Abnormitäten

Part 2

Chapter 23,488 wordsPublic domain

Aus dem Jahre 1624 hören wir von einem gewissen Peter von Lucern, der mit den Füssen auf musikalischen Instrumenten spielte. (Add. Zach. qu. med. legal. lib. VII. tit. 3 quaest. VI. § 9.) -- 1628 zog im Monat August ein Schweizer in Deutschland herum Namens Peter Stadelmann, »von langer Figur, braun von Angesicht, mit schwarzen, krausen Haaren und Bart, hatte ganz kleine Arme und verrichtete alle seine Sachen mit den Füssen«. Er spielte, zahlte Geld, machte Knoten, löste sie wieder auf, schrieb auch mit den Füssen und dergl. mehr. --

1629 wurde zu Wien ein Fusskünstler geboren, Theodor Steib, der mit den Füssen Blumen anschnitt, zeichnete, in Holz schnitzte, Pistolen losschoss und sich selbst portraitirte (in einem rothen Kleide und mit einer schwarzen Feder auf dem Hute), mit der Unterschrift: »Hanc effigiem proprio meo pede prinxi. Vratislaviae d. 10. IV. ann. 1654. Theodorus Steib, Natione Vienna. (Dies Bild habe ich eigenfüssig gemalt. Breslau, d. 10. April 1654. Theodor Steib aus Wien.) Seine sonstigen Schreibproducte pflegte er also zu unterzeichnen: »Ego Theodorus Steib Vienna Austriacus«, absque manibus et bracchiis natus, scribebam ista pede meo Vratislaviae, Anno Christi 1654, aet meae 25«. (Ich Theodor Steib aus Wien in Oesterreich schrieb dies, ohne Hände und Arme zur Welt gekommen, mit meinem Fusse zu Breslau im Jahre Christi 1654, meines Alters 25 Jahre.) Ortsname, Datum und Jahr wurden, den augenblicklichen Verhältnissen entsprechend, natürlich jedesmal geändert. -- Im Januar 1673 producirte sich ein Schweizer Knabe, François Blanchet, in Deutschland, gleichfalls ohne Arme geboren, »aber dennoch imstande, Alles mit den Füssen zu thun, wozu Andere die Hände gebrauchen, als Kegeln, Kartenmischen, Sich-Kämmen, Wein-Einschenken etc.«

Endlich sah man 1696 zu Leipzig und Jena und das letzte Mal 1702 zu Breda noch einen ganz bedeutenden Fusskünstler. Er hiess Franz Viniot und war um das Jahr 1665 geboren. Aus Italien kommend, trug er an der kleinen Zehe des linken Fusses einen Diamantring und war ein Mann von mittelmässiger Statur mit krausem, schwarzem Haar, »lustigem _Humeur_ und sehr geläufigem Maule, wie er Französisch, Italienisch, Englisch, Holländisch in sehr vollkommener Perfection redete«. Auf seine Kunststücke konnte sich der alte Berichterstatter zum grossen Theil nicht mehr besinnen, »sei es, weil er durch die Piècen ganz perplexirt wurde, sei es aus Vergesslichkeit«. Nur Folgendes war ihm noch in der Erinnerung geblieben: Der Mann focht mit dem Rapier und nahm es hierbei mit manchem der Leipziger Fechter auf, wie denn auch Niemand imstande war, ihm ein mit den Zähnen gehaltenes Florett aus dem Munde zu reissen. Beim Schreiben hielt er die Feder zwischen den Zehen oder den Zähnen und schrieb gewöhnlich Cursiv- und Spiegelschrift in durchaus lesbarer Weise. Ebenso warf er sich einen Mantel mit den Zähnen sehr behende um die Schultern. Sein Programm enthielt in Octavformat folgende in holländischer und französischer Sprache leserlich geschriebene Worte:

EDele Heeren en Dames Th u Dianar of mordig Die alle Duck tem besten koort Hy is wys en wel geloort. Quoi fait ce quil peus & Excusable.

