Part 5
wurde im Jahre 1857 in Northumberland in Canada von »gewichtigen« Eltern geboren. Sein Vater wog 340, seine Mutter 375, er selbst bei seiner Geburt schon über dreizehn Pfund. Im zwölften Jahre wog er bereits 209, im zwanzigsten 360 und zur Zeit wiegt er 724 (!) Pfund bei einer Grösse von fünf Fuss und elf Zoll. Der Hals hat sechsundzwanzig, die Brust zweiundsiebenzig und die Taille vierundachtzig, die Oberarme haben achtundzwanzig, die Oberschenkel neunundvierzig und die Waden sechsundzwanzig Zoll Umfang. (Es bestätigt sich also auch bei diesem Coloss, dass der Hals und die Waden eines jeden Menschen stets gleichen Umfang haben.)
Mr. Whitton ist auf einem Bauernhofe erzogen worden; mit dem zweiundzwanzigsten Jahre eröffnete er einen Fleischerladen und betrieb ihn bis zu seinem siebenunddreissigsten Jahre. Er ist verheirathet und hat drei Söhne und eine Tochter, die jedoch nach der Mutter, die nur 118 Pfund wiegt, arten. Er besitzt ein recht hübsches »Heim«, ist kerngesund, voll gesunden Humors und reist zur Zeit mit Barnum's »Riesen-Show« in England, mit dem er jedoch auf alle Fälle wieder nach Amerika zurückkehrt.
Monsieur Neptune
der französische Herkules
ist sowohl ein Wunder der Natur, als auch des Trainirens, und der jetzt etwa siebenundzwanzigjährige junge Mann hat bereits das grösste Aufsehen in der Athleten-Welt erregt.
In Bordeaux geboren, ging er als dreizehnjähriger Sohn einer armen Wittwe als Schiffsjunge auf ein Kauffahrtei-Schiff und als Seemann wuchs er auf, wurde aber wegen seiner phänomenalen Kraft von seinen Kameraden bald gefürchtet.
Vor einigen Jahren besuchte Neptune ein Variété-Theater in London, auf dem sich auch der Athlet Chas. Samson producirte. Sein Haupt-Tric war das Heben eines Gewichtes von 210 Pfund, das er mit einer Hand bis zur Armeslänge über seinen Kopf drückte. Als er nach Beendigung der Production Demjenigen 10 Pfd. Sterl. (ca. 200 Mark) proponirte, der das Gewicht mit beiden Händen bis zur Brusthöhe höbe, da bat Neptune, diesen Versuch machen zu dürfen.
Sein Anerbieten erregte allgemeines Gelächter im Publicum, da er von nur kleiner Figur ist und nur 132 Pfund wiegt, und um noch mehr Heiterkeit zu erwecken, erlaubte Samson ihm den Versuch auch; Neptune aber gewann den Preis spielend, denn er hob das Gewicht mit auch nur einer Hand ebenfalls über den Kopf hinaus. Ein riesiger Applaus und zahlreiche Rufe um mehr Kraftproben waren das Resultat dieses seines Debuts vor der Oeffentlichkeit.
Angespornt dadurch, erwachte in ihm das Verlangen, sich ebenfalls als Athlet produciren zu wollen. Kurz entschlossen befreite er sich von seinen Verbindlichkeiten als Seemann und begann dann, seine Kräfte durch regelmässige Uebungen systematisch noch mehr zu entwickeln und heute ist er als Athlet einer der bedeutendsten, die je vor der Oeffentlichkeit gestanden haben, vielleicht auch stehen werden.
Miss Pollie Whatson
die schwerste Dame der Welt
liefert den Beweis, dass der »Humbug« nicht allein in Amerika, sondern auch in anderen Theilen der Erde gedeiht und Blüthen zeitigt. Die Miss, eine geborene Engländerin und vor einiger Zeit in einem Museum in Liverpool als »schwerste Dame der Welt« ausgestellt, ist zwar »wohlbeleibt«, aber dem unbeeinflussten Beschauer konnte es doch nicht entgehen, dass ihre unbedeckten Arme in einem grellen Contraste zu ihrer Körperfülle standen und der Gedanke, dass letztere »Kunst«, nicht »Natur« sein müsse, drängte sich unwillkürlich in den Vordergrund.
