, und zu den beiden unzertrennlichen Kleinen, zu der Zwergin ~Aïscha~ und der jüngsten Tochter des Irländers zuckte der hierin weise Salomon die Achseln und schwieg. Der Baronet bat nothgedrungen den Herrn von Holycock um das Gastrecht mit den Worten: „Ich bin ~ein Fremder~! Die Kinder sind ~fremd~!“ Der Vater drückte ihm die Hand, und den Gästen wurde eingerichtet. Der brave Vater-~Postdirector~, was er indessen geworden zur Anerkennung überaus löblicher redlicher Postmeisterschaft, empfahl sich mit seinen fünf Töchtern und dem dritten Verlobten, auf gesundes Wiedersehen, alsbald sehr vorsichtig. Der steinreiche herrliche Mann, der nur als schon bejahrt in Todesangst schwebte vor seinem gewiß noch fernem Ende alle seine Töchter wohl zu verheirathen, bedachte gewiß: daß sie zur Heirath doch ~leben~ müßten und ~schön~ bleiben! Und daran hatte er Recht. Niemand belächelte seine Liebe. Ich selbst sandte ~Brigitten~ in aller Stille nach Hause fort, um mein Haus einzurichten für die Schwestern Sangallo, gab ihr einen Brief an meine rechtschaffene Mutter mit, in welchem ich sie bat, Brigitten durchaus nicht mehr von sich zu lassen! Aber Herr von Sangallo befahl weder seinen Töchtern, noch wehrte er ihnen, indeß in mein Schloß hinüberzuziehen, das ich ihm angeboten. „Sie sind vor zwei Jahren alle zum drittenmal vaccinirt“, sprach er nur, durchaus nicht kopfscheu vor der Natur und ihrer Gerechtigkeit, die von menschlichen Gesetzen oder Befehlen nicht eingefangen noch gebannt wird, und von Kaiser und Pabst sich kein X für ein U machen läßt, sondern frei aus allen heiligen Pentagrammen und Dreiecken schreitet -- und Niemanden auslacht, der da weint.

Arminien suchte ich; aber vergebens. Erst spät, als ich schon Abschied genommen, sah ich sie vom Schlosse aus, im Garten an dem Orte stehen, wo ich ihr aus dem Grabe geholfen. Sie starrte da hinab, als wünschte sie: nicht daraus auferstanden zu sein. Als ich aber selbst in den Garten kam, war sie entschlichen, und in der Dämmrung auf der Erde, über die schon die Sterne am Himmel heraustraten und blinkten, konnt’ ich sie nirgends entdecken. Ich schlich zu meinem Kahn. Der See glomm in Abendschein. Da hörte ich die Melodie des Liedes mit rührender Stimme singen. Es war ~Afanasia~ in wahrem Schmerz des Verlustes ihres Geliebten, und die Abendluft hauchte mir -- da mich nur wenige Gebüsche von ihr schieden, jedes Wort verständlich zu. Sie war „die Erwartende“ selbst, und sang aus tiefster Seele:

Hier sitz’ ich am Gartenpförtchen Im goldenen Abendschein; Hier bist Du hinausgegangen -- Wann kommst Du hier wieder herein?

Du bist von mir fortgezogen In die weite Welt hinein; Ich weinte Dir bittere Thränen, Ich weine sie noch allein!

Du bist nicht wiedergekommen, Da der Tod die Herzen zerbricht; Du hast nicht die Treue gebrochen, Ich breche die Liebe Dir nicht!

Sie kommen alle wieder Die Sterne! der fehlende Mond! Ihr süßes Wiederkehren Das bin ich so süß gewohnt.

Wann alle Sterne zergehen, Wann droben der Himmel zerbricht, Wann Tod und Liebe gestorben, Dann kommst Du ..... auch dann noch nicht!

Bei goldenem Abendscheine Ach, sitz’ ich und harre Dein; Hier bist Du hinausgegangen ..... Wann kommst Du hier wieder herein?

XI.

Ruhig zum Guten, getreu zum Glück.

