Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer

Chapter 28

Chapter 283,192 wordsPublic domain

Durch grüne, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom, während die majestätischen Bergriesen mit nebelumhüllten Gipfeln den Hintergrund des prächtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhäuser waren über die grüne Landschaft zerstreut, reiche Felder glänzten im reifen Korn und donnernd, kleine Wasserfälle bildend, stürzten die geschwollenen Wildbäche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde war Matschal-wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gäste erwartete. Wild und ungestüm drängten sie sich heran, Alles war ihnen neu, und gleich Menageriethieren starrten sie die weißen Leute an, die weit über das Meer hergekommen waren, um dem großen Könige von Schoa Geschenke darzubringen. Nachdem noch einige Förmlichkeiten erledigt waren, konnte die Vorstellung stattfinden.

Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des königlichen Palastes und vor ihr öffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und ohne den gewöhnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die hohen, massiven Lehmwände des Gemaches, überdeckt mit Silberzierathen, Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche von den verschiedensten Größen, Farben und Mustern deckten die Flur und Scharen von Höflingen, Beamten und hohen Würdenträgern standen, bis zum Gürtel entblößt, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen loderte ein Feuer, während in der andern auf einer geblümten Atlasottomane, umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gestützt auf hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-äthiopische Majestät Sahela Selassié hingelagert war. Der Thürhüter (zugleich Zeremonienmeister) stand mit einem Büschel Binsen in der Hand vor dem Könige, um damit die genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich der Majestät nahen durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre Verbeugungen vor dem Throne und ließ sich auf eben hereingebrachten Stühlen nieder.

Der König war mit einer grünseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen achtundzwanzig unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine dunkle Stirn leicht gefurcht und das in hohe Löckchen frisirte reiche Haar etwas ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas entstellt, war der Ausdruck seiner männlichen Gesichtszüge doch offen, angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene weit und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm selbst unter den Danakil den Beinamen der „feinen Goldwage“ eingebracht hatte.

Der Gesandte überreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt, sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und anerkannt war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach dem anderen hereingetragen und vor dem Könige und den erstaunten Blicken der Höflinge ausgebreitet wurden. Der schöne Brüsseler Teppich, der die ganze Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen gestickten indischen Schärpen erregten allgemeine Bewunderung und wurden von den Eunuchen dem König zur näheren Beschauung in den Alkoven gereicht. Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer Gruppe tanzender chinesischer Figuren, und als dann die europäische Eskorte in voller Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle aufmarschirte, sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und die Musikdosen „_God save the Queen_“ spielten, erreichte die Freude und das Erstaunen des Königs ihren Höhepunkt und er erklärte, nicht Worte finden zu können, um seine Dankbarkeit auszudrücken. Hell leuchtete dann sein Gesicht, als ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten überreicht wurden. Vor Verwunderung überfließend sagte er nur: „Euch wird Gott belohnen – ich kann es nicht.“

Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien Platze am Fuße eines Hügels wurde eine große Scheibe aufgestellt und nach dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das grüne Thal hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun der Donner erschallte, als Vollkugeln und Kartätschen die Scheibe und die Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Königs und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor.

Schöne Komplimente von Seiten des Königs, Beglückwünschungen durch die Höflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von dem Wunsche, daß „des Königs Kinder es sich wohl sein lassen möchten“, war der nächste Dank. Unerhört große Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch durch einen Besuch des königlichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein, daß er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich hätte verbergen können. In faltige Gewandung und einen Turban eingehüllt, mit dem silbernen Kreuze geschmückt, ließ sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin bestanden, seinen Nächsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und hob an folgendermaßen zu reden: „Vierzig Jahre sind verflossen, daß Asfa Wusen, der Großvater unsres geliebten Monarchen – sein Andenken ruhe in Frieden – in einem Traume sah, wie rothe Männer aus Ländern von jenseit der See gar merkwürdige und schöne Dinge in dieses Königreich brachten. Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklärten einstimmig, daß Fremdlinge aus dem Lande Aegypten während der erhabenen Regierung Seiner Majestät nach Abessinien kommen würden und daß noch mächtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels folgen würden. Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfüllung gegangen. Meine alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen Tage geschaut, und während Schoa von sieben Königen regiert wurde, sind niemals solche Mirakel in das Land gebracht worden.“