Dieser Idee gab denn auch eines Tages ein pessimistischer Besucher Ausdruck, indem er der »Aufwärterin« eine der umfangreicheren landesüblichen Münzen in die Hand gleiten liess, und als Erkenntlichkeit dafür erfuhr er folgende Details über die schwerste Dame der Welt: »Bis vor ganz kurzer Zeit sei sie noch Fischhändlerin gewesen, die das immerhin ansehnliche Gewicht von 220 Pfund zwar gehabt habe, dass das aber doch für eine »Riesendame« nicht ausreichend gewesen sei. Da habe sie, die Aufwärterin, es unternommen, eine »vollwichtige« Riesendame aus ihr zu _fabriciren_ und ihr Gewicht auf 728 Pfund zu erhöhen, ein Kunststück, das ihr auch in etwa einer Woche gelungen sei.«
Befriedigt über diesen Erfolg, warf der incurable Pessimist noch einen flüchtigen Blick zu der vom glaubensseligen Publicum umstandenen »Humbug-Riesendame« empor und berechnete im Stillen, wie viel überflüssige Schweisstropfen sie wohl täglich unter ihrer künstlichen Fetthülle vergiessen möge, in die der »Humbug« sie eingezwängt.
Lucy Morris
die schwarze Riesendame
hat das für eine Dame gewiss respectable Gewicht von zur Zeit 605 Pfund erreicht, doch scheint sie noch nicht »ausgewachsen« zu sein. Sie besitzt einen ganz colossalen Körperumfang und nimmt das Prädicat »schwerste aller Negerinnen« dictatorisch für sich in Anspruch. Trotz ihrer »unmenschlichen« Körperfülle bewegt sie sich sehr leicht und fährt auch auf einem eigens für sie gebauten »Dreirad« recht gewandt. Nicht selten tritt sie auch in akademischen »Posen« auf, und ist ihr Erscheinen dann stets von nicht endenwollenden Lachsalven begleitet.
Clarence Dale
der Knabe mit dem Riesenkopfe
ist eine recht sympathische Abnormität. Er ist ein lieblicher Knabe von etwa neun Jahren, sein Kopf ist jedoch von so aussergewöhnlicher Grösse, dass z. B. der Hut des corpulentesten Mannes kaum die Oberfläche seines Kopfes bedeckt. Er ist geistig sehr geweckt, Virtuose auf der Mundharmonika und in Amerika allgemein so beliebt, dass er nie ausser Engagement ist.
Dominique Castagna
der Mumien-Mensch
ist eine jener Abnormitäten, die stets im Vordergrunde des allgemeinen Interesses stehen werden. Er wurde am 26. April 1869 zu Sologny (Depart. Saône und Loire) in Frankreich geboren. Waren die normalen Eltern auch bei seiner Geburt über die unnatürliche Härte seiner Haut erstaunt, so beruhigten sie sich doch bald, wohlthätige Aenderungen von der Zeit erhoffend, da sich in der normalen Entwickelung des Kindes bisher keinerlei ungewöhnliche Störungen gezeigt hatten. Von seiner Mutter bis zu fünfzehn Monaten genährt, lernte er mit zehn Monaten gehen und rechtzeitig sprechen, doch hatte er im Alter von vierzehn Monaten erst vier Zähne.
Von seinem zweiten Lebensjahre an zeigte sich jedoch eine auffallende Abmagerung, die bis zum zwölften Jahre progressiv zunahm und dann stehen blieb, zugleich hörte aber auch die Weiterentwickelung des Körpers auf, sodass Castagna trotz seiner jetzt achtundzwanzig Jahre noch immer einem zwölfjährigen Knaben gleicht. Das Längenmaass des absolut muskellosen Körpers beträgt 1,45 m, sein Gewicht nur 48 Pfund, und das Knochengerüst ist von der hornartigen Haut straff umspannt, die die natürliche Farbe hat, sich jedoch auf den Fingern und Zehen wie bei einst erfrorenen Gliedern dunkler röthet.
