Abnormitäten

Part 3

Chapter 33,524 wordsPublic domain

Der kleine Weltbürger wurde mit der grössten Aufopferung gepflegt, so wie im Laufe der Jahre der Körper sich entwickelte, so nahmen auch die geistigen Fähigkeiten einen guten Fortgang, und mit dem zehnten Lebensjahre brachte man den »kleinen« Nicolai nach Troizk in die Kreisschule, wo ein menschenfreundlicher Pfarrer seine Ausbildung übernahm.

Das war jedoch eine schwierige Sache, da, wenn Nicolai auch über einen regen Verstand verfügte, infolge des Fehlens der Arme und Hände das Erlernen des Schreibens etc. schlechterdings als unmöglich erschien. Da kam der Geistliche endlich auf die Idee, ob sich die fehlende Hand nicht durch gemeinsame Anwendung des Armstumpfes und der Wange ersetzen liesse, und als schon der erste Versuch günstige Resultate versprach, da wurden die Exercitien mit solchem Feuereifer betrieben, dass neben dem Schreiben auch Versuche im Essen mit Löffel, Messer und Gabel, überhaupt in allen Arbeiten gemacht wurden, die von normalen Menschen mit den Händen ausgeführt werden, die denn auch vollständig glückten. So hat sich denn Kobelkoff im Laufe der Zeit eine Schrift angeeignet, um die ihn, wie Hofrath Professor Weinlechner sich in einem Gutachten ausdrückt, Mancher mit normal gebildeten Händen beneiden dürfte; die Wange dient beim Schreiben nämlich als Daumen und der Armstumpf als Zeigefinger.

Fünf Jahre lang stand er unter der Obhut des Priesters, der zugleich sein Religionslehrer war, als der Menageriebesitzer Berg in den Ort kam, von dem phänomenalen Knaben hörte und ihn für die Reise engagirte, die denn auch am 12. Mai 1872 angetreten wurde. In Petersburg wurde er dem Publicum überhaupt zum ersten Male vorgestellt; dann wurde ein Engagement in Berlin und dann ein solches in Wien absolvirt, wo er dem Publicum im Jahre 1875 zum ersten Male gezeigt wurde. Hier lernte er auch seine Frau kennen, und als die Hochzeit im Jahre 1876 in Budapest stattgefunden hatte, da begann ein echtes Nomadenleben, indem das Ehepaar von Land zu Land, von Stadt zu Stadt zog. So kam es auf seinen Wanderungen nach Deutschland, Frankreich, England, Spanien etc., überall das grösste Aufsehen erregend, das seinen Gipfelpunkt jedoch in der Bewunderung fand, die die grössten Gelehrten aller Länder den geistigen und körperlichen Fähigkeiten trotz der abnormen Körperbildung zollten.

Kobelkoff ist ein Temperenzler und nimmt keine geistigen Getränke zu sich; er lebt nur von Milch, Thee und Fleisch, die er täglich mit grösster Regelmässigkeit dreimal zu sich nimmt, wie denn sein ganzes Leben gleichmässig, wie durch ein Uhrwerk regulirt, verläuft. Seine Ruhestätte ist ein kleines, einer Wiege ähnliches Bett, das sich etwa vierzig Centimeter über dem Fussboden erhebt, und in das er sich ohne jede Beihülfe hineinlegt und es auch wieder verlässt. Seine stete Begleiterin ist seine -- Privat-Equipage, ein dreirädriger Kinderwagen, der mittels vier Handgriffen in die Bahnwaggons verladen wird und der vorne durch Vorhänge verschlossen ist, um dem Publicum während der Reise den Einblick zu verwehren.

Von sämmtlichen Ausstellungen Frankreichs und Italiens, auf denen Kobelkoff sich producirte, besitzt er die ersten Preis-Medaillen für seine Leistungen, und am 26. April 1899 ward ihm die hohe Ehre zu theil, sich auch vor Sr. Kaiserl. Königl. Hoheit dem Erzherzog Ludwig Victor, Bruder Sr. Maj. des Kaisers Franz Joseph I., produciren zu dürfen. --

Ein ähnliches Genre wie Unthan cultivirt der sympathische Südfranzose Jean de Henau, der besonders als Schnellmaler und Mandolinen-Virtuose Hervorragendes leistet und eine gesuchte Attraction der modernen Variétébühnen ist. (Abbildung umstehend.)