Der König verbrachte den größten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner Schätze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehäuft hatten. Jeder neue Gegenstand wurde mit der Wißbegierde eines Kindes untersucht und die königlichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein Verzeichniß all der schönen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das große Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositäten mit Inschriften versehen, auf denen für künftige Geschlechter verzeichnet stand, daß diese Schätze ein Geschenk rother Männer seien, die man „Gyptzis“ nannte und die „von ferne“ gekommen seien. Am frühen Morgen erschien ein Hofpage, um nachzufragen, wie die Gäste geruht hätten. Die Etikette erforderte zu sagen, daß sie sehr gut geruht hätten; allein leider war das Gegentheil der Fall, denn der Regen war in Strömen durch das Zeltdach gedrungen und hatte die Schläfer arg belästigt. Noch schlimmer hatten die 600 requirirten Lastträger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse, durchweichte Boden ihre Lagerstätte gewesen. Als der Morgen graute, schrieen sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen überliefert. In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und abgeledert; die Messer der wilden Menge wühlten in dem blutigen Fleische, das Streifen auf Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh verschlungen zu werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und in einer Viertelstunde war außer Hörnern, Hufen und Knochen von den Ochsen nichts mehr übrig, sodaß selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen fanden.

Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Könige statt. „Meine Kinder“, sagte Seine Majestät, „alle meine Flintenträger sollen euch begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur wünschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen Freund in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch will ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hört nicht, denn das ist schlecht.“

Froh verließ man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet, durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Bäumen, voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren düstere, cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so verstanden es auch die Abessinier, die schönsten Plätze zur Anlage von Klöstern auszuwählen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier große Festlichkeiten unterhalten.

Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem grünen Hügel erbaut, die 8200 Fuß über dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa’s. Unregelmäßig, bald groß, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen gestaltet, von grünen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die Häuser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Hügels hin. Diese Wohnungen beherbergten nach Harris’ Schätzung 12,000–15,000 Menschen. Auf dem höchsten, abgesonderten Theile des Hügels liegt der unschöne, mit vielen thönernen Schornsteinen versehene und von Palissaden umgebene Palast des Königs. An ihn schließen sich zahlreiche Hütten für die Sklaven, Küchen, Keller, Vorrathshäuser und Kornmagazine. Bäume, Büsche und zerklüftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter Wachholderbäumen das Bronzekreuz der Kirche „Unsrer lieben Frau“ hervorleuchtete.

_Anko_ war eine Königin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach dem Einfall Granje’s bevölkerte und ihren Namen dem engen gewundenen Pfade hinterließ, welcher das „_Ber_“ oder Thor zu den Vorstädten bildet. Daher bedeutet _Ankober „Thor der Anko“_. Am Abgrunde hinziehend und kaum breit genug für den Fuß des Maulthiers, kann man diesen Paß nur mit dem Gefühle der Unsicherheit passiren, und wenige Stunden würden genügen, um ihn zu verrammeln und die Stadt für jeden Feind unzugängig zu machen. Laute Jubelrufe des versammelten Volkes begrüßten die Gäste, denen nun ein sehr elendes Haus, das eher einem Heuschober als einer Wohnung für Europäer glich, als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Der Fußboden war so, wie ihn Mutter Natur geschaffen und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst vieler Arbeit, um die Hütte, über der man stolz die Flagge Großbritanniens aufzog, bewohnbar zu machen. Als man die Thüre mit einem Teppich verhangen hatte und die Nacht hereinbrach, regierte Finsterniß in dem Raume: die Lichter waren unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus den königlichen Vorräthen dargereichten, mit Wachs getränkten Dochte das einzige Beleuchtungsmaterial der Gäste. Und diese elenden Kerzen waren ein Handelsmonopol des Fürsten, gleich so vielen anderen guten Dingen. Um den Aufenthalt recht ungemüthlich zu machen, stürzten Tausende von blutdürstigen Flöhen über die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die Schönheit der Natur bewundert und vom Könige freundlich empfangen worden waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen sollten.