Der Kopf ist verhältnissmässig gross, die Nase sehr spitz, an der Basis eingedrückt und in der Mitte mit einem Höcker versehen, und da dieser fleischlose Knorpel, dem auch die Nasenflügel fehlen, gleich einem Vogelschnabel aus dem regungslosen Gesichte hervorragt und die grossen, runden, dunkeln, sehr gewölbten Augen, denen die Lider fehlen, unwandelbar starr um sich schauen, so hat das Gesicht etwas Eulenartiges. Der Mund ist bewegungslos und stets geöffnet, und da fast gar keine Lippen vorhanden sind, so macht er mehr den Eindruck eines grossen Einschnittes, aus dem die unverdeckten unschönen Zähne, vierzehn oben und fünfzehn unten, hervorragen.
Die Zunge ist sehr wenig beweglich und scheint durch die zu kurzen Wurzelbänder gewaltsam nach hinten zurückgehalten zu werden, das Zäpfchen ist sehr wenig ausgebildet, dagegen die Gaumenwölbung sehr tief, Missverhältnisse, durch die wohl die hässliche näselnde und ziemlich undeutliche Sprache bedingt wird, aus der aber trotzdem etwas Anheimelndes herausklingt, das uns sagt, dass in diesem abstossenden Aeussern eine sympathische Seele wohne.
Wenn sich auch aus den fleischlosen Wangen und dem runzlichen Kinn hie und da ein vereinzeltes Härchen hervordrängt, so ist doch von einem Barte keine Rede, dafür aber ist der Kopf mit einer auffallend reichen Fülle brauner Haare bedeckt, die in der Mitte durch einen geraden Scheitel getrennt sind. Die Ohren sind hart und steif und das Gehör lässt seit einigen Jahren nach, so dass man stets etwas laut sprechen muss, will man gut verstanden werden, dagegen functioniren die Augen vorzüglich, und fehlen ihnen auch die schützenden Lider, so erfreut sich Castagna seiner eigenen Aussage nach doch eines gesunden festen Schlafes.
Der hässliche Kopf ruht auf einem fleischlosen Halse, der Oberkörper ist flächenartig zusammengeschrumpft und nur die Schulterblätter scheinen das Einzige am ganzen Körper zu sein, das mit dem Alter desselben im Einklangs steht, dagegen sind es wohl die verhältnissmässig kleinen Arme, die der Gestalt das Kindliche geben. Die Oberarme zeigen noch eine ganz kleine Spur von Muskulatur, die Hände sind warm und vermögen noch einen leichten Druck auszuüben und ein Gewicht von ca. 20 Kilogramm zu bewältigen. Die Finger aber sind alle krumm gegeneinander gebogen und dennoch können sie sehr geschickt mit dem Gewehr, mit Nadel und Zwirn und mit der Schreibfeder umgehen, da sie gleich den Armen noch leichte Biegungen zulassen. Auch die Beine, die zwei mit Haut überzogenen Stöcken gleichen, geben in den Knieen und Hüften noch so viel nach, dass Castagna sich nothdürftig vorwärts bewegen, und auch ohne allzugrosse Anstrengung sich beugen und eine Treppe hinaufgehen kann, doch können diese Bewegungen nur ruckweise ausgeführt werden. Sämmtliche innern Organe, auch das Nervensystem, functioniren dagegen so, wie bei jedem normalen und gesunden Menschen, so dass Castagna über keinerlei körperliches Unbehagen klagen kann. Er ist geschlechtslos, doch neigen sich die wenigen vorhandenen geschlechtlichen Rudimente mehr dem Femininismus wie dem Masculinismus zu.