Neben den Fuss- und Rumpfkünstlern dürfen auch die Zwerge als _Abnormitäten_ (nur _solche_ sind sowohl die Zwerge als auch die Riesen, nicht aber _Missgeburten_ im eigentlichen Sinne des Wortes, wie die Fuss- und Rumpfkünstler, da sie in der Regel als _normale_ Körper zur Welt kamen und nicht ersichtlich war, dass sie später in ihrer Körperentwicklung zurückbleiben oder sie überschreiten würden -- diese abnormen Erscheinungen traten meist erst mehrere Jahre nach der Geburt zu Tage) unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, da man sie jetzt meistens als Miniatur-Artisten zu sehen und zu hören bekommt, sie also keine exclusiven Schauobjecte mehr, wie früher, sind, sondern sich jetzt enger an das Gebiet der Artistik anlehnen. Eine allzugrosse Seltenheit bilden sie heutzutage gerade nicht mehr, und man konnte namentlich in den letzten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts eine Vermehrung dieser im Wachsthum _zurückgebliebenen_ Menschen constatiren, während die im Wachsthum wieder zu stark _vorgeschrittenen_ Riesen im Aussterben begriffen zu sein scheinen, da sie immer mehr von der Bildfläche verschwinden.

Die heutigen Zwerge und Riesen kennt man so ziemlich alle, sorgen doch die Impresarien schon frühzeitig dafür, dass möglichst viel wahr- und unwahrscheinliche Begebenheiten aus ihrem Leben zu Reclamezwecken in die Oeffentlichkeit gelangen. Dagegen sind viele Daten über Riesen und Zwerge aus früheren Zeiten unbekannt, und wenn auch diese gesammelt hier veröffentlicht werden, so geschah das der Vollständigkeit wegen nicht nur, sondern vornehmlich, weil sie interessant genug sind, um auch in weiteren einschlägigen Kreisen bekannt zu werden.

(Der französische Gelehrte Henrion schrieb im Jahre 1718 ein Werk, in welchem er zu beweisen suchte [doch wohl nicht, um sich unsterblich -- lächerlich zu machen?], dass Adam 41 Meter 60 Centimeter, und Eva 40 Meter hoch war. Abraham soll 6 Meter 60 Centimeter, Moses 4 Meter 70 Centimeter und Goliath 4 Meter gemessen haben, die damalige Elle zu 58 Centimeter gerechnet.)

Berühmte Riesen alter Zeit waren _Walther Passous_, der Portier des Königs Jacob I., und _Maximilian Müller_, der im 55. Lebensjahre noch wuchs. Der Erste war 7 Fuss 6 Zoll, der Zweite 8 Fuss hoch. Sie wurden aber von dem berühmten _Patrick O'Brien_ (Patrick Colter) übertroffen, der 38 Jahre alt, schon 8 Fuss 7 Zoll Höhe erreicht hatte. Von ihm erzählt man sich, dass er seine Pfeife oft an den Strassenlaternen angezündet habe. Er starb im Alter von 47 Jahren. Da er fürchtete, nach seinem Tode secirt zu werden, so vermachte er zwei Fischern 200 Pfd. Sterling, mit dem Auftrage, seinen Leichnam ins Meer zu werfen. Professor William Hunter, der den phänomenalen Körper aber gar zu gerne zu wissenschaftlichen Studien erlangt hätte, versprach den Fischern ebenfalls 200 Pfd., wenn sie ihm den Leichnam dennoch überliessen. Sie warfen denn den entseelten Körper richtig ins Meer, banden ihn aber zuvor an ein langes Seil, das am Ufer befestigt war, an dem der Herr Professor den Leichnam wieder aus dem Meere zog und sich aneignete, als die Fischer sich entfernt hatten.

