Part 1
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Abnormitäten
Von
Signor Saltarino
Alle Rechte vorbehalten
DÜSSELDORF 1900
Druck und Verlag von Ed. Lintz.
Inhalts-Verzeichniss.
Seite
Vorrede I-XXXII
Johnsons zweiköpfiges Baby 1
Madame Taylor 3
Lia May 4
Madame Meyer 5
Emma Schaller 6
Barney Baldwin 7
Hermann, der Knabe mit der Wunderhand 9
Eli Bown 10
Wilhelm & Hulda 12
Eugène Berrey 13
Miss Maggie 14
George Woodstock 15
John Darrington 17
John Chambert 18
James Morris 19
Angelotti 20
James Wilson 22
Lady Dot 24
Edith, das Riesenkind 25
Achmed Aratas 26
Mac Mahon-Kinder 28
Katy Clary 29
Marquis Wolga und Marquise Louise 30
Leo Whitton 31
Monsieur Neptune 33
Miss Pollie Whatson 34
Lucy Morris 36
Clarence Dale 37
Dominique Castagna 38
William Campbell 41
Albert Brough & General Thom 43
Count Ivan Orloff 44
Johann Jacob Toccio 46
Jo-Jo 48
Miss Violet 49
Walter H. Drew 51
Miss Bella Carter 52
Der Hindu »Laloo« 54
Monroe 56
Ada Russel 58
W. Le Roy 59
Rham-a-Sama 61
Frank Home & George Moore 62
Die gefleckten Mädchen 64
George Williams 65
Madame Taylor 66
Das Bärenweib 68
Mr. Rannie 69
Frl. Lara 72
J. Hanson 73
Mary, die lebende Puppe 74
Radica & Doodica 75
Unzie 77
Nicodemus 79
Chevalier Cliquot 81
Seip 83
Gay Jewett 85
Marietta 86
Mlle. Brison 88
Vorrede.
_Abnormitäten_, im allgemeinen mit der trivialen Bezeichnung »Missgeburten« belegt, haben stets als Schau-Objecte eine bedeutende Anziehungskraft auf das sog. grosse Publicum ausgeübt, das in der Regel auch eine gewisse Befriedigung seiner Neugierde in dem gedankenlosen Anschauen derselben fand.
Erst den letzten Decennien unseres Jahrhunderts war es vorbehalten, Schau-Objecte dieser Art auf das wissenschaftliche Gebiet zu überführen, indem hervorragende ärztliche Autoritäten sie nicht selten als lebende Illustrationen zu ihren einschlägigen Vorträgen in den Hörsälen der Kliniken vorstellten und dadurch auch das Interesse für sie in weiter ausgedehnte Bahnen lenkten.
Dass das nicht auch schon in früheren Zeiten geschehen ist, lag, abgesehen von allen Vorurtheilen, wohl mit in der, den besseren Kreisen weniger convenirenden Art und Weise des Auftretens resp. der Vorführung derselben, so dass selbst vorurtheilsfreie Männer der Wissenschaft diesen äusseren Umständen gegenüber ihre Gelehrtenscheu nicht ablegen wollten, nicht ablegen durften, wollten sie nicht aus dem Rahmen des Althergebrachten heraustreten und ihrer und der öffentlichen Meinung nach dadurch den ganzen Gelehrtenstand profaniren.
