Abnormitäten

Part 6

Chapter 63,399 wordsPublic domain

Ein ganz ähnlich verkrüppelter Neger wurde vor einigen Jahren ebenfalls in Amerika unter dem Namen Jim-Jim, »halb Pferd, halb Mensch« gezeigt. Er hatte sich auch wirklich die Bewegungen eines Pferdes ziemlich natürlich angeeignet. Trotz der rohen und abstossenden Art der Vorführung fand doch die »grosse Masse« des Publicums Gefallen daran und der Impresario (ein Deutscher Namens Max Zimmermann) erhält ausser dem freien Verkauf der Photographieen durchschnittlich eine Wochengage von 125 Dollars. Eine Attraction, wie diese »halb Pferd, halb Mensch«, würde in Europa polizeilich verboten werden.

Walter H. Drew

der »Drum«-Major

war ein viel grösseres Wunder für die Mediciner wie für das Publicum. Im Jahre 1866 in Bridgeport (Nord-Amerika) geboren, fehlten ihm die Hände ganz und statt der Füsse hatte er nur unförmige Klumpen. Ungleich interessanter für die medicinischen Wissenschaften war jedoch die Thatsache, dass sein Rückgrat von der rechten Seite zur linken Hüfte ging und dass die Wirbelsäule des Halses nicht die directe Fortsetzung des Rückgrates bildete, sondern dass sie seitwärts aus diesem herausgewachsen war.

Dieses wohl einzig dastehende Vorkommen wurde von allen Aerzten Amerikas constatirt, und nach dem Ableben Drews im Jahre 1891 wurde der Leichnam vom Jefferson-College in Philadelphia erworben, das Skelet präparirt und im Museum des College aufgestellt.

Durch die abnorme Verschiebung des Rückgrates wurde es unmöglich, dass Drew jemals gehen oder auch nur aufrecht stehen konnte, er konnte sich vielmehr während seines ganzen Lebens nur auf der Erde liegend fortbewegen. Trotz dieser furchtbaren Situation erfreute er sich aber einer guten Gesundheit und eines recht urwüchsigen Humors, der ihm über seine körperliche Misère hinaushalf.

Durch eine besondere Vorrichtung an den Füssen ermöglichte er es, zwei Trommelstöcke zu halten und sich zu einem Trommel-Virtuosen herauszubilden (daher auch das Prädicat »Drum«-Major, gleich Trommel- oder Tambour-Major). Auch schrieb er mit den Füssen und war ein tüchtiger Zeichner. Für viele Jahre war er gezwungen, sich seinen Lebensunterhalt durch öffentliche Schaustellung zu erwerben, und waren auch für ihn die Museen etc. die Rettungs-Anstalten, die ihn vor dem Armenhause bewahrten.

Miss Bella Carter

das Mädchen mit der Pferdemähne.

Welch fabelhafte Blüthen der Speculationsgeist der Amerikaner zu treiben vermag, beweist das »Mädchen mit der Pferdemähne«.

Bella Carter, ein recht hübsches Mädchen von etwa 22 bis 23 Jahren, ist in Port Huron, Michigan (Amerika) geboren, wo sie bis zum Jahre 1889 »unentdeckt« bei ihrer Mutter lebte. Da hörte ein »findiger« Impresario von ihr und -- dass sie ein behaartes _Muttermal_ von ausserordentlicher Grösse auf dem Rücken habe. (Muttermale sind fast ohne Ausnahme bald mehr, bald weniger behaart. Im Volksmunde werden sie nicht selten »Mäuse« genannt und ihre Entstehung dem »Versehen« an einer Maus zugeschrieben, über die sich die Mutter während der Schwangerschaft mit dem Kinde erschreckt habe. Während aber die Behaarung dieser Mäuse meistens plüschartig und weich ist, sind die Haare auf Bella Carter's Muttermal drahtartig-hart und ca. 12-14 Zoll lang.)