Von sanftmüthiger und liebenswürdiger Natur, besitzt er einen heiteren Charakter und ist stets bereit, an ihn in französischer Sprache gestellte Fragen zu beantworten. Dann wird sein Gesicht, das beim ersten Anblick etwas zurückstossend Gespensterhaftes hat, sympathisch und unterhält man sich mit dem Träger desselben, so lässt das rege Interesse, das man unwillkürlich für seine lebendige Sprechweise und klare Darstellung fasst, jedes unbehagliche Gefühl zurücktreten.
Sein erstes Auftreten, welches einen grossartigen Erfolg erzielte, fand am 20. August 1896 in Marseille statt, und hier stellte er sich auch vier Monate später dem Publicum im Löwenkäfig der Menagerie Pezon, von sechs Löwen umgeben, vor. Der École de Médecine in Marseille vorgestellt, war der dortige Professor Villeneuve in so hohem Grade von diesem seltenen pathologischen Fall überrascht, dass er mehrere Vorträge über Castagna in der Klinik hielt und ihm zu einer Reise durch die Welt rieth, die grosse Erfolge verspreche -- ein Prognostikon, das sich auch erfüllte.
Nach einem Besuche der Städte Avignon und Nîmes wandte Castagna sich nach Montpellier, wo er am 10. November dem Professor Grasset vorgestellt wurde, der dann vor ca. 500 Studirenden einen Vortrag über ihn hielt, in dem ganz besonders betont wurde, dass dies ein so abnormer Fall von »Atrophie« sei, dass man ihn nur schwer classificiren könne, da allen bisherigen Erfahrungen gegenüber die _geistigen_ Fähigkeiten unter dem allgemeinen »_Körperschwund_« nicht auch, wie in ähnlichen Fällen, in Mitleidenschaft gezogen seien. Die medicinische Facultät Montpellier war es auch, die ihm den Namen »Mumienmensch« (L'Homme-Momie Vivant) gab, den er heute noch führt.
Allüberall, wo er ausgestellt wurde, erregte Castagna das Interesse der medicinischen Capacitäten, und mehrmals sollen solche sich in grossen Städten Rendez-vous gegeben haben, um den Vorträgen berühmter Collegen über ihn anzuwohnen. In Paris waren es Professor Raymond, in Berlin Professor Virchow und in München Professor Ranke, die sich für ihn interessirten und durch ihre Vorträge die Aufmerksamkeit der Männer der Wissenschaft nicht nur, sondern auch der ganzen gebildeten Welt auf Castagna lenkten.
William Campbell
der schottische Riese
war ein Schottländer von Geburt und diente bis zu seinem achtundzwanzigsten Lebensjahre in der grossbritannischen Armee, musste dann aber wegen zu grosser Körperfülle den Dienst quittiren und sich mit einer kleinen Pension begnügen.
Mit seinem zweiunddreissigsten Lebensjahre producirte er sich dem britischen Publicum als »Ihrer Majestät grösstes Subject«, und mit dem fünfundvierzigsten Lebensjahre hatte er das respectable Netto-Gewicht von zweiundfünfzig Tons (= 680 Pfund deutsches Gewicht) erreicht, musste sich aber zweier Krücken bedienen, wollte er sich fortbewegen, trotzdem er kerngesund war.
Da er seiner Unbeholfenheit wegen das Reisen aufgeben musste, so kaufte er sich ein Gasthaus in der Stadt Newcastle-on-Tyne, erfreute sich jedoch kaum fünf Monate des »riesigen« Geschäftes, das er darin machte, denn der Tod befreite ihn bald darauf von seiner Last. Er hinterliess seiner Wittwe, die ihm stets treu und hülfreich zur Seite gestanden hatte, ein Vermögen von 28000 Mark. Ob Campbell je von einem andern Riesen an Gewicht übertroffen wurde, ist nicht festgestellt worden.