In seinem »Wunderbuch von menschlichen unerhörten Wunder- und Missgeburten, so wider den gemeinen Lauff der Natur erschrecklich frembd und seltsam gebildet: doch glaubwürdig in diese Welt geboren worden u. s. w.«, das im Jahre 1610 zu Frankfurt »in Verlegung Dietrichs von Boy seeligen Wittib, sampt zweyer ihrer Söhnen« in Quart erschien, führt uns der Verfasser, Johann Georg Schenk von Grafenberg, »der Artzney Doctor etc.« einige interessante Rumpfkünstler vor, unter denen die im Folgenden aufgeführten mit Recht unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen dürfen:

Unter den Geschenken, welche die Indier zu Beginn unserer Zeitrechnung dem römischen Kaiser Augustus sandten, befand sich auch ein Jüngling ohne Arme, der mit den Füssen die Armbrust spannen und Pfeile entsenden konnte.

Alexander Benediktus erzählt, dass er eine Frau (in der Mitte des 15. Jahrhunderts) gesehen habe, die, ohne Arme geboren, mit den Füssen nähte und überhaupt im Schneiderhandwerk einiges leistete; auch hob sie einen Becher Wein und schlug die Trommel, als ob sie Hände gehabt hätte.

Später sah man einen armlosen Spanier, »welcher fürwahr alle Wunderwerk, so in der Natur sind, übertraf«. Er wusste so geschickt mit Kriegsrüstung umzugehen, dass ihm hierin kein Kriegsmann gleichkam. Wenn er mit der Armbrust schoss, so verfehlte er sein Ziel nie und vermochte ausserdem vermittelst einer Axt mit einem Hieb einen starken Holzpflock zu spalten.

Sycosthenis erzählt von einem zwanzigjährigen armlosen Menschen, er habe mit den Füssen alle »Handarbeit« verrichtet.

1556 sah man zu Frankfurt a. M. eine Frau ohne Hände, die nicht nur aufs »allerzierlichste« schrieb, sondern auch allerley sonstige subtile Arbeit mit den Füssen verrichtete.

Cardanus berichtet im siebenzehnten Buche von einem, der Arme völlig beraubten Manne, dass er mit dem rechten Fusse Speere schleuderte, Kleider nähte, ass und schrieb. Sein Name war Antonius, seine Vaterstadt Neapel. Er hat einen grossen Theil von Europa bereist und mit den erwähnten und ähnlichen Productionen reichen Beifall und Lohn geerntet. --

Der hervorragendste aller Fusskünstler älterer Zeit aber ist _Thomas Schweicker_, der unser Interesse nicht nur allein wegen seiner Künste, »die ihresgleichen suchten«, in Anspruch zu nehmen berechtigt ist, sondern, weil wir ihn auch zugleich als Mensch, als Dichter und als eine gesellschaftlich interessante Persönlichkeit kennen lernen, die auch zu Kaisern, Königen und Fürsten zu wiederholten Malen in Beziehungen trat. Die Litteratur des 16., 17. und 18. Jahrhunderts geht oft auf seine Leistungen ein und auch die bildende Kunst jener Zeit hat sich seiner angenommen, und am Abschluss des 19. Jahrhunderts soll auch in diesem Werke nochmals seiner gedacht und ihm ein litterarisches Denkmal gestiftet werden.

Thomas Schweicker wurde zu Schwäbisch-Hall im Jahre 1540 geboren. Sein Vater, Hans Schweicker, war ein angesehener Mann und bekleidete die Stelle eines Rathsfreundes (war wohl Beigeordneter?) und starb 1571 im Alter von vierundsiebzig Jahren. Seine Mutter war eine geborene Dorothea Seeckbin.

Er kam ohne Arme zur Welt, und nach Ueberwindung des ersten Kummers darüber gingen seine Eltern alsbald daran, die Mängel des Leibes durch Pflege des Geistes auszugleichen und ihn zu »allen guten Tugenden und Wissenschaften fleissigst anzuhalten«.