Sofort stattete der Impresario Mutter und Tochter eine Recognoscirungs-Visite ab und nachdem er das Muttermal mit der allerdings ungewöhnlich üppigen Behaarung gesehen hatte, machte er Beiden den Vorschlag, Miss Bella gegen ein wöchentliches Fixum öffentlich zeigen zu wollen, ein Vorschlag, der von Mutter und Tochter sofort acceptirt wurde, da sie in nur ärmlichen Verhältnissen lebten.

Das »Mädchen mit der Pferdemähne« war entdeckt, und war die Uebertreibung auch eine geradezu »phänomenale«, so war der Erfolg doch ein so guter, dass Miss Bella heute noch für eine bewährte Zug-Nummer gilt, die in Amerika überall gerne engagirt wird.

Auch nach Europa wurde das »Mädchen mit der Pferdemähne« überführt, da aber ihre Ausstellung im Berliner Passage-Panopticum _absolut erfolglos_ war, so stand der Impresario von jeder weiteren Ausstellung ab und kehrte mit seinem »star« nach Amerika zurück. (Das Cliché zeigt Miss Carter während der Vorführung.)

Der Hindu »Laloo«

ist eines der grössten Phänomen, die jemals existirt haben. Aus seiner Brust ist nämlich der vollständig entwickelte Körper eines Mädchens, dem jedoch der Kopf fehlt, herausgewachsen und von sämmtlichen Aerzten, die Untersuchungen anstellten, wird behauptet, dass der Kopf sich _in der Brust_ Laloo's befinde. Er wurde 1882 zur indischen Ausstellung nach London gebracht und nach Beendigung derselben in sämmtlichen Universitäten, Museen etc. Gross-Britanniens mit ganz colossalem Erfolg ausgestellt.

Nach dieser neunjährigen Tournée wurde Laloo von der Direction des Berliner Passage-Panopticums für einen Monat engagirt, das Engagement wurde jedoch des colossalen Erfolges wegen um weitere fünf Monate verlängert und wäre noch weiter verlängert worden, hätte der Impresario bereits früher eingegangene Verpflichtungen in Amerika noch länger verschieben können.

In Berlin erhielt der Impresario eine _Monats_-Gage von 2000 Mark, vom Prof. E. M. Worth, dem Besitzer des Palace-Museums in New York (des grössten und elegantesten Panopticums und Variété-Theaters der Welt) bezog derselbe jedoch während sechs Monate ab 1. October 1891 eine _Wochen_-Gage von 700 Dollars (etwa 2950 Mark) ausser dem Verkauf der Photos und Biographieen, der ihm auch noch einen wöchentlichen Reingewinn -- nach seiner eigenen Aussage -- von etwa 125 Dollars eintrug.

Laloo ist in ganz Amerika gezeigt worden, denn das Phänomen war auch längere Zeit für Barnum & Bailey's »Greatest Show on Earth« engagirt. Laloo ist jetzt etwa 27 Jahre alt, sehr intelligent, spricht mehrere Sprachen und ist ein »bildhübscher« Mann, der sich viel in guter Gesellschaft bewegt und überall gern gelitten ist.

Seit 1894 ist er mit einer sehr hübschen und gebildeten jungen Deutschen aus Philadelphia verheirathet. Das Ehepaar soll sehr glücklich leben und Laloo seine Gattin mit Diamanten und sonstigen werthvollen Geschenken förmlich überschütten. Trotz seines grossen Reichthums tritt er noch immer öffentlich auf und seine junge Frau begleitet ihn auf allen seinen Reisen.

Monroe

der verknöcherte Afrikaner

ist ein unlösbares medicinisches Räthsel und zugleich eine Abnormität, die Jeder mit Wehmuth betrachtet.

Jetzt etwa vierundfünfzig Jahre alt, war er bis zu seinem zweiunddreissigsten Lebensjahre ein gesunder, kräftiger Mann von gebräunter Hautfarbe, glücklicher Ehegatte und Vater von drei Kindern, und functionirte als Schaffner an der New York Central-Railway.