1897 starb in Bournemouth der chinesische Riese Chang-Yu-Sing, der 1864 zuerst in London auftrat und gleich jedem ins Ausland gehenden Chinesen seinen Sarg überallhin mit sich nahm. Er mass 2 Meter 36 Centimeter, wurde somit von dem Riesen _Drasal_ noch um 4½ Zoll überholt, der 310 Pfd. schwer war und im Alter von 45 Jahren am 17. December 1886 in seinem Heimathsorte Holleschau in Mähren starb.

Ein berühmter Riese war auch der Oesterreicher _Franz Winkelmeier_, der die Höhe von 8 Fuss 9 Zoll erreicht hatte, aber überaus mager war und am 4. September 1887 im Alter von 24 Jahren in London an der Schwindsucht starb. -- Die grösste Riesin, welche je auf Erden gelebt hat, war _Marian_ (Maria Wedde), geboren am 31. Januar 1866 zu Benkendorf bei Halle a. d. Saale, gestorben Anfang 1885 in Paris. Das Riesen-Fräulein hatte das respectable Mass von 2,65 Meter erreicht. -- Nicht geringes Aufsehen erregte in den neunziger Jahren der am 12. September 1880 in Gross-Mohnau (Kreis Schweidnitz) geborene Riesenknabe _Carl Ullrich_, der mit fünfzehn Jahren eine Höhe von 2,5 Meter erreicht hatte, dann aber im Wachsthum stehen blieb. Seit jener Zeit zeigten sich aber bei ihm Krankheits-Symptome, anfangs nur in Form leicht und schnell vorübergehenden Unwohlseins, das im Laufe der Zeit jedoch so bedenkliche Dimensionen annahm, dass er von Russland aus zur Erholung zu seinen Eltern nach Gross-Mohnau zurückreiste. Die Krankheit nahm aber einen so ernsten Charakter an, dass seine Eltern ihn auf Anrathen der Aerzte dem Krankenhause der barmherzigen Brüder in Breslau zur Pflege übergaben, bei denen er 1897, 17 Jahre alt, an der Zuckerkrankheit starb. Die Dimensionen seines Körpers waren so ungeheuerlich, dass z. B. seine Füsse genau gemessen 42 Centimeter lang waren und dass durch seinen Ring, den er am Mittelfinger der rechten Hand trug und der nur gerade passend war, bequem ein Thaler hindurch ging. In seinem wissenschaftlichen Gutachten über ihn sagt Prof. Virchow u. A.: »Da alle Organe bei ihm fehlerlos functioniren, so wird Carl Ullrich, wenn er ausgewachsen ist, alle bisherigen Riesen an Grösse und Schönheit übertreffen.« --

Nun noch um ein paar Decennien zurückblickend, war in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts die »ausgezeichnete Riesendame« (so nannte sie sich) _Elise Schmidt_ wohl die einzige Riesin, die sich öffentlich sehen liess. Sie war über 7 Fuss rhein. hoch, aber von unbeschreiblicher Magerkeit. Als die Spuren des Alters sich wegen ihrer Derbheit nicht mehr aus dem Gesichte wegretouchiren lassen wollten, da zeigte sie sich (Ende der vierziger Jahre) in Gesellschaft einer recht hübschen und zahlreichen Sammlung von -- Schlangen und Krokodilen, wahrscheinlich, damit durch diese die Aufmerksamkeit der Zuschauer in etwas von ihrer eigenen Person abgelenkt werden sollte. Einer ihrer älteren Brüder, ebenfalls ein Riese, der frühzeitig starb, war Flügelmann beim ersten Garde-Regiment in Potsdam, somit der grösste Mann der ganzen preussischen Armee. Sein Skelet, das 7 Fuss 3 Zoll rhein. hoch ist, ist im anatomischen Museum in der Universität in Berlin aufgestellt.