Mit dem siebenten Jahre kam Thomas in die deutsche und mit dem zwölften in die lateinische Schule, wo er frühzeitig eine hohe geistige Begabung an den Tag legte, sich aber besonders der Schreibkunst widmete, die zu jener Zeit bei weitem nicht Jedermann beherrschte und die daher in hohem Ansehen stand. (Noch durch Jahrzehnte zeigte man dort den Tisch, der ihm zur Aufbewahrung seiner Sachen dortselbst eingeräumt war.)

Infolge angestrengtester Bemühungen gelang es ihm, nicht nur eine deutliche, sondern auch »recht saubere und schöne Schrift zu erwerben«, durch die er, wie es in einem andern Berichte heisst, »alle Guldenschreiber und berühmte Rechnenmeister übertroffen«, gleichviel, ob deutsche oder lateinische Buchstaben, kaum einer that es ihm in kunstvollem Schreiben zuvor.

In den folgenden Versen, die er mit einer Widmung versah, hat er den Gedanken ausgesprochen, der sein Leben erfüllte:

O junger Gsell lehre gute Kunst, Das ist dir nutz und bringt dir Gunst, Es ziert auch wohl ein jungen Man, Wie fein ists, wenn er etwas kan. Ich nem eins glehrten Mannes mut, Liess eim eins Narren grosses Gut, ~Dann so das Geld sich von dir kehrt, So bleibt die Kunst doch unversehrt, Und dich deines gantzes Leben nehrt.~ Plus probe thesauro docti quam divitis auro.

(Etwa: »Was frag ich viel nach Geld und Gut, Wenn ich zufrieden bin« -- oder: »Vergnügt sein ohne Geld, Das ist der Stein der Weisen«).

Dem Ehrbarn und Wolgeachten Herrn Leonhart Stöberle, Burger und Apotheker in Nürnberg zu Ehrn und Wolgefallen, hab ich Thomas Schweicker zu Schwäbischen Hall, diss aus Mangel nothdürftiger Arm mit meinen Füssen geschrieben den 21. Juli Ao. 1592, meines Alters 51 Jar«.

Schweicker konnte aber nicht allein gut und künstlerisch-schön schreiben, er konnte auch »allerley kunstreiche Handarbeit verrichten«, er besass selbst Geschick in Tischlerarbeiten, wie Hobeln, Bohren, Sägen und dergl. und »verfertigte allerley subtile Leisten und Holtzgerämswerk«. Beim Essen sass er auf einem Stuhl in der Höhe der Tafel, nahm mit den Füssen das Messer, schnitt Brot und andere Speisen und führte sie ebenso, wie die Getränke, mit den Füssen zum Munde. Er selbst sagt über diese und ähnliche Fähigkeiten Folgendes:

»Dieweil ich, dass es GOtt erbarm, Hab weder Finger, Händ noch Arm, und mich also behelffen muss, Schreib ich doch diss mit meinem Fuss, Drumb frommer Christ dein Lebenlang Sag GOtt für diese Wohlthat dank, Dass Du hast einen graden Leib, Wie meinest, dass ich mein Zeit vertreib, Das zeigt Dir die Contrafraktur. Weil mich nun GOtt und die Natur Also erschuff, hats mir doch geben, Alles zu thun mit Füssen eben, Essen vnd trinken vber Tisch Mit meinem Fuss ich bhend erwisch, Schreib, mahl, schnitz, bindt Bücher ein, Das Armbrust kan ich brauchen fein, Zehl Gelt, vnd auff freundlichs begehren Im Bretspiel meins Manns mich thu wehren. Schenk ein, trink auss, die Kleider mein Anleg selbst, schneid ein Feder fein.

Thomas Schweicker Halensis«.

Unter einem seiner zahlreichen Bildnisse finden sich folgende, seine Thätigkeit charakterisirende Verse:

»Der grosse Wunder-GOtt kan nichts als Wunder machen, Diss zeuget Schweickers Bild, diss weisen Schweickers Sachen. Der Mann ist ohne Hand geboren auf die Welt, Und treibet mit dem Fuss, was aller Welt gefält; Er trank, er ass, er schrieb, schnid Federn mit den Füssen, Spannt Bogen, drückt sie ab, wusst seine Lust zu büssen Mit Spielen in dem Brett. Der Maximilian, Das Haupt der Christenheit, hielt hoch den Wundermann, Auch Churfürst Friederich am Rhein hat ihn bey Leben Als einem Wundermann Schild, Helm zum Wappen geben. Der Du ihn siehst, gedenk: Was die Natur verletzt An _einem_, hat Verstand am _andern_ Theil ersetzt«.