Im Jahre 1875 wurde er Nachts von einem Frachtenzuge hinabgeworfen, und da das Unglück von Niemandem bemerkt worden war, blieb er schwer verwundet im Schnee liegen. Als er vermisst und aufgesucht wurde, da fand man den völlig erstarrten Körper endlich und den Bemühungen der Aerzte gelang es, ihn nicht nur wieder ins Leben zurückzurufen, sondern es ihm auch zu erhalten.

Infolge des Sturzes und der furchtbaren Erkältung traten jedoch nicht nur Gelenk-Entzündungen, sondern gleichzeitig auch Rheumatismus bei Monroe auf, die eine sich über den ganzen Körper verbreitende Ossification (Verknöcherung) zur Folge hatten. Sechs Jahre konnte der Unglückliche sein Bett nicht verlassen und seit dieser Zeit ist er nur noch ein lebendes unbewegliches Skelet, das, als wäre es aus Holz gearbeitet, aufgehoben, umhergetragen und wieder niedergelegt werden muss; doch empfindet er nicht die geringsten Schmerzen, ist stets heiter und zum Scherzen aufgelegt und giebt bei seinen Vorführungen selbst den Vortrag über sich. Trotzdem er reichliche substantielle Nahrung zu sich nimmt und auch gut schläft, wiegt er doch nur zweiundsechzig Pfund.

Seit etwa elf Jahren wurde Monroe in Museen etc. gezeigt, da er jedoch stets hohe Gagen bezog, so hat er sich nicht nur eine hübsche Besitzung unweit Buffalo (Amerika), sondern auch ein kleines Baar-Vermögen erworben, das ihm gestattet, sich aus der Oeffentlichkeit zurückzuziehen und als glücklicher Gatte und Vater im Kreise seiner Familie leben zu können.

Ada Russel

die Albino-Dame

ist keine bedeutende Attraction, da es namentlich in Amerika sehr viele Albinos giebt. Beide Eltern sowie ihre sechs Geschwister haben brünette Hautfarbe und schwarze Haare und Augen, sie dagegen hat schneeweisse Haare, eine weisse, durchsichtige Haut wie Alabaster und rosarothe Augen.

Miss Ada hat eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und ist eine recht gute Sängerin. Seit mehreren Jahren tritt sie in Museen etc. auf und schafft sich auf diese Weise eine sorgenlose Existenz. Sie ist 1873 in Michigan (Amerika) geboren, wo ihr Vater noch jetzt Schullehrer ist.

W. Le Roy

der Nagelkönig

ist _keine_ Abnormität im eigentlichsten Sinne, unter den »Zahn-Athleten« aber ist er unbestritten eine solche, denn er hat ein Gebiss, wie aus bestem Stahl gefertigt. Er nimmt z. B. zwei bis drei Zoll lange Nägel zwischen die Zähne und stösst sie mit diesen durch aufeinanderliegende ein bis zwei Zoll dicke Bretter, die er auf diese etwas ungewöhnliche Weise zusammennagelt; die Nägel zieht er aber auch unter den verschiedensten Stellungen des Körpers wieder mit den Zähnen, die ihm dabei als Zange dienen, heraus. Sein Haupt-Tric aber ist folgender: Er schlägt mit einem Hammer eine etwa zwei Zoll lange, dicke Holzschraube durch ein einzölliges Brett, befestigt dieses dann in einem für diesen Zweck eingerichtetes Gestell, und, den Körper rückwärts überbiegend -- siehe das Cliché -- zieht er die Schraube mit den Zähnen wieder aus dem Brett heraus. Es ist dies eine geradezu phänomenale Kraftleistung, und offerirt Le Roy demjenigen 500 Dollar, der die Schraube mit einer Zange herauszieht, was bisher jedoch noch Niemandem gelungen ist.