In der Nacht brach unter Donner, Blitz und strömendem Regen ein gewaltiger Sturm über Ankober los, der die Erde mit einer wahren Sündflut überschüttete; jeder Fluß stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden Bache und tausendfältig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als am nächsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte, entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europäer. Tief unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in den Thälern. Man stand über diesen Wasserdämpfen, aus denen nur die Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank in die Höhe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch Kleider und Mauern hindurch.

Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen muß, der in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche speziell abessinische Uebelstände. Die nothwendigsten Lebensmittel waren trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann, sich Sklaven hält; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die höchsten Preise zu miethen, und für das kleinste Geschäft mußte eine Menge kostbarer Zeit vergeudet werden, da diese selbst für die Abessinier keinerlei Werth hat. Mit der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten muhamedanischen Dienern der Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre Entlassung und kehrten durch das heiße Küstenland nach Tadschurra zurück, wobei die Hälfte von ihnen das Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen Abessinier zeichneten sich nur dadurch aus, daß sie unermeßliche Portionen rohen Fleisches (Brundo) verschlangen und alle Monate einen Tag frei verlangten, um mittels Kusso ihre Bandwurmkuren vollführen zu können. Außerdem war ein besonderer Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher alle Schritte und Tritte der Fremden ausspioniren und darüber an den Hof berichten mußte. Am gefährlichsten wurde den Gästen jedoch die Feindschaft der unduldsamen Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete und die Briten schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen und strengen Fasten nicht hielten. Der Bischof von Schoa zeigte diese Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Gerücht aus, die Engländer seien als Spione einer großen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen, welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Königreich zu erobern und den abessinischen Glauben zu zerstören.

Während alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der König in seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit Pflanzenöl und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen dessen hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die Engländer mit Sr. Majestät zusammen, so pflegte er zu sagen: „Es giebt in meinem Lande sehr schöne Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen.“ Fortwährend waren die Fremden mit allerlei Aufträgen des Königs beschäftigt: bald mußten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald Kleidungsstücke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgeführt. Auch als der König einmal unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch mußte diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in beständiger Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne Waffen zeigte und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug, fürchtete er sich doch keineswegs vor seinen Gästen, die selbst mit geladenen Flinten in seiner Nähe stehen durften, auch wenn keine Diener bei ihm waren; bei diesen Zusammenkünften ließ er Porträts zeichnen, Pläne zu Bauten entwerfen und Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine wurden mit Granatschüssen in die Luft gesprengt, siebenläufige Pistolen zuerst bei Hofe eingeführt und ihm ein großer Respekt vor den Windbüchsen eingeflößt, deren Wirkung er für das Merkwürdigste erklärte, was er all sein Lebtag gesehen hatte.

Wieder einmal waren die Engländer zum König beschieden, der mit ihnen über einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und Silberarbeiter saßen unter der Veranda der Residenz, Künstler malten Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Sättel und allerlei Kriegsgeräth wurden unter den Augen des Fürsten reparirt, Speere und Flinten gereinigt – doch alle diese Handwerker wurden vom Könige schleunig entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu können, der schließlich nicht ausgeführt wurde. So schlich der traurige Winter hin. Unterdessen begannen die Händler, welche sich durch die Ankunft der Engländer beeinträchtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei abenteuerliche Gerüchte gingen um. Die Gyptzis, so hieß es, verzehrten Schlangen, Mäuse, Spinnen und ähnliche Thiere, und wären im Begriff, durch magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente erregten gleichfalls Argwohn; doch der König hörte nicht auf diese Verdächtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreißen zu lassen, und kümmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa’s glaubten dem gegenüber im vollsten Rechte zu sein, wenn sie verkündigten, Sahela Selassié würde wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben verlieren.