In einem nach Schweickers Tode verfertigten Epigramm sagt M. J. Gaeterus -- um eine weitere poetische Betrachtung über dessen Fertigkeit anzuführen:

»Von Mutterleib ohn Arm und Händt Geboren an sein Füssen bhendt Alles gantz hurtig und ohn Zill Verricht, wie mans nur haben will; Er isst und trinkt, spilt, gibt und trinkt, Alls mit seinen Füssen zwegen bringt«.

Man sieht, dass sich der Beifall, den seine Leistungen fanden, zu einem förmlichen Cultus erhoben hatte und welch' ein reicher Kranz poetischer Blüthen und Betrachtungen in Prosa, die, wollte man sie gesammelt veröffentlichen, einen stattlichen Band füllen würden, sich um Schweickers interessante Figur geflochten hat.

Aber nicht die Dichtkunst allein, auch die bildenden Künste glorificirten ihn, denn nicht nur auf Kupferstichen wurde er abgebildet, sondern auch Medaillen, die sein Bild zeigten, wurden ihm zu Ehren geprägt. Die eine hatte die Form und den Umfang eines Thalers und zeigte auf der einen Seite Schweicker, wie er die Umschrift: »Thomas Schweicker im 41. Lebensjahre 1581« mit den Füssen selbst schreibt. Auf der Reversseite befindet sich in sieben Zeilen ein Citat aus dem 138. Psalm: »Wunderbar sind Deine Werke, und das erkennet meine Seele wohl«. Eine andere, zwar etwas grössere, doch minder scharfe, wurde im Jahre 1595 geprägt.

Nach alledem kann es nicht wundernehmen, wenn Schweicker vom ganzen Lande und über dessen Grenzen hinaus gekannt und geschätzt war. Um ihn zu sehen, kamen die Leute von ferne herbei und aus Schlesien erschienen Boten in Hall, bloss zu dem Zweck, sich beglaubigte Zeugnisse über die Existenz und Fähigkeiten Schweickers von der Obrigkeit zu erbitten.

Aber, wie es oft gerade dem besten Künstler ergeht, sei es wegen seiner zu grossen Freigebigkeit und Unterstützung armer Freunde, sei es, weil minderwerthe Concurrenten auf der Bildfläche erscheinen und ihm die Einnahmen schmälern, auch Thomas Schweicker hatte mit pecuniärer Noth zu kämpfen, und richtete deshalb im December 1570 an den Kaiser Maximilian II. folgende, _mit den Füssen geschriebene Bittschrift_:

Psalm CXLIII

Prope est Dominus invocantibus cum omnibus invocantibus cum in veritate.

Allerdurchlauchtigster, Grossmächtigster, Christlichster Kayser, gnädiger Herr, nachdem der Allmächtige Ewige Gott und Vater unsers einigen Herrn und Heylandes Jesu Christi mich armen, elenden und verletzten Menschen also und dergestalt in diese Welt erschaffen hat, dass ich aus Mangel meiner Glieder meine Leibes-Nahrung und Unterhalt leider für mich selbst nicht gewinnen noch erlangen kan: Derowegen ist hierauf an Eure Kayserliche Majestät, als an meinen gnädigsten Herrn, meine gantz unterthänigste, demüthigste und fleissigste Bitte und Begehr, Eu. Kayserl. Majest. wollen aus angebohrner hoch- und weitberühmter Mildigkeit mich armen, elenden und verletzten Menschen lauter um GOtteswillen gnädiglich bedenken, auff dass ich die übrige Zeit meines armuthseeligen Lebens durch GOttes und Eu. Kayserl. Majestät Hülffe und Beförderung auch in dieser Welt möge zubringen. Solches um Eu. Kayserl. Majestät zu verdienen mit meinem armen, andächtigen Christlichen und emsigen Gebet, gegen GOtt dem Allmächtigen, für Eu. Kayserl. Majestät, will ich armer gehorsamer mit höchstem Fleiss zu aller Zeit, treulich thun, auff dass der Barmherzige Gütige GOtt Euere Kayserl. Majestät in langwieriger Gesundheit und glücklicher Regierung gnädiglich erhalten wolle. A. M. E. N.