Er ist in Cincinnati (Ohio) geboren, jetzt etwa siebenundzwanzig Jahre alt und eine grosse, äusserst kräftige Gestalt. Seine seltsame Kunst producirt er in Museen und auf Specialitäten-Bühnen und bezieht stets bedeutende Gagen.

Rham-a-Sama

der »wilde« Mensch

ist in Bolton bei Liverpool in England geboren, jetzt etwa 38 Jahre alt und ursprünglich gelernter Tischler. Als solcher arbeitete er bis zu seinem neunzehnten Lebensjahre, erregte aber wegen seines colossalen Haarwuchses so allgemeines Aufsehen, dass er vom Director W. Mercer, Besitzer des Palace-Museums in Liverpool, engagirt und als »Haarmensch« gezeigt wurde. Als solcher reiste er dann auch während mehrerer Jahre in Grossbritannien umher, wurde jedoch 1894 von dem findigen Menageriebesitzer Frank Bostock für fünf Jahre engagirt und mit dessen Menagerie nach Amerika genommen. Nachdem er sich die höchste Potenz des »Brüllens« und Umherrasens angeeignet hatte und zweckentsprechend herausgeputzt war, wurde er in einen _eisernen_ Käfig gesteckt und als das fehlende Verbindungsglied zwischen dem Affen- und Menschengeschlecht (nach Darwin) gezeigt.

Der Humbug zog jedoch in Amerika nicht mehr, denn der Haarmensch Kra-o hatte das Geschäft als bisher fehlendes Glied zwischen Affen und Menschen dort zu sehr ausgebeutet und infolge weiten Gewissens sandte Frank Bostock den »wilden« Menschen wieder nach England zurück. Derselbe wurde dann nach Hamburg engagirt, ging später für zwei Jahre mit einem französischen Impresario auf Tournée und kehrte kürzlich bettelarm in seinen Heimathsort zurück.

Rham-a-Sama ist verheirathet und Vater dreier Kinder, hat aber trotz seines oft recht bedeutenden Einkommens nicht im geringsten für seine eigene Zukunft, noch viel weniger für den Unterhalt seiner Familie gesorgt und ist nun als ein recht verkommenes Subject auch sonst eine Abnormität.

Frank Home und George Moore

die urkomischen Boxer.

Die Komik dieser beiden jungen Männer, deren Körperformen die schroffsten Gegensätze bilden, ist bei ihren »Boxer-Productionen« eine zwerchfellerschütternde.

Frank Home, der Sohn eines Zimmermanns, ist aus Ohio, etwa vierundzwanzig Jahre alt, fünf Fuss und zwei Zoll hoch, aber 412 Pfund schwer und George Moore, eines Uhrmachers Sohn, ist aus Helena (Nord-Amerika), etwa zweiundzwanzig Jahre alt, sechs Fuss und einen Zoll hoch, aber nur 84 Pfund schwer.

Dieser Gegensätze wegen reisten Beide jahrelang zusammen und zeigten sich in Museen, bei Circus-Gesellschaften etc. Da Beiden von den Aerzten viel Bewegung empfohlen worden war, so kamen sie endlich auf den Gedanken, sich im »Boxen« zu üben und führten ihn auch aus, indem sie in ihrer freien Zeit in ihrem Zimmer die einschlägigen Exercitien vornahmen.

Von diesen hörte zufällig der Manager vom Ringling Bros. Circus, bei dem sie engagirt waren, und eines Tages wohnte er, um sich einen Spass zu machen, diesen Exercitien bei, aber schon nach dem dritten Gange offerirte er den Beiden einen Gagenzuschuss von fünfundzwanzig Dollars per Woche, wenn sie sich auch in den Vorstellungen vor dem Publicum boxen würden -- sie waren bisher nur passive Schaunummern gewesen.

Der »Lange« wie der »Kurze« gingen mit Freuden auf dieses Anerbieten ein und schon der erste »match« erregte bei dem Publicum einen solchen Sturm der Heiterkeit, dass sie fortan die erste Attraction des Circus waren. Darüber sind jetzt etwa fünf Jahre vergangen und in dieser Zeit haben sich die beiden jungen Männer ein ansehnliches Vermögen zusammen»geklopft«.