Seit aber das äussere Wesen der Schaustellungen gegen früher einen ganz ungeahnten Aufschwung genommen hat, seit die Productionen der Fuss- und Rumpfkünstler, wenn auch nicht im allgemeinen, so doch im besonderen, sich auf dem Gebiete der Artistik ein bedeutendes Terrain erobert, seit ferner ein C. H. Unthan als primus omnium an der Spitze der Fusskünstler marschirt und ihr Bannerträger ist und die sog. Rumpfkünstler in Kobelkoff einen ebenfalls nicht zu unterschätzenden Obmann haben, seit ferner vorurtheilsfreie Gelehrte ihre »heilige« Scheu abgelegt und Abnormitäten nicht selten als Lehrmittel zu sich in ihre Hörsäle emporhoben, seitdem hat auch das gesammte Publicum allmählich gelernt, diesen, in gewisser Weise von der Natur vernachlässigten Menschgeborenen ein vorurtheilsfreieres Interesse entgegenzubringen. Ob sie aber das allgemeine _Mitleid_, das ihnen stets von den Besuchern gezollt wird, _wirklich in Anspruch nehmen_, das dürfte doch füglich zu bezweifeln sein, wenn man diesem Mitleid z. B. Unthan's jovialen Ausspruch gegenüberstellt: »Wenn mir jetzt plötzlich Arme angezaubert würden, ich wüsste gar nicht, was ich mit den Dingern anfangen sollte!« --
Einer der ersten Fusskünstler, die das Interesse auch der Aerzte erregten, dürfte wohl _Gottfried Dietze_ gewesen sein, der, ohne Arme geboren, sich Ende der fünfziger Jahre unter den allerprimitivsten Verhältnissen in einer Leinwandbude auf den sächsischen Schützenfesten etc. producirte. Er war ein Mensch von achtzehn Jahren, der namentlich eine ganz eminente Fertigkeit in der Verwendung des Messers zum Auftrennen von Nähten, sowie in der Verwendung von Nadel und Zwirn zum Nähen entwickelte. Diese Leistung als »Flickschneider« aber culminirte in dem Einfädeln der Nadel, das mit einer unbeschreiblichen Gewandtheit und Sicherheit erfolgte. Nachdem er noch »Heil Dir im Siegerkranz« auf einer Ziehharmonika ziemlich geläufig gespielt hatte, zeichnete er zum Schluss seiner Vorstellung auf einem Quartblatt Schreibpapier mit Bleistift und colorirte mit Tuschfarben ein Blumen-Bouquet, unter das er dann mit Tinte: »Mit den Füssen gezeichnet und geschrieben von Gottfried Dietze« schrieb und das den Zuschauern gegen einen Obolus à discrétion offerirt wurde, der in seine Privat-Schatulle floss.
In der Bude aber hing das handschriftliche Gutachten eines der bedeutendsten Aerzte jener Zeit, das ich jedoch nicht mehr dem Wortlaute, sondern mir dem Sinne nach noch wiederzugeben vermag. Von dem Arzte nämlich über etwaige Unregelmässigkeiten im Verlaufe der Schwangerschaft befragt, habe die Mutter erklärt: Sie habe sich »_versehen_«. Ein Italiener sei eines Tages mit einem Brett voll Gipsfiguren auf dem Kopfe in den Hof gekommen und habe sie feilgeboten und darunter sei auch eine Figur _ohne Arme_ gewesen. (Wahrscheinlich die armlose Venus von Milo, die im Louvre zu Paris aufgestellt ist, von der sich Gips-Nachbildungen in den natürlichen Dimensionen in fast allen Antiken-Sammlungen befinden und die früher auch in einer Höhe von ca. 18-20 Zoll von italienischen Gipsfiguren-Händlern mit Vorliebe geführt wurde.) Ueber diese Figur sei sie so furchtbar erschrocken, dass eiskalte Fieberschauer ihren ganzen Körper plötzlich durchschüttelt hätten, dass sie einer Ohnmacht nahe gewesen sei und dass sie sich des unangenehmen Eindruckes noch wochenlang nachher nicht habe erwehren können.