Als der Winter vorüber war, brach der König nach _Debra Berhan_ auf, einer Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin folgte ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die man wieder durchzog, voller Sturzbäche, Klippen und schöner Bäume. An einem Flüßchen traf man das einzige Maschinenwerk des Königreichs – eine rohe Wassermühle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die Priester erklärten dieselbe für ein Werk des Teufels, und nachdem die Mühle drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die Teufelsmühle. (Vergl. S. 157.) Hinter derselben wurde der Weg rauher und steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zuflüsse des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fuß ragte der hohe _Mamrat_ über diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf seinem 13,000 Fuß hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort für denselben südlich von den kalten Bergen Semiéns in der Sprache der Eingeborenen fehlt. Wie verschieden ist doch das Schicksal der Gewässer, die von dieser Bergkette nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher auf die nach Ankober zu gelegene Seite fällt, wendet sich nach kurzem Laufe dem Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwüste der Aussalagune zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft der Gewässer im Westen. Dort finden viele kleine Bäche ihren Weg zur Dschumma, die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergießt, der, durch den Goldsand von Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weißen Flusse vereinigt, bei Meroë, Theben und den stattlichen Pyramiden vorüberfließt und seinen Beitrag zur Bewässerung Aegyptens oder der blauen Fluten des Mittelmeers liefert!

Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Ströme, über deren einen eine rohe Steinbrücke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers führte, folgten nun; dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein Kusso, war zu erblicken; doch sind spärliche christliche Ansiedelungen hier entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen grünen Bäumen leuchteten die weißen Gebäude von Debra Berhan hervor. „Willkommen meine Kinder, wie geht’s euch? Habt ihr eine sichere Reise gehabt?“ so lautete der Empfangsgruß, und am Abend erquickte Brot, Honigwasser und saures Bier die Gäste. Beim Schein der Lichter fand Abends Gesang und Tanz statt, und mancher hohe Beamte legte sich berauscht zur Nachtruhe nieder.

Keine andere fürstliche Residenz kann in jämmerlicherem Zustande sich befinden als Debra Berhan, „der Hügel des Ruhms“. Es besteht aus elenden Gebäuden, deren ohne Mörtel zusammengefügte Mauern einzustürzen drohen. Palissaden umgeben das Ganze und schließen den mit Rasen überzogenen Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum Aufenthalt dient. Hier hat der König eins seiner bedeutendsten _Sklavendepots_, in welchem dem Besucher ein wahres Babel von verschiedenen Sprachen entgegenklingt; auch die Gesichtszüge deuten auf verschiedene Rassen, und nur die abessinische Kleidung ist allen gemeinsam. Da geht der riesige heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen und blutunterlaufenen Augen gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark wie drei Gäule, trägt er eine ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur mit Mühe bewältigen könnten. Fünfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der König für dies ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher verhandelt wurde. Er hat hier ein ganz gemächliches Leben, vollauf zu essen und dient als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig gefunden. Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemüth noch nicht der Geist der Unabhängigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur und gekrümmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene. Schwermüthig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Bürde und denkt an die Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten Eunuchen nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie tragen schwere irdene Wasserkrüge auf dem Rücken und singen leise ein trauriges Lied, das wol von der Heimat erzählt, von Guragué. Es sind Christinnen, alles schöne, schlanke Mädchen, weit schöner als ihre Tyrannen, das rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmückt und in den langen Augenwimpern hängt eine Thräne der Wehmuth. – Hinter ihnen folgen einige bevorzugte Damen, in Staatsgewändern mit rothem Rande – sie haben längst das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft vergessen. Das sind die königlichen _Braugesellen_; silberne Knöpfe in den Ohren, zu ungeheurem Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie können plappern und schwatzen soviel sie wollen, aber über einen gewissen Raum dürfen sie nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch. Der eine traurig, der andere froh – so leben die Menschen im Sklavenraume des Königs. –