Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer
Chapter 26
Dieser Strom ist vermöge seines Charakters einer der eigenthümlichsten der ganzen Erde. Seine Quelle liegt oberhalb des Dorfes Ad Gebrai in Hamasién, dann bildet er, südlich fließend, eine Spirale, die von Gundet ab nach Westen sich wendet und in die Kolla von Serawié eintritt. Bis hierher gehörte er zu Abessinien, jetzt aber, wo er sich dem Lande der Kunama nähert, verändert er seinen Gebirgscharakter; er sucht das Niederland und heißt nun _Sona_. Hier ist er kein Waldstrom mehr und auch kein _Torrent_. Wo nämlich der Boden das Wasser nicht an der Oberfläche halten kann, wo es durchsickernd erst später auf einer festen Schicht Widerstand findet, da zeigt sich der Strom als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, welches nur zur Regenzeit überflutet wird und das ganze übrige Jahr scheinbar trocken daliegt, weil der Wasserstrom _unterirdisch_ sich fortzieht. Der Mareb nun erscheint als Mittelding zwischen Fluß und Torrent und verliert diesen Charakter erst im Unterlauf. In der Regenzeit, Juli bis September, wird er regelmäßiger Fluß; in den übrigen Monaten zeigt er sich als Torrent, aber so, daß sein Sandbett hier und da von Teichen unterbrochen wird, wo das Wasser für kurze Zeit an die Oberfläche hervortritt. In der Ebene von Takka, bei der Stadt Kassala, heißt der Fluß _Gasch_ oder Chor el Gasch. Hier, im Gebiete der Hadendoa-Araber, wird er zur Bewässerung des Landes benutzt und hat eine Menge künstlicher Stromwehren, vermittelst deren man ihn aufstaut und die Felder überschwemmt. So verliert er sich meistens, aber in Jahren, wo sehr viel Regen fällt, wird es ihm möglich, sich bis zum Atbara Bahn zu brechen, den er dann bei Gasch-Da, d. h. Mund des Gasch, erreicht.
Die Völker nun, am unmittelbaren Lauf des Stromes, unterscheiden sich von den Bogos, einem aristokratischen Volke, durch ihr ganz _demokratisches_ Wesen. „Die Natur,“ sagt Munzinger, „ist hier einförmig, kein Berg ragt empor, keine scharfe Form zeichnet sich aus, kein entschiedener Gebirgszug und keine großartige Ebene giebt dem Ganzen Charakter und Einheit; selbst der Baumwuchs ist nur mittelmäßig; Gesträuch ist vorherrschend – und so der Mensch und seine Verfassung; nichts strebt, nichts beherrscht; lose zusammengeworfene Gemeinden entbehren der staatlichen Einheit und der bürgerlichen Verschiedenheiten.“
Die _Kunama_ oder _Bazen_ und die _Barea_, welche hier wohnen, sind sich ihrer Sprache und Tradition nach durchaus nicht verwandt und dennoch stimmen ihre Rechtsbegriffe miteinander überein. Die Bazen bewohnten früher Tigrié, bis sie von den Geézvölkern hinausgedrängt wurden. Die Barea entsinnen sich nicht ihres Ursprungs, doch ist das Land der Bogos voller Zeugnisse ihrer früheren Anwesenheit. Die _Religion_ beider Völker ist ein gleichgiltiger Deismus, eine Idee von Gott, aber ohne Kultus oder christliche Reminiscenz. Wochen und Tage verlaufen ohne Festtage; religiös ist die Sorgfalt, die man auf die Gräber wendet, die aus Höhlen bestehen, in welche der Leichnam beigesetzt wird; religiös die unbegrenzte Ehrfurcht vor dem Alter, das allein regiert. Aberglauben hat das erbliche Amt des Regenmachers gestiftet, des Alfai, der allein wohnt, Regen bringt und, fehlt dieser, hingerichtet wird. Beschneidung war von jeher üblich, und der Islam hat unter ihnen große Fortschritte gemacht.
Beide Völker charakterisirt die radikale _Gleichheit der Individuen_, die Abwesenheit des Staates; so leben die Dörfer zusammen friedlich und ruhig, Verbrechen sind selten. Dem Auslande gegenüber aber fehlt der staatliche Zusammenhang, die gegenseitige Hülfe. Beiden eigenthümlich ist die Bevorzugung des Schwestersohnes, der Blut und Habe von seinem Onkel erbt mit Ausschluß der Kinder; _eine Familie in unserem Sinne existirt also nicht_, der Begriff von Vater und Sohn fehlt, dagegen hängen Neffe und mütterlicher Onkel eng zusammen. Recht sprechen die Aeltesten des Dorfes, und keine Aristokratie lehnt sich gegen die Beschlüsse der Gemeinde auf. Selbst der Fremde wird nach kurzem Aufenthalt den alten Insassen gleich.