An diese Mittheilung knüpfte der Arzt dann folgende Reflexion: »Wenngleich das sog. »Versehen« bei Schwangeren eine unbestreitbare Thatsache ist, so steht die Wissenschaft hier doch einem noch endgültig zu lösenden Problem gegenüber. Indessen dürfte der natürliche Verlauf doch wohl folgender sein: Da der Körper des Kindes sich im Mutterleibe nicht in allen seinen Theilen zugleich, sondern ein Theil nach dem andern sich ausbildet -- beide Arme und beide Beine bilden sich zwar zugleich, doch zu verschiedenen Zeiten aus --, so wird infolge des sog. »Versehens«, also eines grossen Schreckes, oder sonst einer ähnlichen anderen heftigen Gemüthserschütterung der gerade in der Entwickelung begriffene Körpertheil plötzlich gestört, die Entwickelung an dieser Stelle hört auf, die noch nicht vollständig ausgebildeten Körpertheile bleiben unvollkommen und der natürliche Entwickelungs-Process überträgt sich auf die nächsten in der Reihenfolge stehenden Körpertheile, die sich dann nicht selten in höherem Maasse entwickeln, wie es unter normalen Verhältnissen event. der Fall gewesen sein würde. Und dieser Fall liegt auch wohl bei Gottfried Dietze vor, bei dem wir somit mit einer »_freiwilligen Amputation im Mutterleibe_« zu rechnen haben«. Soweit das Urtheil des Arztes! --
Dass es Missbildungen derart zu allen Zeiten und in allen Ländern gegeben hat, ist eine unumstössliche Thatsache, denn der species facti finden sich eine ziemliche Anzahl in seltenen alten gedruckten und handschriftlichen Convoluten vor, die meist den Charakter litterarischer Curiositäten tragen, und die, da sie theils nur in öffentlichen Bibliotheken, theils nur in Privathänden sich befinden, nicht »Jedermänniglich« zugängig waren und sind. _Mehr durch Zufall_, wie durch Quellenstudien im eigentlichen Sinne des Wortes, die dem seltenen und zerstreuten Material gegenüber fast ausgeschlossen sind, wurden sie ans Tageslicht gefördert, und in dem vorliegenden Werke übergebe ich sie, soweit sie zu erlangen waren, gesammelt der Oeffentlichkeit, da sie immerhin wenigstens einiges Interesse beanspruchen dürften. --
D. Valentini veröffentlicht im 3. Theile seiner »Schau Bühne frembder Naturalien: Sodann Rüst- und Zeug-Hauss der Natur, Oder Musei Museorum« Nachrichten über Fusskünstler, die durch einen Kupferstich illustrirt sind, der als Original zu dem beifolgenden Cliché diente und der dem »curiosen Leser« das Portrait eines recht wunderseltzamen
_Barbierers ohne Händ und Füsse_
zeiget, welcher sich und seine Künste im Jahre 1711 zu Giessen umb ein gewiss Stück Geld sehen liesse, wie er alles selbsten in beifolgendem Zettul beschrieben hat:
»Mit Bewilligung der Gnädigen und Hochgebietenden Obrigkeit wird bekannt gemacht, dass allhier aus frembden Landen angekommen eine ohne Händ und Füsse gebohrne Person, welche ihre Exercitia vor vielen hohen Potentaten präsentiret hat.
1. Schneidet er eine Feder ohne Händ und Füsse, in solcher Geschwindigkeit, dass keiner mit 2 Händen besser kan.
2. Schreibt er mit der Feder, die er geschnitten, so künstlich, dass niemand auff der Welt seines gleichen gesehen hat: Schreibt vielerley Schrifft, die Buchstaben zu unterst, oberst, verkehrt und recht, als wann es gedruckt wäre, so, dass kein Mensch erkennen kan, ob es gedruckt, oder geschrieben ist, woran er sich berühmt an alle Liebhaber, und wil hundert gegen eins setzen, so jemand in diesem umliegenden Land kan gefunden werden, der seines gleichen ist, und mit der Feder machen kan, was er macht.
3. Zeichnet er mit der Feder, die er geschnitten hat, eine Person nach dem Leben ab, Wappen und andere Bilder, wie auch Laubwerk, so curieus, dass desgleichen noch nicht gesehen worden.
4. Präsentiret er ein curieus Stück mit Geld.
5. Steckt er einen Faden so geschwind durch die Nadel, dass es keiner mit Händen nachthun kan.
6. Nimmt er eine Karte, mengt sie, und gibt sie in Geschwindigkeit aus.
7. Er spielet mit Würfeln.
8. Er spielet auff dem Hackbret -- das Cymbal der Zigeuner -- allerhand curieuse Stücke ohne Händ und Füsse, dass es kein Musicant verbessern kan.
9. Er spielt auch etliche Stücke aus der Taschen (-- macht Taschenspielerkunststücke --) welche so curieus zu sehen sind, dass dergleichen Taschenspieler noch niemahls ist gesehen worden, dieweil es ohne Händ viel eine grössere Kunst ist als mit Händen, und versichert alle, dass sie ein Vergnügen daran haben werden.
10. Er kegelt sehr künstlich auff vielerley Manier, dass es ihm keiner nachthun kan.
11. Er kan eine Flinte laden und loss schiessen.
12. Er barbieret sich auch selber, alle Woche zweymahl, Mitwochen und Sonnabend: die solches verlangen zu sehen, die können in sein Logiment kommen.
13. Er schneidet auch curieuse Sachen von Holtz, und setzet solche in gläserne Flaschen so wunderbahrlich, dass man es von keinem mit Händen curieuser sehen kan«.