Die gefleckten Mädchen

(the spotted Girls)

sind in Süd-Carolina, Nord-Amerika, von ganz armen Neger-Eltern geboren und blieben jahrelang unter der Bevölkerung unbeachtet.

Als vor etwa elf Jahren der Circus des »Pawne Bill« (Lilian Gordon) auch Carolina bereiste, da hörte der Akrobat Harry Mack zufällig von den »scheckigen Mädchen« und als er dieselben gesehen und erkannt hatte, dass sich mit den Kindern »Geld machen« liess, da machte er mit den Eltern derselben Contract auf zehn Jahre und sie erhielten nur eine wöchentliche Entschädigung von -- so sagt man -- fünf Dollar, da sie froh waren, den Erziehungssorgen der Kinder überhoben zu sein.

Mr. Mack hatte richtig speculirt, denn er hat während der zehn Jahre an Gagen ein Vermögen erhalten, da er die Kinder stets gegen grosses Honorar in den bedeutendsten Museen etc. ausstellte. Während dieser Zeit hatte er die Mädchen zu Akrobatinnen und Tänzerinnen ausgebildet und sind besonders die beiden ältesten Schwestern, Maggi und Rosa, bedeutend in diesen Fächern.

Auch nach Europa brachte Mr. Mack die Mädchen und waren dieselben während des Winters 1895/96 in Castan's Panopticum in Berlin für eine Monatsgage von 4000 Mark engagirt, doch war die Anziehungskraft der »Cannibalen« eine nur ganz unbedeutende, so dass eine Prolongation des Contractes nicht erfolgte. Auf der Tournée in Deutschland verliebte sich ein junger Deutscher in die älteste Schwester und am 23. October 1896 fand die Hochzeit in London statt.

Da sie überaus gleichmässig, fast symmetrisch gefleckt sind, so sind sie eine bedeutende Attraction, während andere gefleckte Neger beiderlei Geschlechter, deren es eine ziemliche Anzahl giebt, meistens recht abstossend aussehen.

George Williams

der Schildkröten-Knabe

(the Turtle-Boy) ist nicht nur eine der bekanntesten Abnormitäten, sondern auch die entschieden beliebteste in ganz Amerika.

»George« ist am 17. August 1871 in Arkansas geboren. Seine Eltern, tiefschwarze Neger, waren früher Sklaven, die sich ihren Lebensunterhalt auch später noch durch schwere Arbeiten recht kümmerlich erwerben mussten.

Er ist, wie das Cliché zeigt, ein Zwerg, jedoch so verkrüppelt, dass er von Kindheit an weder stehen, noch gehen, sondern sich nur kriechend, allerdings mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewandtheit, vorwärts bewegen konnte. Trotzdem erfreut er sich der besten Gesundheit und eines wahrhaft übersprudelnden kaustischen Humors, dem er auch als incarnirter Politiker ungenirt die Zügel schiessen lässt; werden staatliche Institutionen discutirt -- dann schont er den Präsidenten der Vereinigten Staaten ebensowenig, wie den untergeordnetsten Communalbeamten mit seinen satyrischen Witzeleien.

Wo »Turtle-George« auch auftritt, überall ist er der Cassen-Magnet und sein Podium stets von Besuchern umdrängt, und ist er auch jedem Kinde bekannt, so lässt seine Anziehungskraft doch nicht nach -- ausser Engagement ist er nie. -- Er ist sehr musikalisch, singt gut und ist Virtuose auf der Mundharmonika.

Im Jahre 1895 hat er sich mit einem netten »weissen« Mädchen in New-York verheirathet und soll recht glücklich mit der jungen Gattin leben.