Thomas Schweicker Hallensis Quem Natura Brachiis Spoliavit Hoc Scripsit cum pedibus suis Anno Christi unici mediatoris Salvatorisque nostri M. D. L. XX. In mense Decembri.

(Verdeutscht: Thomas Schweicker aus Hall, den die Natur der Arme beraubte, schrieb dies mit seinen Füssen im Jahre 1570 im Monat December.) Das Original des Briefes, auf dessen Rückseite die Worte standen: »Gott giebt nicht Alles Allen«, befand sich noch hundert Jahre später in der Kanzlei zu Prag.

Anlass zu diesem Brief gab wohl die Anwesenheit des Kaisers Maximilians in Hall bei der Reise zu einem in Speier stattfindenden Reichstage, bei der er auch auf Schweicker und seine eminente geistige und körperliche Begabung aufmerksam gemacht wurde.

Gleichzeitig suchten auch Friedrich III. von der Pfalz und August von Sachsen den weitberühmten Wundermann auf, während ihn Ludwig von der Pfalz 1584 nach Heidelberg entbieten liess.

Nach einem also wechselvollen und inhaltsreichen Leben ist dann Thomas Schweicker am Donnerstag, den 7. October 1602, Morgens zwischen sechs und sieben Uhr, verschieden, nachdem ihn am 4. October eine anscheinend leichte Erkrankung auf das Lager geworfen hatte. Am 8. October wurde er -- eine besondere Vergünstigung -- unter dem Chor der Hauptkirche St. Michael beigesetzt. Seine Leichenrede, die im folgenden Jahre zu Frankfurt a. M. gedruckt wurde, hielt der Prediger Johannes Weidner über den 39. Psalm. Dieselbe enthält noch weitere interessante Mittheilungen über den Verblichenen. Hier sei nur noch der Schluss mitgetheilt, der zugleich Schweickers Grabschrift bildete (den Grabstein hatte er sich selber angefertigt und nur die Grabschrift wurde nachgefügt) und also lautete:

»Im Jahre 1602, den 7. Tag Octob., seines Alters 61. Jar, starb Thomas Schweicker, Bürger allhier zu Schwäbischen Hall am Cöcher, welcher ohne Arm und Händ, also von Mutterleib in diese Welt gebohren, und hat gantz zierlich und kunstreich seine Grabschrifft, welche von den Edlen, Vesten Herrn Consulibus und gantzem E. Rath der Statt in dem Haupttempel daselbst zu S. Michael, durch die Befreunden im Chor zu stellen, günstig approbiret, vor seinem Ende mit seinen Füssen geschrieben, den 29. Jun. An. 1592. Seines Alters im 51. Jahr, der Allmächtige GOtt wolle ihme und allen Ausserwehlten hie seinen Frieden, und dorten ein ewiges Leben mit einer fröhlichen Auferstehung gnädiglich verleihen. AMEN.« --

Unter den wenigen Fusskünstlerinnen, die sich im neunzehnten Jahrhundert öffentlich producirten, war es namentlich eine Elise Ebbinghaus, die durch ihre kunstvollen Perlen- etc. Stickereien, die sie mit den Füssen und dem Munde zugleich ausführte, die Aufmerksamkeit der Damenwelt auf sich zog. Ebenso schrieb sie sehr geläufig und schön, sowohl mit dem Munde als auch mit den Füssen. --