Die Federn, so er schnitte, gab er den Zuschauern zur Rarität auffzuheben, nachdem er damit zuvor diese Wort auff kleine Zettul geschrieben:
Ich Thomas hab diese Feder geschnitten, und dieses damit geschrieben, also gebohren ohne Hände und Füsse«. --
In directem Anschluss an diesen ausführlichen Bericht bringt das Werk noch folgende Notizen:
»Sonsten hat der berühmte Dänische Medicus Olaus Wormius in seiner »Kunstkammer oder Museo« (Wormii Museum seu historia rerum rariorum etc. 1655) pag. 387 noch einige andere Zettuln, welche von dergleichen Krüppeln geschrieben, nämlich einen von Joh. Kuhn, welcher an jeder Hand nur einen Finger hatte. Er schrieb den ganzen Kathechismus in deutscher Sprache auf Pergament und den Liebhabern folgende Zettul gar deutlich und leserlich:
Johann Kuhn werd ich genanndt, Hab nur ein Finger an jeder Hand.
Und noch einen andern von einer Englischen Frau ohne Arm, welche mit dem Munde ihren Namen also schreiben konte:
ELISABETH SIMSON Anno 1620.
Dergleichen Weibsperson auch vor sechsundzwanzig Jahr (1688) zu Strassburg im Hospital, welche keine Hände hate, und mit den Füssen ihren und der Zuseher Nahmen in die Schnupptücher, so man ihr darreichte, nähen konte«. --
Vorerwähnter Thomas hatte aber einen ebenbürtigen Rivalen; denn im Jahre 1712 liess sich in Breslau ein dreissigjähriger verheiratheter Rumpfkünstler Namens Mathias Buchinger sehen. Ein alter Chronist beschreibt ihn als »völlig von Gesicht und Leibe, munter von Gemüthe, spasshaft, doch auch ernsthaft, und sagte man, er habe sein Weib manchmal derbe ausgeschlagen«. Auf seinen Oberschenkeln, die zur Hälfte erhalten waren -- die Arme fehlten gänzlich -- bewegte er sich vorwärts und verrichtete mit ihnen wunderbare Dinge: Er schnitt Federn (Gänsefedern) mit grosser Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, schrieb mit diesen schön und schnell »gleich und verkehrt, mit Zügen, Fractur, Kantzeley und Cursiv«. Auch zeichnete er mit grosser Behendigkeit und Accuratesse die verschiedensten Gegenstände. Ferner fädelte er einen Faden mit solcher Schnelligkeit ein, dass ihm Niemand darin mit den Händen gleichkommen konnte. Er mischte und spielte Karten mit grösster Vollkommenheit, spielte mit Würfeln, auf dem Schachbrett, Kegel u. s. w. Er lud ein Gewehr und schoss es los, er barbierte sich selbst, schnitzte allerhand Kunstartikel aus Holz und setzte sie kunstreich in gläserne Flaschen ein. Als Prestidigitateur kam er jedem normal Geborenen gleich; seine Specialität war hierbei das Becherspiel, bei dem er die Muscaten (aus Kork geschnitzte Kugeln in der Grösse kleiner Muscatnüsse, die dann leicht angebrannt und durch kreisförmiges Reiben in den Händen zu runden schwarzen Kugeln geformt wurden) in einen lebenden Vogel verwandelte. Auch mit Münzen machte Buchinger verschiedene Kunststücke, die allgemein bewundert wurden. Am Schlusse seiner Production präsentirte er sein Portrait in Kupferstich, um das herum seine besten Trics abgebildet waren. (Wohl zum Verkauf.)