In der Mitte der fünfziger Jahre war es der Riese Mr. Murphy, der das allgemeine Interesse durch seine Hünengestalt auf sich zog. Er war 8 Fuss 2 Zoll rhein. hoch, aber von durchaus proportionirten Körperformen, so dass seine Grösse im gewöhnlichen Leben gar nicht so sehr zur Geltung kam, sondern erst dann, wenn nach allgemeinen Begriffen grosse Männer zum Vergleiche neben ihm standen. Das Interesse für ihn war so gross, dass in Frankfurt a. M. z. B. seine Höhe an den Thürrahmen der Säle der Hotels und Restaurants als Wahrzeichen angemerkt war, in denen er sich während der Herbstmesse 1856 gezeigt hatte.

Mit Murphy gleichzeitig zeigte sich in Deutschland die Schweizer Riesin _Marie Schubiger_ aus dem Canton Thurgau. Sie war auch etwas über 7 Fuss rhein. hoch, von seltenem Ebenmass der Körperformen und verfügte über ganz ungewöhnliche Kräfte. Wenn sie sich auch stets unter ihrem Mädchen-Namen zeigte, so war sie doch eine verehelichte Frau Fehr, und ihr Gatte war Obergärtner in den Königl. Gärtnereien in Turin; sie hatte ihn auf ihrer Tournée durch Italien kennen gelernt und sich mit ihm verehelicht.

Gleich Murphy zeigte sie sich stets auf den grossen deutschen Messen, und trafen sie dann, wie das wiederholt vorkam, an solchen Plätzen zufällig zusammen, so zeigten sie sich zwar in verschiedenen Localen, arrangirten aber zum Schluss der Messe dann gewöhnlich in einem der grössten Säle einen sog. »Riesen-Ball«, bei dem sie nicht nur die Tänze anführten, sondern sie auch leiteten -- eine Speculation, die ihnen oft enorme Summen eintrug.

Als sie in der letzten Hälfte der fünfziger Jahre auch in Paris zusammentrafen, da interessirte sich Kaiser Napoleon III., der seine Jugendzeit im Schlosse Arenenberg im Canton Thurgau verlebt hatte, so sehr für seine »Schweizer Landsmännin«, dass er ein Ehebündniss zwischen ihr und Murphy zustande bringen wollte, um allmählich ein »Riesen-Geschlecht« heranzubilden, eine Lieblings-Idee, die zu seinem Leidwesen unrealisirbar war, da Marie Schubiger bereits Frau Fehr hiess. -- Nur wenige Jahre noch, da sie in den dreissiger Jahren stand, reiste sie und zog sich dann auf ihr am Schweizer Ufer des Bodensees belegenes Gut, das sie fortan selber bewirthschaftete, aus der Oeffentlichkeit zurück.

Im Gegensatze zu den Riesen fiel den Zwergen in der Geschichte eine viel grössere Rolle zu. Wollte man doch schon zur Zeit des Parazelsus Homunculi (Menschlein) auf chemischem Wege herstellen. (Das Verfahren der Herstellung von künstlichen Zwergen aus ursprünglich normal gebauten Kindern stammt aus dem Orient, und der Alkohol bildet einen wichtigen Bestandtheil des Receptes.) Zweifellos ist es erwiesen, dass vornehme Damen alter Zeit auf ihren Höfen Zwerge hielten, ebenso, wie später zur Zeit der Madame Pompadour Mohrenknaben in der Mode waren.

In der Renaissancezeit waren die Zwerge in den verschiedensten Ländern Europas modern, insbesondere aber an den päpstlichen Höfen. Bei einem Banket des Erzbischofs Vitalli im Jahre 1556 bildeten 34 missgestaltete Zwerge die aufwartende Dienerschaft. Ihre goldene Zeit hatten die Zwerge unter dem russischen Czaren Peter dem Grossen. Die Schwester des Czaren, die Grossfürstin Natalie, liebte sie leidenschaftlich und auf ihren Befehl wurden die Zwerge aus der ganzen Welt nach Moskau berufen, und diese leisteten der Einladung auch in überaus grosser Anzahl Folge. In Moskau angelangt, wurden sie ins kaiserliche Palais geführt und dort hatten sie ihre eigene Hofhaltung, schöne Gewänder und volle Verpflegung, sowie goldene Equipagen, die mit je sechs Ponies bespannt waren. Sie heiratheten auch unter sich, und jede Hochzeit war ein vollkommenes Hoffest in Moskau.