Die Leute leben von heute auf morgen und dafür genügt der Ackerbau, den sie fleißig treiben. Grund und Boden kann bei der Ausdehnung des Landes nur wenig Werth haben, eine konsequente Viehzucht verbietet das Klima. _Blutrache_ ist natürlich überall nothwendig, wo der Staat sie nicht besorgt, doch hat sie bei den Barea und Bazen nicht den ausgebildeten Charakter, wie bei den Abessiniern. Der Mörder muß sich dem Tode durch ein mehrjähriges freiwilliges Exil entziehen, wonach er um ein geringes Blutgeld ausgesöhnt wird.
Das Land der Bazen ist reich an wildem Honig, den sie stark genießen, während die Barea sich vorzugsweise von Bier nähren. Dieser Lebensweise schreibt Munzinger es zu, daß die Bazen volle muskulöse Gestalten haben, während die Barea klein und hager sind. Die Wohnungen beider Völker sind runde, glockenförmige, bis zum Boden mit Stroh sehr zierlich bedeckte Hütten; ihre Kleidung ist der Lederschurz, der erst allmälig den eingeführten Baumwollenzeugen Platz macht. Das Haupthaar tragen sie wie alle uns schon bekannten Völker von Nordabessinien; der Bart ist meist sehr dünn. Die Nase haben sie selten sehr stumpf, oft aber, besonders bei den Barea, adlerartig gebogen. Der Mund ist groß, jedoch nicht aufgeworfen. Was die Farbe anbelangt, so findet man alle Abstufungen von Gelb bis Schwarz, doch herrscht die dunkle Farbe vor.
Die Bazen und die Barea unterscheiden sich im Temperament; die ersteren sind ruhig, gesetzt und reden leise; die letzteren sind lebhaft lärmend, schnell aufbrausend. Die Eheverhältnisse bei den Bazen scheinen sehr lose zu sein, während die Bareafrauen wegen ihrer Treue auch im Auslande berühmt sind. Beide Völker sind zu Hause sehr friedfertig, während mit dem Auslande ein ewiger Krieg geführt wird. Barea und Bazen stehen nicht in völkerrechtlicher Verbindung und heirathen selten untereinander.
Die Bazen müssen ein sehr zahlreiches Volk sein. Ihre Hauptsitze ziehen sich den großen Strömen Mareb und Takazzié nach; ersterer heißt bei ihnen Sona, letzterer Dika. Alle treiben Ackerbau mit dem Pflug und nur theilweise Viehzucht. Ihre Waffe ist die Lanze. Als Typus kann der Zither spielende „Schangalla“ vom Mareb nach Zander’s Zeichnung angesehen werden (S. 89).
Die Wohnsitze der Barea liegen im Norden der Bazen. Die Thäler, welche sie bewohnen, gehören schon dem Hochlande des Barka an, wie ihre Wasser und ihre Vegetation; die sie begleitenden Berge sind die letzten Ausläufer des Hochlandes der Bazen und werden zur Weide benutzt, Fieber sind häufig und die Regen fallen dort meist in der Nacht.
So sind die Völker beschaffen, welche die nördlichen Vorlande Abessiniens bewohnen. Aber auch im Süden, zwischen Amhara und Schoa und wieder über Schoa hinaus, treffen wir auf ein eigenes höchst interessantes Volk, das der _Galla_. Mit ihm werden wir uns im folgenden Abschnitte beschäftigen, der uns das Königreich Schoa vorführt, welches von Amhara sich seit langem unabhängig zu machen wünscht und nur zeitweilig mit ihm zusammenfiel; schon daß der Herrscher daselbst den Titel „Negus“ führt, deutet darauf hin, daß wir es hier mit einem besonderen Staate zu thun haben.
SCHOA UND DIE BRITISCHE GESANDTSCHAFT UNTER MAJOR HARRIS.