Minder ausführlich sind die Nachrichten über einen ungarischen Rumpfkünstler, »einen vielgereisten Mann, der ausser seiner Muttersprache noch Englisch, Holländisch, Deutsch und Französisch sprach, und in einem etwa ellenhohen Kasten stets auf dem Buckel einer andern Person transportirt wurde. Er hatte keine Beine und nur eine verkrüppelte Hand«. Seine Erscheinung wird bei seinem Auftreten in Regensburg im October 1719 folgendermassen beschrieben: »Von Gesicht und Leibe war er wohlgestaltet, hatte schwarzbraune lange Haare, und wenn er hinter dem Tische auf einem Sessel stund, so präsentirte er sich als ein sitzender wohlgewachsener Mann; von Leibe war er mager und geschmeidig. Seine Stimme war ziemlich klar (hell, hoch) und weibisch, sein _Humeur_ immer lustig, er schlug die Trommel vollendet, spielte aus der Tasche mit grosser Behendigkeit trotz einem jeden Taschenspieler«. Sein Haupttric war der Handstand auf einer Hand während mehrerer Minuten. --
In Nymwegen erschien im Jahre 1725 (so berichtete von dort Johann Hartmann Degner) ein Mann mit einem etwa neunjährigen Sohne; er kam aus dem Cölnischen und befand sich angeblich auf der ersten Tournée, um zu zeigen, wie sich sein Sohn in Ermangelung der Arme der Füsse gleich der Hände bedienen könne. Ein damals ausgegebenes Programm kündigte folgende Nummern an:
»1. Thut er stehend mit seinen Füssen den Hut ab.
2. Schreibt er mit dem Fusse eine lesbare Handschrift.
3. Thut er einen Faden durch eine Nadel.
4. Nimmt er Geld aus seiner Tasche und steckt es wieder hinein.
5. Nimmt er stehend mit seinem Munde Geld von der Erde.
6. Steckt er das Essen mit seinem Fusse in den Mund.
7. Schenkt er ein Glas Bier mit seinen Füssen ein, setzt dasselbe auf seinen Kopf und trinkt es dann aus.
8. Schlägt er die Drommel.
9. Ladet er eine Pistole und schiesst sie los«.
Nach dem alten Berichte gingen dem Knaben sämmtliche Stücke wohl von statten, »also dass es der Mühe werth war, sie zu sehen«. Dem Berichte war ein Autogramm des Knaben folgenden Inhaltes beigegeben: »Joseph Clemens Chur-Fürst unsere Antonius Maria Reuter ist mein Name«; derselbe war deutlich in Kanzleischrift abgefasst und zwar auf vorgezogenen Linien.
Ueber Reuters persönliche Verhältnisse ist nach seinen eigenen Angaben hinzuzufügen, dass der Kurfürst von Cöln sein Taufpathe war, und ihn bis zu seinem (des Kurfürsten) Tode unterhielt. Nun aber mussten Vater und Sohn als arme Vaganten sich ihr Brot suchen; indessen hatten sie auf dem Wege von Cöln bis Nymwegen schon so viel eingenommen, dass sie nicht nur satt zu essen hatten, sondern auch ihren arg heruntergekommenen Kleiderbestand ersetzen konnten. --
Im October des folgenden Jahres 1726 berichtete Professor Schultze aus Altdorf: »Allhier befindet sich jetzt ein Mann aus Württemberg, der eine vierundeinhalbjährige Tochter zeigt, die übrigens schön und von lebhaftem Gesichte ist, von der Natur aber statt der Arme zwei ungebildete und unvollkommene Glieder hat. Diesen Mangel der Arme und brauchbaren Hände weiss das Kind mit seinen Füssen sehr geschicklich zu compensiren. Es nimmt z. B. einen Faden zwischen den grossen und anderen Zehen und mit dem andern Fusse eine Nähnadel und bringt den Faden ganz behende durchs Nadelöhr, thut auch manchmal einige Stiche durch ein Tuch, so geschickt als man von diesem Alter verlangen kann; es isst mit den Füssen so schön und vorsichtig, als ein anderes Kind mit den Händen; nimmt einen Kamm und steckt damit die Haare zurück; setzt ein Glas auf den Kopf, trinkt ein Schälchen Thee, isst eine Suppe mit dem Löffel ohne sich zu begiessen, und all' dergleichen ohne ersichtliche Anstrengung«. In der That für eine noch nicht fünfjährige Fusskünstlerin ganz hervorragende Leistungen. --