Albert Brough und General Thom
Riese und Zwerg
sind geborene Engländer. Mr. Brough, in Nottingham geboren, ist jetzt einunddreissig Jahre alt und misst sieben Fuss und acht Zoll, ist sehr proportionirt gebaut und als liebenswürdig unterhaltender Erzähler in Gesellschaften gern gesehen. Sein kleiner College ist achtundvierzig Jahre alt, misst zwei Fuss und neun Zoll und wiegt einundfünfzig Pfund.
Die beiden Abnormitäten haben sich associirt und in dieser Zusammenstellung treten die Contraste in das grellste Licht. Beide sind in England sehr beliebte Schau-Objecte, und Mr. Brough hat sich auf seinen Reisen bereits so viel erspart, dass er sich in seiner Heimath ein hübsches Häuschen kaufen konnte, während Se. Excellenz General Thom seinen ganzen Verdienst in Wein »anlegt« und dem nächsten Gagentage schon immer mit grösster Sehnsucht entgegensieht, eine habituelle Eigenthümlichkeit, die er mit grösster Consequenz cultivirt.
Count Ivan Orloff
der einzige durchsichtige und verknöcherte Mensch der Welt
wurde am 19. August 1865 geboren und entstammt einer hochvornehmen Familie, die durch schwere Schicksalsschläge ihr gesammtes, grosses Vermögen verlor und hierauf zuerst nach Deutschland und dann nach Amerika übersiedelte. Da aber noch Verwandte des Herrn Orloff leben und hohe Stellungen bekleiden, so müssen aus Rücksicht auf diese hier sowohl die Nennung seines Geburtsortes, als auch nähere Details über seine Familien-Verhältnisse unterbleiben.
Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre war Ivan ein gesunder, kräftiger Knabe, von diesem Alter ab aber zeigte sich eine immer mehr und mehr zunehmende Abmagerung, vornehmlich der Beine. Da damit aber auch ein hochgradiger »Knochenschwund« verbunden war und ärztliche Hülfe sich diesem seltenen Falle von Atrophie gegenüber als vollständig erfolglos erwies, so musste Ivan, um sich fortbewegen zu können, zuerst Stöcke und später Krücken zur Hülfe nehmen, und als sich diese auch nicht mehr als ausreichend erwiesen, sich eines Fahrstuhles bedienen, in dem er Nachts auch schläft und die halbe Welt durchreiste und den er nunmehr seit dreizehn Jahren nicht mehr verlassen hat.
Infolge dieser steten Bewegungslosigkeit sind aber die Gelenke seiner Gliedmaassen nicht nur, sondern auch der ganze Körper theilweise verknöchert, da sich die in den Gelenken befindliche kleberig-ölige Masse, das sonovial fluid, welches allein die Beweglichkeit ermöglicht, allmählich verhärtet, somit einen richtigen Verbindungsknochen zwischen den Gelenk-Kugeln und -Pfannen gebildet hat, der nun die Bewegung der Gelenke verhindert.
In diesem Zustande der »Ossification« befindet sich gegenwärtig der _Oberkörper_ des Herrn Orloff, während in seinen unteren Extremitäten gerade das Gegentheil der Fall ist. Hier ist nämlich eine Knochen-_Erweichung_ infolge theilweisen Fehlens der kreide- und kalkartigen Substanz, die den Knochen ihre Härte und Stärke giebt, eingetreten. Die Beine sind knorpelig, durchsichtig und gebogen, und dieser Zustand, durch die Weichheit der Knochen und das Zusammenziehen der Muskeln erzeugt, nimmt noch stets zu.
Count Orloff hat ganz Amerika und einen grossen Theil von Europa durchreist und die berühmtesten Aerzte wegen seiner Krankheit consultirt, jedoch erfolglos, und vor den Studirenden vieler grossen medicinischen Facultäten sind Vorträge über diesen abnormen Fall gehalten worden. Man war jedoch nicht einmal im Stande, die Ursachen dieser wohl _einzig_ in ihrer Art dastehenden Krankheit zu ergründen, und soll ein derartiger eclatanter Fall (wohl aber ähnliche) bisher in den medicinischen Annalen nicht zu verzeichnen gewesen sein.