Nun zu den noch lebenden Fusskünstlern. Schon seit vielen Jahren besitzt der erste unter ihnen, Herr C. H. Unthan, einen Weltruf, und so kann es für die Leser nur von Interesse sein, über diesen Künstler Näheres zu erfahren. In einem Interview gab uns Herr Unthan in der liebenswürdigsten Weise Auskunft über seine Entwickelung und Lebensschicksale und zugleich die erwünschte Gelegenheit, uns auch im näheren Umgange davon zu überzeugen, dass das Fehlen der Arme ihn nicht gehindert hat, in seinen Lebensgewohnheiten es dem normal entwickelten Menschen gleichzuthun und sich ausserdem durch eiserne Willenskraft ein so reiches Maass von Kenntnissen und Fertigkeiten anzueignen, dass er ein vollwerthiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft und ein überaus interessanter Gesellschafter wurde.

Unthan ist am 5. April 1850 in Königsberg geboren. Statt der Arme hat er nur zwei etwa handlange stummelartige Ansätze mit je einem Finger. Zu irgend welcher Thätigkeit ist keiner derselben zu gebrauchen, der linke ist durch einen Schrotschuss, den Unthan sich mit 13½ Jahren aus Versehen beibrachte, auch noch jeder Bewegungsfähigkeit beraubt. Als Unthan etwa 9 Monate alt war, begann er, nur auf seine Füsse angewiesen, instinctiv sich dieser so zu bedienen wie andere Kinder ihrer Hände, und mit dem vollendeten zweiten Jahre konnte der Knabe vollständig allein essen und trinken. Mit 4 Jahren begann er aus Neugierde und Nachahmungsbedürfniss Schreibversuche mit den Füssen zu machen; und heute schreibt Herr Unthan eine ausgeschriebene, kräftige und gewandte »Fussschrift«. Sein Vater, der Schullehrer war, bestimmte ihn zunächst für einen gelehrten Beruf, und so besuchte der Knabe bis Obersecunda das Gymnasium, wo er sich in den Kämpfen zwischen Gymnasiasten und Realschülern als gefürchteter Kämpfer d. h. Treter hervorthat. Er hatte damals, wie er lachend erzählte, eine besondere Vorliebe für Schienbeine. Mit 16 Jahren besuchte Unthan dann das Conservatorium zu Leipzig, um dort seiner leidenschaftlichen Vorliebe für Violinspiel, das er seit seinem 10. Jahre immer und immer wieder probirt hatte, nachzugehen. Sein Lehrer war dort Ferdinand David. Nachdem Unthan diese Studien hinter sich hatte, begann er in Concerten und Theatern aufzutreten, zunächst aber nur als Violinspieler. Von 1869 an führten ihn seine Kunstreisen nach Frankreich, England und nach einem Ruhejahr in Ostpreussen nach Nord- und Südamerika. Mexiko bereiste er als ausgezeichneter Reiter ganz zu Pferde, und auf einem Maulthiere unternahm er selbst einen Zug über die Cordilleren. Von 1876 ab nahm Unthan dann auch andere Nummern, die er im Laufe der Jahre erlernt hatte, in sein Programm auf. Alle Verrichtungen, die ein gewöhnlicher Sterblicher mit seinen Händen und Armen ausführt, versieht Unthan mit seinen Füssen. Er wäscht, kämmt, rasirt sich, schneidet sich sein Brot ab und macht es zurecht, und zwar Alles nur mit normalem Zeitaufwand. Er reitet, fährt, schwimmt und taucht ausgezeichnet und führt seine Correspondenz selbstständig.