So war ich mit theilnehmendem Herzen geschieden, betrübt, daß ich Arminien nicht bereden gekonnt, wenn nicht zu mir und meiner rechtschaffenen Mutter, doch zu dem ehrenwerthen Pastor für die Zeit der Gefahr im Vaterhause zu kommen. Aber ich sollte sie sogar auch längere Tage nicht sehen. Denn heut zu Tag nicht mehr für möglich gehaltene, wie aus einem modrigen Grabe schauderhaft auferstandene Gespenster bannten mich in ihr Pentagramm und entfernten mich von Hause. Ich hatte nämlich, nicht als Curiosität, sondern als Werthstück, aus Amerika, aus Massachusets den Katechismus mitgebracht, der zum Lehrbuch in den Schulen von den Vorstehern ~aller Confessionen~ war ausgearbeitet worden, und der keine Lehre enthielt, welche irgend Einer derselben ein sogenannter Glaubensdorn im sogenannten Auge ist. Diesen, der vielen dasigen Deutschen wegen auch deutsch gedruckt, hatte ich einst meinem Schullehrer, dem resignirten Predigtamtscandidaten gezeigt; er hatte ihn mitgenommen und danach seine Schule: Kinder von evangelischen, katholischen, reformirten und jüdischen Eltern des Kirch-Spiels zu ~aller~ Zufriedenheit, zu großer Einigkeit und wachsender Verträglichkeit, also mit Segen gelehrt. Damit war er vom Ambulanten Geistlichen verrathen, und deswegen vorsichtig des Nachts abgeführt worden, nicht etwa damit ~ihm~ kein Schaden geschehen solle, sondern keinem ~der Schergen~. Geschehenes aber sind alle Leute, auch deutsche Leute zufrieden, und wenn der Himmel einfiele, ja sogar die Kirche, und sie hielten Gottesdienst auf dem Gottesacker wie nach einem totalen Abbrande. Zugleich war mein Pastor mit Absetzung bedroht, weil er der Vernunft Gehör gegeben; und ich, als Einschmugler dieses satanischen Katechismus, war zu einem sogenannten Colloquium, einem Gespräch das leicht an Collum, den Hals gehen kann in dieser letztbetrübten Zeit, mehr als nur eingeladen. Wer in Amerika erzogen worden, nur vom Hörensagen es kennt, ja nur daran denkt und sich je dahin, oder es zu sich her gewünscht hat, der kann meine Stimmung sich figuriren! Ich sah gleichsam Amerika in Person wirklich bei uns gelandet wiedergekommen, gebilligt, und festen Fuß fassen, wie einen klaren Mann, dessen Herz keine Beine hat, und darum nicht auf die Kniee fällt. Ich sprach also in dem Colloqium fest, offen, frei, stark, ein wenig -- nicht vom hohen Pferde herunter, sondern vom hohen Sternengewölbe, und so etwa nur aus dem nächsten Jahrhundert, das diese letztbetrübte Zeit überwunden und an den Nagel gehangen haben wird; wie Chriemhilde den sie zu bändigen zu schwachen König, der zu ihrem Betrug die Nebelkappe bedurfte, aber mit dem Leben dafür büßte. Jetzt noch, half es uns nichts, daß die Kinder nachweislich ~mehr~, ja alles zu glauben Verlangte auch richtig wußten; sie sollten dieses blos allein wissen. Das Buch sei Verbrennens- oder Zerstampfenswerth. Denn der Unsinn, die Unmöglichkeit desselben sei klar, da dasselbe, wenn es noch mehr Confessionen in Indien und China aufnehmen und versöhnen wolle, dadurch das Nichts darinnen stehe, als was Seine Gläubigen auf Erden läugnen, oder gar das, was alle Milliarden Bewohner der Millionen großen ewigen Gestirnen gut hießen, ja am Ende ~nur der Name Gottes und die Pflicht eines rechtschaffenen Lebenswandels~ darin stehen könnte! _Quod non datur._