Madame Taylor

die »Bart-Dame«

die den Vorzug hat, die Einzige mit grauem Barte zu sein, ist im Jahre 1832 in Lincoln in Nord-Amerika als Tochter kleiner Bürgersleute geboren. Da sich schon in ihrer frühesten Jugend die Spuren eines Bartes bei ihr zeigten, so barbierte sie sich selbst heimlich, um Niemanden in ihr »Geheimniss« einweihen zu müssen, als sie aber in ihrem achtundzwanzigsten Lebensjahre beide Eltern verlor und ganz mittellos war, da entschloss sie sich, ihren Bart wachsen und sich als »Bartdame« sehen zu lassen. Sie trat im Jahre 1862 zum ersten Male öffentlich auf, und da in jener Zeit nur wenig Abnormitäten bekannt waren, so hatte sie colossalen Erfolg.

In ihrem zweiunddreissigsten Lebensjahre verheirathete sie sich und zog sich für einige Jahre als Schau-Object aus der Oeffentlichkeit zurück, war jedoch durch Umstände gezwungen, nochmals eine Tournée zu unternehmen, von der sie sich erst 1892 wieder ins Privatleben zurückzog, und da sie sich genügende Mittel erspart hat, so kann sie bis an ihr Lebensende sorglos leben.

Das Bärenweib

hat seit 1895 ausserordentliches Aufsehen erregt und war für nahezu zwei Jahre auch die Haupt-Attraction in Castan's Panopticum zu Berlin.

Dass diese Frau mit einem Bären nichts gemein hat (ausgenommen das schöne Bärenfell, das sie über dem Tricot-Anzuge trägt), ist wohl ebenso begreiflich, wie es unbegreiflich ist, dass das Publicum sich einen so colossalen »Bären aufbinden« liess, indem es einen bei Lichte betrachtet ziemlich plump inscenirten Mummenschanz für unverfälschte Natur nahm und anstaunte. Wenn dieses Wesen nach Professor Virchow's Angabe auch eine ganz seltene Abnormität ist, so ist der Titel »Bärenweib« doch durchaus ungerechtfertigt. Die Abnormität besteht nämlich darin, dass sich die Ellenbogen ganz dicht bei den Handgelenken und die Knie ganz dicht bei den Knöcheln befinden. Dadurch ist allerdings eine ganz entfernte Aehnlichkeit mit einem Bären hervorgebracht, aber nur, so lange das »Bärenweib« sich auf Händen und Füssen fortbewegt, also nur während der Vorführung; ist diese aber beendet, so geht es gerade so gut aufrecht, wie jeder andere _gewöhnliche_ Sterbliche.

Wo die Frau geboren ist, ist unbekannt. Seit etwa 1880 ist sie mit ihrer Mutter, die ebenso missgestaltet ist wie die Tochter, zusammen in ganz Amerika ausgestellt worden, und Beide waren stets gesuchte Schau-Objecte.

Trotz seiner wahrhaft abschreckenden Hässlichkeit hat das Bärenweib doch einen recht netten Ehemann, einen nordamerikanischen Mulatten Namens Howard Vanse, gefunden und im October 1896 einem hübschen Knaben das Leben geschenkt, der jedoch im August 1897 wieder starb.

Die bereits bejahrte Mutter des Bärenweibes reist jetzt als die einzige ihres Genres immer noch in Amerika, da aber ihre »Blüthenzeit« vorüber ist, so bezieht sie nur ganz geringe Gagen, während Mr. Howard Vanse als Ehegatte und Impresario mit seiner Frau den »intelligenten« Europäern auch ferner noch einen Bären resp. eine »Bärin aufbindet«.

Mr. Rannie

der Mann mit der eisernen Haut

ist ein echter Singhalese aus Ceylon, der wegen seiner Unempfindlichkeit obiges Epitheton mit Recht verdient. Er wurde am 3. Juli 1866 auf Ceylon geboren und war als 17. Kind erst der 4. Junge. Mit dem deutschen Circus Anna Willison kam er im Alter von 10 Jahren nach Europa und ist seitdem in den meisten Grossstädten, theils im Variété, theils im Panopticum, ebenso auch vor dem König Albert von Sachsen und vielen anderen Fürstlichkeiten aufgetreten.