Begrenzung. – Englische Gesandtschaft unter Harris. – Tadschurra. – Zug durch die Adalwüste. – Salzsee. – Mord im Thale Gungunté. – Versammlung der Eingeborenen. – Sklavenkarawane. – Myrrhen. – Der Hawasch. – Der Grenzdistrikt. – Alio Amba, ein Marktort. – Empfang beim Könige Sahela Selassié. – Die Hauptstadt Ankober. – Debra Berhan, die Sommerresidenz. – Sklavendepot. – Truppenrevue. – Angollala. – Schlucht der Tschatscha. – Medoko, der Rebell. – Das Gallavolk. – Kriegszug gegen dasselbe. – Siegesfest. – Abschluß des Handelsvertrags. – Rückkehr.
Schoa im weiteren Sinne umfaßt den Theil der abessinischen Hochlande, welcher im Osten von der Adalwüste, im Süden vom Hawaschflusse und im Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte Nordgrenze machen muhamedanische Gallastämme aus. Im engeren Sinne versteht man darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande, nämlich die Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabiétié, Mans und Gesche. Die östliche, im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes umfaßt dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Süden, Argobba im Osten und Efra im Norden. Beide Theile sind infolge des fruchtbaren Bodens ziemlich stark bevölkert, wozu noch das gesunde Klima und eine vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schätzt die Bevölkerung mit Einschluß der im Süden unterjochten Galla auf eine Million Seelen. Quellen, Bäche, Flüsse und Seen sind zahlreich im Lande vorhanden, das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem übereinstimmt, was wir im allgemeinen über Abessinien bemerkten.
In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte _Sahela Selassié_ als Negus über Schoa. Er hatte den protestantischen Missionär Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen und von Beiden viel über Englands Macht und Größe gehört, wodurch sich in ihm der Wunsch regte, zunächst mit der Ostindischen Compagnie in ein Freundschaftsverhältniß zu treten, so daß er schon am 6. Juli 1840 einen Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschloß sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine ständige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitän _W. Cornwallis Harris_ stand, ein vorzüglicher Offizier, der sich bereits durch seine Reisen in Südafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter wurde ihm Kapitän Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth, als Maler der Deutsche Martin Bernatz, außerdem fünf andere Europäer, zwei Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und fünfzehn freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken für König Sahela Selassié versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300 Flinten befanden, verließ die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841 Bombay, besuchte zunächst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und schiffte dann nach der afrikanischen Küste hinüber, um in der Bucht von _Tadschurra_ Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen, wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und von hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Gepräge deutlich zur Schau tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der Danakil und Somalvölkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft und empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed Ibn Muhamed. Eine häßlichere Erscheinung als diesen alten, magern, schmuzigen Fürsten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er einem Jeden seine mit ekelhaften Klauen versehenen Hände und ließ sich dann zum Gespräch nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der einmal blau gewesen war, eingehüllt, trug an einem Riemen den Koran um die Schulter gebunden und war außerdem mit einem Säbel gegen seine leiblichen und mit Amuleten gegen seine überirdischen Feinde versehen. Sein braunes, durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und war von einem weißen Bart umrahmt. Von ihm wurde zunächst die Erlaubniß erlangt, nach Schoa vordringen zu dürfen, eine Erlaubniß, die gegenüber den Kanonen der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert werden konnte.
Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Händen der Türken, nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine selbständige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der gegenüberliegenden arabischen Küste abhängig ist. Fanatische Muhamedaner, meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als Sklavenmarkt einige Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der Umgegend; jedermann ist Krämer oder Händler und wird mit der Zeit durch den Sklavenhandel wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit Südabessinien statt, wohin jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische und arabische Manufakturen, Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und namentlich viel Salz werden dort gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige andere Erzeugnisse ausgetauscht; allein Menschen und Salz bilden die Hauptartikel. Als Werthmesser gilt auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1780, als Scheidemünze Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden können. Außerdem nimmt man im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere Flaschen, Spiegel, Knöpfe und Perlen als Scheidegeld an.