Da die Sache also schlimm werden konnte, so rieth ich meinem Schullehrer in’s Preußische zu flüchten, da noch kein ~Religionscartel~ in den Deutschländern bestehe, und sich dort um eine Stelle bei einem Bekannten von mir zu bewerben. Der Mann ging aber nicht; auch mein Pastor nahm keinen Rath an; und ich mußte erstaunen, ~so feste Ueberzeugungen, so unbewegsamen Muth~ aus gutem Gewissen zu finden. Mein Pastor hatte auch seinen Brust- und Herzenskranken Bruder bei sich aufgenommen, der katholischer Hof-Prediger in einer Stadt gewesen war, wo die Kirchenmusik von unzähligen Fremden bewundert wird. Ihn hatte die Reue ergriffen; er wollte wieder als Jude sterben, da ihn selber vernünftige Katholiken über manche Worte constituirt hatten. Und ich mußte wieder erstaunen, ~wie sehr aufgeklärt und vorbereitet eine unermeßliche Zahl deutscher Katholiken ist~. Denn sie sind zuerst Menschen und ~Deutsche~; das erklärt alles. Ich reiste, lange gehudelt, mit Extrapost wieder nach Haus. Aber auf der Station unseres lieben Postdirectors fühlte ich mich so unwohl, daß er mich nicht weiter ließ, in seinem schönen Hause, unterhalb der Landstraße in einem großen Blumengarten gelegen, gastfreundlichst aufnahm und selber den Doctor holte. Er fand mich krank an den Folgen der Politik, die jetzt noch zum Unglück unter die Herrschaft des Gallen-Gestirns falle; so daß den Menschen nichts recht sei, geschweige das Ungerechte, Anwidernde und Aufgedrungene. Und doch sei das Beste, daß sich die Menschen noch ärgerten und ergrimmten, (so daß jetzt viele, vom so civilen Militär und so militärischen Civil mit zusammengebissenen Zähnen stürben und im Sarge lägen;) da Lachen und Spotten eigentlich alles gut heiße, und dadurch nichts besser werden könnte. Daher er auch die einreißende und endemisch gewordene Predigerkrankheit, als eine Krankheit der alten mürrischgewordenen Erde, nicht mit _repellentibus_ zu behandeln rieth, um nicht Ausbruch des Wahnsinns zu erzwingen. „Gott, sprach er, von welchem Unsinn und Starrsinn oder welcher Furcht bekommen wir Aerzte die Folgen als Herzschwindsucht, Verstandeschwäche, ja Geistesabwesenheit, Gliederlähmung und Verlust allen Appetites zu leben, in unsere Cur! Die Erde muß vor ihren Kindern erschrecken, welche sauere sardonische Gesichter sie ihr im Sarge heimbringen; und wenn Gott Jedem erlaubt zu petiren, weil die Pfaffen doch dasselbe ~als beten~ zur Pflicht machen, so mag ich jetzt nicht droben extrahirender oder vortragender himmlischer Rath sein. Wenn aber die Pfaffen, überführt, daß „zum Himmel beten“ ~auf Erden~ petiren sei, antworteten: Gott thue dennoch was er wolle; so wäre die Antwort unwiderleglich: Ja! Aber kein Mensch kann weder für alle wollen noch handeln, und das zu wollen, sei die Blasphemie: sich für Gott zu halten.“

Da hatte ich wieder zu erstaunen: über ~die Doctoren~, sie, die in den ernstesten feierlichsten Tagen zu allen tausend Kranken gehen, mit ihnen und den Gesunden Vernunft reden, und sie über die Zeit und den Tod trösten. Ich wüßte auch gar kein Mittel, -- nicht etwa blos Juden Doctoren werden zu lassen, wie es jetzt Tausende werden -- sondern das: alle Aerzte vorher acht Jahre Orthodoxie studiren zu lassen. Ich aber war lange Tage krank und lag im Phantasiren oder in Schwäche. Der gute von Rizzi hatte meine rechtschaffene Mutter kommen lassen, und ich hörte wohl sie beide manchmal leise miteinander sprechen und verstand davon die Bitte meiner Mutter: „Nur jetzt sagen wir ihm noch nichts davon!“

Als ich darauf wieder nach den Dingen im Leben neugierig ward, fragte ich den ~redlichen~ Postdirector, der nichts auf dem Herzen behalten konnte. Und in großen Zwischenräumen von Nächten und halben Tagen brachte er mir verschiedene Gedanken zum Angehör. Einmal stöhnte er verwundert: „Ein Vater ist doch ein guter Mann; erst ist er aus Liebe der Diener seiner Frau, zuletzt der Sclave seiner Kinder!“ -- Ein andermal: „Sollte man es für möglich halten, daß ein Vater fünfzehn Töchtern gestattet: fünfzehn Körbe auszutheilen! Man dankt Gott für Einen Freier, geschweige für ein Vierteldutzend Nehmer!“ -- Wiedereinmal: „Sollte mir ein Pfaffe mein Haus zerrütten, alle Pläne ins Wasser werfen?“ Noch ein andermal: „Der gute Irländer! Nun hat er sieben durch die Blattern abscheulich entstellte Töchter, und die Kleine ist ganz blind!“ Aber wir wollen ihn glücklich schätzen; denn nur die kleine glückliche Araberin, oder Apfelsinerin, die ~Zwergin~, ~ist gestorben~. Das verständige Mädchen hat aber ein schönes Wort hinterlassen, nämlich den Trost: „Wenn Ich auch sterbe -- wenn Gott nur leben bleibt!“ -- Und der bleibt gewiß leben. Der Doctor nennt das Wort vollkommen, wenn, oder da Gott zuvor auch nur allein gelebt hat. Sie ist in Ihrer Kirche beigesetzt. „Unter 9 Tagen kein Begräbniß“ hat der Irländer verordnet, aber er bezahlt Geistliche und Schullehrer alle drei Tage einmal dafür, als wenn sie gesungen, geläutet und auf dem Kirchhofe die Parentation gehalten: „Sie war so fromm! -- Sie war so gut!“