Im sechszehnten Jahrhundert -- 1576 oder 1576 -- sah man ein Mädchen ohne Arme, das mit den Füssen strickte, nähte, Federn schnitt und speiste; doch ist ihr Name und ihre Heimath uns nicht überliefert -- 1596 producirte sich eine Fusskünstlerin Namens Magdalene Einohre, gebürtig aus dem ostfriesischen Dorfe Engerhave, gleichfalls armlos, mit einem vierzehigen Fusse, mit dem sie ihre Künste, als Essen, Trinken, Spielen etc., die sie für Geld sehen liess, verrichtete. (Ihr Bild wurde 1616 in Prag in Kupfer gestochen.) -- 1627 befand sich zu Siena ein armloses Mädchen, das Aehnliches mit den Füssen verrichtete. --
Am ausführlichsten sind aus dieser Zeit die Nachrichten über eine ohne Arme im Jahre 1612 in Stockholm geborene Schwedin Namens Magdalena Rudolphs Thuinbui, deren Name übrigens in den verschiedenen Quellen auch in verschiedenen Formen überliefert ist. (Vergl. u. a. Harsdörfer, Specul. Hist., p. 399; J. L. Güthe, Beschreibung der Stadt Meiningen, S. 280.) Sie zeigte sich in den fünfziger Jahren in Deutschland und verrichtete dort folgende Stücke mit den Füssen: Sie schloss ihren Nähkasten auf, nahm Zwirn und Nadel heraus, fädelte ein und nähte. Sie strickte, stickte, wirkte, kämmte sich, schnitt mit Messer und Scheere, gebrauchte die Füsse beim Essen, schenkte sich mit denselben ein, trank, schneuzte sich, spielte Karten, würfelte, lud eine Pistole, schoss sie ab, wickelte ihr Kind und gab ihm Nahrung. Sie führte einen Kupferstich bei sich, auf dem sie, umgeben von den Zeugnissen ihrer Kunstfertigkeiten, abgebildet war; darunter stand ihr Name und Alter und die Verse:
»Dieweil ich denn, dass Gott erbarm, Hab' weder Hand, Finger noch Arm, Und mich also behelfen muss, Mach' doch dies Alles mit meinem Fuss.«
Später, im Jahre 1679 (September), sah man eine Jungfrau aus Paderborn, die, der Hände und Füsse gänzlich beraubt, mit den Armstumpfen nähen, wirken, spinnen, schreiben und noch andere Dinge verrichten konnte. --
Doch kehren wir zu den männlichen Rumpfkünstlern zurück und betrachten wir hier zunächst deren zwei aus dem neunzehnten Jahrhundert, um dann noch einen Rückblick in das siebzehnte zu werfen.
Der eine dieser weniger bekannten Fusskünstler ist Anton Pohl aus Böhmen, der -- ohne Arme geboren -- 1803 in Deutschland reiste; er speiste und trank, er stopfte die Pfeife und zündete sie an, alles mit den Füssen; dazu wusste er sehr geschickt mit dem Bohrer umzugehen, blies die Trompete, lud Pistolen, schoss sie ab und machte die verschiedensten Kartenpiècen.
Der Andere war der im Jahre 1786 zu Markt Rentweinsdorf ohne Arme geborene Schuhmacherssohn Georg Michael Weidmann; von seinen Beinen war nur das rechte normal entwickelt, das linke indessen verkrüppelt zu einem ganz kurzen Stumpf mit einem unansehnlichen Fuss, an dem nur die drei ersten Zehen regelmässig, die zwei letzten aber zusammengewachsen waren. Dessenungeachtet war die mechanische Fertigkeit seiner Füsse, die er sich durch andauernde Uebung erworben hatte, bewundernswerth. Als er im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in Deutschland reiste, konnte er mit den Füssen, die er an Stelle der Hände gebrauchen musste, sehr gut schreiben, wozu er sich die Federn selbst schnitt; nähen, wozu er sich selbst einfädelte; sich rasiren, eine Pistole laden und losschiessen (ein, wie man sieht, bei den Rumpfkünstlern sehr beliebtes Stück), kleine Arbeiten von Holz verfertigen, kurz, mit seinen beiden Füssen fast Alles thun, was andere Menschen mit den Händen vollbringen.
Werfen wir nunmehr auch hier unseren Blick rückwärts in das siebzehnte Jahrhundert, so erzählt uns Johnston von einem Mann ohne Arme, der mit den Füssen ass, trank, Karten spielte, -- stahl --, und endlich gar Strassenräuberei trieb, wofür er in Frankreich seinen Lohn fand. -- Wir hören da weiter andeutungsweise von einem venetianischen Knaben, der Alles mit den Füssen von der Erde aufheben, der mit den Füssen den Hut abnehmen und so die Vorübergehenden grüssen konnte. (Bartholin. C. II. hist. 44.)