Die gewöhnliche Klage der afrikanischen Reisenden, daß bei ihren Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken der Geschenke für den König, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich aber die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte, waren schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles mühselig überwunden, war das Jahr so vorgeschritten, daß man die Wüste gerade durchreisen mußte, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und ungesunde Wind über die wasserlose Ebene von Südwesten her den Reisenden entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von _Dullul_, wo die Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte, große Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepäck zu ordnen und zu vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten, beisammen; Wasserschläuche und Maulthiere wurden für die Europäer gekauft, und mit den Gefühlen, mit denen man eine Räuberhöhle verläßt, setzte sich der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Rücken zu kehren, dessen Bewohner Harris die abscheulichsten und niederträchtigsten Menschen nennt, welche die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder Karawanenführer fungirte Isaak, ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der sich aber keineswegs als zuverlässiger und tüchtiger Mann bewies. Der Zug ging anfangs längs dem Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene und wilde Gebirge, welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der gähnende _Paß der Isa_ war zunächst zu durchschreiten, welcher seinen Namen von dem räuberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in seinen Tiefen manchen Mord ausführten. Ein Zickzackriß, hervorgebracht durch die plutonischen Aeußerungen des Erdinnern, windet sich hier gleich einem mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde. Ungeheure schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen senkrecht zu beiden Seiten wie Mauern in die Höhe, bei deren Bau die Cyklopen thätig waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in wolkenloser heller Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton außer den Zurufen der Kameeltreiber war zu hören; schauerliches Dunkel lag auf dem Abgrund und nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den Zug begleiteten, glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes – geisterhaft bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen Gemüthern, und erst als die Frühlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen vergoldeten, wich die Pein von den bangen Gemüthern.
Weiter ging der Zug durch einsame Thäler, deren Boden mit zertrümmertem basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und Spalten die Gewalt der vulkanischen Kräfte bezeugten, welche hier einst sich äußerten. Dann kam man zum _Assalsee_, dessen Ufer eine tänzelnde Fata Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phänomen war keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen Meilen Länge war zur Hälfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern Hälfte mit einer blendendweißen, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umgürteten hohe, brennendheiße Berge dieses Seebecken, während auf der vierten Lavatrümmer und tiefe Schlünde sich hinzogen. Alles Pflanzen- und Thierlebens beraubt, war die Erscheinung dieser Wildniß von Land und stagnirendem Wasser, über dem ein dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu geeignet, das Gemüth niederzudrücken. Nicht ein Laut tönte an das Ohr, keine Welle spielte auf der Wasserfläche, nur die brennendheiße Sonne setzte am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort und sandte glühende Strahlen auf das todte vulkanische Land hernieder, über dem kein kühlendes Lüftchen wehte.
In diesem höllischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken, während das Thermometer selbst im Schatten der Mäntel und Schirme eine Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad Réaumur zeigte! Fünfhundert und siebzig Fuß liegt das Becken des Assalsees unter dem Spiegel des Meeres; kein Lüftchen weht dort, kein Obdach ist zu entdecken, nur der weiße Widerschein der Salzkruste blendet das Auge. Die lechzende Zunge hängt am Gaumen und empfängt keinerlei Labung von dem warmen Wasser, das die Schläuche darbieten, jeder Schritt vorwärts ermüdet Mensch und Thier noch mehr und zwölf lange Stunden dauert die Reise durch das Seebecken – sie müssen zurückgelegt werden, wenn nicht der Tod über den Wanderer kommen soll.
In einer Bucht des Sees waren Salzgräber damit beschäftigt, ihre Kameele für die Märkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die Ausbeutung dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren jedem andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Säcke aus Dattelpalmblättern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien gebracht.
Nachdem die traurige Einöde am Assal durchzogen war, überstieg man einen aus Gyps bestehenden Hügelzug und gelangte in ein Thal, in dem man sich in eine ganz andere Welt versetzt fühlte. Allerdings fehlte hier noch Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser ließ diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten die ermüdeten Wanderer unter überhängenden Basaltklippen aus, die ihnen Schatten spendeten. Hier am Flüßchen _Gungunté_ endigte der erste Abschnitt der Wüstenreise. Der Zug durch die Einöde ist im Stande, die Gesundheit des kräftigsten Europäers zu untergraben; von der herrschenden Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hört, daß 50 Pfund gut verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunté so vollständig aus der sie bergenden Büchse herausgeschmolzen waren, daß sich in derselben schließlich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die Danakil, welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die brennendheiße Lava dieser Tehama-Wüste gewohnt sind, bezeichnen die Gegend am Assal-Salzsee nur als „Feuer“.