So hatte von Rizzi sich die Zunge gelöst und fuhr fort: Aber ihren Chirurgus letzter Klasse, den Salomon sollten Sie einmal sehen! Wer ihn zuvor nicht gekannt hat, der kennt ihn nicht wieder. Aber beruhigen Sie sich: Fräulein ~Brigitte~ hat ein offenes Billet für Sie, worinnen ~Arminia~ Ihnen schreibt:

„Weiß Gott, was Sie überrascht hat und mich, was Ihnen an mir so gefallen. Aber, ich kann Sie nicht lieben! Ich darf Sie nicht lieben. Wünschen Sie es aber, so will ich zeitlebens unvermählt bleiben; Ihnen zur Ehre und mir zur Strafe.“

Beruhigen Sie sich, damit Sie nichts Falsches denken: Arminia hat dieses Billet schon acht Tage zuvor geschrieben, ehe sie sich des Nachts unbewacht die Pockenmaske vom Gesicht gerissen, und nun schrecklich, statt so lieblich aussieht. Sie bedecken sich die Augen? Ich bedaure Sie. Die Schönheit verlieren, ist kein gemeiner Verlust. Die schöne Braut verlieren, wer kann das ertragen? Aber für Sie wird es einen Trost geben, eine Trösterin: das arme Häschen, die schweigende Brigitte! Ihre Frau Mutter meinen, vielleicht habe es nie treuere, einander selbst Glück und Liebe sich so aufopfernd gönnende Freundinnen gegeben, als diese beiden Mädchen. Aber aufrichtig gestanden: ich habe noch nie zwei Mädchen oder gar Weiber gekannt, die solche Freundinnen gewesen wären, wie viele Jünglings- und Männer-Paare. Doch da müssen noch andere geheime Dinge vorgefallen sein, die....

Meine rechtschaffene Mutter war leise genaht, hielt ihm den Mund: „das Posthorn“ zu, wie sie sagte, und nannte ihn ziemlich verblümt einen Klatscher. Als wir darauf allein waren, sprach sie: „Doch ist er gut und hat Gutes gestiftet, wie immer die Wahrheit thut. Du, mein lieber Sohn, thust am besten: entschlossen und rasch das arme Kind zu nehmen, das dich von Herzen liebt.... aber nicht geathmet hat, sich zu verrathen! Um unseren Verdruß in frohes Geschäft zu verwandeln, werde ich sogleich in der Stadt umherfahren, den Brautstaat und alles Nöthige zu euerer Hochzeit einzukaufen. Mein lieber Sohn, Gott segne Dich! und Dein Weib mit Dir! Du thust den alten Willen der Welt in Deinem; Du thust des Vaters Willen, und nun auch meinen -- und dem armen Häschen! Sie weinte; und ich will nicht läugnen: ich verstummte und weinte.“

Ich -- ich zog noch einmal Arminien aus dem Grabe, umhüllte sie mit dem Mantel, und sie ruhte an mir. Aber ich versuchte auch ~Brigitten~ mir so aus dem Grabe zu ziehen.... ~und die Sache gelang~! Ja, ich trug sie fort, und fuhr mit ihr über den See in mein Schloß zur plötzlichen Hochzeit. Da saßen wir in Gold und Silber am Tische; die Kerzen brannten; vor uns hielten zwei Engel unsere verschlungenen Namen und Brigitte weinte Perlen; ihr alter Vater war vor Freude zum Jüngling geworden, und Herr von Sangallo sang wieder ein „Freut Euch des Lebens,“ daß ich vor Angst aus dem wachen Traume emporfuhr.

Da fragte mich der Postdirektor: Nun? geht die Sache? Das heißt „umsatteln!“ Glauben Sie mir, ich bin fast notorisch ein redlicher Mann durch und durch, liebte und liebe meine einfache Frau einfach; aber wenn sie krank ward und kränker, desto deutlicher flogen auch mir die Gedanken durch den Kopf und wie Federn um die Haare: „Wen wirst Du nur müssen zur Frau nehmen?“ und dann traten auch gleich verschiedene artige Persönchen vor mich hin, die ich sonst nur so gewiß freundlich angesehen hatte, weil ich wußte, daß sie gern Posthorn blasen hörten. So ist das Ding, und so sind wir. Aber wenn wir nun sogar ~müssen~....

Und zu diesem Muß zwingt die ~Ehre~, schloß meine rechtschaffene Mutter; diese langt hoffentlich bei meines Mannes Sohn! Laß Arminien dem Doctor Salomon; denn Doctor will er und kann er nun werden. Uebrigens es gleichsam keine Arminia mehr; ihr schönes Antlitz ist aus der Welt entschwunden; Du wirst sie nicht wiedererkennen, sie wird Dich nicht wiedersehen, Du wirst sie nicht wiederfinden. Wie sich ein Glaube ablösen kann, so kann und muß es die Liebe von verlorenen Dingen und Personen.