Abgesehen von dem körperlichen Zustande, der ihm keinerlei Schmerzen verursacht, erfreut Herr Orloff sich der besten Gesundheit und ist Philosoph genug, sein Missgeschick mit Ergebung und grosser Geduld zu ertragen. Er hat eine sehr gute Schulbildung genossen, auf seinen Reisen hat er sich verschiedene fremde Sprachen angeeignet, die er vollständig beherrscht. Er ist jetzt 35 Jahre alt, wiegt etwa dreiundvierzig engl. Pfund und ist sowohl durch die gesammte Presse, als auch von den grössten medicinischen Autoritäten anerkannt als der _einzige durchsichtige und verknöcherte Mensch, der je existirt hat_.
Johann Jacob Toccio
der einzige lebende Mensch mit zwei Köpfen
ist unstreitig die grösste Abnormität, die je gelebt hat und wahrscheinlich auch gelebt haben wird. Am 4. Oct. 1877 in Locana, einem kleinen Städtchen in Italien, von ganz armen Eltern geboren -- die Mutter war erst neunzehn Jahre alt --, erhielt der rechte Theil in der Taufe den Namen Giovanni, der linke aber den Namen Giacomo.
Bei der Geburt wog das, ein kräftiges Duett schreiende Wundergeschöpf nur 9 Pfund, jetzt (1899) etwa 130 Pfund. Oberhalb der sechsten Rippe sind die Körper getrennt, unterhalb derselben vereinigen sie sich, so dass das Wundergeschöpf oben _zwei_ Personen mit zwei Köpfen, vier Armen, zwei Brustkasten, zwei Lungen, zwei Herzen etc. repräsentirt, während der Unterkörper eine _einzelne_ Person mit zwei Beinen, einem Magen etc. darstellt. Das scharf entwickelte Denkvermögen ist vollständig separirt.
Da die inneren Organe sehr kräftig ausgebildet sind, das Geschöpf somit vollständig lebensfähig war, so entwickelte es sich so günstig, dass es, nachdem es im Alter von vier Wochen den Professoren der Turiner medicinischen Facultät, Fabini und Mosse, vorgestellt und von diesen für das grösste Wunder der Welt erklärt worden war, von seinen Eltern gegen ein unbedeutendes Eintrittsgeld in einer kleinen Bude ohne Gefährdung der Gesundheit öffentlich gezeigt werden konnte, so dass sich dieselben dadurch einen kärglichen Lebensunterhalt erwarben.
Vor nunmehr ca. acht Jahren wurde dies Naturwunder von dem Director des Berliner Passage-Panopticums, Herrn Neumann, entdeckt, der, den hohen Werth desselben erkennend, es sofort für sechs Monate engagirte. Als es nach vielen Bemühungen endlich repräsentationsfähig geworden war und den berühmtesten Aerzten Berlins, u. a. auch dem Professor Virchow, vorgestellt werden konnte und untersucht worden war, da wurde es endlich auch dem Gesammtpublicum vorgeführt und der Erfolg war ein ganz colossaler.
Da erschien aber der New Yorker Museumsbesitzer Prof. E. M. Worth auf der Bildfläche und engagirte den -- oder die -- Knaben für eine einjährige Tournée durch die Vereinigten Staaten. Der Manager erhielt eine _wöchentliche_ Gage von 750 Pfd. Sterl. und den kostenfreien Verkauf der Photographieen. Davon zahlte er an die Eltern wöchentlich 200 Pfd. Sterl. und bestritt sämmtliche Kosten für sie und die Kinder. Nach etwa fünfjähriger Ausstellung hatten sie sich ein so bedeutendes Vermögen erspart, dass sie sammt dem Zwillingspaare in ihre Heimath zurückkehrten; dort lebt es in einer kleinen hübschen Villa in der Nähe Venedigs und würde sich um keinen Preis zu einer nochmaligen öffentlichen Ausstellung entschliessen.