Rannie tritt in einem farbenbunten, orientalischen Costüm auf, das die Beine von den Knieen abwärts und die Arme freilässt; seine Unempfindlichkeit zeigt er nun auf mannigfache Weise. Zunächst besteigt er -- die Augen verbunden und auf dem Kopfe eine Lampe balancirend -- eine Doppelleiter, deren Sprossen auf der einen Seite aus ziemlich scharf geschliffenen Säbeln, auf der anderen aus breiten Messerklingen hergestellt sind. Langsam steigt er über die schmalen Sprossen hinauf und herunter, indem er vorsichtig die nackte Sohle der Länge nach auf die Sprossen mehr schiebt als setzt. Dann kommt eine Production auf einem grossen, dicht mit starken Nägeln bespickten Brette; er stützt sich, das Kreuz hohl gemacht, mit Händen und Füssen auf das spitzige Lager, lässt ein Brett auf sich legen und dieses mit vier Männern belasten. Dann springt er von einem Tische durch einen Reifen, an dessen innerer Peripherie kurze Säbelklingen angebracht sind, auf das mit Nägeln beschlagene Brett. Hierauf wird eine grosse Trommel, die innen dicht mit Nägeln besetzt ist, herbeigerollt, Rannie kauert sich hinein und lässt sich einige Male in der Trommel umherrollen. Den Schluss bildet eine Production, während welcher Rannie auf einer mit Nägeln besteckten Walze steht und diese mit den Füssen ins Rollen bringt, wobei er wieder eine Lampe auf dem Kopfe balancirt. Auf Verlangen biegt er auch mit Kopf oder Zähnen dicke eiserne Stangen, lässt einen 20 Zoll dicken viereckigen Stein mit wuchtigen Hammerschlägen auf seinem Kopf zertrümmern, oder schlägt mit der blossen Hand einen grossen Nagel durch ein mehrere Zoll dickes Brett, so dass derselbe auf der anderen Seite sichtbar wird.

Rannie wurde erst vor wenigen Jahren von bekannten Wiener Aerzten, die seinen Productionen beigewohnt, untersucht, so vom Director des allgemeinen Krankenhauses Hofrath von Böhm, von den Professoren Benedikt, von Mosetig, R. von Hofmann, den Docenten Habrda und Lihotzky, den Herren Dr. Spiegler, Dr. Allina, Dr. Glas, Dr. Bäder u. s. w. Die Professoren Benedikt und von Mosetig sprachen sich gegen die Annahme der Unverwundbarkeit der Haut, welcher eine anatomische Abnormität zu Grunde liegen müsste, aus, gaben aber selbst zu, dass der Singhalese sich eine ganz ausserordentliche Fähigkeit im Ertragen von Schmerzen angeeignet habe, welche durch Behandlung der Haut, lange Uebung und vielleicht auch durch die Raceneigenthümlichkeit begünstigt werde. Prof. Benedikt in Wien hat an Rannie sehr eingehende Versuche mit dem Moskowski'schen Anästhesir-Meter angestellt, der Singhalese zeigte jedoch selbst auf der Stirne, an den Schläfen, ja sogar auf der Zunge eine absolute Unempfindlichkeit gegen die Stiche des feinen Instruments.

Wenn es nun auch bekannt ist, dass gewisse Völker und unter ihnen wieder einzelne Individuen eine wesentlich geminderte Schmerzempfindung haben, so bleibt doch die Unverletzlichkeit Rannie's, selbst wenn wir mit Prof. v. Mosetig und Benedikt von einer anatomischen Abnormität abstrahiren, ein hochinteressantes Beispiel von Anästhesie, erzielt durch eine ganz ausserordentliche Uebung und Willensstärke.

Frl. Lara

eine Colossal-Dame