Ein glückliches Loos hatte _Jeffrey Hudson_, oder richtiger »Sir« Jeffrey Hudson, denn König Carl von England verlieh diesem 18 zölligen Männchen den Rang eines Barons. Er war vollendeter Gentleman, höchst kriegerischen, ritterlichen Charakters und duldete nicht, dass man seiner spottete, oder sich gar lustig machte. Einst wurde er von einem Manne Namens Crofts beleidigt, Hudson forderte ihn sofort zum Duell und erschoss ihn.

Nicht so glücklich wie Sir Hudson war _John Worrenburgh_. Als er schon berühmt war, wollte er von Rotterdam nach England heimkehren. Er logirte in einer Schachtel, ebenso, wie Gulliver bei den Riesen, und diese war der Obhut eines Wärters anvertraut. Letzterer aber, als er im Begriff war, sich einzuschiffen, glitt aus und fiel sammt der Schachtel ins Wasser. Den Wärter zu retten gelang zwar, Worrenburgh aber kam in seiner Schachtel elend ums Leben. --

Die Zwerge sterben in der Regel jung, eine Ausnahme bildete vielleicht der polnische Graf Joseph Borowlaszki, der 1739 als Zwerg geboren wurde und ein Alter von 98 Jahren erreichte. Berühmt war auch _Bébé_, der Zwerg des polnischen Königs Stanislaus, der aber im Gegensatze zu dem geistreichen Zwerg-Grafen Borowlaszki nur ein Crétin war. -- Eine sehr bekannte Zwergenschönheit ward unter dem Namen _La Fée Corse_ in London 1734 gezeigt. Sie wog kaum 26 Pfund und war ausserordentlich schön, nur stand ihre Nase in keinem Verhältniss zu ihrem kleinen Körper. -- _Wybrand Lolkes_, ein holländischer Uhrmacher, der nur 27 Zoll mass, heirathete eines der schönsten Mädchen Rotterdams, welches ihn mit mehreren ganz normal gebauten Kindern beschenkte. --

Wenn wir schon von Zwergen sprechen, so dürfen wir auch den berühmten General _Tom Pouce_ nicht vergessen. Er hiess mit seinem wirklichen Namen Charles S. Stratton und wurde am 11. Januar 1832 in Bridgeport, Connecticut, geboren. Bei seiner Geburt wog er 9 Pfund und war mit 5 Monaten ein hübsch entwickeltes Baby, das dann aber nicht weiter wuchs. Sein Auftreten machte riesige Sensation, und als seine Popularität im Zenith stand (1847), da belief sich sein Jahreseinkommen auf 15,000 Pfd. Sterling. Am 10. Februar 1863 verheirathete Barnum den General mit _Lavinia Warren_ aus Middleboro. Mrs. Stratton war bei ihrer Hochzeit 32 Zoll hoch und wog 29 Pfund, der General dagegen war 35 Zoll hoch und wog 28 Pfund. Aus der Ehe entspross ein wahrhaftes Miniaturkindchen, das aber nur kurze Zeit lebte. Lavinia Warren starb am 23. Juli 1878 im Alter von 29 Jahren, ihr Gatte am 15. Juli 1883 im Alter von 45 Jahren 6 Monaten in Middleboro, Massachusetts.

Dieses kleine Verzeichniss berühmter Riesen und Zwerge älterer und neuerer Zeit kann keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit machen, da namentlich in älterer Zeit wohl der weitaus grösste Theil derjenigen Menschen, die wegen ihrer abnormen Grösse einerseits, wegen ihrer abnormen Kleinheit andererseits Beachtung verdient hätten, mit geringen Ausnahmen nicht in die Oeffentlichkeit traten, sondern vielmehr ein beschauliches Privatleben führten. Sind doch unter den Sehenswürdigkeiten der Frankfurter Messe von 1778 ein Zwergmädchen und ein Riese als eine _neue_ und interessante Schaustellung angeführt. Wahrscheinlich aber ist doch noch interessantes Material in alten Archiven vergraben, das mir durch Zufall einst an das Tageslicht gefördert und durch das dem Historiographen erst in späterer Zeit eine grössere Concentrirung der Materie ermöglicht wird.