Es kann nicht wundernehmen, dass sich mit diesem Manne die medicinische Wissenschaft eingehend beschäftigt hat. Autoritäten wie Virchow und Professor Hamy-Paris haben ihn eingehend untersucht und nur constatiren können, dass Unthan vollständig normale Fuss- und Beinbildung aufweist. Ja, Virchow hat sogar die Frage nicht ohne weiteres von der Hand gewiesen, ob die Bewegungsfähigkeit der unteren Extremitäten und ihrer Theile, sowie ihre starke Entwickelung, wie sie bei Unthan vorhanden, nicht eigentlich das Natürliche für das Menschengeschlecht gewesen und nur einer Regeneration gewichen sei. Der Künstler sagt von sich selbst, dass er ein gesundes, sanguinisches Temperament besitze und sich stets eines ausgezeichneten Appetits erfreue. Das Gedächtniss werde dadurch, dass er nicht stets »mit dem Bleistift in der Hand« dastehen könne, um Alles zu notiren, auch gestärkt, und um dem Oberkörper genügende Bewegung zu verschaffen, pflege er eben das Schwimmen. Hierin soll er ganz Hervorragendes leisten. Erwähnt sei noch, dass Herr Unthan auf seinen vielen Reisen sich eifrig mit Sprachstudien beschäftigte, so dass er jetzt sieben verschiedene Sprachen beherrscht.

Aus eigenster Kraft hat sich dieser seltene Künstler zu seiner jetzigen Bedeutung emporgerungen, und ständig arbeitet er an der Vervollkommnung seines Könnens weiter.

Er ist, wie er selbst sagt, einer von denen, die nie ohne Arbeit sein können. Hoffentlich ist dem strebenden, fast jugendlich elastischen Künstler noch eine lange ehrenvolle Laufbahn und ein behagliches Privatleben an der Seite seiner Gattin, mit der er seit sechszehn Jahres in glücklicher Ehe lebt, beschieden.

Als gleichwerthiges Pendant muss auch der Rumpfkünstler _Kobelkoff_ registrirt werden, den die Natur noch stiefmütterlicher bedacht hat, wie seinen berühmten Zeitgenossen Unthan, da er _nur der Rumpf_ eines menschlichen Körpers ist, dem alle vier Extremitäten fehlen, wahrend Unthan doch wenigstens über die beiden unteren verfügen kann.

Kobelkoff ist ein so seltenes Phänomen, dass kein anatomisches Museum auch nur annähernd ein solches als corpus delicti aufzuweisen hat, und in den berühmten Werken von Buffon, Humboldt, St. Hilaire etc. sind auch nicht die kleinsten Andeutungen, die auf ein ähnliches Vorkommen in früheren Zeiten schliessen lassen, enthalten.

Er erregt die Theilnahme aller Derer, die ihn sehen, zuerst im höchsten Grade, dies Mitleid wird aber sehr schnell durch seine Lebhaftigkeit und durch die staunenswerthe Weise abgeschwächt, mit der er sich auch ohne die nach allgemeinen Begriffen unentbehrlichen Gliedmassen zu behelfen weiss, denn er schreibt mit grosser Fertigkeit, isst mit Löffel und Gabel, zeichnet und malt, verrichtet überhaupt Alles, was Andere, von der Natur Bevorzugtere mit den Armen event. auch Beinen verrichten, mit der grössten Gewandtheit ohne dieselben.

Seine stets heitere Laune, seine geselligen Manieren etc. führen bald zu der Erkenntniss, dass er sich nicht unglücklich fühlen kann, um so weniger, als er eine Lebensgefährtin fand und Vaterfreuden ihn an das Dasein fesseln. In den vierundzwanzig Jahren der Ehe, die bis jetzt (1899) verflossen, sind derselben elf Kinder entsprossen, von denen noch fünf wohlgebaute Knaben und ein Mädchen am Leben sind.

Nicolai Wasilowitsch Kobelkoff ist in Wossnesensk bei Troizk im Gouvernement Orenburg, einer kleinen, freundlichen Stadt im asiatischen Russland, am 22. Juli 1851 geboren und zwar ohne Arme und Beine. Sein Vater war Angestellter in dem in der Umgegend befindlichen kaiserlichen Goldbergwerke. Da die Schwangerschaft ohne jegliche Störung der normalen Verhältnisse und des physischen Wohlbefindens der Mutter verlief, so war die Ueberraschung um so grösser, als bei der Geburt nur ein Rumpf ohne jegliche Gliedmassen zur Welt kam, der jedoch durch ganz energisches Schreien das Vorhandensein einer gesunden Lunge documentirte.