Es berührt Jedermann ganz eigenartig, wenn man sich die beiden Köpfe in italienischer, deutscher, französischer oder englischer Sprache unterhalten hört, als wären es zwei vollständig getrennte Personen und unwillkürlich blickt man nieder, um den Unterkörper der zweiten Person zu suchen. Ebenso frappirte es, wenn sich im Kindesalter die beiden Oberkörper zankten oder gar, was nicht selten vorkam, durch gegenseitige Püffe ihre Meinungsverschiedenheiten ins Gleichgewicht zu bringen versuchten. Und doch konnte Niemand zwischen sie treten, um sie »auseinander zu bringen«.
Die jetzt etwa zweiundzwanzigjährigen Jünglinge können zwar ohne Beihülfe aufrecht stehen, müssen jedoch beim Gehen unterstützt werden. Sie erfreuen sich der besten Gesundheit und können nach Aussagen der Aerzte ein hohes Alter erreichen.
Jo-Jo
der Mann mit dem Hunde-Gesicht
ist zwar eine grosse Abnormität, jedoch nicht die _einzige_ dieses Genres. Jo-Jo ist etwa dreissig Jahre alt, von mittlerer Grösse und kräftig gebaut. Er stammt aus Russland und soll dort vor etwa zwanzig Jahren im Verein mit seinem Vater in den Sibirischen Urwäldern »gefunden« sein. Das ist natürlich gerade so, wie auch die »berühmte« Erzählung über Kra-o, Darwin's fehlendes Glied zwischen Affen und Menschen, erfunden. Die Professoren Virchow und Bartels haben über Kra-o und den sog. »wilden Menschen« einen hochinteressanten Artikel in der »Gartenlaube«, Jahrgang 1888, Heft 28, herausgegeben, aus dem wir ersehen, dass der abnorme Haarwuchs seinen Grund in einer Hautkrankheit hat.
Jo-Jo ist geistig sehr beschränkt, fast Idiot, und hat nicht die geringste Schulbildung genossen. Vor etwa dreizehn Jahren wurde er von einem Impresario nach Amerika gebracht und dort in den Museen etc. als »Mann mit dem Hunde-Gesicht« gezeigt. Der Erfolg war, a conto der entrirten Reclame, ein ganz horrender, und der Impresario schlug ein Vermögen aus Jo-Jo, dessen Gage während einiger Jahre bis zu 500 Dollars (etwa 2200 Mark) pro Woche hochgeschraubt wurde. Da er aber bereits sowohl in ganz Amerika als auch in ganz Europa und Australien ausgestellt worden ist, so hat er keine grosse Anziehungskraft mehr und muss oft die gegen früher sehr geringe Gage von 190-200 Mark per Woche acceptiren, da sein Impresario, der ein leidenschaftlicher Hazardspieler ist, nicht einen Dollar erspart hat und auf Jo-Jo's wöchentlichen Verdienst angewiesen ist.
Seit etwa sechs Jahren befindet sich Jo-Jo wieder in Amerika und wird es auch wohl nicht nochmals verlassen, da der Humbug mit »wilden Menschen« etc. in Europa nicht mehr zieht, es somit auch für ihn unmöglich ist, diesseits des Oceans noch Engagement zu erhalten.
Miss Violet
das Kameel-Mädchen
ist in ganz Amerika bekannt und eine beliebte Attraction, erweckt jedoch Mitleid beim gesammten Publicum. Sie ist im Jahre 1878 in New-Orleans, Nord-Amerika, geboren und wird seit etwa zwölf Jahren von ihren Eltern zum Geld-Erwerb ausgestellt. Miss Violet (das Veilchen) ist sehr hübsch, zieht sich jedoch von allem intimeren Verkehr zurück. Wie das Cliché zeigt, bewegt sie sich nur auf Händen und Füssen, da es ihr unmöglich ist, die Beine gerade zu machen. Die Kniescheiben befinden sich nämlich auf der Rückseite der Beine und zwar in solcher Lage, dass sie die Beine wohl »_nach vorne_« zum Körper biegen, sie jedoch nicht gerade ausstrecken kann. --