_Düsseldorf_, den 1. Sept 1899.

¯Signor Saltarino.¯

Johnson's zweiköpfiges Baby

wurde im März 1890 auf einem kleinen Bauernhofe, Hayword, Wisconsin, Nord-Amerika, geboren, und da die »allwissende« Presse in langen Artikeln auf dieses Wunder aufmerksam machte, so wurden die Eltern auch bald mit Offerten für ein öffentliches Produciren des Babys überhäuft und nahmen denn auch endlich Engagements an.

Im Juli 1890 wurden die Kinder zum ersten Male in einem Museum in Chicago vorgestellt und erregten so grosses Aufsehen, dass das Engagement mit einer Wochengage von 500 Dollars bei freiem Verkauf der Photographieen und Lebensbeschreibungen auf zwei Jahre abgeschlossen wurde. Leider wurde das Baby aber nur acht Monate alt und starb am 9. October 1890 in M. S. Robinson's Museum in Buffalo an den Masern, -- ein Theil starb etwa fünf Stunden früher als der andere.

Dass die körperlichen wie auch geistigen Functionen vollständig unabhängig von einander waren, ist wohl aus dem Cliché ersichtlich -- indess der eine Theil schläft, wacht der andere und lächelt. Die Eltern des Babys waren kleine Bauern und kehrten nach dem Tode desselben wieder auf ihren »Hof« zurück.

Madame Taylor

die Zwerg-Riesen-Dame

ist unter ihresgleichen insofern auch noch eine Specialität, als die Riesen-Damen nicht nur gross, sondern meistens auch corpulent sind, während Mme. Taylor eine Zwergin von nur drei Fuss und einem Zoll Höhe ist, aber ein Gewicht von 309 Pfund (engl. Gewicht) hat; sie wird somit auch mit Recht die »Riesin unter den Zwergen« genannt.

In Peru geboren, wurde sie schon in ihrem vierzehnten Lebensjahre als Zwergin ausgestellt, mit ihrem achtzehnten Lebensjahre verheirathete sie sich mit einem »Feuerfresser«, und fortan producirte das Ehepaar sich nur gemeinschaftlich in Museen etc. Als sie aber nach einiger Zeit so corpulent wurde, dass sie nicht mehr gehen konnte und es zu beschwerlich war, sie auf Tritt und Schritt umherzutragen, da zog sie sich von dem Schaugeschäft zurück und lebt nun mit ihrer Familie -- sie hat drei Töchter -- in stiller Zurückgezogenheit.

Lia May

die Skelet-Riesin

macht zur Zeit in Barnum & Bailey's Circus in England grosses Furore. Sie ist in Milwaukee, Wisconsin (Amerika) geboren und wurde schon in ihrem achtzehnten Lebensjahre als Riesen-Mädchen gezeigt.

Um ihre Anziehungskraft zu erhöhen, kleidet sie sich in Tricot und erscheint durch ihre Magerkeit bedeutend grösser, wie sie wirklich ist. Durch ihre so recht herzlich gemeinte Gutmüthigkeit ist sie bei Jedermann sehr beliebt.

Madame Meyer

die Bart-Dame

ist in Fort Wayne, N.-A., geboren. Schon im Alter von acht Jahren machten sich die Spuren eines Bartes bemerkbar, die, allen angewandten Enthaarungsmitteln trotzend, so üppig wucherten, dass sie sich schon mit sechszehn Jahren eines so schönen Bartes »erfreute«, dass er dem Antlitz bedeutend älterer Männer zur Zierde gereicht haben würde und nicht selten deren Neid erregte.