Jetzt nahten andere Gefahren, denn man war in dem Gebiete der über alle Begriffe nichtswürdigen, mörderischen und räuberischen Stämme der Isa und Mudaïto, deren ganzes Sinnen nur auf Mord und Plünderung geht. So vorsichtig man auch das Nachtlager im Thale Gungunté eingerichtet hatte, ein _Mord_ durch jene Scheusale in Menschengestalt konnte nicht verhindert werden. Eine Stunde vor Mitternacht stellte sich plötzlich ein heftiger Wüstenwind ein, der Alles mit Sand und Staub überdeckte. Einige schwere Regentropfen fielen, dann aber war wieder Alles still. Diese Ruhe sollte jedoch nicht lange anhalten. Ein wilder Schrei ertönte vom äußersten Ende des Lagers her, panischer Schrecken ergriff die gesammte Mannschaft und in wilder Flucht stürzten die Männer, die sonst keine Furcht kannten, durch das Thal nach der Stelle hin, wo die Gesandten schliefen. Nur mit Mühe gelang es, alle zu sammeln und dann nach der Ursache des Schreckens zu forschen. Ein trauriger Anblick bot sich nun den Suchenden dar. Ein Sergeant und ein Korporal von der indischen Armee, welche die Expedition begleiteten, wälzten sich in Todeszuckungen in ihrem Blute. Dem einen war die Halspulsader durchschnitten, dem anderen ein Stich in das Herz versetzt worden, während nicht fern von ihnen ein Portugiese lag, der eine fürchterliche Wunde quer über den Leib hatte, sodaß die Eingeweide hervorquollen. Im Augenblick als der Alarm entstanden war, hatte man im hellen Mondlichte zwei dunkle Gestalten an den das Thal einschließenden Bergen in die Höhe klimmen und verschwinden sehen; trotz der Verfolgung konnte man ihrer nicht mehr habhaft werden. Wahrscheinlich waren dieses Isa-Somal, die das satanische Verbrechen aus reiner Mordlust begangen hatten. Denn jedes Schlachtopfer, das wachend oder schlafend in die Hände dieser Teufel in Menschengestalt fällt, giebt diesen das Recht, als Ehrenzeichen eine weiße Straußenfeder in den fettigen schwarzen Haaren, einen Kupferring am Arm und einen neuen Silberknopf am Heft des Säbelmessers zu tragen. Jeder Mord ruft nach dem Gesetze der Blutrache wieder einen Mord hervor, und so nimmt das Blutvergießen unter den Stämmen der Danakil und Somal kein Ende.
Am nächsten Morgen bestattete man unter Gebet und Flintensalven die Opfer dieses schändlichen Mordes und zog dann auf der gefährlichen Straße weiter. Drei Jahre lang war schon dieser Weg von Abessinien nach der Seeküste durch solche Schurken förmlich geschlossen, die jeden Durchziehenden kaltblütig abschlachteten, bis der junge Häuptling der Debeni die Banditen ausrottete und die Straße wieder öffnete; jedoch ist es nicht zu verhindern, daß einzelne Gegenden immer noch unsicher bleiben. Viele Leute, welche die Karawane begleiteten, zeigten an ihrem Körper Spuren großer, von den Wegelagerern empfangener Wunden.
Von nun an befestigte man das Lager des Nachts und stellte zahlreiche Posten aus, die alle Herannahenden zurückweisen mußten. Im Thale Alluli schien man den vorhergehenden Stationen gegenüber in ein Paradies gelangt zu sein, denn hier traf man Bäume, Gazellen, Tauben und Ziegenhirten. Die ersten menschlichen Wohnungen fand man jedoch erst weiter südwestlich in Suggadera, das zum Lande der Debeni-Danakil gehört. Diese Leute sind Hirtennomaden, die von Palmwein und der Milch ihrer zahlreichen Ziegen- und Schafherden leben oder Kameele züchten und mit diesen Salz vom Assalsee nach Aussa, der Stadt der Mudaïto, führen. Große Architekten sind sie freilich nicht, aber die auf einer Basis von unbehauenen Steinen aus Dattelpalmblättern erbauten Hütten erfreuten dennoch das Auge der Wanderer als die ersten Wohnstätten, die sie seit ihrer Abreise sahen.
Wegen der großen Hitze zog man in der Nacht weiter, immer über schwarze Lavafelder oder gelbe Sandflächen – ein trauriger Anblick, der noch melancholischer durch die vielen zerstreuten Steinhügel wird, die über den kaltblütig ermordeten Opfern der Isa von den Vorüberziehenden aufgethürmt werden. Tamarisken, Kappersträuche und anderes mit Schmarotzerpflanzen überzogenes Gestrüpp, in dem Vögel nisteten, unterbrach hier und da die Einöde; auch Strauße ließen sich sehen; dann kamen Grasflächen, Wasserplätze, Herden und Hirten, darauf Lavafelder, Bergzüge, ausgetrocknete Thäler, Herden wilder Esel (_Equus Onager_), Schwefelquellen als Zeugen der vulkanischen Thätigkeit des Bodens.