Schon in ihrer Jugend wurde sie in Museen ausgestellt und im Laufe der Zeit hat sie sich nicht nur ein recht hübsches Vermögen, sondern auch einen -- Ehegatten (das Cliché zeigt das Ehepaar) erworben, so dass sie jetzt, obgleich erst achtunddreissig Jahre alt, vom »Geschäft« zurückgezogen, in einem gemüthlichen Heim sorglos leben kann.

Emma Schaller

das Skelet-Mädchen

ist am 8. Juli 1868 in St. Louis, N.-A., geboren; ihre Eltern waren eingewanderte Deutsche und stammten aus West-Preussen.

Miss Emma erfreute sich bis zu ihrem sechszehnten Lebensjahre der besten Gesundheit, wurde dann aber infolge einer hochgradigen Erkältung und darauf folgenden Gelenk-Entzündung auf ein langwieriges Krankenlager geworfen, und nach etwa drei Jahren war sie zu einem Skelet abgemagert.

Da der Vater bereits vor mehreren Jahren gestorben war und die alternde Mutter bei schwerer Arbeit einen nur sehr kümmerlichen Lebensunterhalt zu erwerben vermochte, so kam Miss Emma zu dem Entschluss, sich als »lebendes Skelet« öffentlich zu zeigen. Sie trat am 4. October 1890 zum ersten Male in ihrer Geburtsstadt auf, und seit jener Zeit ist sie in sämmtlichen Museen Nord-Amerikas gezeigt worden. Sie erhält eine Monatsgage von 500-800 Mark, kann somit sich und ihrer alten Mutter, die sie stets begleitet, eine ganz sorglose Existenz schaffen.

Leider ist bei ihr allmählich eine vollständige Steifheit der Gelenke eingetreten, so dass sie ohne Beihülfe auch nicht die kleinste Bewegung machen kann. -- Sie ist etwa fünf Fuss zwei Zoll gross, wiegt aber nur sechsundvierzig Pfund. Da sie sich einen gewissen Grad von Bildung angeeignet hat, so ist sie imstande, während ihrer Ausstellung mit dem Publicum eine lebhafte Conversation zu unterhalten.

Barney Baldwin

der Mann mit dem gebrochenen Genick

ist für die medicinische Wissenschaft ein hochinteressantes Problem. Der jetzt etwa fünfundvierzig Jahre alte, kräftig gebaute Mann war Schaffner an der Chicago-Alton Railway und verunglückte als solcher im Jahre 1886, indem er beim Ueberschreiten der Plattform von einem Waggon zum anderen vom Zuge geworfen wurde.

Für todt gehalten, lebte er dennoch, trotzdem acht Rippen, der eine Arm zweimal, das rechte Bein unterhalb des Knies viermal und die Wirbelsäule des Halses gebrochen waren; auch der Schädel hatte über dem linken Auge einen bedeutenden Defect erlitten.

Angesichts dieses hochinteressanten »Falles« setzten die Aerzte ihre ganze Kunst daran, eine möglichst intensive Reconstruction dieser menschlichen Ruine zu ermöglichen, und dieses Vorhaben hatte günstigen Erfolg. Die Rippen-, Arm- und Beinbrüche wurden in althergebrachter Weise behandelt, der Defect des Schädels wurde durch eine grosse Silberplatte ausgeglichen und zur Unterstützung des gebrochenen Genicks wurde ein theilweise aus Eisenblech hergestelltes Corsett construirt, von dem aus eine Stahlstange, der Form des Hinterkopfes entsprechend gebogen, sich erhob. An dieser Stange, an deren Ende in der Mitte über dem Kopfe sich ein Haken befindet, hängt der Kopf an zwei dünnen Riemen, von denen der _eine um die Stirn, der andere aber unter dem Kinn hindurch geht, die sich somit oberhalb der Schläfe kreuzen_. (Siehe das Cliché.) Mit dieser Vorrichtung muss er auch schlafen. Werden die Riemen vom Kopfe entfernt, so fällt dieser wie leblos auf die Brust, Baldwin verliert die Besinnung und der ganze Körper verfällt in einen starrkrampfartigen Zustand; wird der Kopf dann wieder aufgehoben, so kehren auch die Besinnung sowie die Beweglichkeit der Glieder sofort zurück.